Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ich bin auf Andrić wütend, wenn er über mus­li­mi­sche Figuren schreibt

Inter­view mit Bilal Memišević, Ara­bist, Vor­sit­zender des Gemein­de­par­la­ments und Vor­sit­zender des Rates der Isla­mi­schen Gemeinde, Višegrad

novinki: Sie arbeiten seit Jahren an der Erneue­rung des mus­li­mi­schen Lebens in Više­grad, das Ivo Andrić in seinem Roman Die Brücke über die Drina (Na Drini ćuprija) ver­ewigte. Wie viele Mus­lime gibt es über­haupt in der Stadt, wie viele gab es vor dem Krieg?

Bilal Memišević: Laut der letzten Volks­zäh­lung vor dem Krieg stellten die Bos­niaken – also die Mus­lime – 64,3% der Bewohner der Gemeinde Više­grad, 33% waren Serben, 4–5% machten die Übrigen aus. Auf dem Gebiet der Gemeinde lebten damals ca. 22.000 Men­schen. Heute leben auf diesem Gebiet hin­gegen – laut einem von mir erstellten Register und den Angaben des Stadt­par­la­ments, denn seit dem Krieg wurde keine Volks­zäh­lung mehr durch­ge­führt – nicht mehr als 12.000 Ein­wohner, davon 2.000 bis 2.500 bos­nia­ki­sche Rück­kehrer. Also 15% bis 16% der Gemein­de­ein­wohner sind Bos­niaken. Wenn es um die Erneue­rung des reli­giösen Lebens geht, so ist hier eine stete Ver­bes­se­rung zu ver­zeichnen. Die Lage im Jahr 2000 kann in keiner Weise mit der Situa­tion der letzten zwei bis drei Jahre ver­gli­chen werden. Beim Wie­der­aufbau von sakralen Bauten kam es in letzter Zeit zu keinen grö­ßeren Aus­schrei­tungen. Die Men­schen begannen mit­ein­ander zu kom­mu­ni­zieren, Serben mit Bos­niaken, Bos­niaken mit Serben. Wenn Sie jetzt einen Spa­zier­gang durch Više­grad machen und einen Blick auf den Markt werfen – heute ist Mitt­woch und somit Markttag –, werden Sie fest­stellen, dass sie zusammen, an den­selben Ständen, ihre Waren aus­stellen. Hier und da pas­siert etwas, vor dem Hin­ter­grund aller Gescheh­nisse der ver­gan­genen zwanzig Jahre kann man aber zufrieden sein.

n.: Die Zahl der Rück­kehrer ist aber relativ gering. Warum kehren nicht mehr Men­schen zurück?

B.M.: Der Pro­zess der Rück­kehr ist nicht abge­schlossen, er ist wei­terhin im Gang. Immer noch sind die zustän­digen Insti­tu­tionen des Staates, des Kan­tons und der Gemeinde nicht imstande, den Bedürf­nissen und Wün­schen der Men­schen, die zurück­kehren wollen, zu ent­spre­chen. Viele Bürger von Više­grad leben inzwi­schen in Übersee, eine große Zahl grün­dete eine neue Exis­tenz in der Föde­ra­tion, ins­be­son­dere in Sara­jevo, aber das Inter­esse für die Rück­kehr ist immer noch groß. Wir bemühen uns, für diese Men­schen die nötige Infra­struktur auf­zu­bauen. Wir wissen, dass bis Anfang 2012 2000 Men­schen zurück­ge­kehrt sind und 847 Fami­li­en­häuser wie­der­auf­ge­baut wurden. Wenn man berück­sich­tigt, dass die Rück­kehr offi­ziell 2002 begann, ist das eine recht zufrieden stel­lende Bilanz. Ich denke, dass das pro­zen­tuale Ver­hältnis von vor dem Krieg nie erreicht werden wird. Wenn es aber gelingt, dass von den ehe­ma­ligen Bewoh­nern der Repu­blika Srpska 20% zurück­kehren und genauso viel von den ehe­ma­ligen Bewoh­nern der Föde­ra­tion, dann wird das eine gute Vor­aus­set­zung für eine erfolg­reiche Orga­ni­sa­tion des ganzen Staates dar­stellen. Die­je­nigen, die erwarten, dass es wieder wie vor dem Krieg wird, leben in einer anderen Welt, sie akzep­tieren die neuen Gege­ben­heiten nicht. Wir sollten unter den gege­benen Umständen ver­su­chen, die ele­men­taren Men­schen­rechte für alle in beiden Enti­täten zu verwirklichen.

n.: Besu­chen die bos­nia­ki­schen und die ser­bi­schen Kinder in Više­grad die glei­chen Schulen und Klassen?

B.M.: Ja. Das, was es man­cher­orts in Bos­nien-Her­ze­go­wina gibt, näm­lich zwei Schulen unter einem Dach, exis­tiert hier nicht. Nur der Reli­gi­ons­un­ter­richt findet getrennt statt, alle anderen Fächer werden im Ein­klang mit den Plänen und Cur­ri­cula des Minis­te­riums für Bil­dung und Kultur der Repu­blika Srpska unterrichtet.

n.: Tau­chen im Sprach- und Geschichts­un­ter­richt Pro­bleme auf?

B.M.: Es gibt bestimmte Dif­fe­renzen, absolut.

n.: Unter­richten auch bos­nia­ki­sche Lehrer diese Fächer?

B.M.: Leider nicht. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass es unter den Rück­keh­rern keine Lehrer gibt. Was mich im Moment mehr beschäf­tigt, ist zu ver­hin­dern, dass es in den Schulen zu Pro­vo­ka­tionen oder Aus­schrei­tungen kommt. Nach­richten über solche Vor­fälle ver­lang­samen den Rück­kehr­pro­zess; für die­je­nigen Men­schen, die hin und her gerissen sind, kann so etwas das Züng­lein an der Waage sein, wenn es darum geht, die Rück­kehr­pläne zu ver­werfen. Die Cur­ri­cula werden ein­fach zu ändern sein, wenn wir die besagten 20% – auch in der Schule – erreicht haben, und zwar mit dem Argu­ment der Men­schen­rechte und der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­tion im Beson­deren. Man muss zuerst die Vor­aus­set­zungen schaffen, um Bedin­gungen stellen zu können.

n.: Die inter­eth­ni­schen Bezie­hungen in Više­grad haben Sie als positiv dar­ge­stellt. Wie gestaltet sich – inso­fern es sie gibt – die Zusam­men­ar­beit zwi­schen den reli­giösen Insti­tu­tionen der Mus­lime und der ortho­doxen Kirche?

B.M.: Sie ist nicht aus­ge­zeichnet, aber das ist nicht wichtig. Wesent­lich ist, dass sie exis­tiert, dass Imame und ortho­doxe Priester kom­mu­ni­zieren, dass sich Men­schen aus den Insti­tu­tionen gegen­seitig besu­chen, dass wir uns bei Eröff­nungen von neuen Ein­rich­tungen der isla­mi­schen Gemeinde und der ser­bi­schen ortho­doxen Kirche treffen. Ich glaube, dass Men­schen dem Dialog der Ver­treter der Glau­bens­ge­mein­schaften folgen werden. Es hat lange gedauert, aber es ist mir gelungen, dass zwei, drei Imame zusammen mit zwei, drei Pries­tern in aller Öffent­lich­keit einen Spa­zier­gang durch die Stadt machten und einen Kaffee im Garten des Hotels tranken. Für die gewöhn­li­chen Gläu­bigen bedeutet es viel, zu sehen, dass dieser Kon­takt besteht.

n.: Viele Bos­niaken sehen einen Zusam­men­hang zwi­schen der Lite­ratur des berühm­testen Sohns Više­grads Ivo Andrić und den Ver­bre­chen, die wäh­rend des Bos­ni­en­kriegs – auch in Više­grad – an den Mus­limen verübt wurden. Sie machen Andrić dafür mit­ver­ant­wort­lich. Hat Ivo Andrić den Bos­niaken nur Schlechtes gebracht?

B.M.: Andrić ist der bos­nisch-her­ze­go­wi­ni­sche Nobel­preis­träger, er lebte in Više­grad, kam immer wieder hierher. Das Werk des Groß­we­sirs Mehmed Pascha Sokolović, die Brücke über die Drina, war Andrićs Inspi­ra­tion und machte ihn und Više­grad in der Welt berühmt. Die Form seiner Lite­ratur ist per­fekt, sie zu kri­ti­sieren wäre absurd. Aber ich bin auf Andrić wütend, wenn er über mus­li­mi­sche Figuren schreibt. Ich bin in seinen Texten noch nie auf eine per­fekte mus­li­mi­sche Figur gestoßen. Immer ist es ein Hans­wurst, jemand, über den man lacht, den man ver­spottet. Mir ist nicht klar, ob das der Gesichts­punkt Andrićs ist oder ob er unter dem Ein­fluss des dama­ligen Bel­grad und der Ser­bi­schen Aka­demie der Wis­sen­schaften und Künste stand. Ich möchte nicht behaupten, dass er gerade des­halb den Nobel­preis erhielt, aber ich stelle mir die Frage, ob eine seiner Auf­gaben darin bestand, das Volk, dem ich ange­höre, der Welt auf eine solche Art zu zeigen? Das ist das, was mich ärgert. Das hat uns nichts Schlechtes gebracht, viel­leicht hat es uns die Augen geöffnet. Das ver­an­lasst uns, zum zweiten, dritten, fünften Mal Andrić zu lesen. Da ich mich mit Mehmed Pascha Sokolović beschäf­tigt habe, wurde ich oft gefragt, was es mit dem Ein­mauern von leben­digen Men­schen in der Brücke auf sich hat, wie das im Roman Die Brücke über die Drina geschil­dert wird. So etwas ist doch gar nicht mög­lich! Diese Brücke wurde nicht vor 5000, son­dern vor 500 Jahren gebaut – in der Blü­te­zeit des Osma­ni­schen Rei­ches. Was heute die USA ver­kör­pern, stellte damals das Osma­ni­sche Reich dar. Für alles gab es Belege: vom ersten bis zum letzten ein­ge­bauten Stein und bis zum letzten aus­ge­ge­benen Geld­stück. Es han­delte sich um die größte, mäch­tigste und schönste Brücke, deren Bau per­fekt orga­ni­siert war. Und wenn Sie unter sol­chen Umständen irgend­wel­chen Legenden glauben wollen, dass leben­dige Men­schen ein­ge­mauert wurden – Gott bewahre und behüte. Andrić wurde ein anderer Mensch, als er nach Bel­grad zog. Dort hat er wohl eine Art Dressur erfahren, stand unter Druck, ich weiß nicht, wie man das defi­nieren kann. Tat­sache ist, dass Die Brücke über die Drina wäh­rend seines Auf­ent­halts in Bel­grad ent­stand. Ich bin also erschreckt dar­über, wie Andrić die Mus­lime und Bos­niaken dar­stellt, aber ich bewun­dere wei­terhin die lite­ra­ri­sche Form seiner Werke. Leider weilt Andrić nicht mehr unter den Lebenden, dass er uns sagen könnte, was Sache ist. So wird diese Frage für immer offen bleiben.

n.: In Više­grad baut Emir Kus­tu­rica zur­zeit ein ganzes neues Stadt­viertel, das Andrić gewidmet ist. Wird sich diese Andrić-Stadt auf die inter­eth­ni­schen Bezie­hungen negativ oder positiv aus­wirken? Braucht Više­grad die Andrić-Stadt?

B.M.: Im wirt­schaft­li­chen Sinne unter­stütze ich alle Pro­jekte, die neue Arbeits­plätze für die lokalen Arbeits­kräfte schaffen. Die Andrić-Stadt wird eine neue Attrak­tion in Više­grad ver­kör­pern. Was mir an diesem Pro­jekt nicht gefällt, ist Fol­gendes: Bei einer Sit­zung, auf der Emir Kus­tu­rica die Bedeu­tung der „Stein­stadt“ – damals war von der „Stein­stadt“ die Rede, erst später wurde daraus eine „Andrić-Stadt“ – erläu­terte, benutzte er einen Begriff, der mir in den Ohren weh tat. Herr Kus­tu­rica sagte, man müsse eine Stadt fin­gieren. Wegen dieser „fin­gierten“ Stadt habe ich mich sehr auf­ge­regt. So wie Herr Andrić als Meister der lite­ra­ri­schen Form eine lite­ra­ri­sche Szene fin­gieren konnte, die den Men­schen eine nicht reale Bot­schaft über­mit­telte und in alle Ewig­keit gelesen wird, genauso kann der große Meister seines Faches Emir Kus­tu­rica auf der Grund­lage einer fin­gierten Stadt ein Dreh­buch kon­zi­pieren, das neue nega­tive Bot­schaften in die Welt schi­cken wird. Heute wird wenig gelesen und mehr auf den Bild­schirm geschaut. Emir Kus­tu­rica, der Meister seines Fachs, wird nach dem Roman einen Film drehen. Und was wird pas­sieren? Man wird die Pfäh­lungen und das Ein­mauern von leben­digen Men­schen in der Brücke – aus­ge­führt von Türken – in eine leben­dige Form gießen, und das wird zu neuen Kon­flikten führen. Daraus wird nichts Gutes folgen. Wenn dieser Film in der ‚fin­gierten’ Stadt gedreht wird, dann, so befürchte ich, mit dem Ziel, all das Nega­tive aus Bel­grad zu recht­fer­tigen, das im ver­gan­genen Jahr­hun­dert hier an der Drina meh­rere Geno­zide ver­ur­sachte. Dann soll es heißen, dass die Bos­niaken in diesem Gebiet nicht zufällig Opfer der Geno­zide wurden, son­dern wegen ihrer Vor­fahren, der „Türken“ in Anfüh­rungs­stri­chen – wobei ich belei­digt bin, wenn man mich als „Türken“ bezeichnet, denn ich bin Muslim, Bos­niake, Bos­nier und Her­ze­go­winer, und dass ich und die Türken sich zum selben Glauben bekennen, ist eine andere Sache. In bau­li­cher Hin­sicht unter­stütze ich das Pro­jekt also und wurde des­halb auch kri­ti­siert. Man fragte mich, warum ich nicht auf einer Moschee bestanden habe, denn in der Andrić-Stadt wird es eine Kirche geben, und man kom­men­tierte, warum nicht auch eine Moschee, aber ich sehe eine Moschee dort nicht, denn die Moschee ist ein hei­liger Ort. Ich bin fest davon über­zeugt, dass Kus­tu­rica dieses Pro­jekt wegen seines Films umsetzen möchte. Das Bau­wesen inter­es­siert ihn nicht, das ist nicht seine Welt. Er ist ein Künstler, ein Meister seiner Kunst, wegen der Bauten selbst hätte er sich nicht in so ein Unter­nehmen gestürzt. Viel­mehr hat ihn Bel­grad ver­an­lasst – so wie Andrić eben­falls von Bel­grad beein­flusst wurde –, Die Brücke über die Drina zu ver­filmen. Und um den Film drehen zu können, braucht er Bauten, die an die Zeit des Romans erin­nern. Die Bauten an sich halte ich nicht für gefähr­lich. Das, was folgen wird, ist gefährlich.

Das Inter­view führten Kse­nija Cve­t­ković-Sander und Martin Sander.

Über­set­zung von Kse­nija Cvetković-Sander