http://www.novinki.de

Schattenspiele

Posted on 25. September 2009 by Friederike Jacob
Der Tod hängt über der Stadt und in Albertos Bar wird jeden Abend getrunken, als sei es der letzte. Der bosnische Autor Velibor Čolić beschreibt in seinem Buch "Bei Alberto. Eine Ansammlung von Schatten" die traurigen und phantastischen Geschichten der fiktiven Stadt Narseille und ihrer Säufer und Wunderlinge.

Alberto steht auf der anderen Seite des Tresens. Er kennt die Formel, weiß, wann man von Bier auf Härteres umsteigen muss und wann es an der Zeit ist, das Härtere wieder mit Bier zu verdünnen. Mit seinem schmuddeligen Lappen poliert er die Gläser und überwacht das Treiben jenseits der Bar: Die unheilbaren Säufer und Junkies, Tagediebe und Taugenichtse, die sich hier allabendlich an den Tresen lehnen und von der großen Welt und ihren phantastischen Abenteuern erzählen. Alberto ist ihrer aller Mutter, und seine Bahnhofskneipe der Hafen dieser Getriebenen, die aus allen Himmelsrichtungen nach Narseille kommen.

Kod Alberta, das Debüt des bosnischen Autors Velibor Čolić, ist 2006 im Verlag Ljevak in Zagreb erschienen. Im Frühjahr dieses Jahres legte der Literaturverlag Erata aus Leipzig die deutsche Übersetzung, Bei Alberto. Eine Ansammlung von Schatten, vor. Allein das Erscheinen der deutschen Fassung ist ein kleines Ereignis: Bei Alberto ist das erste kroatischsprachige Buch, dessen Übersetzung ins Deutsche durch das neu entstandene literarische Netzwerk Traduki gefördert wurde. Traduki ist ein Zusammenschluss deutscher, österreichischer und schweizerischer Kultureinrichtungen und unterstützt Übersetzungen aus, nach und in Südosteuropa. Mit Zweigstellen in Sarajevo und Wien und Hauptsitz in Berlin kurbelt das Netzwerk den schon lange überfälligen literarischen und kulturellen Austausch zwischen dem deutschsprachigen Raum und den Ländern Südosteuropas an.

Der Autor Velibor Čolić floh 1992 aus der kroatisch-bosnischen Armee und ersuchte politisches Asyl in Frankreich. Mit dem Buch Bei Alberto kehrt er, nachdem er zehn Jahre auf Französisch veröffentlicht hat, zu seiner Muttersprache zurück und entwirft gleichzeitig einen Ort, an dem sich seine eigene Vergangenheit und die Gegenwart treffen. In der fiktiven Stadt Narseille vereint sich Čolić’ alte Heimat, die Stadt Sarajevo, mit den Orten seines Exils, den Hafenstädten Südfrankreichs.
Eine geographische Festlegung ist aber letztlich nebensächlich für den Roman: „Die Ansammlung von Schatten ist überall dieselbe. Die Geographie ist ohne Bedeutung, die Geschichte ist nicht die Lehrerin des Lebens, und die Literatur ist unzulänglich und schwach“, stellt der Erzähler fest. Čolić möchte zu den Fragen des Lebens vordringen, die unabhängig von Herkunft und Werdegang für alle Menschen gleich relevant sind. Seine Charaktere, die Schatten, suchen nach einem Platz in der Welt, nach etwas Wärme und Liebe.

Das Schattenspiel beginnt mit einem furchtbaren Epilog. Die Männer, die der Leser später in den Dunstschwaden vor Albertos Tresen kennen lernen wird, fallen auf dem Schlachtfeld eines namenlosen Krieges. Ekrem Boxer, dessen Nationalität „Säufer“ ist und der trotz seiner gefährlichen Fäuste sanft wie ein Lamm sein kann, wird von einer Granate durchbohrt. Ein letztes Mal fühlt er noch den Geschmack von Frauen und Bier in der Kehle, dann bricht er tot zusammen. Čolić schildert die Szene in poetischen Bildern und macht eindrücklich die Sinnlosigkeit dieses gewaltsamen Sterbens deutlich.

Bei Alberto fesselt den Leser aber nicht vorrangig durch die spannende Handlung, sondern durch das unbestimmte Wir, das die Clique vor Albertos Tresen beschreibt.

In kurzen Kapiteln schildert diese umfassende Erzählstimme, dieses kollektive Wir, die Schicksale der Schatten und lässt sie selbst mit ihren wunderbaren Übertreibungen zu Wort kommen. So welkt der Körper der Prostituierten Lilly Felinni dahin, während sie „die unübertreffliche Diva des Bettes“ bleibt. Sie gibt allen alles und auf ihre weiche Haut schreiben tapfere Männer die Zeilen ihres Lebens. Sie wird bewundert von Hugo Vagina, dem ewigen Studenten und Stotterer, dem die Welt zu grausam ist und der deswegen immer öfter bei dem „Gott Morphium“ Zuflucht sucht. Und immer, in jede Unterhaltung, in jedes kleine Gespräch, streut der trinkfeste Dichter Wolk, den die Heldentaten seines Liebeslebens ermüdet haben, eine kleine Prise seiner Weisheiten. Doch Čolić porträtiert nicht nur die Clique am Tresen. In drei Intermezzi zeigt er dem Leser außerdem die Stadt, den Bahnhof und die Albertos Bar, zeigt, wie eine Welt aussieht, in der solche Geschichten möglich sind.

Die Uneindeutigkeit des Wir der Erzählstimme und die Vielfalt der dargestellten Figuren ermöglichen dem Leser, selbst am Tresen zu stehen, einen kühlen Drink zu bestellen und den absurden und zweifelhaften Geschichten der Schatten zu lauschen.
Trotz der liebevollen Ironie, mit der Velibor Čolić seine Charaktere darstellt, ist das Buch aber keine heitere Plauderstunde. Der Krieg, der im Epilog das Ende der Clique vorwegnimmt, hängt wie ein düsterer Schatten über der Bar und ihrem drogenschwangeren Treiben. Die Frauen und Männer, die sich am Tresen treffen, sind gestürzt, verlassen, hilflos und bleiben trotzdem noch immer auf der Suche. Der Krieg hat diese Suche, diese zaghafte Hoffnung, beendet. Zu dem Zeitpunkt, da der Leser den Schatten begegnet, sind die meisten von ihnen schon tot.

Bei Alberto ist ein berührendes Buch. Und auch, wenn der Schauplatz das fiktive Narseille ist, sind die Stadt Sarajevo und der Bosnienkrieg eindringlich präsent und verschärfen durch ihre Anwesenheit Čolić’ Kritik an solch sinnlosen Zerstörungen. Schade ist nur, dass die Sprache der Säufer nicht zu ihrer Beschreibung passt. Čolić lässt seine Säufer von Baudelaire nach Bukowski und von Tom Waits zu White Rabbit hüpfen – das ist wohl ein Versuch, seinen starken Bildern eine vermeintlich noch größere Autorität zu verschaffen. Ein solch überintellektueller Säuferdiskurs will nicht so recht in die Welt von Albertos Kneipe passen. Da scheint sich Velibor Čolić selbst einzumischen – welcher ernstzunehmende Trinker würde schließlich mit einem Schnaps in der Hand einen solchen Sprung wagen?

 

Čolić, Velibor: Bei Alberto. Eine Ansammlung von Schatten. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer. Leipzig 2009.

Schattenspiele – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Schat­ten­spiele

Alberto steht auf der anderen Seite des Tre­sens. Er kennt die Formel, weiß, wann man von Bier auf Här­teres umsteigen muss und wann es an der Zeit ist, das Här­tere wieder mit Bier zu ver­dünnen. Mit seinem schmud­de­ligen Lappen poliert er die Gläser und über­wacht das Treiben jen­seits der Bar: Die unheil­baren Säufer und Jun­kies, Tage­diebe und Tau­ge­nichtse, die sich hier all­abend­lich an den Tresen lehnen und von der großen Welt und ihren phan­tas­ti­schen Aben­teuern erzählen. Alberto ist ihrer aller Mutter, und seine Bahn­hofs­kneipe der Hafen dieser Getrie­benen, die aus allen Him­mels­rich­tungen nach Nar­seille kommen.

Kod Alberta, das Debüt des bos­ni­schen Autors Velibor Čolić, ist 2006 im Verlag Ljevak in Zagreb erschienen. Im Früh­jahr dieses Jahres legte der Lite­ra­tur­verlag Erata aus Leipzig die deut­sche Über­set­zung, Bei Alberto. Eine Ansamm­lung von Schatten, vor. Allein das Erscheinen der deut­schen Fas­sung ist ein kleines Ereignis: Bei Alberto ist das erste kroa­tisch­spra­chige Buch, dessen Über­set­zung ins Deut­sche durch das neu ent­stan­dene lite­ra­ri­sche Netz­werk Tra­duki geför­dert wurde. Tra­duki ist ein Zusam­men­schluss deut­scher, öster­rei­chi­scher und schwei­ze­ri­scher Kul­tur­ein­rich­tungen und unter­stützt Über­set­zungen aus, nach und in Süd­ost­eu­ropa. Mit Zweig­stellen in Sara­jevo und Wien und Haupt­sitz in Berlin kur­belt das Netz­werk den schon lange über­fäl­ligen lite­ra­ri­schen und kul­tu­rellen Aus­tausch zwi­schen dem deutsch­spra­chigen Raum und den Län­dern Süd­ost­eu­ropas an.

Der Autor Velibor Čolić floh 1992 aus der kroa­tisch-bos­ni­schen Armee und ersuchte poli­ti­sches Asyl in Frank­reich. Mit dem Buch Bei Alberto kehrt er, nachdem er zehn Jahre auf Fran­zö­sisch ver­öf­fent­licht hat, zu seiner Mut­ter­sprache zurück und ent­wirft gleich­zeitig einen Ort, an dem sich seine eigene Ver­gan­gen­heit und die Gegen­wart treffen. In der fik­tiven Stadt Nar­seille ver­eint sich Čolić’ alte Heimat, die Stadt Sara­jevo, mit den Orten seines Exils, den Hafen­städten Südfrankreichs.
Eine geo­gra­phi­sche Fest­le­gung ist aber letzt­lich neben­säch­lich für den Roman: „Die Ansamm­lung von Schatten ist überall die­selbe. Die Geo­gra­phie ist ohne Bedeu­tung, die Geschichte ist nicht die Leh­rerin des Lebens, und die Lite­ratur ist unzu­läng­lich und schwach“, stellt der Erzähler fest. Čolić möchte zu den Fragen des Lebens vor­dringen, die unab­hängig von Her­kunft und Wer­de­gang für alle Men­schen gleich rele­vant sind. Seine Cha­rak­tere, die Schatten, suchen nach einem Platz in der Welt, nach etwas Wärme und Liebe.

Das Schat­ten­spiel beginnt mit einem furcht­baren Epilog. Die Männer, die der Leser später in den Dunst­schwaden vor Albertos Tresen kennen lernen wird, fallen auf dem Schlacht­feld eines namen­losen Krieges. Ekrem Boxer, dessen Natio­na­lität „Säufer“ ist und der trotz seiner gefähr­li­chen Fäuste sanft wie ein Lamm sein kann, wird von einer Gra­nate durch­bohrt. Ein letztes Mal fühlt er noch den Geschmack von Frauen und Bier in der Kehle, dann bricht er tot zusammen. Čolić schil­dert die Szene in poe­ti­schen Bil­dern und macht ein­drück­lich die Sinn­lo­sig­keit dieses gewalt­samen Ster­bens deutlich.

Bei Alberto fes­selt den Leser aber nicht vor­rangig durch die span­nende Hand­lung, son­dern durch das unbe­stimmte Wir, das die Clique vor Albertos Tresen beschreibt.

In kurzen Kapi­teln schil­dert diese umfas­sende Erzähl­stimme, dieses kol­lek­tive Wir, die Schick­sale der Schatten und lässt sie selbst mit ihren wun­der­baren Über­trei­bungen zu Wort kommen. So welkt der Körper der Pro­sti­tu­ierten Lilly Felinni dahin, wäh­rend sie „die unüber­treff­liche Diva des Bettes“ bleibt. Sie gibt allen alles und auf ihre weiche Haut schreiben tap­fere Männer die Zeilen ihres Lebens. Sie wird bewun­dert von Hugo Vagina, dem ewigen Stu­denten und Stot­terer, dem die Welt zu grausam ist und der des­wegen immer öfter bei dem „Gott Mor­phium“ Zuflucht sucht. Und immer, in jede Unter­hal­tung, in jedes kleine Gespräch, streut der trink­feste Dichter Wolk, den die Hel­den­taten seines Lie­bes­le­bens ermüdet haben, eine kleine Prise seiner Weis­heiten. Doch Čolić por­trä­tiert nicht nur die Clique am Tresen. In drei Inter­mezzi zeigt er dem Leser außerdem die Stadt, den Bahnhof und die Albertos Bar, zeigt, wie eine Welt aus­sieht, in der solche Geschichten mög­lich sind.

Die Unein­deu­tig­keit des Wir der Erzähl­stimme und die Viel­falt der dar­ge­stellten Figuren ermög­li­chen dem Leser, selbst am Tresen zu stehen, einen kühlen Drink zu bestellen und den absurden und zwei­fel­haften Geschichten der Schatten zu lauschen.
Trotz der lie­be­vollen Ironie, mit der Velibor Čolić seine Cha­rak­tere dar­stellt, ist das Buch aber keine hei­tere Plau­der­stunde. Der Krieg, der im Epilog das Ende der Clique vor­weg­nimmt, hängt wie ein düs­terer Schatten über der Bar und ihrem dro­gen­schwan­geren Treiben. Die Frauen und Männer, die sich am Tresen treffen, sind gestürzt, ver­lassen, hilflos und bleiben trotzdem noch immer auf der Suche. Der Krieg hat diese Suche, diese zag­hafte Hoff­nung, beendet. Zu dem Zeit­punkt, da der Leser den Schatten begegnet, sind die meisten von ihnen schon tot.

Bei Alberto ist ein berüh­rendes Buch. Und auch, wenn der Schau­platz das fik­tive Nar­seille ist, sind die Stadt Sara­jevo und der Bos­ni­en­krieg ein­dring­lich prä­sent und ver­schärfen durch ihre Anwe­sen­heit Čolić’ Kritik an solch sinn­losen Zer­stö­rungen. Schade ist nur, dass die Sprache der Säufer nicht zu ihrer Beschrei­bung passt. Čolić lässt seine Säufer von Bau­de­laire nach Bukowski und von Tom Waits zu White Rabbit hüpfen – das ist wohl ein Ver­such, seinen starken Bil­dern eine ver­meint­lich noch grö­ßere Auto­rität zu ver­schaffen. Ein solch über­in­tel­lek­tu­eller Säu­fer­dis­kurs will nicht so recht in die Welt von Albertos Kneipe passen. Da scheint sich Velibor Čolić selbst ein­zu­mi­schen – wel­cher ernst­zu­neh­mende Trinker würde schließ­lich mit einem Schnaps in der Hand einen sol­chen Sprung wagen?

 

Čolić, Velibor: Bei Alberto. Eine Ansamm­lung von Schatten. Aus dem Kroa­ti­schen von Alida Bremer. Leipzig 2009.