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Die unendliche Schwermut eines Desillusionierten

Posted on 8. April 2016 by Olga Herdt
August 1991. Der Eiserne Feliks schlägt dumpf auf dem Asphalt auf; die UdSSR zerbröckelt in ihre einzelnen Buchstaben. Berauscht vom "Wind of Change" legen die Menschen ihre Trümmer auf dem Friedhof der Geschichte ab. Doch dass die Toten nicht immer bereit sind zu ruhen, weiß Sergej Lebedev kunstvoll in seinem neuen Roman "Menschen im August" ("Ljudi avgusta") zu zeigen.

August 1991. Der Eiserne Feliks schlägt dumpf auf dem Asphalt auf; die UdSSR zerbröckelt in ihre einzelnen Buchstaben. Berauscht vom Wind of Change legen die Menschen ihre Trümmer auf dem Friedhof der Geschichte ab. Doch dass die Toten nicht immer bereit sind zu ruhen, weiß Sergej Lebedev kunstvoll in seinem neuen Roman „Menschen im August“ („Ljudi avgusta“) zu zeigen.

 

In einer fast schon grotesk anmutenden Mischung aus Indiana Jones, verträumtem Surrealismus und historischem Roman nimmt uns Sergej Lebedev in seinem neuen, auch diesmal von Franziska Zwerg ins Deutsche übersetzten Roman Menschen im August mit in die Wirren der postsowjetischen 1990er Jahre, in denen sich auf den Trümmern der Vergangenheit ein neues Russland konstituiert. Es ist eine „Zeit des Zwischenraums, eines Machtvakuums“, in der Oligarchen geboren werden, KGB-Männer an ihren politischen Karrieren feilen und der illegale Handel mit natürlichen und kulturellen Ressourcen blüht. Alles ist möglich, selbst ein tief gefrorenes Mammut.

Der namenlose Protagonist und Erzähler zugleich arrangiert sich mit den Verhältnissen und findet seine Nische in illegalen Geschäften. Doch seine wahre Bestimmung scheint woanders zu liegen: im Aufspüren der lange verdeckten Vergangenheit und der beschwiegenen Geschichte und Geschichten, die unter den sowjetischen Trümmern hervorlugen. Er wird zum Restaurator von Biographien und Lebenslinien, zu einem Medium der nicht sterben wollenden Toten und toten Lebenden: „Für viele wurde ich so etwas wie ein historischer Psychotherapeut.“ Die Suche nach dem Vergangenen nimmt ihren Anfang allerdings in der persönlichen Geschichte und dem geheimnisvollen Tagebuch der Großmutter, in dem die Handlung des Romans ihren Ausgangspunkt hat.

 

Das geheimnisvolle Tagebuch und der beschwiegene Großvater

„Um die Zukunft günstig zu stimmen, blieb ein Mensch von den Schilderungen ausgeschlossen und wurde nicht auf die Arche des Manuskripts gelassen“ – der Großvater Michail. Nicht einmal in den ,offiziellen’Memoiren, die die Großmutter Tanja ihrem Enkel, dem Erzähler, in den verheißungsvollen Augusttagen des Jahres 1991 übergibt, darf er leben. Als Redakteurin beim Politizdat hatte die Großmutter das Redigieren gut verinnerlicht. Und so blieb der Großvater Michail eine Leerstelle, umwoben von einer Legende vom verschollenen Funker, an die keiner so recht glaubte. Bis der Erzähler nach dem Tod seiner Großmutter unter dem Einband zu Konstantin Simonovs Lyrik das Tagebuch seiner Großmutter findet. Es ist die nicht redigierte Rohschrift, in der Großvater Michail seine, wenn auch brüchige und lückenhafte Biographie bekommt: kein Funker, sondern möglicherweise ein Geheimdienstoffizier, dessen Lebenslinie im Zweiten Weltkrieg in der heutigen Westukraine abbricht. Der Erzähler folgt dieser Spur und dort, in Drohobyč, wird er zum Sucher der Biographien und Schicksale. „Such keine Lebenden, such Tote“, lautet die Prophezeiung einer von einer mysteriösen Aura umwobenen Kräuterfrau. Die Reise in die Vergangenheit beginnt.

 

Die Fallen der Vergangenheit oder das Schreiben gegen das Verschweigen

Lebedev macht die Vergangenheit buchstäblich begehbar, indem er sie durch seinen Erzähler geographisch aneignen und er-reisen lässt. Es ist eine Reise „durch einen zerfallenden Raum, entlang der inneren Grenzzonen der UdSSR“: Sibirien, Karelien, Kasachstan. Zu symbol- und geschichtsträchtig sind die Orte, um nur zufällig von Lebedev ausgewählt worden zu sein. Ehemals erobert, unterjocht, ausgebeutet und für immer mit dem Makel des Todes behaftet.

Es sind Orte, wo die bösen Geister der sowjetischen Vergangenheit die Gegenwart des Erzählers bestimmen, wo Landstreicher und Tagelöhner ein Leben in der Gefangenschaft eines „Hundezaren“ der Freiheit vorziehen, „eil er ihnen eine Existenzform gegeben ha“. Und plötzlich ist es verständlich, warum Mitte der 1990er die Rückkehr der Kommunisten wie ein Damoklesschwert über dem Land schwebte: Das Alte war weg. Was war das neue Angebot? Der Krieg?

lebedev_cover_ruEine sich Jahrzehnte lang nach ihrer Beute sehnende Falle – eine Folge der stalinistischen Deportations- und Säuberungspolitik – schnappte zu: der Tschetschenienkrieg. Ein wunder und in vielfacher Hinsicht ein tödlicher Punkt in der russischen Geschichte, zu paradigmatisch, um nicht in Menschen im August aufgenommen zu werden. Doch es sind keine Schlachtfelder, schon gar keine heroischen Taten oder Helden, die Lebedev entstehen lässt. Und eigentlich ist auch kein Krieg mehr – der Frieden von Chasavjurt wird vorbereitet –, und dennoch ist er da. Mit der gesamten Wucht der bildhaften Sprache frisst er sich durch die Seiten in das Bewusstsein der Leserinnen. Dafür reicht ein Blick des Erzählers in ein Kreiskrankenhaus, wo sich in Tiefkühltruhen „lei, st, st, st, stor, en, kör, ch, o, o, o, tot, r, r, lei, lei“ aufeinander stapeln. Keine Toten, nur Fetzen. „Hier zeig sich die tatsächlichen Verluste – die Leere, die an der Stelle von Menschen entstanden war, der erbarmungslose Schwund des Fleisches“, der in seinem Ausmaß und seiner Monstrosität jeglicher offiziellen Darstellung widerspricht.

Beim Erzähler selbst löst dieser Anblick ein Déjà-vu aus. All das hat er schon einmal gesehen, nein, gelesen: „s war der Feuerwehrhof aus Großmutters Erzählung , in den der Waggon mit den Toten von der Station gerollt war, wo man die Leichen auf die Erde gelegt hatte.“ Der Eintrag bezieht sich auf das Jahr 1921. Auf diese Weise zieht Lebedev eine Verbindungslinie vom russischen Bürgerkrieg über die subtile Andeutung auf die sowjetische Periode zu den so verheißenden 1990ern und demonstriert eindrucksvoll, wie die „blinde Vergangenheit“ zur „blinden Gegenwart“ wird, gegründet auf der Angst jedes einzelnen, sich „in einem Totenwaggon , der für immer an den Zug der russischen Geschichte gekoppelt war“. Es ist jene Angst, die das Verstummen und Erblinden reproduziert und das Land und seine Menschen, nicht nur die des Augusts, ihrer Zukunft beraubt. Und so ist es auch kein Zufall, dass die Figuren nur soweit mit konkreten persönlichen Eigenschaften ausgestattet sind, dass sie jederzeit ausgetauscht werden können, weil sie mit ihren Erlebnissen stellvertretend für die kollektive Erfahrung sowjetischer und postsowjetischer Generationen stehen.

Somit ist Menschen im August wie auch Lebedevs erster Roman Der Himmel auf ihren Schultern (2013, russ.: Predel zabvenija) ein literarischer Versuch der Vergangenheitsbewältigung und Erklärung der russischen Gegenwart zugleich. In seiner Gesamtheit liest er sich als Gegenentwurf zu offiziellen nationalen Masternarrativen. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht verwunderlich, dass die deutsche Ausgabe des Romans (S. Fischer Verlag, Oktober 2015) zugleich die Weltpremiere war. Zu Beginn des Jahres 2016 erschien der Roman in einem kleinen Verlag (Alpina) nun auch in Russland, nachdem keiner der russischen Großverlage bereit war, ihn zu veröffentlichen. Die Gründe sind naheliegend: Sergej Lebedev ist ein Putinkritiker. Die russische Zeitung, für die er als Journalist schrieb, wurde vor dem Hintergrund der Ukrainekrise verboten. In seinen Romanen widmet sich Sergej Lebedev der schonungslosen Aufarbeitung der russischen Geschichte und nimmt dabei bis zum heutigen Zeitpunkt als einziger russischer Autor auch die Täterperspektive in den Blick.

 

Die Wucht der Sprache

Getragen wird Menschen im August vor allem durch die Wucht und Eindringlichkeit seiner poetischen Sprache, die so manches Befremden über den zuweilen herablassend wirkenden Blickwinkel des Erzählers auf die Peripherie oder die allzu konstruiert anmutende Prophezeiung der Kräuterfrau wettmacht. Die höchst figurative Sprache entwickelt ihre Eigendynamik. Sie bemächtigt sich der Leserinnen und zieht sie in den Sog der nimmer endenden Bildabfolge hinein. An machen Stellen ist die Konzentration der Bilder zu dicht; gepaart mit ständigen Bewusstseinsströmen und Reflexionen des Erzählers zwingt sie die Leserinnen immer wieder zurückzublättern, neu zu sortieren, sich zu konzentrieren und sich der richtigen Dechiffrierung der Bilder zu vergewissern. Zusätzlich wird der Lese- und Verständnisprozess dadurch erschwert, dass dem Roman keine lineare Handlung zugrunde liegt: Vielmehr besteht das Werk aus der auf den ersten Blick fast schon erzwungen wirkenden Aneinanderreihung von sechs, inhaltlich in sich abgeschlossenen Teilen, die sich erst auf einer interpretatorischen Metaebene als eine Einheit begreifen lassen.

Menschen im August ist zweifelsohne ein Roman, der den Leserinnen sowohl Zeit, Geduld als auch historische Kenntnis abverlangt, um sie letztlich in Schwermut und Trostlosigkeit zu entlassen. Es ist der Blick eines desillusionierten Augustmenschen, der im Wissen um das heutige Russland schreibt, für das heute wie schon damals gilt: „Das Denkmal war vom Sockel gerissen worden, aber der Eiserne Feliks hatte die Lubjanka nicht verlassen, unsichtbar er noch anwesend.“

 

Lebedew, Sergej: Menschen im August. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. Frankfurt a. M.: S.Fischer Verlag, 2015.
Lebedev, Sergej: Ljudi avgusta. Moskva: Alpina, 2016.

 

Weiterführende Links:
Lebedev, Sergej: Ein Land wählt das Schweigen. Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 03.09.2014.

„Wo Stalin hundert wegsperrte, reicht Putin einer.“ Interview mit Sergej Lebedev in Die Welt vom 26.10.2015.
Auf Russisch hier zu finden.

„Oma hat unsere Geschichte zensiert.“ Interview mit Sergej Lebedev in der taz vom 27.11.2015.

rbb-Beitrag zum Roman Menschen im August vom 29.10.2015.

„Wie eine Waffe des Teufels.“ Ein deutsch-russisches Gespräch mit Per Leo und Sergej Lebedew. Interview in der Neuen Zürcher Zeitung vom 26.12.2015.

Überblick über Sergej Lebedevs journalistische Beiträge bei ostpol.

Die unendliche Schwermut eines Desillusionierten – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die unend­liche Schwermut eines Desillusionierten

August 1991. Der Eiserne Feliks schlägt dumpf auf dem Asphalt auf; die UdSSR zer­brö­ckelt in ihre ein­zelnen Buch­staben. Berauscht vom Wind of Change legen die Men­schen ihre Trümmer auf dem Friedhof der Geschichte ab. Doch dass die Toten nicht immer bereit sind zu ruhen, weiß Sergej Lebedev kunst­voll in seinem neuen Roman „Men­schen im August“ („Ljudi avgusta“) zu zeigen.

 

In einer fast schon gro­tesk anmu­tenden Mischung aus Indiana Jones, ver­träumtem Sur­rea­lismus und his­to­ri­schem Roman nimmt uns Sergej Lebedev [Sergej Lebedew] in seinem neuen, auch diesmal von Fran­ziska Zwerg ins Deut­sche über­setzten Roman Men­schen im August mit in die Wirren der post­so­wje­ti­schen 1990er Jahre, in denen sich auf den Trüm­mern der Ver­gan­gen­heit ein neues Russ­land kon­sti­tu­iert. Es ist eine „Zeit des Zwi­schen­raums, eines Macht­va­kuums“, in der Olig­ar­chen geboren werden, KGB-Männer an ihren poli­ti­schen Kar­rieren feilen und der ille­gale Handel mit natür­li­chen und kul­tu­rellen Res­sourcen blüht. Alles ist mög­lich, selbst ein tief gefro­renes Mammut.

Der namen­lose Prot­ago­nist und Erzähler zugleich arran­giert sich mit den Ver­hält­nissen und findet seine Nische in ille­galen Geschäften. Doch seine wahre Bestim­mung scheint woan­ders zu liegen: im Auf­spüren der lange ver­deckten Ver­gan­gen­heit und der beschwie­genen Geschichte und Geschichten, die unter den sowje­ti­schen Trüm­mern her­vor­lugen. Er wird zum Restau­rator von Bio­gra­phien und Lebens­li­nien, zu einem Medium der nicht sterben wol­lenden Toten und toten Lebenden: „Für viele wurde ich so etwas wie ein his­to­ri­scher Psy­cho­the­ra­peut.“ Die Suche nach dem Ver­gan­genen nimmt ihren Anfang aller­dings in der per­sön­li­chen Geschichte und dem geheim­nis­vollen Tage­buch der Groß­mutter, in dem die Hand­lung des Romans ihren Aus­gangs­punkt hat.

 

Das geheim­nis­volle Tage­buch und der beschwie­gene Großvater

„Um die Zukunft günstig zu stimmen, blieb ein Mensch von den Schil­de­rungen aus­ge­schlossen und wurde nicht auf die Arche des Manu­skripts gelassen“ – der Groß­vater Michail. Nicht einmal in den ‚offiziellen’Memoiren, die die Groß­mutter Tanja ihrem Enkel, dem Erzähler, in den ver­hei­ßungs­vollen August­tagen des Jahres 1991 über­gibt, darf er leben. Als Redak­teurin beim Poli­tizdat hatte die Groß­mutter das Redi­gieren gut ver­in­ner­licht. Und so blieb der Groß­vater Michail eine Leer­stelle, umwoben von einer Legende vom ver­schol­lenen Funker, an die keiner so recht glaubte. Bis der Erzähler nach dem Tod seiner Groß­mutter unter dem Ein­band zu Kon­stantin Simo­novs Lyrik das Tage­buch seiner Groß­mutter findet. Es ist die nicht redi­gierte Roh­schrift, in der Groß­vater Michail seine, wenn auch brü­chige und lücken­hafte Bio­gra­phie bekommt: kein Funker, son­dern mög­li­cher­weise ein Geheim­dienst­of­fi­zier, dessen Lebens­linie im Zweiten Welt­krieg in der heu­tigen West­ukraine abbricht. Der Erzähler folgt dieser Spur und dort, in Dro­hobyč, wird er zum Sucher der Bio­gra­phien und Schick­sale. „Such keine Lebenden, such Tote“, lautet die Pro­phe­zeiung einer von einer mys­te­riösen Aura umwo­benen Kräu­ter­frau. Die Reise in die Ver­gan­gen­heit beginnt.

 

Die Fallen der Ver­gan­gen­heit oder das Schreiben gegen das Verschweigen

Lebedev macht die Ver­gan­gen­heit buch­stäb­lich begehbar, indem er sie durch seinen Erzähler geo­gra­phisch aneignen und er-reisen lässt. Es ist eine Reise „durch einen zer­fal­lenden Raum, ent­lang der inneren Grenz­zonen der UdSSR“: Sibi­rien, Kare­lien, Kasach­stan. Zu symbol- und geschichts­trächtig sind die Orte, um nur zufällig von Lebedev aus­ge­wählt worden zu sein. Ehe­mals erobert, unter­jocht, aus­ge­beutet und für immer mit dem Makel des Todes behaftet.

Es sind Orte, wo die bösen Geister der sowje­ti­schen Ver­gan­gen­heit die Gegen­wart des Erzäh­lers bestimmen, wo Land­strei­cher und Tage­löhner ein Leben in der Gefan­gen­schaft eines „Hun­de­zaren“ der Frei­heit vor­ziehen, „[w]eil er ihnen eine Exis­tenz­form gegeben ha[t]“. Und plötz­lich ist es ver­ständ­lich, warum Mitte der 1990er die Rück­kehr der Kom­mu­nisten wie ein Damo­kles­schwert über dem Land schwebte: Das Alte war weg. Was war das neue Angebot? Der Krieg?

lebedev_cover_ruEine sich Jahr­zehnte lang nach ihrer Beute seh­nende Falle – eine Folge der sta­li­nis­ti­schen Depor­ta­tions- und Säu­be­rungs­po­litik – schnappte zu: der Tsche­tsche­ni­en­krieg. Ein wunder und in viel­fa­cher Hin­sicht ein töd­li­cher Punkt in der rus­si­schen Geschichte, zu para­dig­ma­tisch, um nicht in Men­schen im August auf­ge­nommen zu werden. Doch es sind keine Schlacht­felder, schon gar keine heroi­schen Taten oder Helden, die Lebedev ent­stehen lässt. Und eigent­lich ist auch kein Krieg mehr – der Frieden von Cha­s­a­v­jurt wird vor­be­reitet –, und den­noch ist er da. Mit der gesamten Wucht der bild­haften Sprache frisst er sich durch die Seiten in das Bewusst­sein der Lese­rinnen. Dafür reicht ein Blick des Erzäh­lers in ein Kreis­kran­ken­haus, wo sich in Tief­kühl­truhen „lei, st, st, st, stor, en, kör, ch, o, o, o, tot, r, r, lei, lei“ auf­ein­ander sta­peln. Keine Toten, nur Fetzen. „Hier zeig[en] sich die tat­säch­li­chen Ver­luste – die Leere, die an der Stelle von Men­schen ent­standen war, der erbar­mungs­lose Schwund des Flei­sches“, der in seinem Ausmaß und seiner Mons­tro­sität jeg­li­cher offi­zi­ellen Dar­stel­lung widerspricht.

Beim Erzähler selbst löst dieser Anblick ein Déjà-vu aus. All das hat er schon einmal gesehen, nein, gelesen: „[E]s war der Feu­er­wehrhof aus Groß­mutters Erzäh­lung [Memoiren – O. H.], in den der Waggon mit den Toten [Rot­ar­misten – O.H.] von der Sta­tion gerollt war, wo man die Lei­chen auf die Erde gelegt hatte.“ Der Ein­trag bezieht sich auf das Jahr 1921. Auf diese Weise zieht Lebedev eine Ver­bin­dungs­linie vom rus­si­schen Bür­ger­krieg über die sub­tile Andeu­tung auf die sowje­ti­sche Periode zu den so ver­hei­ßenden 1990ern und demons­triert ein­drucks­voll, wie die „blinde Ver­gan­gen­heit“ zur „blinden Gegen­wart“ wird, gegründet auf der Angst jedes ein­zelnen, sich „in einem Toten­waggon [vor­zu­finden], der für immer an den Zug der rus­si­schen Geschichte gekop­pelt war“. Es ist jene Angst, die das Ver­stummen und Erblinden repro­du­ziert und das Land und seine Men­schen, nicht nur die des Augusts, ihrer Zukunft beraubt. Und so ist es auch kein Zufall, dass die Figuren nur soweit mit kon­kreten per­sön­li­chen Eigen­schaften aus­ge­stattet sind, dass sie jeder­zeit aus­ge­tauscht werden können, weil sie mit ihren Erleb­nissen stell­ver­tre­tend für die kol­lek­tive Erfah­rung sowje­ti­scher und post­so­wje­ti­scher Genera­tionen stehen.

Somit ist Men­schen im August wie auch Lebe­devs erster Roman Der Himmel auf ihren Schul­tern (2013, russ.: Predel zab­ve­nija) ein lite­ra­ri­scher Ver­such der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung und Erklä­rung der rus­si­schen Gegen­wart zugleich. In seiner Gesamt­heit liest er sich als Gegen­ent­wurf zu offi­zi­ellen natio­nalen Mas­tern­ar­ra­tiven. Vor diesem Hin­ter­grund ist es auch nicht ver­wun­der­lich, dass die deut­sche Aus­gabe des Romans (S. Fischer Verlag, Oktober 2015) zugleich die Welt­pre­miere war. Zu Beginn des Jahres 2016 erschien der Roman in einem kleinen Verlag (Alpina) nun auch in Russ­land, nachdem keiner der rus­si­schen Groß­ver­lage bereit war, ihn zu ver­öf­fent­li­chen. Die Gründe sind nahe­lie­gend: Sergej Lebedev ist ein Putin­kri­tiker. Die rus­si­sche Zei­tung, für die er als Jour­na­list schrieb, wurde vor dem Hin­ter­grund der Ukrai­ne­krise ver­boten. In seinen Romanen widmet sich Sergej Lebedev der scho­nungs­losen Auf­ar­bei­tung der rus­si­schen Geschichte und nimmt dabei bis zum heu­tigen Zeit­punkt als ein­ziger rus­si­scher Autor auch die Täter­per­spek­tive in den Blick.

 

Die Wucht der Sprache

Getragen wird Men­schen im August vor allem durch die Wucht und Ein­dring­lich­keit seiner poe­ti­schen Sprache, die so man­ches Befremden über den zuweilen her­ab­las­send wir­kenden Blick­winkel des Erzäh­lers auf die Peri­pherie oder die allzu kon­stru­iert anmu­tende Pro­phe­zeiung der Kräu­ter­frau wett­macht. Die höchst figu­ra­tive Sprache ent­wi­ckelt ihre Eigen­dy­namik. Sie bemäch­tigt sich der Lese­rinnen und zieht sie in den Sog der nimmer endenden Bild­ab­folge hinein. An machen Stellen ist die Kon­zen­tra­tion der Bilder zu dicht; gepaart mit stän­digen Bewusst­seins­strömen und Refle­xionen des Erzäh­lers zwingt sie die Lese­rinnen immer wieder zurück­zu­blät­tern, neu zu sor­tieren, sich zu kon­zen­trieren und sich der rich­tigen Dechif­frie­rung der Bilder zu ver­ge­wis­sern. Zusätz­lich wird der Lese- und Ver­ständ­nis­pro­zess dadurch erschwert, dass dem Roman keine lineare Hand­lung zugrunde liegt: Viel­mehr besteht das Werk aus der auf den ersten Blick fast schon erzwungen wir­kenden Anein­an­der­rei­hung von sechs, inhalt­lich in sich abge­schlos­senen Teilen, die sich erst auf einer inter­pre­ta­to­ri­schen Meta­ebene als eine Ein­heit begreifen lassen.

Men­schen im August ist zwei­fels­ohne ein Roman, der den Lese­rinnen sowohl Zeit, Geduld als auch his­to­ri­sche Kenntnis abver­langt, um sie letzt­lich in Schwermut und Trost­lo­sig­keit zu ent­lassen. Es ist der Blick eines des­il­lu­sio­nierten August­men­schen, der im Wissen um das heu­tige Russ­land schreibt, für das heute wie schon damals gilt: „Das Denkmal war vom Sockel gerissen worden, aber der Eiserne Feliks hatte die Lub­janka nicht ver­lassen, unsichtbar [ist] er noch anwesend.“

 

Lebedew, Sergej: Men­schen im August. Aus dem Rus­si­schen von Fran­ziska Zwerg. Frank­furt a. M.: S.Fischer Verlag, 2015.
Lebedev, Sergej: Ljudi avgusta. Moskva: Alpina, 2016.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
Lebedev, Sergej: Ein Land wählt das Schweigen. Gast­bei­trag in der Süd­deut­schen Zei­tung vom 03.09.2014.

„Wo Stalin hun­dert weg­sperrte, reicht Putin einer.“ Inter­view mit Sergej Lebedev in Die Welt vom 26.10.2015.
Auf Rus­sisch hier zu finden.

„Oma hat unsere Geschichte zen­siert.“ Inter­view mit Sergej Lebedev in der taz vom 27.11.2015.

rbb-Bei­trag zum Roman Men­schen im August vom 29.10.2015.

„Wie eine Waffe des Teu­fels.“ Ein deutsch-rus­si­sches Gespräch mit Per Leo und Sergej Lebedew. Inter­view in der Neuen Zür­cher Zei­tung vom 26.12.2015.

Über­blick über Sergej Lebe­devs jour­na­lis­ti­sche Bei­träge bei ostpol.