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Mašala Jergović, mašala!

Posted on 3. November 2006 by Miranda Jakiša
Miljenko Jergović ist zweifelsohne einer der herausragenden zeitgenössischen Schriftsteller aus Bosnien. 1966 in Sarajevo geboren gehört er zu der bosnisch-kroatisch-serbisch schreibenden Generation, die die jugoslawische Variante der europäischen Wende der 90er Jahre – meist im Begriff ‚Bürgerkrieg’ zusammengefasst – in ihrem ganzen Impetus erfahren und als prägend literarisch verarbeitet hat.

Ein Portrait des bosnischen Schrifstellers Miljenko Jergović

 

jergovic4Miljenko Jergović ist zweifelsohne einer der herausragenden zeitgenössischen Schriftsteller aus Bosnien. 1966 in Sarajevo geboren gehört er zu der bosnisch-kroatisch-serbisch schreibenden Generation, die die jugoslawische Variante der europäischen Wende der 90er Jahre – meist im Begriff ‚Bürgerkrieg’ zusammengefasst – in ihrem ganzen Impetus erfahren und als prägend literarisch verarbeitet hat. Jergović hat Sarajevo 1993 verlassen und schreibt seither mehr als erfolgreich aus dem ‚Zagreber Exil’. Doch schon Jahre zuvor beginnt Jergović seine lyrischen und mit diversen Preisen ausgezeichneten Schreibversuche. Oft erwähnt findet sich, dass Jergović die Gedichtbände Observatorija  Varšava (Observatorium Warschau, 1988), Uči li noćas neko  u ovom gradu japanski? (Lernt irgend jemand heute Nacht in dieser Stadt japanisch?, 1990) und Himmel komando (Himmelkommando, 1992) recht jung verfasst. Auch galt er zu dieser Zeit schon als einer der vielversprechendsten kritischen Nachwuchsjournalisten und erhielt 1990 den Veselko-Tenžera-Preis als bester politischer Kolumnist Jugoslawiens. Seither „kachelt er seinen Weg zum Nobelpreis nach Stockholm“ (Dane Hodak) mit nahezu jährlichen Veröffentlichungen und besten Kritiken.

Mit erwähntem Einschnitt 1993, der ausgerechnet seinem Erfolg förderlich sein wird, ändert Jergović Inhalte und Form seines Schreibens. Er wechselt von Lyrik zur Prosa und wächst etappenweise über den bereits jugendlich preisgekrönten Jergović hinaus. Der immer wieder, wenn auch nicht selten hämisch, bemühte Vergleich mit Ivo Andrić, der ja vornehmlich über Bosnien geschrieben hat, erweist sich zumindest in thematischer Hinsicht als gerechtfertigt. In einer immensen Zahl an Kurzgeschichten – kaum einmal mehr als fünf Seiten umfassend – beginnt Jergović von Mitte der 90er Jahre an, sich nahezu obsessiv mit dem Schicksal der Ex-Jugoslawen zu befassen. Sein Werk – seit Sarajevski Marlboro (1994) komplett in Nenad Popovićs Verlag Durieux in Zagreb erschienen – stellt ein riesiges Archiv des ehemals jugoslawischen Kulturraums (mit Schwerpunkt Bosnien) und seiner Menschen dar.
Jergovićs literarisches Erinnerungsprojekt hält alles fest: die Zeit vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg, Serben, Kroaten, Juden und Bosnier, zu Hause, im Exil, auf der Flucht, Dagebliebene und Geflüchtete, und auch jene, die als Fremde zu Besuch sind. Er verzeichnet Kindheiten, Beziehungen, Städte, Dörfer, das Lebensgefühl von Generationen und die Tode der Menschen; er sammelt in seinen Texten Dialekte, Vor- und Nachnamen, Ortsnamen, Lieder und besonders: Gegenstände. Überhaupt kann man sagen, dass die accumulatio Jergovićs häufigstes Stilmittel stellt. Was seine Sammelwut dabei zusammenhält und antreibt, ist der gemeinsame Sprachraum und die gemeinsame Sprache, die er so kunstvoll umzusetzen weiß.

In Buick Rivera (2002) wird über zwei Buchseiten hinweg die bosnische Hauptfigur Hasan in Erinnerungsstücken zusammengefasst, die für den eigentlichen Menschen Hasan stehen. Jergović zählt auf: ein Wimpel des Fussballclubs Velež, ein jugoslawisches Armeebüchlein, Etiketten dalmatinischer und herzegowinischer Weine, Kraš-Schokoladenpapier, eine Abmeldung der Gemeinde Stolac, ein Touristenprospekt Makarska Rivijera 1973, die Ausgabe der Zeitung Oslobođenje von Titos Todestag, die Videokassette „Valter brani Sarajevo“, ein Stadtplan von Beograd – die Liste entfaltet sich weiter und weiter. Jedes einzelne Erinnerungsstück ist der Erwähnung wert, es ist Teil der Vergangenheit und integraler Bestandteil der Gegenwart der erschriebenen Person. Jergovićs Werk, das sieht man an der metonymischen und zugleich metaphorischen Ersetzung Hasans durch „einen vollen Müllsack an Erinnerungsstücken“, ist dem Vergessen entgegengerichtet, ebenso wie es das Schicksal der ‚getilgten Heimat’ beklagt. Seine Ausführlichkeit und Detailgenauigkeit vergegenwärtigt dem Leser eine physisch inszenierte literarische Welt, die nicht ihre potenzielle Echtheit, sondern deren Verlust in den Vordergrund spielt. Als Hasan sich selbst in Form des Sackes voller Erinnerungen entsorgen will, stellt er fest „dass er ihn nirgendwo wegwerfen kann. Er müsste zum Umweltcontainer im Stadtzentrum fahren und jedes Erinnerungsstück nach den strengen Grundsätzen des Umweltschutzes trennen. Auf eine so fundamentale Bereinigung seines Lebens war er nicht vorbereitet.“ Hasan, konstatiert der Erzähler, passt nun einmal nicht in seine neue Heimat Toledo, Oregon, denn „in einer Welt, in der alles aus einem Stück gemacht ist, gibt es keinen Platz für jene, die aus mehreren Materialien gemacht sind und für die es keinen Container gibt.“ Eben diese aber sind es, die den Erzähler Jergović umtreiben.

 

sarajevski_marlboroAuch Dinge, wie jene aus Hasans Besitz, nehmen stets eine prominenten Platz in Jergovićs recht eigensinniger Poetik ein. In Sarajevski Marlboro (1994) sowie in Karivani (1995) finden sich eine ganze Reihe an sehr kurzen Erzählungen, die von einem bedeutsamen Gegenstand her entwickelt werden. In „Bosanski lonac“ sucht das kroatisch-bosnische Paar Elena und Zlaja – vor den kriegerischen Auseinandersetzungen in Sarajevo nach Zagreb geflüchtet – nach einem geeigneten Topf zur Zubereitung des traditionellen bosnischen Eintopfs. Natürlich wird das Vorhaben, im „turboeuropäischen Zagreb“ auf bosnische Weise ‚alles in einen Topf zu werfen’, nicht realisiert. In „Kaktus“ bezeichnet der in einem Keller in Sarajevo versteckte Erzähler die eingegangene Pflanze, die seine aus Sarajevo geflüchtete Freundin ihm überlassen hatte und an deren Pflege er seinen Alltagsbericht aus der eingekesselten Stadt aufhängt, als „ein kleines Derivat der Trauer“. Der Kaktus, der „wie der Knabe in jenem Goethelied eingeht“, versinnbildlicht das Schicksal der Stadt. Analog – darauf deuten bereits Jergovićs Titel hin – gehen seine anderen Geschichten vor, die etwa mit: Pismo, Zvono, Fotografija, Brada, Pastrmka, Buba etc. überschrieben sind. Seine Schreibweise lässt sich indes, trotz ihrer spezifischen Detailinteressiertheit, nicht als realistische bezeichnen. Vielmehr könnte man Jergovićs Prosa als ‚induktiv’ verfahrende Kulturarbeit umschreiben, die den scheinbar unbedeutenden Gegenstand nutzt, um zuletzt im größeren kollektiven Kulturzusammenhang anzukommen. Neben Jergovićs thematischer Ausrichtung auf den „Mikrokosmos Bosnien und Herzegovina mit Einsickerungen dalmatinischer Traditionen“, wie ein kroatischer Kritiker stellvertretend spottet, gehört zu den Auffälligkeiten seiner Texte die wechselnd breite narrative Entfaltung des Themas. Als wolle er dem Vorwurf, es fehle ihm an „epischem Atem“ (Achim Engelberg) begegnen, werden bei Jergović – mit den Haaren, wie die Fotographien des Autors auf den Buchdeckeln zwischen Sarajevski Marlboro (1994) und Gloria in excelsis (2005) verraten – zur Jahrtausendwende auch die Erzählungen länger.

 

mama_leoneTexten in Mama Leone (1999) lässt sich im ersten Teil des Buches, in dem der Erzähler Kindheitserinnerungen aneinander gereiht hat, zunächst weitaus mehr Zusammenhang herstellen, als es seine Leser aus den Vorgängerbänden gewöhnt sind. Dann zerfällt aber auch Mama Leone wieder in gänzlich unabhängige Erzählungen. Es folgen neue Anläufe mit den Romanen Buick Rivera, die bravourös entfaltete Geschichte der Begegnung eines Serben und eines Bosniers in den USA und Dvori od oraha (2003). In Dvori od oraha (Schlösser/Höfe aus Nuss/Nussholz) erzählt Jergović in verästelten Kapiteln die Geschichte einer ‚jugoslawischen’ Familie über fünf Generationen hinweg rückwärts von der Gegenwart bis zur Zeit Österreich-Ungarns zurück, beginnend mit Kapitel XV und dem Tod der Hauptfigur. Die Freunde und Angehörigen der Regina Delavale, deren Leben bis zu ihrer Geburt im letzten Kapitel I nachvollzogen wird, beschreiten dabei große Teile des südslavisch sprachigen Raums und führen ihn in dieser Verwandtschaft zusammen. Dubrovnik, Glamoč, Banja Vručica, Mostar, Beograd, Sarajevo und weitere Stätten jugoslawischer Historie bilden in diesem viele hundert Seiten umfassenden Roman das an Einzelschicksalen erzählte, sich verdichtende Zentrum einer zwar darüber hinaus gehenden, für den Erzähler aber weniger relevanten Welt.
Der ansonsten in den Titeln seiner Bücher gerne auf Waren, Songs und Personen der Populärkultur im weiteren Sinne (Marlboro, Buick, Mama Leone, Madona) anspielende Jergović wählt mit Dvori od oraha die Anspielung auf Hamlet. Die am Ende des Romans geborene zentrale Figur Regina erwartet bereits vor ihrer Geburt als Geschenk ein aus Nussholz gefertigtes Spielzeughaus, das den zeitgenössischen Utopien über die Bauten der zukünftigen 50er Jahre nachempfunden ist. Regina, die die Herrin dieses Schlosses/Hofes werden soll, wird 1904 geboren, als man die größten Hoffnungen an die neue Zeit in einem gemeinsamen südslavischen Staat – nach den Osmanen und den Habsburgern –  knüpft. “O God, I could be bounded in a nutshell and count myself a king of infinite space, were it not that I have bad dreams” (2,2) sagt Shakespeares Hamlet über die Imaginationen, die sich ans Staatswesen knüpfen lassen. Das Ende Reginas (an schwerer Psychose erkrankt) und das Ende Gesamtjugoslawiens gleichen sich in Jergovićs Darstellung darin, dass die mit ihnen verbundenen Vorstellungen sich als böse Träume statt als königliche Gefilde erweisen.

Mit dem gewaltigen Umfang und der komplexen Struktur der diversen Nebenerzählungen, die von Reginas Leben aus abgezweigt werden, hat sich Miljenko Jergović mit Dvori od oraha übernommen. Auch wenn manch ein Kritiker im Laufe der Zeit die Kürze der Narrationen belächelte, geht der Erzähler Jergović als ‚Autor von zukünftigem Weltrang’ – als der er in Kroatien und Bosnien gilt – vor allem aus diesen kürzeren Formen hervor. Wenn er seine pointierten Erzählungen aus der Nähe, mit teilnehmender Wärme, jedoch ohne jede Pathetik entfaltet und zugleich (und das widerspruchslos!) ironische Distanz zu halten vermag, entwickeln seine Texte ihre typische augenzwinkernde, aber auch melancholische Note und die ihnen nie abgesprochene literarische Qualität. Wo es „dem gefeierten Jergović“ (Aleš Debeljak) an epischer Ausführlichkeit zu fehlen scheint, gleicht er mit sinnfälligen Wendungen oder auch (schwarzem) Humor aus, der in längeren Formen nicht so aufzugehen scheint.
Ein markantes Charakteristikum der Texte Jergovićs ist, neben seiner „Sprachgewalt“ (Verena Araghi) und seiner Erzählkunst, die feinsinnige intertextuelle Auseinandersetzung mit anderen, insbesondere heimischen Texten. Als Paradestück mag hier die Erzählung „Pismo“ (Brief) aus Sarajevski Marlboro gelten, in der sich Jergović auf Ivo Andrićs Pismo iz 1920 (Brief aus dem Jahre 1920) bezieht und in der er dem kulturellen Subtext des Vorläufers eine aktualisierende Transformation zufügt. Während Andrić den Juden Maks Levenfeld als ‚den Fremden’ setzt, den er die Diversität in Bosnien kommentieren lässt, so huldigt und überschreibt Miljenko Jergović diesen früheren Entwurf mit seinem afrikanischen Austauschstudenten, der seine „Geschichte von Bosnien jemandem erzählen muss.“

Mit seiner Rückwendung zu kürzeren einzelnen Texten in Inšalah Madona, inšalah (Inschallah Madonna, inschallah, 2004) übertrifft Miljenko Jergović sich zuletzt selbst. Die hier zusammengestellten Erzählungen sind nach Jergovićs eigenen Angaben „Prosa-Remixes“ traditioneller dalmatinischer (klapske pjesme) und bosnischer Lieder (sevdalinke). In ihnen erzählt er nicht den Inhalt und die Geschehnisse aus den Liedern, sondern deren Atmosphäre auf eine Weise nach, die einen nahezu esoterisch evozierten Geheimbund aus jener Leserschaft rekrutiert, die die remixten Lieder wiedererkennt.

Jergovićs Kulturraum-Fixiertheit, die sein gesamtes Werk durchzieht, wird im Laufe seines Schaffens, auch dafür steht Inšalah Madona, inšalah, immer weniger konkret an Orten und Gegenständen festgemacht. Die kulturrelevanten und auf die Kulturen seiner Herkunft Bezug nehmenden Aussagen jedoch erweisen sich im selben Prozess als zunehmend raffiniert und aussagekräftig. Ob Jergović auf Andrićs Pfaden nach Schweden gelangt, bleibt dahin gestellt, jedoch steht außer Frage, dass er wie jener ein Autor Bosniens ebenso wie ein Autor Gesamtjugoslawiens ist. Im Kleinen wiederholt sich an Jergović entsprechend, was man als Streit um die ideologischen Rechte an den Texten des Nobelpreisträgers kennt: Whos writer is Ivo Andrić?.
In einer Anekdote berichtet Jergović der Presse, wie er einem ausländischen Übersetzer auf dessen Frage hin, welche Originalsprache er nun für die Übersetzung angeben solle, das Bosnische oder das Kroatische, antwortete, er solle einsetzen, was er für richtig halte. Ihm, Jergović, sei das egal, in der brisanten ‚serbokroatischen’ Sprachenfrage müsse jeder für sich selbst entscheiden. Interessant an dieser Antwort ist, dass Jergović (im Übrigen wie sein bekanntes Vorbild) mit ihr die Beantwortung eben gerade anderen überlässt. Seine kroatische Kritik nun ‚stigmatisiert’ ihn hie und da, aufgrund eines „Übermaßes an unübersetzten Turzismen“ und der seinen Texten attestierten „klassisch bosnischen Tragik“, als Bosnier. Die deutsche Presse hat sich stattdessen nahezu durchgehend darauf geeinigt, Jergović als kroatischen Autor (teils unter dem widersprüchlichen Zusatz: aus Bosnien) zu bezeichnen.
Wie dem auch sei, ein Bestseller ist er hier wie dort, in Bosnien wie in Kroatien, im ehemaligen Jugoslawien und mit einigen Texten auch im Rest Europas.

 

Opservatorija Varšava, 1988
Uči li noćas neko u ovom gradu japanski, 1990
Himmel komando, 1992
Sarajevski Marlboro, 1994
Karivani, 1995
Preko zaleđenog mosta, 1996
Naci bonton, 1998
Mama Leone, 1999, dt. 2000.
Historijska čitanka, 2000
Kažeš anđeo, 2000
Hauzmajstor Šulc, 2001
Buick Rivera, 2002, dt. 2006.
Dvori od oraha, 2003
Rabija i sedam meleka, 2004
Inšallah Madona, inšallah, 2004
Glorija in excelsis, 2005

Mašala Jergović, mašala! – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Mašala Jer­gović, mašala!

Ein Por­trait des bos­ni­schen Schrif­stel­lers Mil­jenko Jergović

 

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Mil­jenko Jer­gović ist zwei­fels­ohne einer der her­aus­ra­genden zeit­ge­nös­si­schen Schrift­steller aus Bos­nien. 1966 in Sara­jevo geboren gehört er zu der bos­nisch-kroa­tisch-ser­bisch schrei­benden Genera­tion, die die jugo­sla­wi­sche Vari­ante der euro­päi­schen Wende der 90er Jahre – meist im Begriff ‚Bür­ger­krieg’ zusam­men­ge­fasst – in ihrem ganzen Impetus erfahren und als prä­gend lite­ra­risch ver­ar­beitet hat. Jer­gović hat Sara­jevo 1993 ver­lassen und schreibt seither mehr als erfolg­reich aus dem ‚Zagreber Exil’. Doch schon Jahre zuvor beginnt Jer­gović seine lyri­schen und mit diversen Preisen aus­ge­zeich­neten Schreib­ver­suche. Oft erwähnt findet sich, dass Jer­gović die Gedicht­bände Obser­va­to­rija  Varšava (Obser­va­to­rium War­schau, 1988), Uči li noćas neko  u ovom gradu japanski? (Lernt irgend jemand heute Nacht in dieser Stadt japa­nisch?, 1990) und Himmel komando (Him­mel­kom­mando, 1992) recht jung ver­fasst. Auch galt er zu dieser Zeit schon als einer der viel­ver­spre­chendsten kri­ti­schen Nach­wuchs­jour­na­listen und erhielt 1990 den Veselko-Tenžera-Preis als bester poli­ti­scher Kolum­nist Jugo­sla­wiens. Seither „kachelt er seinen Weg zum Nobel­preis nach Stock­holm“ (Dane Hodak) mit nahezu jähr­li­chen Ver­öf­fent­li­chungen und besten Kritiken.

Mit erwähntem Ein­schnitt 1993, der aus­ge­rechnet seinem Erfolg för­der­lich sein wird, ändert Jer­gović Inhalte und Form seines Schrei­bens. Er wech­selt von Lyrik zur Prosa und wächst etap­pen­weise über den bereits jugend­lich preis­ge­krönten Jer­gović hinaus. Der immer wieder, wenn auch nicht selten hämisch, bemühte Ver­gleich mit Ivo Andrić, der ja vor­nehm­lich über Bos­nien geschrieben hat, erweist sich zumin­dest in the­ma­ti­scher Hin­sicht als gerecht­fer­tigt. In einer immensen Zahl an Kurz­ge­schichten – kaum einmal mehr als fünf Seiten umfas­send – beginnt Jer­gović von Mitte der 90er Jahre an, sich nahezu obsessiv mit dem Schicksal der Ex-Jugo­slawen zu befassen. Sein Werk – seit Sara­je­vski Marl­boro (1994) kom­plett in Nenad Popo­vićs Verlag Durieux in Zagreb erschienen – stellt ein rie­siges Archiv des ehe­mals jugo­sla­wi­schen Kul­tur­raums (mit Schwer­punkt Bos­nien) und seiner Men­schen dar.
Jer­go­vićs lite­ra­ri­sches Erin­ne­rungs­pro­jekt hält alles fest: die Zeit vor dem Krieg, wäh­rend des Krieges und nach dem Krieg, Serben, Kroaten, Juden und Bos­nier, zu Hause, im Exil, auf der Flucht, Dage­blie­bene und Geflüch­tete, und auch jene, die als Fremde zu Besuch sind. Er ver­zeichnet Kind­heiten, Bezie­hungen, Städte, Dörfer, das Lebens­ge­fühl von Genera­tionen und die Tode der Men­schen; er sam­melt in seinen Texten Dia­lekte, Vor- und Nach­namen, Orts­namen, Lieder und beson­ders: Gegen­stände. Über­haupt kann man sagen, dass die accu­mu­latio Jer­go­vićs häu­figstes Stil­mittel stellt. Was seine Sam­melwut dabei zusam­men­hält und antreibt, ist der gemein­same Sprach­raum und die gemein­same Sprache, die er so kunst­voll umzu­setzen weiß.

In Buick Rivera (2002) wird über zwei Buch­seiten hinweg die bos­ni­sche Haupt­figur Hasan in Erin­ne­rungs­stü­cken zusam­men­ge­fasst, die für den eigent­li­chen Men­schen Hasan stehen. Jer­gović zählt auf: ein Wimpel des Fuss­ball­clubs Velež, ein jugo­sla­wi­sches Armee­büch­lein, Eti­ketten dal­ma­ti­ni­scher und her­ze­go­wi­ni­scher Weine, Kraš-Scho­ko­la­den­pa­pier, eine Abmel­dung der Gemeinde Stolac, ein Tou­ris­ten­pro­spekt Makarska Rivi­jera 1973, die Aus­gabe der Zei­tung Oslo­bođenje von Titos Todestag, die Video­kas­sette „Valter brani Sara­jevo“, ein Stadt­plan von Beo­grad – die Liste ent­faltet sich weiter und weiter. Jedes ein­zelne Erin­ne­rungs­stück ist der Erwäh­nung wert, es ist Teil der Ver­gan­gen­heit und inte­graler Bestand­teil der Gegen­wart der erschrie­benen Person. Jer­go­vićs Werk, das sieht man an der met­ony­mi­schen und zugleich meta­pho­ri­schen Erset­zung Hasans durch „einen vollen Müll­sack an Erin­ne­rungs­stü­cken“, ist dem Ver­gessen ent­ge­gen­ge­richtet, ebenso wie es das Schicksal der ‚getilgten Heimat’ beklagt. Seine Aus­führ­lich­keit und Detail­ge­nau­ig­keit ver­ge­gen­wär­tigt dem Leser eine phy­sisch insze­nierte lite­ra­ri­sche Welt, die nicht ihre poten­zi­elle Echt­heit, son­dern deren Ver­lust in den Vor­der­grund spielt. Als Hasan sich selbst in Form des Sackes voller Erin­ne­rungen ent­sorgen will, stellt er fest „dass er ihn nir­gendwo weg­werfen kann. Er müsste zum Umwelt­con­tainer im Stadt­zen­trum fahren und jedes Erin­ne­rungs­stück nach den strengen Grund­sätzen des Umwelt­schutzes trennen. Auf eine so fun­da­men­tale Berei­ni­gung seines Lebens war er nicht vor­be­reitet.“ Hasan, kon­sta­tiert der Erzähler, passt nun einmal nicht in seine neue Heimat Toledo, Oregon, denn „in einer Welt, in der alles aus einem Stück gemacht ist, gibt es keinen Platz für jene, die aus meh­reren Mate­ria­lien gemacht sind und für die es keinen Con­tainer gibt.“ Eben diese aber sind es, die den Erzähler Jer­gović umtreiben.

 

sarajevski_marlboroAuch Dinge, wie jene aus Hasans Besitz, nehmen stets eine pro­mi­nenten Platz in Jer­go­vićs recht eigen­sin­niger Poetik ein. In Sara­je­vski Marl­boro (1994) sowie in Kari­vani (1995) finden sich eine ganze Reihe an sehr kurzen Erzäh­lungen, die von einem bedeut­samen Gegen­stand her ent­wi­ckelt werden. In „Bos­anski lonac“ sucht das kroa­tisch-bos­ni­sche Paar Elena und Zlaja – vor den krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zungen in Sara­jevo nach Zagreb geflüchtet – nach einem geeig­neten Topf zur Zube­rei­tung des tra­di­tio­nellen bos­ni­schen Ein­topfs. Natür­lich wird das Vor­haben, im „tur­bo­eu­ro­päi­schen Zagreb“ auf bos­ni­sche Weise ‚alles in einen Topf zu werfen’, nicht rea­li­siert. In „Kaktus“ bezeichnet der in einem Keller in Sara­jevo ver­steckte Erzähler die ein­ge­gan­gene Pflanze, die seine aus Sara­jevo geflüch­tete Freundin ihm über­lassen hatte und an deren Pflege er seinen All­tags­be­richt aus der ein­ge­kes­selten Stadt auf­hängt, als „ein kleines Derivat der Trauer“. Der Kaktus, der „wie der Knabe in jenem Goe­the­lied ein­geht“, ver­sinn­bild­licht das Schicksal der Stadt. Analog – darauf deuten bereits Jer­go­vićs Titel hin – gehen seine anderen Geschichten vor, die etwa mit: Pismo, Zvono, Foto­gra­fija, Brada, Pastrmka, Buba etc. über­schrieben sind. Seine Schreib­weise lässt sich indes, trotz ihrer spe­zi­fi­schen Detail­in­ter­es­siert­heit, nicht als rea­lis­ti­sche bezeichnen. Viel­mehr könnte man Jer­go­vićs Prosa als ‚induktiv’ ver­fah­rende Kul­tur­ar­beit umschreiben, die den scheinbar unbe­deu­tenden Gegen­stand nutzt, um zuletzt im grö­ßeren kol­lek­tiven Kul­tur­zu­sam­men­hang anzu­kommen. Neben Jer­go­vićs the­ma­ti­scher Aus­rich­tung auf den „Mikro­kosmos Bos­nien und Her­ze­go­vina mit Ein­si­cke­rungen dal­ma­ti­ni­scher Tra­di­tionen“, wie ein kroa­ti­scher Kri­tiker stell­ver­tre­tend spottet, gehört zu den Auf­fäl­lig­keiten seiner Texte die wech­selnd breite nar­ra­tive Ent­fal­tung des Themas. Als wolle er dem Vor­wurf, es fehle ihm an „epi­schem Atem“ (Achim Engel­berg) begegnen, werden bei Jer­gović – mit den Haaren, wie die Foto­gra­phien des Autors auf den Buch­de­ckeln zwi­schen Sara­je­vski Marl­boro (1994) und Gloria in excelsis (2005) ver­raten – zur Jahr­tau­send­wende auch die Erzäh­lungen länger.

 

mama_leoneTexten in Mama Leone (1999) lässt sich im ersten Teil des Buches, in dem der Erzähler Kind­heits­er­in­ne­rungen anein­ander gereiht hat, zunächst weitaus mehr Zusam­men­hang her­stellen, als es seine Leser aus den Vor­gän­ger­bänden gewöhnt sind. Dann zer­fällt aber auch Mama Leone wieder in gänz­lich unab­hän­gige Erzäh­lungen. Es folgen neue Anläufe mit den Romanen Buick Rivera, die bra­vourös ent­fal­tete Geschichte der Begeg­nung eines Serben und eines Bos­niers in den USA und Dvori od oraha (2003). In Dvori od oraha (Schlösser/Höfe aus Nuss/Nussholz) erzählt Jer­gović in ver­äs­telten Kapi­teln die Geschichte einer ‚jugo­sla­wi­schen’ Familie über fünf Genera­tionen hinweg rück­wärts von der Gegen­wart bis zur Zeit Öster­reich-Ungarns zurück, begin­nend mit Kapitel XV und dem Tod der Haupt­figur. Die Freunde und Ange­hö­rigen der Regina Dela­vale, deren Leben bis zu ihrer Geburt im letzten Kapitel I nach­voll­zogen wird, beschreiten dabei große Teile des süd­sla­visch spra­chigen Raums und führen ihn in dieser Ver­wandt­schaft zusammen. Dubrovnik, Glamoč, Banja Vručica, Mostar, Beo­grad, Sara­jevo und wei­tere Stätten jugo­sla­wi­scher His­torie bilden in diesem viele hun­dert Seiten umfas­senden Roman das an Ein­zel­schick­salen erzählte, sich ver­dich­tende Zen­trum einer zwar dar­über hinaus gehenden, für den Erzähler aber weniger rele­vanten Welt.
Der ansonsten in den Titeln seiner Bücher gerne auf Waren, Songs und Per­sonen der Popu­lär­kultur im wei­teren Sinne (Marl­boro, Buick, Mama Leone, Madona) anspie­lende Jer­gović wählt mit Dvori od oraha die Anspie­lung auf Hamlet. Die am Ende des Romans gebo­rene zen­trale Figur Regina erwartet bereits vor ihrer Geburt als Geschenk ein aus Nuss­holz gefer­tigtes Spiel­zeug­haus, das den zeit­ge­nös­si­schen Uto­pien über die Bauten der zukünf­tigen 50er Jahre nach­emp­funden ist. Regina, die die Herrin dieses Schlosses/Hofes werden soll, wird 1904 geboren, als man die größten Hoff­nungen an die neue Zeit in einem gemein­samen süd­sla­vi­schen Staat – nach den Osmanen und den Habs­bur­gern –  knüpft. “O God, I could be bounded in a nuts­hell and count myself a king of infi­nite space, were it not that I have bad dreams” (2,2) sagt Shake­speares Hamlet über die Ima­gi­na­tionen, die sich ans Staats­wesen knüpfen lassen. Das Ende Reginas (an schwerer Psy­chose erkrankt) und das Ende Gesamt­ju­go­sla­wiens glei­chen sich in Jer­go­vićs Dar­stel­lung darin, dass die mit ihnen ver­bun­denen Vor­stel­lungen sich als böse Träume statt als könig­liche Gefilde erweisen.

Mit dem gewal­tigen Umfang und der kom­plexen Struktur der diversen Neben­er­zäh­lungen, die von Reginas Leben aus abge­zweigt werden, hat sich Mil­jenko Jer­gović mit Dvori od oraha über­nommen. Auch wenn manch ein Kri­tiker im Laufe der Zeit die Kürze der Nar­ra­tionen belä­chelte, geht der Erzähler Jer­gović als ‚Autor von zukünf­tigem Welt­rang’ – als der er in Kroa­tien und Bos­nien gilt – vor allem aus diesen kür­zeren Formen hervor. Wenn er seine poin­tierten Erzäh­lungen aus der Nähe, mit teil­neh­mender Wärme, jedoch ohne jede Pathetik ent­faltet und zugleich (und das wider­spruchslos!) iro­ni­sche Distanz zu halten vermag, ent­wi­ckeln seine Texte ihre typi­sche augen­zwin­kernde, aber auch melan­cho­li­sche Note und die ihnen nie abge­spro­chene lite­ra­ri­sche Qua­lität. Wo es „dem gefei­erten Jer­gović“ (Aleš Debeljak) an epi­scher Aus­führ­lich­keit zu fehlen scheint, gleicht er mit sinn­fäl­ligen Wen­dungen oder auch (schwarzem) Humor aus, der in län­geren Formen nicht so auf­zu­gehen scheint.
Ein mar­kantes Cha­rak­te­ris­tikum der Texte Jer­go­vićs ist, neben seiner „Sprach­ge­walt“ (Verena Araghi) und seiner Erzähl­kunst, die fein­sin­nige inter­tex­tu­elle Aus­ein­an­der­set­zung mit anderen, ins­be­son­dere hei­mi­schen Texten. Als Para­de­stück mag hier die Erzäh­lung „Pismo“ (Brief) aus Sara­je­vski Marl­boro gelten, in der sich Jer­gović auf Ivo Andrićs Pismo iz 1920 (Brief aus dem Jahre 1920) bezieht und in der er dem kul­tu­rellen Sub­text des Vor­läu­fers eine aktua­li­sie­rende Trans­for­ma­tion zufügt. Wäh­rend Andrić den Juden Maks Leven­feld als ‚den Fremden’ setzt, den er die Diver­sität in Bos­nien kom­men­tieren lässt, so hul­digt und über­schreibt Mil­jenko Jer­gović diesen frü­heren Ent­wurf mit seinem afri­ka­ni­schen Aus­tausch­stu­denten, der seine „Geschichte von Bos­nien jemandem erzählen muss.“

Mit seiner Rück­wen­dung zu kür­zeren ein­zelnen Texten in Inšalah Madona, inšalah (Inschallah Madonna, inschallah, 2004) über­trifft Mil­jenko Jer­gović sich zuletzt selbst. Die hier zusam­men­ge­stellten Erzäh­lungen sind nach Jer­go­vićs eigenen Angaben „Prosa-Remixes“ tra­di­tio­neller dal­ma­ti­ni­scher (klapske pjesme) und bos­ni­scher Lieder (sev­da­linke). In ihnen erzählt er nicht den Inhalt und die Gescheh­nisse aus den Lie­dern, son­dern deren Atmo­sphäre auf eine Weise nach, die einen nahezu eso­te­risch evo­zierten Geheim­bund aus jener Leser­schaft rekru­tiert, die die remixten Lieder wiedererkennt.

Jer­go­vićs Kul­tur­raum-Fixiert­heit, die sein gesamtes Werk durch­zieht, wird im Laufe seines Schaf­fens, auch dafür steht Inšalah Madona, inšalah, immer weniger kon­kret an Orten und Gegen­ständen fest­ge­macht. Die kul­tur­rele­vanten und auf die Kul­turen seiner Her­kunft Bezug neh­menden Aus­sagen jedoch erweisen sich im selben Pro­zess als zuneh­mend raf­fi­niert und aus­sa­ge­kräftig. Ob Jer­gović auf Andrićs Pfaden nach Schweden gelangt, bleibt dahin gestellt, jedoch steht außer Frage, dass er wie jener ein Autor Bos­niens ebenso wie ein Autor Gesamt­ju­go­sla­wiens ist. Im Kleinen wie­der­holt sich an Jer­gović ent­spre­chend, was man als Streit um die ideo­lo­gi­schen Rechte an den Texten des Nobel­preis­trä­gers kennt: Whos writer is Ivo Andrić?.
In einer Anek­dote berichtet Jer­gović der Presse, wie er einem aus­län­di­schen Über­setzer auf dessen Frage hin, welche Ori­gi­nal­sprache er nun für die Über­set­zung angeben solle, das Bos­ni­sche oder das Kroa­ti­sche, ant­wor­tete, er solle ein­setzen, was er für richtig halte. Ihm, Jer­gović, sei das egal, in der bri­santen ‚ser­bo­kroa­ti­schen’ Spra­chen­frage müsse jeder für sich selbst ent­scheiden. Inter­es­sant an dieser Ant­wort ist, dass Jer­gović (im Übrigen wie sein bekanntes Vor­bild) mit ihr die Beant­wor­tung eben gerade anderen über­lässt. Seine kroa­ti­sche Kritik nun ‚stig­ma­ti­siert’ ihn hie und da, auf­grund eines „Über­maßes an unüber­setzten Tur­zismen“ und der seinen Texten attes­tierten „klas­sisch bos­ni­schen Tragik“, als Bos­nier. Die deut­sche Presse hat sich statt­dessen nahezu durch­ge­hend darauf geei­nigt, Jer­gović als kroa­ti­schen Autor (teils unter dem wider­sprüch­li­chen Zusatz: aus Bos­nien) zu bezeichnen.
Wie dem auch sei, ein Best­seller ist er hier wie dort, in Bos­nien wie in Kroa­tien, im ehe­ma­ligen Jugo­sla­wien und mit einigen Texten auch im Rest Europas.

 

Opser­va­to­rija Varšava, 1988
Uči li noćas neko u ovom gradu japanski, 1990
Himmel komando, 1992
Sara­je­vski Marl­boro, 1994
Kari­vani, 1995
Preko zaleđenog mosta, 1996
Naci bonton, 1998
Mama Leone, 1999, dt. 2000.
His­to­r­ijska čitanka, 2000
Kažeš anđeo, 2000
Hauz­ma­jstor Šulc, 2001
Buick Rivera, 2002, dt. 2006.
Dvori od oraha, 2003
Rabija i sedam meleka, 2004
Inšallah Madona, inšallah, 2004
Glo­rija in excelsis, 2005