Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die nicht mehr neuen Men­schen. Die Rück­kehr des selbst­be­stimmten Sub­jekts

Iden­tität, Indi­vi­dua­lität und Immu­nität bio­gra­fi­scher Ver­läufe, die sich in der poli­ti­schen und sozialen Willkür des post­so­wje­ti­schen Russ­lands eigen­sinnig ver­fes­tigen – mit diesen Kenn­zei­chen neuerer Romane und Filme scheint sich die Post­mo­derne end­gültig zu ver­ab­schieden. Zumin­dest stellen sie eine Span­nung zu jener Sinn­of­fen­heit her, die in den letzten Jahr­zehnten die ästhe­ti­schen Kon­turen vor­ge­geben hat. Diesen Grund­kon­flikt unter­sucht der von Bet­tina Lange, Nina Weller und Georg Witte her­aus­ge­ge­bene Band Die nicht mehr neuen Men­schen. Rus­si­sche Filme und Romane der Jahr­tau­send­wende. Her­vor­ge­gangen ist er aus dem medi­en­ver­glei­chenden Pro­jekt Die nicht mehr neuen Men­schen. Fik­tio­na­li­sie­rung von Indi­vi­dua­lität im post­so­wje­ti­schen rus­si­schen Film und Roman, das von der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft geför­dert und von Georg Witte, dem Inhaber des Lehr­stuhls für All­ge­meine und Ver­glei­chende Lite­ra­tur­wis­sen­schaft am Peter-Szondi-Institut der Freien Uni­ver­sität Berlin, geleitet worden ist.
Die Aus­wahl des ana­ly­sierten Prosa- und Film­ma­te­rials aus Russ­land fokus­siert eine dop­pelte Schwelle: Die Zeit nach dem Zer­fall der Sowjet­union und die Wende zwi­schen den Jahr­tau­senden. Letz­teres mag eine prag­ma­ti­sche Ent­schei­dung oder dem Zufall geschuldet sein, domi­niert ins­ge­samt doch die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem sowje­ti­schen Erbe stärker als eine davon los­ge­löste Aus­rich­tung auf die Gestal­tung der Zukunft. So inter­es­siert sich Ellen Rutten in ihrem Artikel Post-Com­mu­nist Sin­ce­rity and Sorokin’s Thri­logy (sic) für die Rhe­torik der Neuen Auf­rich­tig­keit(novaja iskren­nost’) als einen Dis­kurs der zeit­ge­nös­si­schen (rus­si­schen) Kultur und zeigt am Bei­spiel von Vla­dimir Soro­kins Tri­lo­gija (2002–2005), dass diese Ten­denz eine ästhe­ti­sche, aber auch eine soziale Dimen­sion auf­weist und sich mit der post­kom­mu­nis­ti­schen Rea­lität mög­lichst unmit­telbar aus­ein­an­der­setzt. Sie findet sich auch bei anderen Kon­zep­tua­listen (Prigov, Rubinš­tejn) und lässt sich noch weiter zurück bis zu dem Auf­satz des Kri­ti­kers Vla­dimir Pome­rancev Über Auf­rich­tig­keit in der Lite­ratur von 1953 ver­folgen. In Soro­kins Blog­ein­trägen zeichnet sie sich nicht zuletzt durch die Insze­niert­heit der authen­ti­schen Autor­stimme aus und ist mit ihrem Aktua­li­täts­bezug u. a. kom­mer­ziell moti­viert.
Im Hin­blick auf einen poe­tisch aktiv mit­be­stimmten, pro­spek­tiven Ent­wurf lässt sich Oleg Jur’evs uto­pi­scher Roman Vineta (Die Rus­si­sche Fracht) inter­pre­tieren. Miriam Fin­kel­stein und Nina Weller betrachten ihn als ein Reser­voir an mytho­poe­ti­schen Dekon­struk­tionen und Neu­kon­struk­tionen rus­sisch-jüdi­scher Iden­tität – eine wich­tige, da ergän­zende Sicht zu den Rezen­sionen der deut­schen Über­set­zung des Romans, die dem jüdi­schen Aspekt des ver­schlun­genen Nar­ra­tivs wenig Beach­tung schenken. Der rus­sisch-jüdi­sche Prot­ago­nist, der eine Dis­ser­ta­tion über die Spie­ge­lung von Sankt Peters­burg und Vineta schreibt, betreibt auf einem Kühl­schiff in der Ostsee nicht nur eine beinah lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lich anmu­tende Über­de­ter­mi­nie­rung des Reise-Sujets, son­dern auch bio­gra­fisch-poe­ti­sche Selbst­ana­lyse. Der Roman erschaffe einen anderen „neuen Men­schen“: Der Prot­ago­nist ver­voll­stän­digt sein lücken­haftes Wissen über sich selbst mit Hilfe von Mit­rei­senden aus seiner Ver­gan­gen­heit bzw. seiner Ima­gi­na­tion. Auf diese Weise gelingt es ihm, seine Lebens­ge­schichte sinn­stif­tend zusam­men­zu­setzen. Der Grund­tenor der Autorinnen hebt hervor, dass der Roman, anstatt die Ver­gan­gen­heit sowjetischer/russischer Juden zu beklagen, ihre posi­tive – kohä­rente – Zukunft vor­schlägt.
Wäh­rend der Titel des Bandes nur Lite­ratur und Film ankün­digt, wird bei der Lek­türe ersicht­lich, dass ein wei­teres Medium diesen künst­le­ri­schen Über­gangs­zu­stand kenn­zeichnet: Das Internet. Hen­rike Schmidt geht in ihrem Bei­trag Ein Jahr im Leben des Evgenij Griš­kovec’. Rubaška (Das Hemd) auf die Druck­fas­sung des Blogs God žžizni (Ein Jahr LLeben, 2008) ein, welche unge­achtet des Vor­wurfs der Gra­pho­manie grosse Popu­la­rität geniesst und Fol­ge­bände nach sich gezogen hat. Die Gat­tung Blog eignet sich für digi­tale Autor-Insze­nie­rungen – in Mys­ti­fi­ka­tionen (so bei Boris Akunin und Viktor Pelevin) oder auch in der Pose der insze­nierten Authen­ti­zität (Alex­andra Mari­nina, Sergej Luk’janenko). Das Blog, so Schmidt, ist als Milieu-Doku­ment für die zeit­ge­nös­si­sche Lite­ratur des­halb so wichtig, weil es den empi­ri­schen Autor mit seiner selbst erschaf­fenen Aura und den zur Schau gestellten, quasi ‚natür­li­chen’ Affekten in den Vor­der­grund rückt und damit jener Frag­men­tie­rung und Ver­spielt­heit ent­gegen setzt, die die rus­si­sche Lite­ratur der letzten Jahr­zehnte geprägt hat. Die Autorin weist darauf hin, dass eine Wende zum Empi­ri­schen und Authen­ti­schen hin nicht nur den Autor betrifft, son­dern auch den Leser, der in die kol­lek­tive Pri­vat­heit des Blog­gers ein­be­zogen wird.
In dem Essay Ernst als Spiel oder Helden der Nuller Jahre: Evgenij Griš­kovec’ Rubaška (Das Hemd) betrachtet Chris­tine Gölz den Roman Rubaška als reprä­sen­tativ für die Lite­ratur der Nuller Jahre. Ihr Artikel übt expli­zit­Kritik gegen­über „Erwar­tungen an die Lite­ratur einer neuen, ernst­haften Emp­find­sam­keit mit Hilfe eines als  n o r m a l  bezeich­neten und, wie sich zeigen wird, gerade darin beschränkten Helden zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts“ und ihrer lite­ra­ri­schen Ein­lö­sung in der Kon­struk­tion eines „nor­malen“ Helden inner­halb der so genannten „Middl-lite­ra­tura“. Diese steht zwi­schen der eli­tären Hoch­li­te­ratur und der popu­lären Unter­hal­tungs­li­te­ratur und ist als „Neue Auf­rich­tig­keit light“ (Gölz) den Radi­kalen Rea­listen ent­ge­gen­ge­setzt. Der „nor­male Mensch“ wird als ein männ­li­cher Groß­stadt­typus model­liert, der den „Ernst des Gefühls“ feiere und, so die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin, als Benimm­buch für den Szene-Mann der gla­mou­rösen Mega­polis dienen könne.
In ihren Lek­türen inter­es­sieren sich die Autoren­Innen des Bandes immer wieder für die Prot­ago­nisten, so z. B. für den Typus des „kleinen Mannes“, des Pil­gers, Wan­de­rers – des strannik und Narren in Christo (juro­divyj). Auf diese Figu­ren­typen fokus­siert sich beson­ders stark Svet­lana Siro­ti­ninas und Nina Wel­lers Artikel Hei­mat­suche und Raum­an­eig­nung bei Alek­sandr Iličevskij und Aleksej Ivanov. Ent­wur­ze­lung, soziale Ent­frem­dung und der Topos der Russ­land­reise dienen der Hei­mat­an­eig­nung und Ich-Kon­fi­gu­ra­tion. Die beiden Romane haben gemeinsam, dass sie die Selbst­suche in den Ima­gi­na­ti­ons­räumen natur­hafter, urbaner und mythisch-tran­szen­denter Land­schaften aus­pro­bieren. Zusam­men­ge­fasst heisst es: „Bei aller Unter­schied­lich­keit zwi­schen Iličevs­kijs meta­pho­ri­scher, stark mäan­dernder und Iva­novs rea­lis­ti­scher und über­wie­gend linearer Erzähl­weise stehen beide Romane für eine in der rus­si­schen Lite­ratur der Nuller Jahre ver­stärkt in Erschei­nung tre­tende Suche nach neuen chro­no­t­o­pi­schen Formen der Exis­tenz, welche sich hier in der ‚Anti­hal­tung’ der Prot­ago­nisten gegen­über kon­ven­tio­nellen gesell­schaft­li­chen Vor­stel­lungen eines ‚erfolg­rei­chen’ Lebens­laufs arti­ku­liert, ohne dass teleo­lo­gi­sche Ent­wick­lungs­su­jets der ‚Sinn­suche’ gänz­lich auf­ge­geben würden.“
Beide Romane knüpfen an die roman­ti­sche Tra­di­tion an. Ivanov spie­gelt in den Natur­schil­de­rungen das See­len­leben des Helden. Dessen poe­tisch-ima­gi­na­tive Inter­ak­tionen mit dem Hei­mat­raum beleben ört­liche Mythen wieder. Iličevskij ver­wendet die Land­schaft als erkennt­nis­theo­re­ti­sche Schlüs­sel­ka­te­gorie. Ihre Wahr­neh­mung gene­riert die raum- und gedan­ken­struk­tu­rie­rende Poetik eines ‚neuen’, hoch­gradig sub­jek­tiven, ästhe­ti­sierten und spi­ri­tu­ellen Sehens. Die Autorinnen gelangen zu dem Schluss, dass die Prot­ago­nisten beider Romane nicht als indi­vi­du­elle Cha­rak­tere her­vor­treten, son­dern ‚roman­tisch-eska­pis­ti­sche’ Aus­sen­sei­ter­typen ohne kri­ti­sche Bre­chungs­mo­mente bleiben.
Die Bei­träge haben gemeinsam, dass sie sich jeweils einem oder zwei Werken widmen. Diese deskrip­tiven, kom­pa­ra­tis­ti­schen und anschau­li­chen Ana­lysen ent­stehen aus einer Per­spek­tive, die von der post­mo­dernen Theorie stark geprägt ist. Die Lek­türen suchen offenbar – im Kon­trast zu ihrem Gegen­stand – nicht nach neuen metho­di­schen Ansätzen, um der beob­ach­teten Ablö­sung von kon­sens­fähig gewor­denen Ver­fahren gerecht zu werden. Die Kom­men­tare dia­gnos­ti­zieren Sujets, die auf per­sön­liche Rede und sub­jek­tive Inner­lich­keit setzen, die exis­ten­ti­elle Erfah­rungs­di­men­sion akti­vieren und von der Identitäts‑, Sinn‑, Glücks- und Hei­mat­suche bestimmt sind. Metho­disch domi­nieren gen­re­nahe und kon­tex­tua­li­sierte Ana­lysen. So geht Bet­tina Lange in Neue Russen zweiter Klasse: Genre und Iden­tität in Kira Mura­tovas Vto­ros­te­pennye ljudi (Men­schen zweiter Klasse) der These nach, dass in Mura­tovas Film über dys­funk­tio­nale Ele­mente kri­mi­nal­film­ty­pi­scher nar­ra­tiver Muster und über eine hete­ro­gene Erzähl­struktur Iden­ti­täts­mo­delle in der post­so­wje­ti­schen Zeit ver­han­delt werden.
Bar­bara Wurm stellt in Simu­lanten des Zau­derns. Ver­wei­ge­rungs-Figuren in Aleksej Popo­grebs­kijs Prostye vešči (Simple things) und Kak ja provel ėtim letom (How I Ended this Summer) fest, dass Filme unter dem Pro­duk­ti­ons­label „Kok­tebel Film Com­pany“ ein Erfolgs­mo­dell der Nuller Jahre sind, da sie zwi­schen dem radikal ästhe­ti­siertem Autoren­film und dem kon­ven­tio­nellen Gen­re­kino eine Alter­na­tive bieten, eine Balance zwi­schen trau­riger Komödie und iro­ni­scher Tra­gödie halten und mit kon­stru­ierter Inkon­se­quenz spielen. Typisch für diese Filme sei, dass in die Rou­tine des All­tags mit einem Mal ein Moment der Unter­bre­chung, des Inne­hal­tens und Nach­den­kens ein­bricht. Die Autorin spürt dabei vier nicht-post­mo­derne Kon­tex­tua­li­sie­rungen auf: Die Tra­di­tion des rus­si­schen Romans, a‑teleologisches Erzählen und Kon­tin­genz, eine am Doku­men­ta­ri­schen ori­en­tierte All­tags­poetik und das sowje­ti­sche Kino der „signs of the ever­yday“.
Beson­ders über­zeu­gend sticht an dem Band hervor, dass sich die meisten Artikel an einem close rea­ding anlehnen und vor dem Hin­ter­grund zeit­ge­nös­si­schen künst­le­ri­schen Gesche­hens fein­füh­lige Beob­ach­tungen der jewei­ligen ästhe­ti­schen Spe­zifik vor­nehmen, ohne sie allzu gene­ra­li­sie­rend ein­zu­ordnen. Zugleich wären zwi­schen­durch muti­gere Thesen und Ablei­tungen der post-post­mo­dernen Cha­rak­te­ris­tika wün­schens­wert. Wenn die Bei­träge wie­der­holt darauf ver­weisen, dass Erfah­rungen von Kon­tin­genz und Unsi­cher­heit vor allem Offen­heit, Krea­ti­vität und einen posi­tiven Mög­lich­keits­raum sug­ge­rieren (so der Ein­lei­tungs­ar­tikel der Her­aus­ge­be­rInnen) und tran­si­to­ri­sche Ich-Ent­würfe inno­vativ seien (so Eva Haus­ba­cher in ihrem Bei­trag See­len­optik. Marija Ryba­kovas Brief­roman Anna Grom i ee prizrak (Die Reise der Anna Grom), so ent­steht der Ein­druck, dass sie erneut die – mitt­ler­weile mehr neo­li­be­rale als post­mo­derne – For­de­rung nach Fle­xi­bi­lität, der Lust an Unbe­stimmt­heit und Nicht­fest­le­gung bei den Lebens­ent­würfen erheben und dem­ge­gen­über die Mittel und Motive im Umfeld des „neuen Rea­lismus“ als unter­kom­plex und ana­chro­nis­tisch abtun. Ins­ge­samt werfen die Lek­türen die Frage auf, ob nicht sie es sind, die einem gewissen Ana­chro­nismus unter­liegen, wenn sie Werke und Autoren, die mit­unter bewusst die Post­mo­derne über­winden, auf ihre immer noch andau­ernde Post­mo­der­nität, die Zer­ris­sen­heit ihrer Figuren und die Ambi­va­lenz ihrer Erzähl­formen hin lesen, anstatt sich ihnen mit neuen theo­re­ti­schen Impulsen zu stellen.
Einer­seits igno­rieren dem Grund­tenor der Inter­pre­ta­tionen nach die Selbst­kon­zep­tionen der Prot­ago­nisten in den bespro­chenen Werken die sowje­ti­sche Utopie des „neuen Men­schen“ und dessen Folie des sozia­lis­ti­schen Rea­lismus. Ande­rer­seits dia­gnos­ti­zieren meh­rere Bei­träge ein Erzählen, das sich um einen enga­gierten, gesell­schafts­kri­ti­schen Rea­lismus und Ent­wick­lungs­ge­schichten bemüht, per­sön­liche Befind­lich­keiten akzen­tu­iert, den Alltag ins Zen­trum rückt und sich doch um die Eta­blie­rung eines neuen, wenn­gleich unso­wje­ti­schen Men­schen­typus dreht. Dabei kann offenbar kaum etwas die gewohnt gewor­dene Aus­drucks- und Abbil­dungs­skepsis der Wis­sen­schaft­le­rInnen mehr pro­vo­zieren als die Authen­ti­zität, die das Pri­mär­ma­te­rial immer wieder zu ver­mit­teln ver­sucht. Auch wenn das text­nahe Beob­achten dessen, wie die Noch- und Nicht-Mehr-Post­mo­derne sich ästhe­tisch trans­for­miert, den Tie­fen­ana­lysen bes­tens gelingt, bleibt ins­ge­samt der Ein­druck, dass es dar­über hinaus inter­es­sant gewesen wäre, es zu wagen, anhand von exem­pla­ri­schen Werken den Anbruch der post-post­mo­dernen Epoche genauer zu defi­nieren.

 

Bet­tina Lange, Nina Weller, Georg Witte (Hrsg.): Die nicht mehr neuen Men­schen. Rus­si­sche Filme und Romane der Jahr­tau­send­wende. Verlag Otto Sagner, Mün­chen u. a. 2012.

Top