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„Das Bollwerk der Kunst". Im Kampf um die Zukunft, nicht um Europa.

Posted on 6. Februar 2014 by Tatjana Hofmann
Ende 2013 kippten in Kyiv die Demonstrationen gegen die Regierung in blutige Proteste um. Seit Wochen stehen auf zentralen Plätzen ukrainischer Grossstädte Zeltlager der Protestierenden. Trotz militärischer Gewalt und winterlichem Frost entwickeln sie sich zu Orten der Kunstproduktion und ,brennen’ Kulturschaffenden aus allen Teilen der Ukraine unter der Tastatur.

Ende 2013 kippten in Kyiv die Demonstrationen gegen die Regierung in blutige Proteste um. Seit Wochen stehen auf zentralen Plätzen ukrainischer Grossstädte Zeltlager der Protestierenden. Trotz militärischer Gewalt und winterlichem Frost entwickeln sie sich zu Orten der Kunstproduktion und ,brennen’ Kulturschaffenden aus allen Teilen der Ukraine unter der Tastatur.

 

[Serhij Žadan und Jurij Andruchovyč]

Serhij Žadan und Jurij Andruchovyč

Kateryna Tyaglo lebt als Schriftstellerin, Dichterin und Literatursoziologin in Kyiv. Die junge Frau steht nicht auf den Barrikaden, aber wie Tausende anderer beteiligt sie sich, wie sie kann: Sie hilft zum Beispiel stundenweise auf dem Majdan (Platz der Unabhängigkeit) aus und leitet relevante Informationen, Anfragen und Kontakte weiter.

Schon Ende letzten Jahres hat sie auf die Unruhen in der ukrainischen Hauptstadt hingewiesen, nachdem ihr Interviewpartner für angedachte soziologische Studien mit der Begründung absagten, die Wissenschaft könne warten, es gäbe jetzt Wichtigeres. Einige Befragte sind zu den Terminen aus Angst, unterwegs in Strassenkämpfe verwickelt zu werden, nicht erschienen. Ihren Termin für ein kurzes Feedback zur aktuellen Situation hat Tyaglo zum Glück nicht abgesagt – das daraus entstandene Interview ist unten zu finden.

Es sei klar, dass die Proteste, ein eigener Untersuchungsgegenstand werden würden, wenn die Wogen sich geglättet haben, sagt Kateryna Tyaglo. Dafür führt sie jetzt Interviews mit Beteiligten, wenn sich die Gelegenheit bietet, wobei sie offen eingesteht, dass sie selbst inmitten all der Informations- und Erlebnisflut keinen Abstand zum Geschehen entwickeln kann.

Die Schriftstellerin Natalka Snjadanko aus L’viv sucht erst gar keinen analytischen Abstand. Sie hat ihren Berufs- und Familienalltag aufgegeben, um sich ganz den Protesten zu widmen: „Ein typisches Syndrom der Revolution ist, wenn du sofort antwortest, falls dir jemand über Twitter oder Facebook um fünf Uhr morgens schreibt, ohne dich darüber zu wundern, dass einige Sekunden später die ersten Kommentare von Kollegen erscheinen; wenn du mit dem Telefon in der Hand einschläfst und zwei Stunden später aufwachst, um zu prüfen, ob nicht ein Angriff begonnen hat, oder in der Nacht aufstehst, um eine Strasse zu blockieren, die die Polizei einnehmen möchte; wenn Schriftsteller sich über die Frechheit ihrer Kollegen aufregen, dass sie es wagen, einen zu einer Buchpräsentation oder Ausstellung ,off-topic’ einzuladen.“

Auch Serhij Žadan aus dem ostukrainischen Charkiv befindet sich ununterbrochen im Ausnahmezustand des Widerstands. Er ist in den letzten zwei Monaten viel aufgetreten – auf dem Charkiver Majdan, in Kyiv und in Doneck. Ausserdem hat er seine Kollegen aus anderen Teilen der Ukraine (Jurij Andruchovyč, Irena Karpa, Oleksandr Irvanec’) und einige Musiker nach Charkiv eingeladen. Die Mehrheit der Intellektuellen könne einfach keine Verbrecher und korrupten Politiker unterstützen, auch wenn es in der Opposition noch keine wirkliche Alternative gäbe, und so hätten sich, wie auch 2004, von Anfang an viele Schriftsteller, Musiker, Künstler und Schauspieler mit dem Majdan solidarisiert. Doch seit Januar sei die Situation zu angespannt, um Gedichte zu lesen. Der Protest, sagt Žadan, sei für die Kulturschaffenden nicht so sehr ein Bekenntnis zur Europäischen Union oder zur Opposition, sondern ein Kampf für tiefgreifende Veränderungen, für einen „Reset der Nation“.

[Serhij Žadan unter dem Shevchenko-Denkmal]

Serhij Žadan unter dem Shevchenko-Denkmal

Die Demonstrationen, die zunächst wie die Orangene Revolution von 2004/2005 friedlich waren, sind eskaliert, als die Regierung am 21. November den Traum einer Heranführung an europäische Lebensverhältnisse zerstörte. „Danach entlud sich der Hass, der sich in den letzten vier Jahren gegen den Präsidenten und die Regierung aufgestaut hatte“, erklärt der Ukraine-Experte Jakob Mischke aus Berlin.

Die Proteste sind nun bereits festes Thema von Gedichten, Bildern und Tagebuchnotizen auf den Seiten sozialer Netzwerke geworden. Andrej Kurkov, der auf Russisch schreibende und im Ausland erfolgreiche Autor aus Kyiv, weist darauf hin, dass im Demonstrantenlager der Hauptstadt zwischen Hunderten anderer Zelte ein Zelt namens Bollwerk der Kunst (Мистецький Барбакан) steht. In ihm wird revolutionäre Malerei ausgestellt, Dichter tragen vor, Bücher werden präsentiert, Konzerte gespielt. Auf Zäunen und Zelten hängen frisch gedruckte Gedichte, in russischer und ukrainischer Sprache.

„Revolution ist immer ein Impuls für die Kunst. So war das nach der Oktoberrevolution und so ist es jetzt“, meint Kurkov. Unter den Aktivisten des Euromajdans gebe es sowohl Schriftsteller als auch Rocksänger und Verleger. Sie würden helfen, die Barrikaden zu befestigen und daneben auch Artikel für Websites verfassen, Interviews geben, zu Meetings fahren und die Autos beschützen, die Heizholz für die Demonstrantenzelte anliefern. Diese Menschen leben die Revolution, obwohl sie wissen, dass Gericht und Gefängnis auf sie warten, wenn die Revolution scheitert.

Bis dahin etablieren sie die Kunst als wesentlichen Teil des Majdans. Neben Auftritten, Losungen und Flugblättern fungieren auch konkrete Gegenstände als Zeichen des Protests, darunter origineller Weihnachtsbaumschmuck, die Dekoration der Zelte und ein „Denkmal für den Protestierenden“. Der Majdan stimuliere eine Art Massenkunst, kommentiert der Dichter Oleh Kocarev, der in dem für junge Literatur wichtigen Verlag Smoloskyp (dt.: Fackel) arbeitet. Es entstehen parodistische Foto-Comics (sog. fotožaby), Anekdoten und Adaptionen bekannter Lieder – zum Beispiel habe sich das Volkslied Horila sosna (Es brannte die Kiefer) in das Lied Horila šina (Es brannte der Reifen) verwandelt.

Auffällig sei zudem eine Tendenz zum Archaischen: Die Kleidung erinnere an Kosaken, wie auch der Einsatz von Katapulten und Wachtürmen. Die Folklore schimmere zum Beispiel durch, wenn die Flamme eines Molotow-Cocktails wie ein traditioneller Schriftzug gemalt werde. Kocarev erklärt dies damit, dass eine expressive Volkstümlichkeit an Archetypen anknüpft. Das Folkloristische funktioniere wie ein Prätext, der der Stilisierung der neuesten Werke diene. Offenbar geht es um Gemeinschaftsstiftung durch Kunst. Dieses Ziel sieht Kocarev durch die Gedichte seiner Kollegen, die  im Netz publiziert werden, gefährdet: Sie seien zu agitatorisch und ästhetisch uninteressant.

Die zweisprachige Dichterin Elena Zaslavkaja aus Luhansk, unweit der russischen Grenze, gehört zu jenen, die Gedichte zur Revolution auf ihren Seiten publizieren. Dabei distanziert sie sich vom Majdan – wegen der zahlreichen Rechtsextremen dort. Sie kritisiert einen weiteren Umstand: Das ukrainische Internet überzeichne die Ereignisse mit allen Mitteln. Zaslavkaja schreibt, sie versuche sich der Einteilung der Ukrainer in Helden und Sklaven zu entziehen, ihr Vertrauen in die Medien sei erschüttert. „Ich möchte meinen Tag nicht damit beginnen, im Internet zu lesen, wie viele meiner Mitbürger gestorben sind. Ich möchte arbeiten und schreiben. Ihr Spektakel interessiert mich nicht“, sagt sie und bezieht sich auf das Buch Povarennaja kniga media-aktivista von Oleg Kireev. Ungeachtet dessen nimmt ihr Kollege Konstantin Skorkin, der wie Zaslavskaja der Dichtergruppe STAN angehört, an den Protestaktionen in Luhansk teil. Er ist deswegen bereits mehrfach anonym bedroht worden.

Andrej Kurkovs nüchterner Diagnose nach ist die Romantik der ersten Protestwochen längst verschwunden. Die Angst der letzten Wochen mittlerweile auch. Angesichts von Schüssen aus dem Hinterhalt, von im Wald bei Kyiv aufgefundenen Leichen Protestierender und – zusätzlich zu den Spezialeinheiten der Polizei –  unidentifizierbaren Angreifern ist das alles andere als selbstverständlich. Viele, die aus anderen Städten und Dörfern zur Demonstration angereist sind, hätten in den ersten fünf Wochen eine gute Schule der Political Studies durchlaufen, erklärt der Schriftsteller. Damals wirkte auf dem Territorium des revolutionären Lagers eine Offene Universität. Auf ihrer Bühne trugen neben Dozenten und Freiwilligen mit guter Bildung auch Schriftsteller und Dichter vor. Häufig war die rhetorische Frage zu hören, wann denn ein ukrainischer Gandhi käme. Das Warten auf ihn erscheint Kurkov immer vergeblicher. Künstler und Dichter hätten mindestens genauso viel Arbeit vor sich wie Historiker und Politiker, fügt er hinzu.

 

Kateryna Tyaglo im Kurzinterview:

novinki: Als Soziologin untersuchst Du die Gesellschaft. Wie würdest Du die Situation in Kyiv beschreiben?

 

Kateryna Tyaglo: Die Situation ist kritisch. Die ersten Toten – ein Ukrainer mit armenischen Wurzeln und ein Weissrusse – gehörten keiner politischen Gruppe an, sondern waren Teil der Demonstranten auf dem Platz. Die Zahl der Verletzten wächst ständig. Mehrere Aktivisten des Auto-Majdans wurden angegriffen. Das sind Fahrer diverser Fahrzeuge, die den Majdan und die Protestierenden unterstützen. Einige von ihnen sind zusammengeschlagen worden. Einer der Leiter des Auto-Majdans musste die Ukraine verlassen, da ihm eine Haftstrafe von 15 Jahren droht. Die Meldungen über neue Verletzte und Tote überschlagen sich.

 

n: Worin siehst Du den Kern des Konflikts?

 

K.T.: Das Problem, mit dem alles anfing, war die Weigerung des Präsidenten, dem Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zuzustimmen. Doch darum geht es nicht mehr. Der friedliche Widerstand hat sich erschöpft. Der Kampf betrifft nicht mehr die europäische Zukunft, sondern einfach die Zukunft.
Zur ersten Eskalation ist es gekommen, als in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember mehrere Studenten, die in Zelten auf dem Majdan geschlafen haben, brutal verprügelt worden sind. Die zweite Eskalation fand in der Nacht vom 10. zum 11. Dezember statt, als besonders viele Menschen zur Unterstützung der Demonstranten auf den Majdan gekommen waren und Berkut (diese Einheit wird eingesetzt, um Meetings und Demonstrationen aufzulösen) sowie die Streitkräfte des Innenministeriums die Gruppe zerschlagen hat. Den dritten Höhepunkt sehe ich in der Annahme von verfassungswidrigen Gesetzen am 16. Januar. Sie legten fest, dass Protestaktionen als Straftaten gelten und zwei bis 15 Jahre Haft nach sich ziehen. Ferner sollten Versammlungen von mehr als zehn Menschen an Gebäuden und die Bewegung von mehr als fünf Autos verboten werden.
Nach soziologischen Angaben stand daraufhin die Hälfte der ukrainischen Bevölkerung auf den Plätzen ihrer Städte, um gegen diese verfassungswidrigen Gesetze, für einen Rücktritt des Innenministers Zacharčenko, für eine Neuwahl des Präsidenten und die Bildung einer neuen Regierung zu protestieren. Aber in erster Linie für ihre eigene Sicherheit, für das Recht auf Versammlungsfreiheit und für die Möglichkeit, Informationen frei auszutauschen. Also für eine Re-Etablierung der Verfassung und gegen den Präsidenten.

 

n: In einer früheren Mail hast Du die Parallele 1984/2014 gezogen. Was meinst Du damit?

 

K.T.: George Orwell hat in 1984 eine totalitäre Gesellschaft beschrieben, in der alles der Angst und Verzweiflung unterliegt. In der Ukraine wird gerade versucht, eine Gesellschaft zu etablieren, die sich im Zustand des ständigen Krieges „aller gegen alle“ befindet. Auch wir haben unser „Ministerium der Wahrheit“, die regimetreuen Massenmedien. Ich habe Angst um diejenigen Menschen in der Ukraine, die keinen Internetzugang haben und den Print- und Fernsehmedien vertrauen müssen. Auch sie sind Opfer dieser Macht, die nicht davor scheut, Beamte und Unternehmer anzuheuern, um Meetings zur Unterstützung der Regierung aufzufüllen. Sie werden bezahlt, eingeschüchtert, erpresst und gezielt fehlinformiert. Dass ein Teil der Leute dies glaubt und auch anfängt, Barrikaden zu bauen, so dass eine Front entsteht, sprengt den Rahmen des gesunden Menschenverstandes und lässt sich wohl vorerst nicht analysieren.

 

n: Wie reagieren die offiziellen Medien?

 

K.T.: Auch wenn die offiziellen Massenmedien anders darüber berichten, hat die Polizei von Anfang an Schusswaffen verwendet. Die Protestierenden wehren sich mit selbstgemachten Waffen wie Stöcken, Steinen und Molotow-Cocktails. Zum Beispiel haben sie Busse der Spezialeinheit Berkut verbrannt. Aus den verbrannten Bussen haben sie Barrikaden gegen das Vordringen von Berkut gebaut. Im Moment verteidigen sich der Majdan und anliegende Strassen dadurch, dass alte Autoreifen gesammelt und neben den Barrikaden verbrannt werden. Der entstehende Rauchvorhang verhindert gezielte Schüsse. Das Zentrum der Stadt füllt schwarzer Qualm. In einigen Strassen, die an den Platz der Unabhängigkeit angrenzen, bleibt der Geschäftsbetrieb aus. Es gibt eine Vielzahl von unabhängigen Medien, die darüber adäquat berichten, und auch eine Samizdat-Zeitung auf dem Majdan.

 

n: Schreckt die zunehmende Lebensgefahr nicht ab, sich auf dem Platz der Unabhängigkeit aufzuhalten?

 

K.T.: Auch wenn die Menschen sich der Gefahr bewusst sind, gehen sie auf die Strasse und errichten neue Barrikaden. Je höher die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs, desto mehr Menschen erscheinen auf dem Majdan, das ist eine Gesetzmässigkeit der letzten Monate.

 

n: Was sagen Deine Kollegen in der Universität?

 

K.T.: Erstaunlicherweise wenig, obwohl zunehmend eine Spaltung zu spüren ist – in Soziologen, die den Majdan unterstützen und jene, die regimetreu sind.

 

n: Wie schlägt sich die Situation in Deinem Alltag nieder?

 

K.T.: Ich beginne den Tag damit, dass ich in Internetressourcen meines Vertrauens die Nachrichten lese und mit Freunden und Bekannten telefoniere, die auf dem Majdan sein könnten. Wenn ich Zeit habe, lese ich in sozialen Netzwerken die Listen der benötigten Hilfe, versuche zu helfen (mit Kleidung, Medikamenten, Essen) und leite die Informationen weiter. Ich versuche, mir bekannte Anwälte, Ärzte und Journalisten zu erreichen. Bis zu den Ereignissen am 19. Januar war ich auch ab und an unter den Freiwilligen, aber jetzt ist es zu gefährlich, abends alleine unterwegs zu sein. Wenn ich eine Gruppe fände, würde ich wieder regelmässig hingehen.

 

n: Was genau hast Du auf dem Majdan gemacht?

 

K.T.: Wenn ich die Kraft hatte, habe ich Nachtdienst gemacht: Tee verteilt, in der Küche geholfen und bin mit Freunden zu Konzerten und Reden gegangen. Ich habe ausserdem Interviews mit Protestteilnehmern geführt. Ich denke, es wird später helfen, die Situation differenziert zu beschreiben. Manchmal hatte ich Angst um mich, und ich habe viele grelle Eindrücke, die ich im Moment nur schwer sortieren kann. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Auf dem Platz der Unabhängigkeit in Kyiv treffen sich Menschen aus den unterschiedlichsten Teilen der Ukraine und finden in ihrer Solidarität eine gemeinsame Sprache. Hier gibt es keine regionale Spaltung, hier gibt es ein Volk.

 

n: Wovor hast Du am meisten Angst?

 

K.T.: Dass meine Nächsten und meine Freunde umkommen könnten und generell vor neuen Opfern – wie jeder Mensch. Ich habe Angst vor einer Diktatur und vor einer Isolation der Ukraine von der Welt und der Welt von uns, vor einem neuen „Eisernen Vorhang“ und einer Informationsblockade, vor Repressionen gegenüber Journalisten und Aktivisten auf dem Majdan.

 

n: Was würdest Du dem „Westen“ mitteilen wollen?

 

K.T.: Dass die Menschen sich gut informieren und uns wenigstens ideell unterstützen. Der Majdan möchte wissen, dass er dem „Westen“ nicht gleichgültig ist. Die meisten Aktivisten haben nichts mehr zu verlieren, sie werden, wie sie sagen, bis zum Letzten stehen. Einige haben ihre Arbeit aufgegeben, einige wurden gefeuert, vielen drohen entsprechende Konsequenzen. Nein, wir stossen nicht mehr die Tür nach Europa auf, wir möchten einfach nur in Ruhe in einem demokratischen Land leben.

 

 

Stossgebet von Jelena Zaslawskaja


Ohne den Mund zu öffnen
Sage ich ein einfaches Gebet auf:
Es soll nicht sein,
Bruder gegen Bruder,
Schwester gegen Schwester.
Keine Antwort auf das Gebet,
Der Himmel
Bleibt im schwarzen Nebel.

Dass ich gerade lebe,
Ist unwichtig. Wichtig ist, wofür ich sterbe.
Rattert eure seichten Beichten ab
Und hofft, dass man auf „share“ drückt.
Die Molotow-Cocktails
Sind im Frost so heiss!

Was träumst Du, Beschützerin?
Was siehst du dort?
Meine Ukraine steht am Rand der Welt,
Am äussersten Rand des Kriegs.

 

Weiterführende Links:

Kireev, Oleg: Povarennaja kniga media-aktivista
Zaslawskaja, Jelena: Molitva
Zaslawskaja, Jelena: I vypolzajut morloki-šachtery
http://www.pravda.com.ua
http://www.bbc.co.uk/ukrainian
http://hromadske.tv
spilno.tv
www.ustream.tv/channel/spilno-tv‎

Reportage_Majdan

„Das Bollwerk der Kunst". Im Kampf um die Zukunft, nicht um Europa. – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Das Boll­werk der Kunst”. Im Kampf um die Zukunft, nicht um Europa.

Ende 2013 kippten in Kyiv die Demons­tra­tionen gegen die Regie­rung in blu­tige Pro­teste um. Seit Wochen stehen auf zen­tralen Plätzen ukrai­ni­scher Gross­städte Zelt­lager der Pro­tes­tie­renden. Trotz mili­tä­ri­scher Gewalt und win­ter­li­chem Frost ent­wi­ckeln sie sich zu Orten der Kunst­pro­duk­tion und ‚brennen’ Kul­tur­schaf­fenden aus allen Teilen der Ukraine unter der Tastatur.

 

[Serhij Žadan und Jurij Andruchovyč]

Serhij Žadan und Jurij Andruchovyč

Kate­ryna Tyaglo lebt als Schrift­stel­lerin, Dich­terin und Lite­ra­tur­so­zio­login in Kyiv. Die junge Frau steht nicht auf den Bar­ri­kaden, aber wie Tau­sende anderer betei­ligt sie sich, wie sie kann: Sie hilft zum Bei­spiel stun­den­weise auf dem Majdan (Platz der Unab­hän­gig­keit) aus und leitet rele­vante Infor­ma­tionen, Anfragen und Kon­takte weiter.

Schon Ende letzten Jahres hat sie auf die Unruhen in der ukrai­ni­schen Haupt­stadt hin­ge­wiesen, nachdem ihr Inter­view­partner für ange­dachte sozio­lo­gi­sche Stu­dien mit der Begrün­dung absagten, die Wis­sen­schaft könne warten, es gäbe jetzt Wich­ti­geres. Einige Befragte sind zu den Ter­minen aus Angst, unter­wegs in Stras­sen­kämpfe ver­wi­ckelt zu werden, nicht erschienen. Ihren Termin für ein kurzes Feed­back zur aktu­ellen Situa­tion hat Tyaglo zum Glück nicht abge­sagt – das daraus ent­stan­dene Inter­view ist unten zu finden.

Es sei klar, dass die Pro­teste, ein eigener Unter­su­chungs­ge­gen­stand werden würden, wenn die Wogen sich geglättet haben, sagt Kate­ryna Tyaglo. Dafür führt sie jetzt Inter­views mit Betei­ligten, wenn sich die Gele­gen­heit bietet, wobei sie offen ein­ge­steht, dass sie selbst inmitten all der Infor­ma­tions- und Erleb­nis­flut keinen Abstand zum Geschehen ent­wi­ckeln kann.

Die Schrift­stel­lerin Natalka Snja­d­anko aus L’viv sucht erst gar keinen ana­ly­ti­schen Abstand. Sie hat ihren Berufs- und Fami­li­en­alltag auf­ge­geben, um sich ganz den Pro­testen zu widmen: „Ein typi­sches Syn­drom der Revo­lu­tion ist, wenn du sofort ant­wor­test, falls dir jemand über Twitter oder Face­book um fünf Uhr mor­gens schreibt, ohne dich dar­über zu wun­dern, dass einige Sekunden später die ersten Kom­men­tare von Kol­legen erscheinen; wenn du mit dem Telefon in der Hand ein­schläfst und zwei Stunden später auf­wachst, um zu prüfen, ob nicht ein Angriff begonnen hat, oder in der Nacht auf­stehst, um eine Strasse zu blo­ckieren, die die Polizei ein­nehmen möchte; wenn Schrift­steller sich über die Frech­heit ihrer Kol­legen auf­regen, dass sie es wagen, einen zu einer Buch­prä­sen­ta­tion oder Aus­stel­lung ‚off-topic’ einzuladen.“

Auch Serhij Žadan aus dem ost­ukrai­ni­schen Charkiv befindet sich unun­ter­bro­chen im Aus­nah­me­zu­stand des Wider­stands. Er ist in den letzten zwei Monaten viel auf­ge­treten – auf dem Char­kiver Majdan, in Kyiv und in Doneck. Aus­serdem hat er seine Kol­legen aus anderen Teilen der Ukraine (Jurij Andruchovyč, Irena Karpa, Olek­sandr Irvanec’) und einige Musiker nach Charkiv ein­ge­laden. Die Mehr­heit der Intel­lek­tu­ellen könne ein­fach keine Ver­bre­cher und kor­rupten Poli­tiker unter­stützen, auch wenn es in der Oppo­si­tion noch keine wirk­liche Alter­na­tive gäbe, und so hätten sich, wie auch 2004, von Anfang an viele Schrift­steller, Musiker, Künstler und Schau­spieler mit dem Majdan soli­da­ri­siert. Doch seit Januar sei die Situa­tion zu ange­spannt, um Gedichte zu lesen. Der Pro­test, sagt Žadan, sei für die Kul­tur­schaf­fenden nicht so sehr ein Bekenntnis zur Euro­päi­schen Union oder zur Oppo­si­tion, son­dern ein Kampf für tief­grei­fende Ver­än­de­rungen, für einen „Reset der Nation“.

[Serhij Žadan unter dem Shevchenko-Denkmal]

Serhij Žadan unter dem Shevchenko-Denkmal

Die Demons­tra­tionen, die zunächst wie die Oran­gene Revo­lu­tion von 2004/2005 fried­lich waren, sind eska­liert, als die Regie­rung am 21. November den Traum einer Her­an­füh­rung an euro­päi­sche Lebens­ver­hält­nisse zer­störte. „Danach entlud sich der Hass, der sich in den letzten vier Jahren gegen den Prä­si­denten und die Regie­rung auf­ge­staut hatte“, erklärt der Ukraine-Experte Jakob Mischke aus Berlin.

Die Pro­teste sind nun bereits festes Thema von Gedichten, Bil­dern und Tage­buch­no­tizen auf den Seiten sozialer Netz­werke geworden. Andrej Kurkov, der auf Rus­sisch schrei­bende und im Aus­land erfolg­reiche Autor aus Kyiv, weist darauf hin, dass im Demons­tran­ten­lager der Haupt­stadt zwi­schen Hun­derten anderer Zelte ein Zelt namens Boll­werk der Kunst (Мистецький Барбакан) steht. In ihm wird revo­lu­tio­näre Malerei aus­ge­stellt, Dichter tragen vor, Bücher werden prä­sen­tiert, Kon­zerte gespielt. Auf Zäunen und Zelten hängen frisch gedruckte Gedichte, in rus­si­scher und ukrai­ni­scher Sprache.

„Revo­lu­tion ist immer ein Impuls für die Kunst. So war das nach der Okto­ber­re­vo­lu­tion und so ist es jetzt“, meint Kurkov. Unter den Akti­visten des Euro­majdans gebe es sowohl Schrift­steller als auch Rock­sänger und Ver­leger. Sie würden helfen, die Bar­ri­kaden zu befes­tigen und daneben auch Artikel für Web­sites ver­fassen, Inter­views geben, zu Mee­tings fahren und die Autos beschützen, die Heiz­holz für die Demons­tran­ten­zelte anlie­fern. Diese Men­schen leben die Revo­lu­tion, obwohl sie wissen, dass Gericht und Gefängnis auf sie warten, wenn die Revo­lu­tion scheitert.

Bis dahin eta­blieren sie die Kunst als wesent­li­chen Teil des Majdans. Neben Auf­tritten, Losungen und Flug­blät­tern fun­gieren auch kon­krete Gegen­stände als Zei­chen des Pro­tests, dar­unter ori­gi­neller Weih­nachts­baum­schmuck, die Deko­ra­tion der Zelte und ein „Denkmal für den Pro­tes­tie­renden“. Der Majdan sti­mu­liere eine Art Mas­sen­kunst, kom­men­tiert der Dichter Oleh Kocarev, der in dem für junge Lite­ratur wich­tigen Verlag Smo­loskyp (dt.: Fackel) arbeitet. Es ent­stehen par­odis­ti­sche Foto-Comics (sog. fotožaby), Anek­doten und Adap­tionen bekannter Lieder – zum Bei­spiel habe sich das Volks­lied Horila sosna (Es brannte die Kiefer) in das Lied Horila šina (Es brannte der Reifen) ver­wan­delt.

Auf­fällig sei zudem eine Ten­denz zum Archai­schen: Die Klei­dung erin­nere an Kosaken, wie auch der Ein­satz von Kata­pulten und Wach­türmen. Die Folk­lore schim­mere zum Bei­spiel durch, wenn die Flamme eines Molotow-Cock­tails wie ein tra­di­tio­neller Schriftzug gemalt werde. Kocarev erklärt dies damit, dass eine expres­sive Volks­tüm­lich­keit an Arche­typen anknüpft. Das Folk­lo­ris­ti­sche funk­tio­niere wie ein Prä­text, der der Sti­li­sie­rung der neu­esten Werke diene. Offenbar geht es um Gemein­schafts­stif­tung durch Kunst. Dieses Ziel sieht Kocarev durch die Gedichte seiner Kol­legen, die  im Netz publi­ziert werden, gefährdet: Sie seien zu agi­ta­to­risch und ästhe­tisch uninteressant.

Die zwei­spra­chige Dich­terin Elena Zas­lav­kaja aus Luhansk, unweit der rus­si­schen Grenze, gehört zu jenen, die Gedichte zur Revo­lu­tion auf ihren Seiten publi­zieren. Dabei distan­ziert sie sich vom Majdan – wegen der zahl­rei­chen Rechts­ex­tremen dort. Sie kri­ti­siert einen wei­teren Umstand: Das ukrai­ni­sche Internet über­zeichne die Ereig­nisse mit allen Mit­teln. Zas­lav­kaja schreibt, sie ver­suche sich der Ein­tei­lung der Ukrainer in Helden und Sklaven zu ent­ziehen, ihr Ver­trauen in die Medien sei erschüt­tert. „Ich möchte meinen Tag nicht damit beginnen, im Internet zu lesen, wie viele meiner Mit­bürger gestorben sind. Ich möchte arbeiten und schreiben. Ihr Spek­takel inter­es­siert mich nicht“, sagt sie und bezieht sich auf das Buch Pova­ren­naja kniga media-akti­vista von Oleg Kireev. Unge­achtet dessen nimmt ihr Kol­lege Kon­stantin Skorkin, der wie Zas­lavs­kaja der Dich­ter­gruppe STAN ange­hört, an den Pro­test­ak­tionen in Luhansk teil. Er ist des­wegen bereits mehr­fach anonym bedroht worden.

Andrej Kur­kovs nüch­terner Dia­gnose nach ist die Romantik der ersten Pro­test­wo­chen längst ver­schwunden. Die Angst der letzten Wochen mitt­ler­weile auch. Ange­sichts von Schüssen aus dem Hin­ter­halt, von im Wald bei Kyiv auf­ge­fun­denen Lei­chen Pro­tes­tie­render und – zusätz­lich zu den Spe­zi­al­ein­heiten der Polizei –  uniden­ti­fi­zier­baren Angrei­fern ist das alles andere als selbst­ver­ständ­lich. Viele, die aus anderen Städten und Dör­fern zur Demons­tra­tion ange­reist sind, hätten in den ersten fünf Wochen eine gute Schule der Poli­tical Stu­dies durch­laufen, erklärt der Schrift­steller. Damals wirkte auf dem Ter­ri­to­rium des revo­lu­tio­nären Lagers eine Offene Uni­ver­sität. Auf ihrer Bühne trugen neben Dozenten und Frei­wil­ligen mit guter Bil­dung auch Schrift­steller und Dichter vor. Häufig war die rhe­to­ri­sche Frage zu hören, wann denn ein ukrai­ni­scher Gandhi käme. Das Warten auf ihn erscheint Kurkov immer ver­geb­li­cher. Künstler und Dichter hätten min­des­tens genauso viel Arbeit vor sich wie His­to­riker und Poli­tiker, fügt er hinzu.

 

Kate­ryna Tyaglo im Kurzinterview:

novinki: Als Sozio­login unter­suchst Du die Gesell­schaft. Wie wür­dest Du die Situa­tion in Kyiv beschreiben?

 

Kate­ryna Tyaglo: Die Situa­tion ist kri­tisch. Die ersten Toten – ein Ukrainer mit arme­ni­schen Wur­zeln und ein Weiss­russe – gehörten keiner poli­ti­schen Gruppe an, son­dern waren Teil der Demons­tranten auf dem Platz. Die Zahl der Ver­letzten wächst ständig. Meh­rere Akti­visten des Auto-Majdans wurden ange­griffen. Das sind Fahrer diverser Fahr­zeuge, die den Majdan und die Pro­tes­tie­renden unter­stützen. Einige von ihnen sind zusam­men­ge­schlagen worden. Einer der Leiter des Auto-Majdans musste die Ukraine ver­lassen, da ihm eine Haft­strafe von 15 Jahren droht. Die Mel­dungen über neue Ver­letzte und Tote über­schlagen sich.

 

n: Worin siehst Du den Kern des Konflikts?

 

K.T.: Das Pro­blem, mit dem alles anfing, war die Wei­ge­rung des Prä­si­denten, dem Asso­zi­ie­rungs­ab­kommen mit der Euro­päi­schen Union zuzu­stimmen. Doch darum geht es nicht mehr. Der fried­liche Wider­stand hat sich erschöpft. Der Kampf betrifft nicht mehr die euro­päi­sche Zukunft, son­dern ein­fach die Zukunft.
Zur ersten Eska­la­tion ist es gekommen, als in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember meh­rere Stu­denten, die in Zelten auf dem Majdan geschlafen haben, brutal ver­prü­gelt worden sind. Die zweite Eska­la­tion fand in der Nacht vom 10. zum 11. Dezember statt, als beson­ders viele Men­schen zur Unter­stüt­zung der Demons­tranten auf den Majdan gekommen waren und Berkut (diese Ein­heit wird ein­ge­setzt, um Mee­tings und Demons­tra­tionen auf­zu­lösen) sowie die Streit­kräfte des Innen­mi­nis­te­riums die Gruppe zer­schlagen hat. Den dritten Höhe­punkt sehe ich in der Annahme von ver­fas­sungs­wid­rigen Gesetzen am 16. Januar. Sie legten fest, dass Pro­test­ak­tionen als Straf­taten gelten und zwei bis 15 Jahre Haft nach sich ziehen. Ferner sollten Ver­samm­lungen von mehr als zehn Men­schen an Gebäuden und die Bewe­gung von mehr als fünf Autos ver­boten werden.
Nach sozio­lo­gi­schen Angaben stand dar­aufhin die Hälfte der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung auf den Plätzen ihrer Städte, um gegen diese ver­fas­sungs­wid­rigen Gesetze, für einen Rück­tritt des Innen­mi­nis­ters Zach­arčenko, für eine Neu­wahl des Prä­si­denten und die Bil­dung einer neuen Regie­rung zu pro­tes­tieren. Aber in erster Linie für ihre eigene Sicher­heit, für das Recht auf Ver­samm­lungs­frei­heit und für die Mög­lich­keit, Infor­ma­tionen frei aus­zu­tau­schen. Also für eine Re-Eta­blie­rung der Ver­fas­sung und gegen den Präsidenten.

 

n: In einer frü­heren Mail hast Du die Par­al­lele 1984/2014 gezogen. Was meinst Du damit?

 

K.T.: George Orwell hat in 1984 eine tota­li­täre Gesell­schaft beschrieben, in der alles der Angst und Ver­zweif­lung unter­liegt. In der Ukraine wird gerade ver­sucht, eine Gesell­schaft zu eta­blieren, die sich im Zustand des stän­digen Krieges „aller gegen alle“ befindet. Auch wir haben unser „Minis­te­rium der Wahr­heit“, die regime­treuen Mas­sen­me­dien. Ich habe Angst um die­je­nigen Men­schen in der Ukraine, die keinen Inter­net­zu­gang haben und den Print- und Fern­seh­me­dien ver­trauen müssen. Auch sie sind Opfer dieser Macht, die nicht davor scheut, Beamte und Unter­nehmer anzu­heuern, um Mee­tings zur Unter­stüt­zung der Regie­rung auf­zu­füllen. Sie werden bezahlt, ein­ge­schüch­tert, erpresst und gezielt fehl­in­for­miert. Dass ein Teil der Leute dies glaubt und auch anfängt, Bar­ri­kaden zu bauen, so dass eine Front ent­steht, sprengt den Rahmen des gesunden Men­schen­ver­standes und lässt sich wohl vor­erst nicht analysieren.

 

n: Wie reagieren die offi­zi­ellen Medien?

 

K.T.: Auch wenn die offi­zi­ellen Mas­sen­me­dien anders dar­über berichten, hat die Polizei von Anfang an Schuss­waffen ver­wendet. Die Pro­tes­tie­renden wehren sich mit selbst­ge­machten Waffen wie Stö­cken, Steinen und Molotow-Cock­tails. Zum Bei­spiel haben sie Busse der Spe­zi­al­ein­heit Berkut ver­brannt. Aus den ver­brannten Bussen haben sie Bar­ri­kaden gegen das Vor­dringen von Berkut gebaut. Im Moment ver­tei­digen sich der Majdan und anlie­gende Strassen dadurch, dass alte Auto­reifen gesam­melt und neben den Bar­ri­kaden ver­brannt werden. Der ent­ste­hende Rauch­vor­hang ver­hin­dert gezielte Schüsse. Das Zen­trum der Stadt füllt schwarzer Qualm. In einigen Strassen, die an den Platz der Unab­hän­gig­keit angrenzen, bleibt der Geschäfts­be­trieb aus. Es gibt eine Viel­zahl von unab­hän­gigen Medien, die dar­über adäquat berichten, und auch eine Samizdat-Zei­tung auf dem Majdan.

 

n: Schreckt die zuneh­mende Lebens­ge­fahr nicht ab, sich auf dem Platz der Unab­hän­gig­keit aufzuhalten?

 

K.T.: Auch wenn die Men­schen sich der Gefahr bewusst sind, gehen sie auf die Strasse und errichten neue Bar­ri­kaden. Je höher die Wahr­schein­lich­keit eines Angriffs, desto mehr Men­schen erscheinen auf dem Majdan, das ist eine Gesetz­mäs­sig­keit der letzten Monate.

 

n: Was sagen Deine Kol­legen in der Universität?

 

K.T.: Erstaun­li­cher­weise wenig, obwohl zuneh­mend eine Spal­tung zu spüren ist – in Sozio­logen, die den Majdan unter­stützen und jene, die regime­treu sind.

 

n: Wie schlägt sich die Situa­tion in Deinem Alltag nieder?

 

K.T.: Ich beginne den Tag damit, dass ich in Inter­net­res­sourcen meines Ver­trauens die Nach­richten lese und mit Freunden und Bekannten tele­fo­niere, die auf dem Majdan sein könnten. Wenn ich Zeit habe, lese ich in sozialen Netz­werken die Listen der benö­tigten Hilfe, ver­suche zu helfen (mit Klei­dung, Medi­ka­menten, Essen) und leite die Infor­ma­tionen weiter. Ich ver­suche, mir bekannte Anwälte, Ärzte und Jour­na­listen zu errei­chen. Bis zu den Ereig­nissen am 19. Januar war ich auch ab und an unter den Frei­wil­ligen, aber jetzt ist es zu gefähr­lich, abends alleine unter­wegs zu sein. Wenn ich eine Gruppe fände, würde ich wieder regel­mässig hingehen.

 

n: Was genau hast Du auf dem Majdan gemacht?

 

K.T.: Wenn ich die Kraft hatte, habe ich Nacht­dienst gemacht: Tee ver­teilt, in der Küche geholfen und bin mit Freunden zu Kon­zerten und Reden gegangen. Ich habe aus­serdem Inter­views mit Pro­test­teil­neh­mern geführt. Ich denke, es wird später helfen, die Situa­tion dif­fe­ren­ziert zu beschreiben. Manchmal hatte ich Angst um mich, und ich habe viele grelle Ein­drücke, die ich im Moment nur schwer sor­tieren kann. Was ich mit Sicher­heit sagen kann: Auf dem Platz der Unab­hän­gig­keit in Kyiv treffen sich Men­schen aus den unter­schied­lichsten Teilen der Ukraine und finden in ihrer Soli­da­rität eine gemein­same Sprache. Hier gibt es keine regio­nale Spal­tung, hier gibt es ein Volk.

 

n: Wovor hast Du am meisten Angst?

 

K.T.: Dass meine Nächsten und meine Freunde umkommen könnten und gene­rell vor neuen Opfern – wie jeder Mensch. Ich habe Angst vor einer Dik­tatur und vor einer Iso­la­tion der Ukraine von der Welt und der Welt von uns, vor einem neuen „Eisernen Vor­hang“ und einer Infor­ma­ti­ons­blo­ckade, vor Repres­sionen gegen­über Jour­na­listen und Akti­visten auf dem Majdan.

 

n: Was wür­dest Du dem „Westen“ mit­teilen wollen?

 

K.T.: Dass die Men­schen sich gut infor­mieren und uns wenigs­tens ideell unter­stützen. Der Majdan möchte wissen, dass er dem „Westen“ nicht gleich­gültig ist. Die meisten Akti­visten haben nichts mehr zu ver­lieren, sie werden, wie sie sagen, bis zum Letzten stehen. Einige haben ihre Arbeit auf­ge­geben, einige wurden gefeuert, vielen drohen ent­spre­chende Kon­se­quenzen. Nein, wir stossen nicht mehr die Tür nach Europa auf, wir möchten ein­fach nur in Ruhe in einem demo­kra­ti­schen Land leben.

 

 

Stoss­gebet von Jelena Zaslawskaja

[Über­set­zung: Tat­jana Hofmann]
Ohne den Mund zu öffnen
Sage ich ein ein­fa­ches Gebet auf:
Es soll nicht sein,
Bruder gegen Bruder,
Schwester gegen Schwester.
Keine Ant­wort auf das Gebet,
Der Himmel
Bleibt im schwarzen Nebel.

Dass ich gerade lebe,
Ist unwichtig. Wichtig ist, wofür ich sterbe.
Rat­tert eure seichten Beichten ab
Und hofft, dass man auf „share“ drückt.
Die Molotow-Cocktails
Sind im Frost so heiss!

Was träumst Du, Beschützerin?
Was siehst du dort?
Meine Ukraine steht am Rand der Welt,
Am äus­sersten Rand des Kriegs.

 

Wei­ter­füh­rende Links:

Kireev, Oleg: Pova­ren­naja kniga media-aktivista
Zaslaw­skaja, Jelena: Molitva
Zaslaw­skaja, Jelena: I vypo­l­zajut morloki-šachtery
http://www.pravda.com.ua
http://www.bbc.co.uk/ukrainian
http://hromadske.tv
spilno.tv
www.ustream.tv/channel/spilno-tv‎

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