Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die unend­liche Schwermut eines Des­il­lu­sio­nierten

August 1991. Der Eiserne Feliks schlägt dumpf auf dem Asphalt auf; die UdSSR zer­brö­ckelt in ihre ein­zelnen Buch­staben. Berauscht vom Wind of Change legen die Men­schen ihre Trümmer auf dem Friedhof der Geschichte ab. Doch dass die Toten nicht immer bereit sind zu ruhen, weiß Sergej Lebedev kunst­voll in seinem neuen Roman „Men­schen im August“ („Ljudi avgusta“) zu zeigen.

 

In einer fast schon gro­tesk anmu­tenden Mischung aus Indiana Jones, ver­träumtem Sur­rea­lismus und his­to­ri­schem Roman nimmt uns Sergej Lebedev [Sergej Lebedew] in seinem neuen, auch diesmal von Fran­ziska Zwerg ins Deut­sche über­setzten Roman Men­schen im August mit in die Wirren der post­so­wje­ti­schen 1990er Jahre, in denen sich auf den Trüm­mern der Ver­gan­gen­heit ein neues Russ­land kon­sti­tu­iert. Es ist eine „Zeit des Zwi­schen­raums, eines Macht­va­kuums“, in der Olig­ar­chen geboren werden, KGB-Männer an ihren poli­ti­schen Kar­rieren feilen und der ille­gale Handel mit natür­li­chen und kul­tu­rellen Res­sourcen blüht. Alles ist mög­lich, selbst ein tief gefro­renes Mammut.

Der namen­lose Prot­ago­nist und Erzähler zugleich arran­giert sich mit den Ver­hält­nissen und findet seine Nische in ille­galen Geschäften. Doch seine wahre Bestim­mung scheint woan­ders zu liegen: im Auf­spüren der lange ver­deckten Ver­gan­gen­heit und der beschwie­genen Geschichte und Geschichten, die unter den sowje­ti­schen Trüm­mern her­vor­lugen. Er wird zum Restau­rator von Bio­gra­phien und Lebens­li­nien, zu einem Medium der nicht sterben wol­lenden Toten und toten Lebenden: „Für viele wurde ich so etwas wie ein his­to­ri­scher Psy­cho­the­ra­peut.“ Die Suche nach dem Ver­gan­genen nimmt ihren Anfang aller­dings in der per­sön­li­chen Geschichte und dem geheim­nis­vollen Tage­buch der Groß­mutter, in dem die Hand­lung des Romans ihren Aus­gangs­punkt hat.

 

Das geheim­nis­volle Tage­buch und der beschwie­gene Groß­vater

„Um die Zukunft günstig zu stimmen, blieb ein Mensch von den Schil­de­rungen aus­ge­schlossen und wurde nicht auf die Arche des Manu­skripts gelassen“ – der Groß­vater Michail. Nicht einmal in den ‚offiziellen’Memoiren, die die Groß­mutter Tanja ihrem Enkel, dem Erzähler, in den ver­hei­ßungs­vollen August­tagen des Jahres 1991 über­gibt, darf er leben. Als Redak­teurin beim Poli­tizdat hatte die Groß­mutter das Redi­gieren gut ver­in­ner­licht. Und so blieb der Groß­vater Michail eine Leer­stelle, umwoben von einer Legende vom ver­schol­lenen Funker, an die keiner so recht glaubte. Bis der Erzähler nach dem Tod seiner Groß­mutter unter dem Ein­band zu Kon­stantin Simo­novs Lyrik das Tage­buch seiner Groß­mutter findet. Es ist die nicht redi­gierte Roh­schrift, in der Groß­vater Michail seine, wenn auch brü­chige und lücken­hafte Bio­gra­phie bekommt: kein Funker, son­dern mög­li­cher­weise ein Geheim­dienst­of­fi­zier, dessen Lebens­linie im Zweiten Welt­krieg in der heu­tigen West­ukraine abbricht. Der Erzähler folgt dieser Spur und dort, in Dro­hobyč, wird er zum Sucher der Bio­gra­phien und Schick­sale. „Such keine Lebenden, such Tote“, lautet die Pro­phe­zeiung einer von einer mys­te­riösen Aura umwo­benen Kräu­ter­frau. Die Reise in die Ver­gan­gen­heit beginnt.

 

Die Fallen der Ver­gan­gen­heit oder das Schreiben gegen das Ver­schweigen

Lebedev macht die Ver­gan­gen­heit buch­stäb­lich begehbar, indem er sie durch seinen Erzähler geo­gra­phisch aneignen und er-reisen lässt. Es ist eine Reise „durch einen zer­fal­lenden Raum, ent­lang der inneren Grenz­zonen der UdSSR“: Sibi­rien, Kare­lien, Kasach­stan. Zu symbol- und geschichts­trächtig sind die Orte, um nur zufällig von Lebedev aus­ge­wählt worden zu sein. Ehe­mals erobert, unter­jocht, aus­ge­beutet und für immer mit dem Makel des Todes behaftet.

Es sind Orte, wo die bösen Geister der sowje­ti­schen Ver­gan­gen­heit die Gegen­wart des Erzäh­lers bestimmen, wo Land­strei­cher und Tage­löhner ein Leben in der Gefan­gen­schaft eines „Hun­de­zaren“ der Frei­heit vor­ziehen, „[w]eil er ihnen eine Exis­tenz­form gegeben ha[t]“. Und plötz­lich ist es ver­ständ­lich, warum Mitte der 1990er die Rück­kehr der Kom­mu­nisten wie ein Damo­kles­schwert über dem Land schwebte: Das Alte war weg. Was war das neue Angebot? Der Krieg?

lebedev_cover_ruEine sich Jahr­zehnte lang nach ihrer Beute seh­nende Falle – eine Folge der sta­li­nis­ti­schen Depor­ta­tions- und Säu­be­rungs­po­litik – schnappte zu: der Tsche­tsche­ni­en­krieg. Ein wunder und in viel­fa­cher Hin­sicht ein töd­li­cher Punkt in der rus­si­schen Geschichte, zu para­dig­ma­tisch, um nicht in Men­schen im August auf­ge­nommen zu werden. Doch es sind keine Schlacht­felder, schon gar keine heroi­schen Taten oder Helden, die Lebedev ent­stehen lässt. Und eigent­lich ist auch kein Krieg mehr – der Frieden von Cha­s­a­v­jurt wird vor­be­reitet –, und den­noch ist er da. Mit der gesamten Wucht der bild­haften Sprache frisst er sich durch die Seiten in das Bewusst­sein der Lese­rinnen. Dafür reicht ein Blick des Erzäh­lers in ein Kreis­kran­ken­haus, wo sich in Tief­kühl­truhen „lei, st, st, st, stor, en, kör, ch, o, o, o, tot, r, r, lei, lei“ auf­ein­ander sta­peln. Keine Toten, nur Fetzen. „Hier zeig[en] sich die tat­säch­li­chen Ver­luste – die Leere, die an der Stelle von Men­schen ent­standen war, der erbar­mungs­lose Schwund des Flei­sches“, der in seinem Ausmaß und seiner Mons­tro­sität jeg­li­cher offi­zi­ellen Dar­stel­lung wider­spricht.

Beim Erzähler selbst löst dieser Anblick ein Déjà-vu aus. All das hat er schon einmal gesehen, nein, gelesen: „[E]s war der Feu­er­wehrhof aus Groß­mutters Erzäh­lung [Memoiren – O. H.], in den der Waggon mit den Toten [Rot­ar­misten – O.H.] von der Sta­tion gerollt war, wo man die Lei­chen auf die Erde gelegt hatte.“ Der Ein­trag bezieht sich auf das Jahr 1921. Auf diese Weise zieht Lebedev eine Ver­bin­dungs­linie vom rus­si­schen Bür­ger­krieg über die sub­tile Andeu­tung auf die sowje­ti­sche Periode zu den so ver­hei­ßenden 1990ern und demons­triert ein­drucks­voll, wie die „blinde Ver­gan­gen­heit“ zur „blinden Gegen­wart“ wird, gegründet auf der Angst jedes ein­zelnen, sich „in einem Toten­waggon [vor­zu­finden], der für immer an den Zug der rus­si­schen Geschichte gekop­pelt war“. Es ist jene Angst, die das Ver­stummen und Erblinden repro­du­ziert und das Land und seine Men­schen, nicht nur die des Augusts, ihrer Zukunft beraubt. Und so ist es auch kein Zufall, dass die Figuren nur soweit mit kon­kreten per­sön­li­chen Eigen­schaften aus­ge­stattet sind, dass sie jeder­zeit aus­ge­tauscht werden können, weil sie mit ihren Erleb­nissen stell­ver­tre­tend für die kol­lek­tive Erfah­rung sowje­ti­scher und post­so­wje­ti­scher Genera­tionen stehen.

Somit ist Men­schen im August wie auch Lebe­devs erster Roman Der Himmel auf ihren Schul­tern (2013, russ.: Predel zab­ve­nija) ein lite­ra­ri­scher Ver­such der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung und Erklä­rung der rus­si­schen Gegen­wart zugleich. In seiner Gesamt­heit liest er sich als Gegen­ent­wurf zu offi­zi­ellen natio­nalen Mas­tern­ar­ra­tiven. Vor diesem Hin­ter­grund ist es auch nicht ver­wun­der­lich, dass die deut­sche Aus­gabe des Romans (S. Fischer Verlag, Oktober 2015) zugleich die Welt­pre­miere war. Zu Beginn des Jahres 2016 erschien der Roman in einem kleinen Verlag (Alpina) nun auch in Russ­land, nachdem keiner der rus­si­schen Groß­ver­lage bereit war, ihn zu ver­öf­fent­li­chen. Die Gründe sind nahe­lie­gend: Sergej Lebedev ist ein Putin­kri­tiker. Die rus­si­sche Zei­tung, für die er als Jour­na­list schrieb, wurde vor dem Hin­ter­grund der Ukrai­ne­krise ver­boten. In seinen Romanen widmet sich Sergej Lebedev der scho­nungs­losen Auf­ar­bei­tung der rus­si­schen Geschichte und nimmt dabei bis zum heu­tigen Zeit­punkt als ein­ziger rus­si­scher Autor auch die Täter­per­spek­tive in den Blick.

 

Die Wucht der Sprache

Getragen wird Men­schen im August vor allem durch die Wucht und Ein­dring­lich­keit seiner poe­ti­schen Sprache, die so man­ches Befremden über den zuweilen her­ab­las­send wir­kenden Blick­winkel des Erzäh­lers auf die Peri­pherie oder die allzu kon­stru­iert anmu­tende Pro­phe­zeiung der Kräu­ter­frau wett­macht. Die höchst figu­ra­tive Sprache ent­wi­ckelt ihre Eigen­dy­namik. Sie bemäch­tigt sich der Lese­rinnen und zieht sie in den Sog der nimmer endenden Bild­ab­folge hinein. An machen Stellen ist die Kon­zen­tra­tion der Bilder zu dicht; gepaart mit stän­digen Bewusst­seins­strömen und Refle­xionen des Erzäh­lers zwingt sie die Lese­rinnen immer wieder zurück­zu­blät­tern, neu zu sor­tieren, sich zu kon­zen­trieren und sich der rich­tigen Dechif­frie­rung der Bilder zu ver­ge­wis­sern. Zusätz­lich wird der Lese- und Ver­ständ­nis­pro­zess dadurch erschwert, dass dem Roman keine lineare Hand­lung zugrunde liegt: Viel­mehr besteht das Werk aus der auf den ersten Blick fast schon erzwungen wir­kenden Anein­an­der­rei­hung von sechs, inhalt­lich in sich abge­schlos­senen Teilen, die sich erst auf einer inter­pre­ta­to­ri­schen Meta­ebene als eine Ein­heit begreifen lassen.

Men­schen im August ist zwei­fels­ohne ein Roman, der den Lese­rinnen sowohl Zeit, Geduld als auch his­to­ri­sche Kenntnis abver­langt, um sie letzt­lich in Schwermut und Trost­lo­sig­keit zu ent­lassen. Es ist der Blick eines des­il­lu­sio­nierten August­men­schen, der im Wissen um das heu­tige Russ­land schreibt, für das heute wie schon damals gilt: „Das Denkmal war vom Sockel gerissen worden, aber der Eiserne Feliks hatte die Lub­janka nicht ver­lassen, unsichtbar [ist] er noch anwe­send.“

 

Lebedew, Sergej: Men­schen im August. Aus dem Rus­si­schen von Fran­ziska Zwerg. Frank­furt a. M.: S.Fischer Verlag, 2015.
Lebedev, Sergej: Ljudi avgusta. Moskva: Alpina, 2016.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
Lebedev, Sergej: Ein Land wählt das Schweigen. Gast­bei­trag in der Süd­deut­schen Zei­tung vom 03.09.2014.

„Wo Stalin hun­dert weg­sperrte, reicht Putin einer.“ Inter­view mit Sergej Lebedev in Die Welt vom 26.10.2015.
Auf Rus­sisch hier zu finden.

„Oma hat unsere Geschichte zen­siert.“ Inter­view mit Sergej Lebedev in der taz vom 27.11.2015.

rbb-Bei­trag zum Roman Men­schen im August vom 29.10.2015.

„Wie eine Waffe des Teu­fels.“ Ein deutsch-rus­si­sches Gespräch mit Per Leo und Sergej Lebedew. Inter­view in der Neuen Zür­cher Zei­tung vom 26.12.2015.

Über­blick über Sergej Lebe­devs jour­na­lis­ti­sche Bei­träge bei ostpol.