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„Instrumente für eine neue Anthropologie“

Posted on 16. März 2009 by Tatjana Hofmann
Er sieht sich als „Kulturträger“ und prägt als solcher literarische Trends wie die Geopoetik oder die Zoosophie. Igor’ Sids Projekte führen immer wieder in den Süden der „un-ordentlichen Krim“ und wollen das Wesen des Menschen erforschen.

Igor’ Sid (Sidorenko) ist als Kurator und Essayist bekannt geworden, vor allem durch die Popularisierung des Begriffs Geopoetik. Seine Essays decken ein breites Themenspektrum ab: vom Terrorismus über das utopische Bewusstsein bis zur biologischen Kehrseite des Menschen (http://www.russ.ru/avtory/Sid-Igor). Zu seinen wichtigsten Initiativen gehört das Bosporus-Forum zeitgenössischer Kultur in der Krim (1993-1995) und das erste afro-ukrainische Festival (Angola-Ukraina, 2001). Bisher wenig bekannt ist Sids dichterische Seite, einzusehen in der Zeitschrift Reflect von 2007 (http://www.russ.ru/avtory/Sid-Igor).

 

sidnovinki: Wie würden Sie Ihren Beruf bezeichnen? Journalist, Künstler, Dichter, Biologe usw. – oder alles zusammen?

 

Igor' Sid: Bei der schwierigen Suche nach dem gemeinsamen Nenner meiner Berufszweige fällt mir meine alte, für mich selbst damals unerwartete Antwort auf die Frage eines Kritikers ein, was der Krim-Klub sei. Die Formulierung enthält ein Maximum an Einfachheit und Kürze „konzentrierte Lebensform der zeitgenössischen künstlerischen Kultur“.

Ich bin also einfach ein Kulturschaffender, der neue künstlerische Tendenzen ausfindig macht und sich aneignet. Aber wenn man meine Interessen in aufsteigender Reihenfolge sortiert, dann bin ich natürlich Schriftsteller, konzeptioneller Kurator, reflektierender Reisender, Naturforscher und vieles mehr.

 

n.: Wenn Sie zurückblicken, was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste an der Arbeit des Krim-Klubs gewesen? Welche Ziele wurden erreicht, welche verworfen und was haben Sie in Zukunft vor?

 

I. S.: Das wichtigste Ergebnis unserer Arbeit seit 1998 ist der Aufbau einer soliden russisch-ukrainischen literarischen Brücke. Die Festigung und Erweiterung dieser Brücke haben jetzt andere Kuratoren übernommen, aber meine Aufgabe – die Errichtung der Grundkonstruktionen – sehe ich als erfüllt an. Ich muss betonen, dass nicht ich der Initiator und die erste Geige bei dem ukrainischen Thema gewesen bin, sondern die Historikerin und Übersetzerin ukrainischer Prosa Anna Bražkina. Wir haben gemeinsam auch viel an kulturellen Kontakten mit Afrika gearbeitet.

Übrigens, zum Namen des Klubs: Er paraphrasiert den Namen des von mir geschätzten futurologischen Club of Rome (Rimskij klub). Wir haben nicht die Aufgabe, die zeitgenössische Kultur der Krim zu repräsentieren. Aber wir stellen regelmäßig einzelne Autoren von der Krim vor.

Auf der Krim leben einige Kulturschaffende von Weltrang. Einige von ihnen habe ich mehrmals in Aktionen des Krim-Klubs in Moskau und Kiev einbezogen. Das sind zwei der bedeutendsten russischen Dichter – Ivan Ždanov und Andrej Poljakov, der interessanteste ukrainische Künstler Oleh Tystol (er war Kurator des ukrainischen Programms auf der Venedig-Biennale) und der schrille konzeptualistische Maler Ismet Šejch-Zadė, ein Krim-Tatare.

Heute zähle ich die Annäherung und den Abbau der Spannung zwischen der gefährlich abgesonderten russisch- und ukrainischsprachigen intellektuellen Elite in der Ukraine zu einer der Hauptaufgaben des Krim-Klubs.

 

n.: Welche besonderen Projekte gab es in letzter Zeit?

 

I. S.: 2008 wurde für mich in zweierlei Hinsicht zum Durchbruchsjahr.
Im August haben wir zusammen mit einem ‚orangenen‘ Politiker, dem Abgeordneten Oles’ Donyj, auf der Krim und auf der Insel Tuzla das ukrainisch-russisch-weißrussische Literaturfestival Barrikade auf Tuzla (Barrikada na Tuzle) veranstaltet. Diese Insel, nach dem Grenzkonflikt 2003 bekannt geworden, ist sozusagen mein ‚Erbgut‘, mein angestammter Besitz: 1993 bis 1995 habe ich dort die Aktionen des Bosporus-Forums durchgeführt. Das neue Festival hat mir gezeigt, dass selbst die Kooperation mit einem derart tendenziösen Politiker fruchtbar sein kann. (Donyj tritt gegen die Gleichberechtigung der russischen Sprache in der Ukraine ein, was viele Kulturschaffende stutzig macht und auch mir fremd ist.)Heute zähle ich zum Höhepunkt meines sogenannten Art-Managements die Ende 2008 trotz der Finanzkrise herausgekommene erste Audio-Anthologie russischer Poesie SPA (Sovremennaja Poėzija ot Avtorov). Zu den Autoren, deren Stimmen auf dieser CD zu hören sind, gehören Gandlevskij, Kibirov, Rodionov, Rubinštejn, Russ, Saburov... Die Arbeit ging schwierig und mit Pausen voran, aber wir haben es geschafft, den genialen russischen Dichter Dmitrij A. Prigov aufzunehmen, bevor er 2007 starb.

 

n.: Sie werden sicherlich häufig zum Begriff der Geopoetik befragt. Könnten Sie dennoch kurz skizzieren, was Sie darunter verstehen?

 

I. S.: Die Geopoetik habe ich irgendwann als einen synkretistischen Begriff gebraucht, der meinen modus vivendi und meine persönliche Philosophie vereinigt. Aber heute, 15 Jahre später, denke ich, dass die Geopoetik eine wichtige Kategorie innerhalb eines neuen Denkens über das Wesen des Menschen werden kann – das Arbeitsinstrument einer neuen Anthropologie.

Die Semantik des Worts Geopoetik ist mehrdeutig, ebenso wie seine unterbrochene Geschichte. Diesen Begriff habe ich mir im Herbst 1994 ausgedacht. Damals habe ich einen provokanten kulturologischen Vortrag vorbereitet, um in Jalta auf einem internationalen Symposium anlässlich des 50jährigen Jubiläums der Jalta-Konferenz von 1945 aufzutreten. Dorthin hatten mich meine ideologischen Opponenten eingeladen, russlandfreundliche Historiker und Politologen von der Krim. Die Diskussionen in dem berühmten Livadijskij-Schloss waren durchweg von Geopolitik durchdrungen. Gegenüber diesem immer anachronistischeren Paradigma habe ich meine auf Kultur fixierte, geisteswissenschaftliche Position gestellt.

Ich habe Geopoetik als eine hypothetische neue Disziplin beschrieben, die die Mechanismen kultureller Gravitation und der Strukturierung des menschlichen Raums untersucht, allerdings nicht ganz nach Huntington. Diese Mechanismen müssen auf künstlerischen Ambitionen basieren, nicht auf denen der Macht. Das war natürlich eine seltsame und freche Utopie. Dennoch hat der neue Begriff trotz seiner Abstraktheit und Unklarheit viele ‚berührt‘. Und so entschied ich mich, das entsprechende Epitheton zu dem Namen des Klubs hinzuzufügen, den ich ein Jahr später in Moskau gegründet habe.

Das war die Epoche des Krim-Separatismus unter Präsident Meškov, und ‚literarische‘, unpolitische Konnotationen kamen beim Publikum kaum an. Aber an der ersten Geopoetik-Konferenz in Moskau 1996 nahmen trotzdem Größen wie Michail Gasparov teil. Bald wurde der ‚wissenschaftliche Begriff‘, den ich in die literarischen Kreise geworfen hatte, als Bezeichnung einiger neuer künstlerischer Praktiken wahrgenommen.

Allerdings stellte sich noch ein Jahr später heraus, dass der Begriff auch vor mir existiert hat, in Frankreich. Der Kulturologe und Essayist Kenneth White hat ihn erfunden. Er hat ihn auch der Geopolitik gegenübergestellt, aber im Gegensatz zu mir hat die Geopoetik von White mit einem Raum zu tun, der fremd und unbekannt für seinen Rezipienten ist – vor allem die Routen arktischer Expeditionen. Das heißt, ihm geht es um einen Raum der Bewegung. Ich hingegen arbeite mit dem Raum des Habitats – sozusagen dem klassischen „Lebensraum“, aber im kulturellen Sinne. Ein Raum, der nicht erweitert werden soll (aus irgendeinem Grund geht dies üblicherweise mit der Verkleinerung des Raums der Nachbarn einher), sondern künstlerisch aus dem Inneren strukturiert.

 

n.: In Deutschland assoziiert man Geopoetik möglicherweise mehr mit Jurij Andruchovyč und Andrzej Stasiuk als mit dem Krim-Klub. Wie stehen Sie dazu, dass sie diesen Begriff ‚entliehen‘ haben?

 

I. S.: In den Texten Stasiuks ist mir dieser Begriff nie begegnet, er neigt nicht zur Theoretisierung. Ich nehme an, dass diese Perspektive auf Andrzejs Schaffen durch Andruchovyč entstanden ist.

Jurij habe ich 1998 von der Geopoetik erzählt. Auf unsere Einladung hin kam er zum ersten Mal seit fast 10 Jahren nach Moskau. Auch wenn der Krim-Klub kein erklärtes ‚anti-imperialistisches‘ Projekt war, sondern einfach ästhetisiert als ‚nicht-imperialistisch‘, wurde er für ihn zu einer bequemen Plattform. Seitdem war er noch mehrere Male bei uns.

In der Interpretation Andruchovyčs reproduziert Geopoetik ein Motiv der klassischen Geopolitik Ratzels, Mackinders und Huntingtons – die Idee der Konkurrenz und Unvereinbarkeit, ja sogar Feindschaft verschiedener kultureller Räume. Seine Geopoetik ist eine Publizistik über dramatische Unterschiede und den Streit von Nationalkulturen und Mentalitäten, die mit dem Vektor von leitenden Ambitionen geladen ist.

 

n.: Die „fiktive Landeskunde“ Andruchovyčs und das westukrainische Projekt Zug76 (Potjah76) – sind das nicht auch Formen von Geopoetik in Ihrem Sinne?

 

I. S.: Ja, wobei diese Projekte einander ergänzen. Zug76 baut einen alternativen kulturellen Raum der Ukraine auf. Die „Landeskunde“, die eigentlich nicht sonderlich fiktiv ist, markiert diesen Raum, durchnäht ihn mit einem Netz aus Koordinaten und Kraftlinien.

Der „leitende Vektor“, von dem ich gesprochen habe, ist keine Metapher. Ich meine die von Andruchovyč deklarierte klare geografische Ausrichtung: Ein Aufruf zur metaphysischen Wanderung nach Westen. „Westen, Westen und noch mal Westen“ – ich mag dieses Zitat bei ihm.

Wie Sie merken, verwende ich in meiner Arbeit oft die Etymologie als ein Arbeitsinstrument, als eine Hermeneutik. Zum Beispiel deute ich den Titel von Jurijs Essay Desorientierung vor Ort (ukr. Dezorijentacija na miscevosti) von Neuem: “des-orientierung” ist eine Abkehr von der traditionellen Ausrichtung gen Osten (lat. oriens) als der grundlegenden. Das ist der ganze Andruchovyč.

In der Terminologie von Windrosen ausgedrückt, ruft die Geopoetik Whites nach Norden in die harte unerforschte Arktis, die Geopoetik Sids in den Süden auf die un-ordentliche Krim und die wenig erforschten Tropen; die von Andruchovyč in den Westen, in das zivilisierte Europa. Davon abgesehen ähnelt sich Jurijs und mein Konzept darin, dass wir außer der Beschreibung von kulturellen Räumen auch die Intention haben, Räume zu erschaffen und umzugestalten.

 

n.: Inwiefern sind Sie bei Ihrer Funktion als „Kulturträger“, wie Sie sich bezeichnen, auch ein politischer Vorkämpfer?

 

I. S.: Mit „Kulturträger“ bin ich einverstanden. Vor ungefähr 15 Jahren ist in Moskau der präzise Begriff Literaturträger („literaturtreger“) entstanden, den der Kurator und Verleger Dmitrij Kuz’min vorgeschlagen hat. Das bezeichnet sowohl mich, Kuz’min als auch Andruchovyč, der ukrainische Lesungen in Berlin organisiert.

Ein politischer Kämpfer bin ich jedoch nicht. Ernsthaft habe ich nur vor 20 Jahren Politik betrieben. Ich hatte mich bei dem Kampf für eine Umprofilierung des mit gefährlichen Mängeln gebauten Atomkraftwerks auf der Krim engagiert. Zusammen mit anderen haben wir die Inbetriebnahme verhindert, und seitdem habe ich die Politik verlassen. Ein Kulturträger sein und Politik machen – das ist, als ob man Pflanzen im Gewächshaus mit einem Bulldozer schneiden würde.

 

afrikan.: Könnten Sie sich vorstellen, die Idee eines ästhetischen Mitteleuropas zu unterstützen? Oder ersetzen Sie diese mit Krim und Madagaskar?

 

I. S.: Die Idee eines „ästhetischen Mitteleuropas“ ist mir sehr nah. Das ist ein für mich bequemer Raum – viel mehr als der Raum Russlands, wo der Mensch sich viel unfreier fühlt. In diesem Sinne ähnelt die Krim als ein ehemaliges sowjetisches Territorium mehr Russland als Europa in der Gestalt Warschaus oder des von mir geliebten Lembergs. Allerdings bin ich als erfahrener Reisender unbequeme Situationen gewöhnt. Außerdem ist meine Arbeitssprache Russisch. Von 1995 bis 2007 habe ich mich wie in einer längeren Expedition in Moskau aufgehalten. Ich bin in die Ukraine nicht deswegen zurückgekehrt, weil es in Russland zu ungemütlich geworden ist (obwohl diese Tendenz offensichtlich ist), sondern weil ich meinen Handlungsraum erweitern möchte.

Die Krim ist für mich das, was man ‚kleine Heimat‘ nennt. Der Heimat verzeiht man, wie den Eltern auch, kleine Fehler. Und Madagaskar ist eine ‚Essenz‘ der Krim, eine konzentrierte Verbindung von südlicher Natur und patriarchaler Lebensweise, multipliziert mit zahlreichen historischen Rätseln und einer romantischen Landschaft.

 

n.: Welche Rolle spielen die afrikanischen Veranstaltungen im Konzept Ihrer Geopoetik und welche Parallelen gibt es zu den Krim-Projekten?

 

I. S.: Ehrlich gesagt, fällt es mir selber schwer, meine Projekte auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die tropischen Projekte reißen mich leider aus dem literarischen Kontext heraus. Wahrscheinlich sind sie für mich als eine Antwort auf die Eindrücke meiner Kindheit wichtig. Ende der 1960er arbeitete meine Familie in Afrika (mein Vater ist Physiker). Meine Tropen-Sehnsucht erinnert mich an Gauguin, der in seiner Kindheit in Peru gelebt hat.

Madagaskar ist mit der russischen Literatur über Sujets und Zitate eng verbunden. Vielleicht beschäftige ich mich deswegen hauptsächlich mit dieser Insel.

 

n.: Was genau ist „Zoosophie“ – mehr als ein tag in Ihrem Blog?

 

I. S.: Diesen Begriff, der das Denken über das Phänomen des Tierlebens bezeichnet, habe ich von dem Philosophen Herbert Spencer. Das ist für mich nicht nur ein tag in meinem Blog, der Fotografien und Texte über Tiere kennzeichnet, sondern auch eine Reihe von Diskussionen des Krim-Klubs zwischen Literaten und Zoologen über diverse Bedeutungen, die verschiedene Tiere in sich tragen. Einige Tiere verkörpern sozusagen konkrete menschliche Eigenschaften (der Hund – ‘Treue‘, der Esel – ‘Sturheit‘, der Fuchs – ‘Schlauheit‘ usw.). Man kann annehmen, dass das menschliche Wesen aus einem Spektrum unterschiedlich entwickelter ‚animalischer‘ Charakterzüge besteht, und zusätzlich dazu noch aus irgendetwas anderem. Grenzenloses Thema zum Nachdenken.

 

kuhn.: .Fast jedes Stück Erde hat seine eigene mehrschichtige (erschriebene) Geschichte und manchmal scheint es, als ob Texte über einen ‚Raum‘ stärker von seiner diskursiven Spezifik als von der Kreativität eines Autors geleitet werden. Geht die Zoosophie davon aus, dass die Natur a priori eine eigene Ästhetik hat, also noch bevor sie in einen literarischen Text oder ein visuelles Bild eingeht?

 

I. S.: Intuitiv schreibe ich der Natur eine ihr immanente Poetik und Ästhetik zu. Aber wenn wir über die Ästhetik eines beliebigen Objekts sprechen, setzen wir die Existenz eines wahrnehmenden Subjekts voraus und bei der Poetik die Existenz eines schaffenden Subjekts. Daher hat die Natur wahrscheinlich keine Ästhetik, wenn es keinen Menschen gibt, der sie wahrnimmt und keine Poetik, wenn es keinen Gott gibt, der die Natur erschaffen hat.

Der Mensch neigt dazu, diese Poetik mit seinen Aktivitäten zu zerstören. Als eine Art Wiedergutmachung hat er solche Künste und Praktiken erschaffen wie Architektur, Landschaftskunst und Feng Shui. Aber wenn ich zum Beispiel die Betrachtung eines Steingartens im japanischen Stil genieße, dann kommt in mir der Verdacht auf, sub specie der Zoosophie, dass dafür der ‚Ursprungsaffe‘ in mir verantwortlich sein könnte. Die Anordnung der Steine erscheint mir behaglich und intim, weil es sehr angenehm ist, zwischen ihnen zu spielen oder sich zu verstecken.

Globale Konflikte und Kriege zeigen, dass der Mensch intensiver über sich selbst nachdenken muss. Offenbar ignorieren wir etwas Grundlegendes, wenn es bis jetzt nicht gelungen ist, ein effektives Mittel zu finden, das gegenseitiges Verständnis in höchst gefährlichen Situationen ermöglichen würde... Die Zoosophie trägt dem ‚Animalischen‘ im Menschen (natürlich metaphorisch) Rechnung und könnte ein zusätzliches nützliches Instrument einer neuen Anthropologie werden.

 

n.: Vielen Dank für dieses E-Mail-Interview.

 

Das Interview wurde geführt und aus dem Russischen übersetzt von Tatjana Hofmann.

http://www.russ.ru/avtory/Sid-Igor
http://igor-sid.livejournal.com/
http://intellectuals.ru/sid/

 

„Instrumente für eine neue Anthropologie“ – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Instru­mente für eine neue Anthropologie“

Igor’ Sid (Sido­renko) ist als Kurator und Essayist bekannt geworden, vor allem durch die Popu­la­ri­sie­rung des Begriffs Geo­poetik. Seine Essays decken ein breites The­men­spek­trum ab: vom Ter­ro­rismus über das uto­pi­sche Bewusst­sein bis zur bio­lo­gi­schen Kehr­seite des Men­schen (http://www.russ.ru/avtory/Sid-Igor). Zu seinen wich­tigsten Initia­tiven gehört das Bos­porus-Forum zeit­ge­nös­si­scher Kultur in der Krim (1993–1995) und das erste afro-ukrai­ni­sche Fes­tival (Angola-Ukraina, 2001). Bisher wenig bekannt ist Sids dich­te­ri­sche Seite, ein­zu­sehen in der Zeit­schrift Reflect von 2007 (http://www.russ.ru/avtory/Sid-Igor).

 

sid

novinki: Wie würden Sie Ihren Beruf bezeichnen? Jour­na­list, Künstler, Dichter, Bio­loge usw. – oder alles zusammen?

 

Igor’ Sid: Bei der schwie­rigen Suche nach dem gemein­samen Nenner meiner Berufs­zweige fällt mir meine alte, für mich selbst damals uner­war­tete Ant­wort auf die Frage eines Kri­ti­kers ein, was der Krim-Klub sei. Die For­mu­lie­rung ent­hält ein Maximum an Ein­fach­heit und Kürze „kon­zen­trierte Lebens­form der zeit­ge­nös­si­schen künst­le­ri­schen Kultur“.

Ich bin also ein­fach ein Kul­tur­schaf­fender, der neue künst­le­ri­sche Ten­denzen aus­findig macht und sich aneignet. Aber wenn man meine Inter­essen in auf­stei­gender Rei­hen­folge sor­tiert, dann bin ich natür­lich Schrift­steller, kon­zep­tio­neller Kurator, reflek­tie­render Rei­sender, Natur­for­scher und vieles mehr.

 

n.: Wenn Sie zurück­bli­cken, was ist Ihrer Mei­nung nach das Wich­tigste an der Arbeit des Krim-Klubs gewesen? Welche Ziele wurden erreicht, welche ver­worfen und was haben Sie in Zukunft vor?

 

I. S.: Das wich­tigste Ergebnis unserer Arbeit seit 1998 ist der Aufbau einer soliden rus­sisch-ukrai­ni­schen lite­ra­ri­schen Brücke. Die Fes­ti­gung und Erwei­te­rung dieser Brücke haben jetzt andere Kura­toren über­nommen, aber meine Auf­gabe – die Errich­tung der Grund­kon­struk­tionen – sehe ich als erfüllt an. Ich muss betonen, dass nicht ich der Initiator und die erste Geige bei dem ukrai­ni­schen Thema gewesen bin, son­dern die His­to­ri­kerin und Über­set­zerin ukrai­ni­scher Prosa Anna Braž­kina. Wir haben gemeinsam auch viel an kul­tu­rellen Kon­takten mit Afrika gearbeitet.

Übri­gens, zum Namen des Klubs: Er para­phra­siert den Namen des von mir geschätzten futu­ro­lo­gi­schen Club of Rome (Rimskij klub). Wir haben nicht die Auf­gabe, die zeit­ge­nös­si­sche Kultur der Krim zu reprä­sen­tieren. Aber wir stellen regel­mäßig ein­zelne Autoren von der Krim vor.

Auf der Krim leben einige Kul­tur­schaf­fende von Welt­rang. Einige von ihnen habe ich mehr­mals in Aktionen des Krim-Klubs in Moskau und Kiev ein­be­zogen. Das sind zwei der bedeu­tendsten rus­si­schen Dichter – Ivan Ždanov und Andrej Pol­jakov, der inter­es­san­teste ukrai­ni­sche Künstler Oleh Tystol (er war Kurator des ukrai­ni­schen Pro­gramms auf der Venedig-Bien­nale) und der schrille kon­zep­tua­lis­ti­sche Maler Ismet Šejch-Zadė, ein Krim-Tatare.

Heute zähle ich die Annä­he­rung und den Abbau der Span­nung zwi­schen der gefähr­lich abge­son­derten rus­sisch- und ukrai­nisch­spra­chigen intel­lek­tu­ellen Elite in der Ukraine zu einer der Haupt­auf­gaben des Krim-Klubs.

 

n.: Welche beson­deren Pro­jekte gab es in letzter Zeit?

 

I. S.: 2008 wurde für mich in zwei­erlei Hin­sicht zum Durchbruchsjahr.
Im August haben wir zusammen mit einem ‚oran­genen‘ Poli­tiker, dem Abge­ord­neten Oles’ Donyj, auf der Krim und auf der Insel Tuzla das ukrai­nisch-rus­sisch-weiß­rus­si­sche Lite­ra­tur­fes­tival Bar­ri­kade auf Tuzla (Bar­ri­kada na Tuzle) ver­an­staltet. Diese Insel, nach dem Grenz­kon­flikt 2003 bekannt geworden, ist sozu­sagen mein ‚Erbgut‘, mein ange­stammter Besitz: 1993 bis 1995 habe ich dort die Aktionen des Bos­porus-Forums durch­ge­führt. Das neue Fes­tival hat mir gezeigt, dass selbst die Koope­ra­tion mit einem derart ten­den­ziösen Poli­tiker fruchtbar sein kann. (Donyj tritt gegen die Gleich­be­rech­ti­gung der rus­si­schen Sprache in der Ukraine ein, was viele Kul­tur­schaf­fende stutzig macht und auch mir fremd ist.)Heute zähle ich zum Höhe­punkt meines soge­nannten Art-Manage­ments die Ende 2008 trotz der Finanz­krise her­aus­ge­kom­mene erste Audio-Antho­logie rus­si­scher Poesie SPA (Sov­re­men­naja Poė­zija ot Avtorov). Zu den Autoren, deren Stimmen auf dieser CD zu hören sind, gehören Gan­d­levskij, Kibirov, Rodi­onov, Rubinš­tejn, Russ, Saburov… Die Arbeit ging schwierig und mit Pausen voran, aber wir haben es geschafft, den genialen rus­si­schen Dichter Dmi­trij A. Prigov auf­zu­nehmen, bevor er 2007 starb.

 

n.: Sie werden sicher­lich häufig zum Begriff der Geo­poetik befragt. Könnten Sie den­noch kurz skiz­zieren, was Sie dar­unter verstehen?

 

I. S.: Die Geo­poetik habe ich irgend­wann als einen syn­kre­tis­ti­schen Begriff gebraucht, der meinen modus vivendi und meine per­sön­liche Phi­lo­so­phie ver­ei­nigt. Aber heute, 15 Jahre später, denke ich, dass die Geo­poetik eine wich­tige Kate­gorie inner­halb eines neuen Den­kens über das Wesen des Men­schen werden kann – das Arbeits­in­stru­ment einer neuen Anthropologie.

Die Semantik des Worts Geo­poetik ist mehr­deutig, ebenso wie seine unter­bro­chene Geschichte. Diesen Begriff habe ich mir im Herbst 1994 aus­ge­dacht. Damals habe ich einen pro­vo­kanten kul­turo­lo­gi­schen Vor­trag vor­be­reitet, um in Jalta auf einem inter­na­tio­nalen Sym­po­sium anläss­lich des 50jährigen Jubi­läums der Jalta-Kon­fe­renz von 1945 auf­zu­treten. Dorthin hatten mich meine ideo­lo­gi­schen Oppo­nenten ein­ge­laden, russ­land­freund­liche His­to­riker und Poli­to­logen von der Krim. Die Dis­kus­sionen in dem berühmten Liva­d­ijskij-Schloss waren durchweg von Geo­po­litik durch­drungen. Gegen­über diesem immer ana­chro­nis­ti­scheren Para­digma habe ich meine auf Kultur fixierte, geis­tes­wis­sen­schaft­liche Posi­tion gestellt.

Ich habe Geo­poetik als eine hypo­the­ti­sche neue Dis­zi­plin beschrieben, die die Mecha­nismen kul­tu­reller Gra­vi­ta­tion und der Struk­tu­rie­rung des mensch­li­chen Raums unter­sucht, aller­dings nicht ganz nach Hun­tington. Diese Mecha­nismen müssen auf künst­le­ri­schen Ambi­tionen basieren, nicht auf denen der Macht. Das war natür­lich eine selt­same und freche Utopie. Den­noch hat der neue Begriff trotz seiner Abs­trakt­heit und Unklar­heit viele ‚berührt‘. Und so ent­schied ich mich, das ent­spre­chende Epi­theton zu dem Namen des Klubs hin­zu­zu­fügen, den ich ein Jahr später in Moskau gegründet habe.

Das war die Epoche des Krim-Sepa­ra­tismus unter Prä­si­dent Meškov, und ‚lite­ra­ri­sche‘, unpo­li­ti­sche Kon­no­ta­tionen kamen beim Publikum kaum an. Aber an der ersten Geo­poetik-Kon­fe­renz in Moskau 1996 nahmen trotzdem Größen wie Michail Gas­parov teil. Bald wurde der ‚wis­sen­schaft­liche Begriff‘, den ich in die lite­ra­ri­schen Kreise geworfen hatte, als Bezeich­nung einiger neuer künst­le­ri­scher Prak­tiken wahrgenommen.

Aller­dings stellte sich noch ein Jahr später heraus, dass der Begriff auch vor mir exis­tiert hat, in Frank­reich. Der Kul­turo­loge und Essayist Ken­neth White hat ihn erfunden. Er hat ihn auch der Geo­po­litik gegen­über­ge­stellt, aber im Gegen­satz zu mir hat die Geo­poetik von White mit einem Raum zu tun, der fremd und unbe­kannt für seinen Rezi­pi­enten ist – vor allem die Routen ark­ti­scher Expe­di­tionen. Das heißt, ihm geht es um einen Raum der Bewe­gung. Ich hin­gegen arbeite mit dem Raum des Habi­tats – sozu­sagen dem klas­si­schen „Lebens­raum“, aber im kul­tu­rellen Sinne. Ein Raum, der nicht erwei­tert werden soll (aus irgend­einem Grund geht dies übli­cher­weise mit der Ver­klei­ne­rung des Raums der Nach­barn einher), son­dern künst­le­risch aus dem Inneren strukturiert.

 

n.: In Deutsch­land asso­zi­iert man Geo­poetik mög­li­cher­weise mehr mit Jurij Andruchovyč und Andrzej Sta­siuk als mit dem Krim-Klub. Wie stehen Sie dazu, dass sie diesen Begriff ‚ent­liehen‘ haben?

 

I. S.: In den Texten Sta­siuks ist mir dieser Begriff nie begegnet, er neigt nicht zur Theo­re­ti­sie­rung. Ich nehme an, dass diese Per­spek­tive auf Andrzejs Schaffen durch Andruchovyč ent­standen ist.

Jurij habe ich 1998 von der Geo­poetik erzählt. Auf unsere Ein­la­dung hin kam er zum ersten Mal seit fast 10 Jahren nach Moskau. Auch wenn der Krim-Klub kein erklärtes ‚anti-impe­ria­lis­ti­sches‘ Pro­jekt war, son­dern ein­fach ästhe­ti­siert als ‚nicht-impe­ria­lis­tisch‘, wurde er für ihn zu einer bequemen Platt­form. Seitdem war er noch meh­rere Male bei uns.

In der Inter­pre­ta­tion Andrucho­vyčs repro­du­ziert Geo­poetik ein Motiv der klas­si­schen Geo­po­litik Rat­zels, Mack­in­ders und Hun­ting­tons – die Idee der Kon­kur­renz und Unver­ein­bar­keit, ja sogar Feind­schaft ver­schie­dener kul­tu­reller Räume. Seine Geo­poetik ist eine Publi­zistik über dra­ma­ti­sche Unter­schiede und den Streit von Natio­nal­kul­turen und Men­ta­li­täten, die mit dem Vektor von lei­tenden Ambi­tionen geladen ist.

 

n.: Die „fik­tive Lan­des­kunde“ Andrucho­vyčs und das west­ukrai­ni­sche Pro­jekt Zug76 (Potjah76) – sind das nicht auch Formen von Geo­poetik in Ihrem Sinne?

 

I. S.: Ja, wobei diese Pro­jekte ein­ander ergänzen. Zug76 baut einen alter­na­tiven kul­tu­rellen Raum der Ukraine auf. Die „Lan­des­kunde“, die eigent­lich nicht son­der­lich fiktiv ist, mar­kiert diesen Raum, durch­näht ihn mit einem Netz aus Koor­di­naten und Kraftlinien.

Der „lei­tende Vektor“, von dem ich gespro­chen habe, ist keine Meta­pher. Ich meine die von Andruchovyč dekla­rierte klare geo­gra­fi­sche Aus­rich­tung: Ein Aufruf zur meta­phy­si­schen Wan­de­rung nach Westen. „Westen, Westen und noch mal Westen“ – ich mag dieses Zitat bei ihm.

Wie Sie merken, ver­wende ich in meiner Arbeit oft die Ety­mo­logie als ein Arbeits­in­stru­ment, als eine Her­me­neutik. Zum Bei­spiel deute ich den Titel von Jurijs Essay Des­ori­en­tie­rung vor Ort (ukr. Dezori­jen­ta­cija na mis­ce­vosti) von Neuem: “des-ori­en­tie­rung” ist eine Abkehr von der tra­di­tio­nellen Aus­rich­tung gen Osten (lat. oriens) als der grund­le­genden. Das ist der ganze Andruchovyč.

In der Ter­mi­no­logie von Wind­rosen aus­ge­drückt, ruft die Geo­poetik Whites nach Norden in die harte uner­forschte Arktis, die Geo­poetik Sids in den Süden auf die un-ordent­liche Krim und die wenig erforschten Tropen; die von Andruchovyč in den Westen, in das zivi­li­sierte Europa. Davon abge­sehen ähnelt sich Jurijs und mein Kon­zept darin, dass wir außer der Beschrei­bung von kul­tu­rellen Räumen auch die Inten­tion haben, Räume zu erschaffen und umzugestalten.

 

n.: Inwie­fern sind Sie bei Ihrer Funk­tion als „Kul­tur­träger“, wie Sie sich bezeichnen, auch ein poli­ti­scher Vorkämpfer?

 

I. S.: Mit „Kul­tur­träger“ bin ich ein­ver­standen. Vor unge­fähr 15 Jahren ist in Moskau der prä­zise Begriff Lite­ra­tur­träger („lite­ra­turt­reger“) ent­standen, den der Kurator und Ver­leger Dmi­trij Kuz’min vor­ge­schlagen hat. Das bezeichnet sowohl mich, Kuz’min als auch Andruchovyč, der ukrai­ni­sche Lesungen in Berlin organisiert.

Ein poli­ti­scher Kämpfer bin ich jedoch nicht. Ernst­haft habe ich nur vor 20 Jahren Politik betrieben. Ich hatte mich bei dem Kampf für eine Umpro­fi­lie­rung des mit gefähr­li­chen Män­geln gebauten Atom­kraft­werks auf der Krim enga­giert. Zusammen mit anderen haben wir die Inbe­trieb­nahme ver­hin­dert, und seitdem habe ich die Politik ver­lassen. Ein Kul­tur­träger sein und Politik machen – das ist, als ob man Pflanzen im Gewächs­haus mit einem Bull­dozer schneiden würde.

 

afrika

n.: Könnten Sie sich vor­stellen, die Idee eines ästhe­ti­schen Mit­tel­eu­ropas zu unter­stützen? Oder ersetzen Sie diese mit Krim und Mada­gaskar?

 

I. S.: Die Idee eines „ästhe­ti­schen Mit­tel­eu­ropas“ ist mir sehr nah. Das ist ein für mich bequemer Raum – viel mehr als der Raum Russ­lands, wo der Mensch sich viel unfreier fühlt. In diesem Sinne ähnelt die Krim als ein ehe­ma­liges sowje­ti­sches Ter­ri­to­rium mehr Russ­land als Europa in der Gestalt War­schaus oder des von mir geliebten Lem­bergs. Aller­dings bin ich als erfah­rener Rei­sender unbe­queme Situa­tionen gewöhnt. Außerdem ist meine Arbeits­sprache Rus­sisch. Von 1995 bis 2007 habe ich mich wie in einer län­geren Expe­di­tion in Moskau auf­ge­halten. Ich bin in die Ukraine nicht des­wegen zurück­ge­kehrt, weil es in Russ­land zu unge­müt­lich geworden ist (obwohl diese Ten­denz offen­sicht­lich ist), son­dern weil ich meinen Hand­lungs­raum erwei­tern möchte.

Die Krim ist für mich das, was man ‚kleine Heimat‘ nennt. Der Heimat ver­zeiht man, wie den Eltern auch, kleine Fehler. Und Mada­gaskar ist eine ‚Essenz‘ der Krim, eine kon­zen­trierte Ver­bin­dung von süd­li­cher Natur und patri­ar­chaler Lebens­weise, mul­ti­pli­ziert mit zahl­rei­chen his­to­ri­schen Rät­seln und einer roman­ti­schen Landschaft.

 

n.: Welche Rolle spielen die afri­ka­ni­schen Ver­an­stal­tungen im Kon­zept Ihrer Geo­poetik und welche Par­al­lelen gibt es zu den Krim-Projekten?

 

I. S.: Ehr­lich gesagt, fällt es mir selber schwer, meine Pro­jekte auf einen gemein­samen Nenner zu bringen. Die tro­pi­schen Pro­jekte reißen mich leider aus dem lite­ra­ri­schen Kon­text heraus. Wahr­schein­lich sind sie für mich als eine Ant­wort auf die Ein­drücke meiner Kind­heit wichtig. Ende der 1960er arbei­tete meine Familie in Afrika (mein Vater ist Phy­siker). Meine Tropen-Sehn­sucht erin­nert mich an Gau­guin, der in seiner Kind­heit in Peru gelebt hat.

Mada­gaskar ist mit der rus­si­schen Lite­ratur über Sujets und Zitate eng ver­bunden. Viel­leicht beschäf­tige ich mich des­wegen haupt­säch­lich mit dieser Insel.

 

n.: Was genau ist „Zoo­so­phie“ – mehr als ein tag in Ihrem Blog?

 

I. S.: Diesen Begriff, der das Denken über das Phä­nomen des Tier­le­bens bezeichnet, habe ich von dem Phi­lo­so­phen Her­bert Spencer. Das ist für mich nicht nur ein tag in meinem Blog, der Foto­gra­fien und Texte über Tiere kenn­zeichnet, son­dern auch eine Reihe von Dis­kus­sionen des Krim-Klubs zwi­schen Lite­raten und Zoo­logen über diverse Bedeu­tungen, die ver­schie­dene Tiere in sich tragen. Einige Tiere ver­kör­pern sozu­sagen kon­krete mensch­liche Eigen­schaften (der Hund – ‘Treue‘, der Esel – ‘Stur­heit‘, der Fuchs – ‘Schlau­heit‘ usw.). Man kann annehmen, dass das mensch­liche Wesen aus einem Spek­trum unter­schied­lich ent­wi­ckelter ‚ani­ma­li­scher‘ Cha­rak­ter­züge besteht, und zusätz­lich dazu noch aus irgend­etwas anderem. Gren­zen­loses Thema zum Nachdenken.

 

kuh

n.: .Fast jedes Stück Erde hat seine eigene mehr­schich­tige (erschrie­bene) Geschichte und manchmal scheint es, als ob Texte über einen ‚Raum‘ stärker von seiner dis­kur­siven Spe­zifik als von der Krea­ti­vität eines Autors geleitet werden. Geht die Zoo­so­phie davon aus, dass die Natur a priori eine eigene Ästhetik hat, also noch bevor sie in einen lite­ra­ri­schen Text oder ein visu­elles Bild eingeht?

 

I. S.: Intuitiv schreibe ich der Natur eine ihr imma­nente Poetik und Ästhetik zu. Aber wenn wir über die Ästhetik eines belie­bigen Objekts spre­chen, setzen wir die Exis­tenz eines wahr­neh­menden Sub­jekts voraus und bei der Poetik die Exis­tenz eines schaf­fenden Sub­jekts. Daher hat die Natur wahr­schein­lich keine Ästhetik, wenn es keinen Men­schen gibt, der sie wahr­nimmt und keine Poetik, wenn es keinen Gott gibt, der die Natur erschaffen hat.

Der Mensch neigt dazu, diese Poetik mit seinen Akti­vi­täten zu zer­stören. Als eine Art Wie­der­gut­ma­chung hat er solche Künste und Prak­tiken erschaffen wie Archi­tektur, Land­schafts­kunst und Feng Shui. Aber wenn ich zum Bei­spiel die Betrach­tung eines Stein­gar­tens im japa­ni­schen Stil genieße, dann kommt in mir der Ver­dacht auf, sub specie der Zoo­so­phie, dass dafür der ‚Ursprungs­affe‘ in mir ver­ant­wort­lich sein könnte. Die Anord­nung der Steine erscheint mir behag­lich und intim, weil es sehr ange­nehm ist, zwi­schen ihnen zu spielen oder sich zu verstecken.

Glo­bale Kon­flikte und Kriege zeigen, dass der Mensch inten­siver über sich selbst nach­denken muss. Offenbar igno­rieren wir etwas Grund­le­gendes, wenn es bis jetzt nicht gelungen ist, ein effek­tives Mittel zu finden, das gegen­sei­tiges Ver­ständnis in höchst gefähr­li­chen Situa­tionen ermög­li­chen würde… Die Zoo­so­phie trägt dem ‚Ani­ma­li­schen‘ im Men­schen (natür­lich meta­pho­risch) Rech­nung und könnte ein zusätz­li­ches nütz­li­ches Instru­ment einer neuen Anthro­po­logie werden.

 

n.: Vielen Dank für dieses E‑Mail-Inter­view.

 

Das Inter­view wurde geführt und aus dem Rus­si­schen über­setzt von Tat­jana Hofmann.

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