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Heilung durch empathische Verfremdung

Posted on 22. Juni 2019 by Susi K. Frank
Anlässlich der dritten Summer Academy von PRISMA UKRAÏNA "Beyond Violence. The (Im)possibility of Understanding and Remembering" wurde am 13. Juli 2019 die Ausstellung "Meni dosi soromno vykydati ižu. Babusja rozpovídala meni pro Holodomor" (I still feel sorry when I throw away food. Grandma used to tell me stories about the Holodomor) von Lia Dostlieva und Andrii Dostliev eröffnet.

(Post)memoriale Kunst, die Reflexion ermöglicht, Gemeinschaft stiftet und hilft, mit den Traumata zu leben

 

Anlässlich der dritten Summer Academy von PRISMA UKRAÏNA Beyond Violence. The (Im)possibility of Understanding and Remembering wurde am 13. Juli 2019 die Ausstellung Meni dosi soromno vykydati ižu. Babusja rozpovídala meni pro Holodomor (I still feel sorry when I throw away food. Grandma used to tell me stories about the Holodomor) von Lia Dostlieva und Andrii Dostliev eröffnet. Die Sommerschule wurde in Kooperation mit dem Tkuma – Ukrainian Institute for Holocaust Studies in Dnipro vom Research Network Eastern Europe am Forum für Transregionale Studien, Berlin ausgetragen (Organisation: Andrij Portnov, Denis Shatalov, Viktoria Serhijenko).

Lia Dostlieva, Annette Werberger, Denys Shatalov bei der Eröffnung der Ausstellung. Tkuma – Ukrainian Institute for Holocaust Studies, 2019. © Susi K. Frank

 

Lia Dostlieva ist eine junge Künstlerin aus Donezk, die gerade ein Künstler_innenstipendium in Poznań angetreten hatte, als die Besetzung der Ostukraine durch russische Truppen begann. Ohne de facto geflohen zu sein, wurden Lia und ihr Mann Andrii so zu ‚Flüchtlingen‘. Von Poznań aus suchen sie, die seither nie mehr in ihrer Heimatstadt waren und keine Gelegenheit hatten, Erinnerungsstücke und Dokumente des Familiengedächtnisses in ihr erzwungenes neues Leben zu retten, künstlerische Wege des Ausdrucks, der Reflexion und der intellektuellen und emotionalen Bewältigung ihrer Situation, die sie mit fast zwei Millionen Ukrainer_innen teilen. Dabei erweist sich Verfremdung als Verfahren, das Distanzierung voraussetzt und eine originelle Verbindung von Reflexion und Empathie ermöglicht, als das alle Projekte miteinander verbindende Moment.

 

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Ausstellungsansicht Tkuma – Ukrainian Institute for Holocaust Studies, 2019. © Susi K. Frank

 

Zwei Projekte nehmen Bezug auf die russische Besetzung des Donbass und der Krim. Das mit „Occupation!“ übertitelte Projekt setzt sich mit der Situation des Abgeschnittenseins von der eigenen Vergangenheit, vom Familiengedächtnis und den mit Erinnerung aufgeladenen Gegenständen und Dokumenten auseinander, in der sich die Künstlerin unversehens in Poznań wiederfand. In dieser Situation wurden alte Familienfotos, Fotos von Familienmitgliedern sogar aus einer Zeit, in der man selbst noch lange nicht am Leben war, zum begehrtesten Gut. Lia und Andrii sammelten solche alten Fotos, die andere weggeworfen hatten, und gestalteten daraus ein fiktives „Album“. Damit verfremdeten sie die Gattung Familienalbum, deren Bedingung doch der intime familiäre und referentielle Bezug zu den darin Abgebildeten ist, sodass sich im Projekt „Occupation!“ die Semantik des Gedächtnisraubs mit der Semantik der unrechtmäßigen Aneignung, der „Okkupation“ und Überschreibung fremder Identitäten und fremder Gedächtnisse durch ein erfundenes eigenes kreuzen, das heißt mit einer Semantik, in der sich zugleich auch die Annexion der Krim spiegelt.

Das zweite Krimprojekt ist eine Installation: ein Kreis, eine Insel aus Steinchen, die Lia durch einen allgemeinen Aufruf zusammentragen konnte. Steinchen, die alle in ihrer Kindheit vom Urlaub auf der Krim mitgebracht hatten und irgendwo in einer Schublade oder verstaubten Ecke ihrer Wohnung aufbewahrten. 30 Kilo eingesendete Steinchen, die als familiäre Sammelobjekte hochgradig persönlich und emotional besetzt waren, werden verfremdet und verwandelt in ein kollektives Symbol der traurigen spärlichen Überreste, die den Ukrainer_innen von der Krim geblieben sind. Aus ihnen legte Lia einen Steinkreis, eine Insel, die die Besucher_innen zum Verweilen, zum Weinen und zum Nachdenken einlud.

 

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Lia Dostlieva stellt ihr Projekt „Cynocephali of Donbass“ vor. Tkuma – Ukrainian Institute for Holocaust Studies, 2019. © Susi K. Frank

 

Als durch Verfremdung evozierte empathische Reflexion kann man auch Lias humorvoll verspielte Projekte bezeichnen: Das Projekt „Cynocephali of Donbass“ – „Die Hundsköpfigen vom Donbass“: genähte Puppen ‚on demand‘ als Therapieangebot, das die in der Ukraine verbreitete, weiblich konnotierte Puppennähkunst verfremdet, aber gerade dadurch allen aus dem Donbass Geflüchteten Gelegenheit zur karnevalistischen Befreiung aus der sie als Geflüchtete bedrängenden Außenwahrnehmung geben soll. Mithilfe der ironischen Anspielung auf antike und mittelalterliche Exotisierungs- und Ausgrenzungsstrategien – „Kynokephaloi“ als Repräsentanten einer unbekannten, phantastischen Welt im Osten, wie sie u.a. bei Herodot oder später bei Marco Polo genannt wurden –, in deren Tradition sie sich so freiwillig, aber karnevalesk einreihen, erhalten sie die Möglichkeit, sich über die sie im Rest der Ukraine oder im sogenannten Westen als Aliens identifizierenden Blicke lachend hinwegzusetzen.

Zur Reflexion über Möglichkeit und Unmöglichkeit der Heilung von durch Kriegsgewalt gerissenen Wunden regt auch die noch laufende Langzeitperformance „Licking War Wounds“ an, die zugleich ironisch auf die aus der Kriegssituation resultierende Bild- und Symbolsprache anspielt: Ein Panzer aus Salzstein als romantisches Lämpchen – objet trouvé in einer blühenden Gemütlichkeitskulturindustrie, die sich auf seltsame Weise mit einer Kultur der symbolischen und emotionalen Aufrüstung verbindet. Man kann ihn aufstellen und sein Lämpchen als Symbol der Empathie für die Soldaten an der Front leuchten lassen, oder man kann ihn verfremden, indem man ihn „leckt“, und dadurch den Krieg über die Assoziation der idiomatischen Wendung metaphorisch als „Wunde“ erscheinen lassen und diese Wunde durch das Lecken langwierig und mühevoll vielleicht in ferner Zukunft zum Verschwinden bringen. Dieses Projekt läuft seit einem halben Jahr und lädt durch allwöchentliche Posts auf Instagram zur humoresk-empathischen ‚Anteilnahme‘ ein.

 

"3 bereznja, obid" (dt.: 3. März, Abendessen) von Lia Dostlieva, 2018.

"3 bereznja, obid" (dt.: 3. März, Abendessen) von Lia Dostlieva, 2018. © Susi K. Frank

 

Bei dem in der Ausstellung präsentierten Projekt handelt es sich um ein Thema, das das nationale Gedächtnis der ganzen Ukraine betrifft, das – nach jahrzehntelangem Verschweigen – im politischen Diskurs der letzten zwei Jahrzehnte ins Zentrum des nationalen Narrativs gerückt ist und sowohl wissenschaftlich als auch in den Künsten vielfach thematisiert wurde. Lia und Andrii setzen sich aus einer sich dezidiert auf Marianne Hirsch berufenden postmemorialen Perspektive der Nachgeborenen, in denen das Trauma dennoch weiterlebt, künstlerisch mit dem Holodomor auseinander.

Auch an diesem Projekt zeigt sich die Spezifik der Arbeiten von Lia und Andrii Dostlievy: Ihre Projekte sind motiviert durch eine existentielle Betroffenheit, der sie künstlerisch nachgehen, an der sie höchst selbstreflexiv arbeiten und deren Bewältigung bzw. traumatische Unmöglichkeit der Bewältigung sie mit je spezifischen Mitteln aufspüren, wobei stets Verfremdung und auch eine medienreflexive Dimension eine Rolle spielt. Im „Holodomor“-Projekt bildet das Schuldgefühl beim Wegwerfen von Essen den Ausgangspunkt. Es wird auf die Erinnerung an die immer wiederholten Erzählungen der Großmutter über die Hungersnot 1932-33 zurückgeführt, die einen festen Bestandteil des Familiengedächtnisses bilden. Die auf den Blättern mit Tinte verewigten Abdrücke von Essensresten, die die Autoren wegwarfen, bilden gleichsam Spuren eines künstlerischen Bußrituals, mit dem die Schuld ein Stück abgetragen werden kann, und das die Betrachter_innen so performativ mit- und nachvollziehen können. Aber mit den Abdrücken wird noch ein weiteres Medium verbunden, die Photographie: „vorgefundene Bilder von anonymen und nicht zu identifizierenden Landschaften“ werden – formal sehr harmonisch, so dass sich an der Oberfläche der Schattierungen und Umrisse Korrespondenzen ergeben – in die Abdrücke hineingesetzt. Sie irritieren den Blick, verfremden die Abdrücke und die Abdrücke verfremden sie durch das Kippen von einer Oberflächenstruktur in einen perspektivischen Illusionismus. So wird ein Weiterdenken auf einer anderen reflexiven Ebene provoziert: Wie soll man die Toten betrauern, wenn doch Massentode durch Hunger keinerlei Spuren in der Landschaft hinterlassen? Lia Dostlievas empathischer Verfremdungskunst gelingt die Arbeit am Trauma ebenso wie das Ritual der Trauer. Sie lädt die Betrachter_innen zur empathisch-reflexiven Partizipation ein.

Heilung durch empathische Verfremdung – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Hei­lung durch empa­thi­sche Verfremdung

(Post)memoriale Kunst, die Refle­xion ermög­licht, Gemein­schaft stiftet und hilft, mit den Trau­mata zu leben

 

Anläss­lich der dritten Summer Aca­demy von PRISMA UKRAÏNA Beyond Vio­lence. The (Im)possibility of Under­stan­ding and Remem­be­ring wurde am 13. Juli 2019 die Aus­stel­lung Meni dosi sor­omno vyky­dati ižu. Babusja rozpo­ví­dala meni pro Holo­domor (I still feel sorry when I throw away food. Grandma used to tell me sto­ries about the Holo­domor) von Lia Dost­lieva und Andrii Dost­liev eröffnet. Die Som­mer­schule wurde in Koope­ra­tion mit dem Tkuma – Ukrai­nian Insti­tute for Holo­caust Stu­dies in Dnipro vom Rese­arch Net­work Eas­tern Europe am Forum für Trans­re­gio­nale Stu­dien, Berlin aus­ge­tragen (Orga­ni­sa­tion: Andrij Portnov, Denis Shatalov, Vik­toria Serhijenko).

Lia Dost­lieva, Annette Wer­berger, Denys Shatalov bei der Eröff­nung der Aus­stel­lung. Tkuma – Ukrai­nian Insti­tute for Holo­caust Stu­dies, 2019. © Susi K. Frank

 

Lia Dost­lieva ist eine junge Künst­lerin aus Donezk, die gerade ein Künstler_innenstipendium in Poznań ange­treten hatte, als die Beset­zung der Ost­ukraine durch rus­si­sche Truppen begann. Ohne de facto geflohen zu sein, wurden Lia und ihr Mann Andrii so zu ‚Flücht­lingen‘. Von Poznań aus suchen sie, die seither nie mehr in ihrer Hei­mat­stadt waren und keine Gele­gen­heit hatten, Erin­ne­rungs­stücke und Doku­mente des Fami­li­en­ge­dächt­nisses in ihr erzwun­genes neues Leben zu retten, künst­le­ri­sche Wege des Aus­drucks, der Refle­xion und der intel­lek­tu­ellen und emo­tio­nalen Bewäl­ti­gung ihrer Situa­tion, die sie mit fast zwei Mil­lionen Ukrainer_innen teilen. Dabei erweist sich Ver­frem­dung als Ver­fahren, das Distan­zie­rung vor­aus­setzt und eine ori­gi­nelle Ver­bin­dung von Refle­xion und Empa­thie ermög­licht, als das alle Pro­jekte mit­ein­ander ver­bin­dende Moment.

 

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Aus­stel­lungs­an­sicht Tkuma – Ukrai­nian Insti­tute for Holo­caust Stu­dies, 2019. © Susi K. Frank

 

Zwei Pro­jekte nehmen Bezug auf die rus­si­sche Beset­zung des Don­bass und der Krim. Das mit „Occup­a­tion!“ über­ti­telte Pro­jekt setzt sich mit der Situa­tion des Abge­schnit­ten­seins von der eigenen Ver­gan­gen­heit, vom Fami­li­en­ge­dächtnis und den mit Erin­ne­rung auf­ge­la­denen Gegen­ständen und Doku­menten aus­ein­ander, in der sich die Künst­lerin unver­se­hens in Poznań wie­der­fand. In dieser Situa­tion wurden alte Fami­li­en­fotos, Fotos von Fami­li­en­mit­glie­dern sogar aus einer Zeit, in der man selbst noch lange nicht am Leben war, zum begehr­testen Gut. Lia und Andrii sam­melten solche alten Fotos, die andere weg­ge­worfen hatten, und gestal­teten daraus ein fik­tives „Album“. Damit ver­frem­deten sie die Gat­tung Fami­li­en­album, deren Bedin­gung doch der intime fami­liäre und refe­ren­ti­elle Bezug zu den darin Abge­bil­deten ist, sodass sich im Pro­jekt „Occup­a­tion!“ die Semantik des Gedächt­nis­raubs mit der Semantik der unrecht­mä­ßigen Aneig­nung, der „Okku­pa­tion“ und Über­schrei­bung fremder Iden­ti­täten und fremder Gedächt­nisse durch ein erfun­denes eigenes kreuzen, das heißt mit einer Semantik, in der sich zugleich auch die Anne­xion der Krim spiegelt.

Das zweite Krim­pro­jekt ist eine Instal­la­tion: ein Kreis, eine Insel aus Stein­chen, die Lia durch einen all­ge­meinen Aufruf zusam­men­tragen konnte. Stein­chen, die alle in ihrer Kind­heit vom Urlaub auf der Krim mit­ge­bracht hatten und irgendwo in einer Schub­lade oder ver­staubten Ecke ihrer Woh­nung auf­be­wahrten. 30 Kilo ein­ge­sen­dete Stein­chen, die als fami­liäre Sam­mel­ob­jekte hoch­gradig per­sön­lich und emo­tional besetzt waren, werden ver­fremdet und ver­wan­delt in ein kol­lek­tives Symbol der trau­rigen spär­li­chen Über­reste, die den Ukrainer_innen von der Krim geblieben sind. Aus ihnen legte Lia einen Stein­kreis, eine Insel, die die Besucher_innen zum Ver­weilen, zum Weinen und zum Nach­denken einlud.

 

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Lia Dost­lieva stellt ihr Pro­jekt „Cynoce­phali of Don­bass“ vor. Tkuma – Ukrai­nian Insti­tute for Holo­caust Stu­dies, 2019. © Susi K. Frank

 

Als durch Ver­frem­dung evo­zierte empa­thi­sche Refle­xion kann man auch Lias humor­voll ver­spielte Pro­jekte bezeichnen: Das Pro­jekt „Cynoce­phali of Don­bass“ – „Die Hund­s­köp­figen vom Don­bass“: genähte Puppen ‚on demand‘ als The­ra­pie­an­gebot, das die in der Ukraine ver­brei­tete, weib­lich kon­no­tierte Pup­pen­näh­kunst ver­fremdet, aber gerade dadurch allen aus dem Don­bass Geflüch­teten Gele­gen­heit zur kar­ne­va­lis­ti­schen Befreiung aus der sie als Geflüch­tete bedrän­genden Außen­wahr­neh­mung geben soll. Mit­hilfe der iro­ni­schen Anspie­lung auf antike und mit­tel­al­ter­liche Exo­ti­sie­rungs- und Aus­gren­zungs­stra­te­gien – „Kyn­oke­phaloi“ als Reprä­sen­tanten einer unbe­kannten, phan­tas­ti­schen Welt im Osten, wie sie u.a. bei Herodot oder später bei Marco Polo genannt wurden –, in deren Tra­di­tion sie sich so frei­willig, aber kar­ne­valesk ein­reihen, erhalten sie die Mög­lich­keit, sich über die sie im Rest der Ukraine oder im soge­nannten Westen als Aliens iden­ti­fi­zie­renden Blicke lachend hinwegzusetzen.

Zur Refle­xion über Mög­lich­keit und Unmög­lich­keit der Hei­lung von durch Kriegs­ge­walt geris­senen Wunden regt auch die noch lau­fende Lang­zeit­per­for­mance „Licking War Wounds“ an, die zugleich iro­nisch auf die aus der Kriegs­si­tua­tion resul­tie­rende Bild- und Sym­bol­sprache anspielt: Ein Panzer aus Salz­stein als roman­ti­sches Lämp­chen – objet trouvé in einer blü­henden Gemüt­lich­keits­kul­tur­in­dus­trie, die sich auf selt­same Weise mit einer Kultur der sym­bo­li­schen und emo­tio­nalen Auf­rüs­tung ver­bindet. Man kann ihn auf­stellen und sein Lämp­chen als Symbol der Empa­thie für die Sol­daten an der Front leuchten lassen, oder man kann ihn ver­fremden, indem man ihn „leckt“, und dadurch den Krieg über die Asso­zia­tion der idio­ma­ti­schen Wen­dung meta­pho­risch als „Wunde“ erscheinen lassen und diese Wunde durch das Lecken lang­wierig und mühe­voll viel­leicht in ferner Zukunft zum Ver­schwinden bringen. Dieses Pro­jekt läuft seit einem halben Jahr und lädt durch all­wö­chent­liche Posts auf Insta­gram zur humo­resk-empa­thi­schen ‚Anteil­nahme‘ ein.

 

"3 bereznja, obid" (dt.: 3. März, Abendessen) von Lia Dostlieva, 2018.

“3 bereznja, obid” (dt.: 3. März, Abend­essen) von Lia Dost­lieva, 2018. © Susi K. Frank

 

Bei dem in der Aus­stel­lung prä­sen­tierten Pro­jekt han­delt es sich um ein Thema, das das natio­nale Gedächtnis der ganzen Ukraine betrifft, das – nach jahr­zehn­te­langem Ver­schweigen – im poli­ti­schen Dis­kurs der letzten zwei Jahr­zehnte ins Zen­trum des natio­nalen Nar­ra­tivs gerückt ist und sowohl wis­sen­schaft­lich als auch in den Künsten viel­fach the­ma­ti­siert wurde. Lia und Andrii setzen sich aus einer sich dezi­diert auf Mari­anne Hirsch beru­fenden post­me­mo­rialen Per­spek­tive der Nach­ge­bo­renen, in denen das Trauma den­noch wei­ter­lebt, künst­le­risch mit dem Holo­domor auseinander.

Auch an diesem Pro­jekt zeigt sich die Spe­zifik der Arbeiten von Lia und Andrii Dost­lievy: Ihre Pro­jekte sind moti­viert durch eine exis­ten­ti­elle Betrof­fen­heit, der sie künst­le­risch nach­gehen, an der sie höchst selbst­re­flexiv arbeiten und deren Bewäl­ti­gung bzw. trau­ma­ti­sche Unmög­lich­keit der Bewäl­ti­gung sie mit je spe­zi­fi­schen Mit­teln auf­spüren, wobei stets Ver­frem­dung und auch eine medi­en­re­fle­xive Dimen­sion eine Rolle spielt. Im „Holodomor“-Projekt bildet das Schuld­ge­fühl beim Weg­werfen von Essen den Aus­gangs­punkt. Es wird auf die Erin­ne­rung an die immer wie­der­holten Erzäh­lungen der Groß­mutter über die Hun­gersnot 1932–33 zurück­ge­führt, die einen festen Bestand­teil des Fami­li­en­ge­dächt­nisses bilden. Die auf den Blät­tern mit Tinte ver­ewigten Abdrücke von Essens­resten, die die Autoren weg­warfen, bilden gleichsam Spuren eines künst­le­ri­schen Buß­ri­tuals, mit dem die Schuld ein Stück abge­tragen werden kann, und das die Betrachter_innen so per­for­mativ mit- und nach­voll­ziehen können. Aber mit den Abdrü­cken wird noch ein wei­teres Medium ver­bunden, die Pho­to­gra­phie: „vor­ge­fun­dene Bilder von anonymen und nicht zu iden­ti­fi­zie­renden Land­schaften“ werden – formal sehr har­mo­nisch, so dass sich an der Ober­fläche der Schat­tie­rungen und Umrisse Kor­re­spon­denzen ergeben – in die Abdrücke hin­ein­ge­setzt. Sie irri­tieren den Blick, ver­fremden die Abdrücke und die Abdrücke ver­fremden sie durch das Kippen von einer Ober­flä­chen­struktur in einen per­spek­ti­vi­schen Illu­sio­nismus. So wird ein Wei­ter­denken auf einer anderen refle­xiven Ebene pro­vo­ziert: Wie soll man die Toten betrauern, wenn doch Mas­sen­tode durch Hunger kei­nerlei Spuren in der Land­schaft hin­ter­lassen? Lia Dost­lievas empa­thi­scher Ver­frem­dungs­kunst gelingt die Arbeit am Trauma ebenso wie das Ritual der Trauer. Sie lädt die Betrachter_innen zur empa­thisch-refle­xiven Par­ti­zi­pa­tion ein.