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Keine einfache Partie, aber angenehm unbequem. Aleksandar Hemons Buch meiner Leben

Posted on 7. April 2016 by Anne-Christin Grunwald
Aleksandar Hemons erstes autobiografisches Werk ist eine spannende Partie. Eine, bei der nach dem Schlusspfiff die Halbzeitpause kommt und die auf mehreren Plätzen zugleich gespielt wird. In kurzen Episoden erzählt er von Fußball und Schach, Sarajevo und Chicago, Unbequemem und manchmal Unerträglichem – oder enttarnt ganz nebenbei die westliche Selbstgefälligkeit unter dem Deckmäntelchen multikultureller Öffnung.

Aleksandar Hemons erstes autobiografisches Werk ist eine spannende Partie. Eine, bei der nach dem Schlusspfiff die Halbzeitpause kommt und die auf mehreren Plätzen zugleich gespielt wird. In kurzen Episoden erzählt er von Fußball und Schach, Sarajevo und Chicago, Unbequemem und manchmal Unerträglichem – oder enttarnt ganz nebenbei die westliche Selbstgefälligkeit unter dem Deckmäntelchen multikultureller Öffnung.

 

hemon_cover_enAleksandar Hemon kann Fußball spielen. Und Schach. Das ist schon viel, aber er kann noch mehr. Seine schriftstellerische Arbeit hat ihn international erfolgreich und zunehmend sichtbar gemacht. Aufgewachsen in Bosnien und Herzegowina, schreibt Hemon inzwischen in erster Linie auf Englisch, publiziert in den USA, entwickelt immer wieder neue Fähigkeiten. Was er auch noch kann, ist also: Menschen in Chicago geduldig bestätigen, dass er Pizza und Fernsehen bereits aus Sarajevo kennt. Obsessiv grübeln über seinen einst geschätzten Literaturprofessor, der später zum engeren Kreis um den Kriegsverbrecher Radovan Karadžić gehörte. Vorläufige Antworten auf die letztlich rassistische Frage „Was bist du?“ geben und damit die Fragenden selbst in Frage stellen. Worte finden für den Tod seiner an einem Hirntumor erkrankten kleinen Tochter, Worte finden, wenn Worte Menschen voneinander isolieren. Geschichten erzählen kann er sowieso. Und sein Leben erzählen? Nein, sein Leben erzählt er nicht. Jedenfalls nicht ein Leben. Lineare Biografien und eindeutige Zugehörigkeiten entlarvte Hemon bereits in seinen früheren Texten als bloße Fiktion, beginnend mit seinem 2000 veröffentlichten ersten Erzählband The Question of Bruno (Die Sache mit Bruno). Ein Fan geschlossener Narrative ist er noch immer nicht geworden. Und so heißt sein 2013 erschienenes und im selben Jahr ins Deutsche übersetztes erstes autobiografisches Werk nicht ohne Grund The Book of My Lives (Das Buch meiner Leben).

 

Von Hauptnebensachen in inneren städtischen Landschaften

Zwei Städte sind die Hauptaustragungsorte der Leben, die Hemon den Leser_innen in diesem Buch in kurzen Episoden zugänglich macht: Sarajevo, wo er, geboren 1964, aufwächst. Die Stadt, in der er Anfang der 1990er Jahre einen Krieg herannahen sehen wird, auch wenn er und seine Freund_innen sich mittels Drogen, Sex und exzessiven Parties in einen Zustand „hysterischen Vergessens“ zu versetzen versuchen, um ihn nicht sehen zu müssen. Und Chicago, die Stadt, in der er ab Anfang 1992 lebt, und die erst fünf Jahre später eine persönliche Geografie für ihn haben wird, als er nach seinem ersten Nachkriegsbesuch in Sarajevo realisiert: „Weite Teile von Chicago hatten sich in mir niedergelassen. Jetzt gehörten sie mir. Ich sah Chicago mit den Augen des Sarajevoers, beide Städte bildeten eine komplizierte innere Landschaft, in der Geschichten entstehen konnten.“

Einige Geschichten liegen nun neu verbunden, überarbeitet und erweitert im Buch meiner Leben vor. Über einen Zeitraum von dreizehn Jahren hinweg sind sie entstanden. Sie handeln von Nebensachen – manchmal, die vielleicht aber auch gar keine Nebensachen sind. Vom Fußball zum Beispiel, und mit ihm vom „wunderbare Gefühl, mit etwas verbunden zu sein, das weit über mich hinauswies, ein Gefühl, das all jenen fremd ist, die meinen, im Fußball gehe es um Fitness und Entspannung.“ Vielleicht doch keine Nebensache also? „Ohne Fußball fühlte ich mich orientierungslos, seelisch und körperlich“ – und drei Jahre dauert es, bis Hemon nach seiner Ankunft in Chicago wieder Fußball zu spielen beginnt, obwohl er das zuvor in Sarajevo schon „seit Ewigkeiten“ getan hatte... Die Geschichten handeln auch von Hemon – vielleicht: „Zunächst ein paar Worte zu mir, obwohl es hier nicht um mich geht“, so steigt er in eine von ihnen ein. Wenn Hemon von sich erzählt, so tut er dies, ohne selbstdarstellerisch oder selbstgerecht zu werden. Eher attestiert er sich selbst im Rückblick eine „schmeichelhafte Form von Selbstmitleid (als ob es eine andere gäbe)“. Immer wieder handeln sie auch vom gesellschaftlichen Mainstream – und wenden sich insbesondere gegen jegliche Formen von Nationalismus und Rassismus.

 

Zum Glück schmerzhaft kompliziert

Auch für den gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext in Deutschland klingt Manches an Hemons Rückschau nur allzu erschreckend aktuell. Kaum etwas scheint sich verändert zu haben, seit Hemons flüchtende Eltern Anfang der 1990er in ihrer Zwischenstation Novi Sad Bekannten aus Bosnien Unterschlupf gewährten, „bis die Unglücklichen es nach Deutschland oder Frankreich oder in ein anderes Land schafften, wo sie nicht erwünscht waren und es nie sein würden.“ Klar benannte Zustände – für scheinheilige Multikulti-Toleranz-Rhetorik ist bei Hemon kein Platz. Kurzerhand skizziert er diese als Marketing-Trick und als neoliberale Fantasie, die auf der vermeintlichen Überlegenheit westlicher Demokratien beruht.

hemon_cover_dtUnd vielleicht kann er dies alles gerade deshalb so klar benennen, weil er sich der von ihm erwarteten Klarheit an anderer Stelle verwehrt. Nicht nur durch die Art der Neuzusammenstellung von Texten wird im Buch meiner Leben ein komplexes Raum- und Zeitgefüge geschaffen. Auch innerhalb der einzelnen Texte vermischen sich die Zeitebenen ebenso wie die geografischen Räume. Komplizierte innere Landschaften eben, und damit eine klare Absage an eine vermeintlich klare Trennung in eine Vorkriegs- und eine Nachkriegsidentität, ein bosnisches und ein US-amerikanisches Ich. Lieber definiert Hemon sich selbst als „Wirrwarr unbeantwortbarer Fragen“ und kommentiert die Aussage einer US-Amerikanerin, „Es ist doch schön, aus einer anderen Kultur zu kommen“, mit den Worten: „Ich brachte es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass ich dummerweise, manchmal aber Gott sei Dank, ein komplizierter Mensch bin“. „Ich bin kompliziert“, so lautete bereits die Antwort Jozef Proneks, des Protagonisten von Hemons Debütroman Nowhere Man (2002), auf die Frage nach seiner nationalen Zugehörigkeit – mit der er sich sowohl der ,ethnischen’ Teilung der Bevölkerung Bosnien und Herzegowinas als auch den Fremdzuschreibungen aus US-amerikanischer Perspektive widersetzte. Es ist ein Glück für die Leser_innen, dass Hemon das Komplizierte nach wie vor nicht wegglättet.

 

Unerträgliches ertragen

Andersherum betrachtet, sind Leben jedoch manchmal so glatt, dass Schlittern, Stürzen und Schreien unvermeidlich dazu gehören. Denn es gibt zum Beispiel Vojislav Šešelj, „der versprochen hatte, kroatische Augen mit rostigen Löffeln auszukratzen”, was Hemon trocken und das Grauen doch voll erfassend kommentiert mit: „Normale Löffel reichten ihm offenbar nicht.” Es gibt auch Professor Koljević, eben jenen Professor Hemons, der sich schließlich für Radovan Karadžićs Seite entscheidet, und es gibt die „heftige Abscheu gegenüber bürgerlichem Geschwafel“ und den „hilflosen Zorn“, die Hemons Schreiben seither durchziehen und die er nicht loswerden kann.

Und es gibt den Hirntumor von Hemons neun Monate alter Tochter Isabel, ihren Tod. Es nicht zu schaffen, darüber zu schreiben, so sagt Hemon in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung, „hätte mich als jemanden entlarvt, der nur über Dinge schreibt, die nicht allzu ungemütlich sind. Dies stünde jedoch in einem vollkommenen Gegensatz zu meiner Überzeugung, dass die Literatur dazu da ist, all das zu thematisieren, was die menschliche Existenz schwer und mitunter unerträglich macht.” Er schreibt also darüber, auch wenn der Schmerz durch jede Zeile dringt. Verwehrt sich gegen Plattitüden. Fehlt es an Worten, wenn ein Baby einen Hirntumor hat? Nein, schreibt Hemon, im Gegenteil, es gibt zu viele Worte, zu schwer und zu spezifisch, um sie anderen überzustülpen, und deshalb leben seine Frau und er während der Krankheit ihres Kindes isoliert wie in einem Aquarium. Sind Leiden und Tod letztlich auch erhebende, erhellende Erfahrungen? Nein, schreibt Hemon, diese Erfahrungen waren für niemanden und nichts gut, absolut nicht, zurück ließen sie nur eine mit nichts zu füllende Leere. Das Buch meiner Leben ist Isabel gewidmet, „die für immer an meiner Brust atmet“ („forever breathing on my chest“) – so wie sie, so erinnert sich Hemon, auch kurz nach der Diagnose an seiner Brust atmete, damit ihren Vater beruhigte, sich um ihn, den viel Älteren, kümmerte. Schade, dass Matthias Fienbork, der das Buch ins Deutsche übertragen hat, diese Widmung lediglich mit „Für Isabel, unvergessen“ übersetzt hat – wie auch sonst so einige Nuancen von Hemons unaufdringlichem sprachlichen Geschick in der Übersetzung ins Deutsche leider verloren gegangen sind.

Trotz großen Schmerzes erdrückt das Buch seine Leser_innen nicht mit Schwere. Zu verdanken ist dies Hemons scharfen Beobachtungen, unverstellten Reflexionen und auch seinem Humor, einem Humor, mit dem er sich nicht gemütlich an die Oberfläche der Dinge zurückzieht. Mögliche Aktivitäten für die Zeit nach der Lektüre dieses Buches also: Vielleicht die gewohnten Publikumstribünen verlassen und sich Fußballpartien mal aus verschiedenen Blickwinkeln zugleich anschauen. Oder sich gleich an ganz neue Spielregeln heranwagen, z.B. bei einer Runde Bujrum-Schach, einer Variante, in der es darum geht, die gegnerische Seite möglichst schnell gewinnen zu lassen. Oder die Schachfiguren ins Stadion versetzen und während des Anpfiffs zum ersten Zug die Gleichzeitigkeit des Widersprüchlichen aushalten, vielleicht sogar genießen. Und darüber später etwas erzählen, etwas Vorläufiges, Unabgeschlossenes – denn Leben sind nun einmal nicht unkompliziert.

 

Hemon, Aleksandar: The Book of my Lives. New York: Farrar, Straus and Giroux, 2013.
Hemon, Aleksandar: Das Buch meiner Leben. Aus dem Amerikanischen von Matthias Fienbork. München: Albrecht Knaus Verlag, 2013.

 

Weiterführende Links:
„Erst im Erzählen wird das Leben Wirklichkeit.“ Aleksandar Hemon im Gespräch. Interview in der Neuen Zürcher Zeitung vom 22.4.2014.

 

Weitere Literatur von Aleksandar Hemon:
The Question of Bruno. New York: Nan A. Talese, Doubleday, 2000.
Nowhere Man. New York: Nan A. Talese, Doubleday, 2002.
The Lazarus Project. New York: Riverhead Books, 2008.
Love and Obstacles. New York: Riverhead Books, 2008.
The Making of Zombie Wars. New York: Picador, 2015.

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Keine einfache Partie, aber angenehm unbequem. Aleksandar Hemons Buch meiner Leben – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Keine ein­fache Partie, aber ange­nehm unbe­quem. Alek­sandar Hemons Buch meiner Leben

Alek­sandar Hemons erstes auto­bio­gra­fi­sches Werk ist eine span­nende Partie. Eine, bei der nach dem Schluss­pfiff die Halb­zeit­pause kommt und die auf meh­reren Plätzen zugleich gespielt wird. In kurzen Epi­soden erzählt er von Fuß­ball und Schach, Sara­jevo und Chi­cago, Unbe­quemem und manchmal Uner­träg­li­chem – oder ent­tarnt ganz nebenbei die west­liche Selbst­ge­fäl­lig­keit unter dem Deck­män­tel­chen mul­ti­kul­tu­reller Öffnung.

 

hemon_cover_enAlek­sandar Hemon kann Fuß­ball spielen. Und Schach. Das ist schon viel, aber er kann noch mehr. Seine schrift­stel­le­ri­sche Arbeit hat ihn inter­na­tional erfolg­reich und zuneh­mend sichtbar gemacht. Auf­ge­wachsen in Bos­nien und Her­ze­go­wina, schreibt Hemon inzwi­schen in erster Linie auf Eng­lisch, publi­ziert in den USA, ent­wi­ckelt immer wieder neue Fähig­keiten. Was er auch noch kann, ist also: Men­schen in Chi­cago geduldig bestä­tigen, dass er Pizza und Fern­sehen bereits aus Sara­jevo kennt. Obsessiv grü­beln über seinen einst geschätzten Lite­ra­tur­pro­fessor, der später zum engeren Kreis um den Kriegs­ver­bre­cher Radovan Kara­džić gehörte. Vor­läu­fige Ant­worten auf die letzt­lich ras­sis­ti­sche Frage „Was bist du?“ geben und damit die Fra­genden selbst in Frage stellen. Worte finden für den Tod seiner an einem Hirn­tumor erkrankten kleinen Tochter, Worte finden, wenn Worte Men­schen von­ein­ander iso­lieren. Geschichten erzählen kann er sowieso. Und sein Leben erzählen? Nein, sein Leben erzählt er nicht. Jeden­falls nicht ein Leben. Lineare Bio­gra­fien und ein­deu­tige Zuge­hö­rig­keiten ent­larvte Hemon bereits in seinen frü­heren Texten als bloße Fik­tion, begin­nend mit seinem 2000 ver­öf­fent­lichten ersten Erzähl­band The Ques­tion of Bruno (Die Sache mit Bruno). Ein Fan geschlos­sener Nar­ra­tive ist er noch immer nicht geworden. Und so heißt sein 2013 erschie­nenes und im selben Jahr ins Deut­sche über­setztes erstes auto­bio­gra­fi­sches Werk nicht ohne Grund The Book of My Lives (Das Buch meiner Leben).

 

Von Haupt­ne­ben­sa­chen in inneren städ­ti­schen Landschaften 

Zwei Städte sind die Haupt­aus­tra­gungs­orte der Leben, die Hemon den Leser_innen in diesem Buch in kurzen Epi­soden zugäng­lich macht: Sara­jevo, wo er, geboren 1964, auf­wächst. Die Stadt, in der er Anfang der 1990er Jahre einen Krieg her­an­nahen sehen wird, auch wenn er und seine Freund_innen sich mit­tels Drogen, Sex und exzes­siven Par­ties in einen Zustand „hys­te­ri­schen Ver­ges­sens“ zu ver­setzen ver­su­chen, um ihn nicht sehen zu müssen. Und Chi­cago, die Stadt, in der er ab Anfang 1992 lebt, und die erst fünf Jahre später eine per­sön­liche Geo­grafie für ihn haben wird, als er nach seinem ersten Nach­kriegs­be­such in Sara­jevo rea­li­siert: „Weite Teile von Chi­cago hatten sich in mir nie­der­ge­lassen. Jetzt gehörten sie mir. Ich sah Chi­cago mit den Augen des Sara­je­voers, beide Städte bil­deten eine kom­pli­zierte innere Land­schaft, in der Geschichten ent­stehen konnten.“

Einige Geschichten liegen nun neu ver­bunden, über­ar­beitet und erwei­tert im Buch meiner Leben vor. Über einen Zeit­raum von drei­zehn Jahren hinweg sind sie ent­standen. Sie han­deln von Neben­sa­chen – manchmal, die viel­leicht aber auch gar keine Neben­sa­chen sind. Vom Fuß­ball zum Bei­spiel, und mit ihm vom „wunderbare[n] Gefühl, mit etwas ver­bunden zu sein, das weit über mich hin­aus­wies, ein Gefühl, das all jenen fremd ist, die meinen, im Fuß­ball gehe es um Fit­ness und Ent­span­nung.“ Viel­leicht doch keine Neben­sache also? „Ohne Fuß­ball fühlte ich mich ori­en­tie­rungslos, see­lisch und kör­per­lich“ – und drei Jahre dauert es, bis Hemon nach seiner Ankunft in Chi­cago wieder Fuß­ball zu spielen beginnt, obwohl er das zuvor in Sara­jevo schon „seit Ewig­keiten“ getan hatte… Die Geschichten han­deln auch von Hemon – viel­leicht: „Zunächst ein paar Worte zu mir, obwohl es hier nicht um mich geht“, so steigt er in eine von ihnen ein. Wenn Hemon von sich erzählt, so tut er dies, ohne selbst­dar­stel­le­risch oder selbst­ge­recht zu werden. Eher attes­tiert er sich selbst im Rück­blick eine „schmei­chel­hafte Form von Selbst­mit­leid (als ob es eine andere gäbe)“. Immer wieder han­deln sie auch vom gesell­schaft­li­chen Main­stream – und wenden sich ins­be­son­dere gegen jeg­liche Formen von Natio­na­lismus und Rassismus.

 

Zum Glück schmerz­haft kompliziert

Auch für den gegen­wär­tigen gesell­schaft­li­chen Kon­text in Deutsch­land klingt Man­ches an Hemons Rück­schau nur allzu erschre­ckend aktuell. Kaum etwas scheint sich ver­än­dert zu haben, seit Hemons flüch­tende Eltern Anfang der 1990er in ihrer Zwi­schen­sta­tion Novi Sad Bekannten aus Bos­nien Unter­schlupf gewährten, „bis die Unglück­li­chen es nach Deutsch­land oder Frank­reich oder in ein anderes Land schafften, wo sie nicht erwünscht waren und es nie sein würden.“ Klar benannte Zustände – für schein­hei­lige Mul­ti­kulti-Tole­ranz-Rhe­torik ist bei Hemon kein Platz. Kur­zer­hand skiz­ziert er diese als Mar­ke­ting-Trick und als neo­li­be­rale Fan­tasie, die auf der ver­meint­li­chen Über­le­gen­heit west­li­cher Demo­kra­tien beruht.

hemon_cover_dtUnd viel­leicht kann er dies alles gerade des­halb so klar benennen, weil er sich der von ihm erwar­teten Klar­heit an anderer Stelle ver­wehrt. Nicht nur durch die Art der Neu­zu­sam­men­stel­lung von Texten wird im Buch meiner Leben ein kom­plexes Raum- und Zeit­ge­füge geschaffen. Auch inner­halb der ein­zelnen Texte ver­mi­schen sich die Zeit­ebenen ebenso wie die geo­gra­fi­schen Räume. Kom­pli­zierte innere Land­schaften eben, und damit eine klare Absage an eine ver­meint­lich klare Tren­nung in eine Vor­kriegs- und eine Nach­kriegs­iden­tität, ein bos­ni­sches und ein US-ame­ri­ka­ni­sches Ich. Lieber defi­niert Hemon sich selbst als „Wirr­warr unbe­ant­wort­barer Fragen“ und kom­men­tiert die Aus­sage einer US-Ame­ri­ka­nerin, „Es ist doch schön, aus einer anderen Kultur zu kommen“, mit den Worten: „Ich brachte es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass ich dum­mer­weise, manchmal aber Gott sei Dank, ein kom­pli­zierter Mensch bin“. „Ich bin kom­pli­ziert“, so lau­tete bereits die Ant­wort Jozef Proneks, des Prot­ago­nisten von Hemons Debüt­roman Nowhere Man (2002), auf die Frage nach seiner natio­nalen Zuge­hö­rig­keit – mit der er sich sowohl der ‚eth­ni­schen’ Tei­lung der Bevöl­ke­rung Bos­nien und Her­ze­go­winas als auch den Fremd­zu­schrei­bungen aus US-ame­ri­ka­ni­scher Per­spek­tive wider­setzte. Es ist ein Glück für die Leser_innen, dass Hemon das Kom­pli­zierte nach wie vor nicht wegglättet.

 

Uner­träg­li­ches ertragen

Anders­herum betrachtet, sind Leben jedoch manchmal so glatt, dass Schlit­tern, Stürzen und Schreien unver­meid­lich dazu gehören. Denn es gibt zum Bei­spiel Vojislav Šešelj, „der ver­spro­chen hatte, kroa­ti­sche Augen mit ros­tigen Löf­feln aus­zu­kratzen”, was Hemon tro­cken und das Grauen doch voll erfas­send kom­men­tiert mit: „Nor­male Löffel reichten ihm offenbar nicht.” Es gibt auch Pro­fessor Kol­jević, eben jenen Pro­fessor Hemons, der sich schließ­lich für Radovan Kara­džićs Seite ent­scheidet, und es gibt die „hef­tige Abscheu gegen­über bür­ger­li­chem Geschwafel“ und den „hilf­losen Zorn“, die Hemons Schreiben seither durch­ziehen und die er nicht los­werden kann.

Und es gibt den Hirn­tumor von Hemons neun Monate alter Tochter Isabel, ihren Tod. Es nicht zu schaffen, dar­über zu schreiben, so sagt Hemon in einem Inter­view mit der Neuen Zür­cher Zei­tung, „hätte mich als jemanden ent­larvt, der nur über Dinge schreibt, die nicht allzu unge­müt­lich sind. Dies stünde jedoch in einem voll­kom­menen Gegen­satz zu meiner Über­zeu­gung, dass die Lite­ratur dazu da ist, all das zu the­ma­ti­sieren, was die mensch­liche Exis­tenz schwer und mit­unter uner­träg­lich macht.” Er schreibt also dar­über, auch wenn der Schmerz durch jede Zeile dringt. Ver­wehrt sich gegen Plat­ti­tüden. Fehlt es an Worten, wenn ein Baby einen Hirn­tumor hat? Nein, schreibt Hemon, im Gegen­teil, es gibt zu viele Worte, zu schwer und zu spe­zi­fisch, um sie anderen über­zu­stülpen, und des­halb leben seine Frau und er wäh­rend der Krank­heit ihres Kindes iso­liert wie in einem Aqua­rium. Sind Leiden und Tod letzt­lich auch erhe­bende, erhel­lende Erfah­rungen? Nein, schreibt Hemon, diese Erfah­rungen waren für nie­manden und nichts gut, absolut nicht, zurück ließen sie nur eine mit nichts zu fül­lende Leere. Das Buch meiner Leben ist Isabel gewidmet, „die für immer an meiner Brust atmet“ („forever breat­hing on my chest“) – so wie sie, so erin­nert sich Hemon, auch kurz nach der Dia­gnose an seiner Brust atmete, damit ihren Vater beru­higte, sich um ihn, den viel Älteren, küm­merte. Schade, dass Mat­thias Fien­bork, der das Buch ins Deut­sche über­tragen hat, diese Wid­mung ledig­lich mit „Für Isabel, unver­gessen“ über­setzt hat – wie auch sonst so einige Nuancen von Hemons unauf­dring­li­chem sprach­li­chen Geschick in der Über­set­zung ins Deut­sche leider ver­loren gegangen sind.

Trotz großen Schmerzes erdrückt das Buch seine Leser_innen nicht mit Schwere. Zu ver­danken ist dies Hemons scharfen Beob­ach­tungen, unver­stellten Refle­xionen und auch seinem Humor, einem Humor, mit dem er sich nicht gemüt­lich an die Ober­fläche der Dinge zurück­zieht. Mög­liche Akti­vi­täten für die Zeit nach der Lek­türe dieses Buches also: Viel­leicht die gewohnten Publi­kum­stri­bünen ver­lassen und sich Fuß­ball­par­tien mal aus ver­schie­denen Blick­win­keln zugleich anschauen. Oder sich gleich an ganz neue Spiel­re­geln her­an­wagen, z.B. bei einer Runde Bujrum-Schach, einer Vari­ante, in der es darum geht, die geg­ne­ri­sche Seite mög­lichst schnell gewinnen zu lassen. Oder die Schach­fi­guren ins Sta­dion ver­setzen und wäh­rend des Anpfiffs zum ersten Zug die Gleich­zei­tig­keit des Wider­sprüch­li­chen aus­halten, viel­leicht sogar genießen. Und dar­über später etwas erzählen, etwas Vor­läu­figes, Unab­ge­schlos­senes – denn Leben sind nun einmal nicht unkompliziert.

 

Hemon, Alek­sandar: The Book of my Lives. New York: Farrar, Straus and Giroux, 2013.
Hemon, Alek­sandar: Das Buch meiner Leben. Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von Mat­thias Fien­bork. Mün­chen: Albrecht Knaus Verlag, 2013.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
„Erst im Erzählen wird das Leben Wirk­lich­keit.“ Alek­sandar Hemon im Gespräch. Inter­view in der Neuen Zür­cher Zei­tung vom 22.4.2014.

 

Wei­tere Lite­ratur von Alek­sandar Hemon:
The Ques­tion of Bruno. New York: Nan A. Talese, Dou­bleday, 2000. [dt.: Die Sache mit Bruno. Mün­chen: Albrecht Knaus Verlag, 2000.]
Nowhere Man. New York: Nan A. Talese, Dou­bleday, 2002. [dt.: Nowhere Man. Mün­chen: Albrecht Knaus Verlag, 2003.]
The Lazarus Pro­ject. New York: Riv­er­head Books, 2008. [dt.: Lazarus. Mün­chen: Albrecht Knaus Verlag, 2009.]
Love and Obsta­cles. New York: Riv­er­head Books, 2008. [dt.: Liebe und Hin­der­nisse. Sto­ries. Mün­chen: Albrecht Knaus Verlag, 2010.]
The Making of Zombie Wars. New York: Picador, 2015. [dt.: Zombie Wars. Mün­chen: Albrecht Knaus Verlag, 2016.]

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