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Übergänge in Zeit und Raum

Posted on 8. Februar 2010 by Tatjana Hofmann
Zu Sowjetzeiten war Igor' Klech Glasmaler im westukrainischen L'viv. Sein letztes Buch "Chroniki 1999 goda" (Chroniken des Jahres 1999) malt das Panorama einer postsowjetischen Gesellschaft. Dessen Details setzen sich aus Teilgeschichten zusammen: über Russland und Ukraine, Familien und Künstlerschicksale, Leben und Tod.

Im Jahr 2009 sind in Russland zwei Bücher von Igor’ Klech erschienen: Eine Sammlung von geopoetischen Kurzerzählungen, Essays und Skizzen unter dem Titel Migracii (Migrationen) und die Chroniki 1999 goda (Chroniken des Jahres 1999). Klech selbst bezeichnet die Chroniken als sein 'Opus Magnum'. Der Länge nach dürfte das stimmen, es ist einer seiner umfangreichsten Texte, der Bedeutung nach vor allem einer der persönlichsten und für sein bisheriges Werk ungewöhnlichsten: Ein Paradebeispiel für Bachtins Chronotopos der Schwelle, ein Krisentext in fragmentierter, aber episch ausholender Form.

Klechs größter biografischer Übertritt fand mit seiner Übersiedlung von L’viv nach Moskau Anfang der 1990er Jahre statt. In L’viv hat Igor’ Klech, geb. 1952 in der Ukraine, den größten Teil seines Lebens verbracht, hat dort russische Literatur studiert und als Glasmaler gearbeitet. Obwohl er seit den 1970er Jahren schreibt, können seine Texte erst seit dem Zerfall der Sowjetunion erscheinen. Seit den 1990er Jahren hat er diverse Auszeichnungen und Reisestipendien auch im deutschsprachigen Raum erhalten.

In den Chroniken bewegt sich  Klech zwischen Moskau und der Westukraine hin und her. Das Reisen verschafft dem Text zwar ein gliederndes Rückgrat, und der Erzähler reflektiert durchaus über den Zustand beider Staaten; doch eigentlich steht die innere Reise im Vordergrund. In Erinnerungen, Kontemplationen und Berichten springt Klech zwischen dem sowjetischen und einem postsowjetischen Leben, Galizien und Moskau sowie zwischen der Geschichte der Familie, in die der Ich-Erzähler hineingeboren wurde, und derjenigen, die er selbst gegründet hat.

Klech_illustration1Dass Igor’ Klech Essayist ist, äußert sich kontinuierlich. Die Chroniken ließen sich gut als ein durchkomponierter Lang-Essay oder als Montage von Einzelskizzen bezeichnen, wenn diese Hommage an den Übergangszustand nicht mit dokumental’naja povest’ (dokumentarische Erzählung) untertitelt wäre. Werden hier Dokumentionen aneinandergereiht oder wird primär eine, wenn auch differenziert allegorisierte, Geschichte erzählt? Zum Glück entscheidet sich der Text nicht und hält dadurch die Grundspannung zwischen individuellen Mikrogeschichten und Rückschlüssen auf eine ukrainisch-russische Makrogeschichte aufrecht.
Vor allem die reproduzierten Aufzeichnungen seiner Verwandten fransen den Erzählverlauf aus, relativieren seine Dramaturgie und geben verblüffende Einblicke in eine sowjetische Familiengeschichte. Ein Ausschnitt aus dem Arbeitsheft der Großmutter, das sie 1955 über die „Arbeit im Garten und Haus“ im ostukrainischen Slavjansk bis zu ihrem Tod führte, listet unter der Überschrift Anleitung zur Herstellung des Gartens Eden eine beinah idyllische Akkumulation sowjetischer Wohlstandsattribute auf. Dieser Paradieskonstruktion steht das Tagebuch der Tante im 'Genre der alternativen Geschichte' entgegen: Es registriert, wie sie als junge Mutter den Zweiten Weltkrieg überlebte.
Das Projekt der 'kleinen Geschichten', das zufällige Aufzeichnen von Stimmen, die Betonung des Authentischen und das scheinbare Zurücktreten des Erzählers erinnern an andere Beispiele dokumentarischer Prosa, an fiktionale 'Materialsammlungen' oder literarische 'oral history'. Im westukrainischen Kontext wären da Taras Prochas’kos Daraus lassen sich ein paar Erzählungen machen (dt. 2009) und im russischen Natal’ja Ključarėvas Endstation Russland (dt. 2010) zu nennen. Der Titel der Chroniken lässt – auch wegen des Genremixes – seinerseits an die altslawische Tradition der Chroniken denken und das Verfahren der 'Inventarisierung' an die deutsche Krisenliteratur des Kahlschlags. Was die Besonderheit von Klechs Textformat ausmacht, ist, ungeachtet der latenten Erwartung, das Fehlen eines Heilsplans, die multiperspektivische Pluralität und die präsente, sich immer wieder neu positionierende Erzählerfigur.

Klech_illustration2Der Ich-Erzähler nimmt sich vor, einen Bericht abzuliefern – er berichtet auch, jedoch demonstrativ ohne die Ereignisse auszuwählen und zu sortieren. In einem Schwellenjahr, das eine ungewisse Zukunft mit sich bringt, scheinen alle Vorfälle gleichermaßen aussagekräftig und antizipatorisch, gar symbolisch zu sein. Er berichtet mit ungewöhnlicher Nüchternheit und vergleichsweise selten eingesetzten rhetorischen Kniffen: über das Sterben seiner Mutter, über sein Leben in der Westukraine, das er aufgegeben hat, über sein Leben in Moskau, über seine Glasmalerkollegen in L’viv, die sich betrinken und seine Werkstatt vollpinkeln?, über seine Kollegen in Moskau, die nacheinander wegsterben, über die Nachbarn seiner Eltern in der Ukraine oder über die Nachbarn seiner kleinen Moskauer Wohnung. Persönliche Details mit dem Leser zu teilen, scheint hier Teil einer Haltung zu sein, die die eigene Biographie bereits vor dem Schreiben als eine fingierte und historisierte auffasst. Klechs familiäres Mikrouniversum repräsentiert das postsowjetische Paradigma aus Staatsneugründungen, Umsiedlungen zwischen russischem und ukrainischem Territorium, und dem Aufbrechen ehemals familiär oder staatlich festgefügter Beziehungen.
Besonders auffällig steht die eigene Existenzangst vor der unmittelbaren Zukunft im Vordergrund. Entblößend, in einem Aufrichtigkeitsgestus, der zu stark für eine rein selbstbezogene Besorgnis und zu schwach für ein begründetes politisches Statement ist, äußert der Erzähler seine Bedenken über die innen- und außenpolitischen Entscheidungen des Kremls.

Die Beobachtung der Schriftstellerwerdung bezieht auch die nachträgliche Betrachtung seiner Schreibsituation im Jahr 1999 ein. Er findet zufällig sein Aufnahmegerät mit einer Erzählung eines verstorbenen Huzulen, welcher offensichtlich in der Erzählung Chutor vo vselennoj (Das Gehöft im Weltall ) auftaucht. Klech lässt außerdem Revue passieren, wie er für die Zeitschrift GEO mit der Transsibirischen Eisenbahn durchs Land gefahren ist, und erlaubt sich in diesem Paratext, seinen damaligen Zustand auf der 'geographischen Pilgerreise' zu psychologisieren. Die innere Bewegung auf der Reise, auf welcher er halluzinatorisch mit seiner Kindheit in Berührung kommt, bildet ein Glied in einer Kette von kleineren und größeren Erschütterungen, die der Erzähler seismographiert. Verwandte, Bekannte, Freunde kommen beinahe oder endgültig ums Leben, Brände, Anschläge, die Willkür der Polizei stehen unvermittelt neben der Willkür des Glücks, eine Prämie für die beste Erzählung des Jahres Psy Poles’ja(Die Hunde von Polesje) zu erhalten.

Klech_illustration3Am genauesten beobachtet und dokumentiert er die Geschichte vom Tod seiner Mutter.  Therapeutisch könnte man diese Ich-Erzählerposition nennen, aber auch all- und besserwissend. Die Distanzsuche zum Tod der Mutter schließt Urteile über das eigene 'Erwachsenwerden' ein, sie stellt aber auch eine Art kontrollierten Verdrängungsprozess dar, denn der Nachgesang auf das problematische Verhältnis des Erzähler-Ichs zur Mutter, aber auch zum Vater und dem Rest der Familie, macht Platz für nostalgische, warme und zynische Nekrologe, Abrechnungen und Verabschiedungen. Die Porträts der Familienmitglieder gleichen denen der Schriftstellerkollegen, und auch der Dualismus zwischen den beiden Ländern, in welchen er sich aufhält, der Russischen Föderation und der unabhängigen Ukraine, hebt sich auf: Auch wenn die Chroniken Moskau zum Lebensmittelpunkt des Protagonisten und zum Entstehungsort des Textes machen, thematisieren sie seine innere Distanz zur russischen Hauptstadt auf ähnliche Weise wie jene zur Ukraine, welche er Anfang der 1990er verlassen hat und die er Ende der 1990er wieder besucht. Ihn befremden die Umbenennungen der Stadt seiner Kindheit (die er in der früheren Erzählung Svetoprestavlenie (Der Jüngste Tag) konserviert hat, wie die der Puškinstraße in die Čornovil-Straße und der Geburtsklinik in das „Vorkarpatische Zentrum für Menschenreproduktion“ (Prykarpats’kyj centr reprodukciï ljudyny). Die Bemerkungen über L’viv klingen wie ein Nekrolog auf die Stadt, was ein weiteres Autozitat ist, wenn man sich Klechs zum Teil polemische L’viv- und Galizienessays vergegenwärtigt.
Wovon der Text sich eindeutig distanziert ist jedoch weniger der Raum (den der Ukraine vermischt er in der a-chronologischen Struktur geradezu mit dem russischen), sondern die Zeit vor 1999. Dazu gehören auch die ehemalige Familie und die jungen Menschen, die in der Vergangenheit wie in einem „abgetrennten Zugwagen“ sitzen geblieben seien.

Klech_illustration4Der Erzähler schwankt zwischen Selbststilisierung der eigenen Künstlerbiografie und Protokollierung eines Existenzkampfs. Diverse Künstler- und Schriftstellerpersönlichkeiten der literarischen Szene in L’viv und insbesondere in Moskau ziehen als Nebenfiguren am Erzähler-Protagonisten vorbei, der ihnen nicht nur Lobreden hinterher wirft. Die Suche nach einem Platz als Schriftsteller im Moskauer Intellektuellenmilieu verläuft parallel zum Prozess der bürokratischen 'naturalizacija', der alles andere als organisch und reibungslos vonstattengeht. Das Auswechseln der ukrainischen gegen die russische Staatsbürgerschaft ist eine Nebenfront des Hauptnarrativs, welches sich offensichtlich um das Erlangen einer endgültigen Unabhängigkeit von familiären, sozialen und staatlichen Bedingungen und dem konsequenten Durchleben eigener Entscheidungen dreht.

Der Bericht über den Schöpfungsprozess, das Arbeitstagebuch und Trinkprotokoll ergeben zusammen genommen eine ausgestellte Chronik des eigenen Lebenskunstprojekts. Der private Kosmos mag in seiner hermetischen Werteskala irritieren, die Aktualisierung der Hoffnung auf ein neues Russland vermag ein Jahrzehnt nach dem Übergang ins neue Jahrtausend nur ein Schulterzucken auszulösen und die politisierten Äußerungen wirken mit übertriebener Bedeutungsschwere aufgeladen. Die letztlich mutige Positionierungsrhetorik kann im Sinne eines verantwortungsvollen Aushandelns der individuellen und im übertragenen Sinn nationalen Selbstwerdung verstanden werden, und zwar sowohl der ukrainischen als auch der russischen – ohne Entweder-Oder.

 

Igor’ Klech: Chroniki 1999 goda. Moskva: NLO, 2009.

Übergänge in Zeit und Raum – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Über­gänge in Zeit und Raum

Im Jahr 2009 sind in Russ­land zwei Bücher von Igor’ Klech erschienen: Eine Samm­lung von geo­poe­ti­schen Kur­z­er­zäh­lungen, Essays und Skizzen unter dem Titel Migracii (Migra­tionen) und die Chroniki 1999 goda (Chro­niken des Jahres 1999). Klech selbst bezeichnet die Chro­niken als sein ‘Opus Magnum’. Der Länge nach dürfte das stimmen, es ist einer seiner umfang­reichsten Texte, der Bedeu­tung nach vor allem einer der per­sön­lichsten und für sein bis­he­riges Werk unge­wöhn­lichsten: Ein Para­de­bei­spiel für Bach­tins Chro­no­t­opos der Schwelle, ein Kri­sen­text in frag­men­tierter, aber episch aus­ho­lender Form.

Klechs größter bio­gra­fi­scher Über­tritt fand mit seiner Über­sied­lung von L’viv nach Moskau Anfang der 1990er Jahre statt. In L’viv hat Igor’ Klech, geb. 1952 in der Ukraine, den größten Teil seines Lebens ver­bracht, hat dort rus­si­sche Lite­ratur stu­diert und als Glas­maler gear­beitet. Obwohl er seit den 1970er Jahren schreibt, können seine Texte erst seit dem Zer­fall der Sowjet­union erscheinen. Seit den 1990er Jahren hat er diverse Aus­zeich­nungen und Rei­sesti­pen­dien auch im deutsch­spra­chigen Raum erhalten.

In den Chro­niken bewegt sich  Klech zwi­schen Moskau und der West­ukraine hin und her. Das Reisen ver­schafft dem Text zwar ein glie­derndes Rück­grat, und der Erzähler reflek­tiert durchaus über den Zustand beider Staaten; doch eigent­lich steht die innere Reise im Vor­der­grund. In Erin­ne­rungen, Kon­tem­pla­tionen und Berichten springt Klech zwi­schen dem sowje­ti­schen und einem post­so­wje­ti­schen Leben, Gali­zien und Moskau sowie zwi­schen der Geschichte der Familie, in die der Ich-Erzähler hin­ein­ge­boren wurde, und der­je­nigen, die er selbst gegründet hat.

Klech_illustration1Dass Igor’ Klech Essayist ist, äußert sich kon­ti­nu­ier­lich. Die Chro­niken ließen sich gut als ein durch­kom­po­nierter Lang-Essay oder als Mon­tage von Ein­zel­skizzen bezeichnen, wenn diese Hom­mage an den Über­gangs­zu­stand nicht mit dokumental’naja povest’ (doku­men­ta­ri­sche Erzäh­lung) unter­ti­telt wäre. Werden hier Doku­men­tionen anein­an­der­ge­reiht oder wird primär eine, wenn auch dif­fe­ren­ziert alle­go­ri­sierte, Geschichte erzählt? Zum Glück ent­scheidet sich der Text nicht und hält dadurch die Grund­span­nung zwi­schen indi­vi­du­ellen Mikro­ge­schichten und Rück­schlüssen auf eine ukrai­nisch-rus­si­sche Makro­ge­schichte aufrecht.
Vor allem die repro­du­zierten Auf­zeich­nungen seiner Ver­wandten fransen den Erzähl­ver­lauf aus, rela­ti­vieren seine Dra­ma­turgie und geben ver­blüf­fende Ein­blicke in eine sowje­ti­sche Fami­li­en­ge­schichte. Ein Aus­schnitt aus dem Arbeits­heft der Groß­mutter, das sie 1955 über die „Arbeit im Garten und Haus“ im ost­ukrai­ni­schen Sla­v­jansk bis zu ihrem Tod führte, listet unter der Über­schrift Anlei­tung zur Her­stel­lung des Gar­tens Eden eine beinah idyl­li­sche Akku­mu­la­tion sowje­ti­scher Wohl­stands­at­tri­bute auf. Dieser Para­dies­kon­struk­tion steht das Tage­buch der Tante im ‘Genre der alter­na­tiven Geschichte’ ent­gegen: Es regis­triert, wie sie als junge Mutter den Zweiten Welt­krieg überlebte.
Das Pro­jekt der ‘kleinen Geschichten’, das zufäl­lige Auf­zeichnen von Stimmen, die Beto­nung des Authen­ti­schen und das schein­bare Zurück­treten des Erzäh­lers erin­nern an andere Bei­spiele doku­men­ta­ri­scher Prosa, an fik­tio­nale ‘Mate­ri­al­samm­lungen’ oder lite­ra­ri­sche ‘oral history’. Im west­ukrai­ni­schen Kon­text wären da Taras Prochas’kos Daraus lassen sich ein paar Erzäh­lungen machen (dt. 2009) und im rus­si­schen Natal’ja Ključarėvas End­sta­tion Russ­land (dt. 2010) zu nennen. Der Titel der Chro­niken lässt – auch wegen des Gen­re­mixes – sei­ner­seits an die alt­sla­wi­sche Tra­di­tion der Chro­niken denken und das Ver­fahren der ‘Inven­ta­ri­sie­rung’ an die deut­sche Kri­sen­li­te­ratur des Kahl­schlags. Was die Beson­der­heit von Klechs Text­format aus­macht, ist, unge­achtet der latenten Erwar­tung, das Fehlen eines Heils­plans, die mul­ti­per­spek­ti­vi­sche Plu­ra­lität und die prä­sente, sich immer wieder neu posi­tio­nie­rende Erzählerfigur.

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Der Ich-Erzähler nimmt sich vor, einen Bericht abzu­lie­fern – er berichtet auch, jedoch demons­trativ ohne die Ereig­nisse aus­zu­wählen und zu sor­tieren. In einem Schwel­len­jahr, das eine unge­wisse Zukunft mit sich bringt, scheinen alle Vor­fälle glei­cher­maßen aus­sa­ge­kräftig und anti­zi­pa­to­risch, gar sym­bo­lisch zu sein. Er berichtet mit unge­wöhn­li­cher Nüch­tern­heit und ver­gleichs­weise selten ein­ge­setzten rhe­to­ri­schen Kniffen: über das Sterben seiner Mutter, über sein Leben in der West­ukraine, das er auf­ge­geben hat, über sein Leben in Moskau, über seine Glas­ma­ler­kol­legen in L’viv, die sich betrinken und seine Werk­statt voll­pin­keln?, über seine Kol­legen in Moskau, die nach­ein­ander weg­sterben, über die Nach­barn seiner Eltern in der Ukraine oder über die Nach­barn seiner kleinen Mos­kauer Woh­nung. Per­sön­liche Details mit dem Leser zu teilen, scheint hier Teil einer Hal­tung zu sein, die die eigene Bio­gra­phie bereits vor dem Schreiben als eine fin­gierte und his­to­ri­sierte auf­fasst. Klechs fami­liäres Mikrouni­versum reprä­sen­tiert das post­so­wje­ti­sche Para­digma aus Staats­neu­grün­dungen, Umsied­lungen zwi­schen rus­si­schem und ukrai­ni­schem Ter­ri­to­rium, und dem Auf­bre­chen ehe­mals fami­liär oder staat­lich fest­ge­fügter Beziehungen.
Beson­ders auf­fällig steht die eigene Exis­tenz­angst vor der unmit­tel­baren Zukunft im Vor­der­grund. Ent­blö­ßend, in einem Auf­rich­tig­keits­gestus, der zu stark für eine rein selbst­be­zo­gene Besorgnis und zu schwach für ein begrün­detes poli­ti­sches State­ment ist, äußert der Erzähler seine Bedenken über die innen- und außen­po­li­ti­schen Ent­schei­dungen des Kremls.

Die Beob­ach­tung der Schrift­stel­ler­wer­dung bezieht auch die nach­träg­liche Betrach­tung seiner Schreib­situa­tion im Jahr 1999 ein. Er findet zufällig sein Auf­nah­me­gerät mit einer Erzäh­lung eines ver­stor­benen Huzulen, wel­cher offen­sicht­lich in der Erzäh­lung Chutor vo vse­lennoj (Das Gehöft im Weltall ) auf­taucht. Klech lässt außerdem Revue pas­sieren, wie er für die Zeit­schrift GEO mit der Trans­si­bi­ri­schen Eisen­bahn durchs Land gefahren ist, und erlaubt sich in diesem Para­text, seinen dama­ligen Zustand auf der ‘geo­gra­phi­schen Pil­ger­reise’ zu psy­cho­lo­gi­sieren. Die innere Bewe­gung auf der Reise, auf wel­cher er hal­lu­zi­na­to­risch mit seiner Kind­heit in Berüh­rung kommt, bildet ein Glied in einer Kette von klei­neren und grö­ßeren Erschüt­te­rungen, die der Erzähler seis­mo­gra­phiert. Ver­wandte, Bekannte, Freunde kommen bei­nahe oder end­gültig ums Leben, Brände, Anschläge, die Willkür der Polizei stehen unver­mit­telt neben der Willkür des Glücks, eine Prämie für die beste Erzäh­lung des Jahres Psy Poles’ja(Die Hunde von Polesje) zu erhalten.

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Am genau­esten beob­achtet und doku­men­tiert er die Geschichte vom Tod seiner Mutter.  The­ra­peu­tisch könnte man diese Ich-Erzäh­ler­po­si­tion nennen, aber auch all- und bes­ser­wis­send. Die Distanz­suche zum Tod der Mutter schließt Urteile über das eigene ‘Erwach­sen­werden’ ein, sie stellt aber auch eine Art kon­trol­lierten Ver­drän­gungs­pro­zess dar, denn der Nach­ge­sang auf das pro­ble­ma­ti­sche Ver­hältnis des Erzähler-Ichs zur Mutter, aber auch zum Vater und dem Rest der Familie, macht Platz für nost­al­gi­sche, warme und zyni­sche Nekro­loge, Abrech­nungen und Ver­ab­schie­dungen. Die Por­träts der Fami­li­en­mit­glieder glei­chen denen der Schrift­stel­ler­kol­legen, und auch der Dua­lismus zwi­schen den beiden Län­dern, in wel­chen er sich auf­hält, der Rus­si­schen Föde­ra­tion und der unab­hän­gigen Ukraine, hebt sich auf: Auch wenn die Chro­niken Moskau zum Lebens­mit­tel­punkt des Prot­ago­nisten und zum Ent­ste­hungsort des Textes machen, the­ma­ti­sieren sie seine innere Distanz zur rus­si­schen Haupt­stadt auf ähn­liche Weise wie jene zur Ukraine, welche er Anfang der 1990er ver­lassen hat und die er Ende der 1990er wieder besucht. Ihn befremden die Umbe­nen­nungen der Stadt seiner Kind­heit (die er in der frü­heren Erzäh­lung Sve­to­pre­s­tav­lenie (Der Jüngste Tag) kon­ser­viert hat, wie die der Puš­kin­straße in die Čor­novil-Straße und der Geburts­klinik in das „Vor­kar­pa­ti­sche Zen­trum für Men­schen­re­pro­duk­tion“ (Prykarpats’kyj centr repro­dukciï lju­dyny). Die Bemer­kungen über L’viv klingen wie ein Nekrolog auf die Stadt, was ein wei­teres Auto­zitat ist, wenn man sich Klechs zum Teil pole­mi­sche L’viv- und Gali­zi­en­es­says vergegenwärtigt.
Wovon der Text sich ein­deutig distan­ziert ist jedoch weniger der Raum (den der Ukraine ver­mischt er in der a‑chronologischen Struktur gera­dezu mit dem rus­si­schen), son­dern die Zeit vor 1999. Dazu gehören auch die ehe­ma­lige Familie und die jungen Men­schen, die in der Ver­gan­gen­heit wie in einem „abge­trennten Zug­wagen“ sitzen geblieben seien.

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Der Erzähler schwankt zwi­schen Selbst­sti­li­sie­rung der eigenen Künst­ler­bio­grafie und Pro­to­kol­lie­rung eines Exis­tenz­kampfs. Diverse Künstler- und Schrift­stel­ler­per­sön­lich­keiten der lite­ra­ri­schen Szene in L’viv und ins­be­son­dere in Moskau ziehen als Neben­fi­guren am Erzähler-Prot­ago­nisten vorbei, der ihnen nicht nur Lob­reden hin­terher wirft. Die Suche nach einem Platz als Schrift­steller im Mos­kauer Intel­lek­tu­el­len­mi­lieu ver­läuft par­allel zum Pro­zess der büro­kra­ti­schen ’natu­ra­li­za­cija’, der alles andere als orga­nisch und rei­bungslos von­stat­ten­geht. Das Aus­wech­seln der ukrai­ni­schen gegen die rus­si­sche Staats­bür­ger­schaft ist eine Neben­front des Haupt­nar­ra­tivs, wel­ches sich offen­sicht­lich um das Erlangen einer end­gül­tigen Unab­hän­gig­keit von fami­liären, sozialen und staat­li­chen Bedin­gungen und dem kon­se­quenten Durch­leben eigener Ent­schei­dungen dreht.

Der Bericht über den Schöp­fungs­pro­zess, das Arbeits­ta­ge­buch und Trink­pro­to­koll ergeben zusammen genommen eine aus­ge­stellte Chronik des eigenen Lebens­kunst­pro­jekts. Der pri­vate Kosmos mag in seiner her­me­ti­schen Wer­te­skala irri­tieren, die Aktua­li­sie­rung der Hoff­nung auf ein neues Russ­land vermag ein Jahr­zehnt nach dem Über­gang ins neue Jahr­tau­send nur ein Schul­ter­zu­cken aus­zu­lösen und die poli­ti­sierten Äuße­rungen wirken mit über­trie­bener Bedeu­tungs­schwere auf­ge­laden. Die letzt­lich mutige Posi­tio­nie­rungs­rhe­torik kann im Sinne eines ver­ant­wor­tungs­vollen Aus­han­delns der indi­vi­du­ellen und im über­tra­genen Sinn natio­nalen Selbst­wer­dung ver­standen werden, und zwar sowohl der ukrai­ni­schen als auch der rus­si­schen – ohne Entweder-Oder.

 

Igor’ Klech: Chroniki 1999 goda. Moskva: NLO, 2009.