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„Herr General, rote Pfingstrosen blühen in meinem Höschen!“ - Interview mit der Belgrader Poetin Radmila Petrović

Posted on 8. August 2022 by Radmila Petrović, Philine Bickhardt
Die vielfach preisgekrönte und in Belgrad lebende junge Poetin Radmila Petrović und ich treffen uns „am Pferd“ auf dem Platz der Republik, wie es alle Belgrader_innen tun, die sich auf einen Kaffee im Stadtzentrum verabreden. Sie kam gerade von einer Schreibresidenz aus dem Kosova zurück. So sprechen wir gleich zu Beginn über die Kosovo-Frage, während wir durch die Straßen des ehemals jüdischen Altstadtviertels Dorćol ziehen, auf der Suche nach einem Café.

Die vielfach preisgekrönte und in Belgrad lebende junge Poetin Radmila Petrović und ich treffen uns „am Pferd“ auf dem Platz der Republik, wie es alle Belgrader_innen tun, die sich auf einen Kaffee im Stadtzentrum verabreden. Sie kam gerade von einer Schreibresidenz aus dem Kosova zurück. So sprechen wir gleich zu Beginn über die Kosovo-Frage, während wir durch die Straßen des ehemals jüdischen Altstadtviertels Dorćol ziehen, auf der Suche nach einem Café. In einem zentralen Gedicht aus ihrem 2020 erschienenen Gedichtband Moja mama zna šta se dešava u gradovima (dt. Meine Mama weiß, was in Städten vor sich geht) werden die purpurroten Pfingstrosen, Symbol für die heldenhaft gestorbenen Krieger aus dem serbischen Narrativ rund um die legendäre Schlacht am Amselfeld von 1389 (serb.: „Kosovska bitka“)  mit Menstruationsblut parallelisiert. Dem serbischen Gründungsmythos zufolge erlag der später dafür heiliggesprochene Fürst Lazar freiwillig der Osmanischen Armee des Sultans Murat am Amselfeld, im Austausch für einen Platz im Himmelreich (serb.: „carstvo nebesko“). Es ist dieser nationale Mythos, der den Serb_innen die Anerkennung der staatlichen Souveränität so schwer macht. Je nachdem, ob man die weibliche Menstruation als Scham oder Fruchtbarkeit deutet, kann diese Parallelisierung als verleumdend oder aufwertend interpretiert werden. Für Radmila Petrović geht beides in der Poesie.

Zum serbischen Original geht es ⇒ hier.

Philine Bickhardt: Dein Gedichtband Meine Mama weiß, was in den Städten vor sich geht aus dem Jahr 2020 ist gerade in vierter Auflage im Verlag PPM Enklava erschienen. Als ich ihn gelesen habe, fiel mir besonders die Verbindung von Natur und Weiblichkeit ins Auge. Das Titelbild zeigt diese Verbindung: Eine nackte Frau in Gummistiefeln mit betonten Brüsten und langen Haaren steht vor rotem Hintergrund in einer schematisch dargestellten Wiese. Und sie sieht ziemlich cool aus. Warum?

 

Radmila Petrović: Das Titelblatt geht auf den Vorschlag der Designerin Hajdana Kostić zurück, darauf hatte ich nicht viel Einfluss. Ich wollte versuchen, Gedichte in der Sprache der Natur zu schreiben, denn ich bin umgeben von der Natur aufgewachsen und das ist die einzige Sprache, die ich kenne. Ich verstehe mich nicht auf diese städtische Sprache, die die urbanen Schriftsteller_innen verwenden. Sie verwenden viele Stadt-Referenzen, wie „Hauseingänge/-korridore“ (serb.: „haustori“) und „Kaffeehäuser“ (serb.: „kafići“). Ich spreche stattdessen von Pflanzen und Tieren.

Ich wollte ein lyrisches Ich erschaffen, das verletzlich ist und sich trotzdem immer behauptet, das kämpft und frohen Mutes bleibt, trotz der schwierigen Umstände und der Natur, die ich in erster Linie als rau und hart bezeichnen würde. Zudem wollte ich ein lyrisches Ich erschaffen, dem das Patriarchat, in dem es aufgewachsen ist, nicht erlaubt, das Frau-Sein voll auszuleben.

 

P.B.: Dient die Stadt als Antipode zum Dorf, in dem Männer dominieren, hat also die Stadt eine selbstbestimmte weibliche Perspektive auf sich selbst?

 

R.P.: Die Stadt könnte ein Ort größerer Freiheit sein, ein Ort, wo das Patriarchat nicht so dominant ist oder wo diese Dominanz wenigstens nicht so offensichtlich wird, wie auf dem Dorf. Das lyrische Ich sieht die Stadt als Ort, wo Frauen mehr „Rechte“ hatten oder mehr Möglichkeit, ihr weibliches Prinzip zu entwickeln. Das Patriarchat steht einer solchen Entwicklung oft im Weg und hält Frauen davon ab, ihre wahre Natur zu leben. Dieses Zurückgehaltenwerden wird im im lyrischen Subjekt sichtbar, einem Mädchen, das sich der traditionellen weiblichen Rolle nicht unterwirft und sich die Stärke und gesellschaftliche Rolle des Mannes für sich herausnimmt.

 

P.B.: Könnte man den Titel des Gedichts, das auch titelgebend für den Gedichtband ist, so fortführen: Meine Mama weiß, was in Städten vor sich geht, aber sie bleibt leider trotzdem auf dem Dorf? 

 

R.P.: Der Titel ist ironisch gemeint. In meiner Vorstellung steht er für eine Mutter, die aus dem Dorf heraus der Tochter erzählt, was einem Schlechtes und Gefährliches in der Stadt zustoßen kann, dabei war die Mutter selbst nie in der Stadt. Ich wollte einen Titel, der auf traurige Weise ironisch ist.

 

P.B.: Welche Rolle hat die Kuh als Motiv in deiner Poesie? Im Gedicht Die Sprache der Pflanzen wird über die Kuh als Objekt der Sehnsucht gesprochen. Der Eigenname der Kuh „Šarulja“ (dt.  Gefleckte)  hebt sich zusätzlich von dem restlichen kleingeschriebenen Text durch seine Großschreibung ab. Zudem schreibt man im Serbischen Gott groß, während fast alles andere (außer Eigennamen) klein. Rückt die Großschreibung der Kuh sie und die Tiere näher an Gott heran? 

 

R.P.: Die Kuh ist mein Lieblingstier, denn es ist das Lieblingstier meiner Mutter. In Serbien geben wir allen Kühen Namen. Sie heißen meist Šarulja, Macula, Zvatula usw. Was Götter anbelangt, so schreiben wir in Serbien das, was heilig ist und das wir respektieren, mit großem Buchstaben. Eigentlich hatte ich Gott zuerst klein geschrieben, aber dann hat man mir gesagt, ich sollte das nochmal überdenken. Am Ende habe ich mich für die Großschreibung entschieden, mehr, weil ich aus einer sehr religiösen Familie komme, weniger, weil ich denke, dass es Gott wichtig ist, wie er geschrieben wird.

 

Persönliches Archiv, 2020.

P.B.: Im Gedicht Zwei Minuten ohne Poesie heißt es, die Haupterzählerin sei wie die Kuh Šarulja „falsch rum“ geboren. Da Kälber tatsächlich aus der menschlichen Perspektive „verkehrt herum“, nämlich zuerst mit den Beinen, auf die Welt kommen, lese ich in diesen Zeilen das Thematisieren einer Abweichung von der Norm, vielleicht sogar eine Metapher für die Verschmelzung des Männlichen und Weiblichen, für das männlich Geborene im weiblichen Körper (auch „intersex“ genannt)?

 

R.P.: Meine Mutter hat ihr Leben lang Kühe gehalten. Die Kuh ist somit die einzige Konstante in ihrem Leben. Die Kuh ist darüber hinaus ein Symbol für Wohlstand und Sicherheit. Sie ist auch auf ihre Art ein Wärme-Quell, das wissen alle, die sich auch nur einmal auf einer Wiese oder im Stall zwischen Kühen befunden haben. Die Kuh wird, nachdem das lyrische Ich das Dorf verlassen hat, zum Symbol für die Sehnsucht nach Wärme und nach dem Ort des Aufwachsens. In Serbien kommentiert man mit „verkehrt herum“ (serb.: „naopako“, Anm. d. Red.: im Sinne von „abweichend“) alles, was nicht in Einklang mit traditionellen Vorstellungen von Geschlecht steht. Das lyrische Ich passt nicht in die traditionellen Schubladen. Deswegen nennt es sich selbst – ein wenig traurig, ein wenig ironisch – „verkehrt“.

 

P.B.: Die Kuh kommt sehr oft in deinen Gedichten vor. Du hast eine besondere Verbindung zu ihr, nicht wahr?

 

R.P.: Die Kuh ist das dominate Tier meiner Kindheit. Sie ist das Symbol für Stabilität und in meiner Familie hat man ihr viel Aufmerksamkeit gewidmet. Wird die Kuh krank, ist das wie ein abergläubischer Fluch, der sich auf die Familie legt. Alle denken nur noch daran, wie man sie wieder heilen kann. Denn wenn einem die Kuh stirbt, ist das ein großer Verlust für die Familie, mindestens tausend Euro, was für eine ja relativ arme serbische Familie auf dem Land ein großes Unglück bedeutet. Die Menschen hängen sehr an Kühen. Wenn sie kalben, ist die ganze Familie dabei. Meine Eltern verdienen einen Teil ihres Einkommens mit der Herstellung von Käse und dem Verkauf von Kajmak (Anm. d. Red.: ein Milchprodukt, Quark- oder Sahneähnlich). Wir hatten immer Kühe im Haushalt, es war meine Aufgabe, sie zu hüten, auf sie aufzupassen, nach ihnen zu sehen. Die Kuh ist mein Lieblingstier.

 

P.B.: Und die größte Konkurrenz in den Augen der Mutter?

 

R.P.: Ja, manchmal war ich eifersüchtig auf diese Kühe, denn meine Eltern haben ihnen mehr Aufmerksamkeit geschenkt als uns Kindern.

 

Der Traktor kommt neben der Kuh häufig als Motiv im Gedichtband vor. Persönliches Archiv, 2020.

P.B.: In der Sprache der Pflanzen schreibst du über das schwere Erbe, dass die Männer der Menschheit hinterlassen haben. Leidet die Erde unter Kriegen und menschengemachter Zerstörung? Ist die Pflanzensprache eine Frauensprache? 

 

R.P.: An Kriegen leidet nur der Mensch, an Zerstörung ebenso. Die Erde ist unzerstörbar; sie findet immer Wege sich zu erneuern, aber niemand garantiert, dass die Menschheit diese Selbsterneuerung überlebt. Die Sprache der Pflanzen ist nicht zwangsläufig eine weibliche Sprache. Es ist die Sprache, die sich aus all jenen Worten zusammensetzt, die wir geliebten Menschen nicht gesagt haben, aber hätten sagen sollen.

 

P.B.: Kosova ist eine Schlüsselfrage für Serbien und den ganzen Balkan. Nicht nur für den nationalen Gründungsmythos Serbiens, die Schlacht am Amselfeld, dem „Kosovo Polje“, sondern auch als konkrete Frage für die außenpolitische Orientierung des Landes. Die Europäische Union fordert Serbien zur Anerkennung Kosovas als eigenständigem Staat auf, um der EU überhaupt beitreten zu können. Dein Gedicht Ich bin Serbin, aber Kosovo ist nicht in meinem Herzen, sondern du bezieht sich auf den in Serbien noch heute so wichtigen Kosovo-Mythos und stellt den Großvater und Vater als Teilnehmer an Kriegen (Zweiter Weltkrieg, Jugoslawische Kriege) den mutigen und liebenden Frauen gegenüber. Ist der Krieg für dich ein männliches Prinzip? 

 

R.P.: Nein, ich denke nicht, dass der Krieg männlich ist. Ich denke, dass die Kraft der Frauen größer ist als die der Männer und dass daher Frauen immer die größeren Siegesaussichten haben, besonders die verliebten. Frauen waren nun zum Glück nicht diejenigen, die in der Geschichte Kriege begonnen haben und genau deshalb können sie ein entscheidender Faktor für die Versöhnung sein. Ich stelle also der kriegerischen Kraft der Männer eine erotische Kraft entgegen. Frauen führen auch Kriege, aber sie führen nicht so falsche Kriege, etwa um Territorien. Frauen kämpfen immer für bestimmte höhere Werte. Dabei sind besonders verliebte Frauen gefährlich. Frauen haben eine überaus große Kraft, das ist ihre erotische Kraft. Ich denke im Übrigen auch, dass sie viel gefährlicher sind als Männer. Dieses Gedicht soll genau darüber sprechen, also über die Kraft der Frauen als Antipode zu dieser Kriegskultur, diesem Krieg, dieser männlichen Kraft. Frauen führen weitaus klügere Kriege.

Dieses Gedicht ist ein Versuch, die Kraft der Frau und die erotische Kraft über die hier gepflegte Todeskultur, über die Betonung des Kosovo zu erheben. Die Kosovo-Frage ist für die meisten Serb_innen eigentlich nicht das Hauptthema. Natürlich ist dies ein wichtiges Thema für die Serb_innen im Kosovo selbst, und es tut mir leid, wenn sie nicht die Rechte und Freiheiten haben, die sie ihrer Meinung nach haben sollten. Für uns andere ist der Kosovo wichtig wegen der Art und Weise, wie wir aufgewachsen sind und was unser Bildungssystem sagt, das bestimmte Emotionen in uns für dieses Territoriums produziert, das Lernen, dass das „unseres“ ist. Aber wenn du in diesen Kosovo fährst, ist es real sehr anders, als wir es in der Schule gelernt haben. Und natürlich, wenn du das sagst, bist du ein „Verräter“ (serb.: „izdajnik“). Das ist ein Problem, mit dem man konfrontiert wird.

Vielleicht denkt der Präsident jeden Tag darüber nach, wenn er aufwacht, weil das eine politische Frage ist, die gelöst werden muss, aber dieses Gedicht soll eine Rebellion ausdrücken; nämlich dass diese politischen Fragen, auf die man so sehr insistiert, dem einfachen Volk nicht so wichtig sind. Beispielsweise spreche ich mit meinen Freunden nicht über die Kosovo-Frage; wir reden darüber, wer mit wem zusammen ist, wer weswegen leidet usw. Wichtig ist auch, dass das einfache Volk keine Möglichkeit hat, diese Fragen zu lösen.

 

P.B.: In diesem Sinne ist auch die Ansprache an den Herrn General, „die roten Pfingstrosen blühen in Höschen“, zu verstehen?

 

R.P.: Die Pfingstrosen sind ein Symbol der serbischen leidvollen Niederlage am Amselfeld. Wir haben diesen Mythos, dass nach der Schlacht Pfingstrosen aus dem Blut serbischer Gefallener erwuchsen. Das aufzugreifen, ist sehr provokativ und ich wurde von serbisch-orthodox Gläubigen und der politischen Rechten auch scharf verurteilt. Ich war das Hauptthema auf Twitter, ich wurde zum kontroverstesten Gast der Sendung „24 Minuten“ von Zoran Kesić. Er moderiert diese Show seit Jahren, die sehr links gerichtet ist. Nachdem ich das Gedicht in der Sendung vorlas, beschuldigten mich Rechte, Kosovo verraten zu haben, mit meinen 23 Jahren. Ich wusste, dass diese Metapher sehr explosiv ist, aber es kommt darauf an, wie man das versteht: Wenn man es so interpretiert, dass eine ganze Nation aus weiblichen Fortpflanzungsorganen entsteht, kann dies ein Symbol der Macht sein. Aber sie entschieden sich dazu, es stattdessen als Symbol der Scham und der Herabsetzung eines nationalen Mythos zu verstehen. Es war also eine Entscheidung, negativ zu interpretieren.

Quelle des Beitragsbildes: Radmila Petrović 2021, © Marija Strajnić.

Die folgenden Übersetzungen sind von Rebekah Manlove und Philine Bickhardt im Rahmen der Sommerschule "Krisenszenarien und (junge) Literatur" in Halle 2021 angefertigt worden.

Devojka koja ne veruje u mitove

 

 

kod proročice smo išli

tata, mama i ja

rekla je biću muško

i nešto veliko

spasla mi je život

 

devojčice koje se ovako rode

ne poznaju bogove

za sedmi rođendan

kolju petla na panju

 

ne koriste maskaru

nego masat i francuski ključ

voze traktor

cede čvarke

i jedu kavurmu

 

to su one dugonoge devojke

što same šetaju

dok se prve pahulje tope

na krovu hotela Moskva

 

priđi im samo ako mozes

zavoleti muskarca u njima

 

 

 

 

 

Dva minuta bez poezije

 

znam, mama,

dali ste sve od sebe

ali sa mnom je krenulo

kao kad se Saruija telila

- naopako

 

a bila sam dobra u školi

uvek petice, dak generacije

 

a sad, kojim čes me travama lečiti

od topline njenih usana

 

za raspuste sam boravila na njivi

svi drugi na moru

sad znam da najtužnije leto

nije ono provedeno u malinama

 

deda je prodao tele

i kući nije dolazio dok ga nije propio

 

i ne samo toliku rakiju

popio je čitavo imanje

bezbriznost tvog detinjstva

baba je zbog njega prerano završila

 

neko će za to ispaštati

komšije su često govorile

 

mama, jesam li ja taj neko?

 

 

 

 

 

Srpkinja sam, al‘ mi Kosovo nije u srcu, nego ti

 

tata je prvo kukao na dedu

što nije hteo

ni u četnike

ni u partizane

pa su ga ganjali i jedini i drugi

 

onda na predsednika

 

uvek na Ameriku

 

ovde se u rat išlo ako nemaš

vezu u vojnom odseku

 

generale

pobedili bismo da si znao

 

jedna zaljubljena žena

opasnija je od NATO tenka

 

protivraketnu zaštitu

nosi u grudima

 

bokove uvek drži

u borbenom položaju

 

sreće ima toliko

da štiklom ne potrefi minu

 

pobogu čoveče, naspavajte se

 

u vezi s kosovskim pitanjem

generale

 

božuri cvetaju

 

u mojim gaćicama

 

 

 

 

 

 

Moja mama zna šta se dešava u gradovima

 

moja mama nema sina

nema overenu zdravstvenu knjižicu

njeno srce nije od čelika

 

surutka joj teče pod prstima

samoća se razlistava u stabljike kupusa

 

i samo je motika ostavlja bez daha

 

ona zna da su tatine ruke armirani beton

reči crni luk blizu očiju

 

razume jezik bilja

ima odgovor na pitanje zemlje

ali ćuti

 

ovde čudan znači dobar

a budak znači smrt

 

moja mama nema sina da je zaštiti

 

razumno je bilo jedino napustiti nas

 

naopako, mama

šta bi tek od mene bilo da si otišla

 

 

 

 

 

Jezik bilja

 

mama, sanjam livade

jutarnje izvođenje krava

kiše od kojih se grana

i narasta naš jezik bilja

 

oko čijeg će se vrata obaviti

rečenice-bršljani

kad rastvore fasade porodičnih kuća

 

mama, živim u gradu

ali ja sam rudar

zatrpan pitanjima zemlje

 

koja se do sada

nasleđivala po muškoj liniji

a kad sam se rodila

ona je postala miraz

 

u suton se međe

ocrtavaju na mojim dlanovima

 

poput zvuka vode

sekundu pre ključanja

tako čujem bujanje naših biljaka

neke su reči toliko nežne

da ih čuvamo u plastenicima

 

da li da im otkrijemo, mama?

 

jezik bilja

nema veze s tim odakle ste

 

jezikom bilja govore majka i ćerka

kad ne pričaju dovoljno

Das Mädchen, das nicht an Mythen glaubt

 

 

zur prophetin gingen wir

papa, mama und ich

sie sagte, ich werde männlich sein

und etwas großes

sie rettete mir das leben

 

mädchen, die so geboren sind

kennen die götter nicht

zum siebten geburtstag

schlachten sie den hahn auf einem baumstumpf

 

wimperntusche nutzen sie nicht

sondern wetzstab und schraubenschlüssel

fahren traktor

pressen schweinegriebe aus

und essen kavurma

 

das sind diese langbeinigen mädchen

die alleine spazieren gehen

während die ersten flocken schmelzen

auf dem dach des hotels “Moskva”

 

nähere dich ihnen nur, wenn du dich

in den mann in ihnen verlieben kannst

 

 

Übersetzt von Philine Bickhardt

 

 

Zwei Minuten ohne Poesie

 

ich weiß, mama,

ihr habt alles von euch gegeben

bei mir gings so los,

wie bei Sarulja  als sie kalbte

- kopfüber

 

in der schule war ich gut

immer einsen, jahrgangsbeste

 

aber jetzt, mit welchen kräutern wirst du mich

von der wärme ihrer lippen heilen?

 

für die ferien blieb ich auf dem feld

alle anderen am meer

jetzt weiß ich, dass der in himbeeren verbrachte sommer nicht der traurigste ist

 

opa hat das kalb verkauft

und er kam nicht eher nach hause, bis er es nicht versoffen hatte

 

und nicht nur so viel rakija

er hat den ganzen hof vertrunken

die unbeschwertheit deiner kindheit

oma ist wegen ihm vorzeitig von uns gegangen

 

jemand wird es ausbaden

haben die nachbarn oft gesagt

 

mama, bin ich dieser jemand?

 

 

Übersetzt von Philine Bickhardt

 

 

Ich bin Serbin, aber nicht der Kosovo ist in meinem Herzen, sondern du

 

papa hat über opa geklagt

weil er weder zu den tschetniks

noch zu den partisanen wollte

so jagten ihn die einen wie die anderen

 

 

dann über den präsidenten

 

immer über Amerika

 

hier zogst du in den krieg, wenn du keine

beziehungen zum militär hattest

 

herr general

wir hätten gesiegt, hättest du gewusst

 

eine verliebte frau

ist gefährlicher als ein NATO panzer

 

ein raketenabwehrsystem

trägt sie in den brüsten

 

die hüften hält sie immer

in kampfstellung

 

sie hat so viel glück

dass ihr absatz keine mine trifft

 

um gotteswillen mensch, schlafen sie sich aus

 

und in verbindung mit der kosovo frage

herr general

 

rote pfingstrosen blühen

 

in meinem höschen

 

 

Übersetzt von Rebekah Manlove

 

 

Meine Mama weiß, was in den Städten vor sich geht

 

meine mama hat keinen sohn

sie hat keine gültige krankenversicherung

ihr herz ist nicht aus stein

 

molke fließt ihr unter den fingern

einsamkeit entblättert sich in kohlstrünken

 

und nur die hacke lässt sie atemlos zurück

 

die weiß, papas arme sind stahlbeton

worte zwiebeln nah der augen

 

sie versteht die pflanzensprache

hat die antwort auf die frage der erde

aber schweigt

 

hier bedeutet merkwürdig gut

und spitzhacke bedeutet tod

 

meine mama hat keinen sohn, der sie beschützt

 

vernünftig war nur uns zu verlassen

 

andererseits, mama

was wäre bloß aus mir geworden, wärst du gegangen

 

 

Übersetzt von Rebekah Manlove

 

 

Pflanzensprache

 

mama, ich träume von wiesen

dem morgendlichen ausführen der kühe

dem regen, durch ihn verzweigt sich

und wächst unsere pflanzensprache

 

um wessen hals werden sich

efeu-sätze ranken

wenn sie die fassaden der familienhäuser auflösen

 

mama, ich wohne in der stadt

aber ich bin bergarbeiter

begraben von fragen der erde

 

bisher

in männlicher linie vererbt

wurde sie nach meiner geburt

zur mitgift

 

in der dämmerung zeichnen sich die feldgrenzen

auf meinen handflächen ab

 

wie das geräusch von wasser

eine sekunde vor dem brodeln

so höre ich das gedeihen unserer pflanzen

manche worte sind so sanft,

dass wir sie in gewächshäusern schonen

 

sollen wir es ihnen sagen, mama?

 

pflanzensprache

es hat nichts mit eurer herkunft zu tun

 

pflanzensprache sprechen mutter und tochter

wenn sie nicht genug reden

 

 

Übersetzt von Philine Bickhardt und Rebekah Manlove

Original: Radmila Petrović: „Moja mama zna šta se dešava u gradovima“. Beograd: PPM Enklava 2020.

„Herr General, rote Pfingstrosen blühen in meinem Höschen!“ - Interview mit der Belgrader Poetin Radmila Petrović – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Herr General, rote Pfingst­rosen blühen in meinem Hös­chen!“ – Inter­view mit der Bel­grader Poetin Rad­mila Petrović

Die viel­fach preis­gekrönte und in Bel­grad lebende junge Poetin Rad­mila Petrović und ich treffen uns „am Pferd“ auf dem Platz der Repu­blik, wie es alle Belgrader_innen tun, die sich auf einen Kaffee im Stadt­zen­trum ver­ab­reden. Sie kam gerade von einer Schreibre­si­denz aus dem Kosova zurück. So spre­chen wir gleich zu Beginn über die Kosovo-Frage, wäh­rend wir durch die Straßen des ehe­mals jüdi­schen Alt­stadt­vier­tels Dorćol ziehen, auf der Suche nach einem Café. In einem zen­tralen Gedicht aus ihrem 2020 erschie­nenen Gedicht­band Moja mama zna šta se dešava u gra­do­vima (dt. Meine Mama weiß, was in Städten vor sich geht) werden die pur­pur­roten Pfingst­rosen, Symbol für die hel­den­haft gestor­benen Krieger aus dem ser­bi­schen Nar­rativ rund um die legen­däre Schlacht am Amsel­feld von 1389 (serb.: „Kosovska bitka“)  mit Mens­trua­ti­ons­blut par­al­le­li­siert. Dem ser­bi­schen Grün­dungs­my­thos zufolge erlag der später dafür hei­lig­ge­spro­chene Fürst Lazar frei­willig der Osma­ni­schen Armee des Sul­tans Murat am Amsel­feld, im Aus­tausch für einen Platz im Him­mel­reich (serb.: „carstvo nebesko“). Es ist dieser natio­nale Mythos, der den Serb_innen die Aner­ken­nung der staat­li­chen Sou­ve­rä­nität so schwer macht. Je nachdem, ob man die weib­liche Mens­trua­tion als Scham oder Frucht­bar­keit deutet, kann diese Par­al­le­li­sie­rung als ver­leum­dend oder auf­wer­tend inter­pre­tiert werden. Für Rad­mila Petrović geht beides in der Poesie. 

Zum ser­bi­schen Ori­ginal geht es ⇒ hier.

Phi­line Bick­hardt: Dein Gedicht­band Meine Mama weiß, was in den Städten vor sich geht aus dem Jahr 2020 ist gerade in vierter Auf­lage im Verlag PPM Enklava erschienen. Als ich ihn gelesen habe, fiel mir beson­ders die Ver­bin­dung von Natur und Weib­lich­keit ins Auge. Das Titel­bild zeigt diese Ver­bin­dung: Eine nackte Frau in Gum­mi­stie­feln mit betonten Brüsten und langen Haaren steht vor rotem Hin­ter­grund in einer sche­ma­tisch dar­ge­stellten Wiese. Und sie sieht ziem­lich cool aus. Warum?

 

Rad­mila Petrović: Das Titel­blatt geht auf den Vor­schlag der Desi­gnerin Haj­dana Kostić zurück, darauf hatte ich nicht viel Ein­fluss. Ich wollte ver­su­chen, Gedichte in der Sprache der Natur zu schreiben, denn ich bin umgeben von der Natur auf­ge­wachsen und das ist die ein­zige Sprache, die ich kenne. Ich ver­stehe mich nicht auf diese städ­ti­sche Sprache, die die urbanen Schriftsteller_innen ver­wenden. Sie ver­wenden viele Stadt-Refe­renzen, wie „Haus­ein­gänge/-kor­ri­dore“ (serb.: „haus­tori“) und „Kaf­fee­häuser“ (serb.: „kafići“). Ich spreche statt­dessen von Pflanzen und Tieren.

Ich wollte ein lyri­sches Ich erschaffen, das ver­letz­lich ist und sich trotzdem immer behauptet, das kämpft und frohen Mutes bleibt, trotz der schwie­rigen Umstände und der Natur, die ich in erster Linie als rau und hart bezeichnen würde. Zudem wollte ich ein lyri­sches Ich erschaffen, dem das Patri­ar­chat, in dem es auf­ge­wachsen ist, nicht erlaubt, das Frau-Sein voll auszuleben.

 

P.B.: Dient die Stadt als Anti­pode zum Dorf, in dem Männer domi­nieren, hat also die Stadt eine selbst­be­stimmte weib­liche Per­spek­tive auf sich selbst?

 

R.P.: Die Stadt könnte ein Ort grö­ßerer Frei­heit sein, ein Ort, wo das Patri­ar­chat nicht so domi­nant ist oder wo diese Domi­nanz wenigs­tens nicht so offen­sicht­lich wird, wie auf dem Dorf. Das lyri­sche Ich sieht die Stadt als Ort, wo Frauen mehr „Rechte“ hatten oder mehr Mög­lich­keit, ihr weib­li­ches Prinzip zu ent­wi­ckeln. Das Patri­ar­chat steht einer sol­chen Ent­wick­lung oft im Weg und hält Frauen davon ab, ihre wahre Natur zu leben. Dieses Zurück­ge­hal­ten­werden wird im im lyri­schen Sub­jekt sichtbar, einem Mäd­chen, das sich der tra­di­tio­nellen weib­li­chen Rolle nicht unter­wirft und sich die Stärke und gesell­schaft­liche Rolle des Mannes für sich herausnimmt.

 

P.B.: Könnte man den Titel des Gedichts, das auch titel­ge­bend für den Gedicht­band ist, so fort­führen: Meine Mama weiß, was in Städten vor sich geht, aber sie bleibt leider trotzdem auf dem Dorf? 

 

R.P.: Der Titel ist iro­nisch gemeint. In meiner Vor­stel­lung steht er für eine Mutter, die aus dem Dorf heraus der Tochter erzählt, was einem Schlechtes und Gefähr­li­ches in der Stadt zustoßen kann, dabei war die Mutter selbst nie in der Stadt. Ich wollte einen Titel, der auf trau­rige Weise iro­nisch ist.

 

P.B.: Welche Rolle hat die Kuh als Motiv in deiner Poesie? Im Gedicht Die Sprache der Pflanzen wird über die Kuh als Objekt der Sehn­sucht gespro­chen. Der Eigen­name der Kuh „Šarulja“ (dt.  Gefleckte)  hebt sich zusätz­lich von dem rest­li­chen klein­ge­schrie­benen Text durch seine Groß­schrei­bung ab. Zudem schreibt man im Ser­bi­schen Gott groß, wäh­rend fast alles andere (außer Eigen­namen) klein. Rückt die Groß­schrei­bung der Kuh sie und die Tiere näher an Gott heran? 

 

R.P.: Die Kuh ist mein Lieb­lings­tier, denn es ist das Lieb­lings­tier meiner Mutter. In Ser­bien geben wir allen Kühen Namen. Sie heißen meist Šarulja, Macula, Zvatula usw. Was Götter anbe­langt, so schreiben wir in Ser­bien das, was heilig ist und das wir respek­tieren, mit großem Buch­staben. Eigent­lich hatte ich Gott zuerst klein geschrieben, aber dann hat man mir gesagt, ich sollte das nochmal über­denken. Am Ende habe ich mich für die Groß­schrei­bung ent­schieden, mehr, weil ich aus einer sehr reli­giösen Familie komme, weniger, weil ich denke, dass es Gott wichtig ist, wie er geschrieben wird.

 

Per­sön­li­ches Archiv, 2020.

P.B.: Im Gedicht Zwei Minuten ohne Poesie heißt es, die Haupt­er­zäh­lerin sei wie die Kuh Šarulja „falsch rum“ geboren. Da Kälber tat­säch­lich aus der mensch­li­chen Per­spek­tive „ver­kehrt herum“, näm­lich zuerst mit den Beinen, auf die Welt kommen, lese ich in diesen Zeilen das The­ma­ti­sieren einer Abwei­chung von der Norm, viel­leicht sogar eine Meta­pher für die Ver­schmel­zung des Männ­li­chen und Weib­li­chen, für das männ­lich Gebo­rene im weib­li­chen Körper (auch „intersex“ genannt)?

 

R.P.: Meine Mutter hat ihr Leben lang Kühe gehalten. Die Kuh ist somit die ein­zige Kon­stante in ihrem Leben. Die Kuh ist dar­über hinaus ein Symbol für Wohl­stand und Sicher­heit. Sie ist auch auf ihre Art ein Wärme-Quell, das wissen alle, die sich auch nur einmal auf einer Wiese oder im Stall zwi­schen Kühen befunden haben. Die Kuh wird, nachdem das lyri­sche Ich das Dorf ver­lassen hat, zum Symbol für die Sehn­sucht nach Wärme und nach dem Ort des Auf­wach­sens. In Ser­bien kom­men­tiert man mit „ver­kehrt herum“ (serb.: „nao­pako“, Anm. d. Red.: im Sinne von „abwei­chend“) alles, was nicht in Ein­klang mit tra­di­tio­nellen Vor­stel­lungen von Geschlecht steht. Das lyri­sche Ich passt nicht in die tra­di­tio­nellen Schub­laden. Des­wegen nennt es sich selbst – ein wenig traurig, ein wenig iro­nisch – „ver­kehrt“.

 

P.B.: Die Kuh kommt sehr oft in deinen Gedichten vor. Du hast eine beson­dere Ver­bin­dung zu ihr, nicht wahr?

 

R.P.: Die Kuh ist das domi­nate Tier meiner Kind­heit. Sie ist das Symbol für Sta­bi­lität und in meiner Familie hat man ihr viel Auf­merk­sam­keit gewidmet. Wird die Kuh krank, ist das wie ein aber­gläu­bi­scher Fluch, der sich auf die Familie legt. Alle denken nur noch daran, wie man sie wieder heilen kann. Denn wenn einem die Kuh stirbt, ist das ein großer Ver­lust für die Familie, min­des­tens tau­send Euro, was für eine ja relativ arme ser­bi­sche Familie auf dem Land ein großes Unglück bedeutet. Die Men­schen hängen sehr an Kühen. Wenn sie kalben, ist die ganze Familie dabei. Meine Eltern ver­dienen einen Teil ihres Ein­kom­mens mit der Her­stel­lung von Käse und dem Ver­kauf von Kajmak (Anm. d. Red.: ein Milch­pro­dukt, Quark- oder Sah­ne­ähn­lich). Wir hatten immer Kühe im Haus­halt, es war meine Auf­gabe, sie zu hüten, auf sie auf­zu­passen, nach ihnen zu sehen. Die Kuh ist mein Lieblingstier.

 

P.B.: Und die größte Kon­kur­renz in den Augen der Mutter?

 

R.P.: Ja, manchmal war ich eifer­süchtig auf diese Kühe, denn meine Eltern haben ihnen mehr Auf­merk­sam­keit geschenkt als uns Kindern.

 

Der Traktor kommt neben der Kuh häufig als Motiv im Gedicht­band vor. Per­sön­li­ches Archiv, 2020.

P.B.: In der Sprache der Pflanzen schreibst du über das schwere Erbe, dass die Männer der Mensch­heit hin­ter­lassen haben. Leidet die Erde unter Kriegen und men­schen­ge­machter Zer­stö­rung? Ist die Pflan­zen­sprache eine Frau­en­sprache? 

 

R.P.: An Kriegen leidet nur der Mensch, an Zer­stö­rung ebenso. Die Erde ist unzer­störbar; sie findet immer Wege sich zu erneuern, aber nie­mand garan­tiert, dass die Mensch­heit diese Selbst­er­neue­rung über­lebt. Die Sprache der Pflanzen ist nicht zwangs­läufig eine weib­liche Sprache. Es ist die Sprache, die sich aus all jenen Worten zusam­men­setzt, die wir geliebten Men­schen nicht gesagt haben, aber hätten sagen sollen.

 

P.B.: Kosova ist eine Schlüs­sel­frage für Ser­bien und den ganzen Balkan. Nicht nur für den natio­nalen Grün­dungs­my­thos Ser­biens, die Schlacht am Amsel­feld, dem „Kosovo Polje“, son­dern auch als kon­krete Frage für die außen­po­li­ti­sche Ori­en­tie­rung des Landes. Die Euro­päi­sche Union for­dert Ser­bien zur Aner­ken­nung Kosovas als eigen­stän­digem Staat auf, um der EU über­haupt bei­treten zu können. Dein Gedicht Ich bin Serbin, aber Kosovo ist nicht in meinem Herzen, son­dern du bezieht sich auf den in Ser­bien noch heute so wich­tigen Kosovo-Mythos und stellt den Groß­vater und Vater als Teil­nehmer an Kriegen (Zweiter Welt­krieg, Jugo­sla­wi­sche Kriege) den mutigen und lie­benden Frauen gegen­über. Ist der Krieg für dich ein männ­li­ches Prinzip? 

 

R.P.: Nein, ich denke nicht, dass der Krieg männ­lich ist. Ich denke, dass die Kraft der Frauen größer ist als die der Männer und dass daher Frauen immer die grö­ßeren Sie­gesaus­sichten haben, beson­ders die ver­liebten. Frauen waren nun zum Glück nicht die­je­nigen, die in der Geschichte Kriege begonnen haben und genau des­halb können sie ein ent­schei­dender Faktor für die Ver­söh­nung sein. Ich stelle also der krie­ge­ri­schen Kraft der Männer eine ero­ti­sche Kraft ent­gegen. Frauen führen auch Kriege, aber sie führen nicht so fal­sche Kriege, etwa um Ter­ri­to­rien. Frauen kämpfen immer für bestimmte höhere Werte. Dabei sind beson­ders ver­liebte Frauen gefähr­lich. Frauen haben eine überaus große Kraft, das ist ihre ero­ti­sche Kraft. Ich denke im Übrigen auch, dass sie viel gefähr­li­cher sind als Männer. Dieses Gedicht soll genau dar­über spre­chen, also über die Kraft der Frauen als Anti­pode zu dieser Kriegs­kultur, diesem Krieg, dieser männ­li­chen Kraft. Frauen führen weitaus klü­gere Kriege.

Dieses Gedicht ist ein Ver­such, die Kraft der Frau und die ero­ti­sche Kraft über die hier gepflegte Todes­kultur, über die Beto­nung des Kosovo zu erheben. Die Kosovo-Frage ist für die meisten Serb_innen eigent­lich nicht das Haupt­thema. Natür­lich ist dies ein wich­tiges Thema für die Serb_innen im Kosovo selbst, und es tut mir leid, wenn sie nicht die Rechte und Frei­heiten haben, die sie ihrer Mei­nung nach haben sollten. Für uns andere ist der Kosovo wichtig wegen der Art und Weise, wie wir auf­ge­wachsen sind und was unser Bil­dungs­system sagt, das bestimmte Emo­tionen in uns für dieses Ter­ri­to­riums pro­du­ziert, das Lernen, dass das „unseres“ ist. Aber wenn du in diesen Kosovo fährst, ist es real sehr anders, als wir es in der Schule gelernt haben. Und natür­lich, wenn du das sagst, bist du ein „Ver­räter“ (serb.: „izda­jnik“). Das ist ein Pro­blem, mit dem man kon­fron­tiert wird.

Viel­leicht denkt der Prä­si­dent jeden Tag dar­über nach, wenn er auf­wacht, weil das eine poli­ti­sche Frage ist, die gelöst werden muss, aber dieses Gedicht soll eine Rebel­lion aus­drü­cken; näm­lich dass diese poli­ti­schen Fragen, auf die man so sehr insis­tiert, dem ein­fa­chen Volk nicht so wichtig sind. Bei­spiels­weise spreche ich mit meinen Freunden nicht über die Kosovo-Frage; wir reden dar­über, wer mit wem zusammen ist, wer wes­wegen leidet usw. Wichtig ist auch, dass das ein­fache Volk keine Mög­lich­keit hat, diese Fragen zu lösen.

 

P.B.: In diesem Sinne ist auch die Ansprache an den Herrn General, „die roten Pfingst­rosen blühen in [Mädchen-]Höschen“, zu verstehen? 

 

R.P.: Die Pfingst­rosen sind ein Symbol der ser­bi­schen leid­vollen Nie­der­lage am Amsel­feld. Wir haben diesen Mythos, dass nach der Schlacht Pfingst­rosen aus dem Blut ser­bi­scher Gefal­lener erwuchsen. Das auf­zu­greifen, ist sehr pro­vo­kativ und ich wurde von ser­bisch-orthodox Gläu­bigen und der poli­ti­schen Rechten auch scharf ver­ur­teilt. Ich war das Haupt­thema auf Twitter, ich wurde zum kon­tro­vers­testen Gast der Sen­dung „24 Minuten“ von Zoran Kesić. Er mode­riert diese Show seit Jahren, die sehr links gerichtet ist. Nachdem ich das Gedicht in der Sen­dung vorlas, beschul­digten mich Rechte, Kosovo ver­raten zu haben, mit meinen 23 Jahren. Ich wusste, dass diese Meta­pher sehr explosiv ist, aber es kommt darauf an, wie man das ver­steht: Wenn man es so inter­pre­tiert, dass eine ganze Nation aus weib­li­chen Fort­pflan­zungs­or­ganen ent­steht, kann dies ein Symbol der Macht sein. Aber sie ent­schieden sich dazu, es statt­dessen als Symbol der Scham und der Her­ab­set­zung eines natio­nalen Mythos zu ver­stehen. Es war also eine Ent­schei­dung, negativ zu interpretieren.

Quelle des Bei­trags­bildes: Rad­mila Petrović 2021, © Marija Strajnić.

Die fol­genden Über­set­zungen sind von Rebekah Manlove und Phi­line Bick­hardt im Rahmen der Som­mer­schule “Kri­sen­sze­na­rien und (junge) Lite­ratur” in Halle 2021 ange­fer­tigt worden.

Devojka koja ne veruje u mitove

 

 

kod proročice smo išli

tata, mama i ja

rekla je biću muško

i nešto veliko

spasla mi je život

 

devo­jčice koje se ovako rode

ne poz­naju bogove

za sedmi rođendan

kolju petla na panju

 

ne koriste maskaru

nego masat i fran­cuski ključ

voze traktor

cede čvarke

i jedu kavurmu

 

to su one dugo­noge devojke

što same šetaju

dok se prve pahulje tope

na krovu hotela Moskva

 

priđi im samo ako mozes

zavo­leti mus­karca u njima

 

 

 

 

 

Dva minuta bez poezije

 

znam, mama,

dali ste sve od sebe

ali sa mnom je krenulo

kao kad se Saruija telila

- nao­pako

 

a bila sam dobra u školi

uvek petice, dak generacije

 

a sad, kojim čes me tra­vama lečiti

od topline njenih usana

 

za ras­puste sam bora­vila na njivi

svi drugi na moru

sad znam da naj­tuž­nije leto

nije ono pro­ve­deno u malinama

 

deda je prodao tele

i kući nije dolazio dok ga nije propio

 

i ne samo toliku rakiju

popio je čitavo imanje

bez­briz­nost tvog detinjstva

baba je zbog njega prerano završila

 

neko će za to ispaštati

komšije su često govorile

 

mama, jesam li ja taj neko?

 

 

 

 

 

Srpkinja sam, al‘ mi Kosovo nije u srcu, nego ti 

 

tata je prvo kukao na dedu

što nije hteo

ni u četnike

ni u partizane

pa su ga gan­jali i jedini i drugi

 

onda na predsednika

 

uvek na Ameriku

 

ovde se u rat išlo ako nemaš

vezu u vojnom odseku

 

gene­rale

pobe­dili bismo da si znao

 

jedna zal­jub­ljena žena

opas­nija je od NATO tenka

 

pro­tiv­ra­ketnu zaštitu

nosi u grudima

 

bokove uvek drži

u bor­benom položaju

 

sreće ima toliko

da štiklom ne pot­refi minu

 

pobogu čoveče, nas­pa­vajte se

 

u vezi s kosovskim pitanjem

gene­rale

 

božuri cve­taju

 

u mojim gaćicama

 

 

 

 

 

 

Moja mama zna šta se dešava u gradovima

 

moja mama nema sina

nema overenu zdravst­venu knjižicu

njeno srce nije od čelika

 

surutka joj teče pod prstima

samoća se raz­listava u sta­bljike kupusa

 

i samo je motika ost­avlja bez daha

 

ona zna da su tatine ruke armi­rani beton

reči crni luk blizu očiju

 

razume jezik bilja

ima odgovor na pitanje zemlje

ali ćuti

 

ovde čudan znači dobar

a budak znači smrt

 

moja mama nema sina da je zaštiti

 

razumno je bilo jedino napus­titi nas

 

nao­pako, mama

šta bi tek od mene bilo da si otišla

 

 

 

 

 

Jezik bilja

 

mama, sanjam livade

jutarnje izvođenje krava

kiše od kojih se grana

i narasta naš jezik bilja

 

oko čijeg će se vrata obaviti

reče­nice-bršl­jani

kad rast­vore fasade poro­dičnih kuća

 

mama, živim u gradu

ali ja sam rudar

zatrpan pitan­jima zemlje

 

koja se do sada

nas­leđi­vala po muškoj liniji

a kad sam se rodila

ona je postala miraz

 

u suton se međe

ocrta­vaju na mojim dlanovima

 

poput zvuka vode

sekundu pre ključanja

tako čujem bujanje naših biljaka

neke su reči toliko nežne

da ih čuvamo u plastenicima

 

da li da im otkri­jemo, mama?

 

jezik bilja

nema veze s tim odakle ste

 

jez­ikom bilja govore majka i ćerka

kad ne pričaju dovoljno

Das Mäd­chen, das nicht an Mythen glaubt

 

 

zur pro­phetin gingen wir

papa, mama und ich

sie sagte, ich werde männ­lich sein

und etwas großes

sie ret­tete mir das leben

 

mäd­chen, die so geboren sind

kennen die götter nicht

zum siebten geburtstag

schlachten sie den hahn auf einem baumstumpf

 

wim­pern­tu­sche nutzen sie nicht

son­dern wetz­stab und schraubenschlüssel

fahren traktor

pressen schwei­ne­griebe aus

und essen kavurma

 

das sind diese lang­bei­nigen mädchen

die alleine spa­zieren gehen

wäh­rend die ersten flo­cken schmelzen

auf dem dach des hotels “Moskva”

 

nähere dich ihnen nur, wenn du dich

in den mann in ihnen ver­lieben kannst

 

 

Über­setzt von Phi­line Bickhardt

 

 

Zwei Minuten ohne Poesie

 

ich weiß, mama,

ihr habt alles von euch gegeben

bei mir gings so los,

wie bei Sar­ulja  als sie kalbte

- kopf­über

 

in der schule war ich gut

immer einsen, jahrgangsbeste

 

aber jetzt, mit wel­chen kräu­tern wirst du mich

von der wärme ihrer lippen heilen?

 

für die ferien blieb ich auf dem feld

alle anderen am meer

jetzt weiß ich, dass der in him­beeren ver­brachte sommer nicht der trau­rigste ist

 

opa hat das kalb verkauft

und er kam nicht eher nach hause, bis er es nicht ver­soffen hatte

 

und nicht nur so viel rakija

er hat den ganzen hof vertrunken

die unbe­schwert­heit deiner kindheit

oma ist wegen ihm vor­zeitig von uns gegangen

 

jemand wird es ausbaden

haben die nach­barn oft gesagt

 

mama, bin ich dieser jemand?

 

 

Über­setzt von Phi­line Bickhardt

 

 

Ich bin Serbin, aber nicht der Kosovo ist in meinem Herzen, son­dern du 

 

papa hat über opa geklagt

weil er weder zu den tschetniks

noch zu den par­ti­sanen wollte

so jagten ihn die einen wie die anderen

 

 

dann über den präsidenten

 

immer über Amerika

 

hier zogst du in den krieg, wenn du keine

bezie­hungen zum militär hattest

 

herr general

wir hätten gesiegt, hät­test du gewusst

 

eine ver­liebte frau

ist gefähr­li­cher als ein NATO panzer

 

ein rake­ten­ab­wehr­system

trägt sie in den brüsten

 

die hüften hält sie immer

in kampf­stel­lung

 

sie hat so viel glück

dass ihr absatz keine mine trifft

 

um got­tes­willen mensch, schlafen sie sich aus

 

und in ver­bin­dung mit der kosovo frage

herr general

 

rote pfingst­rosen blühen

 

in meinem höschen

 

 

Über­setzt von Rebekah Manlove

 

 

Meine Mama weiß, was in den Städten vor sich geht 

 

meine mama hat keinen sohn

sie hat keine gül­tige krankenversicherung

ihr herz ist nicht aus stein

 

molke fließt ihr unter den fingern

ein­sam­keit ent­blät­tert sich in kohlstrünken

 

und nur die hacke lässt sie atemlos zurück

 

die weiß, papas arme sind stahlbeton

worte zwie­beln nah der augen

 

sie ver­steht die pflanzensprache

hat die ant­wort auf die frage der erde

aber schweigt

 

hier bedeutet merk­würdig gut

und spitz­hacke bedeutet tod

 

meine mama hat keinen sohn, der sie beschützt

 

ver­nünftig war nur uns zu verlassen

 

ande­rer­seits, mama

was wäre bloß aus mir geworden, wärst du gegangen

 

 

Über­setzt von Rebekah Manlove

 

 

Pflan­zen­sprache

 

mama, ich träume von wiesen

dem mor­gend­li­chen aus­führen der kühe

dem regen, durch ihn ver­zweigt sich

und wächst unsere pflanzensprache

 

um wessen hals werden sich

efeu-sätze ranken

wenn sie die fas­saden der fami­li­en­häuser auflösen

 

mama, ich wohne in der stadt

aber ich bin bergarbeiter

begraben von fragen der erde

 

bisher

in männ­li­cher linie vererbt

wurde sie nach meiner geburt

zur mit­gift

 

in der däm­me­rung zeichnen sich die feldgrenzen

auf meinen hand­flä­chen ab

 

wie das geräusch von wasser

eine sekunde vor dem brodeln

so höre ich das gedeihen unserer pflanzen

manche worte sind so sanft,

dass wir sie in gewächs­häu­sern schonen

 

sollen wir es ihnen sagen, mama?

 

pflan­zen­sprache

es hat nichts mit eurer her­kunft zu tun

 

pflan­zen­sprache spre­chen mutter und tochter

wenn sie nicht genug reden

 

 

Über­setzt von Phi­line Bick­hardt und Rebekah Manlove

Ori­ginal: Rad­mila Petrović: „Moja mama zna šta se dešava u gra­do­vima“. Beo­grad: PPM Enklava 2020.