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Ein Kopfumfang voller Geschichten

Posted on 19. Dezember 2008 by Jadwiga Grunwald
Ein aus der Wehrmacht desertierter Deutscher, der in der polnischen Untergrundarmee kämpft. Eine Frau, die bei polnischen Zieheltern aufwächst und nach über fünfzig Jahren ihrer leiblichen Mutter begegnet. – Włodzimierz Nowaks Reportagen fangen polnisch-deutsche Schicksale ein.

Der Journalist Włodzimierz Nowak erzählt aus dem deutsch-polnischen Zusammenleben

 

Heidchen war zehn, als die Rote Armee das Dorf Wildenhagen (heute Lubin) erreichte. Die im Dorf verbliebenen Frauen waren starr vor Angst. Aus Furcht vor den ‚schlitzäugigen’ Vergewaltigern brachten sie sich selbst und ihre Kinder um. Einige ertränkten sich, andere schnitten sich die Pulsadern auf. Auf Heidchens Hof erhängte sich gleich ein Dutzend Frauen. Auch ihr selbst wurde von der Mutter eine Schlinge um den Hals gelegt. “Das Mädchen kniet sich hin, um zu sterben, sonst wird die Mama sauer.“ Doch sie starb nicht. Und die Rotarmisten taten ihr nichts an; sie gaben ihr zu Essen und streichelten ihren Kopf. Heute ist Heidchen fünfundsechzig Jahre alt und die einzige Zeugin der Nacht in Wildenhagen, der Nacht vom 31. Januar auf
1. Februar 1945.

Obwód głowy (Kopfumfang) gehörte zu den sieben Büchern, die 2008 ins Finale des polnischen prestigeträchtigen Nike-Literaturpreises gewählt wurden . Es ist ein Sammelband von Włodzimierz Nowaks zwölf besten Reportagen aus den Jahren 1997-2006. Der Journalist schreibt für die Beilage Duży Format (Großes Format) der Gazeta Wyborcza, der führenden Tages zeitung in Polen. Jede seiner Reportagen hat ihre eigene Spezifik und Geschichte. Für einige von ihnen recherchierte er monatelang, für andere reichten ihm wenige Gespräche, um ein differenziertes Bild zu gewinnen.

Ich lernte Nowak während der Schriftstellerwochen der Stiftung Genshagen im Herbst 2007 kennen. Ich wollte ihn zu seinen Techniken der literarischen Reportage interviewen. Bei unseren Gesprächen bemerkte ich immer wieder, welch ein hervorragender Zuhörer er ist. Sein Interesse  am Gesprächspartner ist nicht vorgetäuscht, vielmehr zeigt er sich so interessiert, dass man schon beim ersten Treffen geneigt ist, vor allem von sich selbst zu erzählen. So wird der Interviewer im Gespräch mit Nowak zum Interviewten. Nun konnte ich auch verstehen, warum es ihm gelingt, die Protagonisten seiner Reportagen Geschichten erzählen zu lassen, an die sie sich nicht mehr zu erinnern glaubten, oder die sie bewusst oder unbewusst verdrängt hatten. So war es zum Beispiel mit dem Belgier Mathi Schenk (Mein Warschaukoller), der noch nie mit jemandem über seine Erfahrungen im Krieg sprechen wollte: Schließlich wurden aus der einen Stunde, die er Nowak für ein Interview gewähren wollte, drei ganze Tage.
Die Auseinandersetzung mit dem Krieg und seinen Folgen bestimmt viele der Geschichten in Kopfumfang. Nowak dokumentiert, wie sowohl Deutsche als auch Polen mit dem Trauma der Vergangenheit umzugehen versuchen, und wie unheimlich kompliziert und verwoben die Geschichten aus der deutsch-polnischen Nachbarschaft sind. Da ist zum Beispiel jener Deutsche, der aus der Wehrmacht desertierte und der Armia Krajowa, der polnischen Untergrundarmee im Zweiten Weltkrieg, beitrat (Die Abenteuer des braven Soldaten Manfred). Frau Irena (Mutterherz, Tochterherz) hingegen ist während des Krieges in Berlin als Tochter einer deutschen Feldarbeiterin geboren. Sie wurde von der Familie ihrer Mutter in Höhen Birken aufgezogen, bis sie als Dreijährige von ihrem Großvater fremden polnischen Leuten übergeben wurde. Erst auf dem Sterbebett ihres Ziehvaters erfuhr sie, dass sie nicht seine leibliche Tochter ist. Daraufhin begab sie sich auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter und fand schließlich heraus, dass diese heute in einem kleinen Dorf in Serbien lebt. Gazeta Wyborcza finanzierte ihr die Reise zu ihrer Mutter, und Nowak begleitete sie nach Serbien. So wurde er Zeuge eines Wiedersehens von Mutter und Tochter nach über fünfzig Jahren.

Nowak beschäftigt sich aber auch mit den Folgen der politischen Wende in beiden Ländern: Bochumer Arbeiter werden mit der Konkurrenz von den östlichen Arbeitsmärkten konfrontiert.  Zwischen den in Bochum und dem polnischen Gleiwitz gelegenen Werken besteht ein harter Wettbewerb um die Fertigung von Automodellen und die davon abhängigen Arbeitsplätze. Die Deutschen beklagen sich, dass ihnen die Polen die Arbeit weg-
nähmen (Zwei Minuten contra drei). Frau Mohs, die Titelperson der vorletzten Reportage, ist in Halle in der DDR aufgewachsen. Sie fühlte sich dort wohl, hatte ihren Platz in der Gesellschaft gefunden und konnte sich hocharbeiten. Heute ist sie arbeitslos, „dick vom billigen Essen vom Aldi“, und fühlt sich wie eine Bürgerin zweiter Klasse.

Aus der Zeit vor dem Beitritt Polens zum Schengen-Raum stammen Reportagen über den Alltag an der deutsch-polnischen Grenze: vom Menschenschmuggel, dem Einkaufstourismus, dem Zusammenleben der polnischen und deutschen Studenten an der europäischen Universität Viadrina und schließlich dem Zusammenwachsen der Grenzstädte Gubin und Guben.

Die meisten Geschichten sind schockierend und schwer zu glauben. Nowak berührt oft heikle Themen und scheut sich auch nicht, über Stereotype und Vorurteile laut zu sprechen. Er selbst hält sich aber mit eigenen Bewertungen und Meinungen zurück. Er arbeitet die Vielschichtig-
keit der von ihm geschilderten Fälle heraus und regt damit den Leser zur Auseinandersetzung mit der Problematik an.

Im Gegensatz zu den sehr verwickelten Geschichten ist die Sprache der Reportagen Nowaks sehr einfach gehalten. Nowak schreibt knapp und pointiert. Gefühlsausdrücke finden sich nur selten – egal, ob Nowak von einem Kriegsmassaker spricht oder von einer Wiederbegegnung von Mutter und Tochter nach ein paar Dutzend Jahren, seine Ausdrucksweise ist kühl und distanziert. Wenn man seine Berichte liest, hat man stets den Eindruck, als wäre man selbst Zeuge der Ereignisse, als höre und sehe man die Menschen, deren Schicksal sie mit einem so außergewöhnlichen Lebenslauf bedachte. Dass das durchaus auch mit einer Prise Humor geht, zeigt sich zum Beispiel an folgender Passage, in der Nowak von der nicht mehr existierenden Grenze zwischen Polen und Europäischer Union berichtet: „Zwei grauhaarige Eurobürgerinnen sitzen auf einer Eurobank unter einem Eurobaum. Sie gucken über die Euro-Neiße auf das Ufer der Europäischen Union und beklagen sich.“ (Die Ufer immer näher, das Fischlein weit weg)

 

Nowak, Włodzimierz: Obwód głowy. Wołowiec 2007.

Das Buch erscheint in Kürze im Eichborn Verlag auf Deutsch unter dem Titel: Wlodzimierz Nowak: Die Nacht von Wildenhagen. Zwölf deutsch-polnische Schicksale.

Ein Kopfumfang voller Geschichten – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ein Kopf­um­fang voller Geschichten

Der Jour­na­list Włod­zi­mierz Nowak erzählt aus dem deutsch-pol­ni­schen Zusammenleben

 

Heid­chen war zehn, als die Rote Armee das Dorf Wil­den­hagen (heute Lubin) erreichte. Die im Dorf ver­blie­benen Frauen waren starr vor Angst. Aus Furcht vor den ‚schlitz­äu­gigen’ Ver­ge­wal­ti­gern brachten sie sich selbst und ihre Kinder um. Einige ertränkten sich, andere schnitten sich die Puls­adern auf. Auf Heid­chens Hof erhängte sich gleich ein Dut­zend Frauen. Auch ihr selbst wurde von der Mutter eine Schlinge um den Hals gelegt. “Das Mäd­chen kniet sich hin, um zu sterben, sonst wird die Mama sauer.“ Doch sie starb nicht. Und die Rot­ar­misten taten ihr nichts an; sie gaben ihr zu Essen und strei­chelten ihren Kopf. Heute ist Heid­chen fünf­und­sechzig Jahre alt und die ein­zige Zeugin der Nacht in Wil­den­hagen, der Nacht vom 31. Januar auf
1. Februar 1945.

Obwód głowy (Kopf­um­fang) gehörte zu den sieben Büchern, die 2008 ins Finale des pol­ni­schen pres­ti­ge­träch­tigen Nike-Lite­ra­tur­preises gewählt wurden . Es ist ein Sam­mel­band von Włod­zi­mierz Nowaks zwölf besten Repor­tagen aus den Jahren 1997–2006. Der Jour­na­list schreibt für die Bei­lage Duży Format (Großes Format) der Gazeta Wyborcza, der füh­renden Tages zei­tung in Polen. Jede seiner Repor­tagen hat ihre eigene Spe­zifik und Geschichte. Für einige von ihnen recher­chierte er mona­te­lang, für andere reichten ihm wenige Gespräche, um ein dif­fe­ren­ziertes Bild zu gewinnen.

Ich lernte Nowak wäh­rend der Schrift­stel­ler­wo­chen der Stif­tung Gens­hagen im Herbst 2007 kennen. Ich wollte ihn zu seinen Tech­niken der lite­ra­ri­schen Repor­tage inter­viewen. Bei unseren Gesprä­chen bemerkte ich immer wieder, welch ein her­vor­ra­gender Zuhörer er ist. Sein Inter­esse  am Gesprächs­partner ist nicht vor­ge­täuscht, viel­mehr zeigt er sich so inter­es­siert, dass man schon beim ersten Treffen geneigt ist, vor allem von sich selbst zu erzählen. So wird der Inter­viewer im Gespräch mit Nowak zum Inter­viewten. Nun konnte ich auch ver­stehen, warum es ihm gelingt, die Prot­ago­nisten seiner Repor­tagen Geschichten erzählen zu lassen, an die sie sich nicht mehr zu erin­nern glaubten, oder die sie bewusst oder unbe­wusst ver­drängt hatten. So war es zum Bei­spiel mit dem Bel­gier Mathi Schenk (Mein War­schau­koller), der noch nie mit jemandem über seine Erfah­rungen im Krieg spre­chen wollte: Schließ­lich wurden aus der einen Stunde, die er Nowak für ein Inter­view gewähren wollte, drei ganze Tage.
Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Krieg und seinen Folgen bestimmt viele der Geschichten in Kopf­um­fang. Nowak doku­men­tiert, wie sowohl Deut­sche als auch Polen mit dem Trauma der Ver­gan­gen­heit umzu­gehen ver­su­chen, und wie unheim­lich kom­pli­ziert und ver­woben die Geschichten aus der deutsch-pol­ni­schen Nach­bar­schaft sind. Da ist zum Bei­spiel jener Deut­sche, der aus der Wehr­macht deser­tierte und der Armia Kra­jowa, der pol­ni­schen Unter­grund­armee im Zweiten Welt­krieg, bei­trat (Die Aben­teuer des braven Sol­daten Man­fred). Frau Irena (Mut­ter­herz, Toch­ter­herz) hin­gegen ist wäh­rend des Krieges in Berlin als Tochter einer deut­schen Feld­ar­bei­terin geboren. Sie wurde von der Familie ihrer Mutter in Höhen Birken auf­ge­zogen, bis sie als Drei­jäh­rige von ihrem Groß­vater fremden pol­ni­schen Leuten über­geben wurde. Erst auf dem Ster­be­bett ihres Zieh­va­ters erfuhr sie, dass sie nicht seine leib­liche Tochter ist. Dar­aufhin begab sie sich auf die Suche nach ihrer leib­li­chen Mutter und fand schließ­lich heraus, dass diese heute in einem kleinen Dorf in Ser­bien lebt. Gazeta Wyborcza finan­zierte ihr die Reise zu ihrer Mutter, und Nowak beglei­tete sie nach Ser­bien. So wurde er Zeuge eines Wie­der­se­hens von Mutter und Tochter nach über fünfzig Jahren.

Nowak beschäf­tigt sich aber auch mit den Folgen der poli­ti­schen Wende in beiden Län­dern: Bochumer Arbeiter werden mit der Kon­kur­renz von den öst­li­chen Arbeits­märkten kon­fron­tiert.  Zwi­schen den in Bochum und dem pol­ni­schen Glei­witz gele­genen Werken besteht ein harter Wett­be­werb um die Fer­ti­gung von Auto­mo­dellen und die davon abhän­gigen Arbeits­plätze. Die Deut­schen beklagen sich, dass ihnen die Polen die Arbeit weg-
nähmen (Zwei Minuten contra drei). Frau Mohs, die Titel­person der vor­letzten Repor­tage, ist in Halle in der DDR auf­ge­wachsen. Sie fühlte sich dort wohl, hatte ihren Platz in der Gesell­schaft gefunden und konnte sich hoch­ar­beiten. Heute ist sie arbeitslos, „dick vom bil­ligen Essen vom Aldi“, und fühlt sich wie eine Bür­gerin zweiter Klasse.

Aus der Zeit vor dem Bei­tritt Polens zum Schengen-Raum stammen Repor­tagen über den Alltag an der deutsch-pol­ni­schen Grenze: vom Men­schen­schmuggel, dem Ein­kaufs­tou­rismus, dem Zusam­men­leben der pol­ni­schen und deut­schen Stu­denten an der euro­päi­schen Uni­ver­sität Via­drina und schließ­lich dem Zusam­men­wachsen der Grenz­städte Gubin und Guben.

Die meisten Geschichten sind scho­ckie­rend und schwer zu glauben. Nowak berührt oft heikle Themen und scheut sich auch nicht, über Ste­reo­type und Vor­ur­teile laut zu spre­chen. Er selbst hält sich aber mit eigenen Bewer­tungen und Mei­nungen zurück. Er arbeitet die Vielschichtig-
keit der von ihm geschil­derten Fälle heraus und regt damit den Leser zur Aus­ein­an­der­set­zung mit der Pro­ble­matik an.

Im Gegen­satz zu den sehr ver­wi­ckelten Geschichten ist die Sprache der Repor­tagen Nowaks sehr ein­fach gehalten. Nowak schreibt knapp und poin­tiert. Gefühls­aus­drücke finden sich nur selten – egal, ob Nowak von einem Kriegs­mas­saker spricht oder von einer Wie­der­be­geg­nung von Mutter und Tochter nach ein paar Dut­zend Jahren, seine Aus­drucks­weise ist kühl und distan­ziert. Wenn man seine Berichte liest, hat man stets den Ein­druck, als wäre man selbst Zeuge der Ereig­nisse, als höre und sehe man die Men­schen, deren Schicksal sie mit einem so außer­ge­wöhn­li­chen Lebens­lauf bedachte. Dass das durchaus auch mit einer Prise Humor geht, zeigt sich zum Bei­spiel an fol­gender Pas­sage, in der Nowak von der nicht mehr exis­tie­renden Grenze zwi­schen Polen und Euro­päi­scher Union berichtet: „Zwei grau­haa­rige Euro­bür­ge­rinnen sitzen auf einer Euro­bank unter einem Euro­baum. Sie gucken über die Euro-Neiße auf das Ufer der Euro­päi­schen Union und beklagen sich.“ (Die Ufer immer näher, das Fisch­lein weit weg)

 

Nowak, Włod­zi­mierz: Obwód głowy. Woło­wiec 2007.

Das Buch erscheint in Kürze im Eich­born Verlag auf Deutsch unter dem Titel: Wlod­zi­mierz Nowak: Die Nacht von Wil­den­hagen. Zwölf deutsch-pol­ni­sche Schicksale.