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Ein Liebhaber der Literatur: Fritz Mierau zum 80. Geburtstag

Posted on 27. Oktober 2014 by Tatjana Hofmann
"Kauderwelsch des Lebens", "Russen in Berlin", "Mein russisches Jahrhundert" – die Titel von Fritz Mieraus Publikationsliste fügen sich zum Buchzeugnis über die slavistische Literaturwissenschaft ostdeutscher Prägung zusammen. Es führt eine Arbeit vor Augen, die über fünf Jahrzehnte hinweg bis heute andauert, leidenschaftlich und bescheiden betrieben.

Kauderwelsch des Lebens, Russen in Berlin, Mein russisches Jahrhundert – die Titel von Fritz Mieraus Publikationsliste fügen sich zum Buchzeugnis über die slavistische Literaturwissenschaft ostdeutscher Prägung zusammen. Es führt eine Arbeit vor Augen, die über fünf Jahrzehnte hinweg bis heute andauert, leidenschaftlich und bescheiden betrieben.

 

Wenn ich Sieglinde und Fritz Mierau in Berlin besuche, gerate ich in eine etwas andere Welt, die aus der heutigen Zeit zu fallen scheint. Die Plattenbauten in der Nähe vom Alexanderplatz sind zwar von außen renoviert und somit eher Zeugnis der Erinnerungskultur an die DDR, in ihrem Inneren versteckt sich jedoch noch immer – unsichtbar für Einheimische und Touristen – ein intellektueller Rückzugsort der ehemaligen DDR.
Wenn der große Mann die Tür zu seiner kleinen Wohnung öffnet, spürt man zwischen Bücherwänden und dem Duft nach Pflaumenkuchen, dass man einen Ort der Arbeit und der Muße betritt. Auch seine Frau, die Germanistin und Skandinavistin Sieglinde Mierau, begrüßt mich herzlich, wofür sie sich vom Tippen auf der Schreibmaschine löst. Die beiden bilden eine einzigartige intellektuelle Gemeinschaft, u. a. verbunden durch ihre Herausgabe eines Almanachs für Einzelgänger (2001) sowie die gemeinsame Aufarbeitung der Werke von Franz Jung und Pavel Florenskij, dem Religionsphilosophen, Natur- und Kunstwissenschaftler.
Die Einrichtung der Wohnung, der Verzicht auf überflüssigen Konsum und auf „Apparate“, wie die Mieraus Telefone und Computer nennen, führen mir vor Augen, dass ich einer anderen Generation angehöre und mich nun in einem Universum fernab der Universität und mittendrin in einer literaturwissenschaftlichen „Produktionsstätte“ befinde.
Fritz Mierau verkörpert ein aus der Mode gekommenes Wissenschaftsideal, dem er in seiner über 50-jährigen Arbeit an über 100 Büchern und 500 Artikeln, die er verfasst, herausgegeben und übersetzt hat, treu geblieben ist. Außerhalb des Universitätsbetriebs, der in der DDR enorm politisiert gewesen ist, widmet er sich der zentralen Aufgabe der Literaturwissenschaft: Er forscht aus intrinsischer Motivation. Dies tut er auch noch in hohem Alter, es ist sein Alltag, ähnlich wie die emotionale Beschäftigung mit Literatur in der inoffiziellen Sowjetunion ein wesentlicher Bestandteil der Alltagskultur war.
Ebenso stark wie Mieraus Liebe zur Literatur kommt seine Liebe zur Freiheit zum Vorschein. Mit diesen beiden Standbeinen hat er sich selbstständig gemacht, wie man heute wohl sagen müsste: Als eine Ich-AG avant la lettre, losgelöst von vorgeplanten Laufbahnen und ehrgeizig lediglich in dem Sinn, nichts anderem als seinem Interesse für die in der DDR unterrepräsentierte literarische Moderne nachzugehen. Dass es mutig gewesen ist, sich diese Freiheit zu nehmen, braucht man nicht zu betonen: So schwierig es heute vorzustellen ist, so normal war es in der DDR, mit lebensbedrohlichen Repressionen zu rechnen, wenn man die Kunst verbotener und verfemter Dichter an die Öffentlichkeit herantragen wollte.

 

F.Mierau1_Foto von E. J. Ditschek 

Fritz Mierau ist ohne Übertreibung einer der bedeutendsten deutschsprachigen Slavisten, und das bei bewusstem Verzicht auf eine Universitätskarriere. Im Jahr 1952 beginnt er ein Studium der Slavistik an der Humboldt-Universität – ursprünglich, um Handelskorrespondent zu werden. Nach einer kurzen Zeit als Assistent und Lehrbeauftragter kündigt er seine Stelle und ist sieben Jahre lang freiberuflich unterwegs. Die 1970er Jahre verbringt er unter Leitung von Werner Mittenzwei am Zentralinstitut für Literaturgeschichte, dem Vorläufer des heutigen Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) in Berlin. Um nicht als SED-gefügiger und mustergültiger Massenschreiber zu gelten, nimmt er auch bald von dort Abschied. Dennoch hat er mehr geschrieben, als es im Universitätsbetrieb üblich ist. Zu schwarzem Tee mit selbst gebackenem Pflaumenkuchen legt Mierau eine Broschüre auf den Tisch, die den schlichten Titel Veröffentlichungen trägt. Darin stehen auf über 100 Seiten Literaturangaben aller von ihm publizierten Texte, akkurat von Karteikarten kopiert und teils mit Fotos und Kopien der Buch-Cover illustriert.Geschrieben hat er über revolutionäre Lyrik, linke Plakat- und Verskunst, die Sprache Lenins, über Maksim Gorkij und Vladimir Majakovskij. Diese Themen und Autoren waren in der DDR gern gesehen, auch wenn Mierau sie anders anging, anders mit ihnen umging, als man sich das vorstellte. Und dann waren da die anderen Themen und Schriftsteller: Gleich eine der ersten Monografien, Erfindung und Korrektur, veröffentlicht 1976, widmet sich dem 1937 erschossenen Avantgardisten Sergej Tret’jakov. Dieser hatte versucht, sich als Schriftsteller am Aufbau der Sowjetunion zwar zu beteiligen, diese aber durch seine operativen Reportagen auch zu ,korrigieren’. Diese Korrektur weist auf Verbesserungsbedarf hin und behält sich dabei vor, ein miterlebendes Schreiben auszuführen, das sich nicht eindeutig politisch positionieren lässt. Auch die Herausgabe von Die Erweckung des Wortes. Essays der russischen Formalen Schule (1987) ist den ungewöhnlichen Weg gegangen, biografie- und geschichtsferne Literaturtheorie mit Biografischem und Historischem zu verbinden. Damit hat der Band, bis heute ein Klassiker, mit der Vorstellung aufgeräumt, dass die gelebte Utopie der Intellektuellengemeinschaft sich nachfolgenden Denkern verschließt.

 

Sein Buch über Probleme sowjetischer Lyrik der zwanziger und dreißiger Jahre, das Mierau noch als Assistent an der Humboldt-Universität für eine Dissertation in Angriff genommen, aber als solche nie verteidigt hat, legt das Fundament für seine weitere Arbeit zu Protagonisten der russischen Avantgarde, darunter Isaak Babel’, Velimir Chlebnikov, Osip Mandel’štam und Sergej Esenin, nicht zu vergessen die beiden grandes dames Anna Achmatova und Marina Cvetaeva. Die Auswahl ist nicht zufällig, Mierau faszinieren eigensinnige Dichter und Intellektuelle, die ihre poetische Sprache trotz und gerade aufgrund der politischen Vereinnahmungen bewahrt haben.
Fritz Mieraus Bibliographie enthält auch Werkstattberichte. Bereits seit 1969, lange vor den selbstkritischen Wenden im Wissenschaftsdiskurs, kommentiert er die Slavistik als Disziplin. Diese Begleittexte könnten bedeutsame Quellen für eine noch ausstehende Geschichte des Fachs werden, schließlich hat sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts in die Slavistik wie in kein zweites Fach eingeschrieben.
Es ist immer wieder die kontextualisierte Biografie und die ,Stilgrafie’ der Autorinnen und Autoren, die Mierau bei seinen Erkundungen der russischen Literaturlandschaft in feinen Beobachtungen und originellen Bezeichnungen zu fassen vermag. Doch sind sein eigenes Leben und sein Schreiben nicht minder interessant. Gäbe es in der Literaturwissenschaft das Genre poetischer Artikel, könnte man Mierau ohne Umschweife als einen Meister dieser Disziplin bezeichnen. Denn seine eigene, unprätentiöse Beschreibungssprache entspricht im Grunde ganz und gar dem geforderten Standard des russischen Nationaldichters Aleksandr Puškin: Verständlich und zugänglich vermitteln die Lektüren komplizierte Zusammenhänge zwischen Geschichte und ästhetischem Geschehen.
In seiner Autobiografie Mein russisches Jahrhundert (2002) beschreibt der Breslau-Berliner Sachse die wichtigsten Stationen seines Schaffens. Dessen nationales und internationales Renommee spiegeln zahlreiche Ehrungen und Preise wider. Wäre Mierau nicht schon 1996 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet worden, könnte man ihn jetzt, da Russland sich in eine Schieflage manövriert, dafür vorschlagen. Sein Werk realisiert den Brückenschlag zwischen Ost- und Westeuropa. In dem Ausbalancieren beider kultureller Sphären steckt das Bemühen, die Wechselbeziehungen zwischen Künstlern, Konzepten und Konzentrationsorten einer gesamteuropäisch gedachten Kultur zu beleuchten. So hat das Buch Russen in Berlin (1987) die gemischte migrantische Bohème im Berlin der Zwischenkriegszeit entgegen dem politisch verordneten Vergessen ins Bewusstsein des deutschsprachigen Publikums gebracht.
Nicht zu vergessen das persönliche Engagement als Russlandvermittler in Deutschland und als Deutscher in Russland. Mierau war Ende der 1980er Jahre das letzte Mal dort. Umso neugieriger fragt er nach meinen Eindrücken von der diesjährigen Moskaureise. Zurückgefragt, ob sich sein Bild von Russland im Laufe der Jahrzehnte verändert habe, antwortet er, das lasse er sich nicht ändern. Sein Russland sei das 20., nicht das 21. Jahrhundert.

 

mieraus_daheim

Mierau bezeichnet sich nicht als Wissenschaftler, sondern als Liebhaber der russischen Literatur, verfällt aber weder einer blinden Russlandliebe noch einer Rhetorik der Abwertung.
Seine Kritik, die er aus der eigenen Erfahrung, Literatur und Religionsphilosophie in einem früheren Gespräch mit Adelbert Reif ableitet, bleibt ausgewogen: Russland sei gewaltsamer, die orthodoxe Tradition kenne nur Gehorchen oder Bestrafen, die freundschaftlichen Beziehungen wahren nicht jene Distanz, die wir gewohnt sind, und so wie der russische Schriftsteller Andrej Belyj von seinem Freund Florenskij erwartet habe, geistig angeleitet zu werden, bestehe in Russland generell ein starker Wunsch nach einer dominierenden Macht. Doch sollte man sich durch die politische Rhetorik der Entfremdung nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass Deutsche und Russen sehr vieles verbunden hat und verbindet. Das Verbindende als literaturhistorisches Phänomen untersucht er nun in seinem aktuellen Buch über Maksimilian Vološin, den Dichter und Maler, dessen Haus auf der Krim die künstlerische Elite der Moderne versammelt hat. Mögen Mieraus Alltag und Haltung auf den ersten Blick anachronistisch erscheinen, seine Arbeit bleibt zeitlos.
Dem 1934 Geborenen merkt man sein Alter nicht an. Auch nicht den Ruhm. Allüren und Selbstdarstellung bleiben ihm fremd. Preise und Ehrungen nimmt er im engsten Kreis entgegen. Er steht abseits heutiger Medien, er möchte sie weder benutzen, noch von ihnen benutzt werden. In Gegenwart der Apparate verschwindet die Spontaneität, kommentiert seine Frau. Er möchte kein Interview zu seinem 80. Geburtstag geben; später und vielleicht gemeinsam mit seiner Frau. Ich hoffe, mich bald wieder auf den Weg aus dem Slavischen Seminar in der Plattenstraße zu den Plattenbauten in Berlins Mitte, dem heimlichen Slavistikmuseum und einer Insel der Inspiration, machen zu können.

 

Fotos: E. J. Ditschek, Tatjana Hofmann

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Ein Liebhaber der Literatur: Fritz Mierau zum 80. Geburtstag – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ein Lieb­haber der Lite­ratur: Fritz Mierau zum 80. Geburtstag

Kau­der­welsch des Lebens, Russen in Berlin, Mein rus­si­sches Jahr­hun­dert – die Titel von Fritz Mieraus Publi­ka­ti­ons­liste fügen sich zum Buch­zeugnis über die sla­vis­ti­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft ost­deut­scher Prä­gung zusammen. Es führt eine Arbeit vor Augen, die über fünf Jahr­zehnte hinweg bis heute andauert, lei­den­schaft­lich und bescheiden betrieben.

 

Wenn ich Sieg­linde und Fritz Mierau in Berlin besuche, gerate ich in eine etwas andere Welt, die aus der heu­tigen Zeit zu fallen scheint. Die Plat­ten­bauten in der Nähe vom Alex­an­der­platz sind zwar von außen reno­viert und somit eher Zeugnis der Erin­ne­rungs­kultur an die DDR, in ihrem Inneren ver­steckt sich jedoch noch immer – unsichtbar für Ein­hei­mi­sche und Tou­risten – ein intel­lek­tu­eller Rück­zugsort der ehe­ma­ligen DDR.
Wenn der große Mann die Tür zu seiner kleinen Woh­nung öffnet, spürt man zwi­schen Büch­er­wänden und dem Duft nach Pflau­men­ku­chen, dass man einen Ort der Arbeit und der Muße betritt. Auch seine Frau, die Ger­ma­nistin und Skan­di­na­vistin Sieg­linde Mierau, begrüßt mich herz­lich, wofür sie sich vom Tippen auf der Schreib­ma­schine löst. Die beiden bilden eine ein­zig­ar­tige intel­lek­tu­elle Gemein­schaft, u. a. ver­bunden durch ihre Her­aus­gabe eines Alma­nachs für Ein­zelgänger (2001) sowie die gemein­same Auf­ar­bei­tung der Werke von Franz Jung und Pavel Flo­renskij, dem Reli­gi­ons­phi­lo­so­phen, Natur- und Kunstwissenschaftler.
Die Ein­rich­tung der Woh­nung, der Ver­zicht auf über­flüs­sigen Konsum und auf „Appa­rate“, wie die Mieraus Tele­fone und Com­puter nennen, führen mir vor Augen, dass ich einer anderen Genera­tion ange­höre und mich nun in einem Uni­versum fernab der Uni­ver­sität und mit­ten­drin in einer lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen „Pro­duk­ti­ons­stätte“ befinde.
Fritz Mierau ver­kör­pert ein aus der Mode gekom­menes Wis­sen­schafts­ideal, dem er in seiner über 50-jäh­rigen Arbeit an über 100 Büchern und 500 Arti­keln, die er ver­fasst, her­aus­ge­geben und über­setzt hat, treu geblieben ist. Außer­halb des Uni­ver­si­täts­be­triebs, der in der DDR enorm poli­ti­siert gewesen ist, widmet er sich der zen­tralen Auf­gabe der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft: Er forscht aus intrinsi­scher Moti­va­tion. Dies tut er auch noch in hohem Alter, es ist sein Alltag, ähn­lich wie die emo­tio­nale Beschäf­ti­gung mit Lite­ratur in der inof­fi­zi­ellen Sowjet­union ein wesent­li­cher Bestand­teil der All­tags­kultur war.
Ebenso stark wie Mieraus Liebe zur Lite­ratur kommt seine Liebe zur Frei­heit zum Vor­schein. Mit diesen beiden Stand­beinen hat er sich selbst­ständig gemacht, wie man heute wohl sagen müsste: Als eine Ich-AG avant la lettre, los­ge­löst von vor­ge­planten Lauf­bahnen und ehr­geizig ledig­lich in dem Sinn, nichts anderem als seinem Inter­esse für die in der DDR unter­re­prä­sen­tierte lite­ra­ri­sche Moderne nach­zu­gehen. Dass es mutig gewesen ist, sich diese Frei­heit zu nehmen, braucht man nicht zu betonen: So schwierig es heute vor­zu­stellen ist, so normal war es in der DDR, mit lebens­be­droh­li­chen Repres­sionen zu rechnen, wenn man die Kunst ver­bo­tener und ver­femter Dichter an die Öffent­lich­keit her­an­tragen wollte.

 

F.Mierau1_Foto von E. J. Ditschek

 

Fritz Mierau ist ohne Über­trei­bung einer der bedeu­tendsten deutsch­spra­chigen Sla­visten, und das bei bewusstem Ver­zicht auf eine Uni­ver­si­täts­kar­riere. Im Jahr 1952 beginnt er ein Stu­dium der Sla­vistik an der Hum­boldt-Uni­ver­sität – ursprüng­lich, um Han­dels­kor­re­spon­dent zu werden. Nach einer kurzen Zeit als Assis­tent und Lehr­be­auf­tragter kün­digt er seine Stelle und ist sieben Jahre lang frei­be­ruf­lich unter­wegs. Die 1970er Jahre ver­bringt er unter Lei­tung von Werner Mit­ten­zwei am Zen­tral­in­stitut für Lite­ra­tur­ge­schichte, dem Vor­läufer des heu­tigen Zen­trums für Lite­ratur- und Kul­tur­for­schung (ZfL) in Berlin. Um nicht als SED-gefü­giger und mus­ter­gül­tiger Mas­sen­schreiber zu gelten, nimmt er auch bald von dort Abschied. Den­noch hat er mehr geschrieben, als es im Uni­ver­si­täts­be­trieb üblich ist. Zu schwarzem Tee mit selbst geba­ckenem Pflau­men­ku­chen legt Mierau eine Bro­schüre auf den Tisch, die den schlichten Titel Ver­öf­fent­li­chungen trägt. Darin stehen auf über 100 Seiten Lite­ra­tur­an­gaben aller von ihm publi­zierten Texte, akkurat von Kar­tei­karten kopiert und teils mit Fotos und Kopien der Buch-Cover illustriert.Geschrieben hat er über revo­lu­tio­näre Lyrik, linke Plakat- und Vers­kunst, die Sprache Lenins, über Maksim Gorkij und Vla­dimir Maja­kovskij. Diese Themen und Autoren waren in der DDR gern gesehen, auch wenn Mierau sie anders anging, anders mit ihnen umging, als man sich das vor­stellte. Und dann waren da die anderen Themen und Schrift­steller: Gleich eine der ersten Mono­gra­fien, Erfin­dung und Kor­rektur, ver­öf­fent­licht 1976, widmet sich dem 1937 erschos­senen Avant­gar­disten Sergej Tret’jakov. Dieser hatte ver­sucht, sich als Schrift­steller am Aufbau der Sowjet­union zwar zu betei­ligen, diese aber durch seine ope­ra­tiven Repor­tagen auch zu ‚kor­ri­gieren’. Diese Kor­rektur weist auf Ver­bes­se­rungs­be­darf hin und behält sich dabei vor, ein mit­er­le­bendes Schreiben aus­zu­führen, das sich nicht ein­deutig poli­tisch posi­tio­nieren lässt. Auch die Her­aus­gabe von Die Erwe­ckung des Wortes. Essays der rus­si­schen For­malen Schule (1987) ist den unge­wöhn­li­chen Weg gegangen, bio­grafie- und geschichts­ferne Lite­ra­tur­theorie mit Bio­gra­fi­schem und His­to­ri­schem zu ver­binden. Damit hat der Band, bis heute ein Klas­siker, mit der Vor­stel­lung auf­ge­räumt, dass die gelebte Utopie der Intel­lek­tu­el­len­ge­mein­schaft sich nach­fol­genden Den­kern verschließt.

 

Sein Buch über Pro­bleme sowje­ti­scher Lyrik der zwan­ziger und drei­ßiger Jahre, das Mierau noch als Assis­tent an der Hum­boldt-Uni­ver­sität für eine Dis­ser­ta­tion in Angriff genommen, aber als solche nie ver­tei­digt hat, legt das Fun­da­ment für seine wei­tere Arbeit zu Prot­ago­nisten der rus­si­schen Avant­garde, dar­unter Isaak Babel’, Velimir Chleb­nikov, Osip Mandel’štam und Sergej Esenin, nicht zu ver­gessen die beiden grandes dames Anna Ach­matova und Marina Cve­taeva. Die Aus­wahl ist nicht zufällig, Mierau fas­zi­nieren eigen­sin­nige Dichter und Intel­lek­tu­elle, die ihre poe­ti­sche Sprache trotz und gerade auf­grund der poli­ti­schen Ver­ein­nah­mungen bewahrt haben.
Fritz Mieraus Biblio­gra­phie ent­hält auch Werk­statt­be­richte. Bereits seit 1969, lange vor den selbst­kri­ti­schen Wenden im Wis­sen­schafts­dis­kurs, kom­men­tiert er die Sla­vistik als Dis­zi­plin. Diese Begleit­texte könnten bedeut­same Quellen für eine noch aus­ste­hende Geschichte des Fachs werden, schließ­lich hat sich die Geschichte des 20. Jahr­hun­derts in die Sla­vistik wie in kein zweites Fach eingeschrieben.
Es ist immer wieder die kon­tex­tua­li­sierte Bio­grafie und die ‚Stil­grafie’ der Autorinnen und Autoren, die Mierau bei seinen Erkun­dungen der rus­si­schen Lite­ra­tur­land­schaft in feinen Beob­ach­tungen und ori­gi­nellen Bezeich­nungen zu fassen vermag. Doch sind sein eigenes Leben und sein Schreiben nicht minder inter­es­sant. Gäbe es in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft das Genre poe­ti­scher Artikel, könnte man Mierau ohne Umschweife als einen Meister dieser Dis­zi­plin bezeichnen. Denn seine eigene, unprä­ten­tiöse Beschrei­bungs­sprache ent­spricht im Grunde ganz und gar dem gefor­derten Stan­dard des rus­si­schen Natio­nal­dich­ters Alek­sandr Puškin: Ver­ständ­lich und zugäng­lich ver­mit­teln die Lek­türen kom­pli­zierte Zusam­men­hänge zwi­schen Geschichte und ästhe­ti­schem Geschehen.
In seiner Auto­bio­grafie Mein rus­si­sches Jahr­hun­dert (2002) beschreibt der Breslau-Ber­liner Sachse die wich­tigsten Sta­tionen seines Schaf­fens. Dessen natio­nales und inter­na­tio­nales Renommee spie­geln zahl­reiche Ehrungen und Preise wider. Wäre Mierau nicht schon 1996 mit dem Leip­ziger Buch­preis zur Euro­päi­schen Ver­stän­di­gung aus­ge­zeichnet worden, könnte man ihn jetzt, da Russ­land sich in eine Schief­lage manö­vriert, dafür vor­schlagen. Sein Werk rea­li­siert den Brü­cken­schlag zwi­schen Ost- und West­eu­ropa. In dem Aus­ba­lan­cieren beider kul­tu­reller Sphären steckt das Bemühen, die Wech­sel­be­zie­hungen zwi­schen Künst­lern, Kon­zepten und Kon­zen­tra­ti­ons­orten einer gesamt­eu­ro­pä­isch gedachten Kultur zu beleuchten. So hat das Buch Russen in Berlin (1987) die gemischte migran­ti­sche Bohème im Berlin der Zwi­schen­kriegs­zeit ent­gegen dem poli­tisch ver­ord­neten Ver­gessen ins Bewusst­sein des deutsch­spra­chigen Publi­kums gebracht.
Nicht zu ver­gessen das per­sön­liche Enga­ge­ment als Russ­land­ver­mittler in Deutsch­land und als Deut­scher in Russ­land. Mierau war Ende der 1980er Jahre das letzte Mal dort. Umso neu­gie­riger fragt er nach meinen Ein­drü­cken von der dies­jäh­rigen Mos­kau­reise. Zurückgefragt, ob sich sein Bild von Russ­land im Laufe der Jahr­zehnte ver­än­dert habe, ant­wortet er, das lasse er sich nicht ändern. Sein Russ­land sei das 20., nicht das 21. Jahrhundert.

 

mieraus_daheim

Mierau bezeichnet sich nicht als Wis­sen­schaftler, son­dern als Lieb­haber der rus­si­schen Lite­ratur, ver­fällt aber weder einer blinden Russ­land­liebe noch einer Rhe­torik der Abwertung.
Seine Kritik, die er aus der eigenen Erfah­rung, Lite­ratur und Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie in einem frü­heren Gespräch mit Adel­bert Reif ableitet, bleibt aus­ge­wogen: Russ­land sei gewalt­samer, die ortho­doxe Tra­di­tion kenne nur Gehor­chen oder Bestrafen, die freund­schaft­li­chen Bezie­hungen wahren nicht jene Distanz, die wir gewohnt sind, und so wie der rus­si­sche Schrift­steller Andrej Belyj von seinem Freund Flo­renskij erwartet habe, geistig ange­leitet zu werden, bestehe in Russ­land gene­rell ein starker Wunsch nach einer domi­nie­renden Macht. Doch sollte man sich durch die poli­ti­sche Rhe­torik der Ent­frem­dung nicht dar­über hin­weg­täu­schen lassen, dass Deut­sche und Russen sehr vieles ver­bunden hat und ver­bindet. Das Ver­bin­dende als lite­ra­tur­his­to­ri­sches Phä­nomen unter­sucht er nun in seinem aktu­ellen Buch über Mak­si­mi­lian Vološin, den Dichter und Maler, dessen Haus auf der Krim die künst­le­ri­sche Elite der Moderne ver­sam­melt hat. Mögen Mieraus Alltag und Hal­tung auf den ersten Blick ana­chro­nis­tisch erscheinen, seine Arbeit bleibt zeitlos.
Dem 1934 Gebo­renen merkt man sein Alter nicht an. Auch nicht den Ruhm. Allüren und Selbst­dar­stel­lung bleiben ihm fremd. Preise und Ehrungen nimmt er im engsten Kreis ent­gegen. Er steht abseits heu­tiger Medien, er möchte sie weder benutzen, noch von ihnen benutzt werden. In Gegen­wart der Appa­rate ver­schwindet die Spon­ta­neität, kom­men­tiert seine Frau. Er möchte kein Inter­view zu seinem 80. Geburtstag geben; später und viel­leicht gemeinsam mit seiner Frau. Ich hoffe, mich bald wieder auf den Weg aus dem Sla­vi­schen Seminar in der Plat­ten­straße zu den Plat­ten­bauten in Ber­lins Mitte, dem heim­li­chen Sla­vis­tik­mu­seum und einer Insel der Inspi­ra­tion, machen zu können.

 

Fotos: E. J. Dit­schek, Tat­jana Hofmann

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