Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Heu­schre­cken­musik

Valžyna Morts Gedicht­band Trä­nen­fa­brik: Eine ein­dring­liche Stimme aus einem unbe­kannten Land

Wenige Stimmen aus Belarus, dem Land zwi­schen der Grenze der Euro­päi­schen Union und Russ­land, dringen bis zu uns vor. Eine davon ist Valžyna Mort, deren Gedicht­band Trä­nen­fa­brik nun in deut­scher Über­set­zung von Katha­rina Nar­bu­tovič vor­liegt. Erst­mals ver­öf­fent­licht wurden die Gedichte in dieser Zusam­men­stel­lung unter dem Titel fac­tory of tears in den USA, dem der­zei­tigen Wohnort der 1981 in Minsk gebo­renen Lyrikerin.

Es ist eine starke und eigene Stimme, die auf der Suche nach dem Aus­druck des Lebens­ge­fühls ihrer Genera­tion zu einem Meer von Stimmen anschwillt. Zu hören ist das kol­lek­tive ‚Wir’ einer Genera­tion, die noch in die Sowje­tära hin­ein­ge­boren wurde und ihre Jugend in den 1990er-Jahren zubrachte, zur Zeit der Pere­strojka und der Unab­hän­gig­keit Weiss­russ­lands, in einer Zeit der Iden­ti­täts­suche: „welche schmerzen, unter denen unsre jugend uns setzt in die welt/ welche schreie, mit denen wir uns auf­richten aus der stel­lung des/ fragezeichens/ in die stel­lung des ausrufezeichens/ die linke lippe polen und die rechte russ­land öffnen sich/ und zum vor­schein kommen unsere köpfe aus …/ doch woraus?“

Doch das kol­lek­tive „Wir“ weicht bald einem „Ich“  auf der Suche nach dem ganz per­sön­li­chen Augen­blick des Glücks im Gedicht „Berlin – Minsk“: „wir fahren durch warschau./ sommer. abend./ das herz ver­wan­delte sich/ in wind/ und weht./ zehn minuten auf dem bahnhof./ abend. sommer./ das herz dreht sich/ wie ein planet/ in meinem innern. […]“

Iden­tität ver­bindet Valžyna Mort eng mit Sprache, wes­halb die Suche nach den Worten nicht nur eine Meta­pher fürs Schreiben ist; sie musste zuerst ihre Sprache finden. „Eine Sprache, die der Musik hin­ter­her­läuft“, sei das Weiss­rus­si­sche, schreibt sie im Nach­wort zur deut­schen Aus­gabe, bei der sich „die Laute zu Wort­ak­korden“ fügen. Die Mut­ter­sprache der Lyri­kerin ist Rus­sisch, wie bei den meisten Men­schen in dem von sowje­ti­scher Ver­gan­gen­heit geprägten Land. In Belarus wird die zweite Lan­des­sprache, das Weiss­rus­si­sche, erst in der Schule erlernt und nicht zuletzt wegen der auf Sowjet­nost­algie basie­renden Politik des repres­siven Regimes ist sie zur Sprache einer intel­lek­tu­ellen Oppo­si­tion geworden. Diese poli­tisch-rebel­li­sche Funk­tion der weiss­rus­si­schen Sprache spannt den Bogen über den Gedicht­band, der jeweils von einem Gedicht eröffnet und beschlossen wird, dessen Gegen­stand die weiss­rus­si­sche Sprache selbst ist.

 

Weiss­rus­sisch sei zwar nicht ihre Mut­ter­sprache, aber ihre „Blut­sprache“, meint Mort in einem Inter­view. Sie habe die Wörter zuerst nur auf­grund des Klanges in ihre Gedichte ein­ge­webt, noch bevor sie deren Bedeu­tung ver­stand. Ihre Lyrik besticht durch diesen spürbar sinn­lich musi­ka­li­schen aber auch spie­le­ri­schen Umgang mit den Worten. Über das Heimweh schreibt sie: „und schon von diesem geschmack nur/ läuft dir das wasser im auge zusammen“. In der Mitte des Gedicht­bandes stehen zwei Pro­sa­texte, die den Fluss des Gedicht­bands fort­führen. In Rhythmus und Melodie, aber auch in der Dichte der Sprache stehen sie den Gedichten, die manchmal bei­nahe in Prosa über­gehen und deren Verse sich fast nie reimen, in nichts nach.

Bis­weilen mischen sich Zorn, Ohn­macht und Schre­cken in den Ton: „das lockenwicklereinzugsprinzip/ war die basis des natio­nalen mäh­dre­scher­baus – / und meine erste metapher/ die ich wut­ent­brannt wiederkäute/ als hätte ich einen schwa­nensee ver­schluckt“. Valžyna Mort scheut den Bruch von in Belarus gel­tenden Tabus nicht und benutzt Bilder, die sich nicht in den offi­zi­ellen Kanon der meist folk­lo­ris­ti­schen weiss­rus­si­schen Lyrik ein­reihen lassen. 2001 hat sie sich mit anderen post­so­wje­ti­schen Schrift­stel­lern in Minsk zur radi­kalen Künst­ler­gruppe Schmerzwerk zusam­men­ge­schlossen, die sich – wie im Namen ange­deutet – den Schmerz zum Pro­gramm gemacht hat. In ihrem Mani­fest Recy­cling des Schmerzes kann man lesen: „Wir schliessen uns Čechovs Mei­nung an, dass die bür­ger­liche Pflicht des Schrift­stel­lers darin bestehe, nicht Arzt, son­dern Schmerz der Gesell­schaft zu sein. Gerade des­halb gibt es in unseren Texten so viele häss­liche, gif­tige, höh­ni­sche Bilder. Wir schmei­cheln den Lesern und den Gön­nern nicht, wir for­dern sie, im Unter­schied zum Rekla­meslogan der Firma Philips, nicht auf, das Leben zum Bes­seren hin zu ver­än­dern; wir sagen ein­fach das, was wir denken, wir ‚kneten zu Worten jenes unge­hor­same Plas­tilin, das im Kopf erstarrt’.“ Der Schmerz zieht sich wie ein roter Faden in pathe­ti­scher Lei­den­schaft und oft dras­ti­schen Bil­dern durch den Gedicht­band: „und die hände ertasten/ einen körper, der erblüht in lind­grünem schmerz.“ Im Gedicht „Utopia“ heisst es: „könnte man das herz her­aus­reissen wie einen zahn/ und die erin­ne­rung erschlagen/ liesse sich unter der gelben limonadenfahne/ sehr glück­lich leben“

Doch das rebel­li­sche Image allein wird der jungen Autorin aus Europas ‚unbe­kannter Mitte’ nicht gerecht. Vor allem wenn es um die Liebe geht, kippt die Sprache oft in lei­sere Töne und bezau­bert durch zärt­liche Meta­phern, wie in fol­gendem kurzen Gedicht: „dein körper ist so weiss/ dass ich liege auf ihm wie schnee/ jede nacht ist bei uns – winter“. Oder in Versen aus einem  anderen Gedichts: „und es ist unmög­lich mit diesem mann einzuschlafen/ mit ihm wird der körper nachts/ heuschreckenmusik“.

Valžyna Mort findet in den Gedichten eine auf­rüt­telnde und bis­weilen rück­sichts­lose Sprache, die bizarre Bilder erzeugt und durch plötz­liche Ton­wechsel hin­über in leise und zärt­liche Lagen über­rascht. Schade, dass in der Aus­gabe von Suhr­kamp das Bela­rus­si­sche (eine Spar­mass­nahme?) auf der Strecke geblieben ist: Nur die ersten beiden Gedichte wurden zwei­spra­chig abge­druckt. Ein Glück, dass die Über­set­zungen sich auch unab­hängig von den Ori­gi­nalen wun­derbar lesen. Sie bleiben sehr nah am Wort und am Inhalt, wobei der Klang der Worte nicht im Ein­zelnen trans­por­tiert werden kann, aber doch ein gewisser Fluss und Rhythmus gewahrt wird. Gut, dass klang- und sprach­in­ter­es­sierte Leser im Internet fast alle Gedichte aus Trä­nen­fa­brik auf Weiss­rus­sisch finden können, teil­weise mit Hör­fas­sung (www.lyrikline.org) – was sich alleine auf­grund des Klang­er­leb­nisses lohnt. Wie Valžyna Mort im Nach­wort zur deut­schen Aus­gabe schreibt, ist „die Musik der weiss­rus­si­schen Sprache […] für diese Worte nicht nur ein­fach ein ver­bales Gewand, son­dern ihr eigent­li­cher Sinn.“

 

Valžyna Mort: Trä­nen­fa­brik. Gedichte. Aus dem Weiss­rus­si­schen von Katha­rina Nar­bu­tovič. Frank­furt am Main 2009.

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