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Georgian (Her)stories

Posted on 3. April 2013 by Philomena Grassl
Es ist der erste frühlingshafte Tag in Tbilisi, auf dem feministischen Marsch am 8. März verläuft alles friedlich. Die Schriftstellerin Tamta Melashvili, die mit ihrem Debüt Abzählen auch bei deutschsprachigen Lesern große Erfolge feierte, ist bei dem Protest vorne dabei. In einem Interview sprachen wir über ihren Roman, Feminismus in Georgien und die Notwendigkeit, Geschichte neu zu schreiben.

Ein Interview mit Tamta Melaschwili

 

Es ist der erste frühlingshafte Tag in Tbilisi. Die Sonne scheint, die Stimmung ist ausgelassen, die Stadt voller Blumen – in Form von Bouquets, die Babuschkas auf der Straße verkaufen. Es ist der 8. März, internationaler Frauentag – heute schenken die Männer den Frauen Blumen, und beglückwünschen sie, Frauen zu sein. Über die tägliche Gewalt und Unterdrückung der Frau will hier keiner so richtig reden, das sind private Angelegenheiten, die hinter verschlossenen Türen stattfinden. Und doch verkündete der Patriarch der georgisch-orthodoxen Kirche offiziell, es sei die Aufgabe der georgischen Frauen, den Männern die Füße zu waschen, wenn diese von der Arbeit nach Hause kommen. Feminismus wird hier von Seiten der Konservativen als westliche Verschwörung oder Krankheit gesehen. Immer wieder gibt es gewalttätige Ausschreitungen und Bedrohungen gegen AktivistInnen, auf einem Protestmarsch gegen Homophobie wurden die Demonstrierenden von orthodoxen Extremisten und Priestern angegriffen.

 

Auf dem feministischen Marsch am 8. März verläuft alles friedlich, bis auf ein paar zynische Kommentare: „Ah, werdet ihr von den Amerikanern bezahlt?“ Die Schriftstellerin Tamta Melashvili, die mit ihrem Debüt Abzählen auch bei deutschsprachigen Lesern große Erfolge feierte, ist bei dem Protest vorne dabei. Am Abend findet die Premiere eines Filmes statt, für den sie das Skript schrieb: Untold Herstories – hier werden die Geschichten dreier georgischer Frauenrechtlerinnen aus dem 19. Jh. neu erzählt, deren feministische Aktivität jedoch völlig unbekannt ist. So wird an eine eigene georgische Frauenbewegung angeknüpft, die nichts mit ausländischen NGOs oder NATO-Einflussphären zu tun hat. In einem Interview sprachen wir über ihren Roman, Feminismus in Georgien und die Notwendigkeit, Geschichte neu zu schreiben.

 

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novinki: In deinem Roman Abzählen schreibst du über das Erleben von Krieg aus der Perspektive zweier Mädchen. Warum hast du dich dafür entschieden, die Handlung in einer Konfliktzone spielen zu lassen?

 

Tamta Melaschwili: Das war mein Protest. Ich habe im Schreiben einfach einen Weg gefunden, meinen Protest gegen den Krieg auszudrücken. Genauso wie für andere Menschen in Georgien, die den Krieg im August 2008 erleben mussten, war das für mich eine einschneidende Erfahrung. Auch die anderen Kriege seit den 90ern – ich glaube das ist alles irgendwo in mir akkumuliert. Es war vor allem ein emotionaler Ausdruck. Für mich gab es einfach keinen anderen Weg, damit umzugehen.

 

n.: Wie hast du den Krieg 2008 erlebt?

 

T.M.: So wie alle Menschen in Georgien, über die Stadt flogen Kampfjets. Im Sommer war ich in meinem Dorf mit meiner Schwester und ihrem 3 Monate alten Sohn. Das schlimmste war ein Gefühl der totalen Unsicherheit, dass ich davor noch nie gehabt hatte. Du hast zwar seit deiner Kindheit eine gewisse Unsicherheit, wenn du in Georgien lebst. Aber das war etwas anderes, keine Kontrolle mehr zu haben über das eigene Leben, du weißt nicht was tun, weißt nicht, was passiert. Wir haben Explosionen gehört, die nächstgelegene Stadt wurde bombardiert. Wir sind hin und her gerannt, wussten nicht was besser ist, ins Haus gehen oder draußen bleiben – es war wirklich eine furchtbare Erfahrung. Und die meisten Georgier haben diese Zeit so oder ähnlich erlebt.

 

n.: Wie wurde mit den Kriegen seit den 90ern literarisch umgegangen, gibt es so etwas wie eine Tradition im Schreiben über Krieg in der georgischen Literatur?

 

T.M.: Ich bin keine Literatur-Expertin, aber ich denke nicht. Es gab ein großes Schweigen nach den 90ern, die meisten Schriftsteller haben nicht über Krieg geschrieben. Aber dann später, nach 2008 erschienen Bücher, wie etwa Zaza Burchuladzes Adibas und andere Geschichten, die auch den abchasischen Krieg reflektierten. Das hat alles erst in den letzten Jahren angefangen.
Ich denke, man wollte sich distanzieren, die Menschen brauchten Abstand und wollten nicht mehr an den Krieg denken oder darüber schreiben. Das ist natürlich. Dafür ist jetzt eine interessante Zeit, es gibt offizielle Diskussionen über die Konflikte. Die Leute wollen jetzt reflektieren, was damals passiert ist. Ich glaube, sie brauchen nur Zeit um zu denken.

 

n.: In deinem Roman gibt es keine Ortsbenennungen oder Zeitangaben die auf eine Handlung in Georgien schließen lassen, außer die Namen der Protagonisten.

 

T.M.: Darüber habe ich viel nachgedacht, und habe beschlossen es so zu machen. Gewalt und Krieg kennen keine Nationalität, keine Grenzen. Diese Geschichte hätte überall passieren können, wo es Konflikte gibt. Und die Mädchen dort - oder überhaupt die Menschen, machen sehr ähnliche Erfahrungen, haben ähnliche Gefühle und reagieren gleich. Sie wollen auf gleiche Art überleben.
Das war auch mein persönliches Gefühl, ich wollte überleben und habe alles andere vergessen. Das ist ein Wahnsinns-Gefühl, wenn es ums pure Überleben geht. Aber wenn dieses Gefühl 20 Jahre andauert, ist das keine gute Erfahrung. Nur wegen irgendwelchen politischen Spannungen, wegen Entscheidungen von irgendwelchen Politikern.

 

n.: Hat der Krieg 2008 etwas im kollektiven Bewusstsein verändert?

 

T.M.: Die Darstellungen in den Medien waren immer sehr politisiert, unter so viel Propaganda. Gerade jetzt, nach dem Regierungswechsel im Herbst 2012 ist es schwer zu sagen. Ich als Georgierin will jedenfalls keine Feinde haben, egal ob Russland oder die USA. Beides sind hier starke Feindbilder, abhängig von der politischen Positionierung der Menschen. Wenn du für die Rechte der Frauen kämpfst, passt du jetzt für die Ultra-Konservativen in ihr Amerika-Feindbild.

 

n.: Wie ist die Situation der Frauen in der georgischen Gesellschaft?

 

T.M.: Das ist schwer, in wenigen Worten zu sagen. Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, mit all diesen „Traditionen“. Sie werden als das verkauft, in Wirklichkeit sind das gar keine Traditionen. Sie werden Männern wie Frauen aufgezwungen, aber mehr den Frauen. Das Leben, die Sexualität der Frauen, alles wird kontrolliert oder zumindest wollen sie dich kontrollieren. Vor kurzem gab es wieder eine Diskussion über ein Abtreibungsverbot, es gab viele Befürworter, die meisten davon rechte Extremisten. Die Kirche, die sehr einflussreich ist, vertritt einen sehr traditionalistischen und repressiven Standpunkt gegenüber Frauen.

 

n.: Gibt es eine Tendenz in der Gesellschaft, konservativer und traditionalistischer zu werden?

 

T.M.: Ja, ich denke schon. Es gibt unterschiedliche Diskurse, aber die Kirche ist am einflussreichsten.
Wir sind seit 200 Jahren ein kolonisiertes Land, und das ist in der Mentalität, sagen wir, der „Nation“ eingeschrieben. Die Leute sind passiv geworden, sie wollen keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Sie suchen immer einen starken Anführer, der sich um die ganze Nation kümmert.
Aber es gibt auch immer mehr Aktivisten, junge Menschen, die anders denken und das ausdrücken. Wir sind nicht viele, aber ich freue mich, dass wir protestieren können, dass wir offiziell etwas sagen können, ohne gleich verhaftet zu werden.

 

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n.: Wie lange bist du schon politisch aktiv?

 

T.M.: Seit 2-3 Jahren. Es sind vor allem in letzter Zeit Interessensgruppen entstanden. Das sind Menschen, die keine Geber oder Unterstützer haben, sondern einfach ihre Gedanken und Einstellungen ausdrücken wollen. Ich finde das gut, dass es kleine, informelle Gruppen gibt, die die Menschen zusammen bringen. Soziale Netzwerke wie Facebook helfen da sehr, sich zu organisieren. Es gibt auch immer mehr Zusammenarbeit zwischen den Gruppen, wie etwa zwischen Feministinnen und LGBT-Aktivisten – diese sind vielleicht am sichtbarsten. Aber die Leute fangen mehr und mehr an, einfach rauszugehen und zu protestieren.
Vor kurzem zum Beispiel gab es in Georgien einen großen Streik der Minen-Arbeiter aus Chiatura, dem wichtigsten Erzabbau-Gebiet. Wir haben uns Bergarbeiterhelme aufgesetzt und mit ihnen demonstriert, das hat sie sehr gefreut.

 

n.: Inwiefern ist das Schreiben bei dir mit politischem Aktivismus verbunden?

 

T.M.: In erster Linie eigentlich nicht. Mein erster Roman ist natürlich politisch, ich schreibe über Frauen, man kann es also schon von dieser Perspektive sehen. Grundsätzlich denke ich, man kann das gar nicht trennen.

 

n.: Du hast jetzt ein Filmskript geschrieben, für eine Dokumentation über drei georgische Feministinnen aus dem 19. Jahrhundert.

 

T.M.: Ja, schon wieder über Frauen! (lacht) Es geht dabei um ein Rewriting der Geschichte dieser Frauen, die zum Teil sehr radikale Feministinnen waren – radikaler als die meisten Frauen-NGOs heute (die eigentlich überhaupt nicht radikal sind). Es sind bekannte Persönlichkeiten, aber dass sie Feministinnen waren, weiß keiner.
Ich denke, dieses Neuerzählen ist wichtig, weil hier dieses Stereotyp so sehr verbreitet ist, dass Feminismus etwas von außen Auferlegtes ist – etwas Westliches, etwas Negatives. Und wenn es hier eine solche Tradition gibt, muss man das an die Oberfläche bringen! Warum nicht? Das waren wunderbare Frauen, Kato Mikeladze zum Beispiel hat in Kutaissi eine feministische Zeitung herausgegeben, ist aber nur als Dichterin und Lehrerin bekannt.

 

n.: Wie drückt sich diese Ablehnung feministischer Ideen in der Gesellschaft aus, gibt es auch direkte Konfrontationen?

 

T.M.: Ja. Ich habe das vor etwa einem Jahr zum ersten Mal erlebt. Es gibt eine Gruppierung religiöser Extremisten, die nennen sich „Verein orthodoxer Eltern“. Wir hatten im Mai 2012 einen Marsch, um den internationalen Tag gegen Homophobie zu feiern, und irgendwie wussten sie davon. Wir waren etwa 40 Leute, und als wir losgingen, erschienen sie plötzlich, lauter Priester mit ihren schwarzen Roben, und andere junge Männer. Es gab eine Schlägerei zwischen AktivistInnen und Orthodoxen, und die Polizei, die wir eigentlich gebeten hatten, uns zu schützen, zog ab. In diesem Moment verstand ich, dass die Kirche in diesem Land viel mehr Macht hat als die Regierung. Du lebst hier fast in einer Theokratie. Es war wirklich eine Stress-Situation für uns, unsere bunten Transparente lagen danach zerrissen auf der Straße, und die Leute stiegen darauf herum. Das war wieder so ein Gefühl von totaler Unsicherheit, und das bleibt dir – seither habe ich Angst, wenn ich auf der Straße einem Priester begegne.

 

n.: Du hast deine Master-Arbeit über Empowerment von Frauen durch Migration geschrieben, am Beispiel von Georgierinnen in Deutschland.

 

T.M.: Ja, das war über junge georgische Frauen, die als Au Pairs nach Deutschland gingen. Ich konnte auch meine eigene Erfahrung mit einbauen, worauf ich damals sehr stolz war – das ist wirklich feministisch! Für mich war diese Erfahrung sehr bestärkend. Ich habe in Deutschland auch angefangen, Prosa zu schreiben. Frauen sind hier oft total von ihren Familien kontrolliert und vor allem finanziell abhängig. Durch die Migration bekamen sie einen starken Unabhängigkeitsdrang und waren sehr enthusiastisch dem Leben gegenüber.

 

n.: Hast du manchmal Lust, selbst für längere Zeit zu emigrieren?

 

T.M.: Nicht wirklich. Ich habe keine konkreten Pläne, für längere Zeit wo anders zu leben. Ich hatte ein Literatur-Stipendium in Wien für zwei Monate, und werde das dieses Jahr wieder machen in Graz. Mir gefällt das, unterwegs zu sein. Aber ich denke, grundsätzlich könnte ich überall leben. Ich mag diese Unterscheidung nicht besonders zwischen „hier“ und „dort“.

 

n.: Hast du in Georgien auch die Möglichkeit, solche Stipendien zu bekommen?

 

T.M.: Nein, nicht für's Schreiben. Aber ich habe ein Stipendium an der Universität, ich unterrichte dort Gender und Politik. Ich habe nicht erwartet, dass mir das so Spaß macht! Ich habe wunderbare Studenten, sie sind jung und enthusiastisch, und bei ihnen kommt was an, sie reagieren auf das, was wir behandeln. Man kann ihre Sensibilität steigern, und sie haben großes Interesse an zivilen Themen. Sie haben dieses Gefühl, dass sie wirklich was ändern können, das ist für mich großartig.

 

n.: Also gibt es Grund, optimistisch zu sein?

 

T.M.: Ja, in bestimmten Aspekten schon. Ich bin grundsätzlich nicht optimistisch, aber es gibt kleine Momente die dir zeigen, dass es sinnvoll ist, was du tust. Letztes Jahr am 8. März gab es unzählige sexistische Werbekampagnen, die Medien waren voll davon. Wir haben damals mit einer Protest-Kampagne reagiert. Und dieses Jahr gab es keine solchen Werbungen! Wir waren ganz erstaunt darüber, und sehr stolz, etwas dafür getan zu haben. Die Firmen wurden einfach vorsichtiger, weil sie auf Protest stießen.

 

n.: Was ist der Plan für deinen nächsten Roman?

 

T.M.: Ich möchte mich mit der georgischen Avantgarde in den 20ern beschäftigen, es gab da eine Gruppe von Schriftstellern namens Blaue Hörner (Zisperqanzelebi). Das war eine sehr spannende Periode, wo viel passierte, aber diese Personen wurden dann in der Sowjetunion starken Repressionen ausgesetzt, und heute weiß man nicht sehr viel über sie. Viele von denen waren total queere, schräge Typen.

 

n.: Es geht dir also um ein Wiederentdecken von Geschichten, die zum Beispiel durch repressive Strukturen verloren gingen?

 

T.M.: Ja, für mich ist es wirklich traurig, dass so viele Geschichten – gerade die von Frauen! – verloren gehen, und keiner erinnert sich daran. Ich denke, es ist vor allem wichtig, Frauen wiederzuentdecken. Das ist natürlich auch bestärkend für die Frauen heute, wenn es bekannte weibliche Biographien gibt!

 

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n.: Kann man sagen, dass es bestimmte Tendenzen in der georgischen Gegenwartsliteratur gibt?

 

T.M.: Viele junge Menschen schreiben heute, auch viele Frauen, die wirklich Talent haben. Sie würden sich selbst nicht als Feministinnen bezeichnen, aber das sind sie! (lacht) Die Frauen schreiben jetzt mehr über ihre Sexualität, aber oft spürt man trotzdem noch ein gewisses „Auge des Patriarchats“ beim Lesen ihrer Texte.
Es gibt leider ein großes Problem mit der Übersetzung, weil es nur wenige gute Übersetzer gibt. Ich hatte Glück, dass Natia Mikeladze-Bachsoliani meinen Roman übersetzt hat, sie ist eine der Besten.
Dann hast du natürlich auch das Problem, dass du nur mit Schreiben nicht überleben kannst.

 

n.: Hast du mit Abzählen etwas verdient?

 

T.M.: Beim georgischen Verlag – nein. Beim deutschen Unions-Verlag, keine Ahnung. Vielleicht kommt noch ein bisschen, schauen wir mal. (lacht)

 

Fotos: Philomena Grassl

Georgian (Her)stories – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Geor­gian (Her)stories

Ein Inter­view mit Tamta Melaschwili

 

Es ist der erste früh­lings­hafte Tag in Tbi­lisi. Die Sonne scheint, die Stim­mung ist aus­ge­lassen, die Stadt voller Blumen – in Form von Bou­quets, die Babuschkas auf der Straße ver­kaufen. Es ist der 8. März, inter­na­tio­naler Frau­entag – heute schenken die Männer den Frauen Blumen, und beglück­wün­schen sie, Frauen zu sein. Über die täg­liche Gewalt und Unter­drü­ckung der Frau will hier keiner so richtig reden, das sind pri­vate Ange­le­gen­heiten, die hinter ver­schlos­senen Türen statt­finden. Und doch ver­kün­dete der Patri­arch der geor­gisch-ortho­doxen Kirche offi­ziell, es sei die Auf­gabe der geor­gi­schen Frauen, den Män­nern die Füße zu waschen, wenn diese von der Arbeit nach Hause kommen. Femi­nismus wird hier von Seiten der Kon­ser­va­tiven als west­liche Ver­schwö­rung oder Krank­heit gesehen. Immer wieder gibt es gewalt­tä­tige Aus­schrei­tungen und Bedro­hungen gegen Akti­vis­tInnen, auf einem Pro­test­marsch gegen Homo­phobie wurden die Demons­trie­renden von ortho­doxen Extre­misten und Pries­tern angegriffen.

 

Auf dem femi­nis­ti­schen Marsch am 8. März ver­läuft alles fried­lich, bis auf ein paar zyni­sche Kom­men­tare: „Ah, werdet ihr von den Ame­ri­ka­nern bezahlt?“ Die Schrift­stel­lerin Tamta Melash­vili, die mit ihrem Debüt Abzählen auch bei deutsch­spra­chigen Lesern große Erfolge fei­erte, ist bei dem Pro­test vorne dabei. Am Abend findet die Pre­miere eines Filmes statt, für den sie das Skript schrieb: Untold Hersto­ries – hier werden die Geschichten dreier geor­gi­scher Frau­en­recht­le­rinnen aus dem 19. Jh. neu erzählt, deren femi­nis­ti­sche Akti­vität jedoch völlig unbe­kannt ist. So wird an eine eigene geor­gi­sche Frau­en­be­we­gung ange­knüpft, die nichts mit aus­län­di­schen NGOs oder NATO-Ein­flussphären zu tun hat. In einem Inter­view spra­chen wir über ihren Roman, Femi­nismus in Geor­gien und die Not­wen­dig­keit, Geschichte neu zu schreiben.

 

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novinki: In deinem Roman Abzählen schreibst du über das Erleben von Krieg aus der Per­spek­tive zweier Mäd­chen. Warum hast du dich dafür ent­schieden, die Hand­lung in einer Kon­flikt­zone spielen zu lassen?

 

Tamta Melaschwili: Das war mein Pro­test. Ich habe im Schreiben ein­fach einen Weg gefunden, meinen Pro­test gegen den Krieg aus­zu­drü­cken. Genauso wie für andere Men­schen in Geor­gien, die den Krieg im August 2008 erleben mussten, war das für mich eine ein­schnei­dende Erfah­rung. Auch die anderen Kriege seit den 90ern – ich glaube das ist alles irgendwo in mir akku­mu­liert. Es war vor allem ein emo­tio­naler Aus­druck. Für mich gab es ein­fach keinen anderen Weg, damit umzugehen.

 

n.: Wie hast du den Krieg 2008 erlebt?

 

T.M.: So wie alle Men­schen in Geor­gien, über die Stadt flogen Kampf­jets. Im Sommer war ich in meinem Dorf mit meiner Schwester und ihrem 3 Monate alten Sohn. Das schlimmste war ein Gefühl der totalen Unsi­cher­heit, dass ich davor noch nie gehabt hatte. Du hast zwar seit deiner Kind­heit eine gewisse Unsi­cher­heit, wenn du in Geor­gien lebst. Aber das war etwas anderes, keine Kon­trolle mehr zu haben über das eigene Leben, du weißt nicht was tun, weißt nicht, was pas­siert. Wir haben Explo­sionen gehört, die nächst­ge­le­gene Stadt wurde bom­bar­diert. Wir sind hin und her gerannt, wussten nicht was besser ist, ins Haus gehen oder draußen bleiben – es war wirk­lich eine furcht­bare Erfah­rung. Und die meisten Geor­gier haben diese Zeit so oder ähn­lich erlebt.

 

n.: Wie wurde mit den Kriegen seit den 90ern lite­ra­risch umge­gangen, gibt es so etwas wie eine Tra­di­tion im Schreiben über Krieg in der geor­gi­schen Literatur?

 

T.M.: Ich bin keine Lite­ratur-Expertin, aber ich denke nicht. Es gab ein großes Schweigen nach den 90ern, die meisten Schrift­steller haben nicht über Krieg geschrieben. Aber dann später, nach 2008 erschienen Bücher, wie etwa Zaza Bur­ch­ul­adzes Adibas und andere Geschichten, die auch den abcha­si­schen Krieg reflek­tierten. Das hat alles erst in den letzten Jahren angefangen.
Ich denke, man wollte sich distan­zieren, die Men­schen brauchten Abstand und wollten nicht mehr an den Krieg denken oder dar­über schreiben. Das ist natür­lich. Dafür ist jetzt eine inter­es­sante Zeit, es gibt offi­zi­elle Dis­kus­sionen über die Kon­flikte. Die Leute wollen jetzt reflek­tieren, was damals pas­siert ist. Ich glaube, sie brau­chen nur Zeit um zu denken.

 

n.: In deinem Roman gibt es keine Orts­be­nen­nungen oder Zeit­an­gaben die auf eine Hand­lung in Geor­gien schließen lassen, außer die Namen der Protagonisten.

 

T.M.: Dar­über habe ich viel nach­ge­dacht, und habe beschlossen es so zu machen. Gewalt und Krieg kennen keine Natio­na­lität, keine Grenzen. Diese Geschichte hätte überall pas­sieren können, wo es Kon­flikte gibt. Und die Mäd­chen dort – oder über­haupt die Men­schen, machen sehr ähn­liche Erfah­rungen, haben ähn­liche Gefühle und reagieren gleich. Sie wollen auf gleiche Art überleben.
Das war auch mein per­sön­li­ches Gefühl, ich wollte über­leben und habe alles andere ver­gessen. Das ist ein Wahn­sinns-Gefühl, wenn es ums pure Über­leben geht. Aber wenn dieses Gefühl 20 Jahre andauert, ist das keine gute Erfah­rung. Nur wegen irgend­wel­chen poli­ti­schen Span­nungen, wegen Ent­schei­dungen von irgend­wel­chen Politikern.

 

n.: Hat der Krieg 2008 etwas im kol­lek­tiven Bewusst­sein verändert?

 

T.M.: Die Dar­stel­lungen in den Medien waren immer sehr poli­ti­siert, unter so viel Pro­pa­ganda. Gerade jetzt, nach dem Regie­rungs­wechsel im Herbst 2012 ist es schwer zu sagen. Ich als Geor­gierin will jeden­falls keine Feinde haben, egal ob Russ­land oder die USA. Beides sind hier starke Feind­bilder, abhängig von der poli­ti­schen Posi­tio­nie­rung der Men­schen. Wenn du für die Rechte der Frauen kämpfst, passt du jetzt für die Ultra-Kon­ser­va­tiven in ihr Amerika-Feindbild.

 

n.: Wie ist die Situa­tion der Frauen in der geor­gi­schen Gesellschaft?

 

T.M.: Das ist schwer, in wenigen Worten zu sagen. Wir leben in einer patri­ar­chalen Gesell­schaft, mit all diesen „Tra­di­tionen“. Sie werden als das ver­kauft, in Wirk­lich­keit sind das gar keine Tra­di­tionen. Sie werden Män­nern wie Frauen auf­ge­zwungen, aber mehr den Frauen. Das Leben, die Sexua­lität der Frauen, alles wird kon­trol­liert oder zumin­dest wollen sie dich kon­trol­lieren. Vor kurzem gab es wieder eine Dis­kus­sion über ein Abtrei­bungs­verbot, es gab viele Befür­worter, die meisten davon rechte Extre­misten. Die Kirche, die sehr ein­fluss­reich ist, ver­tritt einen sehr tra­di­tio­na­lis­ti­schen und repres­siven Stand­punkt gegen­über Frauen.

 

n.: Gibt es eine Ten­denz in der Gesell­schaft, kon­ser­va­tiver und tra­di­tio­na­lis­ti­scher zu werden?

 

T.M.: Ja, ich denke schon. Es gibt unter­schied­liche Dis­kurse, aber die Kirche ist am einflussreichsten.
Wir sind seit 200 Jahren ein kolo­ni­siertes Land, und das ist in der Men­ta­lität, sagen wir, der „Nation“ ein­ge­schrieben. Die Leute sind passiv geworden, sie wollen keine Ver­ant­wor­tung für ihr Leben über­nehmen. Sie suchen immer einen starken Anführer, der sich um die ganze Nation kümmert.
Aber es gibt auch immer mehr Akti­visten, junge Men­schen, die anders denken und das aus­drü­cken. Wir sind nicht viele, aber ich freue mich, dass wir pro­tes­tieren können, dass wir offi­ziell etwas sagen können, ohne gleich ver­haftet zu werden.

 

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n.: Wie lange bist du schon poli­tisch aktiv?

 

T.M.: Seit 2–3 Jahren. Es sind vor allem in letzter Zeit Inter­es­sens­gruppen ent­standen. Das sind Men­schen, die keine Geber oder Unter­stützer haben, son­dern ein­fach ihre Gedanken und Ein­stel­lungen aus­drü­cken wollen. Ich finde das gut, dass es kleine, infor­melle Gruppen gibt, die die Men­schen zusammen bringen. Soziale Netz­werke wie Face­book helfen da sehr, sich zu orga­ni­sieren. Es gibt auch immer mehr Zusam­men­ar­beit zwi­schen den Gruppen, wie etwa zwi­schen Femi­nis­tinnen und LGBT-Akti­visten – diese sind viel­leicht am sicht­barsten. Aber die Leute fangen mehr und mehr an, ein­fach raus­zu­gehen und zu protestieren.
Vor kurzem zum Bei­spiel gab es in Geor­gien einen großen Streik der Minen-Arbeiter aus Chia­tura, dem wich­tigsten Erz­abbau-Gebiet. Wir haben uns Berg­ar­bei­ter­helme auf­ge­setzt und mit ihnen demons­triert, das hat sie sehr gefreut.

 

n.: Inwie­fern ist das Schreiben bei dir mit poli­ti­schem Akti­vismus verbunden?

 

T.M.: In erster Linie eigent­lich nicht. Mein erster Roman ist natür­lich poli­tisch, ich schreibe über Frauen, man kann es also schon von dieser Per­spek­tive sehen. Grund­sätz­lich denke ich, man kann das gar nicht trennen.

 

n.: Du hast jetzt ein Film­skript geschrieben, für eine Doku­men­ta­tion über drei geor­gi­sche Femi­nis­tinnen aus dem 19. Jahrhundert.

 

T.M.: Ja, schon wieder über Frauen! (lacht) Es geht dabei um ein Rewri­ting der Geschichte dieser Frauen, die zum Teil sehr radi­kale Femi­nis­tinnen waren – radi­kaler als die meisten Frauen-NGOs heute (die eigent­lich über­haupt nicht radikal sind). Es sind bekannte Per­sön­lich­keiten, aber dass sie Femi­nis­tinnen waren, weiß keiner.
Ich denke, dieses Neu­er­zählen ist wichtig, weil hier dieses Ste­reotyp so sehr ver­breitet ist, dass Femi­nismus etwas von außen Auf­er­legtes ist – etwas West­li­ches, etwas Nega­tives. Und wenn es hier eine solche Tra­di­tion gibt, muss man das an die Ober­fläche bringen! Warum nicht? Das waren wun­der­bare Frauen, Kato Mikel­adze zum Bei­spiel hat in Kuta­issi eine femi­nis­ti­sche Zei­tung her­aus­ge­geben, ist aber nur als Dich­terin und Leh­rerin bekannt.

 

n.: Wie drückt sich diese Ableh­nung femi­nis­ti­scher Ideen in der Gesell­schaft aus, gibt es auch direkte Konfrontationen?

 

T.M.: Ja. Ich habe das vor etwa einem Jahr zum ersten Mal erlebt. Es gibt eine Grup­pie­rung reli­giöser Extre­misten, die nennen sich „Verein ortho­doxer Eltern“. Wir hatten im Mai 2012 einen Marsch, um den inter­na­tio­nalen Tag gegen Homo­phobie zu feiern, und irgendwie wussten sie davon. Wir waren etwa 40 Leute, und als wir los­gingen, erschienen sie plötz­lich, lauter Priester mit ihren schwarzen Roben, und andere junge Männer. Es gab eine Schlä­gerei zwi­schen Akti­vis­tInnen und Ortho­doxen, und die Polizei, die wir eigent­lich gebeten hatten, uns zu schützen, zog ab. In diesem Moment ver­stand ich, dass die Kirche in diesem Land viel mehr Macht hat als die Regie­rung. Du lebst hier fast in einer Theo­kratie. Es war wirk­lich eine Stress-Situa­tion für uns, unsere bunten Trans­pa­rente lagen danach zer­rissen auf der Straße, und die Leute stiegen darauf herum. Das war wieder so ein Gefühl von totaler Unsi­cher­heit, und das bleibt dir – seither habe ich Angst, wenn ich auf der Straße einem Priester begegne.

 

n.: Du hast deine Master-Arbeit über Empower­ment von Frauen durch Migra­tion geschrieben, am Bei­spiel von Geor­gie­rinnen in Deutschland.

 

T.M.: Ja, das war über junge geor­gi­sche Frauen, die als Au Pairs nach Deutsch­land gingen. Ich konnte auch meine eigene Erfah­rung mit ein­bauen, worauf ich damals sehr stolz war – das ist wirk­lich femi­nis­tisch! Für mich war diese Erfah­rung sehr bestär­kend. Ich habe in Deutsch­land auch ange­fangen, Prosa zu schreiben. Frauen sind hier oft total von ihren Fami­lien kon­trol­liert und vor allem finan­ziell abhängig. Durch die Migra­tion bekamen sie einen starken Unab­hän­gig­keits­drang und waren sehr enthu­si­as­tisch dem Leben gegenüber.

 

n.: Hast du manchmal Lust, selbst für län­gere Zeit zu emigrieren?

 

T.M.: Nicht wirk­lich. Ich habe keine kon­kreten Pläne, für län­gere Zeit wo anders zu leben. Ich hatte ein Lite­ratur-Sti­pen­dium in Wien für zwei Monate, und werde das dieses Jahr wieder machen in Graz. Mir gefällt das, unter­wegs zu sein. Aber ich denke, grund­sätz­lich könnte ich überall leben. Ich mag diese Unter­schei­dung nicht beson­ders zwi­schen „hier“ und „dort“.

 

n.: Hast du in Geor­gien auch die Mög­lich­keit, solche Sti­pen­dien zu bekommen?

 

T.M.: Nein, nicht für’s Schreiben. Aber ich habe ein Sti­pen­dium an der Uni­ver­sität, ich unter­richte dort Gender und Politik. Ich habe nicht erwartet, dass mir das so Spaß macht! Ich habe wun­der­bare Stu­denten, sie sind jung und enthu­si­as­tisch, und bei ihnen kommt was an, sie reagieren auf das, was wir behan­deln. Man kann ihre Sen­si­bi­lität stei­gern, und sie haben großes Inter­esse an zivilen Themen. Sie haben dieses Gefühl, dass sie wirk­lich was ändern können, das ist für mich großartig.

 

n.: Also gibt es Grund, opti­mis­tisch zu sein?

 

T.M.: Ja, in bestimmten Aspekten schon. Ich bin grund­sätz­lich nicht opti­mis­tisch, aber es gibt kleine Momente die dir zeigen, dass es sinn­voll ist, was du tust. Letztes Jahr am 8. März gab es unzäh­lige sexis­ti­sche Wer­be­kam­pa­gnen, die Medien waren voll davon. Wir haben damals mit einer Pro­test-Kam­pagne reagiert. Und dieses Jahr gab es keine sol­chen Wer­bungen! Wir waren ganz erstaunt dar­über, und sehr stolz, etwas dafür getan zu haben. Die Firmen wurden ein­fach vor­sich­tiger, weil sie auf Pro­test stießen.

 

n.: Was ist der Plan für deinen nächsten Roman?

 

T.M.: Ich möchte mich mit der geor­gi­schen Avant­garde in den 20ern beschäf­tigen, es gab da eine Gruppe von Schrift­stel­lern namens Blaue Hörner (Zis­per­qan­ze­lebi). Das war eine sehr span­nende Periode, wo viel pas­sierte, aber diese Per­sonen wurden dann in der Sowjet­union starken Repres­sionen aus­ge­setzt, und heute weiß man nicht sehr viel über sie. Viele von denen waren total queere, schräge Typen.

 

n.: Es geht dir also um ein Wie­der­ent­de­cken von Geschichten, die zum Bei­spiel durch repres­sive Struk­turen ver­loren gingen?

 

T.M.: Ja, für mich ist es wirk­lich traurig, dass so viele Geschichten – gerade die von Frauen! – ver­loren gehen, und keiner erin­nert sich daran. Ich denke, es ist vor allem wichtig, Frauen wie­der­zu­ent­de­cken. Das ist natür­lich auch bestär­kend für die Frauen heute, wenn es bekannte weib­liche Bio­gra­phien gibt!

 

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n.: Kann man sagen, dass es bestimmte Ten­denzen in der geor­gi­schen Gegen­warts­li­te­ratur gibt?

 

T.M.: Viele junge Men­schen schreiben heute, auch viele Frauen, die wirk­lich Talent haben. Sie würden sich selbst nicht als Femi­nis­tinnen bezeichnen, aber das sind sie! (lacht) Die Frauen schreiben jetzt mehr über ihre Sexua­lität, aber oft spürt man trotzdem noch ein gewisses „Auge des Patri­ar­chats“ beim Lesen ihrer Texte.
Es gibt leider ein großes Pro­blem mit der Über­set­zung, weil es nur wenige gute Über­setzer gibt. Ich hatte Glück, dass Natia Mikel­adze-Bach­so­liani meinen Roman über­setzt hat, sie ist eine der Besten.
Dann hast du natür­lich auch das Pro­blem, dass du nur mit Schreiben nicht über­leben kannst.

 

n.: Hast du mit Abzählen etwas verdient?

 

T.M.: Beim geor­gi­schen Verlag – nein. Beim deut­schen Unions-Verlag, keine Ahnung. Viel­leicht kommt noch ein biss­chen, schauen wir mal. (lacht)

 

Fotos: Phi­lo­mena Grassl