Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ist das jetzt Satire, oder kann das weg?

2019 erscheint in Russ­land der Kriegs­film „Secret Weapon“. Er macht vieles anders als her­kömm­liche Kriegs­filme und vieles nicht. Man möchte ihn als Satire lesen. Ob das gerecht­fer­tigt ist?

 

Satire greift das Eta­blierte an. In Über­trei­bungs­gesten bohrt sie sich ins fest­ge­ses­sene Fleisch der Politik oder will süf­fi­sant und bissig zeigen, was die Gesell­schaft krank macht. Satire, so Tucholsky, kämpft gegen das Schlechte. Mit ihr werden Per­sonen und Erschei­nungen in der Zeit­ge­schichte lächer­lich gemacht, immer heiter und gern ohne Tabus. Das soge­nannte „Schlechte“ wird künst­le­risch ver­fremdet, manchmal ins Gegen­teil ver­kehrt, dann wieder zugespitzt.

 

Das 30. Film­fes­tival Cottbus zeigte in der Sek­tion „Close Up WW II“ eigent­lich solche Filme, die zum Nach­denken anregen wollen. Anti-Kriegs-Filme wie Dylda (2019) von Kan­t­emir Balagov oder sati­risch ange­hauchte Streifen wie Quentin Taran­tinos Ing­lo­rious Bas­terds (2009). Doch auch Kriegs­filme des Main­stream-Kinos tau­chen auf, etwa der Action­kriegs­film Ržev (2019) von Igor Kopylov aus Russ­land. Dabei wird man das Gefühl nicht los, dass der Hyper­rea­lismus im popu­lären Kriegs­film zum Stan­dard geworden ist. Hek­tisch huschen pixel­freie Bilder über den Bild­schirm, das Auge zit­tert von den vielen Sze­nen­wech­seln; jede schmerz­ver­zerrte Stirn­falte der Sol­daten, jedes Gedärm, jede Träne, die den zurück­ge­blie­benen Frauen von den Wangen rinnen, ist aus­ge­leuchtet, um anzu­regen, mit­zu­reißen. Das Gefühl der Gegen­wart: Man ist überall dabei, nie wirk­lich ganz, nir­gendwo von Dauer. Auch in modernen ame­ri­ka­ni­schen Filmen wie Hacksaw Ridge oder Ame­rican Sniper ver­schmelzen hyper­rea­lis­ti­sche Kriegs­szenen mit schick­sal­haftem Patrio­tismus, Mar­tial-Arts und Melo­dram – jetzt kann man sich durchaus fragen, ob das eine wirk­lich ohne das andere geht. Seit Erscheinen dieser popu­lären Kriegs­filme ist die Welt leider kein bes­serer Ort geworden. Und auch keine Welt ohne Krieg, obwohl es diese Filme gab, die uns auf dessen Sinn­lo­sig­keit auf­merksam machen wollten. Doch womög­lich wollten sie das gar nicht. Will es viel­leicht der Film Secret Weapon?

 

Secret Weapon, im rus­si­schen Ori­ginal Prikaz „Unič­tožit‘“ (Ver­nich­tungs­be­fehl), kam 2019 unter Regie von Kon­stantin Statskij [Statskiy] in die Kinos. Wer da in den Ses­seln saß, wurde Zeuge von etwas, das man seit Kampf­film – und Aben­teu­er­klas­si­kern wie McGiver oder Indiana Jones nicht mehr gesehen hatte: Ein rich­tiger Vor­spann! Fern­glas­per­spek­tiven, kämp­fende und um ihr Leben ren­nende Soldat_innen. Explo­sionen, Mor­se­zei­chen. Darauf die erste Szene, man sieht ein Bett, daneben aus­ge­latschte Schuhe ohne Schnür­senkel. Prot­ago­nist des Films, der aus­ran­gierte Staats­si­cher­heits­agent Ermakov, wird aus seiner Zelle geholt und in den Ver­hör­raum gebracht. Er schaut sehr trotzig nach links, dann überaus traurig nach rechts. Es fehlt eigent­lich nur noch ein melo­dra­ma­ti­sches Seufzen, um zu zeigen, hier ist jemand unzu­frieden mit seiner Situa­tion. Wird im Theater gegen die Her­stel­lung von Unmit­tel­bar­keit und das kom­pro­miss­lose Ein­tau­chen ins Stück gespielt, dann in dieser Art Über­zeich­nung. Die Brecht’sche Ver­frem­dung zielt auf distan­zierte Betrach­tung. Wird also auch hier eine über­trie­bene Spiel­weise aus­ge­stellt, wie sie in Kriegs­filmen üblich ist? „Krieg ich denn keine Umar­mung?“, fragt der Offi­zier geküns­telt. „Eine Umar­mung. Wirk­lich, mit dem Staats­feind?“ ant­wortet Ermakov in lar­moy­anten Ton. „Hören Sie auf“, darauf der Offi­zier. „Es gibt eine Mis­sion für Sie.“

 

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Der Zweite Welt­krieg ist im Gange. Die Sowjet­union wurde über­fallen, Deutsch­land hat den Hitler-Stalin-Pakt gebro­chen. Ermakov bekommt die Chance durch die Befreiung einer Geheim­waffe aus den Händen der Natio­nal­so­zia­listen dem sowje­ti­schen Vater­land doch noch seine Loya­lität zu beweisen. Ob er wohl die Politik Sta­lins kri­ti­sierte und des­wegen im Gefängnis sitzt? Egal, der Plot muss wei­ter­gehen. Die Kriegs­waffe Kat­juša, auch Sta­lin­orgel genannt, war in einem vor­her­ge­henden Gefecht in die Hände der Feinde geraten. Ohne Zusi­che­rung auf dar­auf­fol­gende Abso­lu­tion sagt Ermakov zu.[1]

 

Er bekommt eine Spe­zi­al­ein­heit zuge­wiesen, alle Soldat_innen die Besten in ihrem Fach. Da ist etwa Galiev, Kom­man­dant der Truppe, und Belous, Absol­vent der Mos­kauer Sport­hoch­schule und Meister der Sambo-Kampf­sport­kunst. Es gibt Knyš, den Boxer, der „töd­liche Schläge mit beiden Händen“ ver­teilt, oder Sub­bo­tina, eine Bogen­schützin und Juristin. „Irgend­welche Funker dabei?“, fragt Ermakov. „Das beherr­schen alle von ihnen.“ Also geht es los, die Geheim­waffe befreien.

 

Bereits im Flug­zeug funken sich Galiev und Sub­bo­tina mit den Augen an. Ihre Liebe wird in einer tra­gi­schen Dia­go­nale zwi­schen Sand­sä­cken enden ­– aber alles zu seiner Zeit. Die Spe­zi­al­ein­heit wird über besetztem Gebiet abge­worfen und reißt gleich die Natio­nal­so­zia­listen aus dem Schlaf. Der glor­reiche Beginn eines kampf­träch­tigen Katz- und Maus-Spiels, bei dem mehr schief geht, als glatt. Immerhin lassen die Auf­nahmen von saf­tigen Wald­böden, wilde Kame­rar­und­fahrten und Point-of-View-Per­spek­tiven Com­pu­ter­spiel-Lieb­ha­bende auf ihre Kosten kommen. Das Licht des Films ist weich gehalten. Alles ist sichtbar und etwas zu hell. Übli­cher­weise werden roman­ti­sche Komö­dien oder Sei­fen­opern in diesem High-Key-Stil gedreht. In Deutsch­land kennt man ihn aus Vor­abend-Serien wie Rote Rosen oder Sturm der Liebe. Doch offenbar geht damit auch Kriegs­film. Viel­leicht soll ja der High-Key-Filter eine sati­ri­sche Anti­these zum Hyper­rea­lismus sein? Viel­leicht will damit bewusst auf die Ver­zwei­gung von Sei­fen­oper und Gefechts­spek­takel hin­ge­wiesen werden. Auch der mit Fall­schirm im Baum ver­hed­derte Soldat, der kurz darauf wie ein Igel einen Sand­hügel her­un­ter­kul­lert, ist doch so toll­pat­schig, dass Bewe­gung ins Gesicht der Zuschauer_innen kommt. Wird mit dieser Art Scherz der krie­ge­ri­sche Mensch lächer­lich gemacht? Schon mit dem Vor­spann wurde ja bereits die gesamte Tra­di­tion des Mediums Kampf- und Kriegs­film hops­ge­nommen. Oder? Ist das jetzt Satire? Oder kann das weg?

 

Kurt Tucholsky schrieb 1912: „Der Sati­riker kann nicht wägen – er muss schlagen.“ Satire würde dem­nach nicht andeu­tungs­weise hin­ter­fragen, son­dern kon­kret und kom­pro­misslos eta­blierte Gesell­schafts­bilder kri­ti­sieren. Secret Weapon hat inhalt­lich ein­deutig die Bedeu­tung der Familie zum Gegen­stand. Neben der sowje­ti­schen Groß­fa­milie, die den Soldat_innen den not­wen­digen Rücken­wind ver­schafft, steht auch das Kon­zept Klein­fa­milie im Schein­wer­fer­licht des Films. Galiev und Sub­bo­tina etwa, die von Anfang an buch­stäb­lich die Augen auf­ein­ander geworfen hatten, dis­ku­tieren geduckt im Gras die Bedeu­tung der Ehe. Und Sub­bo­tina stellt gera­de­heraus und durchaus kri­tisch klar: „Der Trau­ring ist Zei­chen eines bür­ger­li­chen Ana­chro­nismus.“ Doch was als über­ra­schende Kritik am Tra­di­tio­na­lismus beginnt, endet kurze Zeit später in einer Sequenz mit ihr und Galiev zwi­schen Sand­sä­cken, umstellt. In einer letzten pathe­ti­schen Geste streckt er seinen Arm zu ihr aus; in seiner Hand eine Hand­gra­nate, deren Ring einen Trau­ring simu­liert. Sub­bo­tina zögert nicht lang. Sie hält ihren Ring­finger hin. Ein letzter, tiefer schick­sal­hafter Blick in die Augen und sie sprengen sich in die Luft. Das nennt man wohl Lieben und Sterben in Zeiten des roman­ti­schen Mär­ty­rer­todes. Oder: Besser ver­hei­ratet in den Tod, als Single im Himmel. Mit Secret Weapon ist es wie mit diesen Witzen, über die man erst lacht und dann beschämt die Hand vor die Augen schlägt, weil sie so leer sind. Was anfangs noch sati­risch wirkte, kippt bei genauerem Hin­sehen in das kom­plette Gegen­teil. Die vagen Unklar­heiten von Slap­stick-Komödie und Betrof­fen­heits­gesten machen den Film zu einer wei­teren, infan­tilen Kriegs­ver­harm­lo­sung, die unter­halten will und natio­na­lis­ti­sches Begehren (re)produziert, wäh­rend und indem Men­schen sterben. Denn opfer­be­reit, scheinbar jeg­li­cher Ego­zen­trik ent­le­digt, han­deln die Soldat_innen stets im Rahmen eines staat­li­chen Mora­lismus, der sagt: Man ist erst voll­wer­tiges Mit­glied der Gesell­schaft, wenn man bereit ist, für sie zu sterben. Die „Befreiung“ der Geheim­waffe aus Fein­des­hand ist Gemein­schafts­auf­gabe. Darin insze­niert der Film uner­müd­lich den Sinn des Kampfes; in der großen Gemein­schaft, der ent­fernten Familie. Es geht um den heroi­schen Schutz des Eigenen, des geliebten Landes, der Ret­tung der Welt durch das Militär. So auch in einer wei­teren Szene, als eine junge Jüdin von her­um­strei­fenden Män­nern ver­ge­wal­tigt werden soll. Bevor es zum Schlimmsten kommt, wird sie von einem Sol­daten der Spe­zi­al­ein­heit befreit – sie ver­liebt sich natür­lich gleich in ihn. Der Mann als Retter, die Frau als Bedürf­tige, das kennt man ja. Über den Körper der Frau gesell­schaft­liche Ansprüche von Gut und Böse zu ver­han­deln, das kennt man leider auch. Lehnt man sich im heu­tigen Russ­land tat­säch­lich gegen patri­ar­chale Fami­li­en­struk­turen auf, kann das ver­hee­rend aus­gehen. Der Regis­seurin Julija Cve­t­kova (Yulia Tsve­t­kova) drohen der­zeit sechs Jahre Haft wegen ihres poli­tisch enga­gierten Thea­ters. Das von ihr gegrün­dete Kinder- und Jugend­theater Merak war geschlossen worden, weil ihr vor­ge­worfen wurde, „nicht-tra­di­tio­nelle Fami­li­en­werte unter Min­der­jäh­rigen zu ver­breiten“. Ihre comic­esken Zeich­nungen, wegen derer sie bereits unter Haus­ar­rest stand, zeigen weib­liche Körper aus einer femi­nis­ti­schen Per­spek­tive. Sie sind dick, behaart und schön. Gute Satire würde gegen staat­liche Repres­sionen, wie sie Cve­t­kova der­zeit durch die Regie­rung Putins erlebt, laut­hals anschreien. Secret Weapon krächzt leise in einer weit ent­fernten Ecke davon sein kit­schiges Kriegslied.

 

Am Ende des Films wird die Kriegs­waffe befreit und ver­nichtet. Alle sterben, außer die Jüdin und der Soldat. Sie reiten am Rand eines saf­tigen Feldes dem Hori­zont und, dank sei den gestor­benen Soldat_innen, einer gewissen Zukunft ent­gegen. Es ist das rühr­se­lige Ende eines wei­teren Kriegs­films, der nicht auf­rüt­teln, son­dern unter­halten will. Man war überall dabei, nir­gendwo von Dauer und nie wirk­lich ganz. Pro­blem ist seine poli­ti­sche Hal­tungs­lo­sig­keit, die wegen der ästhe­ti­schen und effekt­hei­schenden Auf­ma­chung in Kriegs­ver­herr­li­chung kippt. Im Lexikon der Film­be­griffe steht pas­send dazu als gut gelaunter Schluss­satz zum High-Key-Filter: Er wird ange­wandt, um zu zeigen, dass etwas gut aus­geht. „Er betont im all­ge­meinen Glück, Gelingen, Hoff­nung und frohe Zuversicht.“

 

Statskij, Kon­stantin: Sekretnoe oružie (Die Geheim­waffe). Russ­land, 2019, 94 Min.