Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Keine ein­fache Partie, aber ange­nehm unbe­quem. Alek­sandar Hemons Buch meiner Leben

Alek­sandar Hemons erstes auto­bio­gra­fi­sches Werk ist eine span­nende Partie. Eine, bei der nach dem Schluss­pfiff die Halb­zeit­pause kommt und die auf meh­reren Plätzen zugleich gespielt wird. In kurzen Epi­soden erzählt er von Fuß­ball und Schach, Sara­jevo und Chi­cago, Unbe­quemem und manchmal Uner­träg­li­chem – oder ent­tarnt ganz nebenbei die west­liche Selbst­ge­fäl­lig­keit unter dem Deck­män­tel­chen mul­ti­kul­tu­reller Öff­nung.

 

hemon_cover_enAlek­sandar Hemon kann Fuß­ball spielen. Und Schach. Das ist schon viel, aber er kann noch mehr. Seine schrift­stel­le­ri­sche Arbeit hat ihn inter­na­tional erfolg­reich und zuneh­mend sichtbar gemacht. Auf­ge­wachsen in Bos­nien und Her­ze­go­wina, schreibt Hemon inzwi­schen in erster Linie auf Eng­lisch, publi­ziert in den USA, ent­wi­ckelt immer wieder neue Fähig­keiten. Was er auch noch kann, ist also: Men­schen in Chi­cago geduldig bestä­tigen, dass er Pizza und Fern­sehen bereits aus Sara­jevo kennt. Obsessiv grü­beln über seinen einst geschätzten Lite­ra­tur­pro­fessor, der später zum engeren Kreis um den Kriegs­ver­bre­cher Radovan Kara­džić gehörte. Vor­läu­fige Ant­worten auf die letzt­lich ras­sis­ti­sche Frage „Was bist du?“ geben und damit die Fra­genden selbst in Frage stellen. Worte finden für den Tod seiner an einem Hirn­tumor erkrankten kleinen Tochter, Worte finden, wenn Worte Men­schen von­ein­ander iso­lieren. Geschichten erzählen kann er sowieso. Und sein Leben erzählen? Nein, sein Leben erzählt er nicht. Jeden­falls nicht ein Leben. Lineare Bio­gra­fien und ein­deu­tige Zuge­hö­rig­keiten ent­larvte Hemon bereits in seinen frü­heren Texten als bloße Fik­tion, begin­nend mit seinem 2000 ver­öf­fent­lichten ersten Erzähl­band The Ques­tion of Bruno (Die Sache mit Bruno). Ein Fan geschlos­sener Nar­ra­tive ist er noch immer nicht geworden. Und so heißt sein 2013 erschie­nenes und im selben Jahr ins Deut­sche über­setztes erstes auto­bio­gra­fi­sches Werk nicht ohne Grund The Book of My Lives (Das Buch meiner Leben).

 

Von Haupt­ne­ben­sa­chen in inneren städ­ti­schen Land­schaften

Zwei Städte sind die Haupt­aus­tra­gungs­orte der Leben, die Hemon den Leser_innen in diesem Buch in kurzen Epi­soden zugäng­lich macht: Sara­jevo, wo er, geboren 1964, auf­wächst. Die Stadt, in der er Anfang der 1990er Jahre einen Krieg her­an­nahen sehen wird, auch wenn er und seine Freund_innen sich mit­tels Drogen, Sex und exzes­siven Par­ties in einen Zustand „hys­te­ri­schen Ver­ges­sens“ zu ver­setzen ver­su­chen, um ihn nicht sehen zu müssen. Und Chi­cago, die Stadt, in der er ab Anfang 1992 lebt, und die erst fünf Jahre später eine per­sön­liche Geo­grafie für ihn haben wird, als er nach seinem ersten Nach­kriegs­be­such in Sara­jevo rea­li­siert: „Weite Teile von Chi­cago hatten sich in mir nie­der­ge­lassen. Jetzt gehörten sie mir. Ich sah Chi­cago mit den Augen des Sara­je­voers, beide Städte bil­deten eine kom­pli­zierte innere Land­schaft, in der Geschichten ent­stehen konnten.“

Einige Geschichten liegen nun neu ver­bunden, über­ar­beitet und erwei­tert im Buch meiner Leben vor. Über einen Zeit­raum von drei­zehn Jahren hinweg sind sie ent­standen. Sie han­deln von Neben­sa­chen – manchmal, die viel­leicht aber auch gar keine Neben­sa­chen sind. Vom Fuß­ball zum Bei­spiel, und mit ihm vom „wunderbare[n] Gefühl, mit etwas ver­bunden zu sein, das weit über mich hin­aus­wies, ein Gefühl, das all jenen fremd ist, die meinen, im Fuß­ball gehe es um Fit­ness und Ent­span­nung.“ Viel­leicht doch keine Neben­sache also? „Ohne Fuß­ball fühlte ich mich ori­en­tie­rungslos, see­lisch und kör­per­lich“ – und drei Jahre dauert es, bis Hemon nach seiner Ankunft in Chi­cago wieder Fuß­ball zu spielen beginnt, obwohl er das zuvor in Sara­jevo schon „seit Ewig­keiten“ getan hatte… Die Geschichten han­deln auch von Hemon – viel­leicht: „Zunächst ein paar Worte zu mir, obwohl es hier nicht um mich geht“, so steigt er in eine von ihnen ein. Wenn Hemon von sich erzählt, so tut er dies, ohne selbst­dar­stel­le­risch oder selbst­ge­recht zu werden. Eher attes­tiert er sich selbst im Rück­blick eine „schmei­chel­hafte Form von Selbst­mit­leid (als ob es eine andere gäbe)“. Immer wieder han­deln sie auch vom gesell­schaft­li­chen Main­stream – und wenden sich ins­be­son­dere gegen jeg­liche Formen von Natio­na­lismus und Ras­sismus.

 

Zum Glück schmerz­haft kom­pli­ziert

Auch für den gegen­wär­tigen gesell­schaft­li­chen Kon­text in Deutsch­land klingt Man­ches an Hemons Rück­schau nur allzu erschre­ckend aktuell. Kaum etwas scheint sich ver­än­dert zu haben, seit Hemons flüch­tende Eltern Anfang der 1990er in ihrer Zwi­schen­sta­tion Novi Sad Bekannten aus Bos­nien Unter­schlupf gewährten, „bis die Unglück­li­chen es nach Deutsch­land oder Frank­reich oder in ein anderes Land schafften, wo sie nicht erwünscht waren und es nie sein würden.“ Klar benannte Zustände – für schein­hei­lige Mul­ti­kulti-Tole­ranz-Rhe­torik ist bei Hemon kein Platz. Kur­zer­hand skiz­ziert er diese als Mar­ke­ting-Trick und als neo­li­be­rale Fan­tasie, die auf der ver­meint­li­chen Über­le­gen­heit west­li­cher Demo­kra­tien beruht.

hemon_cover_dtUnd viel­leicht kann er dies alles gerade des­halb so klar benennen, weil er sich der von ihm erwar­teten Klar­heit an anderer Stelle ver­wehrt. Nicht nur durch die Art der Neu­zu­sam­men­stel­lung von Texten wird im Buch meiner Leben ein kom­plexes Raum- und Zeit­ge­füge geschaffen. Auch inner­halb der ein­zelnen Texte ver­mi­schen sich die Zeit­ebenen ebenso wie die geo­gra­fi­schen Räume. Kom­pli­zierte innere Land­schaften eben, und damit eine klare Absage an eine ver­meint­lich klare Tren­nung in eine Vor­kriegs- und eine Nach­kriegs­iden­tität, ein bos­ni­sches und ein US-ame­ri­ka­ni­sches Ich. Lieber defi­niert Hemon sich selbst als „Wirr­warr unbe­ant­wort­barer Fragen“ und kom­men­tiert die Aus­sage einer US-Ame­ri­ka­nerin, „Es ist doch schön, aus einer anderen Kultur zu kommen“, mit den Worten: „Ich brachte es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass ich dum­mer­weise, manchmal aber Gott sei Dank, ein kom­pli­zierter Mensch bin“. „Ich bin kom­pli­ziert“, so lau­tete bereits die Ant­wort Jozef Proneks, des Prot­ago­nisten von Hemons Debüt­roman Nowhere Man (2002), auf die Frage nach seiner natio­nalen Zuge­hö­rig­keit – mit der er sich sowohl der ‚eth­ni­schen’ Tei­lung der Bevöl­ke­rung Bos­nien und Her­ze­go­winas als auch den Fremd­zu­schrei­bungen aus US-ame­ri­ka­ni­scher Per­spek­tive wider­setzte. Es ist ein Glück für die Leser_innen, dass Hemon das Kom­pli­zierte nach wie vor nicht weg­glättet.

 

Uner­träg­li­ches ertragen

Anders­herum betrachtet, sind Leben jedoch manchmal so glatt, dass Schlit­tern, Stürzen und Schreien unver­meid­lich dazu gehören. Denn es gibt zum Bei­spiel Vojislav Šešelj, „der ver­spro­chen hatte, kroa­ti­sche Augen mit ros­tigen Löf­feln aus­zu­kratzen”, was Hemon tro­cken und das Grauen doch voll erfas­send kom­men­tiert mit: „Nor­male Löffel reichten ihm offenbar nicht.” Es gibt auch Pro­fessor Kol­jević, eben jenen Pro­fessor Hemons, der sich schließ­lich für Radovan Kara­džićs Seite ent­scheidet, und es gibt die „hef­tige Abscheu gegen­über bür­ger­li­chem Geschwafel“ und den „hilf­losen Zorn“, die Hemons Schreiben seither durch­ziehen und die er nicht los­werden kann.

Und es gibt den Hirn­tumor von Hemons neun Monate alter Tochter Isabel, ihren Tod. Es nicht zu schaffen, dar­über zu schreiben, so sagt Hemon in einem Inter­view mit der Neuen Zür­cher Zei­tung, „hätte mich als jemanden ent­larvt, der nur über Dinge schreibt, die nicht allzu unge­müt­lich sind. Dies stünde jedoch in einem voll­kom­menen Gegen­satz zu meiner Über­zeu­gung, dass die Lite­ratur dazu da ist, all das zu the­ma­ti­sieren, was die mensch­liche Exis­tenz schwer und mit­unter uner­träg­lich macht.” Er schreibt also dar­über, auch wenn der Schmerz durch jede Zeile dringt. Ver­wehrt sich gegen Plat­ti­tüden. Fehlt es an Worten, wenn ein Baby einen Hirn­tumor hat? Nein, schreibt Hemon, im Gegen­teil, es gibt zu viele Worte, zu schwer und zu spe­zi­fisch, um sie anderen über­zu­stülpen, und des­halb leben seine Frau und er wäh­rend der Krank­heit ihres Kindes iso­liert wie in einem Aqua­rium. Sind Leiden und Tod letzt­lich auch erhe­bende, erhel­lende Erfah­rungen? Nein, schreibt Hemon, diese Erfah­rungen waren für nie­manden und nichts gut, absolut nicht, zurück ließen sie nur eine mit nichts zu fül­lende Leere. Das Buch meiner Leben ist Isabel gewidmet, „die für immer an meiner Brust atmet“ („forever breat­hing on my chest“) – so wie sie, so erin­nert sich Hemon, auch kurz nach der Dia­gnose an seiner Brust atmete, damit ihren Vater beru­higte, sich um ihn, den viel Älteren, küm­merte. Schade, dass Mat­thias Fien­bork, der das Buch ins Deut­sche über­tragen hat, diese Wid­mung ledig­lich mit „Für Isabel, unver­gessen“ über­setzt hat – wie auch sonst so einige Nuancen von Hemons unauf­dring­li­chem sprach­li­chen Geschick in der Über­set­zung ins Deut­sche leider ver­loren gegangen sind.

Trotz großen Schmerzes erdrückt das Buch seine Leser_innen nicht mit Schwere. Zu ver­danken ist dies Hemons scharfen Beob­ach­tungen, unver­stellten Refle­xionen und auch seinem Humor, einem Humor, mit dem er sich nicht gemüt­lich an die Ober­fläche der Dinge zurück­zieht. Mög­liche Akti­vi­täten für die Zeit nach der Lek­türe dieses Buches also: Viel­leicht die gewohnten Publi­kum­stri­bünen ver­lassen und sich Fuß­ball­par­tien mal aus ver­schie­denen Blick­win­keln zugleich anschauen. Oder sich gleich an ganz neue Spiel­re­geln her­an­wagen, z.B. bei einer Runde Bujrum-Schach, einer Vari­ante, in der es darum geht, die geg­ne­ri­sche Seite mög­lichst schnell gewinnen zu lassen. Oder die Schach­fi­guren ins Sta­dion ver­setzen und wäh­rend des Anpfiffs zum ersten Zug die Gleich­zei­tig­keit des Wider­sprüch­li­chen aus­halten, viel­leicht sogar genießen. Und dar­über später etwas erzählen, etwas Vor­läu­figes, Unab­ge­schlos­senes – denn Leben sind nun einmal nicht unkom­pli­ziert.

 

Hemon, Alek­sandar: The Book of my Lives. New York: Farrar, Straus and Giroux, 2013.
Hemon, Alek­sandar: Das Buch meiner Leben. Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von Mat­thias Fien­bork. Mün­chen: Albrecht Knaus Verlag, 2013.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
„Erst im Erzählen wird das Leben Wirk­lich­keit.“ Alek­sandar Hemon im Gespräch. Inter­view in der Neuen Zür­cher Zei­tung vom 22.4.2014.

 

Wei­tere Lite­ratur von Alek­sandar Hemon:
The Ques­tion of Bruno. New York: Nan A. Talese, Dou­bleday, 2000. [dt.: Die Sache mit Bruno. Mün­chen: Albrecht Knaus Verlag, 2000.]
Nowhere Man. New York: Nan A. Talese, Dou­bleday, 2002. [dt.: Nowhere Man. Mün­chen: Albrecht Knaus Verlag, 2003.]
The Lazarus Pro­ject. New York: Riv­er­head Books, 2008. [dt.: Lazarus. Mün­chen: Albrecht Knaus Verlag, 2009.]
Love and Obsta­cles. New York: Riv­er­head Books, 2008. [dt.: Liebe und Hin­der­nisse. Sto­ries. Mün­chen: Albrecht Knaus Verlag, 2010.]
The Making of Zombie Wars. New York: Picador, 2015. [dt.: Zombie Wars. Mün­chen: Albrecht Knaus Verlag, 2016.]

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