Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Das ist keine Kunst, son­dern all­täg­liche Praxis.“ Inter­view mit Giorgi Kha­saia

Giorgi Kha­saia lebt in der post­in­dus­tri­ellen Stadt Kutaisi, die einst als wich­tiges Zen­trum der geor­gi­schen (und rus­si­schen) Moderne galt. Dieser lite­ra­ri­schen Tra­di­tion fol­gend stellt er heute mit seinem Cyber-Theater eine der radi­kalsten Stimmen des Landes dar. Mit Gedichten, Sound­ex­pe­ri­menten und Vide­oper­for­mances geht er an die Öffent­lich­keit, nebenbei über­setzt er rus­si­sche und ame­ri­ka­ni­sche poli­ti­sche Lyrik ins Geor­gi­sche. Wir trafen ihn in Kutaisi und spra­chen mit ihm über seine Expe­ri­mente, die Mar­gi­na­li­sie­rung der Kultur und sein Pro­jekt, die Sprache und Lite­ratur von alten Macht­struk­turen zu befreien.

 

Khasaia

 

novinki: Was genau ist das Cyber-Theater?

 

Giorgi Kha­saia: Das Cyber-Theater ist ein Inter­net­pro­jekt, das wir begonnen haben, poli­ti­sche Kom­men­tare zu bestimmten poli­ti­schen Pro­zessen in Geor­gien. Manche Leute sagen, es ist Kunst, aber wir erkennen es eigent­lich nicht als Kunst an. Es sind vor­der­gründig poli­ti­sche und soziale Kom­men­tare. Wir, das sind Giorgi Tsurts­umia, Vako Nacv­lish­vili, Mirian Gor­godze, Levan Bibileish­vili und ich.

 

n.: Wie und wann habt Ihr damit ange­fangen?

 

G.K.: Das hängt mit der Saa­kash­vili-Periode zusammen, die nach der Rosen­re­vo­lu­tion 2003 begonnen hat. Da hat im Grunde eine radikal rechts­ge­rich­tete Politik ange­fangen, und wir haben uns ent­schieden, unsere Mei­nungen aus­zu­drü­cken, und Videos zu drehen. Nichts Beson­deres eigent­lich, das machen viele Men­schen hier. Wir haben schon seit unserer Kind­heit Gedichte geschrieben und auch über­setzt. Jetzt über­setzen wir zeit­ge­nös­si­sche rus­si­sche und ame­ri­ka­ni­sche poli­ti­sche Poesie.

 

n.: Welche AutorInnen über­setzt Ihr?

 

G.K.: Aus Russ­land zum Bei­spiel Kirill Med­vedev, Pavel Arsen’ev und Valerij Nugatov, die ich sehr inter­es­sant finde. Arsen’ev hat auch unsere Gedichte in dem Magazin Translit ver­öf­fent­licht. Aber wir über­setzen auch ame­ri­ka­ni­sche Dich­te­rInnen, dabei haben wir her­aus­ge­funden, dass rus­si­sche und ame­ri­ka­ni­sche zeit­ge­nös­si­sche poli­ti­sche Poesie ein­ander sehr ähn­lich sind.
Von den ame­ri­ka­ni­schen Autoren über­setzen wir vor allem lan­guage poetry, da sind am inter­es­san­testen Michael Palmer und Charles Bern­stein, aber auch junge Dich­te­rInnen wie Shane Allison.

 

n.: Seid Ihr mit ihnen auch in aktivem Dialog?

 

G.K.: Mit den ame­ri­ka­ni­schen AutorInnen nicht, mit den rus­si­schen schon. Manche meiner Gedichte gibt es auch auf Rus­sisch. Das ist natür­lich auch eine poli­ti­sche Frage, Geor­gien und Russ­land sind kul­tu­rell enger ver­bunden. Jetzt gibt es mehr Ein­fluss aus den USA, aber eher durch Hol­ly­wood und Pop-Kultur. Für mich ist es ein sehr inter­es­santer Moment, wie rus­si­sche und ame­ri­ka­ni­sche Kultur gleich­zeitig hier wirken. Es gibt auch ein Gedicht von mir auf Eng­lisch, Kil­ling a cop.

n.: Über welche Themen schreibst Du?

 

G.K.: Über die Rolle des „kleinen Mannes“ im Spät­ka­pi­ta­lismus, in der heu­tigen Situa­tion. Über die Pro­bleme des Pre­ka­riats – denn wir sind das Pre­ka­riat. Die geor­gi­sche Gesell­schaft teilt sich in Gewinner und Ver­lierer, das ist der Haupt­un­ter­schied zwi­schen den Men­schen. Hier herrscht wilder Kapi­ta­lismus, aber unsere Pro­bleme sind nicht nur der Kapi­ta­lismus, son­dern vor allem kul­tu­rell. Wenn eine Kultur in eine andere über­geht, inter­es­sieren mich dabei vor allem die Grenzen und Zwi­schen­räume. Geor­gien ist ein Treff­punkt ver­schie­dener Kul­turen, wie es in vielen kleinen Län­dern der Fall ist. Mit Grenzen meine ich dabei, wo bei­spiels­weise das Rus­si­sche auf­hört und das Ame­ri­ka­ni­sche beginnt. Hei­degger sagte „Die alten Götter sind tot, aber die neuen sind noch nicht da“. Unsere Situa­tion zeigt das sehr gut.

 

n.: Befindet sich die geor­gi­sche Kultur gene­rell in einer Art Zwi­schen­phase?

 

G.K.: Einmal habe ich die Situa­tion in Geor­gien als com­man­dant times bezeichnet, als Aus­nah­me­zu­stand. So wie es das zum Bei­spiel in Chile gab, so eine Situa­tion, in der das Militär bestimmte Sachen ver­bietet, wie etwa nachts auf die Straße zu gehen. Die Frei­heit wird massiv ein­ge­schränkt. Ich denke, dass dieser Zustand hier jetzt in der Kultur exis­tiert, und für bestimmte Zwecke instru­men­ta­li­siert wird. An der Macht ist immer noch die soge­nannte Rote Intel­li­genzia. Das heißt, die, die sich damals als Kom­mu­nisten und dann als Libe­rale aus­ge­geben haben, lügen uns heute vor, Natio­na­listen zu sein. Diese Leute waren es gewöhnt, im Kom­mu­nismus gut zu leben, und nach dem Zer­fall der Sowjet­union waren sie plötz­lich Libe­rale. Gam­sachurdia war zwar radi­kaler Natio­na­list, aber ich habe noch mehr gegen die Rote Intel­li­genzia als gegen ihn – gegen die alten Leute, die sich heute als Natio­na­listen aus­geben, denn sie besetzen das kul­tu­relle Feld. Sie lassen nie­manden durch ohne Passierschein:Du brauchst im Kul­tur­be­trieb einen Aus­weis, um teil­nehmen zu können. Alle wirk­lich neuen Ideen in der Kunst oder Kultur, die seit den 1990ern ent­standen sind, wurden von den Men­schen, die der Macht nahe stehen, mar­gi­na­li­siert. Sie haben jah­re­lang gelernt, wie man an die Macht kommt, sie sind immer noch hier und wurden die wich­tigsten Kultur-Kom­man­danten. Und jetzt haben sie neue Ver­bün­dete gefunden, neue Partner wie etwa die ortho­doxe Kirche.

 

n.: War das kul­tu­relle Leben in den 1990er Jahren frucht­barer als heute?

 

G.K.: In den 1990ern war das Leben sehr inter­es­sant, trotz Bür­ger­krieg und Armut. Plötz­lich traten da solche Figuren auf wie der Dichter und Künstler Karlo Kach­a­rava, David Chixladze, Shota Iatash­vili, Davit Barbak­adze – das heißt, Leute mit ver­schie­denen Ansichten und ästhe­ti­schen Pro­jekten, die waren alle irgendwie „Engel der Revo­lu­tion“. Und plötz­lich pas­sierte etwas Komi­sches: Die Groß­väter der Roten Intel­li­genzia haben diese talen­tierten Men­schen aus der kul­tu­rellen Szene ver­drängt. Und in meiner Genera­tion wurden die Leute von diesen Groß­vä­tern erzogen und sind so den Groß­vä­tern ähn­li­cher als den Vätern. Es ent­stand eine Allianz der Groß­väter und Enkel gegen die Väter. Das ist eine sehr selt­same Situa­tion, und ich denke, es ist ein Resultat dieses soge­nannten Aus­nah­me­zu­stands. Die Enkel sind jetzt eine Mischung aus der Roten Intel­li­genzia und der ortho­doxen Kirche, das ist eine eigen­ar­tige Hybride. Unsere Genera­tion ist heute die Haupt­stütze der ortho­doxen Kirche.

n.: Was ist Eure Stra­tegie, um dem etwas ent­ge­gen­zu­setzen?

 

G.K.: Man muss unter anderem die kul­tu­rellen Helden der 1990er reha­bi­li­tieren. Ein wich­tiges Moment ist, einen Pro­zess zu starten, auch wenn es eine Imi­ta­tion ist, einen neuen Kanon zu erschaffen, neue Gesetze. Alles, was wir machen, mit unseren Über­set­zungen aus dem Eng­li­schen und Rus­si­schen, ist die Erschaf­fung eines neuen Kanons. In Geor­gien gibt es heute einen Haupt-Dis­kurs in der Lite­ratur und der lautet: Ein geor­gi­scher Dichter ist zweimal Dichter, weil jeder Geor­gier schon an sich ein Dichter ist. Gedichte sind ein wich­tiger Bestand­teil der geor­gi­schen Kultur und Geschichte, und wir wollen uns davon befreien. Lite­ratur soll Lite­ratur sein, und soll auch poli­tisch sein. Das ist nicht unsere Idee, son­dern kommt natür­lich aus der Avant­garde-Bewe­gung Anfang des 20. Jahr­hun­derts. Maja­kovskij ist mein Lieb­lings­dichter und eine große Inspi­ra­tion.

 

n.: Wie ist Deine Bezie­hung zur Sprache?

 

G.K.: Die Sprache muss befreit werden. Ers­tens ist die Sprache gefangen in der Kirche, zwei­tens in den Medien. Das heißt, wir reden und schreiben in der Sprache, die schon geschrieben ist, von diesen beiden Insti­tu­tionen. In diesem Sinne fanden auch sehr inter­es­sante Expe­ri­mente in Ame­rika statt, in den 1960ern bei­spiels­weise, da gab es die Gruppe Lan­guage Poetry. In Geor­gien gab es ähn­liche Ver­suche bei Davit Barbak­adze, Zaza Bur­ch­ul­adze, auch bei Giorgi Mai­suradze – sein letztes Buch Kill Tbi­lisi ist beein­dru­ckend, er macht meiner Mei­nung nach auch Expe­ri­mente mit der Sprache. Nur unsere Lite­ra­tur­ex­perten hier wissen nicht, was sie mit diesem Buch tun sollen, weil nie­mand bisher so etwas oder Ähn­li­ches geschrieben hat.
Wir expe­ri­men­tieren viel, das kommt natür­lich aus einer gewissen Liebe zur Sprache. Wir lieben unsere Mut­ter­sprache, so wie Roland Bar­thes die Mut­ter­sprache mit dem Körper der Mutter ver­gli­chen hat. Du arbei­test mit der Mut­ter­sprache wie mit dem Körper der eigenen Mutter, es ist also etwas sehr Inzes­tuöses. Sprache ist etwas sehr Ero­ti­sches. Oder etwa nicht?

n.: Und auch etwas Magi­sches, gerade in Ver­bin­dung mit Per­for­mance und Stimme?

 

G.K.: Ja, natür­lich. Das sind Rituale, Sprach-Rituale. Sprache ist über­haupt immer ein Ritual.

 

Das Inter­view führte Phi­lo­mena Grassl.

 

Wei­ter­füh­rende Links:

vimeo.com/user8747430
https://soundcloud.com/user2599633
http://cytheatre.wordpress.com/http://www.youtube.com/watch?v=wKi4zTulpJU
http://www.youtube.com/watch?v=RQcfbA0GpVM
http://www.youtube.com/watch?v=bs-ym_b5PkI

 

You­tube-Channel des Fes­ti­vals Ven­ti­la­tion:
http://www.youtube.com/channel/UC_oEszA-dsioCYTyi9iq76Q