Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Ein Stück Euphorie trage ich bis jetzt in meiner Seele“

Ein Inter­view mit Ihar Skrypka

 

Ihar Skrypka ist Dra­ma­turg und leitet die Lite­ra­tur­ab­tei­lung eines staat­li­chen bela­rus­si­schen Thea­ters in Minsk. Seit der Pere­strojka hat er das Bela­rus­si­sche für sich ent­deckt und über­setzt zahl­reiche Thea­ter­stücke in diese Sprache, die – obwohl zweite offi­zi­elle Lan­des­sprache – im Alltag in Minsk kaum gespro­chen wird. novinki hat mit Skrypka über das Über­setzen, über zeit­ge­nös­si­sches Theater in Belarus, seine Arbeit im staat­li­chen Thea­ter­be­trieb und über Mög­lich­keiten, Zwänge und Frei­räume für bela­rus­si­sche Kul­tur­schaf­fende gespro­chen.

 

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novinki: Ihar, spürt Ihr bei euch im Theater die schwere Wirt­schafts­krise in Belarus?

 

Ihar Skrypka: Ich habe nie gespürt, dass es keine Krise gab. Im Theater ist immer Wirt­schafts­krise (lacht). Ob mit oder ohne Krise – das Geld reicht nie aus.

 

n.: Wie über­lebt Ihr mit dem Thea­ter­lohn in Belarus?

 

I.S.: Für die bela­rus­si­schen Thea­ter­schau­spieler ist das ein­fach. Sie machen in rus­si­schen Filmen mit, denn viele Pro­duk­ti­ons­firmen aus Russ­land drehen hier. Ich als Dra­ma­turg habe es schwerer. Ich muss den Appetit ein­schränken…

 

n.: Worin kon­kret besteht deine Arbeit als Dra­ma­turg und Leiter der Lite­ra­tur­ab­tei­lung im Minsker Janka Kupala Theater?

 

I.S.: Wenn nötig über­setze ich Stücke ins Bela­rus­si­sche und arbeite dann mit dem Text: Ich redi­giere und kürze ihn. Danach beginnen die Proben, bei denen ich anwe­send bin, falls Fragen zum Text auf­kommen. In jedem Stück musst du den Text an den Schau­spieler anpassen. Du änderst ihn, fügst etwas hinzu oder kürzt. Aber unsere Arbeit mit den Texten ist klas­sisch. In Polen bei­spiels­weise, in der Kra­kauer Thea­ter­aka­demie, werden die Dra­ma­turgen nach dem Prinzip von Tairov so aus­ge­bildet, dass sie wäh­rend den Proben eng mit dem Regis­seur zusam­men­ar­beiten. So findet das Schreiben des Textes gleich­zeitig mit dem Insze­nieren statt. Diese Arbeits­weise gefällt mir. Du arbei­test mit den leben­digen Schau­spie­lern, mit dem Regis­seur…

 

n.: Mit der leben­digen Sprache…

 

I.S.: Ja. Wenn du so vor­gehst, dann schnei­dest du den Text wie ein Kostüm auf den Schau­spieler zu. Ich hatte nur ein paar Momente, in denen ich so arbeiten konnte, aber ich finde das wirk­lich span­nend.

 

n.: Schreibst du selber Stücke?

 

I.S.: Ja, ich schreibe auch, aber zum grossen Teil über­setze ich. N u r Schreiben wollte ich nicht. Die Deko­die­rung, die Über­tra­gung eines Sinns in eine andere Sprache, das fas­zi­niert mich unheim­lich! Wenn dafür irgend­je­mand irgend­etwas bezahlen würde, dann wäre das wun­derbar. Viele Über­set­zungen mache ich ein­fach so, für mich. Es ist das Über­setzen, das ich für mich gefunden habe. Wenn ich zurück in die 90er Jahre gehen und ent­scheiden könnte, würde ich Spra­chen stu­dieren und als lite­ra­ri­scher Über­setzer arbeiten.

 

n.: Welche Spra­chen über­setzt du?

 

I.S.: Ich habe in meinem Gepäck drei Spra­chen, aus denen ich ins Bela­rus­si­sche über­setze: Rus­sisch, Pol­nisch und Ser­bisch. Auch aus dem Ukrai­ni­schen kann ich über­setzen.

 

n.: Wie gehst du vor, wenn du über­setzt?

 

I.S.: Zuerst setze ich mich an den Text, über­setze fak­tisch Zeile für Zeile. Es ergibt sich eine fast wört­liche Über­set­zung. Nach einer gewissen Zeit kehre ich zu meiner Über­set­zung zurück, schaue sie an und ver­stehe, dass das alles Blöd­sinn ist. Ich beginne, sie umzu­schreiben. Der Text muss auf Bela­rus­sisch klingen. Wenn ich meine Über­set­zung mit dem Ori­gi­nal­text ver­gleiche, ver­stehe ich, dass sie ein eigener Text geworden ist, obwohl da genau alles ist, was im Ori­ginal steht. Wenn ich ver­su­chen würde, den Text zurück in die Ursprungs­sprache zu über­setzen, dann würde etwas ganz Anderes ent­stehen.

 

n.: Hast du beim Über­setzen einen Lieb­lings­autor?

 

I.S.: Das ist schwer zu sagen. Nor­ma­ler­weise ist mein Lieb­lings­autor der­je­nige, den ich gerade über­setze. Momentan sitze ich gerade an der Über­set­zung eines Stücks des pol­ni­schen Dra­ma­turgen Kra­siński – ein ein­neh­mendes Stück. Davor habe ich Gogol über­setzt, das war auch äus­serst span­nend. Du fängst an zu über­setzen und sofort tauchst du ein in dieses Meer, du schwimmst, schwimmst, schwimmst, und dann kommst du zu einem Ufer. Dann tauchst du wieder ein und schwimmst in eine andere Rich­tung.

 

n.: Kannst du mit­ent­scheiden, welche Stücke über­setzt und insze­niert werden und was erlaubt ist und was nicht?

 

I.S.: Nein, das kann ich nicht. Der lei­tende künst­le­ri­sche Direktor ent­scheidet das. Aber das sind keine direkten poli­ti­schen Ent­schei­dungen, es hat mit der Tra­di­tion des Thea­ter­hauses zu tun. Alle wissen, wie sie an diesem Pro­zess betei­ligt sind und wie viele Stücke wir pro Jahr etwa her­aus­bringen sollen. Wir sind ein aka­de­mi­sches Theater. Unsere Haupt­auf­gabe ist es, das Publikum nicht zu ent­täu­schen, das mit gewissen Erwar­tungen ins Theater kommt.

 

n.: Kam es schon vor, dass ein Stück aus poli­ti­schen Motiven nach der Pre­miere abge­setzt wurde?

 

I.S.: Meinst du in der sowje­ti­schen oder post­so­wje­ti­schen Zeit? Von der Sowjet­zeit weiss ich von einem Stück, das ganz sicher abge­setzt wurde. Seit ich im Theater arbeite, wurde aber nie ein Stück abge­setzt. Es kommt vor, dass jemand nach der Pre­miere sagt: „Das darf man nicht, das soll man nicht“ oder „Leute, das muss man ändern, raus­nehmen, in Ord­nung bringen.“ Das machen wir dann.

 

n.: Unter­scheidet sich das zeit­ge­nös­si­sche bela­rus­si­sche Theater stark von den Thea­ter­formen in der Sowjet­union?

 

I.S.: Das ist eine Frage für eine ganze Dis­ser­ta­tion. Eine schwie­rige Frage. Eigent­lich unter­scheidet es sich nicht so sehr, wie es scheinen mag. Es gab keinen starken Bruch mit der Sowjet­zeit: Es sind die­selben Regis­seure und die­selben Schau­spieler in den Thea­tern geblieben und damit auch die­selbe Tra­di­tion. Die Visi­ten­karte unseres Thea­ters ist ein Stück von Janka Kupala, das seit 1943 auf­ge­führt wird. Eines der popu­lärsten Stücke unseres Reper­toires wurde 1989 noch zur Sowjet­zeit urauf­ge­führt. Es gab jedoch eine Zeit, gleich nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union, in der Stücke auf­ge­führt wurden, die vorher nicht mög­lich gewesen waren: Knigin, Tudešich, Dunin-Mar­cin­kevič oder der Knjaz’ Vitovt von Raevskij. Das Theater fing an, sich stärker für his­to­ri­sche Themen zu inter­es­sieren, gleich­zeitig wurden die zeit­ge­nös­si­schen Themen freier, da es die sowje­ti­sche Zensur nicht mehr gab…

 

n.: Wie hat sich diese neue Frei­heit nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union ange­fühlt?

 

I.S.: Oh, da war ein sehr starkes Gefühl der Euphorie! Sehr stark! Ein Stück Euphorie jener Zeit trage ich bis jetzt in meiner Seele. Ich habe es in mir bewahrt. Meine Genera­tion wuchs mit diesem Gefühl der Euphorie auf. Wir lasen die neuen Zei­tungen, wir erfuhren all das Neue! 1991 war gerade meine Schul­zeit zu Ende, zeit­gleich mit der Sowjet­union. Stell dir vor, du been­dest die sowje­ti­sche Schule, in der du gelernt hast, wie alles ist und auf einmal erfährst du: Alles ist ganz anders, als es dir bei­gebracht wurde! Ich kann mich erin­nern, wie das für meine Eltern war: Die Mög­lich­keit zu lesen, Dinge zu erfahren, ein­fach zu sagen, was du möch­test und keine Angst zu haben, dass du denun­ziert wirst. Das war eine unglaub­liche Sache!

 

n.: Was ist für dich das prä­gendste Ereignis, das du mit der Pere­strojka ver­bin­dest?

 

I.S.: Die bela­rus­si­sche Sprache, die plötz­lich überall ertönte. Das war der Moment, als auch ich anfing, nur noch Bela­rus­sisch zu spre­chen. Wäh­rend der Sowjet­union war Bela­rus­sisch so gut wie aus­ge­löscht, alle spra­chen nur Rus­sisch.

 

n.: Ausser der Wie­der­ent­de­ckung der bela­rus­si­schen Sprache, denkst du, dass ihr in Belarus die Pere­strojka anders erlebt habt als im Rest der Sowjet­union?

 

I.S.: Natür­lich gab es einige Eigen­heiten, aber unsere Situa­tion war ver­gleichbar mit der von den bal­ti­schen Län­dern oder der Ukraine. Ganz im Gegen­teil zu Russ­land. Wäh­rend die Bela­russen, die Litauer, die Geor­gier oder die Mol­da­wier durch die Pere­strojka und den Zusam­men­bruch der Sowjet­union die Unab­hän­gig­keit erhielten, bedeu­tete es für die Russen die Zer­stö­rung eines grossen Landes und Ter­ri­to­riums.

 

n.: Aber kam das Gefühl der Unab­hän­gig­keit bei den Bela­russen sofort auf?

 

I.S.: Nein, nicht sofort. Anfang 1991 fand ein Refe­rendum dar­über statt, ob die Bela­russen aus der Sowjet­union aus­treten wollten oder nicht. Und der grösste Teil der Bela­russen sagte: Nein, das wollen wir nicht! Danach brach die Sowjet­union trotzdem zusammen. Die Unab­hän­gig­keit steht heute für die meisten Bela­russen ausser Dis­kus­sion, aber zu Beginn der 90er Jahre war das nicht so…

 

n.: Die Leute hatten Angst…

 

I.S.: Ja, natür­lich. Sie hatten grosse Angst vor dem, was kommt. Stell dir vor, du wachst morgen auf und plötz­lich lebst du in einem völlig anderen Land und alles ändert sich, die Politik, der Prä­si­dent. Das ist viel­leicht gar nicht schlecht, aber das Leben wird auf einen Schlag ganz anders. Man muss auch sehen, dass die Men­schen 70 Jahre sowje­ti­sche Pro­pa­ganda hinter sich hatten und etwa 150 Jahre Pro­pa­ganda durch Russ­land und das Rus­si­sche Reich. Da hiess es immer, der Bela­russe sei der kleine Bruder des Russen. Ich kann mich gut erin­nern, was für eine Pro­pa­ganda herrschte. Uns Schü­lern wurde immer gesagt, dass wir im grössten, stärksten und besten Land der Welt leben. Noch in der Pere­strojka wurde in der Schule dieses Bild auf­recht­erhalten, wäh­rend die Eltern zu Hause schon anders anfingen, über die Dinge zu spre­chen. Und auf einmal zeigt sich, dass wir nicht im stärksten und besten Land leben.

 

n.: Hat diese Zeit des Umbruchs deine Ent­schei­dung beein­flusst, ins Theater zu gehen?

 

I.S.: Ich glaube nicht. Den Wunsch, ins Theater zu gehen, hatte ich seit meiner Kind­heit. Meine Mutter spielte im Ama­teur­theater in der Pro­vinz­stadt Slutsk, wo ich auf­wuchs. So war ich oft im Theater. Nach der Musik­hoch­schule – ich stu­dierte Flöte – ver­suchte ich die Auf­nah­me­prü­fung an die Thea­ter­aka­demie: Ich wollte Schau­spieler werden. Sie nahmen mich nicht auf, was wahr­schein­lich gut so war. Ich ent­schied mich, ans Institut Kul­tury zu gehen und mich auf die lite­ra­ri­sche Arbeit, auf die Dra­ma­turgie zu kon­zen­trieren. Wenn sie mich da auch nicht genommen hätten, dann wäre ich in die Armee gegangen, wäre Flö­tist im Mili­tär­or­chester geworden und dort wohl bis an mein Lebens­ende geblieben. Ich stu­dierte mit einigen Unter­brü­chen, fing ein Dok­torat an, das ich aber nicht abschloss. Und schon wäh­rend des Stu­diums arbei­tete ich nebenbei als Redaktor in der Lite­ra­tur­ab­tei­lung des Thea­ters der bela­rus­si­schen Dra­ma­turgie.

 

n.: Dann hast du das Sti­pen­dium nach Polen bekommen?

 

I.S.: Ja, das war eine tolle Zeit. Es war wie eine Rück­kehr in die Jugend. In Belarus hatte ich gear­beitet, und plötz­lich wohne ich wieder im Stu­den­ten­heim.

 

n.: Wie hast du das Theater in Polen erlebt?

 

I.S.: Das pol­ni­sche Theater unter­scheidet sich stark vom bela­rus­si­schen. In Polen gibt es heute eine Ten­denz zur For­ma­li­sie­rung, die viel stärker als in Belarus, Russ­land oder der Ukraine ist. Mehr Auf­merk­sam­keit kommt also der Form zuteil. Aber wich­tiger sind die Themen, die sich im Theater auf­drängen. Bei uns in Belarus stellen die Frei­heit und das Natio­nal­be­wusst­sein zwin­gende Lebens­fragen dar. Wenn ich pol­ni­sche Thea­ter­stücke schaute, wusste ich immer schon vor Beginn der Vor­stel­lung, worum es gehen wird. Dort spra­chen sie immer dar­über, dass alle unzu­frieden und über­sät­tigt sind, dass die heu­tige Jugend nur das Internet kennt, dass alle nur shoppen gehen. Dabei muss immer unbe­dingt jemand schreien, jemand zieht sich aus und es gibt eine Video­pro­jek­tion. All das wird qua­li­tativ extrem gut gemacht, aber mir wird lang­weilig dabei. Es berührt mich nicht. Viel­leicht ist das für die Polen anders, weil dort genau über die Situa­tion dis­ku­tiert wird, in der sie leben. Das ist aber nicht meine Situa­tion. Mich zieht es eher zum klas­si­schen Theater hin, zur klas­si­schen Tra­gödie, zur klas­si­schen Komödie. Irgendwie kommt man da nicht drum herum.

 

n.: Ist das Theater in Belarus also klas­si­scher?

 

I.S.: Ja, das bela­rus­si­sche Theater ist klas­si­scher, tra­di­tio­neller. Wahr­schein­lich hat das viel mit dem Publikum zu tun. Es ist an eine Art Theater gewohnt. Es hat eine genaue Vor­stel­lung davon, wie Theater sein soll. Nach einer guten Tra­gödie möchten die Zuschauer hin­aus­gehen und weinen. Alle expe­ri­men­tellen Stücke sollen bitte zu den Fes­ti­vals nach Frank­reich fahren.

 

n.: Aber fehlt dir nicht manchmal das Expe­ri­men­telle, das Neue im bela­rus­si­schen Theater?

 

I.S.: Nun, es gibt expe­ri­men­telle Thea­ter­pro­jekte auf kleinen Bühnen, aber zu wenig. Fast alle Theater in Minsk sind staat­liche Reper­toire­theater. Es gibt sehr selten unab­hän­gige Thea­ter­pro­jekte. Das ist in Polen oder all­ge­mein in der EU gut: Wenn man als Künstler ein Theater- oder Musik­pro­jekt rea­li­sieren möchte, kann man zum Kul­tur­mi­nis­te­rium gehen und eine Finan­zie­rung bean­tragen. Bei uns gibt es kein sol­ches System. Wir haben nur staat­liche Theater, auf die der Staat gewisse Gelder auf­teilt und das ist alles. Das Expe­ri­men­tieren gehört nicht zum Auf­ga­ben­be­reich der Staat­li­chen Theater, sie haben eine andere Auf­gabe. Für Expe­ri­mente bräuchte es ein anderes System, das diese unter­stützt.

 

n.: Gibt es keine andere Mög­lich­keit, an Geld für Pro­jekte zu kommen?

 

I.S.: Du kannst deinen Onkel nach Geld fragen, zu deiner Mutter oder deinem Vater gehen. Oder auf die Bau­stelle arbeiten gehen. Mach, was du willst, aber ein System zur finan­zi­ellen Unter­stüt­zung von Kunst und Kultur gibt es nicht, leider. Aus diesem Grund können viele inter­es­sante Initia­tiven nicht wei­ter­ma­chen.

 

n.: Und was für unab­hän­gige Thea­ter­pro­jekte kommen den­noch zustande?

 

I.S.: Man kann die unab­hän­gigen nicht-staat­li­chen Thea­ter­pro­jekte in drei Gruppen ein­teilen. Ers­tens gibt es kon­kret auf das Wirt­schaft­liche aus­ge­legte Pro­jekte, bei denen es nur darum geht, Geld zu ver­dienen: Man sucht beliebte Thea­ter­stücke aus, arbeitet mit bekannten Schau­spie­lern zusammen. Zwei­tens ist das expe­ri­men­telle Tanz­theater populär, hier gibt es die Per­for­mance­gruppe Inžest oder das Theater zeit­ge­nös­si­scher Cho­reo­gra­phie D.О.Z.SK.I. Das Tanz­theater ist aber nicht meine Sache, weil ich den Text brauche, ich bin ja Dra­ma­turg. Erst wenn ein Wort erklingt, ist das für mich Theater. Drit­tens gibt es dann poli­ti­sche Pro­jekte, wie das Belarus Free Theater.

 

n.: Findet ein Aus­tausch zwi­schen den Thea­ter­schaf­fenden der staat­li­chen Thea­ter­häuser und unab­hän­gigen Gruppen wie bei­spiels­weise dem Belarus Free Theater statt?

 

I.S.: Das Belarus Free Theater bildet eine Aus­nahme, weil es sich öfter im Aus­land befindet als in Belarus. Da gibt es keine Mög­lich­keit, deren Stücke anzu­schauen. Sonst sind das keine abge­schlos­senen Bereiche. Schau­spieler der staat­li­chen Thea­ter­häuser haben zum Teil nebenbei ihre eigenen Pro­jekte. Aus­serdem stu­dierten alle irgend­wann zusammen und kennen sich gegen­seitig.

 

n.: Welche Insze­nie­rung, die du in letzter Zeit gesehen hast, hat dir beson­ders gefallen?

 

I.S.: Schwer zu sagen. Wenn du im Theater arbei­test, schaust du meis­tens nur die eigenen Stücke. Die werden zu deinem Kind, weil du ständig an ihnen arbei­test. Du kannst sie nicht mehr unbe­fangen anschauen, dir fehlt die Distanz. Ich möchte aber gerne nach Grodno fahren, da zeigen sie die „Piko­vaja dama“ von Puškin. Es soll ein sehr gutes Stück sein und hat den Preis für das beste bela­rus­si­sche Büh­nen­werk bekommen.

 

n.: Und was für Stücke hast du in letzter Zeit im Janka Kupala Theater mit­in­sze­niert?

 

I.S.: Die vor­letzte Pre­miere war ein musi­ka­li­sches Stück, für das ich zusammen mit dem künst­le­ri­schen Leiter das Libretto schrieb. Davor insze­nierten wir ein Stück der bela­rus­si­schen Autorin Elena Popova. Als nächstes planen wir den „Pan Tadeusz“ von Mickie­wicz. Auch „Die Möwe“ von Čechov soll bald auf­ge­führt werden. Und auf der kleinen Bühne soll das Stück „Ara­bi­sche Nacht“ des deut­schen Dra­ma­turgen Roland Schim­mel­pfennig auf­ge­führt werden.

 

n.: Aber habt ihr als bela­rus­si­sches Theater, in dem alle Stücke auf Bela­rus­sisch auf­ge­führt werden, nicht den Auf­trag, beson­ders bela­rus­si­sche Autoren zu berück­sich­tigen?

 

I.S.: Nein, einen sol­chen Auf­trag haben wir nicht, die meisten Stücke werden ins Bela­rus­si­sche über­setzt.

 

n.: Wie ist es denn im Theater, wird das Bela­rus­si­sche auch aus­ser­halb der Bühne gespro­chen?

 

I.S.: Nein, es ist die Büh­nen­sprache. Das ist ähn­lich wie im jüdi­schen Theater in War­schau. Die Schau­spieler spre­chen unter­ein­ander Pol­nisch und auf der Bühne jid­disch. Bei uns im Theater spricht man vor allem Rus­sisch.

 

n.: Wenn das Bela­rus­si­sche eine reine Büh­nen­sprache ist, kann Euer Theater helfen, die bela­rus­si­sche Sprache stärker im Alltag zu ver­an­kern?

 

I.S.: Ich habe eine ganz ein­fache Logik, was diese Frage betrifft: Besser die bela­rus­si­sche Sprache ertönt wenigs­tens auf der Bühne, als dass sie über­haupt nicht ertönt. Es ist eines der Mittel, um unsere Sprache und Kultur zu erhalten.

 

n.: Ist die Grün­dung und der Unter­halt eines sol­chen Thea­ters sprach­po­li­tisch moti­viert?

 

I.S.: Ja, das geht in die Sowjet­zeit zurück und war Teil der sowje­ti­schen Politik. Einer­seits wurde die natio­nale Kultur unter­stützt, ande­rer­seits das Rus­si­sche auf­ge­drängt. Unser Theater wurde bereits in den 20er Jahren gegründet. Damals ent­standen in jeder Repu­blik, in jeder auto­nomen Region der Sowjet­union jeweils zwei Thea­ter­häuser: Ein aka­de­mi­sches Theater in der Natio­nal­sprache, das sich natio­nalen Themen wid­mete und ein rus­sisch­spra­chiges Theater, in dem rus­si­sche klas­si­sche Stücke gespielt wurden. Bis heute ist das so geblieben: In Vil­nius, in Tal­linn und Minsk gibt es ausser dem Natio­nal­theater auch ein rus­si­sches Theater.

 

n.: Die Rus­si­fi­zie­rung begann aber schon unter zaris­ti­scher Herr­schaft…

 

I.S.: Ja, die Politik der Rus­si­fi­zie­rung, die sich bis 1991 durchzog, begann schon mit dem Aus­spruch des Gou­ver­neurs Murav’ev, einer wich­tigen Person bei der Expan­sion des Rus­si­schen Reichs von 1861: „Was das rus­si­sche Bajo­nett nicht aus­richtet, das macht die rus­si­sche Schule.“ Alle offi­zi­ellen Bereiche, die Kin­der­gärten, Schulen und Uni­ver­si­täten sollten rus­sisch sein.

 

n.: Du sprichst kon­se­quent nur Bela­rus­sisch, auch wenn dir die meisten Gesprächs­partner auf Rus­sisch ant­worten. Das braucht einen starken Willen und ist eher selten in Belarus. Wie könnte man das Bela­rus­si­sche stärken?

 

I.S.: Sobald unsere Obrig­keit anfangen würde, Bela­rus­sisch zu spre­chen, würden die anderen auch damit beginnen. Das wäre ein­fach. Unsere Obrig­keit ist leider etwas unge­bildet. Kennst du die Legende davon, wie Gott das Land ver­teilte?

 

n.: Nein.

 

I.S.: Also, hör zu. Gott ver­teilte eines Tages unter den Men­schen die Erde. Er sagte: Kommt alle her. Und alle kamen her. Den Eng­län­dern gab Gott eine Insel, den Schwei­zern die Berge, alle bekamen ihren Anteil Land. Da kamen die Bela­russen und Gott schaute sie an und sagte: „Ihr gefallt mir, ihr seid gute Men­schen. Ich gebe euch das aller­beste Land. Es liegt im Zen­trum eines grossen Kon­ti­nents und es gibt dort alles, was ihr braucht: Das Land wird gross sein, damit ihr nicht ver­gesst zu arbeiten, es wird schöne Flüss­chen haben, Seen, Hügel, keine Bergen, damit ihr nicht klet­tern müsst, schöne Wälder. In der Miniatur ist das eine ganze Welt, in der immer alles da sein wird, was ihr braucht.“ Da sagte irgendein Hei­liger: „Gott, warum machst du das? Du gibst ihnen ja das Para­dies. Dabei hast du doch gesagt, dass der Mensch nach dem Sün­den­fall aus dem Para­dies ver­trieben ist.“ Gott über­legte und sagte: „Du hast Recht, das kann ich nicht machen, aber ich habe ihnen das Land ja bereits ver­spro­chen.“ Da sagte Gott zu den war­tenden Bela­russen: „Nun gut, ich habe es euch ver­spro­chen, nehmt das Land. Aber zum Aus­gleich gebe ich Euch die schlech­teste Obrig­keit der Welt.“ Und so leben wir: Das beste Land mit der schlech­testen Obrig­keit!


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