Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

All das, was sich nicht bezahlt macht: kor­por­acja ha!art

„All das, was sich nicht bezahlt macht“ – so lautet selbst­iro­nisch das Motto der kor­por­acja ha!art in Krakau. Es han­delt sich um eine unab­hän­gige Nicht-Regie­rungs­or­ga­ni­sa­tion junger Leute zwi­schen 20 und 35, die sich mit zeit­ge­nös­si­scher Lite­ratur und Kunst, aber auch mit poli­ti­schen und sozialen Themen befassen, die sich ein­mi­schen, die kri­tisch hin­ter­fragen und die die pol­ni­sche Gesell­schaft mit gestalten wollen. Im Bun­kier Sztuki (Kunst­bunker), dem Zen­trum für zeit­ge­nös­si­sche Kunst in Krakau, führen sie eine Buch­hand­lung, in der nur von ihnen aus­ge­wählte Lite­ratur ver­kauft wird. Sie betreiben einen eigenen Verlag, bringen Bücher und eine Quar­tals­zeit­schrift heraus. Sie pflegen eine Web­seite und orga­ni­sieren Fes­ti­vals, Work­shops, Aus­stel­lungen und Kon­fe­renzen. Die Themen, die sie dabei anspre­chen, wie Abtrei­bung, Homo­se­xua­lität oder reli­giöse Into­le­ranz sorgen in der pol­ni­schen Gesell­schaft oft­mals für hef­tige Kontroversen.

 

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Gegründet wurde kor­por­acja ha!art 1999 von jungen Schriftsteller(inne)n, Aktivist(inn)en, Kurator(inn)en, Künstler(inne)n und Redakteur(inn)en. Ihr Name ist eine bewusste Zweck­ent­frem­dung eines aus der freien Markt­wirt­schaft stam­menden Begriffs. Mit einer kom­mer­ziell agie­renden Kor­po­ra­tion hat sie näm­lich so gar nichts gemein. Die Leute von ha!art lehnen Ver­mark­tung und auf­wen­dige Wer­be­stra­te­gien für ihre Bücher und ihre Zeit­schrift strikt ab. Auch streben sie kei­nerlei Medi­en­auf­merk­sam­keit an und meiden das ihrer Mei­nung nach für Kultur und Gesell­schaft schäd­lichste Medium, das Fern­sehen. Den­noch hat die kor­por­acja ha!art einen gewissen Bekannt­heits­grad, sogar in Main­stream-Medien wie den Bou­le­vard­blät­tern Polens, erzielt. Über die Jahre hinweg hat sie sich einen Ruf auf­ge­baut, unpo­pu­läre Themen anzu­spre­chen, Tabus zu bre­chen, pro­vo­kant zu sein, nicht nur im künst­le­ri­schen Sinne, son­dern auch was ihre unkon­ven­tio­nelle Arbeits­weise betrifft. Mitt­ler­weile ist die kor­por­acja ha!art zu einem der wich­tigsten Orte für die junge pol­ni­sche Lite­ratur- und Kunst­szene geworden.

 

Ha!art-Magazin

Seit Beginn ihrer Ent­ste­hung bringt die kor­por­acja ha!art eine Quar­tals­zeit­schrift heraus. Ha!art heißt das Magazin und ist eine inter­dis­zi­pli­näre Zeit­schrift, in der vor­rangig neue Trends in Film und Lite­ratur sowie Sozi­al­theorie auf­ge­spürt und dis­ku­tiert werden.

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Jede Aus­gabe ist einem Haupt­thema gewidmet. In der Ver­gan­gen­heit waren das unter anderem Neue Medien, poli­ti­sche Lite­ratur, Camp, Queer, Avant-Pop, Cyber­punk, das Ver­hältnis von Lite­ratur und Internet, aber auch Kunst­bü­cher oder Kino aus Fernost. Für das Magazin schreiben vor allem linke Autor(innen), die ihre Abnei­gung gegen Kon­sum­ge­sell­schaft und Neo­li­be­ra­lis­mus­kaum ver­bergen können und wollen. Diese Anti-Hal­tung kommt nicht nur inhalt­lich, son­dern auch im Layout der Zeit­schrift zum Aus­druck. Um die übli­chen Mar­ke­ting-Prin­zi­pien auf den Kopf zu stellen, ver­än­dert das Magazin ihr Cover mit jeder Aus­gabe aufs Neue, um ein „Marken-Nicht­be­wusst­sein“ zu erzeugen.

 

Bücher

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Im Kon­trast dazu steht die ein­heit­liche Gestal­tung der Taschen­bü­cher der kor­por­acja ha!art. Die Covers der Prosa- und Poe­sie­bände werden von der Künst­lerin Anna Ostoya illus­triert und haben durchaus einen hohen Wiedererkennungswert.

Die Herausgeber(innen) und Redakteur(inn)en von kor­por­acja ha!art richten ihr Augen­merk vor allem auf die zeit­ge­nös­si­sche pol­ni­sche Lite­ratur. Das bedeutet eben nicht Lite­ratur von Czesław Miłosz oder anderen toten Dich­tern, son­dern von Autor(inn)en um die Zwanzig und Dreißig: Vor allem dieser Genera­tion und ihren Debüts bietet der Verlag ein Forum. Ha!arts Ver­öf­fent­li­chungen sind keine illus­trierten Kin­der­bü­cher, Reise- und His­to­rien­ro­mane oder Sprach­lern­bü­cher, die in den letzten Jahren den pol­ni­schen Buch­markt wei­test­ge­hend domi­nieren. Mit der Her­aus­gabe von Romanen, Gedicht­bänden, Antho­lo­gien und Essays zumeist junger Autor(inn)en hebt sich der Verlag deut­lich vom Main­stream ab. Dabei konnte der Verlag bereits einige Erfolge ver­zeichnen. Große Auf­merk­sam­keit erregte der von kor­por­acja ha!art ver­legte und in meh­rere Spra­chen über­setzte Roman Lub­iewo von Michał Wit­kowski. Aber auch Autoren wie Sła­womir Shuty mit dem Art­zine Pro­dukt polski (Pol­ni­sches Pro­dukt) oder der Slam-Poet Jaś Kapela mit seinem Gedicht­band Reklama (Reklame) wurden dank ha!art zu Stars der jungen pol­ni­schen Literaturszene.

Rudolf
Abge­sehen von ihrem Haupt­in­ter­esse an der zeit­ge­nös­si­schen pol­ni­schen Lite­ratur ver­öf­fent­licht ha!art auch ältere pol­ni­sche Schrift­steller wie Sta­nisław Czycz oder Marian Pan­kowski. Dies sind vor allem solche Autor(inn)en, die nach Mei­nung der Herausgeber(innen) vom pol­ni­schen Lite­ra­tur­be­trieb nicht genü­gend gewür­digt werden. Pan­kow­skis Roman Rudolf wurde im Jahre 2005 bei kor­por­acja ha!art neu auf­ge­legt. Das Buch erschien 1980 zum ersten Mal in Eng­land und gilt mitt­ler­weile als Kult­roman. Rudolf ist die Geschichte einer Freund­schaft zweier Figuren, die gegen­sätz­li­cher kaum sein können: Der eine ist Pole, Pro­fessor, Emi­grant und ehe­ma­liger Insasse eines Nazi-Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers, der andere ein frü­herer deut­scher Wehr­machts­soldat und Homo­se­xu­eller. Bei Erscheinen des Romans jedoch fiel das Urteil der Literaturkritiker(innen) in Polen ver­nich­tend aus. Dem Autor wurde Por­no­grafie, Bil­der­sturm und platter Skandal vorgeworfen.

 

Traktor
Kor­por­acja ha!art ver­öf­fent­licht aber nicht nur pol­ni­sche Lite­ratur. Im ha!art-Magazin wurde der jungen Lite­ratur aus der Ukraine, aus Belarus und den Län­dern des Bal­kans bereits eine eigene Sparte gewidmet. Im Jahre 2007 folgte dann die erste Über­set­zung des Buchs von Juhasia Kalada, einer der umstrit­tensten Ver­tre­te­rinnen der jungen weiß­rus­si­schen Lite­ratur. Ihr Debüt­roman Halounaja pamylka Afa­na­sija, (poln. Titel: Traktor albo błąd w sztuce, dt. Traktor oder Kunst­fehler) wurde in Belarus als der ‚lite­ra­ri­sche Skandal des Jahr­zehnts’ bezeichnet.

Neben Prosa und Lyrik werden auch nicht­fik­tio­nale Texte bei kor­por­acja ha!art ver­öf­fent­licht. Mehr oder weniger bekannte Kri­tiker und Theo­re­tiker wie Jean Baudril­lard, Graham Lawton oder Alex­andre Lacroix wurden bereits von ha!art über­setzt. Der Fokus wird dabei vor allem auf visu­elle Kunst, Politik oder expe­ri­men­telle Lite­ratur gelegt, so bei der Buch­reihe Libe­ra­tura.

 

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Hierbei han­delt es sich um ein lite­ra­ri­sches Kon­zept, bei dem ein­zelne Teile eines Werkes in freier Wahl anein­an­der­ge­reiht und gelesen werden können. Diese Lese­frei­heit ist sowohl bei Lyrik, die schon mal in Form einer Fla­schen­post auf­taucht, als auch bei Prosa zu finden, wie im Falle des 2008 bei ha!art ver­öf­fent­lichten Buches von B.S. Johnson The Unfor­tu­nates (1969, poln. Titel: Nies­zc­zęśni). Der Roman des expe­ri­men­tellen Schrift­stel­lers und Fil­me­ma­chers ist ein Klas­siker jener Lese­frei­heit und kann nun eben­falls auf Pol­nisch in belie­biger Rei­hen­folge gelesen und immer wieder neu kom­bi­niert werden. Genauso wie im eng­li­schen Ori­ginal sind die ein­zelnen Kapitel unge­bunden in einer Schachtel verpackt.

Eine wei­tere Buch­reihe der kor­por­acja ha!art ist die sog. Radi­kale Linie. Wie bei den Prosa- und Lyrik­bänden soll auch hier ein Wie­der­erken­nungs­ef­fekt erzielt werden. Die Covers der jewei­ligen Titel werden von dem Visual-Artist Janek Simon illus­triert. Ziel dieser Reihe ist es vor allem, Dis­kus­sionen über Gesell­schaft, Politik, Wirt­schaft und Kultur anzu­stoßen. Hier kommen Autor(inn)en und Mei­nungen zu Wort, die nach Ansicht von ha!art mar­gi­na­li­siert oder igno­riert werden.

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Abge­sehen von gewöhn­li­chen Büchern bringt kor­por­acja ha!art auch Audio-Bücher, Bild­bände und Hyper­text-Romane heraus.
Unter den Bild­bänden sind vor allem die Foto­alben von Mikołaj Długosz real foto und Pogoda ładna, aż żal wyjeż­dżać (Schönes Wetter, wie schade weg­zu­fahren) erwähnenswert.

Real-foto
Ers­teres ist eine Samm­lung von Fotos, die Długosz auf der pol­ni­schen Inter­net­seite Allegro.plentdeckte, die ähn­lich wie Ebay eine Auk­ti­ons­platt­form ist. Die Fotos haben keine „künst­le­ri­sche Inten­tion“ und wirken mit­unter skurril. Auf man­chen Fotos sind die Dinge im Hin­ter­grund inter­es­santer als der ange­bo­tene Artikel selbst und zeigen wohl mehr als ursprüng­lich beab­sich­tigt war. Mikołaj Długosz, von Beruf selbst Foto­graf, nennt diese Bilder bezeich­nen­der­weise „real fotos“.

 

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Der Bild­band Schönes Wetter ist eine Kol­lek­tion von 130 Ansichts­karten aus den 1970er und 1980er Jahren. Sie wurden aus den Ferien ver­schickt und prä­sen­tieren die dama­lige Son­nen­seite der Volks­re­pu­blik Polen. Die Fotos sind Ver­grö­ße­rungen der ori­gi­nalen, im Archiv auf­be­wahrten Dias der ursprüng­li­chen Post­karten. Mikołaj Długosz wählte für seinen Bild­band gerade die­je­nigen Dias aus, die nicht die Wahr­zei­chen und High­lights des Landes wie das Kra­kauer Wawelschloss oder Zako­pane im Tatra-Gebirge abbilden, son­dern Attrak­tionen, die heute 20 Jahre nach der poli­ti­schen Wende eher absurd wirken. Es sind meist Fotos von Betriebs­fe­ri­en­heimen, Bun­ga­low­sied­lungen, Frei­bä­dern oder sons­tigen Errun­gen­schaften des Sozia­lismus. Für den Foto­grafen Długosz sind Ansichts­karten ein „spe­zi­fi­sches foto­gra­fi­sches Genre“, da weniger die Land­schaft oder die Archi­tektur im Vor­der­grund stehen, viel­mehr die Men­schen die Prot­ago­nisten sind. Nicht das Sze­nario selbst, son­dern das Spiel der Akteure – auf beiden Seiten der Kamera – war nach Ansicht von Mikołaj Długosz aus­schlag­ge­bend für dieses bei ha!art rea­li­sierte Buchprojekt.

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Ins­ge­samt hat die kor­por­acja ha!art bereits mehr als 100 Titel ver­öf­fent­licht. Ihr bisher größter kom­mer­zi­eller Erfolg war Lub­iewo von Michał Wit­kowski, ein Roman über Schwule in der Volks­re­pu­blik Polen [Link zur Rezen­sion auf novinki]. Im Jahre 2008 lan­deten sie erneut einen Erfolg mit der Ver­öf­fent­li­chung des Debüt­ro­mans Kies­zon­kowy atlas kobiet (Frau­en­ta­schen­atlas) der War­schauer Akti­vistin und „radi­kalen Haus­frau“ Sylwia Chutnik. Viel­leicht wird der Roman, eine Art War­schauer Stadt­le­gende mit vier Held(inn)en, auch bald ins Deut­sche übersetzt.Einen Vor­ge­schmack auf ihr Buch findet man bereits in der siebten Aus­gabe des Ber­liner Maga­zins polen­plus.

Nomi­niert wurde Sylwia Chut­niks Debüt im Jahre 2009 für den renom­mierten pol­ni­schen Lite­ra­tur­preis NIKE. Unter den Nomi­nie­rungen findet sich ein zweites Buch der kor­por­acja ha!art: das kon­tro­vers dis­ku­tierte Utwór o matce i ojc­zyźnie (Ein Stück über Mutter und Heimat) von Bożena Keff [Link zur Rezen­sion auf novinki].

 

Events

Die kor­por­acja ha!art ist aber nicht nur Verlag, son­dern belebt die pol­ni­sche Kul­tur­szene mit Fes­ti­vals, Work­shops, Aus­stel­lungen und Kon­fe­renzen. Sie hat in Polen bisher sechs Fes­ti­vals der jungen Lite­ratur sowie meh­rere Kon­fe­renzen orga­ni­siert, z.B. zu älteren, ihrer Ansicht nach kaum wahr­ge­nom­menen Schriftsteller(inne)n wie Sta­nisław Czycz, Marian Pan­kowski und Joanna Salamon, aber auch zum Thema Lite­ratur und Neue Medien sowie über die les­bisch-schwul-bi-trans-Lite­ratur. Die Leute von ha!art unter­stützten auch Ver­an­stal­tungen wie Schreib­werk­stätten, orga­ni­sierten eine Messe mit erschwing­li­cher Kunst, ferner eine unab­hän­gige Messe von Verleger(inne)n sowie ver­schie­dene Autor(inn)entreffen in Klein­städten und Dör­fern Südpolens.

Es sind vor allem solche Aktionen, die unab­hängig von staat­li­chen Insti­tu­tionen rea­li­siert werden. Kor­por­acja ha!art will den mar­gi­na­li­sierten, oder gar unter­drückten Stimmen ein Sprach­rohr sein. Diese Mehr­stim­mig­keit und damit Mei­nungs­viel­falt för­dert – so ha!art – einen „poly­the­is­ti­schen“ (in diesem Sinne einen „Nietz­schea­ni­schen“) Blick auf Gesell­schaft und Kultur. Die Devise von ha!art könnte in dieser Hin­sicht mit einem Slogan zusam­men­ge­fasst werden: „Die Welt, die vielen Welten Unter­schlupf gewährt“.

Auf der letzten Buch­messe im Oktober 2008 in Frank­furt am Main war der Verlag mit einem eigenen Stand ver­treten. Wir dürfen gespannt sein, ob dort neue Ideen ent­wi­ckelt wurden, wei­tere Pro­jekt­partner gewonnen werden konnten und sich die Arbeit von kor­por­acja ha!art ent­gegen ihres Mottos doch bezahlt macht.

kor­por­acja ha!art im Internet: www.ha.art.pl

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