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Igor’ Cholin zum 100. Geburtstag – ein Kultdichter des Moskauer Underground

Posted on 13. August 2021 by Tatjana Hofmann
Zu Ehren seines 100. Geburtstages erschien 2020 im Verlag „aspei“ eine Werkschau zu Igor’ Cholin. Das Bio-Inter-View mit dem Dichter und Autor auf Video Hi8 ist intermedialer Höhepunkt der Hommage und krönt die Trilogie CHOLIN 100. Die Aspei-Edition bezieht das Dokumentieren und Kommentieren als poetisch-soziale Praxis ein. Tatjana Hofmann näherte sich in einer Inter-View-Aktion der Werkausgabe (Gestaltung: Martin Hüttel) und den Übersetzer*innen, die sie herausgegeben haben: Sabine Hänsgen, Wolfram Eggeling und Gudrun Lehmann.

Zu Ehren seines 100. Geburtstages erschien 2020 im Verlag „aspei“ eine Werkschau zu Igor’ Cholin. Das Bio-Inter-View mit dem Dichter und Autor auf Video Hi8 ist intermedialer Höhepunkt der Hommage und krönt die Trilogie CHOLIN 100. Die Aspei-Edition bezieht das Dokumentieren und Kommentieren als poetisch-soziale Praxis ein. Tatjana Hofmann näherte sich in einer Inter-View-Aktion der Werkausgabe (Gestaltung: Martin Hüttel) und den Übersetzer_innen, die sie herausgegeben haben: Sabine Hänsgen, Wolfram Eggeling und Gudrun Lehmann.

„Sehen Sie, wie sich der Kreis immer mehr vergrößert: Diese Leute hatten wieder Bekannte, und so bildete sich aus unserer Gruppe eine ganze kulturelle Schicht heraus“, kommentiert Igor’ Cholin vor Sabine Hänsgens Kamera 1996 seine Erinnerungen daran, wie er vom Hauptmann der Roten Armee zu einem der wichtigsten nachstalinistischen Undergrounddichter wurde.

Die Gruppe, die seine Schriftstellerwerdung begünstigt hat, ist keine geringere als die der Moskauer Konkretisten und Konzeptualisten. Diese holt Cholins Werkschau, erschienen zu Ehren seines 100. Geburtstages, in unser Blickfeld hinein – auf Papier und auf dem Bildschirm. Das Bio-Inter-View mit dem Dichter und Autor auf Video Hi8 via Vimeo-Link, intermedialer Höhepunkt der Hommage, krönt die schlichte, minimalistisch designte Trilogie im Schuber CHOLIN 100.

Der junge Cholin im Militärdienst © Pamjat' naroda

Alliterationen und Assonanzen gehören nicht zu Cholins Lieblingsstilmitteln. Sein Stil ist subtiler, der brutalen Poesie der Alltagssprache und der banalen Brutalität des Totalitären verpflichtet. Seine lakonische Harmonielosigkeit baut auf unerwarteter Montage verschiedener Sprachcodes auf, dem dokumentierend-parodierenden Verzeichnis und der Sinn-Freiheit semantischer Reihen. Aufeinander bezogene Linien in kommafreien Versen gehen über die sichtbare Schrift hinaus, ihre Banalität hat subversiven Charakter. Plötzliche Brüche und sich dennoch wurzelartig vertiefende Verbindungen kennzeichnen auch Cholins Biografie. Über sie erfahren wir nach den Gedichten und Kurzgeschichten im dritten Heft mehr, so dass fiktionale Texte und eine faktisch authentifizierte Erzählung einander gegenüberstehen.

Neben Sabine Hänsgen gehören zum Kreis deutschsprachiger Rezipient_innen des Lianozovo-Phänomens Wolfram Eggeling, Übersetzer von Cholins Prosa, und Gudrun Lehmann, die Cholins Gedichte sorgfältig ins Deutsche übertragen hat. Eggeling kennt die slavistische Welt als Experten zur Kulturpolitik der 1960er Jahre. Gudrun Lehmann ist in Slavistenkreisen als Verfasserin mehrerer Meilensteine zu Daniil Charms, inklusive seiner Biografie, bekannt.

Sehr gerne würde ich beide zu einer Inter-View-Aktion treffen. Da dies nicht möglich ist, frage ich per e-Mail nach ihren Motivationen und Erfahrungen bei der Arbeit an der Ausgabe.

Wolfram Eggeling antwortet mir am 22.05.2021, dass Cholins Prosasammlung Aphorismen und rund 450 Kurz- und Kürzesterzählungen enthält, die in den letzten Jahren der sowjetischen und in den ersten Jahren der postsowjetischen Zeit entstanden sind. Die Geschichten dieses letzten Werkzyklus kreisen meist um ein ,unerhörtes Ereignis‘. Während des Umbruchs in der ehemaligen Sowjetunion erleben wir in ihnen

"ein Kaleidoskop skurriler, abgründiger und tragikomischer Situationen und Ereignisse. Protagonisten versuchen, sich ihrer selbst zu vergewissern. Nicht selten geschieht das auf satirische Weise, manchmal augenzwinkernd – die Personen werden vorgeführt –, zuweilen kreatürlich naturalistisch oder mit Hilfe surrealer Elemente wie Engel, Teufel, nachwirkende Träume und übermenschliche Fähigkeiten. Das gilt auch für das Kapitel mit Erzählungen über den Zweiten Weltkrieg."

Bei seiner Auswahl habe er sich davon leiten lassen, verschiedene literarische Vorgehensweisen, Stimmungen und Schattierungen exemplarisch unterzubringen. Eggeling faszinieren die Variationen des Zyklus, dessen Bandbreite er dem Publikum vermitteln möchte.

Auch Gudrun Lehmann öffnet in ihren Nachdichtungen die Augen und Ohren für die Vielfalt der sprachlichen Codes, die hier aufeinandertreffen. Als ich sie nach ihrer Arbeit als Übersetzerin und Herausgeberin frage, erzählt sie in ihrer Antwort vom 19.05.2021 von den Prätexten, vor allem Obėriu, der Leningrader „Vereinigung realer Kunst“, die dem SozRealismus mit ihrem Titel programmatisch den Kampf angesagt hatte:

„Unter den Obėriuten findet man häufig 'Sowjetismen' (z. B. Olejnikov), die sie samt dem vulgären, obszönen Sprachgebrauch karikieren, die irrsinnige Lebensform der Kommunalka wird rauf- und runter dekliniert. Vergleichbar verleiht Cholin dem 'Scheißhaus' oder dem 'Chuj' einen gleichen poetischen Rang, wie Gott und dem gesamten Rest der Welt. Tote und Lebende treffen sich auf einer Ebene (und auch das bietet Obėriu). Besonders gut hat mir bei Cholins 'Erdball' gefallen, daß er in seiner abgrundtiefen, fäkalen und stinkenden 'realsozialistischen' Lebenswelt plötzlich die romantische Stimme Puschkins aus dem 'Off' einschleust. Da fand ich ausnahmsweise Satzzeichen, völlig 'unpassende' Romantismen und Befindlichkeiten. Bei diesem 'ready-made' handelt es sich um Puschkins Gedicht Erinnerung (Воспоминание) vom 19.5.1828.
Zu Sowjetzeiten hätte man in offiziellen Kreisen das sicher als eine 'Schändung' des russischen Kulturgutes ausgelegt. Russen kennen ja ihren Puschkin und auch Cholin war sein Verehrer...“

novinki: Sehen Sie Verbindungen zwischen Cholin und Charms, über den Sie intensiv gearbeitet haben?

„Obėriu und an erster Stelle Charms wurden im Untergrund von Lianozovo wegbahnend wie Kult- und Gegenwartsautoren gelesen. Evgenij Kropivnickij gilt als wichtigster Multiplikator, er verbreitete das 'verbotene' Erbe der Obėriuten in Lianozovo. Er wurde Cholins wichtigster Mentor. Am 22. August 1966 notiert der an sich zweifelnde Cholin in sein Tagebuch: ‘Er lobte mein langes Poem Der Erdball . Bin nicht sicher, glaube ihm.’ (...)
Wie für Cholin bedeutet für Obėriu die Dichtung, die sie als ‘real’ apostrophieren, Freisetzung der Wörter von ihrem festgelegten Sinn, Loslösung aus ihren funktionalen und logischen Zuschreibungen und Gebrauchsweisen. Nach Charms stehen hinter Wörtern reale und auch brachiale Dingwelten, Sinn-Fallen, Humor, die Koinzidenz von Leere und Fülle, Hürden von Sein und Nichtsein oder die paradoxale Wortspielverschiebung wie mit ‘Nul‘’/ ‘Nol‘’ oder ‘Mir’/’Myr’.“

novinki: Inwiefern knüpfte der Kreis von Lianozovo an Obėriu an und bereitete das Fundament für die Konzeptualisten vor?

„Lianozovo knüpft postavantgardistisch an Obėriu an. Der Titel Der Erdball ist gestorben mutet heute höchst ,ökologisch’ an, ist aber konkret als groteske Verballhornung und postavantgardistische Absage an den kosmischen Utopismus der Avantgarde zwischen Realie und Fantasie zu verstehen. (…)
Zusammengefasst finden sich folgende Gemeinsamkeiten von Obėriu und Lianozovo: Kinderliteratur (als Brotberuf), heimliche Textproduktion und Distribution durch Abschreiben (Samizdat); Heftkultur; Graphomanie; Sub-/Untergrundkultur, Gruppe von Schriftstellern, die unter die Zensur fallen und ihre Literatur (für Erwachsene) nicht veröffentlichen dürfen; Andocken an die klassische Avantgarde (Kosmismus, „Zaum’“ etc.).“

Igor’ Cholin, Chronist der Vorortworte und -taten, Überlebensheld mit Rückhalt einer nichterkannten Community, ohne Ort in der Literaturgeschichtsschreibung. In dieser Rolle sei er vergleichbar mit Oskar Rabin in der Malerei, bereits seit seinem frühen Zyklus Die Bewohner der Baracke (1956–1965):

"Die turpistischen und grotesken Elemente dieser Dichtung, die bewusst primitive, lakonische, stenographische Diktion, mit der hier soziale und psychische Katastrophen geschildert werden, das alles war in einem solchen Maße unvereinbar sowohl mit dem klassizistischen als auch mit dem sentimentalistischen Pathos der offiziellen Literatur, dass es in deren Fokus schlicht und einfach nicht als Literatur existierte."

Der New Yorker Slavist Mark Lipoveckij sieht in Cholins Dokumentarpoetik, die aus dessen zeitgenössischem Kanon herausfiel, ein paradoxes Koordinatensystem – einerseits mit einer gegenständlichen Achse des Wiedererkennbaren, andererseits mit einer abstrakten, ohne jegliche Verortung. Die gegenständliche Achse der Dokumentarpoetik, könnte man ergänzen, kehrt das Beobachtetwerden seitens des KGB um in ein lapidares, niemandem schadendes Verzeichnisprojekt.

Werkschau zu Igor’ Cholin: Trilogie "CHOLIN 100" im Verlag "aspei", © Yuri Albert

Lipoveckij deutet Cholins Barackendichtung als optimistisch. Pëtr Kazarnovskij bescheinigt Cholin hingegen uneindeutige Neutralität. Während andere Dichter aus Lianozovo, vor allem Jan Satunovskij und Vsevolod Nekrasov, aus kritischem Impetus eine Sprachwelt erschüfen, die von der offiziellen Oberfläche verschwiegen wird, verzichte Cholin auf eine Bewertung der Welten in seiner Lyrik, diese Neutralität des erzählerischen Ichs kennzeichne Cholins Poetik. Dadurch hebe sich der Postavantgardist von subversiven Verfahren vieler seiner Kollegen ab, da er die sowjetische Wirklichkeit nicht direkt anprangere. Cholin führt uns stattdessen manchen Irrsinn des sowjetischen Soziums wie auch des menschlichen Daseins vor Augen.

In seiner Poesie findet der Kultdichter des Moskauer Underground Einheit und Verbindung in den Namen derer, mit denen er im Geiste und im Schreiben befreundet gewesen ist. Ein Netz aus Ironie, Ernst, aus einem Verzeichnis vollständiger Namen und ihrem Aufbrechen bis hin zur nackten Schrift einzelner Buchstabenfolgen breitet der Gedichtzyklus Es starb der Erdball aus, entstanden zwischen 1965 und 1971. Den Titel dieses Zyklus trägt das Gedichtheft.

 

FREUNDE DES ERDBALLS

 

Dichter Genrich Sapgir
Freund des Erdballs
Künstler Oskar Jak. Rabin
Freund des Erdballs
Künstler Evg. Leonidyč Kropivnickij
Freund des Erdballs
Valentina Kropivnickaja
Freundin des Erdballs
Künstlerin
Ol’ga Potapova
Freundin des Erdballs
(…)
Po
Ėt
Gen
Rich
Chu
Dja
Kov
Freund
Des
Erd
Bal
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Die im Poem eingangs genannten Personen gehören zum Kern der alternativen Kulturszene der 1960er und 1970er Jahre. Wie ihre Vorgänger (Obėriu, Daniil Charms, Osip Mandel’štam) paaren sie Symptome der totalitären Ordnung mit nachdenklicher Haltung zur Funktion und Funktionalisierung von Sprache und zu sich selbst.

Cholins seitenlange Liste der ,Erdballfreunde’ enthält bekannte und unbekannte Namen, darunter seine Tochter Ljudmila, Achmatova, Picasso, Kabakov, Charles de Gaulle, Gagarin, Tarkovskij und Enzensberger. Jener von Sabine Hänsgen fehlt. Dabei öffnete sie Cholin das Tor zum Westen – und er ihr ein weiteres Fenster in den abgeschirmten, doch gegenüber westeuropäischen Interessierten offenen Underground, zu dessen Mitglied sie selbst mit der Zeit wurde: Ihr Name stand oben auf der Performanceliste der Gruppe Kollektive Aktionen (Kollektivnye dejstvija). Wie sich die deutsche Slavistin erinnert, schlug ihre Dokumentationstätigkeit „irgendwann in die Autorentätigkeit um. Das passierte bei den Aktionen einer späteren Phase, in denen auf einer Metaebene bereits das Wechselspiel zwischen Ereignis und Dokumentation reflektiert wurde.“ Die Einladung zur Teilnahme gefiel ihr mehr als die Aufforderung zum Konsum, die von westlicher Kulturproduktion ausging. Seit 1985 nahm sie an den Kollektiven Aktionen teil, seit 1996 gehört sie zur Vereinigung Aspei – Literatur und Kunst zwischen West und Ost.

Gegründet hat Aspei der Germanist und Schriftsteller Martin Hüttel Mitte der 1980er Jahre in Bochum als deutsch-russischen Kreis von Literaturschaffenden und Literaturwissenschaftler_innen. Die Gruppe gibt Künstler_innenbücher zu u.a. Ėduard Štejnberg, Vladimir Jankilevskij, Fransisko Infante-Arana, Vladimir Nemuchin, Andrej Monastyrskij, Sabine Hänsgen und Martin Hüttel heraus, Lyrik- und Prosaübersetzungen von Vsevolod Nekrasov, Dmitrij Prigov und Lev Rubinštejn und regt zu deutsch-russischen (Hänsgen und Monastyrskij) und deutsch-polnischen (Hüttel und Kuczmiński) Kooperationen an. Die Gruppe ist bereits mehrfach Gegenstand von Ausstellungen in Deutschland und Russland geworden, die ihrer Vermittlungstätigkeit gewidmet waren. Übersetzung also als Begegnung, Herausgabe als Teilhabe.

Das Transkript des Gesprächs, das Sabine Hänsgen 1996 in Moskau mit Cholin führte, finden wir neben Russisch auch auf Deutsch und Englisch vor. Das Originaltranskript und seine englische Übersetzung wurden für die Ausstellung mit Handschriften und Typoskripten von Cholin und Sapgir („Холин и Сапгир. На правах рукописи“) im Museum Garage 2017 angefertigt. Nun veröffentlicht es das Museum Garage auf seiner Research Website in russischer und englischer Sprache, zusammen mit einem Ausschnitt aus dem Video, einer Einleitung und wissenschaftlichen Kommentaren zu Personen und Ereignissen, die der Leiter der Garage-Bibliothek Valerij Ledenev verfasst hat.

Videoaufzeichnung von Sabine Hänsgen, 1996

Die Edition setzt die Mediendimension minimalistisch um, ohne Stick, Chip oder eingelegte DVD (diese gibt es nur in einer Liebhaberauflage von 25 Stück, primär für Bibliotheken gedacht, so dass sie zu einem Kultobjekt werden könnte). Das Passwort für das Video, das man nach der Lektüre der Print-Ausgabe auf https://vimeo.com/438246858 findet, huldigt der porträtierten Person ein letztes Mal, indem es den Namen Cholin ohne Vokale wie bei Heiligennamen auf orthodoxen Ikonen, aber auch in Akronymen von Dateinamen schreibt – CHLN100.

Doch warum heute noch die historische Position von Cholin 100 anschauen? Weil sich in ihr die Lebens- und Schaffensverläufe der Lianozovo-Gruppe sowie die beinahe ein halbes Jahrhundert währende Rezeption des Moskauer Konzeptualismus spiegeln. Weil Igor’ Cholin ein Chronist seines Kreises gewesen ist, genauso wie Sabine Hänsgen eine Dokumentaristin der Impulse gewesen ist, die von dem ,Barackenkreis‘ ausgegangen sind. Weil die Werkschau Ausschnitte jener Denkwelt in einer historischen und in einer zeitgemäßen Sprache der jüngeren deutschsprachigen Generation zeigt – und sie bei dieser Lese- und Sehbegegnung zur Spurensuche in jenes Kollektiv einlädt.

Literatur

CHOLIN 100. Eine Werkauswahl in 3 Teilen.
1. Es starb der Erdball. Gedichte, Übertragung: Gudrun Lehmann
2. Ein glücklicher Zufall. Prosa, Übertragung: Wolfram Eggeling
3. Bio-Inter-View, Videoaufzeichnung und Transkription: Sabine Hänsgen.
Gestaltung: Martin Hüttel. Bochum: Edition Aspei, 2020.
Mit ergänzender DVD der Videoaufzeichnung inkl. Booklet auf Deutsch, Englisch und Russisch (25 Exemplare).

Eggeling, Wolfram: Die sowjetische Literaturpolitik zwischen 1953 und 1970: zwischen Entdogmatisierung und Kontinuität: Dokumente und Analysen zur russischen und sowjetischen Kultur. Bochum 1994.

Hirt, Günter; Wonders, Sascha (i.e. Georg Witte/Sabine Hänsgen): Igor Cholin, Stilisator. In: Norbert Wehr (Hg.): Schreibheft, Nr. 49, S. 121-123. Essen 1997.

Lehmann, Gudrun: Fallen und Verschwinden: Daniil Charms – Leben und Werk. Wuppertal 2010.

Olga Martin: „Sabine Hänsgen. Am Rande, im Verborgenen, im Visier“, in: novinki (Hg.): Nachgefragt: novinki im Gespräch mit Autor_innen aus Osteuropa, S. 66–79. Norderstedt 2016.

Schellens, Dorine: Kanonbildung im transkulturellen Netzwerk: Die Rezeptionsgeschichte des Moskauer Konzeptualismus aus deutsch-russischer Sicht. Bielefeld 2021.

Weiterführende Links:

Lipoveckij, Mark: Užas, no ne užas-užas: o poėzii Igorja Cholina. Baračnyj cikl kak zerkalo goloj žizni, kotoraja učitsja žit’, 1.12.2020.
URL: https://gorky.media/context/uzhas-no-ne-uzhas-uzhas-o-poezii-igorya-holina/, (letzter Zugriff 14.5.2021)

Kazarnovskij, Pëtr: „Vy ne znaete Cholina? K 100-letiju Igorija Cholina“,
URL: https://magazines.gorky.media/kreschatik/2021/1/vy-ne-znaete-holina.html (letzter Zugriff 17.5.2021)

Issledovanija: Set‘ arhivov rossijskogo iskusstva.
URL: https://russianartarchive.net/ru/research/cholin (letzter Zugriff 16.9.2021)

RAAN (Russian Art Archive Network).
URL: https://russianartarchive.net/en/research/cholin (letzter Zugriff 16.9.2021)

Igor’ Cholin zum 100. Geburtstag – ein Kultdichter des Moskauer Underground – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Igor’ Cholin zum 100. Geburtstag – ein Kult­dichter des Mos­kauer Underground

Zu Ehren seines 100. Geburts­tages erschien 2020 im Verlag „aspei“ eine Werk­schau zu Igor’ Cholin. Das Bio-Inter-View mit dem Dichter und Autor auf Video Hi8 ist inter­me­dialer Höhe­punkt der Hom­mage und krönt die Tri­logie CHOLIN 100. Die Aspei-Edi­tion bezieht das Doku­men­tieren und Kom­men­tieren als poe­tisch-soziale Praxis ein. Tat­jana Hof­mann näherte sich in einer Inter-View-Aktion der Werk­aus­gabe (Gestal­tung: Martin Hüttel) und den Übersetzer_innen, die sie her­aus­ge­geben haben: Sabine Hänsgen, Wolfram Egge­ling und Gudrun Lehmann.

„Sehen Sie, wie sich der Kreis immer mehr ver­grö­ßert: Diese Leute hatten wieder Bekannte, und so bil­dete sich aus unserer Gruppe eine ganze kul­tu­relle Schicht heraus“, kom­men­tiert Igor’ Cholin vor Sabine Häns­gens Kamera 1996 seine Erin­ne­rungen daran, wie er vom Haupt­mann der Roten Armee zu einem der wich­tigsten nachs­ta­li­nis­ti­schen Under­ground­dichter wurde.

Die Gruppe, die seine Schrift­stel­ler­wer­dung begüns­tigt hat, ist keine gerin­gere als die der Mos­kauer Kon­kre­tisten und Kon­zep­tua­listen. Diese holt Cho­lins Werk­schau, erschienen zu Ehren seines 100. Geburts­tages, in unser Blick­feld hinein – auf Papier und auf dem Bild­schirm. Das Bio-Inter-View mit dem Dichter und Autor auf Video Hi8 via Vimeo-Link, inter­me­dialer Höhe­punkt der Hom­mage, krönt die schlichte, mini­ma­lis­tisch designte Tri­logie im Schuber CHOLIN 100.

Der junge Cholin im Mili­tär­dienst © Pamjat’ naroda

Alli­te­ra­tionen und Asso­nanzen gehören nicht zu Cho­lins Lieb­lings­stil­mit­teln. Sein Stil ist sub­tiler, der bru­talen Poesie der All­tags­sprache und der banalen Bru­ta­lität des Tota­li­tären ver­pflichtet. Seine lako­ni­sche Har­mo­nie­lo­sig­keit baut auf uner­war­teter Mon­tage ver­schie­dener Sprach­codes auf, dem doku­men­tie­rend-par­odie­renden Ver­zeichnis und der Sinn-Frei­heit seman­ti­scher Reihen. Auf­ein­ander bezo­gene Linien in kom­ma­freien Versen gehen über die sicht­bare Schrift hinaus, ihre Bana­lität hat sub­ver­siven Cha­rakter. Plötz­liche Brüche und sich den­noch wur­zel­artig ver­tie­fende Ver­bin­dungen kenn­zeichnen auch Cho­lins Bio­grafie. Über sie erfahren wir nach den Gedichten und Kurz­ge­schichten im dritten Heft mehr, so dass fik­tio­nale Texte und eine fak­tisch authen­ti­fi­zierte Erzäh­lung ein­ander gegenüberstehen.

Neben Sabine Hänsgen gehören zum Kreis deutsch­spra­chiger Rezipient_innen des Lia­no­zovo-Phä­no­mens Wolfram Egge­ling, Über­setzer von Cho­lins Prosa, und Gudrun Leh­mann, die Cho­lins Gedichte sorg­fältig ins Deut­sche über­tragen hat. Egge­ling kennt die sla­vis­ti­sche Welt als Experten zur Kul­tur­po­litik der 1960er Jahre. Gudrun Leh­mann ist in Sla­vis­ten­kreisen als Ver­fas­serin meh­rerer Mei­len­steine zu Daniil Charms, inklu­sive seiner Bio­grafie, bekannt.

Sehr gerne würde ich beide zu einer Inter-View-Aktion treffen. Da dies nicht mög­lich ist, frage ich per e‑Mail nach ihren Moti­va­tionen und Erfah­rungen bei der Arbeit an der Ausgabe.

Wolfram Egge­ling ant­wortet mir am 22.05.2021, dass Cho­lins Pro­sa­samm­lung Apho­rismen und rund 450 Kurz- und Kür­zes­ter­zäh­lungen ent­hält, die in den letzten Jahren der sowje­ti­schen und in den ersten Jahren der post­so­wje­ti­schen Zeit ent­standen sind. Die Geschichten dieses letzten Werk­zy­klus kreisen meist um ein ‚uner­hörtes Ereignis‘. Wäh­rend des Umbruchs in der ehe­ma­ligen Sowjet­union erleben wir in ihnen

“ein Kalei­do­skop skur­riler, abgrün­diger und tra­gi­ko­mi­scher Situa­tionen und Ereig­nisse. Prot­ago­nisten ver­su­chen, sich ihrer selbst zu ver­ge­wis­sern. Nicht selten geschieht das auf sati­ri­sche Weise, manchmal augen­zwin­kernd – die Per­sonen werden vor­ge­führt –, zuweilen krea­tür­lich natu­ra­lis­tisch oder mit Hilfe sur­realer Ele­mente wie Engel, Teufel, nach­wir­kende Träume und über­mensch­liche Fähig­keiten. Das gilt auch für das Kapitel mit Erzäh­lungen über den Zweiten Weltkrieg.”

Bei seiner Aus­wahl habe er sich davon leiten lassen, ver­schie­dene lite­ra­ri­sche Vor­ge­hens­weisen, Stim­mungen und Schat­tie­rungen exem­pla­risch unter­zu­bringen. Egge­ling fas­zi­nieren die Varia­tionen des Zyklus, dessen Band­breite er dem Publikum ver­mit­teln möchte.

Auch Gudrun Leh­mann öffnet in ihren Nach­dich­tungen die Augen und Ohren für die Viel­falt der sprach­li­chen Codes, die hier auf­ein­an­der­treffen. Als ich sie nach ihrer Arbeit als Über­set­zerin und Her­aus­ge­berin frage, erzählt sie in ihrer Ant­wort vom 19.05.2021 von den Prä­texten, vor allem Obėriu, der Lenin­grader „Ver­ei­ni­gung realer Kunst“, die dem Soz­Rea­lismus mit ihrem Titel pro­gram­ma­tisch den Kampf ange­sagt hatte:

„Unter den Obė­riuten findet man häufig ‘Sowje­tismen’ (z. B. Ole­j­nikov), die sie samt dem vul­gären, obs­zönen Sprach­ge­brauch kari­kieren, die irr­sin­nige Lebens­form der Kom­mu­nalka wird rauf- und runter dekli­niert. Ver­gleichbar ver­leiht Cholin dem ‘Scheiß­haus’ oder dem ‘Chuj’ einen glei­chen poe­ti­schen Rang, wie Gott und dem gesamten Rest der Welt. Tote und Lebende treffen sich auf einer Ebene (und auch das bietet Obėriu). Beson­ders gut hat mir bei Cho­lins ‘Erd­ball’ gefallen, daß er in seiner abgrund­tiefen, fäkalen und stin­kenden ‘real­so­zia­lis­ti­schen’ Lebens­welt plötz­lich die roman­ti­sche Stimme Pusch­kins aus dem ‘Off’ ein­schleust. Da fand ich aus­nahms­weise Satz­zei­chen, völlig ‘unpas­sende’ Roman­tismen und Befind­lich­keiten. Bei diesem ‘ready-made’ han­delt es sich um Pusch­kins Gedicht Erin­ne­rung (Воспоминание) vom 19.5.1828.
Zu Sowjet­zeiten hätte man in offi­zi­ellen Kreisen das sicher als eine ‘Schän­dung’ des rus­si­schen Kul­tur­gutes aus­ge­legt. Russen kennen ja ihren Puschkin und auch Cholin war sein Verehrer…“

novinki: Sehen Sie Ver­bin­dungen zwi­schen Cholin und Charms, über den Sie intensiv gear­beitet haben?

„Obėriu und an erster Stelle Charms wurden im Unter­grund von Lia­no­zovo weg­bah­nend wie Kult- und Gegen­warts­au­toren gelesen. Evgenij Kro­piv­ni­ckij gilt als wich­tigster Mul­ti­pli­kator, er ver­brei­tete das ‘ver­bo­tene’ Erbe der Obė­riuten in Lia­no­zovo. Er wurde Cho­lins wich­tigster Mentor. Am 22. August 1966 notiert der an sich zwei­felnde Cholin in sein Tage­buch: ‘Er lobte mein langes Poem Der Erd­ball [End­fas­sung: Es starb der Erd­ball]. Bin nicht sicher, glaube ihm.’ (…)
Wie für Cholin bedeutet für Obėriu die Dich­tung, die sie als ‘real’ apo­stro­phieren, Frei­set­zung der Wörter von ihrem fest­ge­legten Sinn, Los­lö­sung aus ihren funk­tio­nalen und logi­schen Zuschrei­bungen und Gebrauchs­weisen. Nach Charms stehen hinter Wör­tern reale und auch bra­chiale Ding­welten, Sinn-Fallen, Humor, die Koin­zi­denz von Leere und Fülle, Hürden von Sein und Nicht­sein oder die para­doxale Wort­spiel­ver­schie­bung wie mit ‘Nul‘’/ ‘Nol‘’ oder ‘Mir’/’Myr’.“

novinki: Inwie­fern knüpfte der Kreis von Lia­no­zovo an Obėriu an und berei­tete das Fun­da­ment für die Kon­zep­tua­listen vor?

„Lia­no­zovo knüpft post­avant­gar­dis­tisch an Obėriu an. Der Titel Der Erd­ball ist gestorben mutet heute höchst ‚öko­lo­gisch’ an, ist aber kon­kret als gro­teske Verballhor­nung und post­avant­gar­dis­ti­sche Absage an den kos­mi­schen Uto­pismus der Avant­garde zwi­schen Realie und Fan­tasie zu verstehen. (…)
Zusam­men­ge­fasst finden sich fol­gende Gemein­sam­keiten von Obėriu und Lia­no­zovo: Kin­der­li­te­ratur (als Brot­beruf), heim­liche Text­pro­duk­tion und Dis­tri­bu­tion durch Abschreiben (Samizdat); Heft­kultur; Gra­pho­manie; Sub-/Un­ter­grund­kultur, Gruppe von Schrift­stel­lern, die unter die Zensur fallen und ihre Lite­ratur (für Erwach­sene) nicht ver­öf­fent­li­chen dürfen; Ando­cken an die klas­si­sche Avant­garde (Kos­mismus, „Zaum’“ etc.).“

Igor’ Cholin, Chro­nist der Vor­ort­worte und ‑taten, Über­le­bens­held mit Rück­halt einer nicht­er­kannten Com­mu­nity, ohne Ort in der Lite­ra­tur­ge­schichts­schrei­bung. In dieser Rolle sei er ver­gleichbar mit Oskar Rabin in der Malerei, bereits seit seinem frühen Zyklus Die Bewohner der Baracke (1956–1965):

“Die tur­pis­ti­schen und gro­tesken Ele­mente dieser Dich­tung, die bewusst pri­mi­tive, lako­ni­sche, ste­no­gra­phi­sche Dik­tion, mit der hier soziale und psy­chi­sche Kata­stro­phen geschil­dert werden, das alles war in einem sol­chen Maße unver­einbar sowohl mit dem klas­si­zis­ti­schen als auch mit dem sen­ti­men­ta­lis­ti­schen Pathos der offi­zi­ellen Lite­ratur, dass es in deren Fokus schlicht und ein­fach nicht als Lite­ratur existierte.”

Der New Yorker Sla­vist Mark Lipo­veckij sieht in Cho­lins Doku­men­tar­poetik, die aus dessen zeit­ge­nös­si­schem Kanon her­aus­fiel, ein para­doxes Koor­di­na­ten­system – einer­seits mit einer gegen­ständ­li­chen Achse des Wie­der­erkenn­baren, ande­rer­seits mit einer abs­trakten, ohne jeg­liche Ver­or­tung. Die gegen­ständ­liche Achse der Doku­men­tar­poetik, könnte man ergänzen, kehrt das Beob­ach­tetwerden sei­tens des KGB um in ein lapi­dares, nie­mandem scha­dendes Verzeichnisprojekt.

Werk­schau zu Igor’ Cholin: Tri­logie “CHOLIN 100” im Verlag “aspei”, © Yuri Albert

Lipo­veckij deutet Cho­lins Bara­cken­dich­tung als opti­mis­tisch. Pëtr Kazar­novskij beschei­nigt Cholin hin­gegen unein­deu­tige Neu­tra­lität. Wäh­rend andere Dichter aus Lia­no­zovo, vor allem Jan Sat­u­n­ovskij und Vse­volod Nekrasov, aus kri­ti­schem Impetus eine Sprach­welt erschüfen, die von der offi­zi­ellen Ober­fläche ver­schwiegen wird, ver­zichte Cholin auf eine Bewer­tung der Welten in seiner Lyrik, diese Neu­tra­lität des erzäh­le­ri­schen Ichs kenn­zeichne Cho­lins Poetik. Dadurch hebe sich der Post­avant­gar­dist von sub­ver­siven Ver­fahren vieler seiner Kol­legen ab, da er die sowje­ti­sche Wirk­lich­keit nicht direkt anpran­gere. Cholin führt uns statt­dessen man­chen Irr­sinn des sowje­ti­schen Soziums wie auch des mensch­li­chen Daseins vor Augen.

In seiner Poesie findet der Kult­dichter des Mos­kauer Under­ground Ein­heit und Ver­bin­dung in den Namen derer, mit denen er im Geiste und im Schreiben befreundet gewesen ist. Ein Netz aus Ironie, Ernst, aus einem Ver­zeichnis voll­stän­diger Namen und ihrem Auf­bre­chen bis hin zur nackten Schrift ein­zelner Buch­sta­ben­folgen breitet der Gedicht­zy­klus Es starb der Erd­ball aus, ent­standen zwi­schen 1965 und 1971. Den Titel dieses Zyklus trägt das Gedichtheft.

 

FREUNDE DES ERDBALLS

 

Dichter Gen­rich Sapgir
Freund des Erdballs
Künstler Oskar Jak. Rabin
Freund des Erdballs
Künstler Evg. Leo­n­idyč Kropivnickij
Freund des Erdballs
Valen­tina Kropivnickaja
Freundin des Erdballs
Künstlerin
Ol’ga Potapova
Freundin des Erdballs
(…)
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Dja
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Freund
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Die im Poem ein­gangs genannten Per­sonen gehören zum Kern der alter­na­tiven Kul­tur­szene der 1960er und 1970er Jahre. Wie ihre Vor­gänger (Obėriu, Daniil Charms, Osip Mandel’štam) paaren sie Sym­ptome der tota­li­tären Ord­nung mit nach­denk­li­cher Hal­tung zur Funk­tion und Funk­tio­na­li­sie­rung von Sprache und zu sich selbst.

Cho­lins sei­ten­lange Liste der ‚Erd­ball­freunde’ ent­hält bekannte und unbe­kannte Namen, dar­unter seine Tochter Ljud­mila, Ach­matova, Picasso, Kabakov, Charles de Gaulle, Gagarin, Tar­kovskij und Enzens­berger. Jener von Sabine Hänsgen fehlt. Dabei öff­nete sie Cholin das Tor zum Westen – und er ihr ein wei­teres Fenster in den abge­schirmten, doch gegen­über west­eu­ro­päi­schen Inter­es­sierten offenen Under­ground, zu dessen Mit­glied sie selbst mit der Zeit wurde: Ihr Name stand oben auf der Per­for­mance­liste der Gruppe Kol­lek­tive Aktionen (Kol­lek­tivnye dejst­vija). Wie sich die deut­sche Sla­vistin erin­nert, schlug ihre Doku­men­ta­ti­ons­tä­tig­keit „irgend­wann in die Autoren­tä­tig­keit um. Das pas­sierte bei den Aktionen einer spä­teren Phase, in denen auf einer Meta­ebene bereits das Wech­sel­spiel zwi­schen Ereignis und Doku­men­ta­tion reflek­tiert wurde.“ Die Ein­la­dung zur Teil­nahme gefiel ihr mehr als die Auf­for­de­rung zum Konsum, die von west­li­cher Kul­tur­pro­duk­tion aus­ging. Seit 1985 nahm sie an den Kol­lek­tiven Aktionen teil, seit 1996 gehört sie zur Ver­ei­ni­gung Aspei – Lite­ratur und Kunst zwi­schen West und Ost.

Gegründet hat Aspei der Ger­ma­nist und Schrift­steller Martin Hüttel Mitte der 1980er Jahre in Bochum als deutsch-rus­si­schen Kreis von Lite­ra­tur­schaf­fenden und Literaturwissenschaftler_innen. Die Gruppe gibt Künstler_innenbücher zu u.a. Ėduard Šte­jn­berg, Vla­dimir Janki­levskij, Fran­sisko Infante-Arana, Vla­dimir Nemu­chin, Andrej Monas­tyrskij, Sabine Hänsgen und Martin Hüttel heraus, Lyrik- und Prosaübersetzungen von Vse­volod Nekrasov, Dmi­trij Prigov und Lev Rubinš­tejn und regt zu deutsch-rus­si­schen (Hänsgen und Monas­tyrskij) und deutsch-pol­ni­schen (Hüttel und Kucz­miński) Koope­ra­tionen an. Die Gruppe ist bereits mehr­fach Gegen­stand von Aus­stel­lungen in Deutsch­land und Russ­land geworden, die ihrer Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit gewidmet waren. Über­set­zung also als Begeg­nung, Her­aus­gabe als Teilhabe.

Das Tran­skript des Gesprächs, das Sabine Hänsgen 1996 in Moskau mit Cholin führte, finden wir neben Rus­sisch auch auf Deutsch und Eng­lisch vor. Das Ori­gi­nal­tran­skript und seine eng­li­sche Über­set­zung wurden für die Aus­stel­lung mit Hand­schriften und Typoskripten von Cholin und Sapgir („Холин и Сапгир. На правах рукописи“) im Museum Garage 2017 ange­fer­tigt. Nun ver­öf­fent­licht es das Museum Garage auf seiner Rese­arch Web­site in rus­si­scher und eng­li­scher Sprache, zusammen mit einem Aus­schnitt aus dem Video, einer Ein­lei­tung und wis­sen­schaft­li­chen Kom­men­taren zu Per­sonen und Ereig­nissen, die der Leiter der Garage-Biblio­thek Valerij Ledenev ver­fasst hat.

Video­auf­zeich­nung von Sabine Hänsgen, 1996

Die Edi­tion setzt die Medi­en­di­men­sion mini­ma­lis­tisch um, ohne Stick, Chip oder ein­ge­legte DVD (diese gibt es nur in einer Lieb­ha­ber­auf­lage von 25 Stück, primär für Biblio­theken gedacht, so dass sie zu einem Kult­ob­jekt werden könnte). Das Pass­wort für das Video, das man nach der Lek­türe der Print-Aus­gabe auf https://vimeo.com/438246858 findet, hul­digt der por­trä­tierten Person ein letztes Mal, indem es den Namen Cholin ohne Vokale wie bei Hei­li­gen­namen auf ortho­doxen Ikonen, aber auch in Akro­nymen von Datei­namen schreibt – CHLN100.

Doch warum heute noch die his­to­ri­sche Posi­tion von Cholin 100 anschauen? Weil sich in ihr die Lebens- und Schaf­fens­ver­läufe der Lia­no­zovo-Gruppe sowie die bei­nahe ein halbes Jahr­hun­dert wäh­rende Rezep­tion des Mos­kauer Kon­zep­tua­lismus spie­geln. Weil Igor’ Cholin ein Chro­nist seines Kreises gewesen ist, genauso wie Sabine Hänsgen eine Doku­men­ta­ristin der Impulse gewesen ist, die von dem ‚Bara­cken­kreis‘ aus­ge­gangen sind. Weil die Werk­schau Aus­schnitte jener Denk­welt in einer his­to­ri­schen und in einer zeit­ge­mäßen Sprache der jün­geren deutsch­spra­chigen Genera­tion zeigt – und sie bei dieser Lese- und Seh­be­geg­nung zur Spu­ren­suche in jenes Kol­lektiv einlädt.

Lite­ratur

CHOLIN 100. Eine Werk­aus­wahl in 3 Teilen.
1. Es starb der Erd­ball. Gedichte, Über­tra­gung: Gudrun Lehmann
2. Ein glück­li­cher Zufall. Prosa, Über­tra­gung: Wolfram Eggeling
3. Bio-Inter-View, Video­auf­zeich­nung und Tran­skrip­tion: Sabine Hänsgen.
Gestal­tung: Martin Hüttel. Bochum: Edi­tion Aspei, 2020.
Mit ergän­zender DVD der Video­auf­zeich­nung inkl. Booklet auf Deutsch, Eng­lisch und Rus­sisch (25 Exemplare).

Egge­ling, Wolfram: Die sowje­ti­sche Lite­ra­tur­po­litik zwi­schen 1953 und 1970: zwi­schen Ent­dog­ma­ti­sie­rung und Kon­ti­nuität: Doku­mente und Ana­lysen zur rus­si­schen und sowje­ti­schen Kultur. Bochum 1994.

Hirt, Günter; Won­ders, Sascha (i.e. Georg Witte/Sabine Hänsgen): Igor Cholin, Sti­li­sator. In: Nor­bert Wehr (Hg.): Schreib­heft, Nr. 49, S. 121–123. Essen 1997.

Leh­mann, Gudrun: Fallen und Ver­schwinden: Daniil Charms – Leben und Werk. Wup­pertal 2010.

Olga Martin: „Sabine Hänsgen. Am Rande, im Ver­bor­genen, im Visier“, in: novinki (Hg.): Nach­ge­fragt: novinki im Gespräch mit Autor_innen aus Ost­eu­ropa, S. 66–79. Nor­der­stedt 2016.

Schel­lens, Dorine: Kanon­bil­dung im trans­kul­tu­rellen Netz­werk: Die Rezep­ti­ons­ge­schichte des Mos­kauer Kon­zep­tua­lismus aus deutsch-rus­si­scher Sicht. Bie­le­feld 2021.

Wei­ter­füh­rende Links:

Lipo­veckij, Mark: Užas, no ne užas-užas: o poėzii Igorja Cho­lina. Baračnyj cikl kak zer­kalo goloj žizni, kotoraja učitsja žit’, 1.12.2020.
URL: https://gorky.media/context/uzhas-no-ne-uzhas-uzhas-o-poezii-igorya-holina/, (letzter Zugriff 14.5.2021)

Kazar­novskij, Pëtr: „Vy ne znaete Cho­lina? K 100-letiju Igo­rija Cholina“,
URL: https://magazines.gorky.media/kreschatik/2021/1/vy-ne-znaete-holina.html (letzter Zugriff 17.5.2021)

Iss­le­do­va­nija: Set‘ arhivov ros­s­ijs­kogo iskusstva.
URL: https://russianartarchive.net/ru/research/cholin (letzter Zugriff 16.9.2021)

RAAN (Rus­sian Art Archive Network).
URL: https://russianartarchive.net/en/research/cholin (letzter Zugriff 16.9.2021)