Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Buda­pest noir. Vilmos Kondor und seine Buda­pester Krimi-Reihe

Jede Stadt hat ihre Topo­gra­phie des Grauens. Jede Stadt pro­du­ziert ihre Topo­gra­phie des Ver­bre­chens. Im sünd­haften Buda­pest der späten 1930-er Jahre ermit­telt der Poli­zei­re­porter Zsig­mond Gordon im Umfeld von Pro­sti­tu­tion, Bestechung, Ver­schwö­rung, Intrige und Mord. Mit der Figur des unga­risch-ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­listen führte der Autor Vilmos Kondor eine neue Figur auf der lite­ra­ri­schen Bühne Ungarns ein und hob als Debü­tant ein eigenes Genre aus der Taufe: den unga­ri­schen ›Krimi noir‹ in der Tra­di­tion Ray­mond Chand­lers und Dashiell Ham­metts.

Nach dem Erscheinen seines Debüt­ro­mans Buda­pest noir 2008, der in Deutsch­land unter dem lust­losen und nichts sagenden Titel Der leise Tod bei Knaur erschien, über­schlugen sich die unga­ri­schen Lite­ra­tur­kri­tiker vor Begeis­te­rung. „Die Suche nach dem unga­ri­schen Kri­mi­nal­thriller ist zu Ende: Vilmos Kon­dors Novelle ist ein Thriller im Geiste Chand­lers und Ham­metts, aber mit unga­ri­schen Cha­rak­teren in der unga­ri­schen Haupt­stadt in der Zeit vor dem Zweiten Welt­krieg“, jubi­liert Peter I. Rácz in der intel­lek­tu­ellen Zeit­schrift Élet és Iro­dalom (Leben und Lite­ratur). Die Lobes­hymnen stei­gerten sich noch mit den beiden  Nach­fol­ge­werken Bűnös Buda­pest 2009 (Sün­diges Buda­pest) und A buda­pesti kém 2010 (Der Buda­pester Spion).

Dabei stand laut Vilmos Kondor nicht das Genre im Vor­der­grund, son­dern die Geschichte. „Ich hatte eine Geschichte über ein ver­stor­benes Dienst­mäd­chen, einen Jour­na­listen und einen Poli­zisten und diese Geschichte wollte ich erzählen.“ Da eine unga­ri­sche Kri­mi­tra­di­tion nicht exis­tierte, hatte Kondor bei der Aus­füh­rung seiner Werke freie Hand. So führt Kondor seinen Helden durch ein deka­dentes Ungarn, das mit­samt dem Rest Europas langsam in den Abgrund tau­melt. Zen­traler Hand­lungsort ist die unga­ri­sche Haupt­stadt am Vor­abend und wäh­rend des Zweiten Welt­krieges.

Dabei wird Fik­tion mit his­to­ri­schen Ereig­nissen und einem rea­lis­ti­schen Bild der Stadt am Ende der 1930-er Jahre ver­knüpft. Schau­plätze sind die Eck­punkte des his­to­ri­schen Buda­pests, die Atmo­sphäre der Bücher ist die der engen, düs­teren Gassen des jüdi­schen Vier­tels, der Bor­delle, der ver­ruchten Kel­ler­kneipen und der ver­rauchten Redak­ti­ons­stuben und Kaf­fee­häuser, in denen sich die Intel­lek­tu­ellen der dama­ligen Zeit zwi­schen starken Getränken und noch stär­keren Ziga­retten in den Rausch dis­ku­tierten oder ein­fach nur in Gesell­schaft ihrem Welt­schmerz frönten.

Vilmos Kondor hat die lite­ra­ri­sche Bühne Ungarns erst im besten Man­nes­alter betreten. Der 1954 gebo­rene Autor stu­dierte im süd­un­ga­ri­schen Szeged und an der Pariser Sor­bonne. Heute arbeitet er als Mathe­matik- und Phy­sik­lehrer an einem west­un­ga­ri­schen Gym­na­sium und lebt mit Frau, Zwil­lings­töch­tern und seinen beiden Hunden in einem kleinen Dorf nahe Sopron. Doch es gibt noch einen anderen Vilmos Kondor, einen Kondor, den nie­mand kennt. Denn Vilmos Kondor exis­tiert nicht. Wer sich hinter dem Syn­onym und dem spieß­bür­ger­li­chen Lebens­lauf ver­birgt, wissen nur wenige. „Ihm ist sehr wichtig, seine Anony­mität zu schützen“, sagt eine Jour­na­listin, die ihn kennt. Inter­views gibt er nur per E‑Mail.

In ihnen gibt er nicht viel über sich selbst preis, nennt aber immerhin seine lite­ra­ri­schen Vor­bilder: Jim Thompson, Charles Wille­ford, Dashiell Ham­mett. Doch zeigen möchte er mehr, als nur den hard-boiled Krimi noir in seiner unga­ri­schen Vari­ante. Kondor lässt die Horthy-Ära der Zwi­schen­kriegs­zeit wieder auf­er­stehen, die ihm als die Ver­gan­gen­heit eines anderen Landes und nicht des eigenen erscheint. „Wir haben nicht nur eine gemein­same Ver­gan­gen­heit, son­dern auch eine gemein­same Gegen­wart. Wir haben uns kein biss­chen ver­än­dert und das kann man durchaus positiv ver­stehen – aber auch pejo­rativ. Es kommt sicher die Zeit, in der wir dieser Periode gegen­über­stehen werden, in der Geschichts­schrei­bung oder auf der per­sön­li­chen und kol­lek­tiven Ebene und bis dahin möchte ich zeigen: dieses waren/sind wir auch.“

Der Fall einer jungen Frau, die Sex ver­kauft hatte und zu Tode geprü­gelt wurde, führt in Kon­dors Debüt­roman Buda­pest noir zurück in eben jenes Buda­pest am Vor­abend des Krieges und den Jour­na­listen Zsig­mond Gordon in hohe und höchste Kreise. Kondor lässt seinen Prot­ago­nisten auf dem Weg zu Gesprä­chen oder Treffen durch Buda­pest laufen oder mit der Stra­ßen­bahn fahren und nutzt das, um viele Namen von lokalen Straßen zu zitieren – jedoch nicht immer kor­rekt, wie sich später her­aus­stellte. Gordon stößt auf ver­füh­re­ri­sche Femmes fatales und auf Wider­stände, die jedoch nicht größer sind als die, die man aus anderen zeit­ge­nös­si­schen Krimis kennt, in denen Ermittler gegen den Willen ihrer Vor­ge­setzten einem Fall auf der Spur sind.

Kondor – mit den Augen seines Prot­ago­nisten – kom­men­tiert die aktu­elle poli­ti­sche Situa­tion kaum, son­dern über­lässt dies dem Leser. Seine Cha­rak­tere denken nie, son­dern agieren: Die Figuren erlangen nicht durch innere Mono­loge, son­dern durch ihre Hand­lungen Profil – so auch his­to­ri­sche Per­sön­lich­keiten, wie etwa nam­hafte zeit­ge­nös­si­sche Jour­na­listen, Poli­zei­be­amte oder Detek­tive. Kondor über­lässt es nicht dem Zufall, dem Geist der 1930-er Jahre nach­zu­spüren. Er hat alte Stadt­pläne, Fahr­pläne, Detek­tiv­re­porte und Gro­schen­ro­mane gewälzt, sich zudem von den bekannten unga­ri­schen Zeit­his­to­ri­kern Krisz­tián Ungváry und Ignác Rom­sics beein­flussen lassen.

Für Vilmos Kondor ist die Zwi­schen­kriegs­zeit eine fes­selnde Periode, die ihn mit all ihrer Schön­heit und all ihrem Dreck fas­zi­niert, mit ihrer welt­städ­ti­schen Betrieb­sam­keit und ihren bal­ka­ni­schen Wider­sprü­chen, eine Zeit des weißen Ter­rors, der Des­potie, der Repres­sion, halb­fa­schis­ti­scher, anti­de­mo­kra­ti­scher Staats­ord­nung, reak­tio­närer Aris­to­kratie und Geist­lich­keit. „Die Horthy-Zeit war eine Periode voller Wider­sprüche, wie auch unsere Gegen­wart. Wäh­rend ich Krimis schreibe, beschäf­tige ich mich des­halb offen mit der Sünde, den Ver­bre­chern, den Methoden und in diesem Sinne all­ge­mein mit den Schat­ten­seiten des Lebens.“ Und der Moloch, in dem sich all dies kana­li­siert, ist eine Stadt namens Buda­pest.

Im zeit­ge­nös­si­schen Krimi geht es immer sel­tener um die Stadt an sich: Es geht um die eine Stadt und den Mikro­kosmos, der sich in ihr ent­faltet. Ja, Ungarn ist nicht Ame­rika und Buda­pest ist nicht Chi­cago oder San Fran­cisco. Doch Ungarn hat seine eigenen Köpfe. Seine Schick­sale. Seine Kri­mi­na­lität. Und das zieht: Bei einer Wahl zu den 50 besten unga­ri­schen Büchern in der ersten Dekade der Nuller­jahre lan­dete Buda­pest noir auf dem 25. Platz. Kondor unter­schrieb zudem einen Ver­trag mit dem Film­studio Szu­per­mo­dern, das den Roman als euro­päi­sche Kopro­duk­tion auf die Lein­wand bringen will.

Der­weil arbeitet der Autor am letzten Teil der Noir-Reihe. Der nächste Band, Buda­pest romokban („Buda­pest in Trüm­mern“) spielt im Jahr 1946, einer Zeit, in der Politik und Ver­bre­chen Hand in Hand gehen. Er erschien Anfang Juni 2011. Mit dem Jahr 1956, dem Jahr des Unga­ri­schen Volks­auf­standes, schließt Kondor eine Reihe ab, mit der er die Lite­ra­tur­szene Ungarns schon jetzt um einen Klas­siker erwei­tert hat. Nichts deutet darauf hin, dass er seine wahre Iden­tität bis dahin preis­geben wird. Nichts zwingt ihn dazu. Nichts drängt ihn. „Ich bin nur für das ver­ant­wort­lich, was ich schreibe, nicht für das, was andere lesen.“ Kon­dors Buda­pester Welten sind düster. Es ist nur sein Recht, auch das eigene Gesicht im Dun­keln zu halten.

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