Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Serhij Žadan. Die Erfin­dung des Jazz im Don­bass

Serhij Žadan, der 1974 gebo­rene junge Star der ukrai­ni­schen Gegen­warts­li­te­ratur, reist in seinem neuen Roman in seine Geburts­stadt im äußersten Osten der Ukraine. Dort lässt er lie­be­voll skur­rile Gestalten auf­treten: Ver­klemmte Mafiosi, Schmuggler, Luft­fahrt-Fana­tiker, frei­kirch­liche Priester und EU-Mis­sio­nare, die sich in der Weite der Steppe zwi­schen Mais­fel­dern, ver­las­senen Flug­plätzen und ins Nichts füh­renden Bahn­gleisen ter­ri­to­riale Gefechte liefern.Der Prot­ago­nist Her­mann hat Geschichte stu­diert und trägt auf seiner Visi­ten­karte den Titel „Unab­hän­giger Experte“. Er lebt in Charkiv vor sich hin, sein Job beinhaltet Geld­wä­sche in Jugend­or­ga­ni­sa­tionen und Ver­tei­di­gung der demo­kra­ti­schen Wahl in Talk­shows. Eines Nachts kommt ein Anruf aus der Hei­mat­stadt: Sein Bruder, der eine Tank­stelle außer­halb der Stadt besitzt, sei plötz­lich abge­hauen. Jemand muss an seiner statt die Geschäfte regeln. So macht sich Her­mann auf zu der her­un­ter­ge­kom­menen Tank­stelle mit ihren gezeich­neten Mit­ar­bei­tern – und wird Bis­nesmen in der Pro­vinz. Er kommt dabei schnell mit den ört­li­chen Olig­ar­chen in Kon­flikt, die die „Mög­lich­keiten des Kapi­tals“ nutzen und hier, direkt an der rus­si­schen Grenze, alles auf­kaufen – wenn es sein muss mit Gewalt.
Ort des Gesche­hens ist die Gegend um die Stadt Luhansk, die aller­dings im Roman gar nicht benannt wird, nur der Ori­gi­nal­titel Vorošil­ov­grad gibt uns den Hin­weis: Zu Sowjet­zeiten war die Stadt nach dem Par­tei­funk­tionär Kli­ment Vor­ošilov benannt. Ab 1935 hieß sie Vor­oši­l­ov­grad, 1958 wurde sie wieder zu Luhansk, 1970 erneut zu Vor­oši­l­ov­grad und 1992 wieder zu Luhansk.
Vor­oši­l­ov­grad, das ist ein Nicht-Ort, ein Nie­mands­land an der ex-sowje­ti­schen Peri­pherie, gezeichnet durch Abwan­de­rung und Ver­trei­bung. Hier gibt es keine Ord­nung, um die Macht wird immer wieder aufs Neue gekämpft –  scheinbar jeder gegen jeden. Hier herrscht per­ma­nenter Krieg um Ein­fluss­zonen: „Kapi­ta­lismus halt“.
Die Ein­hei­mi­schen aber legen eine erstaun­liche Beharr­lich­keit zutage, wenn es darum geht, diesen selt­samen Ort vor den Standort-gie­rigen Olig­ar­chen zu ver­tei­digen, und sich nicht ver­treiben zu lassen. Und dabei halten sie zusammen, die Men­schen aus Her­manns Jugend: Schon fast ver­ges­sene Freunde und Bekannte, Roma-Klans und schöne, drauf­gän­ge­ri­sche Frauen. Sie erin­nern Her­mann an Ereig­nisse in seiner Jugend, und durch das Auf­leben der ver­drängten Ver­gan­gen­heit ent­steht für ihn wieder eine Ver­bin­dung zu diesem Ort, vor dem er einst geflüchtet war: „Wenn du dich erin­nerst, wirst du nicht so ein­fach wieder weg­fahren können.“
Die Zäsuren in der Geschichte der Region werden in Žadans Roman zu Zäsuren in der eigenen Erin­ne­rung. Geschicht­liche Trau­mata ver­ur­sa­chen auch im pri­vaten Leben Gedächt­nis­ver­lust. Žadan setzt dieses Ver­mi­schen von per­sön­li­cher Ver­gan­gen­heit mit der Geschichte des Ortes in den sur­realen Tag­träumen des Prot­ago­nisten mytho­poe­tisch um. Er lässt plötz­lich geis­ter­hafte Gestalten auf­tau­chen, die Gegen­wart ver­mischt sich mit der Ver­gan­gen­heit und die Zeit- und Rea­li­täts­ebenen werden auf­ge­hoben: Ein Fuß­ball­match mit alten Kum­pels, deren Namen Tage darauf auf Grab­steinen am Friedhof wie­der­ent­deckt werden. Plötz­lich ziehen die Geister von archai­schen Step­pen­no­maden in großen Kara­wanen vorbei, und auf dem ver­las­senen Flug­platz sam­meln sich alle Piloten, die hier jemals star­teten und lan­deten. So wird in der Erzäh­lung neben Žadans typi­schen absurden Situa­tionen eine schau­rige Span­nung erzeugt. Leider ent­lädt sich diese aber nicht auf befrie­di­gende Art. Durch die kol­la­gen­hafte Anord­nung der Szenen und Ereig­nisse fällt die Hand­lung zu sehr aus­ein­ander, um einen Span­nungs­bogen zu halten, bis­weilen wünscht man sich  einen straf­feren Erzähl­strang.
Das wilde Durch­ein­ander und die anar­chis­ti­sche Erzähl­weise Žadans funk­tio­nieren wie­derum gut auf der Ebene der Sprache, mit zahl­rei­chen inter­tex­tu­ellen Bezügen, wie etwa in den den Text durch­zie­henden Pre­digten und Hymnen: “Lebe, Roma­ni­stan, wun­derbar und frei, ohne den ver­derb­li­chen Ein­fluss trans­na­tio­naler Firmen, sare manu­schende kokale parne, rat loly. Frei unter Freien, gleich unter Glei­chen, aner­kannt von der Welt­ge­mein­schaft und einer Son­der­kom­mis­sion der OSZE für Fragen des geis­tigen und kul­tu­rellen Erbes der kleinen Völker Europas, der Herr hält dich in seinen Armen, höre auf das Vibrieren seines heißen Her­zens!”
In diesen magi­schen Reden ver­mit­telt der Autor einen gewissen post­so­wje­ti­schen Geis­tes­zu­stand: Mit der für die offi­zi­elle Sowjet­rhe­torik typi­schen for­mel­haften Sprache zeigt er den Kon­trast aus alten Sym­bolen und neuen Bedeu­tungen in seiner vollen Ironie. Gerade wenn es um Reli­gion geht, wird die ideo­lo­gi­sche Ver­wir­rung am deut­lichsten spürbar: „Wo Busi­ness ist, da ist auch Glaube.“
In seinen Pre­digten schreckt Žadan gegen Ende des Romans auch nicht davor zurück, zu mora­li­sieren. Seine magi­schen Worte lauten „Dank­bar­keit und Ver­ant­wor­tung“. Diese Dank­bar­keit kann als eine Lie­bes­er­klä­rung an die Hei­mat­re­gion gelesen werden, die Ver­ant­wor­tung als Kampf­an­sage zu deren Ver­tei­di­gung. Die Zukunft, die einem scheinbar ver­wehrt wird, muss man sich ein­fach selbst zurück­holen. So bewahrt Her­mann in seinem Kampf gegen das vola­tile Kapital den alten Flug­platz vor dem Abriss, denn den Traum vom Fliegen, der immer schon für Fort­schritts­op­ti­mismus stand, lässt er sich nicht nehmen: „Ohne Flug­zeuge kann es keine Demo­kratie geben. Flug­zeuge sind die Grund­lage der Zivil­ge­sell­schaft.“

 

Serhij Žadan zeigt uns eine Gegend jen­seits von Mit­tel­eu­ropa, und kom­bi­niert dabei post­so­wje­ti­sche Ruinen-Romantik mit ame­ri­ka­ni­scher Wild-West-Atmo­sphäre. Auf den Jazz, den der deut­sche Titel ver­spricht, wartet man aller­dings fast bis zum Schluss, und selbst hier nimmt er  nur eine mar­gi­nale Rolle ein. Und doch ist der Roman viel­leicht in seiner Erzähl­weise ins­ge­samt jaz­ziger als die Vor­gänger: Žadan schreibt jetzt nicht mehr Punk, son­dern Free-Jazz.

 

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