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Eisbaden, Eiswürfel und Eiszeiten

Posted on 28. März 2007 by Mariko Higuchi
Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkov schreibt Kriminalromane, die meist nur den Rahmen für eine Realsatire bilden. Mit zynischem Blick erfasst er den alltäglichen Wahnsinn der postsowjetischen Staaten. Seine Erzählungen bewegen sich zwischen tragischer Komik und komischer Tragik.

Packeis, Pinguine und Walrösser, winterliche Landschaften und die schleichende Kälte beim Eisbaden im Eisloch. Der allgegenwärtigen Kälte kann nur mit beharrlicher menschlicher Wärme begegnet werden. Und mit Wodka.

 

KURKOW_19_3Andrej Jur’evič Kurkov  , geboren 1961 in Budugošč in Russland, aufgewachsen in Kiew, ist der auflagenstärkste Autor der Ukraine. Und er schreibt auf Russisch. Inzwischen längst dem internationalen Lesepublikum bekannt, hadern viele seiner Landsleute immer noch mit der Tatsache, dass der meistgelesene ukrainische Schriftsteller russischsprachig ist. In einem Land, das nach wie vor eine von Russland deutlich abgegrenzte Identität sucht, polarisiert Kurkov. Er selbst bezeichnet sich gerne als ukrainischen Schriftsteller russischer Herkunft, der in russischer Sprache arbeitet.

Dass er sich zunächst eher als Drehbuchautor denn als Romanschriftsteller verdingte, ist Kurkovs Romanen anzumerken. Die meisten seiner Romane entstanden auch erst auf Grund eines verfilmten Drehbuches, beispielsweise Picknick auf dem Eis (Smert’ postoronnevo) oder Ein Freund des Verblichenen (Milyj drug, tovarišč pokojnika). Der Drehbuchcharakter blieb erhalten: ständig wechselnde Einstellungen, in die Einzelhandlung wird hinein und wieder herausgezoomt wie mit einer Kamera, und immer behält Kurkov sich das Überraschungsmoment vor. Die vielen anfangs autonom erscheinenden Sequenzen verknüpfen sich im Laufe seiner Geschichten zu dichtem Erzählstoff.

Auf den ersten Blick muten seine Romane wie Kriminalgeschichten an. Der Leser kann sich der Anziehungskraft, die von den Charakteren ausgeht, nur schwer entziehen. So wird er entführt in die sozialen und emotionalen Welten der Protagonisten, die sich im Laufe eines Romans vor ihm entfalten. Die kriminalistischen Elemente sind in Andrej Kurkovs Romanen nämlich lediglich der Nährboden für eine Realsatire, resultierend aus dem zynischen Blick des Autors auf die postsozialistische Gegenwart der Ukraine oder, wie in Picknick auf dem Eis und Pinguine frieren nicht (Zakon’ ulitki), Weißrusslands.
In einem Interview mit Michael Martens in der Zeitschrift Kulturaustausch gesteht Kurkov: „Ich gebe zu, dass ich zynisch bin – andernfalls müßte ich ein heftiger Trinker werden, emigrieren oder Selbstmord begehen. Ich versuche, zurechnungsfähig zu bleiben.“

Gemeinsam ist seinen Romanen eine männliche Hauptfigur, deren Passivität die Ereignisse der Erzählung bestimmt. Diese Passivität ermöglicht, dass dem Protagonisten ständig etwas widerfährt, ohne dass dieser die Ereignisse bewusst lenkt. Im Interview nennt Kurkov dies „Zookomplex“, für ihn ist diese Passivität vor allem im postsozialistischen Raum auszumachen: „passiv sein und auf Nahrung und Befehle warten“.
In Picknick auf dem Eis wird Viktor – ein Schriftsteller, der davon lebt, seine Kurzgeschichten an Zeitungen zu verkaufen – eines Tages vom Chefredakteur der Kiever Hauptstadtnachrichten darum gebeten, fiktive Nekrologe zu schreiben. Der Job verselbstständigt sich, da die Totgesagten plötzlich der Reihe nach versterben, und Viktor befindet sich mitten in (s)einer Kriminalgeschichte. „Man hatte ihm ein tolles Spiel angetragen. Und obwohl Viktor noch nicht wusste, wie er seine neuen Verpflichtungen erfüllen sollte, spürte er den wunderbaren Vorgeschmack von etwas Neuem und Außergewöhnlichem."

Auch in Ein Freund des Verblichenen ist der Protagonist Tolja zunächst passiv. Ihm gefällt sein eigenes Leben nicht, das Leben an sich, außerhalb seiner Welt, hingegen schon. Zum Selbstmord ist er allerdings zu träge. Erst ein Bekannter bringt ihn auf den Gedanken, einen Auftragsmörder zu bestellen – für sich selbst. Als der Killer schon unterwegs ist, trifft er Lena, eine Prostituierte, die ihm neuen Lebenssinn im Erwarten ihres nächsten Anrufes gibt. Tolja will jetzt nicht mehr sterben. Die Einsamkeit ist nun mit Warten erfüllt und deshalb sinnvoll. Wieder ist Tolja der Passive, der Wartende.
Damit nährt Kurkov das kulturelle Klischee des den Menschen im ehemaligen Ostblock oft zugeschriebenen Fatalismus. Durch die überspitzte Darstellung karikiert er jedoch letztendlich dieses Klischee, da gerade der Fatalismus in seinen Romanen zum alles antreibenden Motor wird. So muss Tolja, nachdem er sich völlig in seinem Nicht-tun verstrickt hat, schließlich den Killer, den er auf sich selbst angesetzt hatte, umbringen lassen. Und, als einzig aktive Tat, beschließt er, die Schuld des Mordes wieder gut zu machen. Die Wiedergutmachung verselbständigt sich, Tolja endet an der Seite der Frau des Ermordeten und schlüpft auch in dessen Vaterrolle.

Leere Schauplätze – sei es in der Wüste oder auf dem Eis – lassen zusätzlich im Erzählgeschehen die Aushebelung von Kausalgesetzen zu, denn es fehlt der Bezug zur Realität, der durch die Anwesenheit unbeteiligter Beobachter hergestellt würde (z.B. in Städten). So können eher unwahrscheinliche Ereignisse stattfinden, wie zum Beispiel in Petrowitsch (Dobryj angel smerti) die Begegnung des Protagonisten in der kasachischen Wüste mit der romantisiert dargestellten Tochter eines Nomaden, die ihm anschließend auch noch geschenkt wird. In Die letzte Liebe des Präsidenten (Poslednaja ljubov’ prezidenta) wird der Protagonist, der beim Eisbaden im Eisloch einschläft, von einem alten Mann gerettet, der aus Protest gegen die staatliche Umsiedlungspolitik in einer Erdhöhle haust.

Als weiteres, großes Thema durchzieht der Tod wie ein roter Faden Kurkovs Romane. Nicht nur als Teil des Erzählstrangs, wo der Tod in Form von Mord- und Kriminalgeschichten Grundthema ist, sondern auch in der von Kurkov verwendeten Symbolik.Der Pinguin Mischa trägt einen Frack und wird in Picknick auf dem Eis zum Begleiter von Bestattungen. Er ist der, der „nicht friert“, und damit der Einzige, der dem Topos von Schnee und Eis – und damit dem Tod – etwas entgegen setzen kann.

Als Gegenpol zum Tod fungiert in Die letzte Liebe des Präsidenten das Herz, Zentrum des Lebens: Im Jahr 2015, nach seiner Herztransplantation, sieht sich der ukrainische Präsident Sergej unschuldig in einem lebensgefährlichen Netz von Korruption und Intrigen gefangen. Um sich zu befreien, muss er auch sein Herz befreien, das skurrilerweise während der Operation mit einem herzrhythmusstörenden Peilsender versehen wurde. Alle, die die Operation ausgeführt haben oder davon wussten, sind inzwischen unter mysteriösen Umständen gestorben. Und während sein Herz noch warm und lebendig pocht, badet Sergej Pavlovič schon im Eis oder würfelt es in seine Drinks.

 

Und schließlich stellt Kurkov immer wieder die Frage nach dem Nationalgefühl und der nationalen Identität der Ukraine. Sie wird in Kurkovs Romanen thematisiert, so in Petrowitsch und Die letzte Liebe des Präsidenten, und ist wahrscheinlich aufgeworfen durch Kurkovs eigene Erfahrungen.

Der Protagonist Kolja macht sich in Petrowitsch auf Grund von Tagebucheinträgen des ukrainischen Nationalschriftstellers Taras Ševčenko auf die Suche nach dem ukrainischen Nationalgeist und wird im kasachischen Wüstensand fündig. Die Erzählung mündet im irrwitzigen Versuch, den Nationalgeist in Form von Sandladungen mit dem Zug in die Ukraine zu schmuggeln. In Die letzte Liebe des Präsidenten wird die Frage der ukrainischen Identität nicht mehr metaphorisch aufgeworfen. Sie wird stattdessen konkret vom Ich-Erzähler, dem Präsidenten der Ukraine, auf Regierungsebene ausgehandelt. In diesem Roman beschreibt Kurkov satirisch die offizielle und inoffizielle Interaktion mit Russland – und nennt Vladimir Putin namentlich, der es im Roman mit Hilfe von Verfassungsänderungen geschafft hat, im Jahre 2016 immer noch Präsident Russlands zu sein.
So karikiert Andrej Kurkov gekonnt die Realität und kommt ihr in seinen politisch brisanten und irrwitzig anmutenden Erzählungen derart nahe, dass dem Leser wiederum der Wahnsinn dieser Realität bewusst wird.

Er empfindet die immer noch vorherrschende Atmosphäre des Umbaus als inspirierend und spannend. Im Interview mit der Zeitschrift Kulturaustausch stellt er fest: „Ein Poet mit einer fragilen Psyche ist woanders besser aufgehoben. Für einen Abenteurer stellt diese Gesellschaft dagegen eine zusätzliche Möglichkeit bereit, den Adrenalinspiegel ansteigen zu lassen. Es ist eine Schule des Überlebens.“

 

Auf Deutsch von Andrej Kurkov erschienen:

Picknick auf dem Eis. Aus dem Russischen von Christa Vogel. Zürich 1999.
(Смерть постороннего, Kiew 1996; spätere Auflage unter dem Titel: Пикник на лдьу, 2005.)

Petrowitsch. Aus dem Russischen von Christa Vogel. Zürich 2002.
(Добрый ангел смерти, Kiew 2000.)

Ein Freund des Verblichenen. Aus dem Russischen von Christa Vogel. Zürich 2001.
(Милый друг, товарищ покойника, Kiew 1996.)

Pinguine frieren nicht. Aus dem Russischen von Sabine Grebing. Zürich 2003.
(Законь улитки, Kiew 2002.)

Keine Angst vor der Dunkelheit. Aus dem Russischen von Angelika Schneider. Zürich 2004.
(Не надо бояться темноты, Kiew 2001.)

Die letzte Liebe des Präsidenten. Aus dem Russischen von Sabine Grebing. Zürich 2005.
(Последняя любовь президента, Charkov 2004.)

 

Martens, Michael: „Ein dubioses Paradies“. In: Zeitschrift für KulturAustausch. Stuttgart 2000.

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Eisbaden, Eiswürfel und Eiszeiten – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Eis­baden, Eis­würfel und Eis­zeiten

Packeis, Pin­guine und Wal­rösser, win­ter­liche Land­schaften und die schlei­chende Kälte beim Eis­baden im Eis­loch. Der all­ge­gen­wär­tigen Kälte kann nur mit beharr­li­cher mensch­li­cher Wärme begegnet werden. Und mit Wodka.

 

KURKOW_19_3

Andrej Jur’evič Kurkov  [Andrej Jure­witsch Kurkow], geboren 1961 in Bud­ugošč [Bud­u­goschtsch] in Russ­land, auf­ge­wachsen in Kiew, ist der auf­la­gen­stärkste Autor der Ukraine. Und er schreibt auf Rus­sisch. Inzwi­schen längst dem inter­na­tio­nalen Lese­pu­blikum bekannt, hadern viele seiner Lands­leute immer noch mit der Tat­sache, dass der meist­ge­le­sene ukrai­ni­sche Schrift­steller rus­sisch­spra­chig ist. In einem Land, das nach wie vor eine von Russ­land deut­lich abge­grenzte Iden­tität sucht, pola­ri­siert Kurkov. Er selbst bezeichnet sich gerne als ukrai­ni­schen Schrift­steller rus­si­scher Her­kunft, der in rus­si­scher Sprache arbeitet.

Dass er sich zunächst eher als Dreh­buch­autor denn als Roman­schrift­steller ver­dingte, ist Kur­kovs Romanen anzu­merken. Die meisten seiner Romane ent­standen auch erst auf Grund eines ver­filmten Dreh­bu­ches, bei­spiels­weise Pick­nick auf dem Eis (Smert’ posto­ron­nevo) oder Ein Freund des Ver­bli­chenen (Milyj drug, tovarišč poko­j­nika). Der Dreh­buch­cha­rakter blieb erhalten: ständig wech­selnde Ein­stel­lungen, in die Ein­zel­hand­lung wird hinein und wieder her­aus­ge­zoomt wie mit einer Kamera, und immer behält Kurkov sich das Über­ra­schungs­mo­ment vor. Die vielen anfangs autonom erschei­nenden Sequenzen ver­knüpfen sich im Laufe seiner Geschichten zu dichtem Erzähl­stoff.

Auf den ersten Blick muten seine Romane wie Kri­mi­nal­ge­schichten an. Der Leser kann sich der Anzie­hungs­kraft, die von den Cha­rak­teren aus­geht, nur schwer ent­ziehen. So wird er ent­führt in die sozialen und emo­tio­nalen Welten der Prot­ago­nisten, die sich im Laufe eines Romans vor ihm ent­falten. Die kri­mi­na­lis­ti­schen Ele­mente sind in Andrej Kur­kovs Romanen näm­lich ledig­lich der Nähr­boden für eine Real­sa­tire, resul­tie­rend aus dem zyni­schen Blick des Autors auf die post­so­zia­lis­ti­sche Gegen­wart der Ukraine oder, wie in Pick­nick auf dem Eis und Pin­guine frieren nicht (Zakon’ ulitki), Weiß­russ­lands.
In einem Inter­view mit Michael Mar­tens in der Zeit­schrift Kul­tur­aus­tausch gesteht Kurkov: „Ich gebe zu, dass ich zynisch bin – andern­falls müßte ich ein hef­tiger Trinker werden, emi­grieren oder Selbst­mord begehen. Ich ver­suche, zurech­nungs­fähig zu bleiben.“

Gemeinsam ist seinen Romanen eine männ­liche Haupt­figur, deren Pas­si­vität die Ereig­nisse der Erzäh­lung bestimmt. Diese Pas­si­vität ermög­licht, dass dem Prot­ago­nisten ständig etwas wider­fährt, ohne dass dieser die Ereig­nisse bewusst lenkt. Im Inter­view nennt Kurkov dies „Zoo­kom­plex“, für ihn ist diese Pas­si­vität vor allem im post­so­zia­lis­ti­schen Raum aus­zu­ma­chen: „passiv sein und auf Nah­rung und Befehle warten“.
In Pick­nick auf dem Eis wird Viktor – ein Schrift­steller, der davon lebt, seine Kurz­ge­schichten an Zei­tungen zu ver­kaufen – eines Tages vom Chef­re­dak­teur der Kiever Haupt­stadt­nach­richten darum gebeten, fik­tive Nekro­loge zu schreiben. Der Job ver­selbst­stän­digt sich, da die Tot­ge­sagten plötz­lich der Reihe nach versterben, und Viktor befindet sich mitten in (s)einer Kri­mi­nal­ge­schichte. „Man hatte ihm ein tolles Spiel ange­tragen. Und obwohl Viktor noch nicht wusste, wie er seine neuen Ver­pflich­tungen erfüllen sollte, spürte er den wun­der­baren Vor­ge­schmack von etwas Neuem und Außer­ge­wöhn­li­chem.”

Auch in Ein Freund des Ver­bli­chenen ist der Prot­ago­nist Tolja zunächst passiv. Ihm gefällt sein eigenes Leben nicht, das Leben an sich, außer­halb seiner Welt, hin­gegen schon. Zum Selbst­mord ist er aller­dings zu träge. Erst ein Bekannter bringt ihn auf den Gedanken, einen Auf­trags­mörder zu bestellen – für sich selbst. Als der Killer schon unter­wegs ist, trifft er Lena, eine Pro­sti­tu­ierte, die ihm neuen Lebens­sinn im Erwarten ihres nächsten Anrufes gibt. Tolja will jetzt nicht mehr sterben. Die Ein­sam­keit ist nun mit Warten erfüllt und des­halb sinn­voll. Wieder ist Tolja der Pas­sive, der War­tende.
Damit nährt Kurkov das kul­tu­relle Kli­schee des den Men­schen im ehe­ma­ligen Ost­block oft zuge­schrie­benen Fata­lismus. Durch die über­spitzte Dar­stel­lung kari­kiert er jedoch letzt­end­lich dieses Kli­schee, da gerade der Fata­lismus in seinen Romanen zum alles antrei­benden Motor wird. So muss Tolja, nachdem er sich völlig in seinem Nicht-tun ver­strickt hat, schließ­lich den Killer, den er auf sich selbst ange­setzt hatte, umbringen lassen. Und, als einzig aktive Tat, beschließt er, die Schuld des Mordes wieder gut zu machen. Die Wie­der­gut­ma­chung ver­selb­stän­digt sich, Tolja endet an der Seite der Frau des Ermor­deten und schlüpft auch in dessen Vater­rolle.

Leere Schau­plätze – sei es in der Wüste oder auf dem Eis – lassen zusätz­lich im Erzähl­ge­schehen die Aus­he­be­lung von Kau­sal­ge­setzen zu, denn es fehlt der Bezug zur Rea­lität, der durch die Anwe­sen­heit unbe­tei­ligter Beob­achter her­ge­stellt würde (z.B. in Städten). So können eher unwahr­schein­liche Ereig­nisse statt­finden, wie zum Bei­spiel in Petro­witsch (Dobryj angel smerti) die Begeg­nung des Prot­ago­nisten in der kasa­chi­schen Wüste mit der roman­ti­siert dar­ge­stellten Tochter eines Nomaden, die ihm anschlie­ßend auch noch geschenkt wird. In Die letzte Liebe des Prä­si­denten (Pos­led­naja ljubov’ pre­zi­denta) wird der Prot­ago­nist, der beim Eis­baden im Eis­loch ein­schläft, von einem alten Mann gerettet, der aus Pro­test gegen die staat­liche Umsied­lungs­po­litik in einer Erd­höhle haust.

Als wei­teres, großes Thema durch­zieht der Tod wie ein roter Faden Kur­kovs Romane. Nicht nur als Teil des Erzähl­strangs, wo der Tod in Form von Mord- und Kri­mi­nal­ge­schichten Grund­thema ist, son­dern auch in der von Kurkov ver­wen­deten Symbolik.Der Pin­guin Mischa trägt einen Frack und wird in Pick­nick auf dem Eis zum Begleiter von Bestat­tungen. Er ist der, der „nicht friert“, und damit der Ein­zige, der dem Topos von Schnee und Eis – und damit dem Tod – etwas ent­gegen setzen kann.

Als Gegenpol zum Tod fun­giert in Die letzte Liebe des Prä­si­denten das Herz, Zen­trum des Lebens: Im Jahr 2015, nach seiner Herz­trans­plan­ta­tion, sieht sich der ukrai­ni­sche Prä­si­dent Sergej unschuldig in einem lebens­ge­fähr­li­chen Netz von Kor­rup­tion und Intrigen gefangen. Um sich zu befreien, muss er auch sein Herz befreien, das skur­ril­er­weise wäh­rend der Ope­ra­tion mit einem herz­rhyth­mus­stö­renden Peil­sender ver­sehen wurde. Alle, die die Ope­ra­tion aus­ge­führt haben oder davon wussten, sind inzwi­schen unter mys­te­riösen Umständen gestorben. Und wäh­rend sein Herz noch warm und lebendig pocht, badet Sergej Pavlovič schon im Eis oder wür­felt es in seine Drinks.

 

Und schließ­lich stellt Kurkov immer wieder die Frage nach dem Natio­nal­ge­fühl und der natio­nalen Iden­tität der Ukraine. Sie wird in Kur­kovs Romanen the­ma­ti­siert, so in Petro­witsch und Die letzte Liebe des Prä­si­denten, und ist wahr­schein­lich auf­ge­worfen durch Kur­kovs eigene Erfah­rungen.

Der Prot­ago­nist Kolja macht sich in Petro­witsch auf Grund von Tage­buch­ein­trägen des ukrai­ni­schen Natio­nal­schrift­stel­lers Taras Ševčenko [Schewt­schenko] auf die Suche nach dem ukrai­ni­schen Natio­nal­geist und wird im kasa­chi­schen Wüs­ten­sand fündig. Die Erzäh­lung mündet im irr­wit­zigen Ver­such, den Natio­nal­geist in Form von Sand­la­dungen mit dem Zug in die Ukraine zu schmug­geln. In Die letzte Liebe des Prä­si­denten wird die Frage der ukrai­ni­schen Iden­tität nicht mehr meta­pho­risch auf­ge­worfen. Sie wird statt­dessen kon­kret vom Ich-Erzähler, dem Prä­si­denten der Ukraine, auf Regie­rungs­ebene aus­ge­han­delt. In diesem Roman beschreibt Kurkov sati­risch die offi­zi­elle und inof­fi­zi­elle Inter­ak­tion mit Russ­land – und nennt Vla­dimir Putin nament­lich, der es im Roman mit Hilfe von Ver­fas­sungs­än­de­rungen geschafft hat, im Jahre 2016 immer noch Prä­si­dent Russ­lands zu sein.
So kari­kiert Andrej Kurkov gekonnt die Rea­lität und kommt ihr in seinen poli­tisch bri­santen und irr­witzig anmu­tenden Erzäh­lungen derart nahe, dass dem Leser wie­derum der Wahn­sinn dieser Rea­lität bewusst wird.

Er emp­findet die immer noch vor­herr­schende Atmo­sphäre des Umbaus als inspi­rie­rend und span­nend. Im Inter­view mit der Zeit­schrift Kul­tur­aus­tausch stellt er fest: „Ein Poet mit einer fra­gilen Psyche ist woan­ders besser auf­ge­hoben. Für einen Aben­teurer stellt diese Gesell­schaft dagegen eine zusätz­liche Mög­lich­keit bereit, den Adre­na­lin­spiegel ansteigen zu lassen. Es ist eine Schule des Über­le­bens.“

 

Auf Deutsch von Andrej Kurkov erschienen:

Pick­nick auf dem Eis. Aus dem Rus­si­schen von Christa Vogel. Zürich 1999.
(Смерть постороннего, Kiew 1996; spä­tere Auf­lage unter dem Titel: Пикник на лдьу, 2005.)

Petro­witsch. Aus dem Rus­si­schen von Christa Vogel. Zürich 2002.
(Добрый ангел смерти, Kiew 2000.)

Ein Freund des Ver­bli­chenen. Aus dem Rus­si­schen von Christa Vogel. Zürich 2001.
(Милый друг, товарищ покойника, Kiew 1996.)

Pin­guine frieren nicht. Aus dem Rus­si­schen von Sabine Gre­bing. Zürich 2003.
(Законь улитки, Kiew 2002.)

Keine Angst vor der Dun­kel­heit. Aus dem Rus­si­schen von Ange­lika Schneider. Zürich 2004.
(Не надо бояться темноты, Kiew 2001.)

Die letzte Liebe des Prä­si­denten. Aus dem Rus­si­schen von Sabine Gre­bing. Zürich 2005.
(Последняя любовь президента, Charkov 2004.)

 

Mar­tens, Michael: „Ein dubioses Para­dies“. In: Zeit­schrift für Kul­tur­Aus­tausch. Stutt­gart 2000.

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