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Im Osten nichts Neues? Eine Literaturgruppe aus Luhans’k beweist das Gegenteil

Posted on 5. März 2013 by Tatjana Hofmann
Während AutorInnen aus der Westukraine mit ihrer Europasympathie in den letzten Jahren den deutschsprachigen Buchmarkt überrascht haben, tauchen im Verhältnis dazu Stimmen aus der Ostukraine seltener auf. Das versuchen die Mitglieder der Gruppe STAN zu ändern. Konstantin Skorkin (geb. 1978), Jaroslav Minkin (geb. 1984) und Elena Zaslavskaja (geb. 1977) leben in Luhans’k, einem in der ehemaligen Sowjetunion wichtigen Kohleabbau- und Industriegebiet, unweit der russischen Grenze.

Illustration: Nastasia Louveau

Während AutorInnen aus der Westukraine mit ihrer Europasympathie in den letzten Jahren den deutschsprachigen Buchmarkt überrascht haben, tauchen im Verhältnis dazu Stimmen aus der Ostukraine seltener auf. Das versuchen die Mitglieder der Gruppe STAN zu ändern. Konstantin Skorkin (geb. 1978), Jaroslav Minkin (geb. 1984) und Elena Zaslavskaja (geb. 1977) leben in Luhans’k, einem in der ehemaligen Sowjetunion wichtigen Kohleabbau- und Industriegebiet, unweit der russischen Grenze. Sie wirken der geografischen Marginalität entgegen, indem sie junge SchreibkünstlerInnen vernetzen, Anthologien herausgeben, sozialkritische Aktionen organisieren und an (inter)nationalen Poetry Slams erfolgreich teilnehmen.

 

Ein Interview mit der Literatur- und Aktionsgruppe STAN

 

Das Ziel formuliert der Schriftsteller und Publizist Konstantin Skorkin, der sich als Zuständiger für die Ideologie der Gruppe vorstellt, selbstbewusst: Luhans’k soll einen würdigen Platz auf der kulturellen Karte der Ukraine und des gesamten Europas einnehmen. Dieses Anliegen weist darauf hin, dass eine Tendenz zur regionalen Rivalität mit künstlerischen Mitteln noch immer besteht. So gesehen, handelt es sich um eine Antwort der Ostukraine auf ihre mediale Verunglimpfung als ‚kulturarm’. Abgesehen davon zeigen die Aktivitäten der Gruppenmitglieder, dass die ostukrainische Literaturszene gattungs- und medienübergreifend nicht nur auf eine räumlich abgegrenzte ‚kleine Heimat’ fixiert ist und außerdem, dass sie mit urbanen Lebensweisen sympathisiert. STANs sozialkritisches Pathos macht auf akute politische Missstände aufmerksam.

 

Jaroslav Minkin

Jaroslav Minkin

novinki: Bevor wir auf die Gruppe zu sprechen kommen: Wie hängt die Mitarbeit in STAN mit Eurem eigenen Schreiben zusammen? Lena, ist Deine Lyrik sozial, feministisch oder wie würdest Du sie bezeichnen?

 

Elena Zaslavskaja: Ich mag es nicht, nach Definitionen für meine Poesie zu suchen. Das können die Literaturwissenschaftler tun. Ich schreibe Kindergedichte, sie sind weder sozial noch feministisch. Ich schreibe auch Porno-Poeme, Lyrik, zivilgesellschaftliche Gedichte aus täglicher Wut heraus. Die Poesie ist für mich genau diese Freiheit: vielfältig zu sein! Nicht so wie andere mich sehen möchten oder sehen, sondern so wie ich im gegebenen Moment sein möchte. Mein Engagement in STAN ist gesellschaftlich und es ist literarisches Unfugtreiben.

 

Konstantin Skorkin

Konstantin Skorkin

n.: Was schreibt Ihr?

 

Ja. M.: Gedichte, so nennt man es, glaube ich, aber im Grunde mag ich es, auf der Bühne zu lesen.

Konstantin Skorkin: Ich schreibe im Gegensatz zu den anderen Prosa.

 

n.: Was könnt Ihr empfehlen, was sollten wir von Euch lesen?

 

K. S.: http://tisk.org.ua/?p=18477 Neulich habe ich den Text Čërnyj kvadrat (Schwarzes Quadrat) aus dem Schreibtisch hervorgeholt. Das ist eine Erzählung, die ich Anfang der 2000er Jahre verfasst und die ich immer wieder umgeschrieben habe. Letztlich habe ich aus ihr den Teil zu Vojna i mir (Krieg und Frieden) rausgeworfen, so dass ein kurzer Text über meine Jugend übrig geblieben ist. Hier gibt es autobiografische Elemente, aber insgesamt geht es um jenen Teil der Generation, zu welchem ich hoffentlich gehöre – gebildete junge Leute mit „Ideen“. Ich sorge mich sehr um ihr Schicksal. In der Ukraine sind zu oft ganze Generationen der Intelligenz verschwunden. Aber wir müssen überleben und siegen.

 

n.: Wie sieht die kulturelle Situation in der östlichen Ukraine derzeit aus, vor allem in der Literaturszene?

 

Ja. M.: Aus meiner Sicht kann ich sagen, dass sich in der Ostukraine die Traditionen der europäischen Freiheitsliebe und des russischen (sowjetischen) Untergrunds auf erstaunliche Weise verflochten haben. Das zu verstehen, ist wichtig. Wenn ich über Luhans’k wie über eine Kulturstadt spreche, erkläre ich diese Stadt nach außen hin entgegen ihrer Abgeschiedenheit. Es gibt L’viv, Kyïv und Odesa, wo du selbstständig hinfahren kannst und alles auf dem Silbertablett serviert bekommst. Aber in Luhans’k brauchst du jemanden, der dich hindurch führt, du bist auf einen „Brückenmenschen“ angewiesen. Jene Besucher, die Luhans’k mit unseren Augen gesehen haben, fahren mit der Vorstellung weg, dass diese Stadt ein authentisches, eigenes kulturelles Leben hat. Jene hingegen, die sich mit einem oberflächlichen Rundumblick begnügen, bemerken hier nur das Grau, welches leider immer noch im Übermaß vorhanden ist. Um Luhans’k zu sehen, braucht man eine besondere Optik.

K. S.: Die Situation der Literatur ist traurig. In den 1990er Jahren haben die Vertreter der Westukraine den Diskurs monopolisiert – und jeder, der am Literaturbetrieb teilhatte, musste sich anpassen. Galizien ist in kultureller Hinsicht ein wichtiger Bestandteil der Ukraine, doch längst nicht der einzig wichtige. Aber in Folge der Dominanz von Galizien ist zum Beispiel in der Ukraine keine Großstadtprosa entstanden. Die Stimme der Großstädte hört man nicht, weil in ihnen Russisch gesprochen wird und sie weit von der galizischen Denkweise entfernt sind – diese ist hermetisch und auf die Vergangenheit gerichtet. Wegen der Vereinnahmung des literarischen Diskurses hat ein beachtlicher Teil der Autoren, die auf Russisch schreiben, angefangen sich gen Russland zu orientieren, so dass wir sie als Autoren verloren haben.

 

Elena Zaslavskaja auf der Leipziger Buchmesse

Elena Zaslavskaja auf der Leipziger Buchmesse

n.: Hier stellt sich die Frage, welche Stimmen wir deswegen nicht hören. Welche Autoren und welche Werke entgehen uns?

 

K. S.: Zum Beispiel Dmitrij Savočkin aus Dnipropetrovs’k. Er hat den Roman Markšejder aus dem Leben der Bergbauleute im Donbas verfasst. Das Buch ist qualitativ quasi auf der Ebene von Chuck Palahniuk. Es ist in Russland erschienen. In der Ukraine ist Savočkin unbemerkt geblieben.

Ja. M.: Wir haben Vasyl’ Holoborod’ko – einen Dichter, dessen Name weit in der Ukraine und außerhalb bekannt ist. Sein erstes Buch ist in den USA herausgekommen. Aber in Luhans’k kennt ihn niemand. Und Vasyl’ Starun. Es gibt viele davon. Nur ist es üblich, sie nicht zu bemerken. Die Politik ist so. In dieser Hinsicht hat STAN einen richtigen Zug gemacht – hin zur aggressiven Propaganda von Kunst.

E. Z.: Früher haben wir Sammelbände herausgegeben, Zeitschriften mit Veröffentlichungen von alten und neuen Autoren überwiegend aus Luhans’k. Doch dann haben wir verstanden, dass dieser Weg in eine Sackgasse führt. So entdecken wir neue Namen vor allem für uns, und das ist natürlich gut, aber uns kennt keiner außerhalb von Luhans’k, auch in der Stadt selbst vielleicht nur die Heimatkundler und nicht mal das kann man mit Sicherheit sagen. So haben wir angefangen, uns zu bemühen, über den Rahmen von Luhans’k hinauszukommen. Und ich denke, dass es uns gelingt.

 

n.: Kann man sagen, dass es in der Ostukraine eigene lokale Kulturzentren gibt?

 

K. S.: Charkiv und künftig Luhans’k.

Ja. M.: Es gibt Kulturzentren im Untergrund, aber diese kennen nur diejenigen, die in sie hineingeraten und sie erleben. Im Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft gibt es sie nicht. Zudem bemerke ich ein Phänomen der kulturellen Amnäsie. Die Leute kommen, schauen, begeistern sich, aber das gesellschaftliche Bewusstsein verdrängt die Erinnerungen an kulturelle Ereignisse. Es vergehen ein bis zwei Monate und alle sprechen erneut davon, dass in Luhans’k nichts los ist. Einfach 1984. Orwell. Wieviel ergibt zwei mal zwei?

E. Z.: Es ist einfach so, dass in Kyïv in einer Woche zehn kulturelle Veranstaltungen stattfinden, aber in Luhans’k nur eine oder zwei.

Ja. M.: Das ist kein Indikator. In Kyïv gibt es viel Schaumschlagen. Und dennoch dominiert das Image Kyïvs als Ort des kulturellen Lebens.

K. S.: Das ist nicht Amnäsie, sondern eine Schwäche des Milieus.

E. Z.: Ich stimme mit Kostja überein. Es fehlt der Dialog, die professionelle Literaturkritik. Es gibt Treffpunkte, aber tusovka ist nicht immer gut.

K. S.: Wir brauchen die entsprechende Umgebung: ständige tusovka, den Dialog mit den Massenmedien, Kunstzentren. Aber das können nur wir selbst schaffen. Daher richtet sich die Kritik in Wirklichkeit an uns selbst.

Ja. M.: Wir haben doch die richtige Infrastruktur, aber sie ist im Untergrund, wie auch unsere künstlerischen Zentren.

 

n.: Es braucht Zeit. Aber das Interesse an der Kultur und Literatur aus der Ostukraine besteht.

 

K. S.: Das Interesse ist riesig.

Ja. M.: Wie an Außerirdischen. Niemand hat sie gesehen, aber die Gerüchte kursieren.

 

Jaroslav Minkin

Jaroslav Minkin

n.: Und Ihr repräsentiert sie letztlich. Was genau ist STAN?

 

Ja. M.: STAN ist eine Bewegung, eine künstlerische Community.

K. S.: Ein Kreativ-Cluster. STAN ist keine Organisation mit einer fixierten Mitgliedschaft. Wo es unsere Gleichgesinnten gibt – in Charkiv, Moskau, Kyïv –, dort existiert auch STAN. Solch eine schlaue Politik. Ljuba Jakimčuk in Kyïv, Serhij Žadan in Charkiv, Ženja Baranova in Jalta.

Ja. M.: Man kann niemals sagen, wie viele Personen wir in STAN sind. Das ist eine Marke, die den einen gefällt und den anderen nicht. Einige zittern sogar vor Wut.

E. Z.: Es gibt einen kämpferischen Kern: Minkin, Skorkin und ich. Die anderen kamen und gingen, aber wir sind schon lange dabei.

 

n.: Kooperiert Ihr mit Serhij Žadan?

 

E. Z.: Wir sind befreundet, er nimmt an unseren Projekten teil und wir an seinen.K. S.: Žadan ist unser Landsmann, er kommt aus der Luhanščyna, wohnt in Charkiv, aber er hat in der Sphäre westukrainischer Autoren Anerkennung gefunden. Er ist ein Mensch, dem es gelungen ist, ein Katalysator von Veränderungen zu werden. Im Moment gleicht sich die Situation aus. Er ist meiner Ansicht nach ein Brückenmensch zwischen Ost und West geworden. Ich erinnere mich an Auftritte von Serhij Žadan im Haus des Schauspielers in Charkiv – man konnte kaum in den Saal gelangen, die Menschen standen in den Gängen und die dort auftretenden Schweizer Dichter erlebten einen Kulturschock: „Zu unseren Lesungen kommen fünf bis zehn Personen.“Ja. M.: Žadan ist mit uns ideologisch verbunden.

 

n.: Was für eine gemeinsame Ideologie habt Ihr?

 

K. S.: Die Schaffung einer neuen Literatur, die zugleich authentisch und kosmopolitisch ist. So spreche ich über Žadan – er ist ein Bursche aus unserem Hinterhof, nur dass dieser Hof in Luhans’k, in Charkiv, in Piter oder Berlin liegen kann. Das möchte auch STAN. Darüber hinaus setzt sich Žadan für eine soziale Kunst ein. Er nimmt an sozialen Projekten teil, an Aktionen mit wohltätigen Zwecken, drückt seine Meinung zu brisanten aktuellen Problemen aus. Dazu ist Žadan ein Kulturträger, er sucht – sowie wie wir auch – und vereint Leute mit Talent. Er ist also unser Mann.

"Persten' Predsedatelja Zemnogo šara" beim ZEX Festival 2006, Charkiv

"Persten' Predsedatelja Zemnogo šara" beim ZEX Festival 2006, Charkiv

n.: Wie ist Euer Verhältnis zu Autoren aus der Westukraine?

 

K. S.: Jurij Andruchovyč ist bei uns zu Gast gewesen. Aber angesichts seiner derzeitigen politischen Ansichten (er träumt davon, Donbas und die Krym wegen ihrer russophilen Sympathien von der Ukraine abzutrennen) möchte ich nicht über ihn sprechen.

 

n.: Wie hat es STAN geschafft, über Luhans’k hinaus zu gelangen?

 

E. Z.: Das war ein langer Prozess. Alles hat mit einem Auftritt in Charkiv begonnen, auf dem Festival ZEX im September 2006. Das war eines der ersten offenen Slam-Tourniere in der Ukraine, und es ist uns gelungen, grell aufzufallen. Mir hat man den improvisierten Ring des Vorsitzenden der Weltkugel ausgehändigt. Bemerkenswert, dass vor 90 Jahren im Charkiver Theater Esenin und Mariengof den Ring des „Vorsitzenden der Weltkugel“ („predzemšar“) auf den Finger von Velimir Chlebnikov aufgesetzt haben.

Ja. M.: Anfangs haben alle einfach für die Schublade geschrieben. Viel und lange. Aber man traf sich ständig und diskutierte – zwecks Talentschärfung. Danach haben wir angefangen, erste schüchterne Schritte auf Festivals und in Anthologien zu tun. Einen Wendepunkt brachte der Besuch des mittlerweile verstorbenen Jurij Pokalčuk in Luhans’k mit sich. Wir haben ihm das echte Luhans’k im Untergrund gezeigt. Diese Stadt ist eine Insel, hat er gesagt, als wir gemeinsam Cognak getrunken und Gedichte gelesen haben. Er meinte damit, dass Luhans’k sich in einem autonomen Zustand befindet, getrennt von dem gesamtkulturellen Prozess, aber über eine eigenständige Tradition verfügt, die im Untergrund entstanden ist. Diese Kluft hat er versucht zu überwinden und ist unser treuer Freund und Promoter geworden. Unsere Gedichte sind in der Zeitschrift Kievskaja Rus’ erschienen, wo russischsprachige Autoren vorher nicht anzutreffen gewesen sind. Das war der Durchbruch.

K. S.: Danach folgten unsere Erfolge bei den gesamtukrainischen Slams: 2007 kam Minkin beim Großen Slam in Charkiv ins Finale, 2008 hat Minkin (gemeinsam mit dem Weißrussen Chadanovič) den Allukrainischen Slam in der Mohyla-Akademie in Kyïv gewonnen. Übrigens gab es nach dem Kyïver Slam einen großen Skandal – ins Finale sind Autoren gekommen, die auf Russisch oder Weißrussisch gelesen haben (aber nicht auf Ukrainisch). Für einige nationalbewusste Freunde war dies der Sieg des „herkunftslosen Kosmopolitismus“. Dabei hat doch das Publikum die Gewinner gewählt!

Ja. M.: Früher war die Barriere zwischen der russisch- und der ukrainischsprachigen tusovka viel zu hoch, aber der Slam hat sie verbunden. Die Zuschauer haben für die Qualität der Texte gestimmt und nicht für die Politik.

E. Z.: Einen Schritt über unsere Schranken hinweg, wenn man sich so ausdrücken kann, haben wir dank unserer Bücher vollzogen: Uroki vreditel’stva, diversii i špionaža (Lektionen der Schädigung, Sabotage und Spionage), Iz žertv v likvidatory (Von Opfern zu Liquidatoren) und Anestezija (Anästhesie). Sie vereinigen Autoren nicht nach dem Prinzip der Zugehörigkeit zu einer Stadt, sondern ideologisch: Die Dichter haben versucht, mit ihren Texten und Essays die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf jene Probleme zu lenken, deren Lösung noch aussteht. Diese Bücher sind das Ergebnis großer sozialer und kultureller Kampagnen.

K. S.: Zur Veranschaulichung kann ich über das Buch Uroki vreditel’stva, diversii i špionaža erzählen. Im Jahr 2010 haben wir die Idee gehabt, eine Anthologie mit sozialer Poesie herauszubringen, denn in dem Land geht sonst was vor sich vor, aber die ukrainische Literatur schweigt oder reagiert im Geiste eines Pamphlet-Feuilletons. Hingegen erklangen gerade die Stimmen der Dichter in düsteren Zeiten von Diktaturen, um die menschliche Würde zu schützen. Wir wollten ein konzeptionell starkes Buch und fragten Autoren an, die wir für unsere Gleichgesinnten hielten – Serhij Žadan und Andrej Rodionov (Moskau) – sowie unseren Autorenkreis: Slava Minkin, Lena Zaslavskaja, Aleksandr Sigida, Ljubov’ Jakimčuk. In die Anthologie haben wir auch die literarische Mystifikation „Der Dichter auf dem Thron“ eingeschlossen. In der Presse tauchte nämlich die Mitteilung auf, dass Janukovyč auch ein Dichter sei und wir haben beschlossen, ihm dabei zu helfen, erst einmal Gedichte zu schreiben. Daher enthält der Sammelband auch Gedichte des Präsidenten. Zusätzlich zu diesem Buch haben wir in Luhans’k einen Wettbewerb für soziale Fotografie „Luhans’k ohne Schminke“ durchgeführt. Die besten Arbeiten sind Illustrationen unserer Anthologie geworden.

Der Vorteil dieses Buch ist, dass wir dabei gänzlich unsere Provinzialität hinter uns gelassen haben. Über das Erscheinen des Buchs hat sogar die Moskauer Snob-Seite openspace geschrieben. Der Nachteil liegt darin, dass wir zu viele Pointen in ein Projekt hineingesteckt haben – das Beste ist der Feind des Guten, soweit meine Meinung.

E. Z.: Jedes Buch verdient ein eigenes Gespräch. Und dann ist es besser, es einmal gelesen zu haben als davon hundertmal zu hören. Die Bücher sind online auf unserer Seite verfügbar, Anestezija wird auch bald hochgeladen:

Uroki vreditel’stva, diversii i špionaža - http://tisk.org.ua/?p=15135

Iz žertv v likvidatory - http://tisk.org.ua/?p=16125

 

n.: Wie hängt Ihr mit anderen regionalen Gruppierungen wie zum Beispiel LSD zusammen?

 

K. S.: Oh, LSD ist mein Projekt. Das ist die Abkürzung von Literatura Sovremennogo Donbassa (Die Literatur des heutigen Donbas). STAN hat seinen literarischen Aktionismus als Munition von LSD übernommen und LSD hat sich in der Mundhöhle STANs aufgelöst. Siehe auch: http://tisk.org.ua/?p=12976.

Ja. M.: Kostja hat als erster angefangen, innovativ zu experimentieren. Denn STAN war damals dazu nicht bereit. Es war das Jahr 2002. So ist LSD entstanden. Nackte Menschen, die in einer dunklen Bibliothek Gedichte lesen.

E. Z.: Mit dem Schild „Berühren ist tödlich“ auf der gewissen Stelle.

K. S.: Wir sind unter strömendem Regen zum Dzeržinskij-Denkmal gegangen und haben Gedichte gelesen, die die Ehre des Revolutionärs gegen den russischen Geheimdienst FSB verteidigen (sie haben seinen Liebesbriefwechsel veröffentlicht). Auf einem Konzert zum Schutz obdachloser Kinder hat LSD die Oligarchen dazu aufgerufen, die schmutzigen, mit Sperma und Blut betröpfelten Dollars den hungrigen Straßenkindern zu geben. LSD besteht aus mir, anderen Menschen, die mir geholfen haben, meine krankhaften Ideen zu verwirklichen, und Lena. Wir verwenden die Abkürzung heute noch für besonders provokante Aktionen.

E. Z.: Hier sind beschriftete Fotos unserer Aktionen.

 

n.: Welche vergangenen Aktionen bzw. Projekte sind besonders charakteristisch für STAN?

 

K. S.: Hervorragend, was das Niveau der Organisation und Kreativität angeht, waren die Lesungen unter Dzeržinskij. Im Hinblick auf den Exodus aus dem regionalen Ghetto waren es die Lesungen beim ZEX und in Bezug auf die Etablierung als Kulturinstitution war es das Festival Artodrom in 2012.

 

n.: Was ist für STAN wichtiger, Aktionen oder Publikationen? Oder ist beides gleich wichtig?

 

E. Z.: Für mich sind Aktionen eine Möglichkeit, neue Leser zu finden. So wenden wir uns an jene, die keine Bücher lesen, aber die Show mögen.

K. S.: Erstens haben unsere Performances immer einen sozialen Subtext. Das ist unser Know-how, Literatur mit zivilem Aktivismus zu verbinden. Zweitens leben wir im visuellen Zeitalter. Einem Buch sollte eine Videoreihe angefügt werden. Und was lässt die Texte besser zur Geltung kommen als eine öffentliche Aktion, und wenn sie auf Provokation aus ist, dann umso besser.

 

n.: Gegen wen oder was ist die Provokation gerichtet? Oder ist épater le bourgeois Selbstzweck?

 

K. S.: Erstens, gegen die autoritäre Macht, denn wir sind für eine offene Gesellschaft. Zweitens, gegen starre Stereotypen des Massenbewusstseins, welches vom sowjetischen Erbe vergiftet wird, und drittens gegen die heuchlerische Moral der Spießbürger – die ewige Zielscheibe von Künstlern. Man verdächtigt uns, dass wir gegen die Traditionen sind, und es ist richtig, dass man uns dessen verdächtigt.

 

n.: Aber es klingt wie eine Fortsetzung der über hundertjährigen Tradition des Modernismus.

 

K. S.: Vor hundert Jahren gab es die Sowjetmacht noch nicht. Unsere Idee wird das Bewusstsein entsowjetisieren. Das ist durchaus revolutionär.

 

n.: Mit ‚Traditionen’ meinst Du die sowjetische Literatur?

 

K. S.: Überhaupt die sowjetische Lebensweise. Wir sind von sowjetischen Menschen umgeben (ich meine Beamte, Abgeordnete, Kulturschaffende der älteren Generation) – Menschen mit einer grausamen, entstellten Psyche, die Denunzationen geschrieben haben und zu Parteiversammlungen gegangen sind. Heute sind sie Kapitalisten geworden, aber Kapitalisten aus eben sowjetischen Büchern, wo man den dicken Bourgeois mit Zigarre in der Hand auf einem Geldsack gemalt hat. Deshalb geraten wir in dieselbe totalitäre Hydra, sogar wenn wir den Kapitalismus kritisieren.

 

n.: In welcher Sprache seid Ihr künstlerisch aktiv? Ist die Sprachwahl wichtig?

 

E. Z.: Ich schreibe vor allem auf Russisch, aber es gibt auch einige Versuche auf Ukrainisch. In unseren Büchern publizieren Autoren, die auf Ukrainisch schreiben. Die Frage der Sprache ist für uns nicht entscheidend.

K. S.: Ich schreibe auf Russisch, und das ist für mich entscheidend – nicht aus chauvinistischen Gründen, sondern weil die Sprache der Sprachwirklichkeit entsprechen sollte. Vojna i mir ist zur Hälfte auf Französisch geschrieben, weil die Situation so ausgesehen hat, die Adligen haben français gesprochen. Wie kann man heute realistische Prosa über das Leben in der ostukrainischen Stadt auf Ukrainisch schreiben, wo 90 % der Bevölkerung Russisch spricht? Wenn man sich die Performances anschaut, so sind sie auch auf Russisch – in der „Sprache internationalen Austauschs“.

 

n.: Wie dokumentiert Ihr die Aktionen?

 

K. S.: Früher war es uns weniger wichtig, so dass es von vielen Aktionen keine Spur mehr gibt. Fotografien und Videos stellen wir auf unsere Seite tisk.org.ua. und wir sammeln Publikationen über uns.

E. Z.: Die vollständigste Auflistung der Aktionen ist in Wiki. Die russische Seite bedarf noch einiger Ergänzungen.

 

n.: Vielen Dank.

 

Das Interview wurde von Tatjana Hofmann geführt und aus dem Russischen übersetzt.

Fotos: Gruppe STAN, Roman Miškovec & Andrej Avdošyn

Im Osten nichts Neues? Eine Literaturgruppe aus Luhans’k beweist das Gegenteil – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Im Osten nichts Neues? Eine Lite­ra­tur­gruppe aus Luhans’k beweist das Gegenteil

Illus­tra­tion: Nastasia Louveau

Wäh­rend AutorInnen aus der West­ukraine mit ihrer Euro­pa­sym­pa­thie in den letzten Jahren den deutsch­spra­chigen Buch­markt über­rascht haben, tau­chen im Ver­hältnis dazu Stimmen aus der Ost­ukraine sel­tener auf. Das ver­su­chen die Mit­glieder der Gruppe STAN zu ändern. Kon­stantin Skorkin (geb. 1978), Jaroslav Minkin (geb. 1984) und Elena Zas­lavs­kaja (geb. 1977) leben in Luhans’k, einem in der ehe­ma­ligen Sowjet­union wich­tigen Koh­le­abbau- und Indus­trie­ge­biet, unweit der rus­si­schen Grenze. Sie wirken der geo­gra­fi­schen Mar­gi­na­lität ent­gegen, indem sie junge Schreib­künst­le­rInnen ver­netzen, Antho­lo­gien her­aus­geben, sozi­al­kri­ti­sche Aktionen orga­ni­sieren und an (inter)nationalen Poetry Slams erfolg­reich teilnehmen.

 

Ein Inter­view mit der Lite­ratur- und Akti­ons­gruppe STAN

 

Das Ziel for­mu­liert der Schrift­steller und Publi­zist Kon­stantin Skorkin, der sich als Zustän­diger für die Ideo­logie der Gruppe vor­stellt, selbst­be­wusst: Luhans’k soll einen wür­digen Platz auf der kul­tu­rellen Karte der Ukraine und des gesamten Europas ein­nehmen. Dieses Anliegen weist darauf hin, dass eine Ten­denz zur regio­nalen Riva­lität mit künst­le­ri­schen Mit­teln noch immer besteht. So gesehen, han­delt es sich um eine Ant­wort der Ost­ukraine auf ihre mediale Ver­un­glimp­fung als ‚kul­turarm’. Abge­sehen davon zeigen die Akti­vi­täten der Grup­pen­mit­glieder, dass die ost­ukrai­ni­sche Lite­ra­tur­szene gat­tungs- und medi­en­über­grei­fend nicht nur auf eine räum­lich abge­grenzte ‚kleine Heimat’ fixiert ist und außerdem, dass sie mit urbanen Lebens­weisen sym­pa­thi­siert. STANs sozi­al­kri­ti­sches Pathos macht auf akute poli­ti­sche Miss­stände aufmerksam.

 

Jaroslav Minkin

Jaroslav Minkin

novinki: Bevor wir auf die Gruppe zu spre­chen kommen: Wie hängt die Mit­ar­beit in STAN mit Eurem eigenen Schreiben zusammen? Lena, ist Deine Lyrik sozial, femi­nis­tisch oder wie wür­dest Du sie bezeichnen?

 

Elena Zas­lavs­kaja: Ich mag es nicht, nach Defi­ni­tionen für meine Poesie zu suchen. Das können die Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler tun. Ich schreibe Kin­der­ge­dichte, sie sind weder sozial noch femi­nis­tisch. Ich schreibe auch Porno-Poeme, Lyrik, zivil­ge­sell­schaft­liche Gedichte aus täg­li­cher Wut heraus. Die Poesie ist für mich genau diese Frei­heit: viel­fältig zu sein! Nicht so wie andere mich sehen möchten oder sehen, son­dern so wie ich im gege­benen Moment sein möchte. Mein Enga­ge­ment in STAN ist gesell­schaft­lich und es ist lite­ra­ri­sches Unfugtreiben.

 

Konstantin Skorkin

Kon­stantin Skorkin

n.: Was schreibt Ihr?

 

Ja. M.: Gedichte, so nennt man es, glaube ich, aber im Grunde mag ich es, auf der Bühne zu lesen.

Kon­stantin Skorkin: Ich schreibe im Gegen­satz zu den anderen Prosa.

 

n.: Was könnt Ihr emp­fehlen, was sollten wir von Euch lesen?

 

K. S.: http://tisk.org.ua/?p=18477 Neu­lich habe ich den Text Čërnyj kva­drat (Schwarzes Qua­drat) aus dem Schreib­tisch her­vor­ge­holt. Das ist eine Erzäh­lung, die ich Anfang der 2000er Jahre ver­fasst und die ich immer wieder umge­schrieben habe. Letzt­lich habe ich aus ihr den Teil zu Vojna i mir (Krieg und Frieden) raus­ge­worfen, so dass ein kurzer Text über meine Jugend übrig geblieben ist. Hier gibt es auto­bio­gra­fi­sche Ele­mente, aber ins­ge­samt geht es um jenen Teil der Genera­tion, zu wel­chem ich hof­fent­lich gehöre – gebil­dete junge Leute mit „Ideen“. Ich sorge mich sehr um ihr Schicksal. In der Ukraine sind zu oft ganze Genera­tionen der Intel­li­genz ver­schwunden. Aber wir müssen über­leben und siegen.

 

n.: Wie sieht die kul­tu­relle Situa­tion in der öst­li­chen Ukraine der­zeit aus, vor allem in der Literaturszene?

 

Ja. M.: Aus meiner Sicht kann ich sagen, dass sich in der Ost­ukraine die Tra­di­tionen der euro­päi­schen Frei­heits­liebe und des rus­si­schen (sowje­ti­schen) Unter­grunds auf erstaun­liche Weise ver­flochten haben. Das zu ver­stehen, ist wichtig. Wenn ich über Luhans’k wie über eine Kul­tur­stadt spreche, erkläre ich diese Stadt nach außen hin ent­gegen ihrer Abge­schie­den­heit. Es gibt L’viv, Kyïv und Odesa, wo du selbst­ständig hin­fahren kannst und alles auf dem Sil­ber­ta­blett ser­viert bekommst. Aber in Luhans’k brauchst du jemanden, der dich hin­durch führt, du bist auf einen „Brü­cken­men­schen“ ange­wiesen. Jene Besu­cher, die Luhans’k mit unseren Augen gesehen haben, fahren mit der Vor­stel­lung weg, dass diese Stadt ein authen­ti­sches, eigenes kul­tu­relles Leben hat. Jene hin­gegen, die sich mit einem ober­fläch­li­chen Rund­um­blick begnügen, bemerken hier nur das Grau, wel­ches leider immer noch im Übermaß vor­handen ist. Um Luhans’k zu sehen, braucht man eine beson­dere Optik.

K. S.: Die Situa­tion der Lite­ratur ist traurig. In den 1990er Jahren haben die Ver­treter der West­ukraine den Dis­kurs mono­po­li­siert – und jeder, der am Lite­ra­tur­be­trieb teil­hatte, musste sich anpassen. Gali­zien ist in kul­tu­reller Hin­sicht ein wich­tiger Bestand­teil der Ukraine, doch längst nicht der einzig wich­tige. Aber in Folge der Domi­nanz von Gali­zien ist zum Bei­spiel in der Ukraine keine Groß­stadt­prosa ent­standen. Die Stimme der Groß­städte hört man nicht, weil in ihnen Rus­sisch gespro­chen wird und sie weit von der gali­zi­schen Denk­weise ent­fernt sind – diese ist her­me­tisch und auf die Ver­gan­gen­heit gerichtet. Wegen der Ver­ein­nah­mung des lite­ra­ri­schen Dis­kurses hat ein beacht­li­cher Teil der Autoren, die auf Rus­sisch schreiben, ange­fangen sich gen Russ­land zu ori­en­tieren, so dass wir sie als Autoren ver­loren haben.

 

Elena Zaslavskaja auf der Leipziger Buchmesse

Elena Zas­lavs­kaja auf der Leip­ziger Buchmesse

n.: Hier stellt sich die Frage, welche Stimmen wir des­wegen nicht hören. Welche Autoren und welche Werke ent­gehen uns?

 

K. S.: Zum Bei­spiel Dmi­trij Savočkin aus Dnipropetrovs’k. Er hat den Roman Mar­kšejder aus dem Leben der Berg­bau­leute im Donbas ver­fasst. Das Buch ist qua­li­tativ quasi auf der Ebene von Chuck Palah­niuk. Es ist in Russ­land erschienen. In der Ukraine ist Savočkin unbe­merkt geblieben.

Ja. M.: Wir haben Vasyl’ Holoborod’ko – einen Dichter, dessen Name weit in der Ukraine und außer­halb bekannt ist. Sein erstes Buch ist in den USA her­aus­ge­kommen. Aber in Luhans’k kennt ihn nie­mand. Und Vasyl’ Starun. Es gibt viele davon. Nur ist es üblich, sie nicht zu bemerken. Die Politik ist so. In dieser Hin­sicht hat STAN einen rich­tigen Zug gemacht – hin zur aggres­siven Pro­pa­ganda von Kunst.

E. Z.: Früher haben wir Sam­mel­bände her­aus­ge­geben, Zeit­schriften mit Ver­öf­fent­li­chungen von alten und neuen Autoren über­wie­gend aus Luhans’k. Doch dann haben wir ver­standen, dass dieser Weg in eine Sack­gasse führt. So ent­de­cken wir neue Namen vor allem für uns, und das ist natür­lich gut, aber uns kennt keiner außer­halb von Luhans’k, auch in der Stadt selbst viel­leicht nur die Hei­mat­kundler und nicht mal das kann man mit Sicher­heit sagen. So haben wir ange­fangen, uns zu bemühen, über den Rahmen von Luhans’k hin­aus­zu­kommen. Und ich denke, dass es uns gelingt.

 

n.: Kann man sagen, dass es in der Ost­ukraine eigene lokale Kul­tur­zen­tren gibt?

 

K. S.: Charkiv und künftig Luhans’k.

Ja. M.: Es gibt Kul­tur­zen­tren im Unter­grund, aber diese kennen nur die­je­nigen, die in sie hin­ein­ge­raten und sie erleben. Im Bewusst­sein der Mehr­heits­ge­sell­schaft gibt es sie nicht. Zudem bemerke ich ein Phä­nomen der kul­tu­rellen Amnäsie. Die Leute kommen, schauen, begeis­tern sich, aber das gesell­schaft­liche Bewusst­sein ver­drängt die Erin­ne­rungen an kul­tu­relle Ereig­nisse. Es ver­gehen ein bis zwei Monate und alle spre­chen erneut davon, dass in Luhans’k nichts los ist. Ein­fach 1984. Orwell. Wie­viel ergibt zwei mal zwei?

E. Z.: Es ist ein­fach so, dass in Kyïv in einer Woche zehn kul­tu­relle Ver­an­stal­tungen statt­finden, aber in Luhans’k nur eine oder zwei.

Ja. M.: Das ist kein Indi­kator. In Kyïv gibt es viel Schaum­schlagen. Und den­noch domi­niert das Image Kyïvs als Ort des kul­tu­rellen Lebens.

K. S.: Das ist nicht Amnäsie, son­dern eine Schwäche des Milieus.

E. Z.: Ich stimme mit Kostja überein. Es fehlt der Dialog, die pro­fes­sio­nelle Lite­ra­tur­kritik. Es gibt Treff­punkte, aber tusovka ist nicht immer gut.

K. S.: Wir brau­chen die ent­spre­chende Umge­bung: stän­dige tusovka, den Dialog mit den Mas­sen­me­dien, Kunst­zen­tren. Aber das können nur wir selbst schaffen. Daher richtet sich die Kritik in Wirk­lich­keit an uns selbst.

Ja. M.: Wir haben doch die rich­tige Infra­struktur, aber sie ist im Unter­grund, wie auch unsere künst­le­ri­schen Zentren.

 

n.: Es braucht Zeit. Aber das Inter­esse an der Kultur und Lite­ratur aus der Ost­ukraine besteht.

 

K. S.: Das Inter­esse ist riesig.

Ja. M.: Wie an Außer­ir­di­schen. Nie­mand hat sie gesehen, aber die Gerüchte kursieren.

 

Jaroslav Minkin

Jaroslav Minkin

n.: Und Ihr reprä­sen­tiert sie letzt­lich. Was genau ist STAN?

 

Ja. M.: STAN ist eine Bewe­gung, eine künst­le­ri­sche Community.

K. S.: Ein Kreativ-Cluster. STAN ist keine Orga­ni­sa­tion mit einer fixierten Mit­glied­schaft. Wo es unsere Gleich­ge­sinnten gibt – in Charkiv, Moskau, Kyïv –, dort exis­tiert auch STAN. Solch eine schlaue Politik. Ljuba Jaki­mčuk in Kyïv, Serhij Žadan in Charkiv, Ženja Bara­nova in Jalta.

Ja. M.: Man kann nie­mals sagen, wie viele Per­sonen wir in STAN sind. Das ist eine Marke, die den einen gefällt und den anderen nicht. Einige zit­tern sogar vor Wut.

E. Z.: Es gibt einen kämp­fe­ri­schen Kern: Minkin, Skorkin und ich. Die anderen kamen und gingen, aber wir sind schon lange dabei.

 

n.: Koope­riert Ihr mit Serhij Žadan?

 

E. Z.: Wir sind befreundet, er nimmt an unseren Pro­jekten teil und wir an seinen.K. S.: Žadan ist unser Lands­mann, er kommt aus der Luhanščyna, wohnt in Charkiv, aber er hat in der Sphäre west­ukrai­ni­scher Autoren Aner­ken­nung gefunden. Er ist ein Mensch, dem es gelungen ist, ein Kata­ly­sator von Ver­än­de­rungen zu werden. Im Moment gleicht sich die Situa­tion aus. Er ist meiner Ansicht nach ein Brü­cken­mensch zwi­schen Ost und West geworden. Ich erin­nere mich an Auf­tritte von Serhij Žadan im Haus des Schau­spie­lers in Charkiv – man konnte kaum in den Saal gelangen, die Men­schen standen in den Gängen und die dort auf­tre­tenden Schweizer Dichter erlebten einen Kul­tur­schock: „Zu unseren Lesungen kommen fünf bis zehn Per­sonen.“Ja. M.: Žadan ist mit uns ideo­lo­gisch verbunden.

 

n.: Was für eine gemein­same Ideo­logie habt Ihr?

 

K. S.: Die Schaf­fung einer neuen Lite­ratur, die zugleich authen­tisch und kos­mo­po­li­tisch ist. So spreche ich über Žadan – er ist ein Bur­sche aus unserem Hin­terhof, nur dass dieser Hof in Luhans’k, in Charkiv, in Piter oder Berlin liegen kann. Das möchte auch STAN. Dar­über hinaus setzt sich Žadan für eine soziale Kunst ein. Er nimmt an sozialen Pro­jekten teil, an Aktionen mit wohl­tä­tigen Zwe­cken, drückt seine Mei­nung zu bri­santen aktu­ellen Pro­blemen aus. Dazu ist Žadan ein Kul­tur­träger, er sucht – sowie wie wir auch – und ver­eint Leute mit Talent. Er ist also unser Mann.

"Persten' Predsedatelja Zemnogo šara" beim ZEX Festival 2006, Charkiv

“Persten’ Pred­sed­atelja Zem­nogo šara” beim ZEX Fes­tival 2006, Charkiv

n.: Wie ist Euer Ver­hältnis zu Autoren aus der Westukraine?

 

K. S.: Jurij Andruchovyč ist bei uns zu Gast gewesen. Aber ange­sichts seiner der­zei­tigen poli­ti­schen Ansichten (er träumt davon, Donbas und die Krym wegen ihrer russo­philen Sym­pa­thien von der Ukraine abzu­trennen) möchte ich nicht über ihn sprechen.

 

n.: Wie hat es STAN geschafft, über Luhans’k hinaus zu gelangen?

 

E. Z.: Das war ein langer Pro­zess. Alles hat mit einem Auf­tritt in Charkiv begonnen, auf dem Fes­tival ZEX im Sep­tember 2006. Das war eines der ersten offenen Slam-Tour­niere in der Ukraine, und es ist uns gelungen, grell auf­zu­fallen. Mir hat man den impro­vi­sierten Ring des Vor­sit­zenden der Welt­kugel aus­ge­hän­digt. Bemer­kens­wert, dass vor 90 Jahren im Char­kiver Theater Esenin und Mari­engof den Ring des „Vor­sit­zenden der Welt­kugel“ („pred­ze­mšar“) auf den Finger von Velimir Chleb­nikov auf­ge­setzt haben.

Ja. M.: Anfangs haben alle ein­fach für die Schub­lade geschrieben. Viel und lange. Aber man traf sich ständig und dis­ku­tierte – zwecks Talent­schär­fung. Danach haben wir ange­fangen, erste schüch­terne Schritte auf Fes­ti­vals und in Antho­lo­gien zu tun. Einen Wen­de­punkt brachte der Besuch des mitt­ler­weile ver­stor­benen Jurij Pokalčuk in Luhans’k mit sich. Wir haben ihm das echte Luhans’k im Unter­grund gezeigt. Diese Stadt ist eine Insel, hat er gesagt, als wir gemeinsam Cognak getrunken und Gedichte gelesen haben. Er meinte damit, dass Luhans’k sich in einem auto­nomen Zustand befindet, getrennt von dem gesamt­kul­tu­rellen Pro­zess, aber über eine eigen­stän­dige Tra­di­tion ver­fügt, die im Unter­grund ent­standen ist. Diese Kluft hat er ver­sucht zu über­winden und ist unser treuer Freund und Pro­moter geworden. Unsere Gedichte sind in der Zeit­schrift Kievs­kaja Rus’ erschienen, wo rus­sisch­spra­chige Autoren vorher nicht anzu­treffen gewesen sind. Das war der Durchbruch.

K. S.: Danach folgten unsere Erfolge bei den gesamt­ukrai­ni­schen Slams: 2007 kam Minkin beim Großen Slam in Charkiv ins Finale, 2008 hat Minkin (gemeinsam mit dem Weiß­russen Cha­d­a­novič) den Allu­krai­ni­schen Slam in der Mohyla-Aka­demie in Kyïv gewonnen. Übri­gens gab es nach dem Kyïver Slam einen großen Skandal – ins Finale sind Autoren gekommen, die auf Rus­sisch oder Weiß­rus­sisch gelesen haben (aber nicht auf Ukrai­nisch). Für einige natio­nal­be­wusste Freunde war dies der Sieg des „her­kunfts­losen Kos­mo­po­li­tismus“. Dabei hat doch das Publikum die Gewinner gewählt!

Ja. M.: Früher war die Bar­riere zwi­schen der rus­sisch- und der ukrai­nisch­spra­chigen tusovka viel zu hoch, aber der Slam hat sie ver­bunden. Die Zuschauer haben für die Qua­lität der Texte gestimmt und nicht für die Politik.

E. Z.: Einen Schritt über unsere Schranken hinweg, wenn man sich so aus­drü­cken kann, haben wir dank unserer Bücher voll­zogen: Uroki vreditel’stva, diversii i špio­naža (Lek­tionen der Schä­di­gung, Sabo­tage und Spio­nage), Iz žertv v lik­vi­da­tory (Von Opfern zu Liqui­da­toren) und Anes­te­zija (Anäs­thesie). Sie ver­ei­nigen Autoren nicht nach dem Prinzip der Zuge­hö­rig­keit zu einer Stadt, son­dern ideo­lo­gisch: Die Dichter haben ver­sucht, mit ihren Texten und Essays die Auf­merk­sam­keit der Gesell­schaft auf jene Pro­bleme zu lenken, deren Lösung noch aus­steht. Diese Bücher sind das Ergebnis großer sozialer und kul­tu­reller Kampagnen.

K. S.: Zur Ver­an­schau­li­chung kann ich über das Buch Uroki vreditel’stva, diversii i špio­naža erzählen. Im Jahr 2010 haben wir die Idee gehabt, eine Antho­logie mit sozialer Poesie her­aus­zu­bringen, denn in dem Land geht sonst was vor sich vor, aber die ukrai­ni­sche Lite­ratur schweigt oder reagiert im Geiste eines Pam­phlet-Feuil­le­tons. Hin­gegen erklangen gerade die Stimmen der Dichter in düs­teren Zeiten von Dik­ta­turen, um die mensch­liche Würde zu schützen. Wir wollten ein kon­zep­tio­nell starkes Buch und fragten Autoren an, die wir für unsere Gleich­ge­sinnten hielten – Serhij Žadan und Andrej Rodi­onov (Moskau) – sowie unseren Autoren­kreis: Slava Minkin, Lena Zas­lavs­kaja, Alek­sandr Sigida, Ljubov’ Jaki­mčuk. In die Antho­logie haben wir auch die lite­ra­ri­sche Mys­ti­fi­ka­tion „Der Dichter auf dem Thron“ ein­ge­schlossen. In der Presse tauchte näm­lich die Mit­tei­lung auf, dass Janu­kovyč auch ein Dichter sei und wir haben beschlossen, ihm dabei zu helfen, erst einmal Gedichte zu schreiben. Daher ent­hält der Sam­mel­band auch Gedichte des Prä­si­denten. Zusätz­lich zu diesem Buch haben wir in Luhans’k einen Wett­be­werb für soziale Foto­grafie „Luhans’k ohne Schminke“ durch­ge­führt. Die besten Arbeiten sind Illus­tra­tionen unserer Antho­logie geworden.

Der Vor­teil dieses Buch ist, dass wir dabei gänz­lich unsere Pro­vin­zia­lität hinter uns gelassen haben. Über das Erscheinen des Buchs hat sogar die Mos­kauer Snob-Seite open­space geschrieben. Der Nach­teil liegt darin, dass wir zu viele Pointen in ein Pro­jekt hin­ein­ge­steckt haben – das Beste ist der Feind des Guten, soweit meine Meinung.

E. Z.: Jedes Buch ver­dient ein eigenes Gespräch. Und dann ist es besser, es einmal gelesen zu haben als davon hun­dertmal zu hören. Die Bücher sind online auf unserer Seite ver­fügbar, Anes­te­zija wird auch bald hochgeladen:

Uroki vreditel’stva, diversii i špio­naža – http://tisk.org.ua/?p=15135

Iz žertv v lik­vi­da­tory – http://tisk.org.ua/?p=16125

 

n.: Wie hängt Ihr mit anderen regio­nalen Grup­pie­rungen wie zum Bei­spiel LSD zusammen?

 

K. S.: Oh, LSD ist mein Pro­jekt. Das ist die Abkür­zung von Lite­ra­tura Sov­re­men­nogo Don­bassa (Die Lite­ratur des heu­tigen Donbas). STAN hat seinen lite­ra­ri­schen Aktio­nismus als Muni­tion von LSD über­nommen und LSD hat sich in der Mund­höhle STANs auf­ge­löst. Siehe auch: http://tisk.org.ua/?p=12976.

Ja. M.: Kostja hat als erster ange­fangen, inno­vativ zu expe­ri­men­tieren. Denn STAN war damals dazu nicht bereit. Es war das Jahr 2002. So ist LSD ent­standen. Nackte Men­schen, die in einer dunklen Biblio­thek Gedichte lesen.

E. Z.: Mit dem Schild „Berühren ist töd­lich“ auf der gewissen Stelle.

K. S.: Wir sind unter strö­mendem Regen zum Dzeržinskij-Denkmal gegangen und haben Gedichte gelesen, die die Ehre des Revo­lu­tio­närs gegen den rus­si­schen Geheim­dienst FSB ver­tei­digen (sie haben seinen Lie­bes­brief­wechsel ver­öf­fent­licht). Auf einem Kon­zert zum Schutz obdach­loser Kinder hat LSD die Olig­ar­chen dazu auf­ge­rufen, die schmut­zigen, mit Sperma und Blut betröp­felten Dol­lars den hung­rigen Stra­ßen­kin­dern zu geben. LSD besteht aus mir, anderen Men­schen, die mir geholfen haben, meine krank­haften Ideen zu ver­wirk­li­chen, und Lena. Wir ver­wenden die Abkür­zung heute noch für beson­ders pro­vo­kante Aktionen.

E. Z.: Hier sind beschrif­tete Fotos unserer Aktionen. [nur für ein­ge­loggte face­book-Nut­zer/innen. Anm. d. Red.]

 

n.: Welche ver­gan­genen Aktionen bzw. Pro­jekte sind beson­ders cha­rak­te­ris­tisch für STAN?

 

K. S.: Her­vor­ra­gend, was das Niveau der Orga­ni­sa­tion und Krea­ti­vität angeht, waren die Lesungen unter Dzeržinskij. Im Hin­blick auf den Exodus aus dem regio­nalen Ghetto waren es die Lesungen beim ZEX und in Bezug auf die Eta­blie­rung als Kul­tur­in­sti­tu­tion war es das Fes­tival Arto­drom in 2012.

 

n.: Was ist für STAN wich­tiger, Aktionen oder Publi­ka­tionen? Oder ist beides gleich wichtig?

 

E. Z.: Für mich sind Aktionen eine Mög­lich­keit, neue Leser zu finden. So wenden wir uns an jene, die keine Bücher lesen, aber die Show mögen.

K. S.: Ers­tens haben unsere Per­for­mances immer einen sozialen Sub­text. Das ist unser Know-how, Lite­ratur mit zivilem Akti­vismus zu ver­binden. Zwei­tens leben wir im visu­ellen Zeit­alter. Einem Buch sollte eine Vide­oreihe ange­fügt werden. Und was lässt die Texte besser zur Gel­tung kommen als eine öffent­liche Aktion, und wenn sie auf Pro­vo­ka­tion aus ist, dann umso besser.

 

n.: Gegen wen oder was ist die Pro­vo­ka­tion gerichtet? Oder ist épater le bour­geois Selbstzweck?

 

K. S.: Ers­tens, gegen die auto­ri­täre Macht, denn wir sind für eine offene Gesell­schaft. Zwei­tens, gegen starre Ste­reo­typen des Mas­sen­be­wusst­seins, wel­ches vom sowje­ti­schen Erbe ver­giftet wird, und drit­tens gegen die heuch­le­ri­sche Moral der Spieß­bürger – die ewige Ziel­scheibe von Künst­lern. Man ver­däch­tigt uns, dass wir gegen die Tra­di­tionen sind, und es ist richtig, dass man uns dessen verdächtigt.

 

n.: Aber es klingt wie eine Fort­set­zung der über hun­dert­jäh­rigen Tra­di­tion des Modernismus.

 

K. S.: Vor hun­dert Jahren gab es die Sowjet­macht noch nicht. Unsere Idee wird das Bewusst­sein ent­so­wje­ti­sieren. Das ist durchaus revolutionär.

 

n.: Mit ‚Tra­di­tionen’ meinst Du die sowje­ti­sche Literatur?

 

K. S.: Über­haupt die sowje­ti­sche Lebens­weise. Wir sind von sowje­ti­schen Men­schen umgeben (ich meine Beamte, Abge­ord­nete, Kul­tur­schaf­fende der älteren Genera­tion) – Men­schen mit einer grau­samen, ent­stellten Psyche, die Denun­z­a­tionen geschrieben haben und zu Par­tei­ver­samm­lungen gegangen sind. Heute sind sie Kapi­ta­listen geworden, aber Kapi­ta­listen aus eben sowje­ti­schen Büchern, wo man den dicken Bour­geois mit Zigarre in der Hand auf einem Geld­sack gemalt hat. Des­halb geraten wir in die­selbe tota­li­täre Hydra, sogar wenn wir den Kapi­ta­lismus kritisieren.

 

n.: In wel­cher Sprache seid Ihr künst­le­risch aktiv? Ist die Sprach­wahl wichtig?

 

E. Z.: Ich schreibe vor allem auf Rus­sisch, aber es gibt auch einige Ver­suche auf Ukrai­nisch. In unseren Büchern publi­zieren Autoren, die auf Ukrai­nisch schreiben. Die Frage der Sprache ist für uns nicht entscheidend.

K. S.: Ich schreibe auf Rus­sisch, und das ist für mich ent­schei­dend – nicht aus chau­vi­nis­ti­schen Gründen, son­dern weil die Sprache der Sprach­wirk­lich­keit ent­spre­chen sollte. Vojna i mir ist zur Hälfte auf Fran­zö­sisch geschrieben, weil die Situa­tion so aus­ge­sehen hat, die Adligen haben fran­çais gespro­chen. Wie kann man heute rea­lis­ti­sche Prosa über das Leben in der ost­ukrai­ni­schen Stadt auf Ukrai­nisch schreiben, wo 90 % der Bevöl­ke­rung Rus­sisch spricht? Wenn man sich die Per­for­mances anschaut, so sind sie auch auf Rus­sisch – in der „Sprache inter­na­tio­nalen Austauschs“.

 

n.: Wie doku­men­tiert Ihr die Aktionen?

 

K. S.: Früher war es uns weniger wichtig, so dass es von vielen Aktionen keine Spur mehr gibt. Foto­gra­fien und Videos stellen wir auf unsere Seite tisk.org.ua. und wir sam­meln Publi­ka­tionen über uns.

E. Z.: Die voll­stän­digste Auf­lis­tung der Aktionen ist in Wiki. Die rus­si­sche Seite bedarf noch einiger Ergänzungen.

 

n.: Vielen Dank.

 

Das Inter­view wurde von Tat­jana Hof­mann geführt und aus dem Rus­si­schen übersetzt.

Fotos: Gruppe STAN, Roman Miš­kovec & Andrej Avdošyn