Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Im Minsker Garten Geth­se­mane. Dmi­trij Stro­cevs Diglossien

Die Stimme des Minsker Dich­ters Dmi­trij Strocev, die nun auch im Gedicht­band “staub tan­zend” (2020) deutsch erklingt, ist bis zum Psal­mo­di­schen privat, sie stellt jedoch auch ein poe­tisch zuver­läs­siges Zeugnis jener inneren ethi­schen Bewe­gungen und Gesten dar, die im post­so­wje­ti­schen Raum der letzten zwanzig Jahre reiften.

 

 

Im Fließ­text (siehe unten) finden Sie eine Aus­wahl von Gedichten aus “staub tanzend”.

 

Im Verlag hoch­roth sind aus­ge­wählte Gedichte des Minsker Dich­ters Dmi­trij Strocev in den Über­tra­gungen von Andreas Weihe erschienen. Bis zur Mitte der 2000er Jahre war Strocev ein Dichter mit einer Ori­en­tie­rung primär auf die rus­si­sche Leser­schaft, in Russ­land kannte und schätze man ihn, in Belarus weniger bzw. nur in den rus­sisch­spra­chigen Kreisen von Minsk. Auf Rus­sisch zu schreiben, wäh­rend das Bela­rus­si­sche wort­wört­lich stirbt, erschien damals vielen pro­ble­ma­tisch. Das Medium (Rus­sisch) dis­kre­di­tierte die Botschaft.

 

In den 2010er Jahren wurde die Sprach­frage zwar nicht auf­ge­hoben, aber alles rund herum und im Inneren ver­än­derte sich: langsam, aber sicher, schnell und unum­kehrbar. Wich­ti­gere Sachen wurden akut: Die Repres­sionen in Belarus ver­schärften sich zuse­hends; eine post­so­wje­ti­sche Wunde nach der anderen öff­nete sich; das Böse hörte auf, ein Wort aus dem reli­giösen Voka­bular zu sein. „Ein­fach Gedichte schreiben“ ist unmög­lich geworden. Dmi­trij Strocev, in dessen Poesie das hei­tere ästhe­ti­sche Spiel ein Gespräch über die wich­tigsten Dinge auch davor nicht über­tönte, trans­for­mierte sich, und genau in dieser neuen Gestalt wird er nun den deut­schen Leser_innen präsentiert.

 

Bereits im Jahre 2008, noch vor dem Maidan, der Krim und dem Krieg in der Ost­ukraine reagierte Strocev schmerz­voll auf die rus­si­sche Inva­sion in Geor­gien, ein Land, mit dessen Land­schaften und Leuten er schon immer eng ver­bunden war und ist. Davon han­delt der Vers­be­richt „Kriegs­tou­rist“:

 

„ich / aus der pro­vinz / war nie im aus­land / da kam die offerte / ein freier platz im panzer / ich konnte nicht nein sagen // sind dage­wesen / haben getötet / zchin­wali gori poti // was für berge / was für ein meer / von leid […]“ (S. 19)

 

Dekla­ma­to­ri­sche Bewe­gungen und eupho­ni­sche Effekte des „eins­tigen Strocev“ ver­wan­delten sich nun in poe­tisch-ethi­sche Affekte mit poli­ti­scher und publi­zis­ti­scher Referenz.

Noch ein – diesmal „rein“ bela­rus­si­sches – Bei­spiel. Im Jahre 2012 hat man in Belarus in einem intrans­pa­renten gericht­li­chen Eil­ver­fahren, gegen das die inter­na­tio­nale Gemein­schaft pro­tes­tierte, zwei junge Men­schen wegen des angeb­li­chen Anschlags in der Minsker U‑Bahn zum Tode ver­ur­teilt und kurz darauf hin­ge­richtet. Als Reak­tion darauf, als Anklang, (An)Klage und Andacht ent­stand das Gedicht „Oster­re­por­tage“:

 

„blitz­ge­witter / der schlag­zeilen / Konow­alow / und / Kow­aljow / […] // und eine stimme / im gerichts­saal / die schmach / spricht / der has­tigen hölle // jetzt und in alle ewig­keit […]“ (S. 14 und 16)

 

Solche Gedichte, in denen Pres­se­mit­tei­lung und Gebet neben­ein­an­der­stehen und unun­ter­scheidbar werden, berühren sich im Gedicht­band „staub tan­zend“ mit anderen Texten, welche direkt oder indi­rekt an die Nächsten und Freunde, in der Heimat und im Aus­land, an die Lebenden und die Toten, an das Gedächtnis, an die Gegen­wart und die Zukunft gerichtet sind. Aus diesem Mosaik des Pri­vaten und Kol­lek­tiven, Gemein­samen – des gemein­samen Unglücks und Grams –, gewinnt Stro­cevs Rede zusätz­lich an Kraft: Die Kraft der Ohn­macht und der Furcht­lo­sig­keit ange­sichts des großen Unheils.

 

Diese Domi­nante der neuen Lyrik des Minsker Dich­ters über­trägt Andreas Weihe außer­or­dent­lich gekonnt und fein­fühlig. Dank ihm lebt Strocev auf Deutsch von der­selben seman­ti­schen und rhyth­mi­schen Unruhe und Rat­lo­sig­keit, die das Ori­ginal (per)formen. Dis­kurs­fli­cken sind fest in die Aus­sage ein­ge­näht, der Vers ist frei von metri­schen Zwängen, aber er berichtet von jener anderen Unfrei­heit, die jen­seits der Lite­ratur waltet. Andreas Weihes Nach­dich­tungen trans­mit­tieren meis­ter­haft diese und andere dra­ma­ti­sche Dig­los­sien des dich­te­ri­schen Dis­senses, die im Stro­cev­schen vers libre vibrieren.

 

Wir schreiben das Jahr 2020. Auf Anruf des Gedächt­nisses und der Würde geht Belarus auf die Straßen von Minsk und anderen Städten, Städt­chen und Dör­fern. Jeder für sich und alle gemeinsam. Als ein neues, vor unseren Augen ein Volk wer­dendes Volk, voller Geduld und Unge­duld, Zorn und Hoffnung.

 

Keiner konnte vor­aus­sagen, was heute in Belarus geschieht: die His­to­riker mit ihren Post-faktum-Kau­sa­li­sie­rungen nicht, die Poli­to­logen mit ihren Fak­toren nicht, Sozio­logen mit ihren Sta­tis­tiken und reprä­sen­ta­tiven Befra­gungen nicht. Wo die Wis­sen­schaft endet, beginnt die Poesie. Stro­cevs Stimme, die nun auch deutsch erklingt, erweist sich als ein wich­ti­geres und zuver­läs­si­geres Zeugnis jener inneren ethi­schen und see­lisch-poe­ti­schen Bewe­gungen und Gesten, die im Belarus der letzten fünf­zehn Jahre reiften. Ein Dichter weiß nicht mehr und nicht weniger als die anderen, aber er vermag diese weit­sich­tige Unkenntnis des Selbst kom­pro­misslos zu artikulieren:

 

„der dichter / wie jeder mensch / will ver­schlafen / all diesen schre­cken // er / gleitet unver­hofft / in den schlaf / der jünger im garten geth­se­mane / in den schlaf / der sieben knaben zu ephesus / und wacht / plötz­lich auf / im gol­denen zeit­alter / der poesie har­monie und frei­heit / oder / auf dem weg in den GULAG“ (S. 9).

 

von Hein­rich Kirschbaum

 

 

Aus­ge­wählte Gedichte Stro­cevs in Über­set­zung von Andreas Weihe:

***

мы с женой
не революционеры
беспартийные и безоружные

в нашем доме поселился дракон
бронированный и плотоядный

больше всего он любит наших детей
они уже избиты как китайская собака
и освежеваны

мы дико устали их прятать
у нас больше нет потайных углов

что нам делать
миролюбцы
драконофилы

13. 08. 2020

***

wir sind keine revolutionäre
meine frau und ich
keiner partei ange­hörig und unbewaffnet

in unserem haus wohnt ein drache
gepan­zert und begierig nach menschenfleisch

am meisten mag er unsere kinder
richtet sie zu wie einen chi­ne­si­schen hund
und zieht ihnen die haut ab

wir sind es leid sie zu verbergen
wir haben keine ver­stecke mehr für sie

was sollen wir machen
sagt ihr friedfertigen
sagt ihr drachenverehrer

ТРИДЦАТЬ СЕДДЬМОЙ

дракон

забирает детей
из потока жизни
прямо из троллейбуса

жертвоприношение

как вы не понимаете
такое средство

закрывает вопросы
выключает голову
отрезает сердце

казнелюбивая мать Беларусь

советское доверие к насилию

смертная казнь
дедовщина
и всё
уже на контроле

и всё
со всем
связано

хтоническое влечение к дракону
в Христовой шкуре

SIE­BEN­UND­DREIßIG

der dra­chen

nimmt sich die Kinder
aus dem fluss des lebens
dirket aus dem trolleybus

opfe­rung

wieso begreift ihr nicht
ein sol­ches mittel

klärt alle fragen
schaltet den kopf aus
schneidet das herz ab

exe­ku­ti­ons­be­sessne mutter Belarus

sowje­ti­sches ver­trauen auf gewalt

todes­strafe
rekrutenschikane
und alles
schon unter kontrolle

und alles
mit allem
verzahnt

chto­ni­sches ver­langen nach dem drachen
im Christuspelz

ПАСХАЛЬНЫЙ  РЕПОРТАЖ

первый месяц

без имени и лица
э т и н е л ю д и
фотороботы
нарочитые

потом

вспышки
газетных полос
фамилии

Коновалов
и
Ковалёв

с л е с а р ь
и
т о к а р ь
уничтожающее

ничьи
никчёмные

опять

скользкое видео
мутные силуэты
тот не тот

дурная драматургия
пыточный
пот
с кровью

и вот

лифостротон
клетка колизея
в звериной цепи

прямота
свидетельства
мученические глаза
в сердце

улыбка
строка
маме

смерть
где твоя победа
где клики толпы

р а с п н и

один голос
в зале суда
торопливому аду
позор

и ныне и присно

панихида
21 марта
отец Александр
возглашает

новопреставленные
невинноубиенные
Владислав
и
Димитрий

молите Бога о нас

 

15. 04. 2012

OSTERREPORTAGE

der erste monat

ohne namen und gesicht
d i e s e u n m e n s c h e n
phantomzeichnungen
planvoll

dann

blitz­lichter
der zeitungsspalten
die familiennamen

Konow­alow
und
Kowaljow

ein s c h l o s s e r
und
ein d r e h e r
vernichtend

nie­mande
nichtsnutze
wieder

ein wack­liges video
ver­schwom­mene silhouetten
ist er es ist er es nicht

schlechte dra­ma­turgie
schweiß
und blut
der folter

und siehe

gab­batha
käfig im colosseum
in ketten wie tiere

frei­mü­tiges
zeugnis
märtyreraugen
ins herz

lächeln
eine zeile
für mama

tod
wo ist dein sieg
wo die schreie der menge

k r e u z i g e t

und e i n e stimme
im gerichtssaal
die schmach spricht
der has­tigen hölle

jetzt und in alle ewigkeit

toten­messe
am 21 märz
pater Alexander
ver­kün­digt die namen

der hin­ge­schie­denen
unschuldig getöteten
Wladislaw
und
Dmitri

bittet für uns

 

[Anmer­kung des Übersetzers: Belarus ist das letzte Land in Europa, das die Todes­strafe verhängt. Im April 2011 ereig­nete sich in der Minsker U‑Bahn ein Bom­ben­an­schlag, bei dem 15 Men­schen ums Leben kamen. Zwei Verdächtige wurden ver­haftet, wegen Ter­ro­rismus ange­klagt und zum Tode ver­ur­teilt. Bis zuletzt blieben starke Zweifel an ihrer Schuld, die Rechts­staat­lich­keit des Ver­fah­rens wurde, auch inter­na­tional, in Frage gestellt. Die Ver­ur­teilten wurden im März 2012 durch Genick­schuß hingerichtet. ]

ЗАПИСКА СУМАСШЕДШЕГО

мы

рядовые
граждане Беларуси

даже не знаем

как
распределяются органы
казнённых

кто
сьедает печень
кто сердце

кому
на стол идёт
голова

NOTIZ EINES WAHNSINNIGEN

wir

die ein­fa­chen
büger von Belarus

wissen gar nicht

wie
die organe der hingerichteten
ver­teilt werden

wer
isst die leber
wer das herz

wem
ser­viert man
den kopf

ЛЕСТНИЦА

серый чистый минск
ты смотришь новыми детскими глазами
на город
который выпил тебя
до дна

почему ты его прощаешь
почему отпускаешь с улыбкой
эти последние в жизни дома
их лбы и затылки
эти чёрные палки двора
и верёвки
и горькие тряпки ворон

он съел твоё солнце
твой огненный пар пробуждения
твой полуденный зной
и слёзный закатный отлив

серый чистый минск
теперь
лови
меня

 

01.12.2012

DIE TREPPE

graues sau­beres minsk
du schaust mit neuen kinderaugen
auf die stadt
die dich leer­ge­trunken hat
bis zur neige

warum ver­zeihst du ihr
warum läßt du sie gehn mit einem lächeln
diese letzten häuser im leben
ihre stirnen und schläfen
diese schwarzen balken im hof

und die stricke
und die bit­teren fetzen der krähen

sie hat deine sonne verzehrt
deinen feu­er­atem der erweckung
deinen schwülen mittag
und das sen­ti­men­tale licht des abends

graues sau­beres minsk
jetzt
fang
mich

* * *

Светлане Алексиевич

земля крепостей
стёртых до дёсен
дикое поле
европейских споров

эй ленивые
живо к нам
в новый век
кличут соседи

из угольных куч
из землянок
выходим блаженно

тихое солнце
как верную новость
целуем

 

22. 02. 2012

***

für Swet­lana Ale­xi­je­witsch                       

land der festungen
geschleift bis auf die grundmauern
wildes feld
euro­päi­scher fehden

he ihr faulen
schnell kommt mit
ins neue jahrhundert
rufen die nachbarn

aus den kohlehalden
aus der erde
erheben wir uns selig

küssen
die stille sonne
wie ver­läß­liche kunde

* * *

мама
одного из мальчиков
успел только сказать не был в метро
в тот день

*

в тот день без сумки моего сына кто видел
кто видит моего сына
из тьмы в свет грядущего

2011

***

die mutter
eines der jungen

er schaffte es nur zu sagen
ich war nicht in der u‑bahn
an jenem tag

*

an jenem tag
ohne tasche
meinen sohn
wer hat ihn gesehen

wer sieht
meinen sohn
aus dem dunkel ins licht
der zukunft

 

[siehe Anmer­kung zu OSTERREPORTAGE]