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Ukrainische Poesie in Berlin

Posted on 5. Juni 2009 by Tatjana Hofmann
1. Preis im novinki-Wettbewerb für Reportagen über den Literaturbetrieb Ost-, Mittel- und Südosteuropas! Gedichte aus der Ukraine überraschen mit ihrer Vielfalt. Acht Dichterinnen und Dichter aus L'viv, Užhorod, Kyjiv, Luhans'k, Charkiv, Odessa und Kerč lesen in Berlin und wagen den Versuch, einen Querschnitt der gesamtukrainischen Lyrikszene zu präsentieren.

Lesereihe in der Literaturwerkstatt (08.12.08 – 29.01.09)

 

matijas_andruhovic_schriftJurij Andruchovyč hat den Begriff des „Stanislauer Phänomens“ geprägt. Damit verweist er augenzwinkernd darauf, dass es in seiner Heimatstadt Ivano-Frankivs’k, welche früher u. a. Stanislau hieß, die höchste Dichte an DichterInnen in der gesamten Ukraine gäbe. Der Schriftsteller bezeichnet Lemberg als die „allerpoetischste Stadt“ seines Heimatlandes und begrüßt die L’viver Dichterin Halyna Kruk bei der ersten von vier Lesungen der Veranstaltungsreihe „Zwischen Europa und etwas anderem“ in der Literaturwerkstatt in der Kulturbrauerei.

Auch wenn er sagt, dass er sich am liebsten im Westen – der Ukraine und Europas – aufhält, hat der „Star und kulturelle Botschafter der Ukraine“ (so der Leiter der Literaturwerkstatt, Thomas Wohlfahrt) acht Kollegen aus der Zentral-, Ost- und Südukraine nach Berlin eingeladen. Die meisten von ihnen hat Andruchovyč auf Poesiefestivals und -slams entdeckt. Jelena Zaslavskaja aus Luhans’k hat die Initiative selbst ergriffen: Sie hatte seinem Verlag nahe gelegt, ihre Stadt, die nahe der russischen Grenze liegt, bei der Promo-Tour nicht auszulassen. Mit Igor’ Sid verbinden ihn gemeinsame „geopoetische“ Aktionen des Moskauer Krim-Klubs. Die realpolitischen Visums-Grenzen hat Sid physisch nicht überwinden können; er kommt jedoch virtuell zu Wort.
Die Dokumentation und Übersetzung ins Deutsche von je 10 Gedichten aller acht Autoren für Lyrikline, ein Teil-Projekt der Literaturwerkstatt, (www.lyrikline.org) ergänzt das auf die Westukraine konzentrierte Projekt Potyah76 (www.zug76.de/cms). In der deutschen Übersetzung treffen sich die Texte – wie die russischen von Boris Chersonskij, der zwar ins Finnische übersetzt wurde, aber nicht ins Ukrainische, sowie die ukrainischen Gedichte von Bohdana Matijaš, die ins Russische bisher nicht übersetzt wurden, dafür aber u.a. ins Slowakische, Polnische und Englische. Erstmalig in Deutschland hat sich der Fokus auf eine Präsentation des literarischen Lebens der Gesamtukraine gerichtet.
Wie werden die Autorinnen und Autoren diesem Anspruch gerecht? Indem sie die Erwartungen an regionaltypische Wiedererkennung mit Hilfe übergeordneter Motivik auf den ersten Blick verweigern.

 

Gott und Feminismus

Sowohl bei der Literaturwissenschaftlerin Halyna Kruk (www.halynakruk.net) wie auch bei Jelena Zaslavskaja finden sich Variationen einer Beschäftigung mit der Gender-Thematik. Kruks Gedicht An Sylvia Plath endet mit den Versen: „oh Sylvia, warum muss eine Frau die Freiheit / teurer erkaufen als Amerika?“. Zaslavskajas Epizentrum gipfelt in der Stilisierung der Eizelle zum Zentrum einer netzartigen Körperstruktur, die vorher in akmeistisch anmutender Bienensymbolik vorgeprägt wurde:

 

„Mein Leib sind die Waben.
Mein Leib ist der Honig.
Mein Leib ist gewebt
aus jenen, die in mich reinflogen.“

 

Die Inszenierung eines dezidiert weiblichen Körpers umfasst bei Zaslavskaja die gesamte Palette von Vergewaltigung über Selbstbestimmung bis zum Spiel der Frau mit Gewalt. Klanglich fügen sich die häufigen Assonanzen und Alliterationen zu fließenden Reimlawinen. Die Freude am Leben und Leben-Geben wirkt besonders authentisch, als die hochschwangere Dichterin in knallroten Stiefeln aus ihrem Poem Pro scast’e (www.tisk.in.ua) rezitiert und mit selbstbewusstem Pathos das Wundern über das Mutterwerden mit dem Publikum teilt.

 

Zaslavskaja_schriftHingegen fallen die aufgerufenen Bilder Halyna Kruks durch ihre Düsterkeit auf. Im Gegensatz zu vielen anderen Lemberger DichterInnen schreibt sie nicht über die Stadt. Unter ihren drei Gedichtbänden und zahlreichen Publikationen in Zeitschriften und Anthologien ist die Gestaltung von dramatischen Frauenschicksalen wiederholt anzutreffen (wie im Zyklus Kil’ka nepevnych viršiv či to pro žinku, či pro smert’). Ein mit lautem Applaus bedachtes Gedicht liest sie beinahe flüsternd zu Ende: „Eine Frau, das weißt du selbst, ist ein eigensinniges Wesen, / vergib ihr, Herr“.

Die promovierte Mediävistin erklärt ihren Hang zur Auseinandersetzung mit dem Tod mit ihrer wissenschaftlichen Untersuchung des ukrainischen Barock. Formal lässt sich der Einfluss nicht heraushören, die Verse bewegen sich stark rhythmisiert, jedoch meist ohne Reim oder andere rigide Ordnungsmuster. Kirchensymbole wie z. B. in Smutna Bohorodyzja und die Du-Form erinnern an den religiös inspirierten zweiten Gedichtband (rozmovy s Bohom, 2007) von Bohdana Matijaš aus Kyjiv.

Für die 26jährige Übersetzerin von Andrzej Stasiuks Fado und Redakteurin einer der wichtigsten ukrainischen Kulturzeitschriften, Krytyka, ist Religion jedoch mehr als ein Metaphernreservoir. Über die Artikulation des persönlichen Glaubens hinaus inszeniert ihre Lyrik die Kommunikationssituation des Gebets während des Schreibens. Dabei wird die Instanz Gottes zum impliziten Leser, den es zu erreichen gilt und dessen implizit imaginierte Antworten vom lyrischen Ich mitreflektiert werden. Die verbal beschworene Präsenz des Göttlichen produziert eine Asymmetrie zwischen dem fragenden lyrischen Ich und dessen Bewusstsein um das Fehlen eindeutiger Antworten. Die Schreib-Suche perpetuiert sich immer weiter. Nur äußere Kriterien scheinen sie begrenzen zu können. Die an einen Bewusstseinsstrom erinnernden Verse „gehen“ bis an die Grenze des Seitenrands, legen dem Band das Querformat auf:

9 (21)

Herr Regen bitte mach die Fenster nicht auf da draußen ist so viel Unruhe/
du weißt doch wann sie anbricht und weißt wann sie vergeht/
aber ich weiß es nicht ich  schaue/
einfach auf das Wasser mein Gott und denke an diejenigen die kommen und diejenigen die gehen/
die du herführst und die du wegnimmst vielleicht führst du auch nur her Gott

 

Die Zahlen anstelle von Überschriften weisen auf den Auswahlprozess der gedruckten Gedichte hin. In einem Zeitraum von 18 Monaten hat sie ungefähr 100 „Gottgespräche“ verfasst, aus denen sie ein Drittel für den Band ausgesucht hat. Das sei die glücklichste Zeit ihres Lebens gewesen. Sie habe sich abhängig von dem Schreibprozess gefühlt, in welchem sie intuitiv ihre Überzeugung realisiert habe, dass alle Gespräche, ob Monologe oder reale mit Menschen, letztlich mit Gott stattfinden würden. Die Wortkraft könne nur dann wirkungsmächtig sein, wenn sie sich an Gott richte.
Wie Halyna Kruk hat Bohdana Matijaš eine philologische Ausbildung: Auch sie promoviert über ein Thema, zu welchem ihre Lyrik eine direkte Anbindung hat: Über das Schweigen. Ausgehend von der Unmöglichkeit absoluter Stille inszenieren viele ihrer Gedichte das Schweigen als dokumentierten inneren Monolog. Das Schreiben ginge bei ihr dem Sprechen voraus, sagt sie. Erste Gedichtspublikationen und die Erfahrung öffentlichen Sprechens auf Lesungen gaben ihr den Impuls dazu, den Prozess der Mitteilung aus dem Inneren an die Öffentlichkeit zu thematisieren, die Grenze zwischen Innen und Außen aufzulösen.

dfg dfg

 

Frauen und Religion sind auch bei Pavlo Korobčuk anzutreffen, der ebenfalls in Kyjiv lebt. In taksyst vergleicht er die Informationsflut der Hauptstadt mit einer erregten Frau, von deren Vereinnahmungslust selbst die Geborgenheit des Autos nicht zu retten vermag. Bevor das lyrische Ich sich mit den einzelnen Blutkörperchen der grotesk lebendigen „Information“ vereinigt, sinniert es darüber nach, dass sie genau wie Gott und Geld unerschöpflich ist.
Die Reaktionen des Publikums haben vor allem Bohdana mit dem Vorwurf konfrontiert, dass ihre Gedichte zu persönlich seien. Sie werde oft gefragt, was eine junge Frau erlebt haben muss, um so zu schreiben. Nichts Besonderes habe sie durchgemacht, erklärt sie mit ruhiger Stimme und fragt zurück: Wenn Gedichte über Sex nicht zu intim sind, um gelesen zu werden, warum sollen welche über Gott ein Tabu sein?
Körperliche Intimität ersetzt Religion bei Andrij Ljubka aus Užhorod. Der rotwangige 21jährige ist vor allem mit einem Liebesgedicht aufgefallen. Hier hat er die Du-Anrede genutzt um auszudrücken, es sei ihm „tödlich zuwider / In Kondomen zu kommen“. Ein größerer Abstand des „Barden“ zu seinen manchmal spickzettelartigen Texten kommt dem Lenin-Gedicht zugute, das in sarkastischer Weise die Auswahlpraxis zeitgenössischer Literaturschulbücher angreift. Das lyrische Ich beklagt, dass es keinen Eingang in den Schulkanon findet, was schon fast einen eigenen Kanon aufmacht, da auch der neben ihm sitzende Jurij Andruchovyč auf eine solche Ehre verzichtet hat.

 

Postsowjetische Spuren und  internetgestützte Landkarten

Generell haben sich die meisten Autorinnen und Autoren von dem ukrainischen Schriftstellerverband, der aus „postsowjetischen Dinosauriern“ bestünde (Andruchovyč), distanziert. Die Organisation des literarischen Lebens verläuft oft privat, über das Internet sowie über die verbreitete Praxis des Broterwerbs-Journalismus, der den Zugang zu Lesungen und Slams ermöglicht.

Die journalistische Tätigkeit stellt mitunter eine Nähe zu sozialen Themen her: Der 25jährige Pavlo Korobčuk (www.koroboro.livejournal.com) aus Kyjiv stellt fest: Je länger er schreibe, desto mehr nähme für ihn die Relevanz sozialer Motive zu. Während er seinen ersten Band (Natščenebo, 2005) als hermetisch bezeichnet, verarbeitet der auch als Musiker auftretende schmächtige Mann mittlerweile reale Ereignisse zu Gedichten. Sein Lieblingsbeispiel ist das einer Schülerin, die heimlich einen Gefängnisinsassen heiratet, der für Todschlag an seinen Eltern einsitzt. Diese Entwicklung kommt bei seinem Publikum gut an – er hat besonders in den letzten Jahren viel Erfolg bei Poetry Slams zu verzeichnen.

korobcuk_schriftBereits Korobčuks lyrisches Debüt ist eng mit dem Problem des gesellschaftlichen Außenseitertums verbunden gewesen. Pavlo hatte damals keinen legalen Wohnraum. In dieser Zeit hat er seinen Tag mit Sport und klassischer Musik durchstrukturiert, so dass seine Gedichte von der Disziplin und dem Körpererleben durchdrungen sind. Die Not zur Tugend umgeformt, setzt er sich mit der Freiheit auseinander, wenn er die Weigerung zum Armeedienst in reimfreien Sequenzen auffächert. Das Gedicht Pronykajuči rušnyci antizipiert Erfahrung von  Gewalt und führt die Absurdität von Fremdherrschaft vor.

Derselben literarischen Gruppe wie Pavlo Korobčuk gehört Oleh Kozarev aus Charkiv an, wovon die Kooperations-Anthologie Cilodobrovo zeugt. Bereits vor sechs Jahren ist sein eigener Gedichtband Korotke i dovhe erschienen. Bis auf die Gruppenzugehörigkeit finden sich bei beiden wenige Gemeinsamkeiten. Kozarevs Vortrag hat die Kraft und den Klang eines Rap-Songs, allerdings im freien Vers. Er gilt auf Grund seiner neofuturistischen Stilistik, die unter anderem von Ihor’ Bondar’-Tereščenko und Serhij Žadan beeinflusst sei, als einer der vielversprechendsten Lyriker seiner Generation.
Der 27-jährige arbeitet mit Neologismen, die er unter anderem aus der Vermischung des Ukrainischen mit dem Russischen gewinnt. Die Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit erfolgt bei ihm auch auf der Ebene der Tropen: Im Gedicht Moskovskyj Prospekt bedecken Schneeflocken und Spucke die Straße. Insgesamt versucht Kozarev stilistisch an die Tradition Charkivs als der ukrainischen Hauptstadt und eines Zentrums des Literaturbetriebs anzuknüpfen. In einem seiner Artikel schreibt er, er wünsche sich, die Lebensstrategien ukrainischer Autoren der 1920er-30er würden irgendwann nicht denen heutiger ukrainischer Autoren ähneln.

dfg dfg

 

Die Gruppe, der Jelena Zaslavskaja angehört, heißt STAN (www.tisk.in.ua). Ihre Anthologie Perevorot beginnt mit der Forderung, Luhans’k als „literarische Hauptstadt der Ukraine“ anzuerkennen (S. 4). Jurij Andruchovyč erzählt nach der Lesung, wie fasziniert er war, in Luhans’k die Realisierung eines weiten Geopoetik-Begriffs anzutreffen. Da es nur wenige Möglichkeiten für organisierte Lesungen gibt, liefern STAN-Mitglieder auf dem Universitätscampus literarische Performances und stellen einen (pseudo)mythischen Bezug zur weiblichen Symbolkraft der herumstehenden Frauenskulpturen her. Zaslavskaja zeigt Fotos, auf denen die Mitglieder der Gruppe gegen die Abschaffung der günstigen Straßenbahn protestieren: Militärisch verkleidet stürmen sie eine Tram, um dort Musik zu spielen und Gedichte zu lesen. Man kann gespannt sein, zu welchen Aktionen die Auswirkungen der Finanzkrise führen werden.
Entgegen dem anfänglichen Grundtenor der Lesereihe, dass regionale Zugehörigkeiten in keinem Zusammenhang mit stilistischen Unterschieden stehen würden, haben besonders die russophonen Lesungen gezeigt, dass der geografische Lebensschwerpunkt doch indirekt das Schaffen der AutorInnen mitprägen – und dieser Umstand die Lyrik aus der Ukraine von außen gesehen bereichert.
Ungeachtet übergreifender Motive und der nachwirkenden „klassischen Moderne“ russischer und ukrainischer Provenienz macht sich der Produktionsort bei der Wahl der Sprache, der Netzwerke und der Intertexte bemerkbar. Zum Beispiel kannte Halyna Kruk Sylvia Plath nicht, bevor sie bei ihrem Aufenthalt in Krakau von einer deutschen Autorin auf sie hingewiesen wurde. Zaslavskaja, die in einer ukrainischen Redaktion arbeitet, sagt, dass sie auf Grund ihrer Sprachwahl Cvetaeva und Achmatova viel zu verdanken hätte.

chersonskij_schrift
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Auf die bewusste Entscheidung bei der Schreibsprache setzt auch Boris Chersonkskij, Jahrgang 1950 (www.borkhers.livejournal.com). Der Professor für Psychologie aus Odessa spricht mit dem Moderator Ukrainisch und zitiert ganze Gedichte auf Deutsch. Während die meisten jungen DichterInnen sich ausschließlich auf ukrainophone Lyriktraditionen bezogen, setzen Chersonskij wie Zaslavskaja auf Brodskij. Dem produktiven Psychologen, der den Eindruck vermittelt, dass er überwiegend in Versen denkt, geht es u. a. um die Beschäftigung mit der regionalen Geschichte. Dabei arbeitet er nicht wie STAN sozial engagiert, sondern eher erinnerungskulturell. Semejnyj al’bom entfaltet eine (jüdische) Familiengeschichte, die nicht nur, aber stark mit Odessa verbunden ist.

Paradoxerweise zwingt das am Kreuzungspunkt verschiedener Reisewege gelegene Odessa, das durch die Emigrationswelle der letzten Jahrzehnte zu intellektueller Isolation tendiert, neben der Schreibsprache, die keine Staatssprache ist, zur Nutzung des Internets. Chersonskijs gut besuchtes Blog ist mit der literarischen Karte (www.litkarta.ru/ukraine) verlinkt. Dort werden – aufgeschlüsselt nach ihrem Tätigkeitsort, u. a. in der Ukraine, – auf Russisch Schreibende aus der ganzen Welt vorgestellt. Vielleicht wäre der Isolation weiterer Orte mit einem regen Literaturbetrieb in der Ukraine vorgebeugt, wenn diese Art der literarischen Geografie an Bedeutung zunimmt. Indem die Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach ihrem realen oder virtuellen Aufenthaltsort gefunden und gelesen werden können, statt nach der Literatur- bzw. Nationalsprache getrennt zu sein.

Ukrainische Poesie in Berlin – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ukrai­ni­sche Poesie in Berlin

Lese­reihe in der Lite­ra­tur­werk­statt (08.12.08 – 29.01.09)

 

matijas_andruhovic_schriftJurij Andruchovyč hat den Begriff des „Sta­nis­lauer Phä­no­mens“ geprägt. Damit ver­weist er augen­zwin­kernd darauf, dass es in seiner Hei­mat­stadt Ivano-Frankivs’k, welche früher u. a. Sta­nislau hieß, die höchste Dichte an Dich­te­rInnen in der gesamten Ukraine gäbe. Der Schrift­steller bezeichnet Lem­berg als die „aller­poe­tischste Stadt“ seines Hei­mat­landes und begrüßt die L’viver Dich­terin Halyna Kruk bei der ersten von vier Lesungen der Ver­an­stal­tungs­reihe „Zwi­schen Europa und etwas anderem“ in der Lite­ra­tur­werk­statt in der Kulturbrauerei.

Auch wenn er sagt, dass er sich am liebsten im Westen – der Ukraine und Europas – auf­hält, hat der „Star und kul­tu­relle Bot­schafter der Ukraine“ (so der Leiter der Lite­ra­tur­werk­statt, Thomas Wohl­fahrt) acht Kol­legen aus der Zentral‑, Ost- und Süd­ukraine nach Berlin ein­ge­laden. Die meisten von ihnen hat Andruchovyč auf Poe­sie­fes­ti­vals und ‑slams ent­deckt. Jelena Zas­lavs­kaja aus Luhans’k hat die Initia­tive selbst ergriffen: Sie hatte seinem Verlag nahe gelegt, ihre Stadt, die nahe der rus­si­schen Grenze liegt, bei der Promo-Tour nicht aus­zu­lassen. Mit Igor’ Sid [Link zum Inter­view mit Igor Sid] ver­binden ihn gemein­same „geo­poe­ti­sche“ Aktionen des Mos­kauer Krim-Klubs. Die real­po­li­ti­schen Visums-Grenzen hat Sid phy­sisch nicht über­winden können; er kommt jedoch vir­tuell zu Wort.
Die Doku­men­ta­tion und Über­set­zung ins Deut­sche von je 10 Gedichten aller acht Autoren für Lyrik­line, ein Teil-Pro­jekt der Lite­ra­tur­werk­statt, (www.lyrikline.org) ergänzt das auf die West­ukraine kon­zen­trierte Pro­jekt Potyah76 (www.zug76.de/cms). In der deut­schen Über­set­zung treffen sich die Texte – wie die rus­si­schen von Boris Cher­sonskij, der zwar ins Fin­ni­sche über­setzt wurde, aber nicht ins Ukrai­ni­sche, sowie die ukrai­ni­schen Gedichte von Boh­dana Matijaš, die ins Rus­si­sche bisher nicht über­setzt wurden, dafür aber u.a. ins Slo­wa­ki­sche, Pol­ni­sche und Eng­li­sche. Erst­malig in Deutsch­land hat sich der Fokus auf eine Prä­sen­ta­tion des lite­ra­ri­schen Lebens der Gesamt­ukraine gerichtet.
Wie werden die Autorinnen und Autoren diesem Anspruch gerecht? Indem sie die Erwar­tungen an regio­nal­ty­pi­sche Wie­der­erken­nung mit Hilfe über­ge­ord­neter Motivik auf den ersten Blick verweigern.

 

Gott und Feminismus

Sowohl bei der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin Halyna Kruk (www.halynakruk.net) wie auch bei Jelena Zas­lavs­kaja finden sich Varia­tionen einer Beschäf­ti­gung mit der Gender-The­matik. Kruks Gedicht An Sylvia Plath endet mit den Versen: „oh Sylvia, warum muss eine Frau die Frei­heit / teurer erkaufen als Ame­rika?“. Zas­lavs­kajas Epi­zen­trum gip­felt in der Sti­li­sie­rung der Eizelle zum Zen­trum einer netz­ar­tigen Kör­per­struktur, die vorher in akmeis­tisch anmu­tender Bie­nen­sym­bolik vor­ge­prägt wurde:

 

„Mein Leib sind die Waben.
Mein Leib ist der Honig.
Mein Leib ist gewebt
aus jenen, die in mich reinflogen.“ 

 

Die Insze­nie­rung eines dezi­diert weib­li­chen Kör­pers umfasst bei Zas­lavs­kaja die gesamte Palette von Ver­ge­wal­ti­gung über Selbst­be­stim­mung bis zum Spiel der Frau mit Gewalt. Klang­lich fügen sich die häu­figen Asso­nanzen und Alli­te­ra­tionen zu flie­ßenden Reim­la­winen. Die Freude am Leben und Leben-Geben wirkt beson­ders authen­tisch, als die hoch­schwan­gere Dich­terin in knall­roten Stie­feln aus ihrem Poem Pro scast’e (www.tisk.in.ua) rezi­tiert und mit selbst­be­wusstem Pathos das Wun­dern über das Mut­ter­werden mit dem Publikum teilt.

 

Zaslavskaja_schrift

Hin­gegen fallen die auf­ge­ru­fenen Bilder Halyna Kruks durch ihre Düs­ter­keit auf. Im Gegen­satz zu vielen anderen Lem­berger Dich­te­rInnen schreibt sie nicht über die Stadt. Unter ihren drei Gedicht­bänden und zahl­rei­chen Publi­ka­tionen in Zeit­schriften und Antho­lo­gien ist die Gestal­tung von dra­ma­ti­schen Frau­en­schick­salen wie­der­holt anzu­treffen (wie im Zyklus Kil’ka nepev­nych viršiv či to pro žinku, či pro smert’). Ein mit lautem Applaus bedachtes Gedicht liest sie bei­nahe flüs­ternd zu Ende: „Eine Frau, das weißt du selbst, ist ein eigen­sin­niges Wesen, / vergib ihr, Herr“.

Die pro­mo­vierte Medi­ävistin erklärt ihren Hang zur Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Tod mit ihrer wis­sen­schaft­li­chen Unter­su­chung des ukrai­ni­schen Barock. Formal lässt sich der Ein­fluss nicht her­aus­hören, die Verse bewegen sich stark rhyth­mi­siert, jedoch meist ohne Reim oder andere rigide Ord­nungs­muster. Kir­chen­sym­bole wie z. B. in Smutna Boho­ro­dyzja und die Du-Form erin­nern an den reli­giös inspi­rierten zweiten Gedicht­band (rozmovy s Bohom, 2007) von Boh­dana Matijaš aus Kyjiv.

Für die 26jährige Über­set­zerin von Andrzej Sta­siuks Fado und Redak­teurin einer der wich­tigsten ukrai­ni­schen Kul­tur­zeit­schriften, Kry­tyka, ist Reli­gion jedoch mehr als ein Meta­phern­re­ser­voir. Über die Arti­ku­la­tion des per­sön­li­chen Glau­bens hinaus insze­niert ihre Lyrik die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­tion des Gebets wäh­rend des Schrei­bens. Dabei wird die Instanz Gottes zum impli­ziten Leser, den es zu errei­chen gilt und dessen implizit ima­gi­nierte Ant­worten vom lyri­schen Ich mit­re­flek­tiert werden. Die verbal beschwo­rene Prä­senz des Gött­li­chen pro­du­ziert eine Asym­me­trie zwi­schen dem fra­genden lyri­schen Ich und dessen Bewusst­sein um das Fehlen ein­deu­tiger Ant­worten. Die Schreib-Suche per­p­etu­iert sich immer weiter. Nur äußere Kri­te­rien scheinen sie begrenzen zu können. Die an einen Bewusst­seins­strom erin­nernden Verse „gehen“ bis an die Grenze des Sei­ten­rands, legen dem Band das Quer­format auf:

9 (21)

Herr Regen bitte mach die Fenster nicht auf da draußen ist so viel Unruhe/
du weißt doch wann sie anbricht und weißt wann sie vergeht/
aber ich weiß es nicht ich  schaue/
ein­fach auf das Wasser mein Gott und denke an die­je­nigen die kommen und die­je­nigen die gehen/
die du her­führst und die du weg­nimmst viel­leicht führst du auch nur her Gott […]

 

Die Zahlen anstelle von Über­schriften weisen auf den Aus­wahl­pro­zess der gedruckten Gedichte hin. In einem Zeit­raum von 18 Monaten hat sie unge­fähr 100 „Gott­ge­spräche“ ver­fasst, aus denen sie ein Drittel für den Band aus­ge­sucht hat. Das sei die glück­lichste Zeit ihres Lebens gewesen. Sie habe sich abhängig von dem Schreib­pro­zess gefühlt, in wel­chem sie intuitiv ihre Über­zeu­gung rea­li­siert habe, dass alle Gespräche, ob Mono­loge oder reale mit Men­schen, letzt­lich mit Gott statt­finden würden. Die Wort­kraft könne nur dann wir­kungs­mächtig sein, wenn sie sich an Gott richte.
Wie Halyna Kruk hat Boh­dana Matijaš eine phi­lo­lo­gi­sche Aus­bil­dung: Auch sie pro­mo­viert über ein Thema, zu wel­chem ihre Lyrik eine direkte Anbin­dung hat: Über das Schweigen. Aus­ge­hend von der Unmög­lich­keit abso­luter Stille insze­nieren viele ihrer Gedichte das Schweigen als doku­men­tierten inneren Monolog. Das Schreiben ginge bei ihr dem Spre­chen voraus, sagt sie. Erste Gedichts­pu­bli­ka­tionen und die Erfah­rung öffent­li­chen Spre­chens auf Lesungen gaben ihr den Impuls dazu, den Pro­zess der Mit­tei­lung aus dem Inneren an die Öffent­lich­keit zu the­ma­ti­sieren, die Grenze zwi­schen Innen und Außen aufzulösen.

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Frauen und Reli­gion sind auch bei Pavlo Kor­o­bčuk anzu­treffen, der eben­falls in Kyjiv lebt. In tak­syst ver­gleicht er die Infor­ma­ti­ons­flut der Haupt­stadt mit einer erregten Frau, von deren Ver­ein­nah­mungs­lust selbst die Gebor­gen­heit des Autos nicht zu retten vermag. Bevor das lyri­sche Ich sich mit den ein­zelnen Blut­kör­per­chen der gro­tesk leben­digen „Infor­ma­tion“ ver­ei­nigt, sin­niert es dar­über nach, dass sie genau wie Gott und Geld uner­schöpf­lich ist.
Die Reak­tionen des Publi­kums haben vor allem Boh­dana mit dem Vor­wurf kon­fron­tiert, dass ihre Gedichte zu per­sön­lich seien. Sie werde oft gefragt, was eine junge Frau erlebt haben muss, um so zu schreiben. Nichts Beson­deres habe sie durch­ge­macht, erklärt sie mit ruhiger Stimme und fragt zurück: Wenn Gedichte über Sex nicht zu intim sind, um gelesen zu werden, warum sollen welche über Gott ein Tabu sein?
Kör­per­liche Inti­mität ersetzt Reli­gion bei Andrij Ljubka aus Užhorod. Der rot­wan­gige 21jährige ist vor allem mit einem Lie­bes­ge­dicht auf­ge­fallen. Hier hat er die Du-Anrede genutzt um aus­zu­drü­cken, es sei ihm „töd­lich zuwider […] / In Kon­domen zu kommen“. Ein grö­ßerer Abstand des „Barden“ zu seinen manchmal spick­zet­tel­ar­tigen Texten kommt dem Lenin-Gedicht zugute, das in sar­kas­ti­scher Weise die Aus­wahl­praxis zeit­ge­nös­si­scher Lite­ra­tur­schul­bü­cher angreift. Das lyri­sche Ich beklagt, dass es keinen Ein­gang in den Schul­kanon findet, was schon fast einen eigenen Kanon auf­macht, da auch der neben ihm sit­zende Jurij Andruchovyč auf eine solche Ehre ver­zichtet hat.

 

Post­so­wje­ti­sche Spuren und  inter­net­ge­stützte Landkarten

Gene­rell haben sich die meisten Autorinnen und Autoren von dem ukrai­ni­schen Schrift­stel­ler­ver­band, der aus „post­so­wje­ti­schen Dino­sau­riern“ bestünde (Andruchovyč), distan­ziert. Die Orga­ni­sa­tion des lite­ra­ri­schen Lebens ver­läuft oft privat, über das Internet sowie über die ver­brei­tete Praxis des Brot­er­werbs-Jour­na­lismus, der den Zugang zu Lesungen und Slams ermöglicht.

Die jour­na­lis­ti­sche Tätig­keit stellt mit­unter eine Nähe zu sozialen Themen her: Der 25jährige Pavlo Kor­o­bčuk (www.koroboro.livejournal.com) aus Kyjiv stellt fest: Je länger er schreibe, desto mehr nähme für ihn die Rele­vanz sozialer Motive zu. Wäh­rend er seinen ersten Band (Natšče­nebo, 2005) als her­me­tisch bezeichnet, ver­ar­beitet der auch als Musiker auf­tre­tende schmäch­tige Mann mitt­ler­weile reale Ereig­nisse zu Gedichten. Sein Lieb­lings­bei­spiel ist das einer Schü­lerin, die heim­lich einen Gefäng­nis­in­sassen hei­ratet, der für Tod­schlag an seinen Eltern ein­sitzt. Diese Ent­wick­lung kommt bei seinem Publikum gut an – er hat beson­ders in den letzten Jahren viel Erfolg bei Poetry Slams zu verzeichnen.

korobcuk_schriftBereits Kor­o­bčuks lyri­sches Debüt ist eng mit dem Pro­blem des gesell­schaft­li­chen Außen­sei­ter­tums ver­bunden gewesen. Pavlo hatte damals keinen legalen Wohn­raum. In dieser Zeit hat er seinen Tag mit Sport und klas­si­scher Musik durch­struk­tu­riert, so dass seine Gedichte von der Dis­zi­plin und dem Kör­per­er­leben durch­drungen sind. Die Not zur Tugend umge­formt, setzt er sich mit der Frei­heit aus­ein­ander, wenn er die Wei­ge­rung zum Armee­dienst in reim­freien Sequenzen auf­fä­chert. Das Gedicht Pro­ny­ka­juči rušnyci anti­zi­piert Erfah­rung von  Gewalt und führt die Absur­dität von Fremd­herr­schaft vor.

Der­selben lite­ra­ri­schen Gruppe wie Pavlo Kor­o­bčuk gehört Oleh Kozarev aus Charkiv an, wovon die Koope­ra­tions-Antho­logie Cilod­o­brovo zeugt. Bereits vor sechs Jahren ist sein eigener Gedicht­band Korotke i dovhe erschienen. Bis auf die Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit finden sich bei beiden wenige Gemein­sam­keiten. Koza­revs Vor­trag hat die Kraft und den Klang eines Rap-Songs, aller­dings im freien Vers. Er gilt auf Grund seiner neo­fu­tu­ris­ti­schen Sti­listik, die unter anderem von Ihor’ Bondar’-Tereščenko und Serhij Žadan beein­flusst sei, als einer der viel­ver­spre­chendsten Lyriker seiner Generation.
Der 27-jäh­rige arbeitet mit Neo­lo­gismen, die er unter anderem aus der Ver­mi­schung des Ukrai­ni­schen mit dem Rus­si­schen gewinnt. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der sowje­ti­schen Ver­gan­gen­heit erfolgt bei ihm auch auf der Ebene der Tropen: Im Gedicht Moskovskyj Pro­spekt bede­cken Schnee­flo­cken und Spucke die Straße. Ins­ge­samt ver­sucht Kozarev sti­lis­tisch an die Tra­di­tion Char­kivs als der ukrai­ni­schen Haupt­stadt und eines Zen­trums des Lite­ra­tur­be­triebs anzu­knüpfen. In einem seiner Artikel schreibt er, er wün­sche sich, die Lebens­stra­te­gien ukrai­ni­scher Autoren der 1920er-30er würden irgend­wann nicht denen heu­tiger ukrai­ni­scher Autoren ähneln.

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Die Gruppe, der Jelena Zas­lavs­kaja ange­hört, heißt STAN (www.tisk.in.ua). Ihre Antho­logie Pere­vorot beginnt mit der For­de­rung, Luhans’k als „lite­ra­ri­sche Haupt­stadt der Ukraine“ anzu­er­kennen (S. 4). Jurij Andruchovyč erzählt nach der Lesung, wie fas­zi­niert er war, in Luhans’k die Rea­li­sie­rung eines weiten Geo­poetik-Begriffs anzu­treffen. Da es nur wenige Mög­lich­keiten für orga­ni­sierte Lesungen gibt, lie­fern STAN-Mit­glieder auf dem Uni­ver­si­täts­campus lite­ra­ri­sche Per­for­mances und stellen einen (pseudo)mythischen Bezug zur weib­li­chen Sym­bol­kraft der her­um­ste­henden Frau­en­skulp­turen her. Zas­lavs­kaja zeigt Fotos, auf denen die Mit­glieder der Gruppe gegen die Abschaf­fung der güns­tigen Stra­ßen­bahn pro­tes­tieren: Mili­tä­risch ver­kleidet stürmen sie eine Tram, um dort Musik zu spielen und Gedichte zu lesen. Man kann gespannt sein, zu wel­chen Aktionen die Aus­wir­kungen der Finanz­krise führen werden.
Ent­gegen dem anfäng­li­chen Grund­tenor der Lese­reihe, dass regio­nale Zuge­hö­rig­keiten in keinem Zusam­men­hang mit sti­lis­ti­schen Unter­schieden stehen würden, haben beson­ders die russo­phonen Lesungen gezeigt, dass der geo­gra­fi­sche Lebens­schwer­punkt doch indi­rekt das Schaffen der AutorInnen mit­prägen – und dieser Umstand die Lyrik aus der Ukraine von außen gesehen bereichert.
Unge­achtet über­grei­fender Motive und der nach­wir­kenden „klas­si­schen Moderne“ rus­si­scher und ukrai­ni­scher Pro­ve­nienz macht sich der Pro­duk­ti­onsort bei der Wahl der Sprache, der Netz­werke und der Inter­texte bemerkbar. Zum Bei­spiel kannte Halyna Kruk Sylvia Plath nicht, bevor sie bei ihrem Auf­ent­halt in Krakau von einer deut­schen Autorin auf sie hin­ge­wiesen wurde. Zas­lavs­kaja, die in einer ukrai­ni­schen Redak­tion arbeitet, sagt, dass sie auf Grund ihrer Sprach­wahl Cve­taeva und Ach­matova viel zu ver­danken hätte.

chersonskij_schrift
dfg [Cherzonskij1]
dfg [Cherzonskij2]

 

Auf die bewusste Ent­schei­dung bei der Schreib­sprache setzt auch Boris Cher­son­kskij, Jahr­gang 1950 (www.borkhers.livejournal.com). Der Pro­fessor für Psy­cho­logie aus Odessa spricht mit dem Mode­rator Ukrai­nisch und zitiert ganze Gedichte auf Deutsch. Wäh­rend die meisten jungen Dich­te­rInnen sich aus­schließ­lich auf ukrai­no­phone Lyrik­tra­di­tionen bezogen, setzen Cher­sonskij wie Zas­lavs­kaja auf Brodskij. Dem pro­duk­tiven Psy­cho­logen, der den Ein­druck ver­mit­telt, dass er über­wie­gend in Versen denkt, geht es u. a. um die Beschäf­ti­gung mit der regio­nalen Geschichte. Dabei arbeitet er nicht wie STAN sozial enga­giert, son­dern eher erin­ne­rungs­kul­tu­rell. Seme­jnyj al’bom ent­faltet eine (jüdi­sche) Fami­li­en­ge­schichte, die nicht nur, aber stark mit Odessa ver­bunden ist.

Para­do­xer­weise zwingt das am Kreu­zungs­punkt ver­schie­dener Rei­se­wege gele­gene Odessa, das durch die Emi­gra­ti­ons­welle der letzten Jahr­zehnte zu intel­lek­tu­eller Iso­la­tion ten­diert, neben der Schreib­sprache, die keine Staats­sprache ist, zur Nut­zung des Inter­nets. Cher­sons­kijs gut besuchtes Blog ist mit der lite­ra­ri­schen Karte (www.litkarta.ru/ukraine) ver­linkt. Dort werden – auf­ge­schlüs­selt nach ihrem Tätig­keitsort, u. a. in der Ukraine, – auf Rus­sisch Schrei­bende aus der ganzen Welt vorgestellt. Viel­leicht wäre der Iso­la­tion wei­terer Orte mit einem regen Lite­ra­tur­be­trieb in der Ukraine vor­ge­beugt, wenn diese Art der lite­ra­ri­schen Geo­grafie an Bedeu­tung zunimmt. Indem die Schrift­stel­le­rinnen und Schrift­steller nach ihrem realen oder vir­tu­ellen Auf­ent­haltsort gefunden und gelesen werden können, statt nach der Lite­ratur- bzw. Natio­nal­sprache getrennt zu sein.