Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Frau­en­fi­guren im Zen­trum der Peripherie

Zwei Filme über Frauen in kom­pli­zierten Lebens­si­tua­tionen – beide mit den Frau­en­namen als Titel – waren in diesem Jahr Preis­träger beim Film­Fes­tival Cottbus. So unter­schied­lich das Schicksal von „Ajka“ und „Irina“ auch sein mag: Beide sind Gefan­gene (an) der Peripherie.

 

An der Peripherie

In Sergej Dvor­ce­vojs neuem Spiel­film Ajka, dem Haupt­preis­trä­ger­film des Film­Fes­tival Cottbus, kommt die titel­ge­bende Prot­ago­nistin – dar­ge­stellt von der beein­dru­ckenden Samal Esl­ja­mova – wie tau­sende andere Migrant_innen aus Zen­tral­asien wegen bes­serer Ver­dienst­mög­lich­keiten in die rus­si­sche Haupt­stadt. Rechtlos an den Rand der Gesell­schaft gedrängt, ver­richtet sie jene Arbeit, die kaum ein anderer machen will. Es ist eine par­al­lele Rea­lität, die an den Rän­dern Mos­kaus und selbst im Zen­trum im Ver­bor­genen exis­tiert und von den Bewohner_innen der Stadt nicht wahr­ge­nommen wird. Doch Dvor­cevoj inves­tiert viel, um in seiner dichten, doku­men­ta­ri­schen Erzähl­weise das Innen­leben dieser Frau phy­sisch erlebbar zu machen. So ist die Kamera den über­wie­genden Teil des Films extrem nah an Ajkas Gesicht, um uns ihre Gefühle zu ver­mit­teln – so nah, dass es scheint, als würde sie nir­gendwo mehr hin­können, gefangen sein. Dieser Effekt wird durch die Ver­wen­dung der hek­ti­schen, bei­nahe auf­dring­li­chen Hand­ka­mera, die die Prot­ago­nistin die ganze Zeit ver­folgt, noch ver­stärkt. Ajka ist eine ewig Gejagte, die sich wider alle phy­si­schen und sozialen Umstände im Mos­kauer Dschungel durchs Leben schlägt.

 

Im Lang­film­debüt Irina von Nadežda Koseva wie­derum erhielt Schau­spie­lerin Mar­tina Apos­tolova den Preis für die beste weib­liche Haupt­dar­stel­lerin. Auch Irina lebt geo­gra­phisch und psy­chisch an der Peri­pherie, in einem kleinen Dorf in Bul­ga­rien. Das Leben ist schwer und um über die Runden zu kommen, klaut sie Essen im Café, in dem sie arbeitet. Regel­mäßig füllt sie auch Bier heim­lich aus dem Zapf­hahn in eine Plas­tik­tüte für ihren arbeits­losen Mann ab, der daheim mit dem Kind wartet. Eines Tages wird Irina jedoch wegen der Dieb­stähle ent­lassen und zu allem Über­fluss erwischt sie zu Hause ihren Mann mit ihrer Schwester in fla­granti. Der Hor­rortag ist leider noch nicht zu Ende (was auch ein wenig über die doch dras­ti­sche Dra­ma­turgie des Films erzählt): Kurze Zeit später bricht die ille­gale Koh­le­grube im Garten des Hauses über Irinas Mann zusammen und er ver­liert beide Beine. Um Geld zu ver­dienen, ist Irina in der Folge zu allem bereit: die Demü­ti­gungen ihres ehe­ma­ligen Chefs zu ertragen, als sie ihren alten Job wie­der­haben möchte; als Pro­sti­tu­ierte zu arbeiten; und schließ­lich von einer Kon­kur­rentin ver­prü­gelt zu werden. Erfolglos in ihren Ver­su­chen ein Ein­kommen zu erzielen, ent­scheidet sie sich für eine Leih­mut­ter­schaft. Vom Rand der Gesell­schaft wird sie plötz­lich in deren mit­tel­stän­di­sches Zen­trum kata­pul­tiert und bleibt doch am Rande, denn die Leih­mut­ter­schaft ist in Bul­ga­rien illegal und sie damit ohne Rechte.

 

Körper als Kapital

In einer Zeit, in der alles zur Ware geworden ist, wird auch der Körper zu einem Pro­dukt, der emo­ti­onslos dem reinen Funk­tio­nieren unter­ge­ordnet werden muss. Davon erzählen Ajka und Irina auf jeweils eigene Art. So setzt sich Ajka kurz nach der Geburt harter phy­si­scher Arbeit aus, um jene uner­reich­baren Summen Geld zu ver­dienen, die sie ihren Kre­dit­ge­bern schuldet. Irina nutzt aus dem glei­chen Grund ihren Körper und gebärt ein Kind. Wäh­rend Ajka nun ihre Kör­per­funk­tionen nach der Geburt zu unter­drü­cken ver­sucht, das Ein­schießen der Milch unter Schmerzen erst aus­blendet und sich dann leidig am Abpumpen ver­sucht, scheint Irina jeden Kon­takt zu ihrem Körper und vor allem zu ihren Gefühlen ver­loren zu haben. Wäh­rend Ajka kämpft – auch mit for­schen Mit­teln – erträgt Irina mit stumpfem Blick scheinbar alles, nur um irgendwie zu überleben.

 

Beide Filme the­ma­ti­sieren damit explizit und ein­dring­lich, wie der Körper, beson­ders der weib­liche, in der Welt des Kapi­tals auf sein Funk­tio­nieren redu­ziert wird. In Irina wird er erst zum Objekt der Sozi­al­für­sorge, nachdem er als Gebär­in­stru­ment für eine fremde Familie ein­ge­setzt wird. Gleich­zeitig ist Irina völlig unin­ter­es­siert an Selbst­für­sorge und isst mit den zukünf­tigen Eltern – als eine Art Pro­test gegen deren Über­für­sorge – fette Pommes. Ajka wie­derum will ihren kör­per­li­chen Zustand nach der Ent­bin­dung zunächst völlig igno­rieren, sie arbeitet unter Schmerzen, beutet sich aus, wird aber schließ­lich durch die Blu­tungen und den Milch­stau daran erin­nert, dass sie ein Mensch ist.

 

Hoff­nung in einer Gesell­schaft ohne Solidarität

Beide Filme zeigen eine Gesell­schaft, in der es den Men­schen nicht gelingt, Wider­stand gegen die Umstände in Form von Soli­da­rität zu leisten. In Irina wie auch in Ajka gibt es keine Schul­digen, denn jede_r ist dazu gezwungen, sich auf­grund der öko­no­mi­schen Ver­hält­nisse aus­schließ­lich um sich selbst zu küm­mern. So hat, wie Irina und ihr Mann, jede Familie im Dorf eine eigene Koh­le­grube, die kein anderer benutzen darf, wäh­rend in Ajka selbst die mit ihrer Lands­männin in einem Raum und nur durch einen dünnen Vor­hang getrennt lebenden Frauen nicht bemerken, dass mit ihr etwas nicht stimmt. In den breiten Straßen Mos­kaus, jener Peri­pherie da draußen, geht es ums nackte Überleben.

Beide Filme zeigen das Leben der Frauen aus ver­schie­denen Per­spek­tiven. Die kom­pli­zierte soziale Umge­bung der Welt der ille­galen Migrant_innen in Moskau wird in Ajka mit Hilfe des inneren Lebens der jungen Frau ver­mit­telt. Dvor­cevoj unter­sucht Ajkas Alltag auf doku­men­ta­ri­sche Art, lässt den Film sein eigenes Leben ent­wi­ckeln. Geprägt von Nah­auf­nahmen erscheinen viele Szenen impro­vi­siert, wurden jedoch – wie der Regis­seur im Gespräch erzählte – wäh­rend der sechs­jäh­rigen Arbeit am Film akri­bisch insze­niert. Um das Gefühl der Unmit­tel­bar­keit am Leben zu erhalten, über­ar­bei­tete Dvor­cevoj 80% des Dreh­buchs im Ver­lauf der Dreh­ar­beiten – teil­weise noch am Drehtag selbst. Im Gegen­satz zu Ajka ver­mit­telt sich in Irina die pre­käre Situa­tion weniger über das Gesicht der Prot­ago­nistin als viel­mehr über die Lebens­um­stände selbst: in der kärg­li­chen Aus­stat­tung des Hauses, in dem sie lebt oder des Cafés, in dem sie arbeitet, die im krassen Gegen­satz zur Stadt-Zweit­woh­nung der zukünf­tigen Eltern des Kindes stehen. Auch über Details arbeitet der Film die sozialen Unter­schiede heraus: Die Mee­res­blick-Foto­ta­pete an der Wand und die ewigen TV-Repor­tagen über tolle Urlaubs­ziele mar­kieren das Aus­ein­an­der­klaffen von Traum und Wirk­lich­keit – für die Klein­fa­milie werden auf­grund ihrer öko­no­mi­schen Situa­tion Feri­en­orte dieser Art ein fernes Uni­versum bleiben. Auch sti­lis­tisch macht sich die Enge bemerkbar: Die Kamera ist nicht son­der­lich frei beweg­lich, oft sta­tisch und zeigt die Welt in Totalen, die auch auf die Tota­lität dieses pre­kären Lebens hin­weisen. Und auf die Unmög­lich­keit, ihm zu entkommen.

Trotz der Tat­sache, dass uns beide Filme hoff­nungslos erschei­nende Lebens­si­tua­tionen zeigen, spre­chen die Regisseur_innen ihren Prot­ago­nis­tinnen am Ende doch ein wenig Mut zu. Irina kehrt nach Hause zurück, beob­achtet ihren Mann beim Spielen mit ihrem gemein­samen Kind und freut sich auf­richtig über ihre Ent­schei­dung zur Rück­kehr. Ajka wie­derum stillt, nach langer Odyssee und dem sinn­losen Ver­such, irgendwie Geld auf­zu­treiben, ihr aus der Klinik geholtes Kind in einem Trep­pen­haus. Bei­nahe sieht es so aus, als wäre sie doch nicht bereit, ihren Kampf gegen die Umstände aufzugeben.

 

Dvor­cevoj, Sergej: Ajka. Russ­land, 2018, 100 Min.

Koseva, Nadežda: Irina. Bul­ga­rien, 2018, 96 Min.