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„Das Gedicht ist die Tasche, in der du dein Herz trägst“.

Posted on 8. Februar 2012 by Friederike Jacob
Marko Pogačar, Jahrgang 84, ist das unaufgeregte Nachwuchstalent der kroatischen Lyrik. In seinen Gedichten feiert er das Spiel der Möglichkeiten und des Assoziativen - und seine kroatische Muttersprache.

Ein Portrait des Dichters Marko Pogačar

 

Sobald die Kamera auf Marko Pogačar gerichtet ist, tränen seine Augen. Der junge kroatische Dichter ist höflich, will dem Fotografen die Arbeit erleichtern. Und reißt die Augen auf, bis sie vor Anstrengung weinen. Dabei wird Pogačar, seit er mit 23 seinen ersten Gedichtband veröffentlicht hat, häufig fotografiert. Mit Pijavice nad Santa cruzom 2006 (Wirbelstürme über Santa Cruz) gelang ihm nämlich, was Lyrikern heute selten gelingt: Sein Gedichtband wurde gelesen, und das nicht nur von eingefleischten Lyrikfreunden; sogar eine zweite, elektronische Auflage wurde im Jahr 2009 hergestellt.
Sein Erstling belebte mit seiner Gegenwärtigkeit, seinem eindrucksvollen Eklektizismus aus Alltäglichem und Ewigem, aus Geschichte und Gegenwart, und seiner expressiven Sprache die kroatische Lyrikszene. Pogačar stand, wie einer seiner Rezensenten schrieb, „mit den Füßen auf der Erde und hielt den Kopf ins Weltall“. Und er kam damit gut an. 2007 erschien sein zweiter Gedichtband, Poslanice običnim ljudima (Sendschreiben an gewöhnliche Menschen), im Jahr 2009 folgte Predmeti (Gegenstände), und Marko Pogačar wurde zu einer wichtigen Größe im überschaubaren kroatischen Literaturbetrieb.

Der frühe Erfolg ist ihm nicht zu Kopf gestiegen, eine Selbstinszenierung als poetisches Wunderkind interessiert den jungen Mann nicht. Er ist neugierig und unbekümmert und er dichtet einfach, weil er sich dabei glücklich und stark fühlt. Meistens jedenfalls. Nur manchmal denkt er, dass Harold Bloom doch Recht hatte, als er die Angst zu einer Wesensart des Schreibens erklärte. Zwar fühlt Pogačar nicht das Auge der Vorväter skeptisch auf sich ruhen, das wäre ihm zu prätentiös, aber er weiß sehr genau, was er von seinen Gedichten erwartet und das fordert ihn beständig heraus. Seine Aufmerksamkeit gilt dabei der Sprache und den Experimenten an ihr. Er hat früher viel Musik gemacht und eine ausgeprägte Sensibilität für den Klang und die natürliche Rhythmik seiner Sprache entwickelt. Er lässt die Sprache ihrem eigenen Rhythmus folgen, verstärkt ihn, häuft tiefe Vokale und Zischlaute und erkennt weder Vers- noch Gedichtenden an. Aber er versucht sich nicht an radikalen, formalen Sprachpoetiken, er überlässt sich, sprachlich wie thematisch, den Unendlichkeiten von Sprache und Bildern, seine Gedichte fließen wie dunkler Espresso.

 

Meine Sprache ist eine dunklefleischige Faust,
ein Korb voller Fingernägel, die Brücke,die ich betrete wie einen neuen
Frühling, die Volksverteidigung,ich bringe Schafe und Risse in sie ein,
aus ihr fließt nichts,nichts strudelt. meine Sprache ist Mekka,
die fleischige Faust, Macchia,ein Gewächs, das sich selbst entzündet.
etwas, ein Penis, erhebt sich und brennt aus,spricht sich aus, jemand steht auf,
öffnet die Fenster, die Zeitung, sagtguten Tag, der Tag ist schön; meine Sprache,
das Pollenfieber, die Kleidung der jungen Garbo.die Sprache, Hommage an die Achtziger,
Grillrost, wildes Präsens und Perfekt.

in ihr lebt ein Boxkampf & singt mich,
schwarze Katharer schleppen sich auf meiner Spur,

die Sprache, der Lastwagen, den ich trage. oh,
mein kroatisches Wort! du Gulaschsuppe, die ich

zufällig koche, du Frosch, Bienenstachel im Mund,
der mich zu allem antreibt;

aus dir tropft Mexiko, in dich kehre ich ein wie in ein
liebgewonnenes Café, in eine Spende, light & dust,

dir, meinem Bruder, und Moses sage ich, du bist mein,
eine Maschine, aus der dunkler Espresso fließt, Traum

Pogačar adaptiert seine Sprache auch in seinen Lesungen dem freien Fließen seiner Gedichte an. Er liest nicht einfach, er rappt fast, schnell, atemlos jagt er der Bewegung seiner Gedichte hinterher. Er ist, wie er 2011 in dem Vorwort zu seiner Anthologie Jer mi smo mnogi (Denn wir sind viele) schreibt, besessen von der Sprache, der Lyrik, der Literatur überhaupt.

Nach dem Schulabschluss in seiner Heimatstadt Split ist Pogačar nach Zagreb gekommen, hat Komparatistik und Geschichte studiert und mischt seitdem in allen Bereichen des Zagreber Literaturbetriebs mit. Er schreibt Kritiken für die renommierten Zeitschriften Zarez und Quorum, arbeitet als Lektor für den Verlag V.B.Z. und ist jüngst für die erwähnte Sammlung kroatischer Gegenwartslyrik erstmals als Herausgeber aufgetreten. Während des Studiums hat er sich an Lyrikübersetzungen aus dem Englischen und Amerikanischen versucht, nicht professionell, eher aus Probierlaune, und ist noch heute beschämt, weil er seither in allen biografischen Notizen  zum Übersetzer gemacht wird.
Pogačars Umtriebigkeit hat einerseits finanzielle Gründe. Von der Lyrik, dieser letzten wahrhaft „antikapitalistischen Bastion“ allein kann man nicht leben. Schon gar nicht in Kroatien mit seinen knapp viereinhalb Millionen Einwohnern, wo eine Gedichtsammlung als erfolgreich gilt, wenn sich 500 Exemplare verkaufen. Die meisten Akteure der kroatischen Literaturszene bedienen deshalb mehrere Bereiche, sind zugleich Kritiker und Autoren, Verleger und Lektoren. So hat Pogačars literarisches Tausendsassatum fast schon Tradition. Der eigentliche Grund dafür ist aber seine Besessenheit. Seine Begeisterung für die Literatur beschränkt sich nicht auf das gute Gefühl, das ihn beim Dichten erfasst. Neue Themen und Schreibweisen reizen ihn, er ist ein „hingebungsvoller Leser“ und verfolgt die Entwicklungen der Gegenwartsliteratur aufmerksam. Seine Begeisterung ist dabei nicht wahllos. Er nimmt die Literatur ernst, ernster als den Markt, der an ihr hängt, und fürchtet sich nicht, Leute durch seine Rezensionen oder durch seine Selektion als Herausgeber vor den Kopf zu stoßen. Dass das manchmal zu Missstimmungen führt, nimmt er hin, denn er profitiert auch als Dichter von seiner Mehrfachrolle.
Der geübte Blick des Kritikers und des Literaturwissenschaftlers in ihm hemmen Pogačar nämlich nicht. Im Gegenteil: Da er sich eh nicht als impulsiv schaffenden, mystisch inspirierten Künstler wahrnimmt, findet er es beruhigend, dass ihn sein Wissen über die Literatur vor den gröbsten Anfällen von Dilettantismus bewahrt. Und zugleich ermöglicht es ihm, Neues auszuprobieren. Nachdem sein aktueller Band Predmeti in den Läden stand, war Pogačar klar, dass er sich nun Zeit nehmen musste, um eine unverbrauchte Stimme zu entwickeln, literarisches Neuland zu betreten. Noch mal nach dem gleichen, wenn auch bewährten Rezept zu kochen, hätte ihn gelangweilt.
Neben dem Sprachmaterial fordert ihn auch das Spiel mit der Stimme des lyrischen Ichs, mit Genretraditionen und Rezeptionserwartungen heraus. Für den Zyklus Poslanice običnim ljudima hatte er mit der biblischen Form des Sendschreibens gespielt, nach Predmeti wagte er sich erstmals an Prosaformen:

„Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich durch meine Gedichte schon irgendwie vorbereitet sei, dass es mir leichtfallen würde, Prosa zu schreiben, schließlich fing ich nicht bei null an. Aber es war etwas ganz anderes.“

 

ritterbecks-pogacar-portraitDer erprobte Lyriker stieß auf den Widerstand der neuen Gattung, biss sich durch und machte die Kurzgeschichte zu seinem ersten Prosagenre. Vielleicht, weil sie in ihrer dichten Komposition der Lyrik nahesteht, jedenfalls konnte Pogačar an ihr auf kleinem Raum verschiedenste Stile und Erzählmodi ausprobieren. Das Ergebnis seiner Prosa-Bemühungen hat er vor wenigen Tagen seinem Lektor im Zagreber Verlagshaus Algoritam geschickt, der die Herausgabe von Bog neće pomoći (Gott wird nicht helfen) gerade vorbereitet. Jetzt fühlt sich Pogačar bereit für seinen nächsten Gedichtband und nutzt seinen Aufenthalt am Literarischen Colloquium Berlin dazu, an ihm zu arbeiten. In den letzten zwei Jahren ist er ständig gereist, von einem Poesiefestival zum anderen, hat Residenzprogramme wahrgenommen und private Reisen drangehängt. Dank der zunehmenden internationalen Wahrnehmung seiner Werke und ihrer Übersetzung in über zwanzig Sprachen kann er seiner Abenteuerlust nachgehen, mal hier, mal dort Zeit verbringen.
Sogar in Neukölln, wo wir uns zum Kaffee verabredet haben, hat er eine Weile gelebt. Aber nicht, um an der deutschen Ausgabe seiner Gedichte mitzuarbeiten. In seiner Besessenheit stellt Pogačar nicht nur an sich hohe Ansprüche, sondern auch an die Qualität der Übersetzungen seiner Gedichte. Mit den englischen und französischen Fassungen hat er sich nie anfreunden können, den makedonischen Dichter, der seine Gedichte übertragen hat, trieb er bis zur Weißglut. Deutsch spricht er nicht, deswegen hat er die Übertragung ins Deutsche Alida Bremer anvertraut – und war fast froh, die Verantwortung einmal abgeben zu müssen. Nur die Auswahl für die Sammlung An die verlorenen Hälften, die 2010 in der Edition Korrespondenzen verlegt worden ist, hat er selbst getroffen, sie umfasst Gedichte aus all seinen bisher veröffentlichten Werken.
In Deutschland ist Marko Pogačar trotz dieser Veröffentlichung noch ein unbeschriebenes Blatt. Doch lange wird man sich der Intensität und Glaubwürdigkeit seines Œuvres nicht mehr verwehren können. Denn wann hat man hier zuletzt einen Dichter gesehen, der sein Herz in der Tasche seiner Gedichte anbietet?

 

Fotos von Veit Ritterbecks

 

Ausgewählte Publikationen:
Pijavice nad Santa Cruzom. Zagreb 2006.
Poslanice običnim ljudima. Zagreb 2007.
Predmeti. Zagreb 2009.
An die verlorenen Hälften. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer Wien 2010.

 

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„Das Gedicht ist die Tasche, in der du dein Herz trägst“. – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Das Gedicht ist die Tasche, in der du dein Herz trägst“.

Ein Por­trait des Dich­ters Marko Pogačar

 

Sobald die Kamera auf Marko Pogačar gerichtet ist, tränen seine Augen. Der junge kroa­ti­sche Dichter ist höf­lich, will dem Foto­grafen die Arbeit erleich­tern. Und reißt die Augen auf, bis sie vor Anstren­gung weinen. Dabei wird Pogačar, seit er mit 23 seinen ersten Gedicht­band ver­öf­fent­licht hat, häufig foto­gra­fiert. Mit Pija­vice nad Santa cruzom 2006 (Wir­bel­stürme über Santa Cruz) gelang ihm näm­lich, was Lyri­kern heute selten gelingt: Sein Gedicht­band wurde gelesen, und das nicht nur von ein­ge­fleischten Lyrik­freunden; sogar eine zweite, elek­tro­ni­sche Auf­lage wurde im Jahr 2009 hergestellt.
Sein Erst­ling belebte mit seiner Gegen­wär­tig­keit, seinem ein­drucks­vollen Eklek­ti­zismus aus All­täg­li­chem und Ewigem, aus Geschichte und Gegen­wart, und seiner expres­siven Sprache die kroa­ti­sche Lyrik­szene. Pogačar stand, wie einer seiner Rezen­senten schrieb, „mit den Füßen auf der Erde und hielt den Kopf ins Weltall“. Und er kam damit gut an. 2007 erschien sein zweiter Gedicht­band, Pos­la­nice običnim lju­dima (Send­schreiben an gewöhn­liche Men­schen), im Jahr 2009 folgte Pred­meti (Gegen­stände), und Marko Pogačar wurde zu einer wich­tigen Größe im über­schau­baren kroa­ti­schen Literaturbetrieb.

Der frühe Erfolg ist ihm nicht zu Kopf gestiegen, eine Selbst­in­sze­nie­rung als poe­ti­sches Wun­der­kind inter­es­siert den jungen Mann nicht. Er ist neu­gierig und unbe­küm­mert und er dichtet ein­fach, weil er sich dabei glück­lich und stark fühlt. Meis­tens jeden­falls. Nur manchmal denkt er, dass Harold Bloom doch Recht hatte, als er die Angst zu einer Wesensart des Schrei­bens erklärte. Zwar fühlt Pogačar nicht das Auge der Vor­väter skep­tisch auf sich ruhen, das wäre ihm zu prä­ten­tiös, aber er weiß sehr genau, was er von seinen Gedichten erwartet und das for­dert ihn beständig heraus. Seine Auf­merk­sam­keit gilt dabei der Sprache und den Expe­ri­menten an ihr. Er hat früher viel Musik gemacht und eine aus­ge­prägte Sen­si­bi­lität für den Klang und die natür­liche Rhythmik seiner Sprache ent­wi­ckelt. Er lässt die Sprache ihrem eigenen Rhythmus folgen, ver­stärkt ihn, häuft tiefe Vokale und Zisch­laute und erkennt weder Vers- noch Gedich­tenden an. Aber er ver­sucht sich nicht an radi­kalen, for­malen Sprach­poe­tiken, er über­lässt sich, sprach­lich wie the­ma­tisch, den Unend­lich­keiten von Sprache und Bil­dern, seine Gedichte fließen wie dunkler Espresso.

 

Meine Sprache ist eine dunkle­flei­schige Faust,
ein Korb voller Fin­ger­nägel, die Brücke,die ich betrete wie einen neuen
Früh­ling, die Volksverteidigung,ich bringe Schafe und Risse in sie ein,
aus ihr fließt nichts,nichts stru­delt. meine Sprache ist Mekka,
die flei­schige Faust, Macchia,ein Gewächs, das sich selbst entzündet.
etwas, ein Penis, erhebt sich und brennt aus,spricht sich aus, jemand steht auf,
öffnet die Fenster, die Zei­tung, sagt­guten Tag, der Tag ist schön; meine Sprache,
das Pol­len­fieber, die Klei­dung der jungen Garbo.die Sprache, Hom­mage an die Achtziger,
Grill­rost, wildes Prä­sens und Perfekt.

in ihr lebt ein Box­kampf & singt mich,
schwarze Katharer schleppen sich auf meiner Spur,

die Sprache, der Last­wagen, den ich trage. oh,
mein kroa­ti­sches Wort! du Gulasch­suppe, die ich

zufällig koche, du Frosch, Bie­nen­sta­chel im Mund,
der mich zu allem antreibt;

aus dir tropft Mexiko, in dich kehre ich ein wie in ein
lieb­ge­won­nenes Café, in eine Spende, light & dust,

dir, meinem Bruder, und Moses sage ich, du bist mein,
eine Maschine, aus der dunkler Espresso fließt, Traum 

Pogačar adap­tiert seine Sprache auch in seinen Lesungen dem freien Fließen seiner Gedichte an. Er liest nicht ein­fach, er rappt fast, schnell, atemlos jagt er der Bewe­gung seiner Gedichte hin­terher. Er ist, wie er 2011 in dem Vor­wort zu seiner Antho­logie Jer mi smo mnogi (Denn wir sind viele) schreibt, besessen von der Sprache, der Lyrik, der Lite­ratur überhaupt.

Nach dem Schul­ab­schluss in seiner Hei­mat­stadt Split ist Pogačar nach Zagreb gekommen, hat Kom­pa­ra­tistik und Geschichte stu­diert und mischt seitdem in allen Berei­chen des Zagreber Lite­ra­tur­be­triebs mit. Er schreibt Kri­tiken für die renom­mierten Zeit­schriften Zarez und Quorum, arbeitet als Lektor für den Verlag V.B.Z. und ist jüngst für die erwähnte Samm­lung kroa­ti­scher Gegen­warts­lyrik erst­mals als Her­aus­geber auf­ge­treten. Wäh­rend des Stu­diums hat er sich an Lyri­k­über­set­zungen aus dem Eng­li­schen und Ame­ri­ka­ni­schen ver­sucht, nicht pro­fes­sio­nell, eher aus Pro­bier­laune, und ist noch heute beschämt, weil er seither in allen bio­gra­fi­schen Notizen  zum Über­setzer gemacht wird.
Pogačars Umtrie­big­keit hat einer­seits finan­zi­elle Gründe. Von der Lyrik, dieser letzten wahr­haft „anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Bas­tion“ allein kann man nicht leben. Schon gar nicht in Kroa­tien mit seinen knapp vier­ein­halb Mil­lionen Ein­woh­nern, wo eine Gedicht­samm­lung als erfolg­reich gilt, wenn sich 500 Exem­plare ver­kaufen. Die meisten Akteure der kroa­ti­schen Lite­ra­tur­szene bedienen des­halb meh­rere Bereiche, sind zugleich Kri­tiker und Autoren, Ver­leger und Lek­toren. So hat Pogačars lite­ra­ri­sches Tau­send­sas­satum fast schon Tra­di­tion. Der eigent­liche Grund dafür ist aber seine Beses­sen­heit. Seine Begeis­te­rung für die Lite­ratur beschränkt sich nicht auf das gute Gefühl, das ihn beim Dichten erfasst. Neue Themen und Schreib­weisen reizen ihn, er ist ein „hin­ge­bungs­voller Leser“ und ver­folgt die Ent­wick­lungen der Gegen­warts­li­te­ratur auf­merksam. Seine Begeis­te­rung ist dabei nicht wahllos. Er nimmt die Lite­ratur ernst, ernster als den Markt, der an ihr hängt, und fürchtet sich nicht, Leute durch seine Rezen­sionen oder durch seine Selek­tion als Her­aus­geber vor den Kopf zu stoßen. Dass das manchmal zu Miss­stim­mungen führt, nimmt er hin, denn er pro­fi­tiert auch als Dichter von seiner Mehrfachrolle.
Der geübte Blick des Kri­ti­kers und des Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers in ihm hemmen Pogačar näm­lich nicht. Im Gegen­teil: Da er sich eh nicht als impulsiv schaf­fenden, mys­tisch inspi­rierten Künstler wahr­nimmt, findet er es beru­hi­gend, dass ihn sein Wissen über die Lite­ratur vor den gröbsten Anfällen von Dilet­tan­tismus bewahrt. Und zugleich ermög­licht es ihm, Neues aus­zu­pro­bieren. Nachdem sein aktu­eller Band Pred­meti in den Läden stand, war Pogačar klar, dass er sich nun Zeit nehmen musste, um eine unver­brauchte Stimme zu ent­wi­ckeln, lite­ra­ri­sches Neu­land zu betreten. Noch mal nach dem glei­chen, wenn auch bewährten Rezept zu kochen, hätte ihn gelangweilt.
Neben dem Sprach­ma­te­rial for­dert ihn auch das Spiel mit der Stimme des lyri­schen Ichs, mit Gen­retra­di­tionen und Rezep­ti­ons­er­war­tungen heraus. Für den Zyklus Pos­la­nice običnim lju­dima hatte er mit der bibli­schen Form des Send­schrei­bens gespielt, nach Pred­meti wagte er sich erst­mals an Prosaformen:

„Eigent­lich hatte ich gedacht, dass ich durch meine Gedichte schon irgendwie vor­be­reitet sei, dass es mir leicht­fallen würde, Prosa zu schreiben, schließ­lich fing ich nicht bei null an. Aber es war etwas ganz anderes.“

 

ritterbecks-pogacar-portrait

Der erprobte Lyriker stieß auf den Wider­stand der neuen Gat­tung, biss sich durch und machte die Kurz­ge­schichte zu seinem ersten Pro­sa­genre. Viel­leicht, weil sie in ihrer dichten Kom­po­si­tion der Lyrik nahe­steht, jeden­falls konnte Pogačar an ihr auf kleinem Raum ver­schie­denste Stile und Erzähl­modi aus­pro­bieren. Das Ergebnis seiner Prosa-Bemü­hungen hat er vor wenigen Tagen seinem Lektor im Zagreber Ver­lags­haus Algo­ritam geschickt, der die Her­aus­gabe von Bog neće pomoći (Gott wird nicht helfen) gerade vor­be­reitet. Jetzt fühlt sich Pogačar bereit für seinen nächsten Gedicht­band und nutzt seinen Auf­ent­halt am Lite­ra­ri­schen Col­lo­quium Berlin dazu, an ihm zu arbeiten. In den letzten zwei Jahren ist er ständig gereist, von einem Poe­sie­fes­tival zum anderen, hat Resi­denz­pro­gramme wahr­ge­nommen und pri­vate Reisen dran­ge­hängt. Dank der zuneh­menden inter­na­tio­nalen Wahr­neh­mung seiner Werke und ihrer Über­set­zung in über zwanzig Spra­chen kann er seiner Aben­teu­er­lust nach­gehen, mal hier, mal dort Zeit verbringen.
Sogar in Neu­kölln, wo wir uns zum Kaffee ver­ab­redet haben, hat er eine Weile gelebt. Aber nicht, um an der deut­schen Aus­gabe seiner Gedichte mit­zu­ar­beiten. In seiner Beses­sen­heit stellt Pogačar nicht nur an sich hohe Ansprüche, son­dern auch an die Qua­lität der Über­set­zungen seiner Gedichte. Mit den eng­li­schen und fran­zö­si­schen Fas­sungen hat er sich nie anfreunden können, den make­do­ni­schen Dichter, der seine Gedichte über­tragen hat, trieb er bis zur Weiß­glut. Deutsch spricht er nicht, des­wegen hat er die Über­tra­gung ins Deut­sche Alida Bremer anver­traut – und war fast froh, die Ver­ant­wor­tung einmal abgeben zu müssen. Nur die Aus­wahl für die Samm­lung An die ver­lo­renen Hälften, die 2010 in der Edi­tion Kor­re­spon­denzen ver­legt worden ist, hat er selbst getroffen, sie umfasst Gedichte aus all seinen bisher ver­öf­fent­lichten Werken.
In Deutsch­land ist Marko Pogačar trotz dieser Ver­öf­fent­li­chung noch ein unbe­schrie­benes Blatt. Doch lange wird man sich der Inten­sität und Glaub­wür­dig­keit seines Œuvres nicht mehr ver­wehren können. Denn wann hat man hier zuletzt einen Dichter gesehen, der sein Herz in der Tasche seiner Gedichte anbietet?

 

Fotos von Veit Ritterbecks

 

Aus­ge­wählte Publi­ka­tionen:
Pija­vice nad Santa Cruzom. Zagreb 2006.
Pos­la­nice običnim lju­dima. Zagreb 2007.
Pred­meti. Zagreb 2009.
An die ver­lo­renen Hälften. Aus dem Kroa­ti­schen von Alida Bremer Wien 2010.

 

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