Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Ich bin ein Mensch ohne Bio­grafie.“ Im Gespräch mit Serhij Zhadan

Lesung im Lite­ra­tur­haus in Zürich, Teil­nahme bei der Leip­ziger Buch­messe, auf Tournee durch die Ukraine mit seiner Band “Sobaki v kos­mose” (Hunde im Kosmos) und immer prä­senter in den deutsch­spra­chigen Medien mit seinem letzten Buch “Die Erfin­dung des Jazz im Don­bass”: Der ost­ukrai­ni­sche Autor Serhij Zhadan eta­bliert sich euro­pa­weit. novinki hat Zhadan in Zürich spontan auf ein Bier ein­ge­laden, um eine kleine Bestands­auf­nahme zu machen.

 

novinki: Was sollten Ihre Leser über Sie als Autor wissen?

 

Serhij Zhadan: Ich kann nichts Wich­tiges über mich berichten. Auch wenn es banal klingen mag, ist das Wich­tigste in den Büchern. Ganz objektiv – ich bin ein Mensch ohne Bio­grafie. Also ist es besser, ein­fach meine Texte zu lesen.

 

n.: Ihre Lesungen sind dyna­misch, Ihre Auf­tritte mit der Ska-Band “Sobaki v kos­mose” ziehen viele Zuhö­re­rInnen an. Brau­chen Sie die Bühne?

 

S.Zh.: Mich inter­es­siert der Moment des Kon­takts mit dem Leser, Zuhörer. Mir ist die Ant­wort­re­ak­tion wichtig und die Mög­lich­keit zum Dialog. Der Pro­zess des Auf­tritts selbst hin­gegen nicht.

 

n.: Sie waren früher Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler. Welche Autoren waren Ihnen wichtig?

 

S.Zh.: Ich bin mit den übli­chen Klas­si­kern der ukrai­ni­schen und rus­si­schen Lite­ratur auf­ge­wachsen. In meiner Kind­heit galt es als grosser Erfolg, ein Buch von Dumas oder von Cooper zu besorgen. Das ist wahr­schein­lich für den euro­päi­schen Bürger schwer vor­stellbar. Und für die zeit­ge­nös­si­schen jungen Ukrainer wohl auch. Aber wir haben zu unserer Zeit die Bücher noch gejagt. Wahr­schein­lich waren die ersten „erwach­senen“ Schrift­steller, die ich selb­ständig und frei­willig gelesen habe, Ševčenko und Gogol’. Die Bezie­hung zum Erst­ge­nannten hat nicht so ganz geklappt, aber Gogol’ hat mich wirk­lich beein­flusst. Und beein­flusst mich immer noch. Als Jugend­li­cher, also als „ich beschlossen habe, Dichter zu werden“, habe ich für mich die Poesie des begin­nenden 20. Jahr­hun­derts ent­deckt – die ukrai­ni­sche Erschos­sene Renais­sance (Chvyl’ovyj, Svidzins’kyj, Plužnyk), rus­si­sche Poesie (natür­lich Maja­kovskij und natür­lich Chleb­nikov). Später habe ich für mich den ukrai­ni­schen Futu­rismus ent­deckt.

Manchmal schreiben ukrai­ni­sche Kri­tiker über den Ein­fluss der Beat­niks auf mein Schreiben. In Wirk­lich­keit haben sie mir nie beson­ders gefallen. Ich mag Bukowski, aber ich habe ihn spät gelesen, erst im „reifen“ Alter. Mir war – wie wahr­schein­lich auch den Gleich­alt­rigen, die in der Poesie der 1990er Jahre debü­tiert haben – das Bei­spiel älterer Kol­legen wichtig: Die Dich­ter­ge­nera­tion der soge­nannten 80er. Sie haben uns demons­triert, wie anders die ukrai­ni­sche Poesie sein kann, wie wenig sie dem ähneln muss, was man uns in der Schule bei­gebracht hat.

 

n.: Welche Rolle spielt der ukrai­ni­sche Futu­rismus für Sie?

 

S.Zh.: Der Futu­rismus ist unzwei­fel­haft wichtig – als Ideo­logie und als poe­ti­sche Schule. Der ukrai­ni­sche Futu­rismus ist sehr inter­es­sant, vor allem die Figur seines Begrün­ders Mychajl Semenko. Er ist ein äus­serst feiner und tiefer Lyriker, expe­ri­men­tell und inno­vativ. Zudem ein ori­gi­neller Ideo­loge. Ins­ge­samt ist der ukrai­ni­sche Futu­rismus wahr­schein­lich jene Seite unserer Poesie, die am meisten unter­schätzt wird. Man mag ihn nicht, man hat Angst vor ihm, man ver­zichtet auf ihn. Und das, obwohl Semenko von den Dich­tern sogar zur Sowjet­zeit, als er kom­plett ver­boten gewesen ist, für eine Auto­rität gehalten wurde. Ich hatte das Glück, mich mit dem letzten Schüler von Semenko zu unter­halten. Er hat in uns jungen Dich­tern die Fort­set­zung dessen gesehen, was seine Kol­legen in den 1920er bis 1930er Jahren gemacht haben und brachte uns (teil­weise unver­diente) grosse Sym­pa­thie ent­gegen. Im Grunde hat er mir die Char­kiver Lite­ratur jener Zeit eröffnet, einen span­nenden his­to­ri­schen Abschnitt.

 

n.: Was brennt Ihnen aktuell unter den Nägeln?

 

S.Zh.: Mich inter­es­siert vor allem die Rea­lität um mich herum, ihre Grenzen, ihre Mög­lich­keiten. Darin liegt sicher­lich ein Schatten des Rea­lismus, aber ich denke, man sollte eine solche Lite­ratur nicht im Ernst als rea­lis­ti­sche bezeichnen.Die Pro­bleme liegen in dem Staat, in der Gesell­schaft. Der Staat ist tota­litär. Die Gesell­schaft ist passiv. Mir gefällt es dabei nicht, dass die Bürger nicht das Bedürfnis haben, ihre Rechte ein­zu­for­dern. Ich ver­suche dar­über zu spre­chen, inso­fern dies mög­lich ist.

 

n.: Sind Sie eine Art lite­ra­ri­scher Eth­no­loge der (Ost-)Ukraine?

 

S.Zh.: Eher Sozio­loge. Oder ein­fach Blogger. Ich führe tat­säch­lich einen wöchent­li­chen Blog. Dort schreibe ich die irgendwie bedeut­samen Sachen auf, die mit mir oder um mich herum pas­sieren. So ent­steht eine Art Tage­buch. Ich habe zwar nicht vor, es irgendwo zu publi­zieren, aber die Leute lesen es und reagieren darauf.

 

n.: Sie haben in Zürich Ihr neues Buch gemeinsam mit Jurko Pro­chasko prä­sen­tiert. Pro­chasko steht eher für die ana­chro­nis­tisch anmu­tende Sehn­sucht der (West-)Ukraine nach mit­tel­eu­ro­päi­scher Zuge­hö­rig­keit. Sehen Sie sich als Mittel- oder Ost­eu­ro­päer?

 

S.Zh.: Nun, ich bin natür­lich ein Mensch aus dem Osten. Die Idee Mit­tel­eu­ropas, die öster­rei­chisch-habs­bur­gi­sche Nost­algie und das „Sta­nis­lauer Phä­nomen“ liegen mir fern. Aber ich mag seine Adepten. Die Lesung im Lite­ra­tur­haus ist dyna­misch ver­laufen – Jurko spürt und weiss alles sehr gut, das konnte auch gar nicht anders sein. Ich habe eine gute Bezie­hung zu west­ukrai­ni­schen Autoren und Intel­lek­tu­ellen, unge­achtet der ver­schie­denen poli­ti­schen und welt­an­schau­li­chen Posi­tionen. Ich denke, uns alle eint die Sprache – in der Ukraine ist die Spra­chen­frage bis jetzt ein wich­tiger Bestand­teil der Selbst­iden­ti­fi­ka­tion. Mir scheint, dass in dem Kon­zept Mit­tel­eu­ropa mehr Ästhetik als Politik drin ist – ein bewusster Kon­ser­va­tismus, eine spe­ziell durch­dachte Taktik der Her­metik. Das kann nach Stil aus­sehen. Obwohl ich mit Ihnen voll­kommen ein­ver­standen bin, dass es ana­chro­nis­tisch ist.

 

n.: Ver­folgen Sie die Rezen­sionen Ihres neuen Buchs “Erfin­dung des Jazz im Don­bass” in der deutsch­spra­chigen Presse?

 

S.Zh.: Natür­lich inter­es­siert mich die Reak­tion der deut­schen Kri­tiker. Obwohl es mir scheint, dass es sich in der Mehr­zahl der Fälle nicht so sehr um eine Kritik des Buchs han­delt, son­dern um eine Reak­tion auf die darin beschrie­bene Rea­lität. Meist lenken die Kri­tiker ihre Auf­merk­sam­keit auf den Inhalt, auf eine gewisse „Wild­heit“ und Unecht­heit unserer Wirk­lich­keit. Wahr­schein­lich erscheint die ukrai­ni­sche Rea­lität aus der Sicht eines satten und erfolg­rei­chen Schwei­zers oder Deut­schen tat­säch­lich viel zu exo­tisch. Für uns ist das alles ein­fach nur all­täg­lich. Ich habe kein Inter­esse daran, Schre­ckens­sze­na­rien über mein Land aus­zu­denken. Aber ich möchte auch nicht die scharfen, unan­ge­nehmen Momente ver­meiden. Kurzum: Ich glaube, dass die rus­si­sche und die pol­ni­sche Lite­ra­tur­kritik besser spürt, was bei uns pas­siert, und wie das alles seinen Nie­der­schlag in der Lite­ratur findet. Das ist kein Vor­wurf gegen­über den Kri­ti­kern – einige Dinge sind ein­fach nicht auf die Ent­fer­nung hin zu ver­stehen. Im Übrigen war mir immer die Prä­senz von Ironie bei allem, was ich sage, wichtig. Pathos ist mir über­haupt nicht nah. Viel­leicht trägt diese iro­ni­sche Note beim Schreiben über im Grunde ernste Sachen zur Des­ori­en­tie­rung bei. Aber für mich ist es selbst­ver­ständ­lich, die Welt so zu sehen.

 

n.: Wie würden Sie selbst über “Die Erfin­dung des Jazz im Don­bass” urteilen, ich meine im Ver­gleich zu Ihren anderen Texten? 

 

S.Zh.: Aus meiner Sicht ist es mein gelun­genster Text im Hin­blick auf die künst­le­ri­schen Ver­fahren und den gewählten Ton. Ich wollte es genau so schreiben, wie ich es geschrieben habe. Das ist ein wich­tiges Gefühl, wenn die Idee ihrer Rea­li­sie­rung ent­spricht.

 

n.: Warum taucht “Vor­oši­l­ovhrad” – im Ori­ginal der Titel des Buches und der Haupt­schau­platz der Hand­lung – als Stadt gar nicht auf?

 

S.Zh.: Das ist eine Meta­pher. Eine Meta­pher der Erin­ne­rung, der Ver­gan­gen­heit, des Jen­seits. Eine Stadt, die es nicht gibt, ein Land, das es nicht gibt, eine Ver­gan­gen­heit, die es auch nicht zu geben scheint, welche dich aber nicht los­lässt.

 

n.: Neben der sowje­ti­schen Ver­gan­gen­heit ist auch die Gegen­wart in Ihren Texten sehr prä­sent. Ver­binden Sie Ihre künst­le­ri­schen Akti­vi­täten mit poli­ti­schem Enga­ge­ment?

 

S.Zh.: Politik mache ich nicht, eher würde ich sagen, ich enga­giere mich gesell­schaft­lich. Ich ver­suche, ver­schie­dene Initia­tiven zu unter­stützen, zuletzt die Bewe­gung für einen offenen Zugang von Krebs­pa­ti­enten zu Schmerz­mit­teln. Die Aktion hiess „Schmerz­stopp“. Ich habe mich aus­serdem der Initia­tive unserer Recht­schützer ange­schlossen, die die öffent­liche Auf­merk­sam­keit auf den Fall des nige­ria­ni­schen Stu­denten Olaolu Femi lenken. Er wird beschul­digt, vier Ukrainer über­fallen zu haben und sitzt seit über einem Jahr in Unter­su­chungs­haft in Luhans’k. Mit der künst­le­ri­schen Tätig­keit hängt das wahr­schein­lich gar nicht zusammen. Es ist ein­fach so, dass wenn man die Mög­lich­keit hat, eine rich­tige und not­wen­dige Idee zu unter­stützen – warum sollte man es nicht auch tun?

n.: Welche Rolle spielt dabei der Anar­chismus?

 

S.Zh.: Für die Ukraine mit ihrer bedroh­li­chen Zen­tra­li­sie­rung, dem Abgleiten ins Auto­ri­täre und dem mäch­tigen Druck sei­tens des Staats ist das sehr aktuell. Wie wider­steht man einem Staat, dessen Bezie­hung zu sich selbst mehr als feind­lich ist, einem Staat, dessen ein­zige Funk­tion es ist, Steuern ein­zu­sam­meln und die Macht zu schützen? Daher ist mir der Anar­chismus mit seiner Idee der Nicht­an­nahme der staat­li­chen tota­li­tären Maschi­nerie wichtig. Gene­rell haben wir im Land eine sehr kom­pli­zierte Bezie­hung zur linken Idee – hier zeigt sich die trau­rige Erfah­rung der kom­mu­nis­ti­schen Epoche. Wahr­schein­lich ist es das, was sich auf jeden Fall ver­än­dern wird – so oder so, ich bin der festen Über­zeu­gung, dass es noch viel zu früh ist, die linke Idee abzu­schreiben.

 

n.: Viele Linke werden später kon­ser­vativ oder sogar rechts. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen dies in 20 Jahren wider­fährt?

 

S.Zh.: Ach, nein, davor habe ich keine Angst. Im Gegen­teil, als ich 17 war, fand ich den Natio­na­lismus und rechte Ideen inter­es­sant. Viel­leicht musste ich da durch. Viel­leicht auch nicht.

 

n.: In “Anarchy in the UKR” träumt der Prot­ago­nist davon, dass Hul­ja­j­pole zum Tou­ris­ten­mekka für Anar­chismus-Anhänger wird. Sie haben dort tat­säch­lich vor einigen Jahren das Machno-Fes­tival ins Leben gerufen.Wie hat es sich ent­wi­ckelt?

 

S.Zh.: Das Fes­tival, das Machno gewidmet gewesen ist, hat in seiner Heimat, in dem Städt­chen Hul­ja­j­pole von 2006 bis 2009 statt­ge­funden. Sein Orga­ni­sator war der Volks­de­putat Oles’ Donij. Ich habe dieses Fes­tival mit allen Mit­teln unter­stützt, da ich daran inter­es­siert bin, den Namen Machnos zu popu­la­ri­sieren. Das war wohl das grösste Fes­tival der zeit­ge­nös­si­schen Kultur in der Ost­ukraine. Es gab viele Wider­sprüche: Unge­achtet dessen, dass das Fes­tival „anar­chis­tisch“ gewesen ist, sind viele junge Natio­na­listen hin­ge­fahren. Ich nehme an, alle waren durch die ukrai­ni­sche Sprache ver­bunden und die Idee des Auf­stiegs der ukrai­ni­schen Kultur. In Wirk­lich­keit gab es den Anar­chismus als sol­chen dort also gar nicht. Das Denkmal für Machno hat zum Bei­spiel der dama­lige Minister des MVD Jurij Lucenko eröffnet. Aber echte Pro­bleme hatte das Fes­tival mit der lokalen Macht­struktur und der Bevöl­ke­rung. Die Ein­hei­mi­schen haben die Fremden, ihre Kultur und Ästhetik nicht auf­ge­nommen. Das ist ein sehr ukrai­ni­sches Merkmal, vor dem Fremden und vor Ver­än­de­rungen Angst zu haben und nichts Neues auf­zu­nehmen.

 

n.: Ist im letzten Jahr­zehnt eine Fes­tival-Kultur in der Ukraine ent­standen?

 

S.Zh.: Wir haben im letzten Jahr­zehnt einen Fes­tival-Boom gehabt und ja, es hat sich eine ganze Fes­tival-Kultur ent­wi­ckelt. Im Sommer sind junge Leute von einem Fes­tival zum nächsten gereist. Dabei hat man auch aktiv Schrift­steller dorthin ein­ge­laden. Zum Teil hat es damit zu tun, dass unser Musik- und Lite­ra­turmarkt nicht allzu stark ent­wi­ckelt ist, es gibt ins­ge­samt wenig Auf­tritte und Kon­zerte und wenige Aktionen der zeit­ge­nös­si­schen ukrai­ni­schen Kultur. Die Fes­ti­vals kom­pen­sieren dies bis zu einem bestimmten Grad. Wenn man von lite­ra­ri­schen Fes­ti­vals spricht, sollte man sich vor allem das Lem­berger Her­aus­ge­ber­forum ver­ge­gen­wär­tigen, das seit den frühen 1990er Jahren exis­tiert. Das Forum wird tra­di­tio­nell für das wich­tigste lite­ra­ri­sche Ereignis des Landes gehalten. In den letzten Jahren hat das Fes­tival Meri­dian Czer­no­witz sehr laut und ernst­haft auf sich auf­merksam gemacht – auch eine zukunfts­träch­tige Initia­tive. Und es gibt noch das Fes­tival Kievskie lavry, das von der bemer­kens­werten Zeit­schrift Echo orga­ni­siert wird. Es ist viel­leicht die wich­tigste Platt­form des ukrai­nisch-rus­si­schen lite­ra­ri­schen Dia­logs.

 

n.: Wie sieht die lite­ra­ri­sche Land­schaft in der Ost­ukraine momentan aus?

 

S.Zh.: Im Ver­gleich mit der West­ukraine ist sie wohl nicht so dicht. Ande­rer­seits trans­for­miert sie sich zu etwas neuem. Aus­serdem besteht im Osten ein Neben­ein­ander von rus­sisch- und ukrai­nisch­spra­chiger Lite­ratur. Daraus ent­springt eine auf­re­gende neue Situa­tion. Ich denke, dass die lite­ra­ri­sche Land­schaft im Osten sich aktiv ver­än­dern wird, da ständig neue Namen und neue Platt­formen auf­tau­chen. Zudem befinden sich gerade im Osten der Ukraine, in Charkiv, die grössten ukrai­ni­schen Ver­lage.

n.: Welche Autoren aus der Ost­ukraine sollten ins Deut­sche über­setzt werden?

 

S.Zh.: Lassen Sie mich jene nennen, die noch kaum oder gar nicht über­setzt worden sind: Das sind junge Autoren wie Saško Uškalov, Pablo Kor­o­bčuk, Boh­dana Matijaš, Oksana Foros­tina, Oleh Kocarev, Anna Maligon, Ana­stasia Afa­na­sieva und andere.

 

n.: In dieser Liste sind ukrai­nisch- und rus­sisch­spra­chige AutorInnen. Was ist für Sie ukrai­ni­sche Lite­ratur?

 

S.Zh.: Für mich ist das die Lite­ratur, die in der Ukraine ent­standen ist. Oder die von den Bür­gern der Ukraine geschaffen wurde. Die mit der Ukraine ver­bunden ist. Ich glaube, die Ukrainer ver­zichten zu leicht und zu unbe­gründet auf eine grosse kul­tu­relle Ebene, wenn sie sich nur auf das Sprach­prinzip ver­lassen und alles, was z. B. auf Rus­sisch, Pol­nisch oder Deutsch geschrieben wurde, weg­fallen lassen. Ich denke, dass man jemanden wie Gogol’ sowohl als rus­si­schen als auch ukrai­ni­schen Autor begreifen müsste. Aber ich befürchte, dass viele mit mir da nicht einer Mei­nung sind.

 

n.: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

 

S.Zh.: Im Moment schreibe ich ein neues Buch. Ich denke, dort wird es Prosa und Lyrik geben. Par­allel dazu ver­suche ich mich als Über­setzer und möchte ins­be­son­dere ein Buch mit aus­ge­wählten Gedichten von Paul Celan her­aus­geben. Ich finde Celan wegen seines Ver­hält­nisses zur Sprache span­nend – es ist sehr hart und sehr tief zugleich.

n.: Welche Bedeu­tung hat jüdi­sche Lite­ratur in der Ukraine?

 

S.Zh.: Celan ist wichtig vor allem als Dichter, da seine Her­kunft mit der Ukraine ver­bunden ist. Er erin­nert an den Mythos des alten Czer­no­witz, der ein Teil unserer Geschichte und Kultur ist. Aber vor allem ist er ein span­nender Dichter.

 

n.: Ist er noch nicht ins Ukrai­ni­sche über­setzt worden?

 

S.Zh.: Ach wo, es gibt viele Über­set­zungen, aber sein gesamtes Werk ist nicht über­setzt. Ich möchte mit seinen späten Texten arbeiten. Ich hoffe, ich kann das Buch in diesem Jahr her­aus­geben.

 

n.: Treten Sie in Zukunft mit “Sobaki v Kos­mose”, deren musi­ka­li­sche Beglei­tung Ihrer Lesungen in Berlin sehr erfolg­reich gewesen ist, auch in Zürich auf?

 

S.Zh.: Schwer zu sagen. Es ist nicht ein­fach, eine solche Tour durch die Schweiz zu orga­ni­sieren. Wir treten jetzt viel in der Ukraine auf und haben vor, nach Polen zu fahren. Viel­leicht auch nach Deutsch­land.

 

n.: Wann sehen wir Sie das nächste Mal im deutsch­spra­chigen Raum?

 

S.Zh.: Seit Mai bin ich in Zug und beschäf­tige mich vor allem mit Celan.

 

Das Inter­view hat Tat­jana Hof­mann geführt und über­setzt.

Illus­tra­tion von Nastasia Lou­veau

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