Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Das Gedicht ist die Tasche, in der du dein Herz trägst“.

Ein Por­trait des Dich­ters Marko Pogačar

 

Sobald die Kamera auf Marko Pogačar gerichtet ist, tränen seine Augen. Der junge kroa­ti­sche Dichter ist höf­lich, will dem Foto­grafen die Arbeit erleich­tern. Und reißt die Augen auf, bis sie vor Anstren­gung weinen. Dabei wird Pogačar, seit er mit 23 seinen ersten Gedicht­band ver­öf­fent­licht hat, häufig foto­gra­fiert. Mit Pija­vice nad Santa cruzom 2006 (Wir­bel­stürme über Santa Cruz) gelang ihm näm­lich, was Lyri­kern heute selten gelingt: Sein Gedicht­band wurde gelesen, und das nicht nur von ein­ge­fleischten Lyrik­freunden; sogar eine zweite, elek­tro­ni­sche Auf­lage wurde im Jahr 2009 hergestellt.
Sein Erst­ling belebte mit seiner Gegen­wär­tig­keit, seinem ein­drucks­vollen Eklek­ti­zismus aus All­täg­li­chem und Ewigem, aus Geschichte und Gegen­wart, und seiner expres­siven Sprache die kroa­ti­sche Lyrik­szene. Pogačar stand, wie einer seiner Rezen­senten schrieb, „mit den Füßen auf der Erde und hielt den Kopf ins Weltall“. Und er kam damit gut an. 2007 erschien sein zweiter Gedicht­band, Pos­la­nice običnim lju­dima (Send­schreiben an gewöhn­liche Men­schen), im Jahr 2009 folgte Pred­meti (Gegen­stände), und Marko Pogačar wurde zu einer wich­tigen Größe im über­schau­baren kroa­ti­schen Literaturbetrieb.

Der frühe Erfolg ist ihm nicht zu Kopf gestiegen, eine Selbst­in­sze­nie­rung als poe­ti­sches Wun­der­kind inter­es­siert den jungen Mann nicht. Er ist neu­gierig und unbe­küm­mert und er dichtet ein­fach, weil er sich dabei glück­lich und stark fühlt. Meis­tens jeden­falls. Nur manchmal denkt er, dass Harold Bloom doch Recht hatte, als er die Angst zu einer Wesensart des Schrei­bens erklärte. Zwar fühlt Pogačar nicht das Auge der Vor­väter skep­tisch auf sich ruhen, das wäre ihm zu prä­ten­tiös, aber er weiß sehr genau, was er von seinen Gedichten erwartet und das for­dert ihn beständig heraus. Seine Auf­merk­sam­keit gilt dabei der Sprache und den Expe­ri­menten an ihr. Er hat früher viel Musik gemacht und eine aus­ge­prägte Sen­si­bi­lität für den Klang und die natür­liche Rhythmik seiner Sprache ent­wi­ckelt. Er lässt die Sprache ihrem eigenen Rhythmus folgen, ver­stärkt ihn, häuft tiefe Vokale und Zisch­laute und erkennt weder Vers- noch Gedich­tenden an. Aber er ver­sucht sich nicht an radi­kalen, for­malen Sprach­poe­tiken, er über­lässt sich, sprach­lich wie the­ma­tisch, den Unend­lich­keiten von Sprache und Bil­dern, seine Gedichte fließen wie dunkler Espresso.

 

Meine Sprache ist eine dunkle­flei­schige Faust,
ein Korb voller Fin­ger­nägel, die Brücke,die ich betrete wie einen neuen
Früh­ling, die Volksverteidigung,ich bringe Schafe und Risse in sie ein,
aus ihr fließt nichts,nichts stru­delt. meine Sprache ist Mekka,
die flei­schige Faust, Macchia,ein Gewächs, das sich selbst entzündet.
etwas, ein Penis, erhebt sich und brennt aus,spricht sich aus, jemand steht auf,
öffnet die Fenster, die Zei­tung, sagt­guten Tag, der Tag ist schön; meine Sprache,
das Pol­len­fieber, die Klei­dung der jungen Garbo.die Sprache, Hom­mage an die Achtziger,
Grill­rost, wildes Prä­sens und Perfekt.

in ihr lebt ein Box­kampf & singt mich,
schwarze Katharer schleppen sich auf meiner Spur,

die Sprache, der Last­wagen, den ich trage. oh,
mein kroa­ti­sches Wort! du Gulasch­suppe, die ich

zufällig koche, du Frosch, Bie­nen­sta­chel im Mund,
der mich zu allem antreibt;

aus dir tropft Mexiko, in dich kehre ich ein wie in ein
lieb­ge­won­nenes Café, in eine Spende, light & dust,

dir, meinem Bruder, und Moses sage ich, du bist mein,
eine Maschine, aus der dunkler Espresso fließt, Traum 

Pogačar adap­tiert seine Sprache auch in seinen Lesungen dem freien Fließen seiner Gedichte an. Er liest nicht ein­fach, er rappt fast, schnell, atemlos jagt er der Bewe­gung seiner Gedichte hin­terher. Er ist, wie er 2011 in dem Vor­wort zu seiner Antho­logie Jer mi smo mnogi (Denn wir sind viele) schreibt, besessen von der Sprache, der Lyrik, der Lite­ratur überhaupt.

Nach dem Schul­ab­schluss in seiner Hei­mat­stadt Split ist Pogačar nach Zagreb gekommen, hat Kom­pa­ra­tistik und Geschichte stu­diert und mischt seitdem in allen Berei­chen des Zagreber Lite­ra­tur­be­triebs mit. Er schreibt Kri­tiken für die renom­mierten Zeit­schriften Zarez und Quorum, arbeitet als Lektor für den Verlag V.B.Z. und ist jüngst für die erwähnte Samm­lung kroa­ti­scher Gegen­warts­lyrik erst­mals als Her­aus­geber auf­ge­treten. Wäh­rend des Stu­diums hat er sich an Lyri­k­über­set­zungen aus dem Eng­li­schen und Ame­ri­ka­ni­schen ver­sucht, nicht pro­fes­sio­nell, eher aus Pro­bier­laune, und ist noch heute beschämt, weil er seither in allen bio­gra­fi­schen Notizen  zum Über­setzer gemacht wird.
Pogačars Umtrie­big­keit hat einer­seits finan­zi­elle Gründe. Von der Lyrik, dieser letzten wahr­haft „anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Bas­tion“ allein kann man nicht leben. Schon gar nicht in Kroa­tien mit seinen knapp vier­ein­halb Mil­lionen Ein­woh­nern, wo eine Gedicht­samm­lung als erfolg­reich gilt, wenn sich 500 Exem­plare ver­kaufen. Die meisten Akteure der kroa­ti­schen Lite­ra­tur­szene bedienen des­halb meh­rere Bereiche, sind zugleich Kri­tiker und Autoren, Ver­leger und Lek­toren. So hat Pogačars lite­ra­ri­sches Tau­send­sas­satum fast schon Tra­di­tion. Der eigent­liche Grund dafür ist aber seine Beses­sen­heit. Seine Begeis­te­rung für die Lite­ratur beschränkt sich nicht auf das gute Gefühl, das ihn beim Dichten erfasst. Neue Themen und Schreib­weisen reizen ihn, er ist ein „hin­ge­bungs­voller Leser“ und ver­folgt die Ent­wick­lungen der Gegen­warts­li­te­ratur auf­merksam. Seine Begeis­te­rung ist dabei nicht wahllos. Er nimmt die Lite­ratur ernst, ernster als den Markt, der an ihr hängt, und fürchtet sich nicht, Leute durch seine Rezen­sionen oder durch seine Selek­tion als Her­aus­geber vor den Kopf zu stoßen. Dass das manchmal zu Miss­stim­mungen führt, nimmt er hin, denn er pro­fi­tiert auch als Dichter von seiner Mehrfachrolle.
Der geübte Blick des Kri­ti­kers und des Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers in ihm hemmen Pogačar näm­lich nicht. Im Gegen­teil: Da er sich eh nicht als impulsiv schaf­fenden, mys­tisch inspi­rierten Künstler wahr­nimmt, findet er es beru­hi­gend, dass ihn sein Wissen über die Lite­ratur vor den gröbsten Anfällen von Dilet­tan­tismus bewahrt. Und zugleich ermög­licht es ihm, Neues aus­zu­pro­bieren. Nachdem sein aktu­eller Band Pred­meti in den Läden stand, war Pogačar klar, dass er sich nun Zeit nehmen musste, um eine unver­brauchte Stimme zu ent­wi­ckeln, lite­ra­ri­sches Neu­land zu betreten. Noch mal nach dem glei­chen, wenn auch bewährten Rezept zu kochen, hätte ihn gelangweilt.
Neben dem Sprach­ma­te­rial for­dert ihn auch das Spiel mit der Stimme des lyri­schen Ichs, mit Gen­retra­di­tionen und Rezep­ti­ons­er­war­tungen heraus. Für den Zyklus Pos­la­nice običnim lju­dima hatte er mit der bibli­schen Form des Send­schrei­bens gespielt, nach Pred­meti wagte er sich erst­mals an Prosaformen:

„Eigent­lich hatte ich gedacht, dass ich durch meine Gedichte schon irgendwie vor­be­reitet sei, dass es mir leicht­fallen würde, Prosa zu schreiben, schließ­lich fing ich nicht bei null an. Aber es war etwas ganz anderes.“

 

ritterbecks-pogacar-portrait

Der erprobte Lyriker stieß auf den Wider­stand der neuen Gat­tung, biss sich durch und machte die Kurz­ge­schichte zu seinem ersten Pro­sa­genre. Viel­leicht, weil sie in ihrer dichten Kom­po­si­tion der Lyrik nahe­steht, jeden­falls konnte Pogačar an ihr auf kleinem Raum ver­schie­denste Stile und Erzähl­modi aus­pro­bieren. Das Ergebnis seiner Prosa-Bemü­hungen hat er vor wenigen Tagen seinem Lektor im Zagreber Ver­lags­haus Algo­ritam geschickt, der die Her­aus­gabe von Bog neće pomoći (Gott wird nicht helfen) gerade vor­be­reitet. Jetzt fühlt sich Pogačar bereit für seinen nächsten Gedicht­band und nutzt seinen Auf­ent­halt am Lite­ra­ri­schen Col­lo­quium Berlin dazu, an ihm zu arbeiten. In den letzten zwei Jahren ist er ständig gereist, von einem Poe­sie­fes­tival zum anderen, hat Resi­denz­pro­gramme wahr­ge­nommen und pri­vate Reisen dran­ge­hängt. Dank der zuneh­menden inter­na­tio­nalen Wahr­neh­mung seiner Werke und ihrer Über­set­zung in über zwanzig Spra­chen kann er seiner Aben­teu­er­lust nach­gehen, mal hier, mal dort Zeit verbringen.
Sogar in Neu­kölln, wo wir uns zum Kaffee ver­ab­redet haben, hat er eine Weile gelebt. Aber nicht, um an der deut­schen Aus­gabe seiner Gedichte mit­zu­ar­beiten. In seiner Beses­sen­heit stellt Pogačar nicht nur an sich hohe Ansprüche, son­dern auch an die Qua­lität der Über­set­zungen seiner Gedichte. Mit den eng­li­schen und fran­zö­si­schen Fas­sungen hat er sich nie anfreunden können, den make­do­ni­schen Dichter, der seine Gedichte über­tragen hat, trieb er bis zur Weiß­glut. Deutsch spricht er nicht, des­wegen hat er die Über­tra­gung ins Deut­sche Alida Bremer anver­traut – und war fast froh, die Ver­ant­wor­tung einmal abgeben zu müssen. Nur die Aus­wahl für die Samm­lung An die ver­lo­renen Hälften, die 2010 in der Edi­tion Kor­re­spon­denzen ver­legt worden ist, hat er selbst getroffen, sie umfasst Gedichte aus all seinen bisher ver­öf­fent­lichten Werken.
In Deutsch­land ist Marko Pogačar trotz dieser Ver­öf­fent­li­chung noch ein unbe­schrie­benes Blatt. Doch lange wird man sich der Inten­sität und Glaub­wür­dig­keit seines Œuvres nicht mehr ver­wehren können. Denn wann hat man hier zuletzt einen Dichter gesehen, der sein Herz in der Tasche seiner Gedichte anbietet?

 

Fotos von Veit Ritterbecks

 

Aus­ge­wählte Publi­ka­tionen:
Pija­vice nad Santa Cruzom. Zagreb 2006.
Pos­la­nice običnim lju­dima. Zagreb 2007.
Pred­meti. Zagreb 2009.
An die ver­lo­renen Hälften. Aus dem Kroa­ti­schen von Alida Bremer Wien 2010.

 

portrait_pogacar.pdf

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