Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Igor’ Cholin zum 100. Geburtstag – ein Kult­dichter des Mos­kauer Underground

Zu Ehren seines 100. Geburts­tages erschien 2020 im Verlag „aspei“ eine Werk­schau zu Igor’ Cholin. Das Bio-Inter-View mit dem Dichter und Autor auf Video Hi8 ist inter­me­dialer Höhe­punkt der Hom­mage und krönt die Tri­logie CHOLIN 100. Die Aspei-Edi­tion bezieht das Doku­men­tieren und Kom­men­tieren als poe­tisch-soziale Praxis ein. Tat­jana Hof­mann näherte sich in einer Inter-View-Aktion der Werk­aus­gabe (Gestal­tung: Martin Hüttel) und den Übersetzer_innen, die sie her­aus­ge­geben haben: Sabine Hänsgen, Wolfram Egge­ling und Gudrun Lehmann.

„Sehen Sie, wie sich der Kreis immer mehr ver­grö­ßert: Diese Leute hatten wieder Bekannte, und so bil­dete sich aus unserer Gruppe eine ganze kul­tu­relle Schicht heraus“, kom­men­tiert Igor’ Cholin vor Sabine Häns­gens Kamera 1996 seine Erin­ne­rungen daran, wie er vom Haupt­mann der Roten Armee zu einem der wich­tigsten nachs­ta­li­nis­ti­schen Under­ground­dichter wurde.

Die Gruppe, die seine Schrift­stel­ler­wer­dung begüns­tigt hat, ist keine gerin­gere als die der Mos­kauer Kon­kre­tisten und Kon­zep­tua­listen. Diese holt Cho­lins Werk­schau, erschienen zu Ehren seines 100. Geburts­tages, in unser Blick­feld hinein – auf Papier und auf dem Bild­schirm. Das Bio-Inter-View mit dem Dichter und Autor auf Video Hi8 via Vimeo-Link, inter­me­dialer Höhe­punkt der Hom­mage, krönt die schlichte, mini­ma­lis­tisch designte Tri­logie im Schuber CHOLIN 100.

Der junge Cholin im Mili­tär­dienst © Pamjat’ naroda

Alli­te­ra­tionen und Asso­nanzen gehören nicht zu Cho­lins Lieb­lings­stil­mit­teln. Sein Stil ist sub­tiler, der bru­talen Poesie der All­tags­sprache und der banalen Bru­ta­lität des Tota­li­tären ver­pflichtet. Seine lako­ni­sche Har­mo­nie­lo­sig­keit baut auf uner­war­teter Mon­tage ver­schie­dener Sprach­codes auf, dem doku­men­tie­rend-par­odie­renden Ver­zeichnis und der Sinn-Frei­heit seman­ti­scher Reihen. Auf­ein­ander bezo­gene Linien in kom­ma­freien Versen gehen über die sicht­bare Schrift hinaus, ihre Bana­lität hat sub­ver­siven Cha­rakter. Plötz­liche Brüche und sich den­noch wur­zel­artig ver­tie­fende Ver­bin­dungen kenn­zeichnen auch Cho­lins Bio­grafie. Über sie erfahren wir nach den Gedichten und Kurz­ge­schichten im dritten Heft mehr, so dass fik­tio­nale Texte und eine fak­tisch authen­ti­fi­zierte Erzäh­lung ein­ander gegenüberstehen.

Neben Sabine Hänsgen gehören zum Kreis deutsch­spra­chiger Rezipient_innen des Lia­no­zovo-Phä­no­mens Wolfram Egge­ling, Über­setzer von Cho­lins Prosa, und Gudrun Leh­mann, die Cho­lins Gedichte sorg­fältig ins Deut­sche über­tragen hat. Egge­ling kennt die sla­vis­ti­sche Welt als Experten zur Kul­tur­po­litik der 1960er Jahre. Gudrun Leh­mann ist in Sla­vis­ten­kreisen als Ver­fas­serin meh­rerer Mei­len­steine zu Daniil Charms, inklu­sive seiner Bio­grafie, bekannt.

Sehr gerne würde ich beide zu einer Inter-View-Aktion treffen. Da dies nicht mög­lich ist, frage ich per e‑Mail nach ihren Moti­va­tionen und Erfah­rungen bei der Arbeit an der Ausgabe.

Wolfram Egge­ling ant­wortet mir am 22.05.2021, dass Cho­lins Pro­sa­samm­lung Apho­rismen und rund 450 Kurz- und Kür­zes­ter­zäh­lungen ent­hält, die in den letzten Jahren der sowje­ti­schen und in den ersten Jahren der post­so­wje­ti­schen Zeit ent­standen sind. Die Geschichten dieses letzten Werk­zy­klus kreisen meist um ein ‚uner­hörtes Ereignis‘. Wäh­rend des Umbruchs in der ehe­ma­ligen Sowjet­union erleben wir in ihnen

“ein Kalei­do­skop skur­riler, abgrün­diger und tra­gi­ko­mi­scher Situa­tionen und Ereig­nisse. Prot­ago­nisten ver­su­chen, sich ihrer selbst zu ver­ge­wis­sern. Nicht selten geschieht das auf sati­ri­sche Weise, manchmal augen­zwin­kernd – die Per­sonen werden vor­ge­führt –, zuweilen krea­tür­lich natu­ra­lis­tisch oder mit Hilfe sur­realer Ele­mente wie Engel, Teufel, nach­wir­kende Träume und über­mensch­liche Fähig­keiten. Das gilt auch für das Kapitel mit Erzäh­lungen über den Zweiten Weltkrieg.”

Bei seiner Aus­wahl habe er sich davon leiten lassen, ver­schie­dene lite­ra­ri­sche Vor­ge­hens­weisen, Stim­mungen und Schat­tie­rungen exem­pla­risch unter­zu­bringen. Egge­ling fas­zi­nieren die Varia­tionen des Zyklus, dessen Band­breite er dem Publikum ver­mit­teln möchte.

Auch Gudrun Leh­mann öffnet in ihren Nach­dich­tungen die Augen und Ohren für die Viel­falt der sprach­li­chen Codes, die hier auf­ein­an­der­treffen. Als ich sie nach ihrer Arbeit als Über­set­zerin und Her­aus­ge­berin frage, erzählt sie in ihrer Ant­wort vom 19.05.2021 von den Prä­texten, vor allem Obėriu, der Lenin­grader „Ver­ei­ni­gung realer Kunst“, die dem Soz­Rea­lismus mit ihrem Titel pro­gram­ma­tisch den Kampf ange­sagt hatte:

„Unter den Obė­riuten findet man häufig ‘Sowje­tismen’ (z. B. Ole­j­nikov), die sie samt dem vul­gären, obs­zönen Sprach­ge­brauch kari­kieren, die irr­sin­nige Lebens­form der Kom­mu­nalka wird rauf- und runter dekli­niert. Ver­gleichbar ver­leiht Cholin dem ‘Scheiß­haus’ oder dem ‘Chuj’ einen glei­chen poe­ti­schen Rang, wie Gott und dem gesamten Rest der Welt. Tote und Lebende treffen sich auf einer Ebene (und auch das bietet Obėriu). Beson­ders gut hat mir bei Cho­lins ‘Erd­ball’ gefallen, daß er in seiner abgrund­tiefen, fäkalen und stin­kenden ‘real­so­zia­lis­ti­schen’ Lebens­welt plötz­lich die roman­ti­sche Stimme Pusch­kins aus dem ‘Off’ ein­schleust. Da fand ich aus­nahms­weise Satz­zei­chen, völlig ‘unpas­sende’ Roman­tismen und Befind­lich­keiten. Bei diesem ‘ready-made’ han­delt es sich um Pusch­kins Gedicht Erin­ne­rung (Воспоминание) vom 19.5.1828.
Zu Sowjet­zeiten hätte man in offi­zi­ellen Kreisen das sicher als eine ‘Schän­dung’ des rus­si­schen Kul­tur­gutes aus­ge­legt. Russen kennen ja ihren Puschkin und auch Cholin war sein Verehrer…“

novinki: Sehen Sie Ver­bin­dungen zwi­schen Cholin und Charms, über den Sie intensiv gear­beitet haben?

„Obėriu und an erster Stelle Charms wurden im Unter­grund von Lia­no­zovo weg­bah­nend wie Kult- und Gegen­warts­au­toren gelesen. Evgenij Kro­piv­ni­ckij gilt als wich­tigster Mul­ti­pli­kator, er ver­brei­tete das ‘ver­bo­tene’ Erbe der Obė­riuten in Lia­no­zovo. Er wurde Cho­lins wich­tigster Mentor. Am 22. August 1966 notiert der an sich zwei­felnde Cholin in sein Tage­buch: ‘Er lobte mein langes Poem Der Erd­ball [End­fas­sung: Es starb der Erd­ball]. Bin nicht sicher, glaube ihm.’ (…)
Wie für Cholin bedeutet für Obėriu die Dich­tung, die sie als ‘real’ apo­stro­phieren, Frei­set­zung der Wörter von ihrem fest­ge­legten Sinn, Los­lö­sung aus ihren funk­tio­nalen und logi­schen Zuschrei­bungen und Gebrauchs­weisen. Nach Charms stehen hinter Wör­tern reale und auch bra­chiale Ding­welten, Sinn-Fallen, Humor, die Koin­zi­denz von Leere und Fülle, Hürden von Sein und Nicht­sein oder die para­doxale Wort­spiel­ver­schie­bung wie mit ‘Nul‘’/ ‘Nol‘’ oder ‘Mir’/’Myr’.“

novinki: Inwie­fern knüpfte der Kreis von Lia­no­zovo an Obėriu an und berei­tete das Fun­da­ment für die Kon­zep­tua­listen vor?

„Lia­no­zovo knüpft post­avant­gar­dis­tisch an Obėriu an. Der Titel Der Erd­ball ist gestorben mutet heute höchst ‚öko­lo­gisch’ an, ist aber kon­kret als gro­teske Verballhor­nung und post­avant­gar­dis­ti­sche Absage an den kos­mi­schen Uto­pismus der Avant­garde zwi­schen Realie und Fan­tasie zu verstehen. (…)
Zusam­men­ge­fasst finden sich fol­gende Gemein­sam­keiten von Obėriu und Lia­no­zovo: Kin­der­li­te­ratur (als Brot­beruf), heim­liche Text­pro­duk­tion und Dis­tri­bu­tion durch Abschreiben (Samizdat); Heft­kultur; Gra­pho­manie; Sub-/Un­ter­grund­kultur, Gruppe von Schrift­stel­lern, die unter die Zensur fallen und ihre Lite­ratur (für Erwach­sene) nicht ver­öf­fent­li­chen dürfen; Ando­cken an die klas­si­sche Avant­garde (Kos­mismus, „Zaum’“ etc.).“

Igor’ Cholin, Chro­nist der Vor­ort­worte und ‑taten, Über­le­bens­held mit Rück­halt einer nicht­er­kannten Com­mu­nity, ohne Ort in der Lite­ra­tur­ge­schichts­schrei­bung. In dieser Rolle sei er ver­gleichbar mit Oskar Rabin in der Malerei, bereits seit seinem frühen Zyklus Die Bewohner der Baracke (1956–1965):

“Die tur­pis­ti­schen und gro­tesken Ele­mente dieser Dich­tung, die bewusst pri­mi­tive, lako­ni­sche, ste­no­gra­phi­sche Dik­tion, mit der hier soziale und psy­chi­sche Kata­stro­phen geschil­dert werden, das alles war in einem sol­chen Maße unver­einbar sowohl mit dem klas­si­zis­ti­schen als auch mit dem sen­ti­men­ta­lis­ti­schen Pathos der offi­zi­ellen Lite­ratur, dass es in deren Fokus schlicht und ein­fach nicht als Lite­ratur existierte.”

Der New Yorker Sla­vist Mark Lipo­veckij sieht in Cho­lins Doku­men­tar­poetik, die aus dessen zeit­ge­nös­si­schem Kanon her­aus­fiel, ein para­doxes Koor­di­na­ten­system – einer­seits mit einer gegen­ständ­li­chen Achse des Wie­der­erkenn­baren, ande­rer­seits mit einer abs­trakten, ohne jeg­liche Ver­or­tung. Die gegen­ständ­liche Achse der Doku­men­tar­poetik, könnte man ergänzen, kehrt das Beob­ach­tetwerden sei­tens des KGB um in ein lapi­dares, nie­mandem scha­dendes Verzeichnisprojekt.

Werk­schau zu Igor’ Cholin: Tri­logie “CHOLIN 100” im Verlag “aspei”, © Yuri Albert

Lipo­veckij deutet Cho­lins Bara­cken­dich­tung als opti­mis­tisch. Pëtr Kazar­novskij beschei­nigt Cholin hin­gegen unein­deu­tige Neu­tra­lität. Wäh­rend andere Dichter aus Lia­no­zovo, vor allem Jan Sat­u­n­ovskij und Vse­volod Nekrasov, aus kri­ti­schem Impetus eine Sprach­welt erschüfen, die von der offi­zi­ellen Ober­fläche ver­schwiegen wird, ver­zichte Cholin auf eine Bewer­tung der Welten in seiner Lyrik, diese Neu­tra­lität des erzäh­le­ri­schen Ichs kenn­zeichne Cho­lins Poetik. Dadurch hebe sich der Post­avant­gar­dist von sub­ver­siven Ver­fahren vieler seiner Kol­legen ab, da er die sowje­ti­sche Wirk­lich­keit nicht direkt anpran­gere. Cholin führt uns statt­dessen man­chen Irr­sinn des sowje­ti­schen Soziums wie auch des mensch­li­chen Daseins vor Augen.

In seiner Poesie findet der Kult­dichter des Mos­kauer Under­ground Ein­heit und Ver­bin­dung in den Namen derer, mit denen er im Geiste und im Schreiben befreundet gewesen ist. Ein Netz aus Ironie, Ernst, aus einem Ver­zeichnis voll­stän­diger Namen und ihrem Auf­bre­chen bis hin zur nackten Schrift ein­zelner Buch­sta­ben­folgen breitet der Gedicht­zy­klus Es starb der Erd­ball aus, ent­standen zwi­schen 1965 und 1971. Den Titel dieses Zyklus trägt das Gedichtheft.

 

FREUNDE DES ERDBALLS

 

Dichter Gen­rich Sapgir
Freund des Erdballs
Künstler Oskar Jak. Rabin
Freund des Erdballs
Künstler Evg. Leo­n­idyč Kropivnickij
Freund des Erdballs
Valen­tina Kropivnickaja
Freundin des Erdballs
Künstlerin
Ol’ga Potapova
Freundin des Erdballs
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Die im Poem ein­gangs genannten Per­sonen gehören zum Kern der alter­na­tiven Kul­tur­szene der 1960er und 1970er Jahre. Wie ihre Vor­gänger (Obėriu, Daniil Charms, Osip Mandel’štam) paaren sie Sym­ptome der tota­li­tären Ord­nung mit nach­denk­li­cher Hal­tung zur Funk­tion und Funk­tio­na­li­sie­rung von Sprache und zu sich selbst.

Cho­lins sei­ten­lange Liste der ‚Erd­ball­freunde’ ent­hält bekannte und unbe­kannte Namen, dar­unter seine Tochter Ljud­mila, Ach­matova, Picasso, Kabakov, Charles de Gaulle, Gagarin, Tar­kovskij und Enzens­berger. Jener von Sabine Hänsgen fehlt. Dabei öff­nete sie Cholin das Tor zum Westen – und er ihr ein wei­teres Fenster in den abge­schirmten, doch gegen­über west­eu­ro­päi­schen Inter­es­sierten offenen Under­ground, zu dessen Mit­glied sie selbst mit der Zeit wurde: Ihr Name stand oben auf der Per­for­mance­liste der Gruppe Kol­lek­tive Aktionen (Kol­lek­tivnye dejst­vija). Wie sich die deut­sche Sla­vistin erin­nert, schlug ihre Doku­men­ta­ti­ons­tä­tig­keit „irgend­wann in die Autoren­tä­tig­keit um. Das pas­sierte bei den Aktionen einer spä­teren Phase, in denen auf einer Meta­ebene bereits das Wech­sel­spiel zwi­schen Ereignis und Doku­men­ta­tion reflek­tiert wurde.“ Die Ein­la­dung zur Teil­nahme gefiel ihr mehr als die Auf­for­de­rung zum Konsum, die von west­li­cher Kul­tur­pro­duk­tion aus­ging. Seit 1985 nahm sie an den Kol­lek­tiven Aktionen teil, seit 1996 gehört sie zur Ver­ei­ni­gung Aspei – Lite­ratur und Kunst zwi­schen West und Ost.

Gegründet hat Aspei der Ger­ma­nist und Schrift­steller Martin Hüttel Mitte der 1980er Jahre in Bochum als deutsch-rus­si­schen Kreis von Lite­ra­tur­schaf­fenden und Literaturwissenschaftler_innen. Die Gruppe gibt Künstler_innenbücher zu u.a. Ėduard Šte­jn­berg, Vla­dimir Janki­levskij, Fran­sisko Infante-Arana, Vla­dimir Nemu­chin, Andrej Monas­tyrskij, Sabine Hänsgen und Martin Hüttel heraus, Lyrik- und Prosaübersetzungen von Vse­volod Nekrasov, Dmi­trij Prigov und Lev Rubinš­tejn und regt zu deutsch-rus­si­schen (Hänsgen und Monas­tyrskij) und deutsch-pol­ni­schen (Hüttel und Kucz­miński) Koope­ra­tionen an. Die Gruppe ist bereits mehr­fach Gegen­stand von Aus­stel­lungen in Deutsch­land und Russ­land geworden, die ihrer Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit gewidmet waren. Über­set­zung also als Begeg­nung, Her­aus­gabe als Teilhabe.

Das Tran­skript des Gesprächs, das Sabine Hänsgen 1996 in Moskau mit Cholin führte, finden wir neben Rus­sisch auch auf Deutsch und Eng­lisch vor. Das Ori­gi­nal­tran­skript und seine eng­li­sche Über­set­zung wurden für die Aus­stel­lung mit Hand­schriften und Typoskripten von Cholin und Sapgir („Холин и Сапгир. На правах рукописи“) im Museum Garage 2017 ange­fer­tigt. Nun ver­öf­fent­licht es das Museum Garage auf seiner Rese­arch Web­site in rus­si­scher und eng­li­scher Sprache, zusammen mit einem Aus­schnitt aus dem Video, einer Ein­lei­tung und wis­sen­schaft­li­chen Kom­men­taren zu Per­sonen und Ereig­nissen, die der Leiter der Garage-Biblio­thek Valerij Ledenev ver­fasst hat.

Video­auf­zeich­nung von Sabine Hänsgen, 1996

Die Edi­tion setzt die Medi­en­di­men­sion mini­ma­lis­tisch um, ohne Stick, Chip oder ein­ge­legte DVD (diese gibt es nur in einer Lieb­ha­ber­auf­lage von 25 Stück, primär für Biblio­theken gedacht, so dass sie zu einem Kult­ob­jekt werden könnte). Das Pass­wort für das Video, das man nach der Lek­türe der Print-Aus­gabe auf https://vimeo.com/438246858 findet, hul­digt der por­trä­tierten Person ein letztes Mal, indem es den Namen Cholin ohne Vokale wie bei Hei­li­gen­namen auf ortho­doxen Ikonen, aber auch in Akro­nymen von Datei­namen schreibt – CHLN100.

Doch warum heute noch die his­to­ri­sche Posi­tion von Cholin 100 anschauen? Weil sich in ihr die Lebens- und Schaf­fens­ver­läufe der Lia­no­zovo-Gruppe sowie die bei­nahe ein halbes Jahr­hun­dert wäh­rende Rezep­tion des Mos­kauer Kon­zep­tua­lismus spie­geln. Weil Igor’ Cholin ein Chro­nist seines Kreises gewesen ist, genauso wie Sabine Hänsgen eine Doku­men­ta­ristin der Impulse gewesen ist, die von dem ‚Bara­cken­kreis‘ aus­ge­gangen sind. Weil die Werk­schau Aus­schnitte jener Denk­welt in einer his­to­ri­schen und in einer zeit­ge­mäßen Sprache der jün­geren deutsch­spra­chigen Genera­tion zeigt – und sie bei dieser Lese- und Seh­be­geg­nung zur Spu­ren­suche in jenes Kol­lektiv einlädt.

Lite­ratur

CHOLIN 100. Eine Werk­aus­wahl in 3 Teilen.
1. Es starb der Erd­ball. Gedichte, Über­tra­gung: Gudrun Lehmann
2. Ein glück­li­cher Zufall. Prosa, Über­tra­gung: Wolfram Eggeling
3. Bio-Inter-View, Video­auf­zeich­nung und Tran­skrip­tion: Sabine Hänsgen.
Gestal­tung: Martin Hüttel. Bochum: Edi­tion Aspei, 2020.
Mit ergän­zender DVD der Video­auf­zeich­nung inkl. Booklet auf Deutsch, Eng­lisch und Rus­sisch (25 Exemplare).

Egge­ling, Wolfram: Die sowje­ti­sche Lite­ra­tur­po­litik zwi­schen 1953 und 1970: zwi­schen Ent­dog­ma­ti­sie­rung und Kon­ti­nuität: Doku­mente und Ana­lysen zur rus­si­schen und sowje­ti­schen Kultur. Bochum 1994.

Hirt, Günter; Won­ders, Sascha (i.e. Georg Witte/Sabine Hänsgen): Igor Cholin, Sti­li­sator. In: Nor­bert Wehr (Hg.): Schreib­heft, Nr. 49, S. 121–123. Essen 1997.

Leh­mann, Gudrun: Fallen und Ver­schwinden: Daniil Charms – Leben und Werk. Wup­pertal 2010.

Olga Martin: „Sabine Hänsgen. Am Rande, im Ver­bor­genen, im Visier“, in: novinki (Hg.): Nach­ge­fragt: novinki im Gespräch mit Autor_innen aus Ost­eu­ropa, S. 66–79. Nor­der­stedt 2016.

Schel­lens, Dorine: Kanon­bil­dung im trans­kul­tu­rellen Netz­werk: Die Rezep­ti­ons­ge­schichte des Mos­kauer Kon­zep­tua­lismus aus deutsch-rus­si­scher Sicht. Bie­le­feld 2021.

Wei­ter­füh­rende Links:

Lipo­veckij, Mark: Užas, no ne užas-užas: o poėzii Igorja Cho­lina. Baračnyj cikl kak zer­kalo goloj žizni, kotoraja učitsja žit’, 1.12.2020.
URL: https://gorky.media/context/uzhas-no-ne-uzhas-uzhas-o-poezii-igorya-holina/, (letzter Zugriff 14.5.2021)

Kazar­novskij, Pëtr: „Vy ne znaete Cho­lina? K 100-letiju Igo­rija Cholina“,
URL: https://magazines.gorky.media/kreschatik/2021/1/vy-ne-znaete-holina.html (letzter Zugriff 17.5.2021)

Iss­le­do­va­nija: Set‘ arhivov ros­s­ijs­kogo iskusstva.
URL: https://russianartarchive.net/ru/research/cholin (letzter Zugriff 16.9.2021)

RAAN (Rus­sian Art Archive Network).
URL: https://russianartarchive.net/en/research/cholin (letzter Zugriff 16.9.2021)