Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Das wilde Fleisch der Sprache

Igor’ Klechs doku­men­ta­risch-ästhe­ti­scher Radi­ka­lismus

 

KlechIgor’ Klech, geboren 1952 im ukrai­ni­schen Cherson, lebt seit 1994 in Moskau und schreibt Prosa, die von seinen Kri­ti­kern leicht­fertig als schwer­fällig bezeichnet wird. Er schreibt moder­nis­tisch und post­mo­dern – in Genres, die in keine der gän­gigen Schub­laden passen, mal mit einem scheinbar bio­gra­fisch fass­baren Autor und mal mit einem sich ent­zie­henden Erzähler. Gali­zien ist ebenso ein Thema in seinem Werk wie der lite­ra­ri­sche Gali­zi­en­text und das post­so­wje­ti­sche Moskau. Essay­is­ti­sches Erzählen und wis­sen­schaft­li­ches Erör­tern sind ihm ebenso Anliegen, wie die Lust, erst im Schreiben einen Gedanken durch­zu­denken.

 

novinki: Sie sind ein Autor mit einer ‚gemischten Her­kunft‘, einem abwechs­lungs­rei­chen Leben und einem Werk, das in keine lite­ra­ri­sche Schub­lade zu passen scheint. In welche würden Sie sich selbst ste­cken, um sich grob ein­zu­ordnen?

 

Igor’ Klech: Eine solche Rich­tung gibt es noch nicht, aber es wird sie mög­li­cher­weise geben. Kurz gesagt: Das ist Prosa, die Kunst der Prosa – so, wie sie Mandel’štam in der Vierten Prosa (Čet­vёr­taja proza) ver­standen hat. Es gibt eine Kunst des Geschich­ten­er­zäh­lens, die Bel­le­tristik. Nachdem die klas­si­sche Lite­ratur ihre Auf­gabe erfüllt hat, indem sie eine erschöp­fende Anzahl mensch­li­cher Typen und typi­scher Kol­li­sionen geschaffen hat, kommt es der Bel­le­tristik nun zu, dies alles auf eine zeit­ge­nös­si­sche Art „umzu­kleiden“, und das Limit ihrer Wün­sche ist es, als Vor­lage für ein Dreh­buch zu dienen. Das ist die „Trost­li­te­ratur“. Die „Lite­ratur des Urteils“ (Dos­to­evskij, Kafka, Brodskij u. a.) ist aus meiner Sicht zu tota­litär – Macht­liebe, auch noch per­ver­tiert, hasse ich, obwohl ich Kafka über alles liebe. Auch sollte eine Lite­ratur der Suche exis­tieren: nicht als eine Methode, eine Geschichte zu erzählen, son­dern als ein Ver­fahren, sozu­sagen den Gedanken auf­zu­lösen – selbst von der Lebens­ohn­macht auf­zu­wa­chen und andere auf­zu­we­cken. Daher inter­es­sieren mich am meisten nicht vor­han­dene sym­bo­li­sche Genres, von denen man das Unge­wisse erwarten kann.

 

n.: Sie haben erwähnt, dass Sie im „Westen“ gerne als „Gali­zi­nist“ gelesen werden. Ihr 2009 erschie­nener Essay­band, Migra­tionen (Migracii), bedient zum Teil diese Erwar­tung. Was genau heißt es eigent­lich, „Gali­zi­nist“ zu sein? Welche Rolle spielt das gali­zi­sche Thema – für Sie per­sön­lich und für Ihr Schreiben?

 

K.: Hm, wahr­schein­lich ist es für west­liche Über­setzer, Her­aus­geber und Leser bequemer, mich und meine Essays so wahr­zu­nehmen. Wie Gender, Natio­na­lität, Sprache werden auch die Orte, wo der meiste und beste Teil des Lebens ver­laufen ist, zu deinem Los (einem macht­losen), wel­ches du im besten Fall als Schicksal (mus­ku­löses) anzu­nehmen in der Lage bist, so dass es dann zum Thema (künst­le­ri­schen) werden kann.

Ich habe mich immer als nie­manden sonst außer als Russen ange­sehen, aber ich hatte Glück, dass meine durchs Land umher­ir­renden Eltern Ende der 1950er Jahre in der West­ukraine sess­haft wurden und in mir die ukrai­ni­schen, pol­ni­schen, litaui­schen Vor­fahren zum Leben und zur Sprache geweckt wurden, diese ewig zer­strit­tene Sippe. Die mit­tel­eu­ro­päi­sche Sphäre, die urbane und die dörf­liche, die natur­ge­ge­bene und die his­to­ri­sche, hat es mir erlaubt, in den Geschmack der süßen Gifte des öster­rei­chisch-habs­bur­gi­schen Impe­riums zu kommen, was mich hell­hörig, aber unemp­find­lich ihnen gegen­über gemacht hat – ich habe eine Injek­tion und Imp­fung der eigenen Sorte erhalten. Viel später habe ich ver­standen, dass sich hier die Mühl­steine der ger­ma­ni­schen und sla­wi­schen Welten drehen, und dies meist töd­lich, aber des teuren Preises wert.

Was Gali­zien angeht, so ist es ein Ein­zel­fall, dass eine ganze Region nach den Gesetzen eines Dorfes orga­ni­siert ist und sich ver­zwei­felt gegen die Glo­ba­li­sie­rung wehrt – im wert­freien Sinn. Das ver­dammte Moskau geis­tert immer noch jede Nacht in meinen Träumen, obwohl ich hier schon das sech­zehnte Jahr über­lebe.

 

n.: Wie sind Sie darauf gekommen, ihren Beruf als Glas­maler bzw. ‑restau­rator für die unsi­chere Exis­tenz eines Schrift­stel­lers auf­zu­geben?

 

K.: Der Beruf des Glas­ma­lers war eine Not­lö­sung: Unter den Bedin­gungen des Sozia­lismus war das eine Mög­lich­keit so zu leben, als ob es ihn nicht geben würde. Geschrieben habe ich seit der Schul­zeit, habe rus­si­sche Lite­ratur an der L’viver Uni­ver­sität stu­diert, aber nachdem ich mich über­zeugt hatte, dass man dem Diktat der ver­hassten Ideo­logie nur ent­gehen kann, wenn man sich auf den sozialen Boden­satz begibt, traf ich eine Ent­schei­dung: „Wenn ich nicht das machen darf, was ich möchte, dann werde ich wenigs­tens nicht das tun, was ich nicht möchte.“ Zum Bei­spiel die Vor­träge Brež­nevs mit­zu­schreiben und Schüler zu ver­töl­peln. Jemand wurde Haus­meister und jemand Schorn­stein­feger. Ich hatte das Glück, dass sich im geschichts­träch­tigen L’viv für mich die Arbeit als Glas­re­stau­rator gefunden hat. So ergab sich die Gele­gen­heit, auf eigenes Risiko unab­hängig in der Under­ground-Künst­ler­szene mit meiner eigenen Angst zu leben. Ich bin diesem Beruf dankbar, aber ich bin da ein Hand­werker geblieben, wie es viele gibt.
Mich gänz­lich als Schrift­steller ver­wirk­li­chen konnte ich erst, als ich mich von der Glas­ma­lerei und L’viv ver­ab­schie­dete und umge­zogen bin – wie mit dem Kopf in ein Eis­loch. Allein das Gefühl der erfüllten Bestim­mung – das Glück der ver­spä­teten Rea­li­sie­rung und eine Arbeit nach Nei­gung bis zur Abnut­zung – ent­lohnt alle Nach­teile und Schwie­rig­keiten der eigenen Situa­tion. Es ist eine Sünde sich zu beklagen, wenn du in den Augen vieler als geschickt und fast als ein Glücks­pilz giltst.

 

n.: Es hat Kon­junktur, L’viv als ein oder auch DAS Zen­trum des ukrai­ni­schen Under­grounds zu sehen. Einige bekannte west­ukrai­ni­sche Autoren beziehen sich auf das vor­so­wje­ti­sche L’viv, wenn sie in ihrer eigenen Bio­grafie das Oppo­si­tio­nelle betonen – wel­ches Ver­hältnis haben Sie dazu?

 

K.: Es gibt die ukrai­ni­sche Kultur und die Kultur der Ukraine, und das ist nicht das­selbe, was man aber in L’viv nicht ver­stehen möchte: Odessa und Charkiv sind keine weniger bedeut­samen kul­tu­rellen und künst­le­ri­schen Zen­tren der Ukraine. Aber es gibt die Schön­heit der Oppo­si­tionen, und die Bipo­la­rität schmückt die Kul­turen vieler Länder: Wie Moskau und Peters­burg in Russ­land, War­schau und Krakau in Polen, so schaffen auch Kyïv und L’viv in der Ukraine eine beson­dere Pola­ri­sie­rung der Poten­tiale, ent­spre­chend fließt Strom, es ent­stehen Ent­la­dungen, die Funken sprühen. Die künst­le­ri­schen Tra­di­tionen des Under­grounds waren in L’viv immer stark, aber nicht in der Lite­ratur, und schon lange nicht in der zeit­ge­nös­si­schen ukrai­ni­schen. Durch L’viv, die Haupt­stadt der Region, sind ein­fach die Ukrainer der gesamten West­ukraine gefahren oder haben diese Stadt mit Pietät behan­delt.
L’viv selbst ist in lite­ra­ri­scher Hin­sicht längst unfruchtbar wie ein Durch­gangs­lager: Lyšeha ist aus Tys­mi­e­nyca nach Kyïv, Rja­bčuk ist eben dorthin, Andruchovyč ist aus Ivano-Frankivs’k nach Berlin, Izdryk ist zurück nach Kaluš, Čubaj – in die Welt der Toten. Im Übrigen bin ich in allen anderen Bezie­hungen außer der lite­ra­ri­schen damit ein­ver­standen. Obwohl ich es vor­ziehen würde, dass L’viv als das Tor der Ukraine in die große Welt dienen würde, statt den zwei­fel­haften Titel der Haupt­stadt der Mar­gi­na­li­sierten zu tragen.
Und glauben Sie nicht der hart­nä­ckigen Idea­li­sie­rung des öster­rei­chisch-unga­ri­schen Impe­riums und des Vor­kriegs­po­lens, wo ukrai­ni­sche Gali­zier Leute der letzten Sorte waren (erin­nern Sie sich zumin­dest an die Geschichte des Oberst Redl und die Emi­gra­tion ganzer Dörfer von hier über den Ozean. Zu 10% ist das Iden­ti­täts­suche und zu 90% – den Mos­ko­wi­tern den Vogel zeigen. Ich könnte meine Behaup­tung argu­men­tativ unter­mauern und illus­trieren, möchte aller­dings nicht auf das Ver­ständ­nis­ni­veau der drü­ckenden Mehr­heit der Oppo­nenten absteigen. Wenn jedes Argu­ment gelegen kommt, ist eine Dis­kus­sion nicht mög­lich. Ein ernstes Gespräch ist unaus­weich­lich, aber man muss abwarten.

 

n.: Wie gehen Sie damit um, dass man Ihnen eine „impe­riale“ Per­spek­tive unter­stellt und man Sie leicht – von ver­schie­denen Leser­gruppen aus – als unbe­quem wahr­nehmen kann?

 

K.: Die Ant­wort ist ein­fach und ohne Koket­terie: Ich bin Non­kon­for­mist und keine Formen des Grup­pen­be­wusst­seins sind für mich rich­tungs­wei­send. Wenn man dir etwas andichtet, ist es zwar unan­ge­nehm, aber wie Čechov seinem älteren Bruder geschrieben hat: Recht­fer­tige dich nie, selbst wenn die Zei­tungen dru­cken, du seist ein Geld­fäl­scher. Was Russ­land angeht – heute es kein Impe­rium, son­dern ein Großes Land und PROJEKT, was anzu­er­kennen einigen Ein­woh­nern kleiner und unselbst­stän­diger Länder unmög­lich oder für sie belei­di­gend ist. Und für die rei­chen und starken Länder ist es bequem, ihre Unzu­frie­den­heit für eigene Inter­essen zu nutzen. Leider hat sich hier seit 1000 Jahren nichts Wesent­li­ches geän­dert. Der­zeit wütet die ukrai­nisch-rus­si­sche Polemik um sich. Um Obses­sionen und halb­ge­bil­dete Angriffe los­zu­werden, musste ich das vor ein paar Jahren in Moskau erschie­nene Buch West­liche Ränder des rus­si­schen Impe­riums (Zapadnye okrainy Ros­s­ijskoj imperii) kaufen, eine gemein­same Arbeit pro­fes­sio­neller His­to­riker – seitdem hat das Herz­spannen nach­ge­lassen. Das Buch ist weder pro- noch anti­rus­sisch, son­dern wis­sen­schaft­lich, mit Ver­weisen auf Quellen, mit begrün­deten Fakten und Kom­men­taren, aus­ge­wogen wie eine wert­freie Exper­tise der ana­ly­ti­schen Abtei­lung des Minis­te­riums für Aus­wär­tige Ange­le­gen­heiten irgend­eines 19. Jahr­hun­derts. Was für ein Glück, dass nicht alle ver­rückt geworden sind.
Übri­gens, die Zukunft der Ukraine ent­scheidet sich heute auf der Ebene des Kampfes zweier Kon­zep­tionen. Ist es ein Land, wo Berge, Meere, Wälder, Steppen, große Flüsse, natür­liche Res­sourcen, öko­no­mi­sches und demo­gra­fi­sches Poten­tial, eth­ni­sche, sprach­liche und kul­tu­relle Viel­falt (Ukrainer und Gali­zier, Russen und Rus­sisch­spra­chige, Juden, Krim­ta­taren, Huzulen, Rus­sinen u.a.) und meh­rere Kon­fes­sionen (Ortho­doxe, Katho­liken, Mos­lems) exis­tieren – klar, was ich meine? Oder siegt das Para­digma „ein Volk, eine Sprache, ein Glaube, eine Partei, ein Führer“ (in seiner wei­chen Vari­ante, dem Polen Pił­sudskij ähn­lich), also eine archai­sche Kon­zep­tion eines mono-eth­ni­schen, homo­genen Staats, auf­ge­sam­melt auf dem Müll­haufen der Geschichte?

 

n.: Zahl­reiche Texte, die sich mit L’viv beschäf­tigen, sind Gedichte. Von Ihnen ist mir keines bekannt, auch sonst keine Lyrik. Wie kommt es, dass sie aus­schließ­lich Pro­saist sind?

 

K.: Es gibt vier Genres, in denen ich nicht arbeite. Mit ein­zelnen Aus­nahmen sind es Gedichte, Publi­zistik, der Roman (da ich ihn für abge­storben, epi­go­nen­haft, für geschickt ver­packte Ware halte, mit dessen Pro­duk­tion ein­ander über­ho­lende Bel­le­tristen beschäf­tigt sind) sowie das Drama (die ober­fläch­li­chen Wel­len­be­we­gungen mensch­li­cher Bezie­hungen inter­es­sieren mich wenig, obwohl es Aus­nahmen gibt). Aus allem anderen – aus der Pro­sa­kunst, der Essay­istik und doku­men­ta­ri­schen Genres schaffe ich diesen oder jenen „Cock­tail“. Ich will nie­mandem etwas erzählen, son­dern selbst etwas erfahren. Und wenn es für mich inter­es­sant wird, dann wird es für meinen Leser nicht unin­ter­es­sant.

 

n.: Wenn wir schon bei der gestal­te­ri­schen Ebene ange­kommen sind: Es fällt einer­seits die hohe meta­pho­ri­sche Dichte auf, die Ihre Prosa poe­tisch macht, und ande­rer­seits der ständig durch­schim­mernde oder bewusst signa­li­sierte Bezug zu Ihrer Bio­grafie und zur Zeit­ge­schichte. Haben Sie dabei ein bestimmtes Ziel?

 

K.: Der sti­lis­ti­sche Pro­zess des Alterns kann wie ein all­mäh­li­cher Ver­zicht auf den Gebrauch der Meta­pher zugunsten der Met­onymie beschrieben werden. Wenn Meta­phern in meinen Texten immer noch anzu­treffen sind, so heißt das, dass ich noch nicht gänz­lich alt geworden bin. Ande­rer­seits haben mich rohe Doku­mente und doku­men­ta­ri­sche Genres schon seit dem Stu­den­ten­alter bewegt. Seit ich dreißig geworden bin, konnte ich ein­fach nichts mehr lesen, was in rea­lis­ti­schen Kon­ven­tionen geschrieben war (wenn es kein klas­si­sches, per defi­ni­tionem mytho­lo­gi­sches Werk ist), ebenso die meisten meiner Bekannten (was viele nicht gerne zugeben). Ich schätze nur das wilde Fleisch der Sprache und von dem Aus­ge­dachten nur den Fie­ber­wahn, die Hal­lu­zi­na­tionen, nur echtes Blut und Schweiß, keines von der Lein­wand. Schon lange ist kein Extre­mismus mehr dabei – nur ästhe­ti­scher Radi­ka­lismus. Ich liebe anspruchs­volle popu­lär­wis­sen­schaft­liche Lite­ratur und übe mich selbst mit rie­sigem Ver­gnügen in diesem Genre, um mich zu erholen und Geld zu ver­dienen, obwohl der Hedo­nismus einem Pro­saiker nicht gut bekommt. Ein Ziel? Die Bestim­mung erfüllen, ein anderes gibt es nicht. Mit Pro­zenten all das zurück­geben, was ich vom Freu­den­be­cher des Lebens erhalten habe, die ganze Wehmut bei mir behal­tend.

 

n.: Hin und wieder schreiben Kri­tiker, dass man bei Ihnen „barocke Prosa“ vor­fände – man könnte es als eine an Ver­zie­rungen reiche, schwer les­bare Kost ver­stehen. Oder hat es etwas mit einer tex­tu­ellen Suche nach rhe­to­ri­schen Vor­bil­dern wie Nikolaj Gogol’ und Bruno Schulz zu tun? Ihre Geister spuken an ver­schie­denen Stellen in ihrem Oeuvre. Wel­chen Platz nehmen sie in ihrem jüngsten Buch ein?

 

K.: Es gab auch mal den Barock bei mir, ich habe mich oft ver­än­dert und nicht (nur?) wenige Räder erfunden. Moskau – das ist nicht nur eine „kul­tu­relle Repa­tria­tion“, son­dern auch eine Art „Arbeit“, unser „inneres Ame­rika“, und ein gigan­ti­scher „Destil­lator, um einen all­rus­si­schen Selbst­ge­brannten zu 40%igem Alko­hol­ge­halt zu bringen“ (ver­zeihen Sie die Auto­zi­tate). Der Schick­sals­wechsel nach vierzig Jahren hat mir unglaub­lich viel gegeben. Aber leider bin ich erst zur Lite­ratur als Kunst gekommen, als sie ihr Toten­mahl gefeiert hat. Heute ist das nur Pro­duk­tion.
Das Buch, über das Sie spre­chen, erscheint, so Gott will, in diesem Jahr in kleiner Auf­lage, finan­ziert durch ein Sti­pen­dium, und wird irgend­wann von irgend­je­mandem gelesen. Mein Land benö­tigt es noch nicht. Es besteht aus einem halben Hun­dert Essays über bedeu­tende Bücher und ihre Autoren: von Cäsar (Autor des besten Buches über den Krieg) und Plut­arch (Erfinder des bio­gra­fi­schen Genres), über Mon­taigne (Erfinder des essay­is­ti­schen Genres), Pascal, Rous­seau, Adam Smith, Darwin, Napo­leon und Nietz­sche, Poe, Puškin, Gogol’, Tol­stoj, Pla­tonov mit Nabokov und Schulz bis zu einigen zeit­ge­nös­si­schen Autoren. In diesem Buch beute ich den „bio­gra­fi­schen Zugang“ zur Lite­ratur aus: Der Schlüssel zum Text liegt im Autor, der Schlüssel zum Autor – im Text.
All diese Texte habe ich übri­gens zwei­fach ver­kauft, und einige auch drei­fach – als Vor­worte zu sehr teuren Büchern in einer Auf­lage von 100 Exem­plaren für die „neuen Russen“ und fast umsonst einigen Zei­tungen mit einer Auf­lage von einigen Tau­send Exem­plaren und dicken Lite­ra­tur­zeit­schriften. „Die unsicht­bare Hand des Markts“ fühle ich heute auf dem eigenen Hals – danke dir, Adam Smith.

 

n.: Ein anderes sehr junges Buch, das Sie ihr opus magnum nennen, sind die Chro­niken des Jahres 1999 (Chroniki 1999 goda). Eine pes­si­mis­ti­sche und zyni­sche Abrech­nung mit der post­so­wje­ti­schen ukrai­ni­schen und rus­si­schen Situa­tion, der immer ein wenig fehlt, um rund zu laufen…

 

K.: Ver­zeihen Sie den Tru­ismus, aber nur Tote haben keine Pro­bleme. Aus meiner Sicht ist es im Gegen­teil ein opti­mis­ti­sches Werk dar­über, wie schwer ein gesamtes großes Land gesund wird, Abstand vom Todes­rand gewinnt. Meine beschei­dene und fast anonyme (wie bei Proust) bio­gra­fi­sche Erzäh­lung (eines unty­pi­schen Ras­tignac) schreibt sich, wie mir scheint, ideal in dieses Sujet ein. Anfangs sollte es eine Erzäh­lung über den Tod meiner Mutter sein, und es gab eine Mög­lich­keit, sie in der Schweiz zu schreiben, aber ich habe die Aus­füh­rung der Idee auf viele Jahre ver­legt – und es war richtig. Unbe­wusst habe ich gespürt, dass die Geschichte nicht beendet ist, so lange mein Vater lebt. Später habe ich ver­standen, dass in diesem unglück­se­ligen Jahr meine Mutter nicht anders konnte als zu sterben. Es wurde ein Kul­mi­na­ti­ons­jahr (in Erwar­tung des „Mil­le­niums“) und ein Wen­de­jahr vom „Steine schmeißen“ zu ihrem „Auf­sam­meln“. Ein Jahr der zwei Kriege – in Ser­bien und auf dem Kau­kasus, der Explo­sion von Wohn­häu­sern in Moskau, der Abdan­kung des „Zaren Boris“ und der Ankunft Putins, der Abreise meiner Tochter nach Israel und meiner Fahrt mit der Transsib, des Todes meiner Mutter – alles hat sich mit­ein­ander ver­webt. Als ich end­lich ange­fangen habe, die „Chro­niken“ zu schreiben, starb Jelzin, danach mein Vater – und so weiter, eine Todes­pa­rade, von klein bis groß und von oben bis unten: Eine andere Truppe spielt schon ein anderes Stück. Viel­leicht liege ich falsch, aber dar­über habe ich geschrieben. Die Viel­zahl der fast namen­losen Prot­ago­nisten auf einer Fläche von den Kar­paten bis nach Vla­di­vostok und eine epi­sche Bezie­hung zum Zeit­ver­lauf erlauben mir, auf Grund der Unwie­der­bring­lich­keit des Ver­lo­renen mein Opus für etwas wie ein Epos zu halten. Es ist ein­fach so, dass lang zu schreiben mir wie eine Gier des Schrift­stel­lers erscheint, und kurz zu schreiben wie Groß­zü­gig­keit. Der letzte Satz des Buches lautet: „Weil das Leben kein Ort für Urlaub ist.“ Ist das Pes­si­mismus oder Opti­mismus? Außerdem ist das lang erwar­tete Buch mit Illus­tra­tionen erschienen, wovon ich immer geträumt habe – dass Feder­zeich­nungen vor jedem Kapitel stehen, wie in Aben­teu­er­bü­chern für Kinder! Der Traum ist erfüllt. Die aus­ge­zeich­nete Mos­kauer Malerin Tanja Naza­renko hat das Manu­skript eine Nacht über durch­ge­lesen, zwei Tage lang gezeichnet und zwei Monate später ist das Buch erschienen. Ich hatte schon mal Erzäh­lungen und Bücher mit mehr Inspi­ra­tion, aber es gab bisher kein wich­ti­geres. Wenn ich mich irre, heißt es, dass ich an meiner Zeit kom­plett vorbei lebe – aber ich bereue nichts, denn ich habe mehr getan, als ich konnte.