Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Übers Atmen. Gedichte der slo­wa­ki­schen Autorin Kata­riná Kuc­be­lová

In sich hin­ein­spüren und sich selbst beob­achten. So könnte ein Schreib­im­puls der slo­wa­ki­schen Lyri­kerin Kata­riná Kuc­be­lová lauten. Ihre Gedichte sind ein feines Erspüren des eigenen Kör­pers. Der Atem ist dabei das zen­trale Motiv einer Reihe lyri­scher Texte, die sie in einem Band mit dem sinn­fäl­ligen Titel „Šport“ 2006 bei „ars poe­tica“ ver­öf­fent­lichte. Jener Atem (dych) taucht darin in unter­schied­li­cher seman­ti­scher Gestalt auf: Als nomi­nale Ablei­tung „vzdych“, als flek­tierte Verb­form „vydu­chujú“ oder als künst­li­cher Infi­nitiv „nen­a­dychnut’“. Sie umkreist den Begriff mit Vor- und Nach­silben, schiebt ihn ihrer Sprache unter und spinnt ihn hinein. Man kann den Atem anhalten, etwas oder jemandem Leben ein­hau­chen oder seinen letzten Atemzug tun. All das geläu­fige For­mu­lie­rungen, welche die Autorin auf­greift und zum sprach­li­chen Aus­gangs­punkt ihrer Verse macht. Der Atem, Anfang und Ende allen Lebens, wird bei Kuc­be­lová Exis­tenz­chiffre und Geschwin­dig­keits­an­zeiger: „Meriam dychom“ich messe mit­tels Atem heißt ein Gedicht. Zur Wahr­neh­mung des Atems gehört die Stille, die ein wei­teres Motiv bei ihr dar­stellt. „stille als nicht zu bemes­sender wert / wenn wir damit / die abwe­sen­heit / von geräu­schen und bil­dern bezeichnen“. „an den grenzen kör­per­li­cher belas­tung / stille / ich warte im vakuum / warte atemlos / hinter jeder grenze / unend­li­cher raum“ heißt es in „stačí sa nen­a­dýchnuť“ – nicht atmen genügt. Das lyri­sche Ich strau­chelt durch die Zeilen, skiz­ziert die Zer­brech­lich­keit des Kör­pers und beschreibt die eigene Rast­lo­sig­keit: „ich kann nicht anhalten / nur bleiben“. Der Atem spaltet sich ab, nimmt Gestalt an, als käme er von außen „die atem­züge sind seichter / es atmet in mich hinein“, was ein­leuchtet, wenn man die­ety­mo­lo­gi­sche Nähe zum Wort „duch“ (Geist) mit­denkt. Mit „zeit“, „raum“ und „tod“ belädt Kuc­be­lová ihr Vers­schiff mit schwerer Fracht und gibt sich ihrer kan­tigen Sprache hin. Der Blick der Dich­terin nach Innen erscheint als andere Welt­erfah­rung, der Umweg der Intro­spek­tion zeigt einen  mög­liche Pfad aus dem all­täg­li­chen Gewimmel der vir­tu­ellen und urbanen Netze.

 

Kata­riná Kuc­be­lová, geboren 1979 in Banská Bystricá SK, debü­tierte 2003 mit dem Gedicht­band Duály, erschienen beim Verlag Drewo a Srd. Sie stu­dierte Dra­ma­turgie und ist als Ver­an­stal­terin von Lite­ra­tur­fes­ti­vals tätig.

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