Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Es gim­pelt

Ein kleiner Verlag leistet Widerstand

 

Es ist ein biss­chen wie bei Asterix und Obelix. Wäh­rend deut­sche und inter­na­tio­nale Ver­lags­ketten kleine Ver­lage auf­kaufen und diese ihrer­seits immer häu­figer die rela­tive Sicher­heit unter dem Dach von finanz­starken Bran­chen­riesen der Unab­hän­gig­keit vor­ziehen, leistet ein Kleinst­verlag Wider­stand. Der Kin­der­buch­verlag Gimpel, im Jahr 2006 von Adam Jaromir und Luca Ema­nueli im nie­der­säch­si­schen Lan­gen­hagen gegründet, kämpft um seinen Platz auf dem deut­schen Buch­markt. Es ist kein leichter Kampf, denn in den letzten Jahren ist die Buch­land­schaft auf immer weniger Akteure zusam­men­ge­schrumpft. Der Jugend­buch­markt bildet darin keine Aus­nahme, die 15 größten Ver­lage gene­rieren hier drei Viertel der Umsätze, berichtet das Bör­sen­blatt des Deut­schen Buch­han­dels. Impe­rien, so scheinbar die herr­schende Mei­nung in der Branche, über­leben Kri­sen­zeiten leichter als wider­spens­tige Einzelgänger.
Der Gimpel Verlag ist ein klas­si­scher Wohn­zim­mer­verlag. Er lebt vom Enthu­si­asmus, von der Lei­den­schaft seiner Gründer für das Bücher­ma­chen und von ihrem per­sön­li­chen finan­zi­ellen Risiko. Anders als die domi­nanten Groß­ver­lage bringt er nicht Buch um Buch heraus, son­dern selten und gezielt lie­be­voll betreute Ein­zel­werke, seit 2006 ledig­lich eine Hand­voll. Sich auf diese Weise dem hart umkämpften Jugend­buch­markt stellen zu wollen, ist mutig und wirkt fast schon naiv. Beson­ders, wenn man wie die Gimpel-Ver­leger nicht durch aus­ge­tüf­telte Non-Book-Artikel oder durch ziel­grup­pen­ori­en­tierte Reihen, in denen Mäd­chen „girls“ heißen und gewöhn­liche Haus­katzen zu „war­rior cats“ werden, über­zeugen will. Der Gimpel Verlag geht ein Wagnis ein, denn er macht nur Bücher, ohne medialen Schnick­schnack, und anspruchs­volle noch dazu.
Dass manchmal gewinnt, wer wagt, zeigt das her­aus­ra­gende Kin­der­buch Blumkas Tage­buch. Unter dem Titel Pamiętnik Blumki 2011 in Polen erschienen, ist es das erste ins Deut­sche über­tra­gene Buch der pol­ni­schen Autorin und Illus­tra­torin Iwona Chmi­e­lewska. Chmi­e­lewska, die seit langer Zeit erfolg­reich für süd­ko­rea­ni­sche Ver­lage arbeitet, legt mit diesem Buch ein ein­ma­liges Werk über ein jüdi­sches Wai­sen­haus im War­schau der späten 1930er Jahre vor.
Geleitet wird das Wai­sen­haus, in dem Blumka lebt und ihr Tage­buch schreibt, vom berühmten pol­ni­schen Päd­agogen, Arzt und Kin­der­buch­autor Janusz Kor­czak. In Kor­c­zaks Wai­sen­haus haben alle die glei­chen Rechte und Pflichten – Kinder, Erzieher und sogar der Herr Doktor. Es ist eine Welt, die auf Liebe und Respekt fußt und in der „‘klein’ kei­nes­wegs ‘dümmer’ oder ’schlechter’ bedeutet“. Die Kinder wachsen beschützt und frei auf, ohne Gewalt, Strafen oder Leis­tungs­druck, und mit erfreu­li­chen Regel­mä­ßig­keiten: Ein Milch­zahn bringt 50 Gro­schen und der Sommer wird im Feri­en­lager verbracht.
Die visio­näre Päd­agogik Janusz Kor­c­zaks und seine in den Genfer Kon­ven­tionen rati­fi­zierten Kin­der­rechte über­setzt Iwona Chmi­e­lewska in eine ein­fache, sehr poin­tierte Sprache. Grund­le­gende Fragen zum Umgang mit Kin­dern werden ebenso char­mant lako­nisch wie ein­leuch­tend beant­wortet: „Der Herr Doktor“, erklärt Blumka, „lässt uns genü­gend Zeit, damit wir uns erholen. Das Wachsen sei, so sagt er, schließ­lich keine leichte Arbeit. Das Herz müsse mit den Kno­chen mit­halten […].“ Sätze wie diese bilden wohl­tu­ende Kon­tra­punkte zur Auf­ge­regt­heit von Kin­der­er­zie­hung in der modernen Leistungsgesellschaft.
Auch die Schick­sale der Wai­sen­kinder vermag Chmie­lowska mit wenigen Worten in beredten Bil­dern fest­zu­halten. Szymek bei­spiel­weise ist heute der beste Zwie­bel­schäler im Wai­sen­haus. Als er ankam, war er aber ein „Rauf­bold […], der ab und zu Sachen ein­steckte und Scheiben zer­schlug“ und hatte nichts, worauf er stolz sein konnte. Zygmuś dagegen hat einen ganzen Früh­ling lang in der Küche geholfen und vom ver­dienten Geld einen Fisch gekauft. Den Fisch hat er in die Weichsel frei­ge­lassen, wofür es natür­lich ordent­lich Lob gab, beson­ders, weil Zygmuś immer einen sol­chen Hunger hat, dass ihm sogar Leber­tran schmeckt. Begleitet wird die Geschichte von Blumka und dem Leben im Wai­sen­haus von Chmie­lowskas außer­ge­wöhn­li­chen Illus­tra­tionen. Sie geben detail­ge­treu Beklei­dung, Ein­rich­tungs­ge­gen­stände und Pro­dukte der drei­ßiger Jahre wieder, erin­nern dabei aber in ihrer Prä­sen­ta­tion an Street-Art-Ver­fahren wie Paste-Ups oder Scha­blonen-Graf­fitos à la Banksy. Sie sind viel­schichtig, eröffnen mit jedem Betrachten eine wei­tere Nuance, mal eine metal­lene Dose Schuh­creme, dann einen sti­li­sierten David­leuchter. Wie in vielen ihrer Arbeiten nutzt Chmie­lowska auch hier ein gra­fi­sches Motiv, das sich in nahezu allen Zeich­nungen, über­ra­schend ver­fremdet, wie­der­findet. Eine linierte Schreib­heft­seite, zwei­fellos aus Blumkas ori­gi­nalem Tage­buch her­aus­ge­rissen, ver­wan­delt sich von Seite zu Seite zu immer neuen Objekten, sie taucht als Tisch­tuch, als Papier­flieger, als Har­mo­nika auf.
Die wohl­über­legten, klugen Details in Erzäh­lung und Bebil­de­rung machen Blumkas Tage­buch zu einem ganz beson­deren Kin­der­buch. 2011 hat es dem Verlag eine Nomi­nie­rung für den Deut­schen Jugend­buch­preis ein­ge­bracht und es lässt das ambi­tio­nierte ver­le­ge­ri­sche Vor­haben des Hause Gim­pels im aller­besten Licht erscheinen.
Glei­ches gilt auch für andere Bücher des Ver­lags, so zum Bei­spiel für das groß­for­ma­tige Bil­der­buch Fantje (2010), das in der pol­ni­schen Co-Edi­tion unter Sło­niątko erschienen ist. Das Ele­fant­chen Fantje ist anders als die anderen Ele­fanten, es ist klein und weiß und so zart, dass es weder „im Schlamm baden noch auf seinem Rüssel musi­zieren wollte“. Mit Fantje will nie­mand spielen. Was bleibt da, als sich auf den Weg zu machen und Aus­schau nach einem Ort zu halten, an dem kleine weiße Ele­fanten Freunde finden können?

Wie die Giraffe aus Zarafa (2009) und die Fle­der­maus aus Tal­lula – Königin der Nacht (2012) sucht auch Fantje nach Zuge­hö­rig­keit, nach seinem Platz in der Welt. Damit steht in den Kin­der­bü­chern des Gimpel-Grün­ders ein bekanntes Kin­der­buchs­ujet im Mit­tel­punkt, das der Autor auf behut­same Weise und mit posi­tivem Aus­gang umsetzt. Auch wenn Jaro­mirs Bücher nicht an die Beson­der­heit von Blumkas Tage­buch her­an­rei­chen, sind sie gut erzählte und inno­vativ illus­trierte Bei­spiele für gelun­gene Kin­der­li­te­ratur, die dem Bedürfnis von Kin­dern nach ermu­ti­genden Erzähl­welten ent­ge­gen­kommen. Und wer würde sich nicht freuen, Fantje schließ­lich in einer ganzen Herde kleiner, weißer, feiner Ele­fanten stehen zu sehen – im Mei­ßener Porzellanladen.
Dass die Qua­lität der Gimpel-Bücher in den Buch­läden über­zeugt, ist dem Verlag zu wün­schen. Beson­ders, da mit ihm end­lich ein Akteur den deut­schen Buch­markt betritt, der eine Brücke zur Kin­der­li­te­ratur in Polen schlägt. Anderes als in Deutsch­land erlebt diese Lite­ratur in Polen seit dem Ende des Kom­mu­nismus eine erfreu­liche Bele­bung und Ver­viel­fäl­ti­gung. Kleine unab­hän­gige Ver­lage wie Dwie Sio­stry, Muchomor, Bajka, Mila, Hokus-Pokus, Wyt­wórnia oder Czer­wony Konik gelten als Vor­reiter, beson­ders in Sachen Illus­tra­tion, und ihre Publi­ka­tionen können den deut­schen Kinder- und Jugend­li­te­ra­turmarkt nur bereichern.

 

Wei­ter­füh­rende Literatur:

Chmi­e­lewska, Iwona: Blumkas Tage­buch. Vom Leben in Janusz Kor­c­zaks Wai­sen­haus. Lan­gen­hagen 2011.
Jaromir, Adam: Fantje. Illus­triert von Gabriela Cichowska. Lan­gen­hagen 2010.
Jaromir, Adam: Tal­lula – Königin der Nacht. Illus­triert von Jozef Wilkon. Lan­gen­hagen 2012.
Jaromir, Adam: Zarafa. Illus­triert von Pawel Pawlak. Lan­gen­hagen 2009.

Hauck, Stefan: Vor­sichtig weiter. Bör­sen­blatt 2012.

Wiebe, Katja: Über­blick­studie über die aktu­elle Kinder- und Jugend­li­te­ratur in Polen, Russ­land, Slo­we­nien, Tsche­chien, der Ukraine, Ungarn im Auf­trag der Robert-Bosch-Stif­tung. Mün­chen 2011.

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