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All das, was sich nicht bezahlt macht: korporacja ha!art

Posted on 9. Juli 2009 by Stefan Freund
Selbstironisch stempeln sie so ihre zahlreichen Aktivitäten ab. Sie sind umtriebig, unkonventionell, provokant und stoßen immer wieder Diskussionen in Polen an. In der jungen polnischen Literatur- und Kunstszene sind sie zu einer festen Größe avanciert, aber auch außerhalb dieser haben sie sich einen Namen gemacht.

„All das, was sich nicht bezahlt macht“ – so lautet selbstironisch das Motto der korporacja ha!art in Krakau. Es handelt sich um eine unabhängige Nicht-Regierungsorganisation junger Leute zwischen 20 und 35, die sich mit zeitgenössischer Literatur und Kunst, aber auch mit politischen und sozialen Themen befassen, die sich einmischen, die kritisch hinterfragen und die die polnische Gesellschaft mit gestalten wollen. Im Bunkier Sztuki (Kunstbunker), dem Zentrum für zeitgenössische Kunst in Krakau, führen sie eine Buchhandlung, in der nur von ihnen ausgewählte Literatur verkauft wird. Sie betreiben einen eigenen Verlag, bringen Bücher und eine Quartalszeitschrift heraus. Sie pflegen eine Webseite und organisieren Festivals, Workshops, Ausstellungen und Konferenzen. Die Themen, die sie dabei ansprechen, wie Abtreibung, Homosexualität oder religiöse Intoleranz sorgen in der polnischen Gesellschaft oftmals für heftige Kontroversen.

 

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Gegründet wurde korporacja ha!art 1999 von jungen Schriftsteller(inne)n, Aktivist(inn)en, Kurator(inn)en, Künstler(inne)n und Redakteur(inn)en. Ihr Name ist eine bewusste Zweckentfremdung eines aus der freien Marktwirtschaft stammenden Begriffs. Mit einer kommerziell agierenden Korporation hat sie nämlich so gar nichts gemein. Die Leute von ha!art lehnen Vermarktung und aufwendige Werbestrategien für ihre Bücher und ihre Zeitschrift strikt ab. Auch streben sie keinerlei Medienaufmerksamkeit an und meiden das ihrer Meinung nach für Kultur und Gesellschaft schädlichste Medium, das Fernsehen. Dennoch hat die korporacja ha!art einen gewissen Bekanntheitsgrad, sogar in Mainstream-Medien wie den Boulevardblättern Polens, erzielt. Über die Jahre hinweg hat sie sich einen Ruf aufgebaut, unpopuläre Themen anzusprechen, Tabus zu brechen, provokant zu sein, nicht nur im künstlerischen Sinne, sondern auch was ihre unkonventionelle Arbeitsweise betrifft. Mittlerweile ist die korporacja ha!art zu einem der wichtigsten Orte für die junge polnische Literatur- und Kunstszene geworden.

 

Ha!art-Magazin

Seit Beginn ihrer Entstehung bringt die korporacja ha!art eine Quartalszeitschrift heraus. Ha!art heißt das Magazin und ist eine interdisziplinäre Zeitschrift, in der vorrangig neue Trends in Film und Literatur sowie Sozialtheorie aufgespürt und diskutiert werden.

Ha!art 23
Jede Ausgabe ist einem Hauptthema gewidmet. In der Vergangenheit waren das unter anderem Neue Medien, politische Literatur, Camp, Queer, Avant-Pop, Cyberpunk, das Verhältnis von Literatur und Internet, aber auch Kunstbücher oder Kino aus Fernost. Für das Magazin schreiben vor allem linke Autor(innen), die ihre Abneigung gegen Konsumgesellschaft und Neoliberalismuskaum verbergen können und wollen. Diese Anti-Haltung kommt nicht nur inhaltlich, sondern auch im Layout der Zeitschrift zum Ausdruck. Um die üblichen Marketing-Prinzipien auf den Kopf zu stellen, verändert das Magazin ihr Cover mit jeder Ausgabe aufs Neue, um ein „Marken-Nichtbewusstsein“ zu erzeugen.

 

Bücher

Korporacja_CollageIm Kontrast dazu steht die einheitliche Gestaltung der Taschenbücher der korporacja ha!art. Die Covers der Prosa- und Poesiebände werden von der Künstlerin Anna Ostoya illustriert und haben durchaus einen hohen Wiedererkennungswert.

Die Herausgeber(innen) und Redakteur(inn)en von korporacja ha!art richten ihr Augenmerk vor allem auf die zeitgenössische polnische Literatur. Das bedeutet eben nicht Literatur von Czesław Miłosz oder anderen toten Dichtern, sondern von Autor(inn)en um die Zwanzig und Dreißig: Vor allem dieser Generation und ihren Debüts bietet der Verlag ein Forum. Ha!arts Veröffentlichungen sind keine illustrierten Kinderbücher, Reise- und Historienromane oder Sprachlernbücher, die in den letzten Jahren den polnischen Buchmarkt weitestgehend dominieren. Mit der Herausgabe von Romanen, Gedichtbänden, Anthologien und Essays zumeist junger Autor(inn)en hebt sich der Verlag deutlich vom Mainstream ab. Dabei konnte der Verlag bereits einige Erfolge verzeichnen. Große Aufmerksamkeit erregte der von korporacja ha!art verlegte und in mehrere Sprachen übersetzte Roman Lubiewo von Michał Witkowski. Aber auch Autoren wie Sławomir Shuty mit dem Artzine Produkt polski (Polnisches Produkt) oder der Slam-Poet Jaś Kapela mit seinem Gedichtband Reklama (Reklame) wurden dank ha!art zu Stars der jungen polnischen Literaturszene.

Rudolf
Abgesehen von ihrem Hauptinteresse an der zeitgenössischen polnischen Literatur veröffentlicht ha!art auch ältere polnische Schriftsteller wie Stanisław Czycz oder Marian Pankowski. Dies sind vor allem solche Autor(inn)en, die nach Meinung der Herausgeber(innen) vom polnischen Literaturbetrieb nicht genügend gewürdigt werden. Pankowskis Roman Rudolf wurde im Jahre 2005 bei korporacja ha!art neu aufgelegt. Das Buch erschien 1980 zum ersten Mal in England und gilt mittlerweile als Kultroman. Rudolf ist die Geschichte einer Freundschaft zweier Figuren, die gegensätzlicher kaum sein können: Der eine ist Pole, Professor, Emigrant und ehemaliger Insasse eines Nazi-Konzentrationslagers, der andere ein früherer deutscher Wehrmachtssoldat und Homosexueller. Bei Erscheinen des Romans jedoch fiel das Urteil der Literaturkritiker(innen) in Polen vernichtend aus. Dem Autor wurde Pornografie, Bildersturm und platter Skandal vorgeworfen.

 

Traktor
Korporacja ha!art veröffentlicht aber nicht nur polnische Literatur. Im ha!art-Magazin wurde der jungen Literatur aus der Ukraine, aus Belarus und den Ländern des Balkans bereits eine eigene Sparte gewidmet. Im Jahre 2007 folgte dann die erste Übersetzung des Buchs von Juhasia Kalada, einer der umstrittensten Vertreterinnen der jungen weißrussischen Literatur. Ihr Debütroman Halounaja pamylka Afanasija, (poln. Titel: Traktor albo błąd w sztuce, dt. Traktor oder Kunstfehler) wurde in Belarus als der ‚literarische Skandal des Jahrzehnts’ bezeichnet.

Neben Prosa und Lyrik werden auch nichtfiktionale Texte bei korporacja ha!art veröffentlicht. Mehr oder weniger bekannte Kritiker und Theoretiker wie Jean Baudrillard, Graham Lawton oder Alexandre Lacroix wurden bereits von ha!art übersetzt. Der Fokus wird dabei vor allem auf visuelle Kunst, Politik oder experimentelle Literatur gelegt, so bei der Buchreihe Liberatura.

 

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Hierbei handelt es sich um ein literarisches Konzept, bei dem einzelne Teile eines Werkes in freier Wahl aneinandergereiht und gelesen werden können. Diese Lesefreiheit ist sowohl bei Lyrik, die schon mal in Form einer Flaschenpost auftaucht, als auch bei Prosa zu finden, wie im Falle des 2008 bei ha!art veröffentlichten Buches von B.S. Johnson The Unfortunates (1969, poln. Titel: Nieszczęśni). Der Roman des experimentellen Schriftstellers und Filmemachers ist ein Klassiker jener Lesefreiheit und kann nun ebenfalls auf Polnisch in beliebiger Reihenfolge gelesen und immer wieder neu kombiniert werden. Genauso wie im englischen Original sind die einzelnen Kapitel ungebunden in einer Schachtel verpackt.

Eine weitere Buchreihe der korporacja ha!art ist die sog. Radikale Linie. Wie bei den Prosa- und Lyrikbänden soll auch hier ein Wiedererkennungseffekt erzielt werden. Die Covers der jeweiligen Titel werden von dem Visual-Artist Janek Simon illustriert. Ziel dieser Reihe ist es vor allem, Diskussionen über Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur anzustoßen. Hier kommen Autor(inn)en und Meinungen zu Wort, die nach Ansicht von ha!art marginalisiert oder ignoriert werden.

Korporacja_Collage3Abgesehen von gewöhnlichen Büchern bringt korporacja ha!art auch Audio-Bücher, Bildbände und Hypertext-Romane heraus.
Unter den Bildbänden sind vor allem die Fotoalben von Mikołaj Długosz real foto und Pogoda ładna, aż żal wyjeżdżać (Schönes Wetter, wie schade wegzufahren) erwähnenswert.

Real-foto
Ersteres ist eine Sammlung von Fotos, die Długosz auf der polnischen Internetseite Allegro.plentdeckte, die ähnlich wie Ebay eine Auktionsplattform ist. Die Fotos haben keine „künstlerische Intention“ und wirken mitunter skurril. Auf manchen Fotos sind die Dinge im Hintergrund interessanter als der angebotene Artikel selbst und zeigen wohl mehr als ursprünglich beabsichtigt war. Mikołaj Długosz, von Beruf selbst Fotograf, nennt diese Bilder bezeichnenderweise „real fotos“.

 

Pogodna_ladna...
Der Bildband Schönes Wetter ist eine Kollektion von 130 Ansichtskarten aus den 1970er und 1980er Jahren. Sie wurden aus den Ferien verschickt und präsentieren die damalige Sonnenseite der Volksrepublik Polen. Die Fotos sind Vergrößerungen der originalen, im Archiv aufbewahrten Dias der ursprünglichen Postkarten. Mikołaj Długosz wählte für seinen Bildband gerade diejenigen Dias aus, die nicht die Wahrzeichen und Highlights des Landes wie das Krakauer Wawelschloss oder Zakopane im Tatra-Gebirge abbilden, sondern Attraktionen, die heute 20 Jahre nach der politischen Wende eher absurd wirken. Es sind meist Fotos von Betriebsferienheimen, Bungalowsiedlungen, Freibädern oder sonstigen Errungenschaften des Sozialismus. Für den Fotografen Długosz sind Ansichtskarten ein „spezifisches fotografisches Genre“, da weniger die Landschaft oder die Architektur im Vordergrund stehen, vielmehr die Menschen die Protagonisten sind. Nicht das Szenario selbst, sondern das Spiel der Akteure – auf beiden Seiten der Kamera – war nach Ansicht von Mikołaj Długosz ausschlaggebend für dieses bei ha!art realisierte Buchprojekt.

Korporacja_Collage4Insgesamt hat die korporacja ha!art bereits mehr als 100 Titel veröffentlicht. Ihr bisher größter kommerzieller Erfolg war Lubiewo von Michał Witkowski, ein Roman über Schwule in der Volksrepublik Polen . Im Jahre 2008 landeten sie erneut einen Erfolg mit der Veröffentlichung des Debütromans Kieszonkowy atlas kobiet (Frauentaschenatlas) der Warschauer Aktivistin und „radikalen Hausfrau“ Sylwia Chutnik. Vielleicht wird der Roman, eine Art Warschauer Stadtlegende mit vier Held(inn)en, auch bald ins Deutsche übersetzt.Einen Vorgeschmack auf ihr Buch findet man bereits in der siebten Ausgabe des Berliner Magazins polenplus.

Nominiert wurde Sylwia Chutniks Debüt im Jahre 2009 für den renommierten polnischen Literaturpreis NIKE. Unter den Nominierungen findet sich ein zweites Buch der korporacja ha!art: das kontrovers diskutierte Utwór o matce i ojczyźnie (Ein Stück über Mutter und Heimat) von Bożena Keff .

 

Events

Die korporacja ha!art ist aber nicht nur Verlag, sondern belebt die polnische Kulturszene mit Festivals, Workshops, Ausstellungen und Konferenzen. Sie hat in Polen bisher sechs Festivals der jungen Literatur sowie mehrere Konferenzen organisiert, z.B. zu älteren, ihrer Ansicht nach kaum wahrgenommenen Schriftsteller(inne)n wie Stanisław Czycz, Marian Pankowski und Joanna Salamon, aber auch zum Thema Literatur und Neue Medien sowie über die lesbisch-schwul-bi-trans-Literatur. Die Leute von ha!art unterstützten auch Veranstaltungen wie Schreibwerkstätten, organisierten eine Messe mit erschwinglicher Kunst, ferner eine unabhängige Messe von Verleger(inne)n sowie verschiedene Autor(inn)entreffen in Kleinstädten und Dörfern Südpolens.

Es sind vor allem solche Aktionen, die unabhängig von staatlichen Institutionen realisiert werden. Korporacja ha!art will den marginalisierten, oder gar unterdrückten Stimmen ein Sprachrohr sein. Diese Mehrstimmigkeit und damit Meinungsvielfalt fördert – so ha!art – einen „polytheistischen“ (in diesem Sinne einen „Nietzscheanischen“) Blick auf Gesellschaft und Kultur. Die Devise von ha!art könnte in dieser Hinsicht mit einem Slogan zusammengefasst werden: „Die Welt, die vielen Welten Unterschlupf gewährt“.

Auf der letzten Buchmesse im Oktober 2008 in Frankfurt am Main war der Verlag mit einem eigenen Stand vertreten. Wir dürfen gespannt sein, ob dort neue Ideen entwickelt wurden, weitere Projektpartner gewonnen werden konnten und sich die Arbeit von korporacja ha!art entgegen ihres Mottos doch bezahlt macht.

korporacja ha!art im Internet: www.ha.art.pl

All das, was sich nicht bezahlt macht: korporacja ha!art – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

All das, was sich nicht bezahlt macht: kor­por­acja ha!art

„All das, was sich nicht bezahlt macht“ – so lautet selbst­iro­nisch das Motto der kor­por­acja ha!art in Krakau. Es han­delt sich um eine unab­hän­gige Nicht-Regie­rungs­or­ga­ni­sa­tion junger Leute zwi­schen 20 und 35, die sich mit zeit­ge­nös­si­scher Lite­ratur und Kunst, aber auch mit poli­ti­schen und sozialen Themen befassen, die sich ein­mi­schen, die kri­tisch hin­ter­fragen und die die pol­ni­sche Gesell­schaft mit gestalten wollen. Im Bun­kier Sztuki (Kunst­bunker), dem Zen­trum für zeit­ge­nös­si­sche Kunst in Krakau, führen sie eine Buch­hand­lung, in der nur von ihnen aus­ge­wählte Lite­ratur ver­kauft wird. Sie betreiben einen eigenen Verlag, bringen Bücher und eine Quar­tals­zeit­schrift heraus. Sie pflegen eine Web­seite und orga­ni­sieren Fes­ti­vals, Work­shops, Aus­stel­lungen und Kon­fe­renzen. Die Themen, die sie dabei anspre­chen, wie Abtrei­bung, Homo­se­xua­lität oder reli­giöse Into­le­ranz sorgen in der pol­ni­schen Gesell­schaft oft­mals für hef­tige Kontroversen.

 

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Gegründet wurde kor­por­acja ha!art 1999 von jungen Schriftsteller(inne)n, Aktivist(inn)en, Kurator(inn)en, Künstler(inne)n und Redakteur(inn)en. Ihr Name ist eine bewusste Zweck­ent­frem­dung eines aus der freien Markt­wirt­schaft stam­menden Begriffs. Mit einer kom­mer­ziell agie­renden Kor­po­ra­tion hat sie näm­lich so gar nichts gemein. Die Leute von ha!art lehnen Ver­mark­tung und auf­wen­dige Wer­be­stra­te­gien für ihre Bücher und ihre Zeit­schrift strikt ab. Auch streben sie kei­nerlei Medi­en­auf­merk­sam­keit an und meiden das ihrer Mei­nung nach für Kultur und Gesell­schaft schäd­lichste Medium, das Fern­sehen. Den­noch hat die kor­por­acja ha!art einen gewissen Bekannt­heits­grad, sogar in Main­stream-Medien wie den Bou­le­vard­blät­tern Polens, erzielt. Über die Jahre hinweg hat sie sich einen Ruf auf­ge­baut, unpo­pu­läre Themen anzu­spre­chen, Tabus zu bre­chen, pro­vo­kant zu sein, nicht nur im künst­le­ri­schen Sinne, son­dern auch was ihre unkon­ven­tio­nelle Arbeits­weise betrifft. Mitt­ler­weile ist die kor­por­acja ha!art zu einem der wich­tigsten Orte für die junge pol­ni­sche Lite­ratur- und Kunst­szene geworden.

 

Ha!art-Magazin

Seit Beginn ihrer Ent­ste­hung bringt die kor­por­acja ha!art eine Quar­tals­zeit­schrift heraus. Ha!art heißt das Magazin und ist eine inter­dis­zi­pli­näre Zeit­schrift, in der vor­rangig neue Trends in Film und Lite­ratur sowie Sozi­al­theorie auf­ge­spürt und dis­ku­tiert werden.

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Jede Aus­gabe ist einem Haupt­thema gewidmet. In der Ver­gan­gen­heit waren das unter anderem Neue Medien, poli­ti­sche Lite­ratur, Camp, Queer, Avant-Pop, Cyber­punk, das Ver­hältnis von Lite­ratur und Internet, aber auch Kunst­bü­cher oder Kino aus Fernost. Für das Magazin schreiben vor allem linke Autor(innen), die ihre Abnei­gung gegen Kon­sum­ge­sell­schaft und Neo­li­be­ra­lis­mus­kaum ver­bergen können und wollen. Diese Anti-Hal­tung kommt nicht nur inhalt­lich, son­dern auch im Layout der Zeit­schrift zum Aus­druck. Um die übli­chen Mar­ke­ting-Prin­zi­pien auf den Kopf zu stellen, ver­än­dert das Magazin ihr Cover mit jeder Aus­gabe aufs Neue, um ein „Marken-Nicht­be­wusst­sein“ zu erzeugen.

 

Bücher

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Im Kon­trast dazu steht die ein­heit­liche Gestal­tung der Taschen­bü­cher der kor­por­acja ha!art. Die Covers der Prosa- und Poe­sie­bände werden von der Künst­lerin Anna Ostoya illus­triert und haben durchaus einen hohen Wiedererkennungswert.

Die Herausgeber(innen) und Redakteur(inn)en von kor­por­acja ha!art richten ihr Augen­merk vor allem auf die zeit­ge­nös­si­sche pol­ni­sche Lite­ratur. Das bedeutet eben nicht Lite­ratur von Czesław Miłosz oder anderen toten Dich­tern, son­dern von Autor(inn)en um die Zwanzig und Dreißig: Vor allem dieser Genera­tion und ihren Debüts bietet der Verlag ein Forum. Ha!arts Ver­öf­fent­li­chungen sind keine illus­trierten Kin­der­bü­cher, Reise- und His­to­rien­ro­mane oder Sprach­lern­bü­cher, die in den letzten Jahren den pol­ni­schen Buch­markt wei­test­ge­hend domi­nieren. Mit der Her­aus­gabe von Romanen, Gedicht­bänden, Antho­lo­gien und Essays zumeist junger Autor(inn)en hebt sich der Verlag deut­lich vom Main­stream ab. Dabei konnte der Verlag bereits einige Erfolge ver­zeichnen. Große Auf­merk­sam­keit erregte der von kor­por­acja ha!art ver­legte und in meh­rere Spra­chen über­setzte Roman Lub­iewo von Michał Wit­kowski. Aber auch Autoren wie Sła­womir Shuty mit dem Art­zine Pro­dukt polski (Pol­ni­sches Pro­dukt) oder der Slam-Poet Jaś Kapela mit seinem Gedicht­band Reklama (Reklame) wurden dank ha!art zu Stars der jungen pol­ni­schen Literaturszene.

Rudolf
Abge­sehen von ihrem Haupt­in­ter­esse an der zeit­ge­nös­si­schen pol­ni­schen Lite­ratur ver­öf­fent­licht ha!art auch ältere pol­ni­sche Schrift­steller wie Sta­nisław Czycz oder Marian Pan­kowski. Dies sind vor allem solche Autor(inn)en, die nach Mei­nung der Herausgeber(innen) vom pol­ni­schen Lite­ra­tur­be­trieb nicht genü­gend gewür­digt werden. Pan­kow­skis Roman Rudolf wurde im Jahre 2005 bei kor­por­acja ha!art neu auf­ge­legt. Das Buch erschien 1980 zum ersten Mal in Eng­land und gilt mitt­ler­weile als Kult­roman. Rudolf ist die Geschichte einer Freund­schaft zweier Figuren, die gegen­sätz­li­cher kaum sein können: Der eine ist Pole, Pro­fessor, Emi­grant und ehe­ma­liger Insasse eines Nazi-Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers, der andere ein frü­herer deut­scher Wehr­machts­soldat und Homo­se­xu­eller. Bei Erscheinen des Romans jedoch fiel das Urteil der Literaturkritiker(innen) in Polen ver­nich­tend aus. Dem Autor wurde Por­no­grafie, Bil­der­sturm und platter Skandal vorgeworfen.

 

Traktor
Kor­por­acja ha!art ver­öf­fent­licht aber nicht nur pol­ni­sche Lite­ratur. Im ha!art-Magazin wurde der jungen Lite­ratur aus der Ukraine, aus Belarus und den Län­dern des Bal­kans bereits eine eigene Sparte gewidmet. Im Jahre 2007 folgte dann die erste Über­set­zung des Buchs von Juhasia Kalada, einer der umstrit­tensten Ver­tre­te­rinnen der jungen weiß­rus­si­schen Lite­ratur. Ihr Debüt­roman Halounaja pamylka Afa­na­sija, (poln. Titel: Traktor albo błąd w sztuce, dt. Traktor oder Kunst­fehler) wurde in Belarus als der ‚lite­ra­ri­sche Skandal des Jahr­zehnts’ bezeichnet.

Neben Prosa und Lyrik werden auch nicht­fik­tio­nale Texte bei kor­por­acja ha!art ver­öf­fent­licht. Mehr oder weniger bekannte Kri­tiker und Theo­re­tiker wie Jean Baudril­lard, Graham Lawton oder Alex­andre Lacroix wurden bereits von ha!art über­setzt. Der Fokus wird dabei vor allem auf visu­elle Kunst, Politik oder expe­ri­men­telle Lite­ratur gelegt, so bei der Buch­reihe Libe­ra­tura.

 

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Hierbei han­delt es sich um ein lite­ra­ri­sches Kon­zept, bei dem ein­zelne Teile eines Werkes in freier Wahl anein­an­der­ge­reiht und gelesen werden können. Diese Lese­frei­heit ist sowohl bei Lyrik, die schon mal in Form einer Fla­schen­post auf­taucht, als auch bei Prosa zu finden, wie im Falle des 2008 bei ha!art ver­öf­fent­lichten Buches von B.S. Johnson The Unfor­tu­nates (1969, poln. Titel: Nies­zc­zęśni). Der Roman des expe­ri­men­tellen Schrift­stel­lers und Fil­me­ma­chers ist ein Klas­siker jener Lese­frei­heit und kann nun eben­falls auf Pol­nisch in belie­biger Rei­hen­folge gelesen und immer wieder neu kom­bi­niert werden. Genauso wie im eng­li­schen Ori­ginal sind die ein­zelnen Kapitel unge­bunden in einer Schachtel verpackt.

Eine wei­tere Buch­reihe der kor­por­acja ha!art ist die sog. Radi­kale Linie. Wie bei den Prosa- und Lyrik­bänden soll auch hier ein Wie­der­erken­nungs­ef­fekt erzielt werden. Die Covers der jewei­ligen Titel werden von dem Visual-Artist Janek Simon illus­triert. Ziel dieser Reihe ist es vor allem, Dis­kus­sionen über Gesell­schaft, Politik, Wirt­schaft und Kultur anzu­stoßen. Hier kommen Autor(inn)en und Mei­nungen zu Wort, die nach Ansicht von ha!art mar­gi­na­li­siert oder igno­riert werden.

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Abge­sehen von gewöhn­li­chen Büchern bringt kor­por­acja ha!art auch Audio-Bücher, Bild­bände und Hyper­text-Romane heraus.
Unter den Bild­bänden sind vor allem die Foto­alben von Mikołaj Długosz real foto und Pogoda ładna, aż żal wyjeż­dżać (Schönes Wetter, wie schade weg­zu­fahren) erwähnenswert.

Real-foto
Ers­teres ist eine Samm­lung von Fotos, die Długosz auf der pol­ni­schen Inter­net­seite Allegro.plentdeckte, die ähn­lich wie Ebay eine Auk­ti­ons­platt­form ist. Die Fotos haben keine „künst­le­ri­sche Inten­tion“ und wirken mit­unter skurril. Auf man­chen Fotos sind die Dinge im Hin­ter­grund inter­es­santer als der ange­bo­tene Artikel selbst und zeigen wohl mehr als ursprüng­lich beab­sich­tigt war. Mikołaj Długosz, von Beruf selbst Foto­graf, nennt diese Bilder bezeich­nen­der­weise „real fotos“.

 

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Der Bild­band Schönes Wetter ist eine Kol­lek­tion von 130 Ansichts­karten aus den 1970er und 1980er Jahren. Sie wurden aus den Ferien ver­schickt und prä­sen­tieren die dama­lige Son­nen­seite der Volks­re­pu­blik Polen. Die Fotos sind Ver­grö­ße­rungen der ori­gi­nalen, im Archiv auf­be­wahrten Dias der ursprüng­li­chen Post­karten. Mikołaj Długosz wählte für seinen Bild­band gerade die­je­nigen Dias aus, die nicht die Wahr­zei­chen und High­lights des Landes wie das Kra­kauer Wawelschloss oder Zako­pane im Tatra-Gebirge abbilden, son­dern Attrak­tionen, die heute 20 Jahre nach der poli­ti­schen Wende eher absurd wirken. Es sind meist Fotos von Betriebs­fe­ri­en­heimen, Bun­ga­low­sied­lungen, Frei­bä­dern oder sons­tigen Errun­gen­schaften des Sozia­lismus. Für den Foto­grafen Długosz sind Ansichts­karten ein „spe­zi­fi­sches foto­gra­fi­sches Genre“, da weniger die Land­schaft oder die Archi­tektur im Vor­der­grund stehen, viel­mehr die Men­schen die Prot­ago­nisten sind. Nicht das Sze­nario selbst, son­dern das Spiel der Akteure – auf beiden Seiten der Kamera – war nach Ansicht von Mikołaj Długosz aus­schlag­ge­bend für dieses bei ha!art rea­li­sierte Buchprojekt.

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Ins­ge­samt hat die kor­por­acja ha!art bereits mehr als 100 Titel ver­öf­fent­licht. Ihr bisher größter kom­mer­zi­eller Erfolg war Lub­iewo von Michał Wit­kowski, ein Roman über Schwule in der Volks­re­pu­blik Polen [Link zur Rezen­sion auf novinki]. Im Jahre 2008 lan­deten sie erneut einen Erfolg mit der Ver­öf­fent­li­chung des Debüt­ro­mans Kies­zon­kowy atlas kobiet (Frau­en­ta­schen­atlas) der War­schauer Akti­vistin und „radi­kalen Haus­frau“ Sylwia Chutnik. Viel­leicht wird der Roman, eine Art War­schauer Stadt­le­gende mit vier Held(inn)en, auch bald ins Deut­sche übersetzt.Einen Vor­ge­schmack auf ihr Buch findet man bereits in der siebten Aus­gabe des Ber­liner Maga­zins polen­plus.

Nomi­niert wurde Sylwia Chut­niks Debüt im Jahre 2009 für den renom­mierten pol­ni­schen Lite­ra­tur­preis NIKE. Unter den Nomi­nie­rungen findet sich ein zweites Buch der kor­por­acja ha!art: das kon­tro­vers dis­ku­tierte Utwór o matce i ojc­zyźnie (Ein Stück über Mutter und Heimat) von Bożena Keff [Link zur Rezen­sion auf novinki].

 

Events

Die kor­por­acja ha!art ist aber nicht nur Verlag, son­dern belebt die pol­ni­sche Kul­tur­szene mit Fes­ti­vals, Work­shops, Aus­stel­lungen und Kon­fe­renzen. Sie hat in Polen bisher sechs Fes­ti­vals der jungen Lite­ratur sowie meh­rere Kon­fe­renzen orga­ni­siert, z.B. zu älteren, ihrer Ansicht nach kaum wahr­ge­nom­menen Schriftsteller(inne)n wie Sta­nisław Czycz, Marian Pan­kowski und Joanna Salamon, aber auch zum Thema Lite­ratur und Neue Medien sowie über die les­bisch-schwul-bi-trans-Lite­ratur. Die Leute von ha!art unter­stützten auch Ver­an­stal­tungen wie Schreib­werk­stätten, orga­ni­sierten eine Messe mit erschwing­li­cher Kunst, ferner eine unab­hän­gige Messe von Verleger(inne)n sowie ver­schie­dene Autor(inn)entreffen in Klein­städten und Dör­fern Südpolens.

Es sind vor allem solche Aktionen, die unab­hängig von staat­li­chen Insti­tu­tionen rea­li­siert werden. Kor­por­acja ha!art will den mar­gi­na­li­sierten, oder gar unter­drückten Stimmen ein Sprach­rohr sein. Diese Mehr­stim­mig­keit und damit Mei­nungs­viel­falt för­dert – so ha!art – einen „poly­the­is­ti­schen“ (in diesem Sinne einen „Nietz­schea­ni­schen“) Blick auf Gesell­schaft und Kultur. Die Devise von ha!art könnte in dieser Hin­sicht mit einem Slogan zusam­men­ge­fasst werden: „Die Welt, die vielen Welten Unter­schlupf gewährt“.

Auf der letzten Buch­messe im Oktober 2008 in Frank­furt am Main war der Verlag mit einem eigenen Stand ver­treten. Wir dürfen gespannt sein, ob dort neue Ideen ent­wi­ckelt wurden, wei­tere Pro­jekt­partner gewonnen werden konnten und sich die Arbeit von kor­por­acja ha!art ent­gegen ihres Mottos doch bezahlt macht.

kor­por­acja ha!art im Internet: www.ha.art.pl