Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Wie­viel Europa erträgt ein Balkan?

„Why this strife and struggle, why con­flict, why the neigh­bour as an adversary and not as a partner? What is the rela­tion to the ›other‹?” Richard Swartz, schwe­di­scher Jour­na­list und nach Aus­kunft des Klap­pen­textes qua­li­fi­ziert durch „über 30 Jahre Ost­eu­ro­pa­kor­re­spon­denz“, bekam 21 Ant­worten auf diese Frage, die er Autoren zwi­schen Slo­we­nien und Alba­nien stellte.
Ent­spre­chend erwart­bare, anrüh­rende, auch mora­li­sie­rende lite­ra­ri­sche Bei­träge zum Thema nach­bar­schaft­li­cher Feind­schaft ent­hält der Band – jeden­falls zum Teil. Nenad Velič­ko­vićs Ent­geg­nung auf die Her­aus­ge­ber­frage sticht etwa, weil sie die Antho­logie selbst ins Zen­trum der Refle­xion rückt, auf signi­fi­kante Weise heraus. Ganze acht Mal zitiert er in Bedel, seinem Bei­trag zu Der andere nebenan, die oben wie­der­ge­ge­bene Frage. Velič­ko­vićs Text ent­larvt damit nicht nur die Samm­lung als unzu­läs­sige, das ange­fragte Ergebnis anti­zi­pie­rende Auf­trags­ar­beit. Er stört auch neben der Her­aus­geber- die Leser­er­war­tung, indem er die Ein­falls­lo­sig­keit und Ein­fäl­tig­keit der Anlage von Swart­zens Buch vor Augen zwingt, das, so gewendet, zunächst einmal wenig lesens­wert erscheint. Zu befürchten ist, einen von seiner feind­se­ligen Dis­po­si­tion, von einer sepa­ra­tis­ti­schen Grund­ten­denz regierten Balkan vor­zu­finden, von dessen nach­bar­schaft­li­cher Ani­mo­sität aus­ge­gangen werden kann. Es gelingt Velič­ković, sich der den Autoren zuge­wie­senen Rolle als Akteure im Nach­bar­schafts­streit erfolg­reich zu ent­ziehen und das Anliegen, im übrigen nicht als ein­ziger Bei­träger, zu unter­laufen.

Der andere nebenan, eine Antho­logie, die sich nach eigenen Angaben der Frage ver­schrieben hat, ob Vor­stel­lungen von Feind­schaft und Gewalt­af­fi­nität auf dem Balkan „unsere Unkenntnis und unsere Vor­ur­teile“ mehr „als die Wirk­lich­keit“ wider­spie­geln und pro­mi­nente Autoren aus Süd­ost­eu­ropa dafür gewinnen konnte, diese zu beant­worten, ist eine klare Auf­trags­ar­beit in Sachen Bal­ka­nismus. Die bul­ga­ri­sche His­to­ri­kerin Maria Todo­rova prägte den Begriff in den 90er Jahren, um neben der ste­reo­ty­pi­sie­renden Abwer­tung die euro­päi­sche ‚Über­le­gen­heit’ dem Balkan als ambi­va­lent Anderem gegen­über zu umschreiben. Die nähere Bestim­mung im Unter­titel der Swart­z­schen Samm­lung könnte ent­spre­chend auch statt „aus dem Süd­osten Europas“ viel­mehr „Antho­logie über den Süd­osten Europas“ lauten, oder auch gleich: „Der Balkan und was wir schon immer über ihn wussten“. Was wir hier auf­ge­tischt bekommen, ist jedoch mehr als nur bedientes Kli­schee – es ist, und das vor allem in der unzu­läs­sigen Zusam­men­schau von Europas Süd­osten (Slo­we­nien bis Alba­nien) gepaart mit der Anti­zi­pa­tion kul­tur­spe­zi­fi­scher Feind­se­lig­keiten („why this strife and struggle?“), exo­ti­sie­rende Balkan-Hetze und von Europa aus­gren­zende Stig­ma­ti­sie­rung. Beide gehen aus einer Tra­di­tion hervor, die seit den 10er Jahren des letzten Jahr­hun­derts flo­riert und deren unver­hoh­lene Scha­den­freude über die gesell­schafts­po­li­ti­schen Folgen einer ver­meint­li­chen, im Titel beschwo­renen Anders­ar­tig­keit Süd­ost­eu­ropas geschmacklos ist. Die Per­spek­tive der Swart­z­schen Antho­logie ist eine selbst­ge­fäl­lige, west­eu­ro­päi­sche Ant­wort auf die wirt­schaft­liche, kul­tu­relle und poli­ti­sche Iso­la­tion der soge­nannten Bal­kan­länder heute. Sie trägt dazu bei, die Abgren­zung auf­recht zu erhalten und ver­kennt zugleich den eigenen Anteil an der gegen­wär­tigen Situa­tion vieler süd­ost­eu­ro­päi­scher Staats­ge­bilde. Implizit schreibt Der andere nebenan den Bal­kan­kul­turen – deren Ver­wandt­schaft Swartz (siehe sein von der FAZ lobend her­vor­ge­ho­benes Her­aus­geber-Nach­wort) in der flä­chen­de­ckenden Exis­tenz von Kohl­rou­la­den­va­ri­anten gegeben sieht – die Schuld am eigenen Schicksal zwi­schen Blut­rache und Klein­staa­terei zu. Kraut­wi­ckel nun gibt es nicht nur auf ‚dem Balkan’, die gibt es auch in Ägypten und im Allgäu, das indes stört die im Band for­cierten kul­tu­rellen Ver­wandt­schafts­be­zie­hungen. Der Her­aus­geber Swartz hat sich bereits mit zuvor erschie­nenen Antho­lo­gien, deren viel­sa­gende Titel Geschichten aus dem fins­teren Herzen Europas oder Geschichten aus Europas Nahem Osten Bände spre­chen, als Experte in Sachen ‚die Anderen’ pro­fi­liert.

Doch wäh­rend Fra­ge­stel­lung und Auf­trags­cha­rakter von Der andere nebenan mehr als frag­würdig sind, ergibt die Sich­tung der ein­zelnen ein­und­zwanzig Texte eine weitaus viel­ver­spre­chen­dere Per­spek­tive auf den Kul­tur­raum. Auf jeweils eigene Weise erkunden die Bei­träge ihren kul­tu­rellen Hin­ter­grund in Hin­sicht auf das Mit- und Gegen­ein­ander lite­ra­risch. Der Wunsch nach maxi­maler Dichte der geo­gra­phi­schen Her­kunfts­länder der Autoren konnte zwar nicht spurlos an der Qua­lität der Bei­träge vor­bei­gehen. Diese sind mit­unter Füll­ma­te­rial, den regio­nalen Abde­ckungs­be­mü­hungen geschuldet. Die meisten indes sind her­vor­ra­gende lite­ra­ri­sche Texte. David Alba­hari ver­sieht den Leser ein­drucks­voll mit den Augen eines ‚Serben’, der, ohne zu ver­stehen warum, zum Gewalt­täter wird, wäh­rend Vla­dimir Arseni­jević in einer scho­nungslos über-kon­stru­ierten Geschichte, die banale Inter­es­siert­heit ‚des Wes­tens’ der mensch­li­chen Anteil­nahme zwi­schen Serben und Koso­vo­al­ba­nern gegen­über­stellt. Bora Ćosić mutet dem Leser seine Kind­heits­er­in­ne­rung zu, wäh­rend Dimitré Dinev eine durch ihre Schlicht­heit bestechende, an Ivo Andrićs Texte erin­nernde Erzäh­lung über den bul­ga­ri­schen Kul­tur­syn­kre­tismus bei­trägt. Slavenka Dra­kulić kon­fron­tiert uns mit fin­gierten Pro­to­kollen, deren erzählte Grau­sam­keiten über­zeu­gend phy­sisch auf den Leser über­greifen, wäh­rend Maruša Krese mit ihren Slo­we­nien-Über­le­gungen auf Jour­na­lis­ten­ni­veau lang­weilt. Saša Sta­nišić über­wäl­tigt mit seiner im Erst­lings­roman erprobten poe­ti­schen, die Kin­der­per­spek­tive lite­ra­risch gekonnt insze­nie­renden und sehr eigenen Erzähl­weise, wäh­rend Dragan Velikić zwar mit aller Ste­reo­ty­pen­kritik zwei­fels­ohne recht hat, jedoch sehr essay­is­tisch auf­tritt. Und noch mehr lite­ra­ri­sche Pro­mi­nenz aus Süd­ost­eu­ropa par­ti­zi­piert gewinn­brin­gend an dem Band: Alek­sandar Hemon, Drago Jančar, Mil­jenko Jer­gović, Ismaïl Kadaré, László Végel und eben, der bereits erwähnte, Nenad Velič­ković. In einem die eigene Onanie mit der poli­tisch-kul­tu­rellen West­eu­ropas gleich­set­zendem und darin bloß­le­gendem Erzählakt spie­gelt er des­il­lu­sio­niert, aber enga­giert die Frage von den ver­meint­li­chen internen Absto­ßungs­kräften des Balkan dahin zurück, woher sie kam – in den heu­chelnde Fragen stel­lenden ‚Westen’: „Why this strife and struggle, why con­flict, why the neigh­bour (Süd­ost­eu­ropa) as an adversary (Balkan) and not as a partner?”, diese Frage könnte man quer­ge­lesen nicht nur aus Velič­ko­vićs Bei­trag her­aus­lesen. Solange deut­sche Ver­lage ihren Her­aus­ge­bern durch­gehen lassen, im Nach­wort zu schreiben, die Welt Süd­ost­eu­ropas könne, „auf einen Deut­schen“ etwa, „fremd und gar unheim­lich wirken“, denn  „eth­ni­sche Säu­be­rung als Pro­gramm“ – das ließe sich schwer begreifen, solange wird Velič­ko­vićs Rück­frage wohl unbe­ant­wortet ver­hallen. Der andere Nebenan, ohne den Rahmen seiner selbst­ge­fäl­ligen Her­aus­ge­ber­schaft, eine sehr lesens­werte Samm­lung, die eben­so­viel über Europa und seine Feind­se­lig­keit verrät, wie über ‚den Balkan’.

 

Richard Swartz (Hg.): Der andere nebenan. Eine Antho­logie aus dem Süd­osten Europas. S. Fischer Verlag. Frank­furt a. M. 2007.

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