Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Eis­baden, Eis­würfel und Eiszeiten

Packeis, Pin­guine und Wal­rösser, win­ter­liche Land­schaften und die schlei­chende Kälte beim Eis­baden im Eis­loch. Der all­ge­gen­wär­tigen Kälte kann nur mit beharr­li­cher mensch­li­cher Wärme begegnet werden. Und mit Wodka.

 

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Andrej Jur’evič Kurkov  [Andrej Jure­witsch Kurkow], geboren 1961 in Bud­ugošč [Bud­u­goschtsch] in Russ­land, auf­ge­wachsen in Kiew, ist der auf­la­gen­stärkste Autor der Ukraine. Und er schreibt auf Rus­sisch. Inzwi­schen längst dem inter­na­tio­nalen Lese­pu­blikum bekannt, hadern viele seiner Lands­leute immer noch mit der Tat­sache, dass der meist­ge­le­sene ukrai­ni­sche Schrift­steller rus­sisch­spra­chig ist. In einem Land, das nach wie vor eine von Russ­land deut­lich abge­grenzte Iden­tität sucht, pola­ri­siert Kurkov. Er selbst bezeichnet sich gerne als ukrai­ni­schen Schrift­steller rus­si­scher Her­kunft, der in rus­si­scher Sprache arbeitet.

Dass er sich zunächst eher als Dreh­buch­autor denn als Roman­schrift­steller ver­dingte, ist Kur­kovs Romanen anzu­merken. Die meisten seiner Romane ent­standen auch erst auf Grund eines ver­filmten Dreh­bu­ches, bei­spiels­weise Pick­nick auf dem Eis (Smert’ posto­ron­nevo) oder Ein Freund des Ver­bli­chenen (Milyj drug, tovarišč poko­j­nika). Der Dreh­buch­cha­rakter blieb erhalten: ständig wech­selnde Ein­stel­lungen, in die Ein­zel­hand­lung wird hinein und wieder her­aus­ge­zoomt wie mit einer Kamera, und immer behält Kurkov sich das Über­ra­schungs­mo­ment vor. Die vielen anfangs autonom erschei­nenden Sequenzen ver­knüpfen sich im Laufe seiner Geschichten zu dichtem Erzählstoff.

Auf den ersten Blick muten seine Romane wie Kri­mi­nal­ge­schichten an. Der Leser kann sich der Anzie­hungs­kraft, die von den Cha­rak­teren aus­geht, nur schwer ent­ziehen. So wird er ent­führt in die sozialen und emo­tio­nalen Welten der Prot­ago­nisten, die sich im Laufe eines Romans vor ihm ent­falten. Die kri­mi­na­lis­ti­schen Ele­mente sind in Andrej Kur­kovs Romanen näm­lich ledig­lich der Nähr­boden für eine Real­sa­tire, resul­tie­rend aus dem zyni­schen Blick des Autors auf die post­so­zia­lis­ti­sche Gegen­wart der Ukraine oder, wie in Pick­nick auf dem Eis und Pin­guine frieren nicht (Zakon’ ulitki), Weiß­russ­lands.
In einem Inter­view mit Michael Mar­tens in der Zeit­schrift Kul­tur­aus­tausch gesteht Kurkov: „Ich gebe zu, dass ich zynisch bin – andern­falls müßte ich ein hef­tiger Trinker werden, emi­grieren oder Selbst­mord begehen. Ich ver­suche, zurech­nungs­fähig zu bleiben.“

Gemeinsam ist seinen Romanen eine männ­liche Haupt­figur, deren Pas­si­vität die Ereig­nisse der Erzäh­lung bestimmt. Diese Pas­si­vität ermög­licht, dass dem Prot­ago­nisten ständig etwas wider­fährt, ohne dass dieser die Ereig­nisse bewusst lenkt. Im Inter­view nennt Kurkov dies „Zoo­kom­plex“, für ihn ist diese Pas­si­vität vor allem im post­so­zia­lis­ti­schen Raum aus­zu­ma­chen: „passiv sein und auf Nah­rung und Befehle warten“.
In Pick­nick auf dem Eis wird Viktor – ein Schrift­steller, der davon lebt, seine Kurz­ge­schichten an Zei­tungen zu ver­kaufen – eines Tages vom Chef­re­dak­teur der Kiever Haupt­stadt­nach­richten darum gebeten, fik­tive Nekro­loge zu schreiben. Der Job ver­selbst­stän­digt sich, da die Tot­ge­sagten plötz­lich der Reihe nach versterben, und Viktor befindet sich mitten in (s)einer Kri­mi­nal­ge­schichte. „Man hatte ihm ein tolles Spiel ange­tragen. Und obwohl Viktor noch nicht wusste, wie er seine neuen Ver­pflich­tungen erfüllen sollte, spürte er den wun­der­baren Vor­ge­schmack von etwas Neuem und Außergewöhnlichem.”

Auch in Ein Freund des Ver­bli­chenen ist der Prot­ago­nist Tolja zunächst passiv. Ihm gefällt sein eigenes Leben nicht, das Leben an sich, außer­halb seiner Welt, hin­gegen schon. Zum Selbst­mord ist er aller­dings zu träge. Erst ein Bekannter bringt ihn auf den Gedanken, einen Auf­trags­mörder zu bestellen – für sich selbst. Als der Killer schon unter­wegs ist, trifft er Lena, eine Pro­sti­tu­ierte, die ihm neuen Lebens­sinn im Erwarten ihres nächsten Anrufes gibt. Tolja will jetzt nicht mehr sterben. Die Ein­sam­keit ist nun mit Warten erfüllt und des­halb sinn­voll. Wieder ist Tolja der Pas­sive, der Wartende.
Damit nährt Kurkov das kul­tu­relle Kli­schee des den Men­schen im ehe­ma­ligen Ost­block oft zuge­schrie­benen Fata­lismus. Durch die über­spitzte Dar­stel­lung kari­kiert er jedoch letzt­end­lich dieses Kli­schee, da gerade der Fata­lismus in seinen Romanen zum alles antrei­benden Motor wird. So muss Tolja, nachdem er sich völlig in seinem Nicht-tun ver­strickt hat, schließ­lich den Killer, den er auf sich selbst ange­setzt hatte, umbringen lassen. Und, als einzig aktive Tat, beschließt er, die Schuld des Mordes wieder gut zu machen. Die Wie­der­gut­ma­chung ver­selb­stän­digt sich, Tolja endet an der Seite der Frau des Ermor­deten und schlüpft auch in dessen Vaterrolle.

Leere Schau­plätze – sei es in der Wüste oder auf dem Eis – lassen zusätz­lich im Erzähl­ge­schehen die Aus­he­be­lung von Kau­sal­ge­setzen zu, denn es fehlt der Bezug zur Rea­lität, der durch die Anwe­sen­heit unbe­tei­ligter Beob­achter her­ge­stellt würde (z.B. in Städten). So können eher unwahr­schein­liche Ereig­nisse statt­finden, wie zum Bei­spiel in Petro­witsch (Dobryj angel smerti) die Begeg­nung des Prot­ago­nisten in der kasa­chi­schen Wüste mit der roman­ti­siert dar­ge­stellten Tochter eines Nomaden, die ihm anschlie­ßend auch noch geschenkt wird. In Die letzte Liebe des Prä­si­denten (Pos­led­naja ljubov’ pre­zi­denta) wird der Prot­ago­nist, der beim Eis­baden im Eis­loch ein­schläft, von einem alten Mann gerettet, der aus Pro­test gegen die staat­liche Umsied­lungs­po­litik in einer Erd­höhle haust.

Als wei­teres, großes Thema durch­zieht der Tod wie ein roter Faden Kur­kovs Romane. Nicht nur als Teil des Erzähl­strangs, wo der Tod in Form von Mord- und Kri­mi­nal­ge­schichten Grund­thema ist, son­dern auch in der von Kurkov ver­wen­deten Symbolik.Der Pin­guin Mischa trägt einen Frack und wird in Pick­nick auf dem Eis zum Begleiter von Bestat­tungen. Er ist der, der „nicht friert“, und damit der Ein­zige, der dem Topos von Schnee und Eis – und damit dem Tod – etwas ent­gegen setzen kann.

Als Gegenpol zum Tod fun­giert in Die letzte Liebe des Prä­si­denten das Herz, Zen­trum des Lebens: Im Jahr 2015, nach seiner Herz­trans­plan­ta­tion, sieht sich der ukrai­ni­sche Prä­si­dent Sergej unschuldig in einem lebens­ge­fähr­li­chen Netz von Kor­rup­tion und Intrigen gefangen. Um sich zu befreien, muss er auch sein Herz befreien, das skur­ril­er­weise wäh­rend der Ope­ra­tion mit einem herz­rhyth­mus­stö­renden Peil­sender ver­sehen wurde. Alle, die die Ope­ra­tion aus­ge­führt haben oder davon wussten, sind inzwi­schen unter mys­te­riösen Umständen gestorben. Und wäh­rend sein Herz noch warm und lebendig pocht, badet Sergej Pavlovič schon im Eis oder wür­felt es in seine Drinks.

 

Und schließ­lich stellt Kurkov immer wieder die Frage nach dem Natio­nal­ge­fühl und der natio­nalen Iden­tität der Ukraine. Sie wird in Kur­kovs Romanen the­ma­ti­siert, so in Petro­witsch und Die letzte Liebe des Prä­si­denten, und ist wahr­schein­lich auf­ge­worfen durch Kur­kovs eigene Erfahrungen.

Der Prot­ago­nist Kolja macht sich in Petro­witsch auf Grund von Tage­buch­ein­trägen des ukrai­ni­schen Natio­nal­schrift­stel­lers Taras Ševčenko [Schewt­schenko] auf die Suche nach dem ukrai­ni­schen Natio­nal­geist und wird im kasa­chi­schen Wüs­ten­sand fündig. Die Erzäh­lung mündet im irr­wit­zigen Ver­such, den Natio­nal­geist in Form von Sand­la­dungen mit dem Zug in die Ukraine zu schmug­geln. In Die letzte Liebe des Prä­si­denten wird die Frage der ukrai­ni­schen Iden­tität nicht mehr meta­pho­risch auf­ge­worfen. Sie wird statt­dessen kon­kret vom Ich-Erzähler, dem Prä­si­denten der Ukraine, auf Regie­rungs­ebene aus­ge­han­delt. In diesem Roman beschreibt Kurkov sati­risch die offi­zi­elle und inof­fi­zi­elle Inter­ak­tion mit Russ­land – und nennt Vla­dimir Putin nament­lich, der es im Roman mit Hilfe von Ver­fas­sungs­än­de­rungen geschafft hat, im Jahre 2016 immer noch Prä­si­dent Russ­lands zu sein.
So kari­kiert Andrej Kurkov gekonnt die Rea­lität und kommt ihr in seinen poli­tisch bri­santen und irr­witzig anmu­tenden Erzäh­lungen derart nahe, dass dem Leser wie­derum der Wahn­sinn dieser Rea­lität bewusst wird.

Er emp­findet die immer noch vor­herr­schende Atmo­sphäre des Umbaus als inspi­rie­rend und span­nend. Im Inter­view mit der Zeit­schrift Kul­tur­aus­tausch stellt er fest: „Ein Poet mit einer fra­gilen Psyche ist woan­ders besser auf­ge­hoben. Für einen Aben­teurer stellt diese Gesell­schaft dagegen eine zusätz­liche Mög­lich­keit bereit, den Adre­na­lin­spiegel ansteigen zu lassen. Es ist eine Schule des Überlebens.“

 

Auf Deutsch von Andrej Kurkov erschienen:

Pick­nick auf dem Eis. Aus dem Rus­si­schen von Christa Vogel. Zürich 1999.
(Смерть постороннего, Kiew 1996; spä­tere Auf­lage unter dem Titel: Пикник на лдьу, 2005.)

Petro­witsch. Aus dem Rus­si­schen von Christa Vogel. Zürich 2002.
(Добрый ангел смерти, Kiew 2000.)

Ein Freund des Ver­bli­chenen. Aus dem Rus­si­schen von Christa Vogel. Zürich 2001.
(Милый друг, товарищ покойника, Kiew 1996.)

Pin­guine frieren nicht. Aus dem Rus­si­schen von Sabine Gre­bing. Zürich 2003.
(Законь улитки, Kiew 2002.)

Keine Angst vor der Dun­kel­heit. Aus dem Rus­si­schen von Ange­lika Schneider. Zürich 2004.
(Не надо бояться темноты, Kiew 2001.)

Die letzte Liebe des Prä­si­denten. Aus dem Rus­si­schen von Sabine Gre­bing. Zürich 2005.
(Последняя любовь президента, Charkov 2004.)

 

Mar­tens, Michael: „Ein dubioses Para­dies“. In: Zeit­schrift für Kul­tur­Aus­tausch. Stutt­gart 2000.

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