Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Sekond Hend“ – Mythen und Geschichten über die Krim

Die Krim gilt als eine Pro­jek­ti­ons­fläche für poe­ti­sche und ideo­lo­gi­sche Fan­ta­sien. Die Halb­insel im Schwarzen Meer rückte Mitte des 19. Jahr­hun­derts ins Zen­trum des mili­tä­ri­schen Inter­esses von Eng­land, Frank­reich und der Türkei. Diese Inter­es­sen­kon­flikte dauern bis in die Gegen­wart an: Eine über­wie­gend rus­sisch­spra­chige Bevöl­ke­rung eignet sich nicht ohne Ambi­va­lenzen die ukrai­ni­sche Kultur an – und umge­kehrt, je nach Quel­len­lage und kul­tu­rellem Standort.

Die lite­ra­ri­sche Aneig­nung der Krim blickt eben­falls auf eine lang andau­ernde, inter­na­tional aus­ge­rich­tete und ent­spre­chend hete­ro­gene Tra­di­tion. Als Schau­platz bietet die abwechs­lungs­reiche Land­schaft Anknüp­fungs­punkte für Ver­or­tungen im medi­ter­ranen wie im ori­en­ta­li­schen, aber auch in einem ur-euro­päi­schen Kon­text. Wäh­rend in Goe­thes „Iphi­genie auf Tauris“ das antike Erbe der Krim her­auf­be­schworen wurde, diente die rus­si­sche Krim-Lyrik im 18. und 19. Jahr­hun­dert zur ver­herr­li­chenden Ver­ar­bei­tung der hel­le­ni­sie­renden „Tauris“-Rhetorik Katha­rinas II., unter deren Herr­schaft die Krim 1783 aus dem Osma­ni­schen ins Rus­si­sche Reich ein­ge­glie­dert wurde.

Inner­halb der neueren Ost­eu­ropa-For­schung haben Larry Wolff (The Inven­tion of Eas­tern Europe, 1994) und Neal Ascherson (Black Sea, 1994) die Halb­insel pro­mi­nent gemacht. Wenn Wolff über Ost­eu­ropa sagt, dieses Ter­ri­to­rium sei ein intel­lek­tu­elles Objekt „under con­struc­tion“, so kann man das für die Krim nach der Wende vom 18. zum 19. Jahr­hun­dert im beson­deren Maße behaupten. Rei­se­be­schrei­bungen und lite­ra­ri­sche Texte haben die Halb­insel aus west­eu­ro­päi­scher Sicht zur Met­onymie für das gesamte Ost­eu­ropa gemacht und aus rus­si­scher Sicht zum eigenen, natio­nalen Symbol.

Ein will­kür­lich-zufäl­liger Blick auf vier neuere lite­ra­ri­sche und wis­sen­schaft­liche Texte, die als exem­pla­risch gelten können, zeigt, dass die Halb­insel im Schwarzen Meer noch immer ein dank­barer Gegen­stand für tou­ris­ti­sche Reisen auf die Krim und men­tale Reisen in die Krim-Mytho­logie ist.

 

Sexy Anti-Bayern

Einen lite­ra­ri­schen Anspruch hat das schmale, kaum lek­to­rierte Büch­lein mit dem viel ver­spre­chenden Titel „Sewas­topol Sekond Hend. Unsach­liche Beob­ach­tungen an hoch­ha­ckigen Stak­sel­frauen, Wodka und Tataren“, das 2004 bereits in dritter Auf­lage in dem bay­ri­schen, auf männ­liche Autoren spe­zia­li­sierten Lagrev Verlag her­aus­ge­kommen ist. Darin appel­liert der Autor Jörg Stein­leitner, der sich selbst mit dem Erzähler und Prot­ago­nisten gleich­setzt, der Leser möge sich auf Aben­teuer ein­stellen und sich dabei amü­sieren.

Diese bestehen zunächst aus einer aus­führ­li­chen Auf­zäh­lung von Rei­se­vor­be­rei­tungen wie Imp­fungen und dem Vis­ums­an­trag, die noch von Deutsch­land aus die „Exotik“ der bevor­ste­henden Reise umreißen. Ähn­lich auf­re­gend geht es weiter, wenn der „Beob­achter“ vor Ort in Sevas­topol’ sich erst nach meh­reren Tagen traut, ohne Beglei­tung auf die Straße zu gehen. Die Aben­teuer, mit dem der Mün­chener Rechts­an­walt, der keine ost­eu­ro­päi­sche Sprache spricht, jeden Tag kämpft, sind Gestank, Hunger und buch­stäb­li­cher Appetit auf Frauen.

Aus den Rat­schlägen an den poten­ti­ellen Ukraine-Urlauber lässt sich ableiten, dass man nicht nur Salz, Pfeffer, Seife und Kaker­la­ken­spray bei sich haben müsste, son­dern auch Angst vor den Stadt­be­woh­nern, die er durchweg „Ein­ge­bo­rene“ – ohne Anfüh­rungs­zei­chen – nennt. Sie spre­chen meis­tens Rus­sisch, stellen Fragen, sind arm und haben ihre eigene Büro­kratie, womit sie nur im letzten Punkt eine Gemein­sam­keit mit der Lebens­welt des Autors haben.

Begleitet von einer „ziem­lich para­no­iden Ein­stel­lung“ gegen­über dem Essen, ver­legt er sich aus „Des­in­fek­ti­ons­gründen“ (!) auf das Trinken. Der Ver­fol­gungs­wahn gip­felt nebenbei in der Neu­auf­lage einer Sacher-Masoch-Fan­tasie auf dem Lebens­mit­tel­markt: „Ich werde nackt, nur bekleidet mit einem Damen-Calvin-Klein-T-String aus Nylon bar­fuss durch die Fleisch­halle gepeitscht.“

Mit Leich­tig­keit, die leicht mit Bana­lität und Selbst­ver­liebt­heit ver­wech­selt werden kann, prä­sen­tiert der Text eine Per­p­etu­ie­rung zweier tra­di­tio­neller Krim-Kli­schees: die Ori­en­ta­li­sie­rung, die sich in dem Begehren der Bewoh­ne­rinnen wie­der­holt, und der abwer­tenden Sicht­weise eines ver­meint­lich zivi­li­sierten Betrach­ters auf eine rück­stän­dige, „stin­kende“ Gegend.

Größtes Aben­teuer ist dem­nach der Anblick der im Gegen­satz zu deut­schen Femi­nis­tinnen gepflegten und im Gegen­satz zu ihren äußer­lich absto­ßenden und faulen rus­si­schen Män­nern gut rie­chenden Frauen in kurzen Röcken. Im 18. und 19. Jahr­hun­dert waren es die tata­ri­schen Frauen, die die Fan­ta­sien west­eu­ro­päi­scher und rus­si­scher Rei­sender auf Grund ihres reli­giös vor­ge­schrie­benen Schleiers geweckt haben.

Auch wenn das zen­trale Schwarz-Weiß-Ver­fahren den Text tri­vial macht, ist ihm eine gewisse unfrei­wil­lige Ambi­va­lenz eigen, die häufig bei der Wahr­neh­mung der Krim auf­taucht: Die Land­schaft wird als schön­ge­dacht, aber die Begeg­nung mit ihr und den Men­schen als fremd erlebt – in diesem Fall als ein exo­ti­scher und ero­ti­scher, aber durch und durch anti-baye­ri­scher (Un-)Ort.

 

„Goten­land“

Auch wenn zu dem unre­flek­tierten Rei­se­be­richt des Frei­zeit­schrift­stel­lers keine beab­sich­tigte inter­tex­tu­elle Par­al­lele vor­liegt, hat die Ver­ein­nah­mung der Krim sei­tens deut­scher „Kul­tur­träger“ eine poli­ti­sche Tra­di­tion, die retro­spektiv nicht nur wegen ihrer ver­hin­derten Rea­li­sie­rung, son­dern wegen ihrer absurden, die Maß­stäbe ver­schie­benden Rea­li­täts­kon­struk­tion wie eine ima­gi­nierte gelesen werden kann. Nor­bert Kunz rekon­stru­iert die Pla­nung und die Umset­zung dieser men­talen und mili­tä­ri­schen Aneig­nung der Krim in seiner umfang­rei­chen und dif­fe­ren­zierten Dis­ser­ta­tion Die Krim unter deut­scher Herr­schaft (1941–1944). Eine Ger­ma­ni­sie­rungs­utopie und Besat­zungs­rea­lität. Bemer­kens­wert für die kriegs­his­to­ri­sche Arbeit ist die Viel­sei­tig­keit der ver­wen­deten Quellen, unter denen auch einige mit fik­tio­nalem Cha­rakter zu finden sind.

Die Unter­su­chung führt plas­tisch vor Augen, worauf sich die Moti­va­tionen und Ansprüche des Deut­schen Reichs gestützt  haben und lässt damit einmal mehr staunen, wie will­kür­lich Geschichte geplant und gemacht wird. Neben der Lage (Nähe zum Bünd­nis­partner und Öllie­fe­ranten Rumä­nien, geo­stra­te­gi­sches Zen­trum der Schwarz­meer­re­gion) und der Beschaf­fen­heit (güns­tige Schiff- und Flug­zeug­häfen), die die Krim in Hit­lers Augen zum ‚Flug­zeug­mut­ter­schiff‘ machte, hat letzt­lich eine zweck­ge­rich­tete his­to­ri­sche Fan­tasie zu einem mili­tä­risch nütz­li­chen Krim-Mythos im 3. Reich bei­getragen. Alfred Rosen­berg, der 1917 auf der Krim mit seiner Frau zur Kur war und begeis­tert von den Goten­höhlen von Mangup Kale und anderen land­schaft­li­chen Spuren der Ver­gan­gen­heit zurück­ge­kehrt ist, lie­ferte die Vor­lage für die Aus­deh­nung von Hit­lers Fas­zi­na­tion für ein ‚Groß­go­ti­sches Reich‘ im ost­eu­ro­päi­schen Raum.

Kunz zeigt, dass die deut­schen Aspi­ra­tionen auf die Krim bereits im aus­ge­henden 19. Jahr­hun­dert vor­handen waren. Das Schlag­wort von der „deut­schen Riviera am Schwarzen Meer“ war im 1. Welt­krieg bereits ver­breitet. Neben der Ansied­lung von Tiroler Wehr­bauern gehörte die Ver­le­gung einer Auto­bahn dorthin zu Hit­lers Plänen. Am Bei­spiel von Autoren wie Alfred Eduard Frau­en­feld und Georg Kutzke ver­an­schau­licht Nor­bert Kunz, wie das viru­lente natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Krim­go­ten­bild in lite­ra­ri­sierten Geschichts­dar­stel­lungen ver­dichtet und unter­mauert wurde. Ein­zelne Motive aus­wäh­lend und in einen neuen Zusam­men­hang ein­ord­nend, bün­delte Frau­en­feld sie für das poli­ti­sche Ziel, eine weit in die Ver­gan­gen­heit rei­chende und beinah kon­ti­nu­ier­liche ger­ma­ni­sche Sied­lungs­ge­schichte auf der Krim zu eta­blieren. Neben der „Romantik und dem Zauber des Geheimnis umwit­terten Krim­goten“ betonte er die Ähn­lich­keit der Krim­goten zu den Nie­der­deut­schen und meinte, „Goten­blut“ in den Berg­ta­taren zu erkennen. Ihre Nähe zu den reichs­deut­schen „Stam­mes­brü­dern“ äußere sich in ihrer Intel­li­genz, ihrer Sym­pa­thie für die Deut­schen sowie ihrem Äußeren, ihren sau­beren Häu­sern und ihrem Fleiß. Auch die Schrift „Alt­eu­ropa am Dnjepr“ von Kutzke hebt auf ver­meint­liche ras­si­sche Ähn­lich­keiten zwi­schen Deut­schen und Krim­be­woh­nern ab, wobei er sich auf Herodot stützt, der im 5. Jh. v. Chr. die blonden Haare und blauen Augen einiger Männer auf der Krim erwähnt hatte.

Die Span­nung, die die Arbeit von Nor­bert Kunz in ihrer chro­no­lo­gisch bis zum Ende der deut­schen Herr­schaft auf der Krim ange­ord­neten Fak­ten­fülle ent­faltet, wirkt wie ein Blick auf die Geschichte des 2. Welt­krieges vom süd­öst­li­chen Rand­platz aus, von wo der Gesamt­zu­sam­men­hang des „Gene­ral­plans Ost“ in ver­fremdet-neuer Weise noch gro­tesker als gewohnt erscheint. Die Instru­men­ta­li­sie­rung der Krim „als poten­ti­elle Expe­ri­men­tier­stube deut­scher Volks­tums­po­litik“ (Kunz) ist in all ihrer kata­stro­phalen Aus­wir­kung dar­ge­stellt.

 

Die rus­si­sche Tauris

Bei der gotisch-deut­schen Sied­lungs­kon­ti­nuität greift die Legi­ti­ma­tion der deut­schen Kolo­ni­sa­ti­ons­pläne in den rus­si­schen Dis­kurs der Kri­m­an­eig­nung hinein, wenn sie sich auf die Süd­deut­schen beruft, die Katha­rina II. im 19. Jahr­hun­dert auf der Krim ange­sie­delt hat. Eine Ein­ver­lei­bungs­stra­tegie Katha­rinas wie­derum ist die topo­gra­phi­sche Umbe­nen­nung mit gelenkter Semantik, wie sie durch die geplante Umtaufe der Halb­insel in „Gotengau“ und ein­zelner Städte, wie zum Bei­spiel Sevastopol’s in „Teo­de­rich­hafen“, vorher exis­tiert hatte.
Durch die Inklu­sion des antiken Erbes stellte Russ­land seine Euro­päi­zität unter Beweis: Wie die tata­ri­sche „Kirim“ nach der Erobe­rung unter Katha­rina II. zur „Tauris“ wurde, und damit von der süd­li­chen Peri­pherie in das Zen­trum der rus­si­schen kul­tu­rellen Selbst­de­fi­ni­tion gerückt ist, ana­ly­siert Kerstin S. Jobst in ihrer Habi­li­ta­ti­ons­schrift Die Perle des Impe­riums. Der rus­si­sche Krim-Dis­kurs im Zaren­reich, die 2007 in dem Nach­fol­ge­un­ter­nehmen des Kon­stanzer Uni­ver­si­täts­ver­lags erschienen ist.

Die Autorin grenzt sich von der übli­chen geschichts­wis­sen­schaft­li­chen Praxis ab und stützt sich nicht nur teil­weise – wie Nor­bert Kunz – auf fik­tio­nale Quellen. Rei­se­be­schrei­bungen der Krim bilden neben der dis­kur­siven Ana­lyse von Zeit­schriften wie dem Russkij ves­tnik und Sov­re­mennik und lite­ra­ri­schen Quellen ihren zen­tralen Unter­su­chungs­ge­gen­stand. Auch wenn der Bezug zur Dis­kurs­ana­lyse relativ frag­men­ta­risch bleibt und die Begriff­lich­keit der Post­co­lo­nial stu­dies domi­niert, ver­an­schau­licht die Autorin ihre These schlüssig von der ersten bis zur letzten Seite: Die Kon­struk­tion eines linearen rus­sisch-sla­wi­schen Geschichts­bildes blende aus, dass „die Krim schon immer Durch­zugs­ge­biet vieler Völ­ker­schaften war und sich jedem exklu­siven natio­nalen Besitz­an­spruch ent­zieht, denn u. a. bevöl­kerten Kim­me­rier, Sky­then, Grie­chen, Ost­goten, Cha­zaren, Genueser und Vene­zianer sowie Turko-Tataren diese Halb­insel.“ (Jobst, 16f.) Die „Rus­sisch­ma­chung“ der Krim, die die Ver­fas­serin auch „osvoenie“ (Aneig­nung) nennt, trägt kolo­niale Züge, beson­ders durch die in den Rei­se­be­schrei­bungen und lite­ra­ri­schen Ver­ar­bei­tungen auf­tau­chenden Topoi. Bei dieser Gele­gen­heit weist sie selbst­kri­tisch darauf hin, dass Geschichts­wis­sen­schaften auch Legi­ti­ma­ti­ons­wis­sen­schaften für jewei­lige ideo­lo­gi­sche Stand­punkte seien. Ergän­zend könnte man dies eben­falls für lite­ra­ri­sche Text behaupten, in denen die Krim unter  Anwen­dung des roman­ti­schen Ori­en­ta­lismus zu einem impe­rialen Ergän­zungs­raum der Fan­tasie  wurde.

Ergänzt werden Peters­burg und Moskau – zwei Metro­polen, von wo aus die Kon­zep­tion der Krim als dem ande­renOrt vor­ge­nommen wurde, was eine der wenigen Über­schnei­dungen von Kerstin S. Jobst mit den Ergeb­nissen von Alek­sandr P. Ljusyj ist. Der Wis­sen­schaftler und Publi­zist hat seit seiner Dis­ser­ta­tion 2003 mit dem Titel Der Krim-Text in der rus­si­schen Kultur und das Pro­blem des mytho­lo­gi­schen Kon­texts (Krymskij tekst russkoj kul’tury i pro­blema mifo­lo­gičes­kogo kon­teksta) an der Rus­si­schen Staat­li­chen Geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Uni­ver­sität (RGGU) in meh­reren Publi­ka­tionen dieses Thema weiter ver­ar­beitet. Unter ihnen fällt das eben­falls 2007 in Moskau im Verlag Russkij impul’s mit Mit­teln des Pro­gramms zur För­de­rung der rus­si­schen Kultur erschie­nene Buch Das Erbe der Krim (Nas­ledie Kryma) als beson­ders kon­trast­reich zu Kerstin S. Jobsts Studie auf.

 

Ohne dass die kul­tur­wis­sen­schaft­lich vor­ge­hende Pots­damer His­to­ri­kerin und der Mos­kauer Kul­turo­loge ihre gegen­sei­tige Arbeit kennen würden, haben sie eine ähn­liche Aus­gangs­these: Die Krim ist wegen ihres dichten Sym­bol­ge­halts ein Bestand­teil der rus­si­schen Kul­tur­ge­schichte und natio­naler Selbst­de­fi­ni­tion. Doch obwohl sich beide anhand von fik­tio­nalen Quellen wie Rei­se­be­richten und lite­ra­ri­schen Texten mit der Ent­ste­hung dieser Sym­bol­träch­tig­keit beschäf­tigen, kommen die Wis­sen­schaftler zu frap­pie­rend unter­schied­li­chen Ergeb­nissen. Wäh­rend die Pro­jek­tion des Krim-Textes bei A. P. Ljusyj die Halb­insel dis­kursiv aus­schließ­lich an die rus­si­schen Metro­polen bindet, löst K. S. Jobst die Tauris ein Stück weit aus der Selbst­ver­ständ­lich­keit ihrer Ver­ein­nah­mung für das rus­si­sche Natio­nal­be­wusst­sein heraus. Bei ihr  kann die Krim nur dadurch eine „Perle des Impe­riums“ sein, weil sie als Gegen­teil und zum Teil Über­hö­hung der nörd­li­chen rus­si­schen Metro­polen ver­standen wird, vor allem aber als eine künst­lich in Szene gesetzte Vor­zei­ge­vi­trine eines aggressiv-impe­rialen rus­si­schen Rei­ches. A. P. Ljusyj hin­gegen wie­der­holt ein wei­teres Mal, dass diese Region künst­le­risch inspi­rie­rend wirkt und scheint ihr selbst auch zu erliegen, da er seine bereits vorher publi­zierten Texte kapi­tel­weise repro­du­ziert.  Auf Grund der großen über bzw. auf der Krim ent­stan­denen Menge an rus­sisch­spra­chigen Texten stellt er die Halb­insel literar­his­to­risch, aber auch im Sinne einer Natio­nal­me­ta­phorik gleich­rangig neben Beschrei­bungen über Peters­burg und Moskau.

Als eine der ins kol­lek­tive Bewusst­sein ein­schnei­denden Mar­kie­rungen betrachtet A. P. Ljusyj neben A. S. Puš­kins Gedichten und vielen kurz anzi­tierten Texten die Sevas­to­poler Erzäh­lungen (Sevastopol’skie rass­kazy) Lev Tol­s­tojs und führt die Heroi­sie­rung der „Hel­den­stadt“ indi­rekt selbst fort. Auf Grund der Ent­äs­the­ti­sie­rung des Krim-Krieges (1853–56) in den rea­lis­tisch-scho­nungs­losen Erzäh­lungen, der hohen Opfer­zahl auf rus­si­scher Seite und des langen Wider­standes wäh­rend der Bela­ge­rung wurde Sevas­topol’ zu einem der wich­tigsten Erin­ne­rungs­orte an diesen und den Zweiten Welt­krieg, an das Leiden der Men­schen und natio­nales Hel­dentum. Bei K. S. Jobst wird der Ein­gang Sevas­to­pols in den rus­si­schen Krim-Dis­kurs als eine Natio­na­lis­mus­praktik geschil­dert, die gegen­über tata­ri­schen und ukrai­ni­schen Ansprü­chen noch heute nach­wirkt.

Einen inter­es­santen Anstoß wirft A. P. Ljusyj in der Menge seiner mal mit theo­re­ti­schem, mal mit per­sön­li­chem Anspruch ver­se­henen Asso­zia­tionen auf, wenn er noch vor Puškin einen Autor aus­macht, den er zum „Kolumbus“ der lyri­schen Krim­ver­ar­bei­tung ernennt: Semėn Bobrov mit Gedichten wie Antike Nacht des Welt­alls (Drevnjaja noč Vse­lennoj) und Tauris (Tav­rida). Damit kon­ter­ka­riert A. P. Ljusyj seine eigene These von der aus­schließ­lich rus­si­schen kul­tu­rellen Ein­schrei­bung der Krim, denn Bobrov hat sich an den Formen der eng­li­schen Beschrei­bungs­lyrik ori­en­tiert.

Um ein Resümee aus beiden Stu­dien zu ziehen, hilft der Blick auf eine der ersten berühmten Rei­se­be­schrei­bungen. Die Krim als „lieb­li­cher Ort“ wurde bereits Ende des 18. Jahr­hun­derts von Lady Eliza­beth Craven geprägt und zieht sich in diversen Varia­tionen bis in die Gegen­wart. Die Eng­län­derin, deren Reise kurz vor der Katha­rinas in Beglei­tung aus­län­di­scher Gesandter – sozu­sagen als Gene­ral­probe – statt­fand, nahm die Insze­nie­rung des Wohl­stands auf der Krim von Gri­gorij Potemkin und die Bevor­zu­gung grie­chi­scher Top­onyme von Katha­rina der Großen als real hin, meinte sie doch sogar in den Russen selbst wegen ihrer intel­lek­tu­ellen Fähig­keiten „grie­chi­sche Merk­male“ zu erkennen. Sie anti­zi­pierte die nach­fol­gende rus­si­sche und euro­päi­sche Krim­vor­stel­lung durch ihre empa­thi­sche und dabei fle­xible Inter­pre­ta­tion.

Über­spitzt gesagt finden sich bei Lady Craven die Posi­tionen sowohl von A. P. Ljusyj als auch von K. S. Jobst: Zunächst die pathe­tisch aus­ge­drückte Bewun­de­rung für die Land­schaft und die in ihr bzw. ihren Häfen imple­men­tierte (mili­tä­ri­sche) Stärke Russ­lands, gleich­zeitig aber auch Kritik an einer rein rus­si­schen Nut­zung des Landes, die wie­derum eigenen kolo­nialen Vor­stel­lungen ent­springt. Die grüne Land­schaft zwi­schen Perekop und dem Küs­ten­ge­birge sei wie in Eng­land – was liege da näher, als „ehr­liche eng­li­sche Fami­lien“ in diesem Land anzu­sie­deln, damit sie Manu­fak­turen errichten und Handel treiben? (Craven 1780)

Cra­vens Vision wurde von Vasilij Askenov fast genau 200 Jahre später im Roman Ostrov Krym auf­ge­griffen, wo die Halb­insel ein west­eu­ro­pä­isch geprägtes Auto­no­mie­ge­biet und der kul­tu­relle Anti­pode zur Sowjet­union ist, weil sie wirt­schaft­lich stabil, inter­na­tional, süd­lich und lebens­wert ist. Mit Ascherson wurde eben­diese Schön­heit, die eine Flut von lob­prei­senden Abbil­dungs­ver­su­chen aus­ge­löst hat, der Krim zum Ver­hängnis, da sie bei vielen Mächten ein „fast sexu­elles Besitz­ver­langen“ aus­ge­löst hat. Bleibt zu hoffen, dass es künftig nur im tex­tu­ellen Raum nach Erfül­lung strebt.

 

Craven, Lady Eliza­beth: A Journey through the Crimea to Con­stan­ti­nople. Wien 1880.

Jobst, Kerstin S.: Die Perle des Impe­riums. Der rus­si­sche Krim-Dis­kurs im Zaren­reich. UVK Gesell­schaft mbH. Kon­stanz 2007.

Kunz, Nor­bert: Die Krim unter deut­scher Herr­schaft (1941–1944). Eine Ger­ma­ni­sie­rungs­utopie und Besat­zungs­rea­lität. Wis­sen­schaft­liche Buch­ge­sell­schaft. Darm­stadt  2005.

Larry Wolff: Inven­ting Eas­tern Europe: The Map of Civi­liz­a­tion on the Mind of the Enligh­ten­ment. Stan­ford  1994.

Ljusyj, Alek­sandr P.: Nas­ledie Kryma. Russkij impul’s. Moskau 2007.

Stein­leitner, Jörg: „Sewas­topol Sekond Hend“. Unsach­liche Beob­ach­tungen an hoch­ha­ckigen Stak­sel­frauen, Wodka und Tataren. Lagrev-Verlag ³. Mün­chen und Bruch­mühl  2004.

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