Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Raus aus Bra­tis­lava! – Preč! Preč! von Jana Beňová

Preč! Preč! (Weg! Weg!), Jana Beňovás drittes Pro­sa­werk nach Parker und Der Geleit­plan (Café Hyena), han­delt von Flucht und Aus­reißen, von Unge­horsam und Aben­teuern. Der Ausruf ist gewis­ser­maßen Lebens­motto für Jana Beňovás Prot­ago­nistin, für Rosa, „das Mäd­chen vom Haupt­bahnhof“, die auf­ge­wachsen ist in dem Haus hinter den Gleisen, den Blick auf die Nacht­züge Rich­tung Norden gerichtet. Aber auch für Son, ihren Mann, der sich noch nie wohl­ge­fühlt hat in fremden Woh­nungen und unter fremden Men­schen und am wenigsten dann, wenn beides zusam­men­kommt. Als Kind hat er des­halb, als er mit den Eltern bei Freunden ein­ge­laden war, Mutter und Vater am Hosen­bein gezupft und ver­langt: „Weg! Weg!“.

 

So beginnt der Text. Daneben stellt die Autorin die Anek­dote von der Prager Fürs­ten­tochter, die ihre Ferien bei der Thurn-und-Taxis-Ver­wandt­schaft in Deutsch­land ver­bringen muss. Als sie von ihrer Gast­ge­berin groß­zügig gefragt wird, was sie sich denn wün­schen würde, ant­wortet das ade­lige Mäd­chen, sie würde es ja gerne sagen, aber das sei ein­fach unge­hörig, viel zu unge­zogen. Als die Fürstin insis­tiert, ant­wortet das Mäd­chen: „Weg! Weg!“.

 

Das Thema ist damit gesetzt. Es geht um das schnelle Kof­fer­pa­cken, um die Flucht aus Situa­tionen, in denen man sich nicht befinden will, um die Reise an egal wel­chen Ort, Haupt­sache an einen anderen, aber auch um Unge­horsam, Rebel­lion. Grund­lage jedes Arbeits­le­bens ist das Aus­reißen, das Schwänzen, behauptet Rosa, im Jetzt der Erzäh­lung eine vier­zig­jäh­rige Frau. Dabei ist sie nicht immer so rebel­lisch gewesen. Als Kind, erin­nert sie sich, ging sie gerne zur Schule. Erst später, auf dem Gym­na­sium in der Vor­stadt, hielt sie es nicht mehr aus. Dort gab es kein echtes Leben, nur Auto­bahnen, graue Häuser, schwarzen Schnee und beschränkte Men­schen. Zusammen mit den Anderen fühlte sie sich unwohl, gefangen im Kol­lektiv; ein beson­derer Horror dabei: das gemein­same Mit­tag­essen, der Geruch des auf­ge­zwun­genen Essens, die Geräu­sche der Mit­schüler. Hier ent­steht ihr Frei­heits­drang: Aus dem regle­men­tierten Schul­alltag flieht sie in kleine Cafés, zieht durch die Stadt, zum Bahnhof, trinkt Rot­wein, raucht. So erschafft sie sich ihr Paris inmitten der tristen Tsche­cho­slo­wakei, denn, so die erwach­sene Rosa, wenn man sich mit sech­zehn nicht ein eigenes Paris erfindet (vor allem am frühen Abend), wenn man nicht in den Tag hin­ein­lebt, nicht Albert Camus liest, dann wird man es auch später nie (er)finden.

 

Fortan bestimmen Fluchten und Reisen Rosas Leben. Die erste Reise führt sie zu ihrem Onkel nach Ame­rika, wo sie sich Aben­teuer erhofft. Statt­dessen ver­bringt sie die Tage in der Auto­werk­statt des Onkels, der ihr abends immer wieder Aus­flüge ver­spricht – je mehr er trinkt, desto groß­spu­riger seine Pläne. Doch am nächsten Morgen schläft der Onkel bis mit­tags, um dann wieder in der Werk­statt zu verschwinden.

 

In Rosas Leben lösen die Auf­brüche ein­ander ab, geben ihr Kraft; die neuen Orte dagegen sind des­il­lu­sio­nie­rend, nie­mals kommt sie in ihnen an, kehrt immer wieder zurück in die trost­lose slo­wa­ki­sche Plat­ten­bau­sied­lung. Auch die vier­zig­jäh­rige Rosa muss also weg von hier, ist wie früher in der Schule den Mit­schü­lern, jetzt den ständig plau­dernden Kol­le­ginnen aus­ge­lie­fert: „Arbeit, Kinder, Familie, Geld, Musik, Familie, Kinder, Arbeit, Essen, Kognak, Sex, Schön­heits­ope­ra­tionen, poli­ti­sche Theorie, Cel­lu­litis, Essen, Kognak, Arbeit, Geld, Sex, Cel­lu­litis“, sind die nichts­sa­genden Themen, die ohne Unter­lass dis­ku­tiert werden (obwohl man sich fragt, was die „poli­ti­sche Theorie“ hier zu suchen hat – Beňová mit ihrem gewohnt iro­ni­schen Unterton mag hier das Pau­sen­raum­ge­me­cker über die Unfä­hig­keit der poli­ti­schen Klasse vor­ge­schwebt haben).

 

Ebenso gefangen fühlt sich Rosa in der Ehe mit Son, dem Dichter. Ihre Bezie­hung scheint am Ende, sie hält es nicht aus mit ihm. So kommt es, dass in diesem Jahr der Januar, für sie der schwär­zeste Monat, bis in den März hinein andauert. Im Januar, so Rosa, sind sogar Spa­zier­gänge über­flüssig, „denn alles ist tot, was bleibt, ist Selbst­mord, d.h. eine Ehe plus vierzig Stunden Büro­ar­beit, oder ein Revolver“.

 

Statt­dessen nimmt sie den Zug, reist nach Öster­reich, zu einem anderen Mann, zu Corman, dem Mario­net­ten­spieler. Mit ihm reist sie weiter, durch Slo­we­nien, egal wohin. Ein Ziel gibt es wie immer nicht, schon gar nicht das Meer (das auf dem Buch­cover abge­bildet ist), denn, so bemerkt sie auf einem Flug­hafen voller Süd­ur­lauber: „Wir kommen aus einer Gegend, wo man sich Wärme ver­dienen muss, sie erschaffen muss. Im eigenen Körper ein eigenes Feuer ent­zünden. … Wir haben kein Meer. Und wollen auch keins.“ Und wie immer kehrt sie auch dieses Mal zurück, zu Son, in die Plat­ten­bau­sied­lung, lebt zwi­schen zwei Welten, zwei Män­nern, trauert über das, was war, das, was ist, denn: „Wenn der Geliebte ver­schwindet, tau­chen sehr viele Wörter auf, die man gerne noch sagen würde. Sie wir­beln in einem herum. Fallen in den Tag wie schlam­mige Steine. Radio­ak­tiver Abfall.“ Und auf ihrer Suche nach Unab­hän­gig­keit, ange­trieben von ihrem „Weg! Weg!“, das zwi­schen­durch zumin­dest den Män­nern wie ein Schlachtruf in den Ohren klingen muss, kommt sie zum Schluss viel­leicht doch an. Ver­steht viel­mehr, dass abzu­reisen auch bedeutet, irgendwo anders anzukommen.

 

Weg! Weg! beginnt gewis­ser­maßen da, wo Jana Beňovás Der Geleit­plan auf­hört. Die Prot­ago­nis­tinnen ähneln sich: Die rebel­li­sche Rosa könnte eine Zwil­lings­schwester der starken Elza aus dem Geleit­plan sein, und auch Son teilt nicht nur die schlechten Augen mit Ian, dem alternden Dichter. Aber wäh­rend Elza bleibt, sich eine eigene Welt in der Tris­tesse der Plat­ten­bauten zusam­men­bas­telt (wie auch die sech­zehn­jäh­rige Rosa), nach einem „Geleit­plan“ für das Hier und Jetzt sucht, in dem sie trotz allem fest ver­an­kert ist, wagt Rosa die Flucht nach vorn, ist ständig in Bewe­gung. Sie bleibt nicht in der unglück­li­chen Bezie­hung, wo sie von ihrem schlecht sehenden Dich­ter­mann „abhängig ist wie ein Blin­den­hund“. Da steht sie lieber wei­nend auf dem Bahn­steig und trauert dem Ende ihrer Liebe nach. Aber: Sie geht, muss gehen, um zu überleben.

 

Jana Beňová ver­han­delt die Suche von Frauen nach Unab­hän­gig­keit, das Schei­tern von Bezie­hungen mit allzu selbst­be­zo­genen Män­nern, die sich wan­delnde Rolle von Frauen in den Gesell­schaften Mit­tel­eu­ropas, die Erfah­rung einer Kind­heit im Sozia­lismus. Das Gefühl der Enge, kleine Fluchten, die Frei­heit in engen Wein­ka­schemmen, in den Straßen der Stadt und die Sehn­sucht nach fremden Orten sind viel beschrie­bene Motive ihrer Genera­tion, die wäh­rend der „Nor­ma­li­sie­rung“ in der Tsche­cho­slo­wakei auf­wuchs. Beňová widmet sich ihnen aber auf ihre ganz eigene, unnach­ahm­liche und alles andere als banale Weise.

 

Weg! Weg! ist unter­ti­telt mit „Roman / Gedicht“, und zwei­ge­teilt ist auch der Text, wobei beide Teile den glei­chen Titel „Weg!“ tragen. Und ja, es ist ein Roman, es gibt die oben beschrie­bene Hand­lung, Prot­ago­nisten, Ereig­nisse. Gleich­zeitig quillt der Text über vor Bil­dern, freien Asso­zia­tionen, ist häufig radikal aus Rosas Per­spek­tive und in der Technik des Bewusst­seins­stroms erzählt. Beňová hat mit Rosa eine noch stär­kere, wil­dere Erzähl­stimme als die ihrer Elza geschaffen, die im Ver­gleich fast etwas zurück­ge­nommen, distan­ziert klingt. Rosa lässt die Leser näher an sich heran, ihr Ver­langen nach Unab­hän­gig­keit und Abgren­zung sind so unmit­telbar, dass man sie fast kör­per­lich mit­er­lebt. Aber ihre Suche nach Sinn, nach dem eigenen Platz in der Welt ist kei­nes­falls linear erzählt, son­dern voller Brüche und Zeit­sprünge. Die Autorin spielt mit der Wahr­neh­mung ihrer Leser, lässt keine klaren Zuord­nungen von Raum und Zeit, von Rea­lität und Traum zu. Text­pas­sagen bre­chen plötz­lich ab, bis der Faden an spä­terer Stelle wie­der­auf­ge­nommen wird und die Ereig­nisse oft in völlig neuem Licht erscheinen.

 

Und wie schon im Geleit­plan ist Beňovás Prosa von einer bewun­derns­werten Leich­tig­keit, erscheint der Erzähl­stil nie­mals künst­lich oder gewollt. Fast noch genauer, noch tref­fender sind ihre Bilder geworden, die knappen Sätze, mit denen alles gesagt ist. Dazu kommt ihr unver­gleich­li­cher Humor, etwa wenn sie Rosa den Zustand ihrer Bezie­hung zu Son bei einem Restau­rant­be­such so cha­rak­te­ri­sieren lässt: „Ich habe mich wahr­schein­lich falsch hin­ge­setzt. Auf den schlech­testen Platz. Genau gegen­über von Son.“ Oder wenn Rosa, die ängst­lich auf den Geliebten wartet, denkt: „Wäre es mög­lich, dass Corman mich ver­lässt? Dass er es fertig bekäme, die Frau zu ver­lassen, die ihm das Nacht­leben von Krems gezeigt hat?“

 

Jana Beňová hat mit Preč! Preč! einen erfri­schend rebel­li­schen, mit­rei­ßend erzählten Text geschaffen. Humor­voll und iro­nisch ver­han­delt sie exis­ten­zi­elle Themen, wie es sich leben lässt, wenn die Liebe ver­schwindet, wenn es einen anderen Mann gibt, man aber mit dem ersten das ganze Leben ver­bracht hat. Beňová schreibt im besten Sinne berüh­rend; sprach­liche Ver­spielt­heit, Leicht­heit, Selbst­ironie und Humor treffen bei ihr auf die tie­feren Wahr­neh­mungs­schichten und Ent­frem­dungs­prak­tiken moderner Gesell­schaften. Leider liegt Preč! Preč! bisher nicht in deut­scher Über­set­zung vor – schade, denn Bes­seres war aus der Slo­wakei seit Langem nicht zu lesen.

 

Beňová, Jana: Preč! Preč! Bra­tis­lava: Marenčin PT, 2012.

 

Alle Zitate wurden von Sarah Hou­ter­mans aus dem Slo­wa­ki­schen übertragen.

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