Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Wo Bor­ken­käfer Völ­ker­ball spielen: Wio­letta Grze­gor­zewskas Guguły

Käfer jagen, Kir­schen pflü­cken, Kleber schnüf­feln: In ihrer auto­bio­gra­phi­schen Prosa „Guguły“ kehrt die pol­ni­sche Autorin Wio­letta Grze­gor­zewska zu ihrer Kind­heit auf dem Lande zurück und erschafft daraus einen Kosmos voller Wunder.

 

grzegorzewska_guguly_coverDie junge Wiolka lebt im kleinen Dorf Hektary. Hier erlebt sie ihre Kind­heit und Jugend, abge­schieden vom wilden städ­ti­schen Leben. Sie lauscht den selt­samen Gesprä­chen der Erwach­senen und erschafft sich eine eigene Welt voll komi­scher Absur­di­täten. Sie nimmt den Leser mit in ihren Kopf, durch den Bilder, Träume und Mythen rau­schen, in dem Bor­ken­käfer mit Mohn­samen Völ­ker­ball spielen und in dem man bloß keine Spinne töten darf, weil dies ein Gewitter aus­löst. Der Leser streunt mit Wiolka durch die weiten Land­schaften der Krakau-Tschen­sto­chauer Jura, klet­tert auf Bäume, erklimmt furchtlos Stein­brüche, jagt Mai­käfer, lacht, ver­liebt sich und trauert mit ihr.

 

Wio­letta Grze­gor­zewska erzählt in kurzen, epi­so­den­haften Geschichten von ihrer eigenen Kind­heit und Jugend auf dem Lande. Die erwach­sene Wiolka lebt auf der Insel Wight im Ört­chen Ryde. Auf­ge­wachsen in einem kleinen Dorf in Schle­sien, lebte und stu­dierte sie in Tschen­sto­chau, bevor sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn nach Eng­land zog. Die Lek­türe von Guguły lässt Nost­algie auf­kommen, beson­ders in jenen Lese­stuben, deren Bewohner ihre Kind­heit in der Volks­re­pu­blik ver­bracht haben, und für die ein Gemisch aus rohem Eigelb, Zucker und Kakao der kuli­na­ri­sche Himmel war. Wir tau­chen ein in den kuriosen Dorf­alltag im dama­ligen Polen. Wir erfahren nicht viel über die eins­tige Politik, denn schließ­lich erzählt zu Beginn eine junge Wiolka, die nicht alles ver­steht, was um sie herum pas­siert: Warum ihr Opa, ein Spe­zia­list für beide Welt­kriege, sich in Höhlen ver­steckte. Welche ver­bo­tenen Lieder ihr Vater auf Gras­halmen pfiff und wes­halb eine Schul­freundin ihrer Mutter mit Ver­wandten in Ame­rika Ende der sech­ziger Jahre plötz­lich ver­schwand. Aber wir erfahren, wie wichtig den Dorf­be­woh­nern der Glaube ist, als sie tage­lang ihre Häuser von Spinn­weben befreien, die Kam­mern aus­räu­chern, um Fliegen zu ver­treiben, und die Kühe anbinden. Und das alles, weil eine Pro­zes­sion mit einem Bild der hei­ligen Mutter Gottes durchs Dorf ziehen soll.

 

Wiolkas Familie und die Gestalten aus der Nach­bar­schaft werden von Grze­gor­zewska mit all ihren Macken auf­merksam beschrieben. Der athe­is­ti­sche, par­tei­treue Vater prä­pa­riert tote Tiere aus dem Wald auf dem hei­mi­schen Küchen­tisch und dreht aus Pro­test gegen reli­giöse Ver­samm­lungen im Haus das Licht ab. Die schlag­fer­tige Oma tauscht mit ihren Alters­ge­nos­sinnen beim Feder­rupfen Klatsch und Tratsch aus. Die Dorf­schnei­derin macht in ihrem geheimen Zimmer selt­same Dinge mit einer Puppe. Ihre Mutter ist aber­gläu­bisch und fürchtet sich vor Gewit­tern. Wiolka schlüpft dann mit ihr unter die Bett­decke. Sie hört die Lieder ihres Vaters, pflückt Kir­schen und Mohn mit der Oma, sam­melt Zünd­hol­ze­ti­ketten, nimmt an Mal­wett­be­werben teil und schnüf­felt Kleber mit dem Nach­bars­jungen. Das kleine Dorf Hektary bietet genü­gend Erzähl­stoff und Grze­gor­zewska macht aus ihm große Geschichten. Es ist, als säße sie am Ess­tisch und erzählte von früher, in den Ohren das Summen der Fliegen und in der Nase der Geruch von getrock­netem Heu.

 

Nach Notatnik z Wyspy (2012, Notizen aus der Insel) ist Guguły Grze­gor­zewskas zweites Buch mit Erzäh­lungen. Zuvor debü­tierte sie als Dich­terin. Guguły wurde jüngst am Theater in der nord­öst­li­chen pol­ni­schen Stadt Białystok insze­niert. Die mehr­mals aus­ge­zeich­nete Autorin liest oft auf Lite­ra­tur­fes­ti­vals aus ihren Texten. Auf ihrem Blog, benannt wie eines ihrer Bücher, Pamięć Smieny, schreibt sie weiter über das Leben. Neben kurzen Anek­doten aus dem Alltag finden sich hier auch Aus­züge aus ihren Werken, Gedanken und Erin­ne­rungen. Oft schweben Wolken voller Melan­cholie über ihren Erzäh­lungen. Sie ver­treiben plötz­lich die Fröh­lich­keit und man könnte meinen, Heimweh und die Sehn­sucht nach frü­heren Zeiten machen sich bei Grze­gor­zewska breit. Auch Guguły ist nicht immer heiter. Es ist ein Buch vom Kind­sein und Erwach­sen­werden. Guguły – das sind im Dia­lekt unreife Früchte. Sie wachsen an Bäumen. Könnte man sie nur essen und für immer Kind bleiben. Doch sie machen nur Bauch­schmerzen. So wie das Leben, wenn man beginnt, es zu ver­stehen. Von Seite zu Seite, Epi­sode zu Epi­sode reift der Leser mit Wiolka. Wo er anfangs noch unbe­schwert über ihre kind­li­chen Spin­ne­reien lachte, beschreitet er mit ihr den Tram­pel­pfad des Erwach­sen­wer­dens, über­windet Schmerz, erfährt Liebe. Um am Ende fest­zu­stellen, dass er noch nicht bereit ist für das Leben. Im Innern bleiben wir guguły.

 

Grze­gor­zewska, Wio­letta: Guguły. Woło­wiec: Czarne, 2014.

 

Wei­ter­füh­rende Lite­ratur und Links:

Grze­gor­zewska, Wio­letta: Pamięć Smieny/Smena´s Memory. London 2011.
Blog von Wio­letta Grze­gor­zewska: Pamięć Śmieny.
Insze­nie­rung von Guguły am Teatr Dra­ma­ty­czny in Białystok.
Video vom Cama­rade Poetry Fes­tival 2013 (Vor­trag in pol­ni­scher Sprache mit eng­li­scher Über­set­zung).

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