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Jazz, Schweinereien und eine kontroverse NIN-Preis-Verleihung: Saša Ilić im Gespräch über „Pas i kontrabas“

Posted on 9. Juni 2020 by Miranda Jakiša, Uroš Ristanović, Milica Santa
Saša Ilić sollte im März aus seinem jüngsten Roman „Pas i kontrabas“ (2019) lesen, für den er den renommierten NIN Preis für Literatur erhalten hat. Am Wiener novinki-Standort wollten wir mit ihm über die kontroversen Reaktionen auf die Verleihung sprechen. Seit vielen Jahren verfolgen wir bei novinki Saša Ilićs Arbeit. Leider kamen uns die Covid-19-Maßnahmen dazwischen und wir haben das Gespräch nun online geführt.

Saša Ilić sollte im März aus seinem jüngsten Roman „Pas i kontrabas“ (2019) lesen, für den er den renommierten NIN-Preis für Literatur erhalten hat. Am Wiener novinki-Standort wollten wir mit ihm über die kontroversen Reaktionen auf die Verleihung sprechen. Seit vielen Jahren verfolgen wir bei novinki Saša Ilićs Arbeit. Leider kamen uns die Covid-19-Maßnahmen dazwischen und wir haben das Gespräch nun online geführt.

 

Saša Ilić ist Autor von Berlinsko okno (2005) und Pad Kolumbije (2011).  Er wurde 1972 in Jagodina geboren, ist Mitbegründer und Redakteur der Literatur-Beilage BETON, Unterzeichner der Deklaration zur gemeinsamen Sprache und als Kritiker und Kulturkommentator in Serbien aktiv.

 

Hier können Sie das Original im Serbischen lesen.

 

© Vesna Lalić.

 

novinki: Vielen Dank, dass du dich bereit erklärt hast, uns ein Online-Interview zu geben. Leider mussten wir unsere für März 2020 geplante Lesung in Wien vorerst verschieben. Was bedeuten die gegenwärtigen Covid-19-Maßnahmen für dich als Schriftsteller?

 

Saša Ilić: Zunächst danke ich euch für die Einladung. Während wir uns unterhalten, werden um uns herum, fast wie in einem fiktiven Werk, drastische Maßnahmen im Kampf gegen das Corona-Virus ergriffen. Das Virus hat es in wenigen Monaten geschafft, das Gesicht der Welt zu verändern, Grenzen dicht zu machen, Schengen und die Menschenrechte zu suspendieren, alle Kommunikationskanäle auf das digitale Paradigma zu verlagern… Covid-19 entlarvt auch das Wesen einzelner Staaten, weil rauskommt, nach welchen Mustern sie funktionieren und ob es sich um demokratische, autoritäre, totalitäre Systeme handelt oder um solche in Transition… Das sieht man gut an den Modellen, die die einzelnen Staaten zum Schutz vor Covid-19 gewählt haben. So wurde in Serbien ein repressives Modell aktiviert, mit der Verhängung eines Ausnahmezustands anstelle von Ausnahmemaßnahmen, durch die Einführung einer Polizeistunde, die aller Wahrscheinlichkeit nach bald zu einer totalen Ausgangssperre über 24 Stunden ausgeweitet wird . Somit ist der Umgang mit der Krise wie ein Lackmustest, der uns deutlich zeigen kann, wie dieser Staat auch unter „Friedens“-Bedingungen funktioniert.

 

n.: Zu Serbien kommen wir zurück. Lass uns kurz in Wien bleiben. Der Großteil des Romans „Pas i kontrabas“ (dt. Der Hund und der Kontrabass) ist im MuseumsQuartier hier in der Stadt entstanden. Hatte der Aufenthalt in Österreich auf irgendeine Weise Einfluss auf den Roman?

 

S. I.: In Wien habe ich mich zwei Monate lang aufgehalten, die durch tägliche Schreibarbeit ausgefüllt waren. Die Recherchen zum Roman begannen schon zweieinhalb Jahre vorher. Ich habe in Bibliotheken und Archiven in mehreren Städten gesucht, überall dort, wo Dokumente über die psychiatrische Klinik in Kovin archiviert sind. Bei der Recherche habe ich verstanden, dass Kovin in seiner frühen Phase eine geografische Grenze (zwischen Österreich-Ungarn und Serbien) und nach dem Ersten Weltkrieg einen Transformationsraum der europäischen Institutionen (Militär und Psychiatrie) darstellte, um in der Folge eine Zone europäischer Integration (Psychiatrie, Militär, Trauma, Westbalkan, EU) zu werden. Der Aufenthalt in Wien hat es mir ermöglicht, mich in Texte über die Frühphase der europäischen „Asyle für Geisteskranke“ zu vertiefen, den Narrenturm zu besuchen, und auch Übersetzungen einiger wichtiger antipsychiatrischer Texte zu finden, besonders solcher, die sich mit der Ideologie totaler sozialer Kontrolle und der Ablehnung von Institutionen auseinandersetzen. Außerdem hat Wien dem Roman eine spezielle Dimension verliehen, besonders hinsichtlich der Darstellung der Beziehung meines Helden Dr. Julius zur autoritären Macht Slobodan Miloševićs, für die ich die Wiener Debatte zwischen den Psychiatern Sigmund Freud und Ludwig Jekels verwendet habe, die ihren Weg bis in meinen Erzähltext gefunden hat. Zu guter Letzt war Jekels’ Konzept des Wendepunkts wichtig für die Sujet-Entwicklung in Pas i kontrabas.

 

n.: Du weißt schon, dass wir von der Wiener Slawistik direkt auf den Narrenturm blicken? Es wäre wirklich schön, wenn du vor dieser Kulisse aus dem Roman lesen könntest. Kommen wir aber, wie versprochen, zu Serbien: Der Protagonist des Romans, Filip Isaković, trifft auf Probleme, die in der Gesellschaft verschwiegen werden. Unter anderem setzt er sich mit dem Trauma des Einzelnen nach den Kriegen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens auseinander, aber auch mit der aktuellen Migrationskrise. Warum wirst du im Roman so explizit politisch und aktuell?

 

S.I.: In einer Gesellschaft, in der ‚unerwünschte‘  Themen verschwiegen werden, hat die Kunst das Privileg und die Pflicht, diese anzusprechen. Das ist nicht einfach und in der Kunstszene oft nicht akzeptiert. Die Entscheidung, dennoch davon zu sprechen, bringt das ernsthafte Risiko mit sich, dass man marginal bleibt. Ich habe mich mit dieser Randstellung abgefunden und daher beschäftige ich mich in meinen Büchern auch mit aktuellen Fragen. Einerseits waren das Themen wie das Erinnern und das Vergessen, andererseits die Konstruktion medialer Diskurse in den 1990er Jahren, bis hin zum Problem der latenten Wunde des Traumas. Für die literarische Behandlung dieser Themen habe ich konkrete Figuren und Ereignisse geschaffen. Und so habe ich mich in meinen Romanen mit der Entführung in Štrpci befasst (Berlinsko okno), mit dem Attentat auf Premierminister Đinđić (Pad Kolumbije), mit dem Fortbestehen von Gefangenenlagern der frühen 1990er in Serbien (Lov na ježeve) sowie mit dem Massaker an den Korićani-Klippen und der Schlacht von Košare (Pas i kontrabas). Den gemeinsamen Nenner dieser schlimmen Ereignisse, die als metonymische Spur einer Ära zu verstehen sind, bilden im Grunde Slobodan Milošević und Mirjana Marković, jenes Ehepaar, welches das politische und militärische System der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien lenkte und dessen Einfluss durch ihre Partei und engen Mitarbeiter bis heute präsent geblieben ist. Ich habe mich entschieden über sie zu schreiben, obwohl mir bewusst war, dass ich gegenwärtig damit nicht auf besonders viel Verständnis stoßen werde. Die Kriegsepisoden des Romans sowie die Szene in der geheimen Residenz des Ehepaars wurden für die kulturelle Elite zum größten Problem an diesem Text. Einmal traf ich eine Leserin, die mir sagte: „Ihr Roman ist wunderbar, aber die Politik darin stört mich sehr.“ Ich fragte sie: „Welche Politik meinen Sie denn konkret?“, in diesem Roman gibt es nämlich wirklich in allen Narrativen ernsthafte politische Aspekte. Doch sie lächelte säuerlich und antwortete: „Na, die über Sloba und Mira.“ Im Grunde hat diese Leserin etwas angesprochen, das schon lange überwunden sein sollte, aber nicht ist. Offensichtlich lebt es in den Menschen weiter wie eine tiefe innere Unruhe, die uns Ticks beschert, deren wir uns nicht bewusst sind und über die wir nicht sprechen wollen.

 

n.: Man kann also sagen, dass sich dein Roman dem Vergessen entgegenstellt?

 

S.I.: Das Auslöschen von Erinnerung ist im Roman Pas i kontrabas tatsächlich eine zentrale Metapher. Ich bin auf sie gekommen, als ich die politischen und gesellschaftlichen Prozesse in meinem Umfeld während der letzten zehn Jahre analysierte. Dabei fiel mir eine katastrophale Inversion im Vergangenheitsverständnis auf. Während der letzten zehn Jahre haben sich nämlich politische und kulturelle Eliten sehr darum bemüht zu zeigen, dass der Widerstand gegen Milošević der Grund für die langjährige ökonomische und allgemeine Misere war. Premierminister Đinđić wurde durch einen Mordanschlag abgesetzt, jetzt wird ihm in Belgrad ein Denkmal errichtet. Die Auseinandersetzung mit dem Vergessen ist die wichtigste Aufgabe, die durch Wirtschaftsreformen und die europäische Integration zusätzlich unterstützt wird. Daher habe ich als Figuren des Romans solche Individuen gewählt, die so stark von ihrer Vergangenheit geprägt sind, dass sie, selbst unter Einwirkung starker und gefährlicher Sedativa, nicht vergessen können. Es geht natürlich um Kriegsveteranen, von denen jeder irgendwie seine eigene Geschichte hat, doch diese Geschichten erreichen die Öffentlichkeit nicht, das haben sie nie, außer in Einzelfällen, wenn solche Leute, als Folge ihrer gesellschaftlichen Isolation, Massenmorde begingen. Solche Ereignisse beunruhigen die zuständigen Stellen nicht, denn die Gesellschaft glaubt, dass sie einen europäischen Traum lebt, während es sich in Wahrheit um eine albtraumhafte Wirklichkeit handelt, die von den verkleideten Anführern der 1990er Jahre gestaltet wird. Die EU hilft ihnen dabei und es entsteht der Eindruck einer Bühne, auf der eine schöne Theatervorstellung gespielt wird, die für gewöhnlich mit einer Katastrophe endet. Eine der wichtigsten Motivationen meines Romans ist die Suche nach einem Ausweg aus diesem Zustand.

 

n.: Es ist also Aufgabe der Literatur eine Art Korrektur des technizistischen Erinnerungsverständnisses anzubieten, das im Roman vorgestellt wird. Wir meinen jene Stelle im Roman, als die Patienten versuchen, ihre Traumata zu vergessen, obwohl sich ihr Gedächtnis und ihr physiologischer Zustand dadurch verschlechtern. Daraus wird ein monströses Archiv erstellt, eine Ordnung der Wahrheit. Auf welche Arten kann deiner Meinung nach die Literatur ihr eigenes Gegenarchiv vorlegen?

 

S.I.: Die Literatur war schon immer ein Gegenarchiv der Kultur- und Politikgeschichte, als Sammlung universaler Notizen über sehr konkrete, symbolisch vermittelte Dinge. Natürlich wurden davon vor allem jene hochgespült, die sich zu Narrativen verfestigt haben, die in der Geschichte der Zivilisation wertvoll geworden sind. Nehmen wir nur den Anteil, den die griechische Tragödie am Entwicklungsprozess des europäischen Rechtssystems hatte, die Rolle der Ilias in der Entwicklung der Epidemiologie und die Bedeutung von Quarantäne unter Kriegsbedingungen, die Bedeutung der Göttlichen Komödie für die Entwicklung demokratischer, linker und kritischer Gedanken innerhalb der Kirche, die im Verlauf der Jahrhunderte zu einem großartigen Menschen geführt haben, zu unserem Zeitgenossen Don Andrea Gallo, der die Kirchengemeinde des Heiligen Benedikt von Genua leitete. Er vollzog eine persönliche Revolution innerhalb der katholischen Kirche, womit er gezeigt hat, dass dies auch in so rigiden Systemen wie der Kirche möglich ist. Bei solchen Einzelpersonen nimmt vieles seinen Anfang, und so gibt es auch in meinem Roman Figuren, die eine alternative Wissensordnung repräsentieren, ein anderes Epistem, das sich durch den Einfluss der Umgebung in unsere Epoche verirrt hat, wie im Falle des alten Dr. Julius aus Kovin. Sein Erscheinen im Koviner Kreis erinnert an ein Raumschiff, das in unserer verarmten Welt gelandet ist, in der die Dehumanisierung vorangetrieben wird. Doch ich würde daran erinnern, dass sich der Habitus von Dr. Julius an der Schwelle des Revolutionsjahres 1968 geformt hat, aus dem auch Franco Basaglia und viele weitere bedeutende Menschen jenes Jahrhunderts hervorgegangen sind. Der Konflikt dieser beiden Episteme, d.h. der Jahre 1968 und 2016 (in dem der Großteil der Arbeit am Roman stattfand), stellt den zentralen revolutionären Clash dar, der zur Negation dieser psychiatrischen Institution führt. Ich glaube, dass die Literatur uns darüber heute besonders viel sagen kann.

 

n.: Du hast die Namen deiner Figuren im Roman nicht transkribiert und auch eingefügte Passagen in anderen Sprachen nicht übersetzt. Warum hast du diese Entscheidung getroffen?

 

S.I.: Ich habe mich an einem Punkt entschlossen, mit Sprache in meinem Roman so umzugehen, wie der Jazz es mit Phrasierung, Variation, intertextueller Referenz oder mit Improvisation tut. Folglich sollte er nicht nur gelesen, sondern auch gehört werden. Ich habe versucht, meinen Leser_innen zu ermöglichen, die Originalsprachen zu hören, mit welchen der Jazz im Roman operiert. Ich wollte, dass man die etymologische Schreibung der Namen liest und die Polyphonie jener Welt fühlt, in der sich die Figuren befinden. So ist es möglich, mit der ungarischen, französischen, englischen, italienischen, deutschen, spanischen Sprache und Romani jeweils direkt in Kontakt zu treten; sehr häufig verschwimmen die Grenzen zwischen den neubegründeten postjugoslawischen Nationalsprachen, was gegen Ende des Romans durch den Entwurf einer jugoslawischen Sprache des Jazz ausgedrückt wird. Das ist, so würde ich sagen, meine persönliche Antwort auf die aktuelle ethnozentrische Sprachpolitik auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Ich muss sagen, dass die Kritik, die ich nach Erhalt des NIN-Preises bekam, teilweise gerade auf meine Geringschätzung des sogenannten nationalen Sprachstandards abzielte. Die Ersten glaubten darin meine mangelnde Bildung zu erkennen, die Zweiten bezeichneten mich als neureichen Emporkömmling, die Dritten sprachen von jugoslawistischem Kitsch, während die Vierten meinen Versuch, die Syntax des Jazz in unsere Literatur zu übertragen, scharf attackierten. Natürlich gab es auch solche, die meinten, dass ich mich angesichts meiner Herkunft nur mit Schweinereien beschäftigen könne, jedoch niemals mit Themen, die das breite Kulturareal des Balkans, Europas und des Mittelmeerraumes betreffen.

 

n.: Was du über Jazz, Schweinereien und den Roman sagst ist interessant. Kannst du uns mehr zur Rolle von Musik und Klang im Roman sagen?

 

S.I.: Die euphonische Komposition des Romans ist sehr wichtig, besonders weil uns diese ganze Welt indirekt von einem Jazz-Musiker erzählt wird, dessen Wahrnehmungen folglich in erster Linie auditiv sind. Als er sich an eine Liebesbeziehung erinnert, sagt er, dass er sie mit den Fingern auf dem Knie spielen könnte. Als er sich an die erste Begegnung erinnert, beginnt diese Szene mit den Klängen in einem Belgrader Klub. Als er in Kovin aufwacht, nimmt er als Erstes eine Geige wahr, dazu Echos, nächtliche Geräusche durch die Wände, Wasserplätschern, das Scharren und Zittern von Lebewesen. Genauso beginnt das Kapitel „Libertad“ mit einer Jazz-Variation auf die Geräusche der Stadt Genua, während der Protagonist langsam darin aufwacht. Er assoziiert dies mit bestimmten Jazz-Variationen, mit dem Getrampel der Elefanten auf dem Bild eines senegalesischen Künstlers, wie auch mit dem zukünftigen Kontrabass-Spiel. Klang ist für ihn alles, die Unruheskala des Romans ist in erster Linie klanglich, zusätzlich ist sie visuell sowie gustatorisch, aber auch Düfte haben ihren eigenen Wirkungsbereich im Text. Die Musik motiviert darüber hinaus bestimmte Handlungen und begleitet den Protagonisten bis zum Ende. In ihr löst sich die wichtigste Aporie des Lebens auf, was am Ende des Romans in der Bar Felice geschieht.

 

n.: Du hast die Kritik etwas spezifiziert, die du für „Pas i kontrabas“ und den NIN-Preis 2019 erfahren hast. Bedeutet dir dieser Preis etwas? Und was hälst du vom Boykott des NIN-Preises durch einige Schriftsteller und Kritiker? Diese beziehen sich ja gar nicht wirklich auf deinen Roman, sondern stören sich eher an den politischen Ansichten Teofil Pančićs…

 

S.I.: Ich beschäftige mich schon lange mit der Kulturpolitik in Serbien und diese Frage müsste wirklich sehr ausschweifend beantwortet werden, denn sie berührt auch Themen wie die Negation der Kriegsvergangenheit, den offiziellen Literaturkanon und die Beziehung zwischen Mainstream und Subkultur. Man könnte sagen, dieser Preis hat in mir die Hoffnung geweckt, dass eine verschlossene und fest eingefahrene Struktur aufgebrochen und revolutioniert werden kann.
Was den Boykott anbelangt, würde mich interessieren, warum diese Kritiker die Ansichten Teofil Pančićs früher nicht störten, als über seine Bücher sehr lobend und affirmativ geschrieben wurde. Ich würde sagen, dass es hier um etwas anderes geht, nämlich um die Bewahrung eines Tabus, das hier mit dem NIN-Preis seit langem verteidigt wird. Wer sich das genauer ansieht, kann sich selbst davon überzeugen.

 

n.: Verstanden! Einer der Anführer des Protests gegen den diesjährigen NIN-Preis ist der Verlag Laguna, dessen Autoren nicht in die nähere Auswahl kamen. Wie kommentierst du die Verlagsbranche innerhalb Serbiens?

 

S.I.: Ich habe euch schon gesagt, worin ich die wahre Motivation hinter dem Boykott sehe. Es geht um die Wahrung der nationalen Dimensionen dieses Preises mit allen damit verbundenen Tabus. Ich wundere mich keineswegs über die Tatsache, dass jugoslawische Themen, wie auch die Präsenz eines Autors auf der Shortlist, der außerhalb der Region lebt, eine Hysterie bei den Boykottierenden ausgelöst hat. Zugleich führte die diesjährige Verleihung des NIN-Preises an einen kleinen Verlag zur Beschädigung eines Monopols, das in Serbien der größte Verlag Laguna innehat. Der Verlag begleitete diesen Boykott konsequent, indem er mein Buch sowie noch ein weiteres aus derselben Reihe aus den Auslagen seiner Buchhandlungen nahm und den Leser_innen den Gewinner des NIN-Preises aus dem Vorjahr anbot, welcher tatsächlich ein Autor aus ihrem Verlagshaus ist. Das erklärt am besten die Lage der kleinen Verlagshäuser in der hiesigen Szene sowie deren Möglichkeiten, tatsächlich etwas zu erreichen.

 

n.: Das klingt nicht gut! Und wie ist die Situation der Medien?

 

S.I.: Die Lage der Medien in Serbien ist ein großes und sehr ernstzunehmendes Thema, über das man tagelang sprechen könnte. Doch ich würde jetzt nur mal sagen, dass ein Großteil der Medien unter der Kontrolle des Regimes steht und die Reichweite der wenigen unabhängigen Medien erschreckend gering ist. Unter den Bedingungen des Ausnahmezustands, in dem wir uns aktuell befinden, haben wir sogar die Verhaftung von Journalisten miterlebt, welche über die Wahrheit der Lage in manchen medizinischen Einrichtungen in der Zeit der Pandemie berichten. Für kurze Zeit wurde auch ein Informationsgesetz eingeführt, das auch während der Bombardierung 1999 in Kraft war, als der aktuelle Präsident noch Informationsminister war. Wir haben insofern ein ernstzunehmendes Problem, als die Funktionsweise unserer Medien durch den Ausnahmezustand als Normalität legitimiert wird. Darauf haben einige Vertreter_innen der EU reagiert, ohne jedoch tatsächlich Einfluss auf die mediale Wirklichkeit Serbiens zu nehmen.

 

n.: Zum Ende unseres Gesprächs wüssten wir natürlich gerne: Woran arbeitest du momentan?

 

S.I.: Derzeit bin ich für 28 Tage in Selbstisolation, da ich unmittelbar vor der Verkündung des Ausnahmezustands am 15. März anlässlich der Bewerbung meines Buches durch die gesamte Region gereist bin. Nun bin ich hier, in meinen eigenen vier Wänden, lese einige tolle Schriftsteller wie Bolaño und ab und zu nehme ich an Videokonferenzen teil. Ich halte Kontakt mit meinen Freunden, um den Anschein eines normalen Lebens zu wahren, und ich verfolge, was um mich herum geschieht, unmittelbar in meinem Haus wie auch auf der politischen Bühne. Für Peščanik führe ich das „Tagebuch der Ausnahmesituation“, das ist auch das Einzige, woran ich in den letzten Wochen geschrieben habe.

 

novinki: Wir hoffen natürlich, es bleibt nicht dabei. Vielen Dank, Saša, für das Gespräch!

 

Das Interview führten Miranda Jakiša, Uroš Ristanovic und Milica Santa.

(übersetzt von Inge Jandl, Senad Halilbašić, Uroš Ristanović und Katharina Tyran)

 

Von Saša Ilić sind bisher folgende Romane und Erzählbände erschienen:

Predosećanje gradjanskog rata (2000)
Berlinsko okno (2005; dt: Das Berliner Fenster 2019)
Pad Kolumbije (2011)
Lov na ježeve (2014)
Dušanovac.Pošta (2015)
Pas i kontrabas (2019)

 

Weiterführende Links:

Ein Blick durchs Berliner Fenster von Tatjana Petzer auf novinki.

Lesungsreihe: Die Unzufriedenen – Literatur des Protests aus Südosteuropa auf novinki.

Jazz, Schweinereien und eine kontroverse NIN-Preis-Verleihung: Saša Ilić im Gespräch über „Pas i kontrabas“ – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Jazz, Schwei­ne­reien und eine kon­tro­verse NIN-Preis-Ver­lei­hung: Saša Ilić im Gespräch über „Pas i kontrabas“

Saša Ilić sollte im März aus seinem jüngsten Roman „Pas i kon­trabas“ (2019) lesen, für den er den renom­mierten NIN-Preis für Lite­ratur erhalten hat. Am Wiener novinki-Standort wollten wir mit ihm über die kon­tro­versen Reak­tionen auf die Ver­lei­hung spre­chen. Seit vielen Jahren ver­folgen wir bei novinki Saša Ilićs Arbeit. Leider kamen uns die Covid-19-Maß­nahmen dazwi­schen und wir haben das Gespräch nun online geführt.

 

Saša Ilić ist Autor von Ber­linsko okno (2005) und Pad Kolum­bije (2011).  Er wurde 1972 in Jago­dina geboren, ist Mit­be­gründer und Redak­teur der Lite­ratur-Bei­lage BETON, Unter­zeichner der Dekla­ra­tion zur gemein­samen Sprache und als Kri­tiker und Kul­tur­kom­men­tator in Ser­bien aktiv.

 

Hier können Sie das Ori­ginal im Ser­bi­schen lesen.

 

© Vesna Lalić.

 

novinki: Vielen Dank, dass du dich bereit erklärt hast, uns ein Online-Inter­view zu geben. Leider mussten wir unsere für März 2020 geplante Lesung in Wien vor­erst ver­schieben. Was bedeuten die gegen­wär­tigen Covid-19-Maß­nahmen für dich als Schriftsteller?

 

Saša Ilić: Zunächst danke ich euch für die Ein­la­dung. Wäh­rend wir uns unter­halten, werden um uns herum, fast wie in einem fik­tiven Werk, dras­ti­sche Maß­nahmen im Kampf gegen das Corona-Virus ergriffen. Das Virus hat es in wenigen Monaten geschafft, das Gesicht der Welt zu ver­än­dern, Grenzen dicht zu machen, Schengen und die Men­schen­rechte zu sus­pen­dieren, alle Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­näle auf das digi­tale Para­digma zu ver­la­gern… Covid-19 ent­larvt auch das Wesen ein­zelner Staaten, weil raus­kommt, nach wel­chen Mus­tern sie funk­tio­nieren und ob es sich um demo­kra­ti­sche, auto­ri­täre, tota­li­täre Sys­teme han­delt oder um solche in Tran­si­tion… Das sieht man gut an den Modellen, die die ein­zelnen Staaten zum Schutz vor Covid-19 gewählt haben. So wurde in Ser­bien ein repres­sives Modell akti­viert, mit der Ver­hän­gung eines Aus­nah­me­zu­stands anstelle von Aus­nah­me­maß­nahmen, durch die Ein­füh­rung einer Poli­zei­stunde, die aller Wahr­schein­lich­keit nach bald zu einer totalen Aus­gangs­sperre über 24 Stunden aus­ge­weitet wird [Stand April 2020, Anm. d. Red.]. Somit ist der Umgang mit der Krise wie ein Lack­mus­test, der uns deut­lich zeigen kann, wie dieser Staat auch unter „Friedens“-Bedingungen funktioniert.

 

n.: Zu Ser­bien kommen wir zurück. Lass uns kurz in Wien bleiben. Der Groß­teil des Romans „Pas i kon­trabas“ (dt. Der Hund und der Kon­tra­bass) ist im Muse­ums­Quar­tier hier in der Stadt ent­standen. Hatte der Auf­ent­halt in Öster­reich auf irgend­eine Weise Ein­fluss auf den Roman?

 

S. I.: In Wien habe ich mich zwei Monate lang auf­ge­halten, die durch täg­liche Schreib­ar­beit aus­ge­füllt waren. Die Recher­chen zum Roman begannen schon zwei­ein­halb Jahre vorher. Ich habe in Biblio­theken und Archiven in meh­reren Städten gesucht, überall dort, wo Doku­mente über die psych­ia­tri­sche Klinik in Kovin archi­viert sind. Bei der Recherche habe ich ver­standen, dass Kovin in seiner frühen Phase eine geo­gra­fi­sche Grenze (zwi­schen Öster­reich-Ungarn und Ser­bien) und nach dem Ersten Welt­krieg einen Trans­for­ma­ti­ons­raum der euro­päi­schen Insti­tu­tionen (Militär und Psych­ia­trie) dar­stellte, um in der Folge eine Zone euro­päi­scher Inte­gra­tion (Psych­ia­trie, Militär, Trauma, West­balkan, EU) zu werden. Der Auf­ent­halt in Wien hat es mir ermög­licht, mich in Texte über die Früh­phase der euro­päi­schen „Asyle für Geis­tes­kranke“ zu ver­tiefen, den Nar­ren­turm [his­to­ri­sche Psych­ia­tri­sche Klinik in Turm­form, Anm. d. Red.] zu besu­chen, und auch Über­set­zungen einiger wich­tiger anti­psych­ia­tri­scher Texte zu finden, beson­ders sol­cher, die sich mit der Ideo­logie totaler sozialer Kon­trolle und der Ableh­nung von Insti­tu­tionen aus­ein­an­der­setzen. Außerdem hat Wien dem Roman eine spe­zi­elle Dimen­sion ver­liehen, beson­ders hin­sicht­lich der Dar­stel­lung der Bezie­hung meines Helden Dr. Julius zur auto­ri­tären Macht Slo­bodan Miloše­vićs, für die ich die Wiener Debatte zwi­schen den Psych­ia­tern Sig­mund Freud und Ludwig Jekels ver­wendet habe, die ihren Weg bis in meinen Erzähl­text gefunden hat. Zu guter Letzt war Jekels’ Kon­zept des Wen­de­punkts wichtig für die Sujet-Ent­wick­lung in Pas i kon­trabas.

 

n.: Du weißt schon, dass wir von der Wiener Sla­wistik direkt auf den Nar­ren­turm bli­cken? Es wäre wirk­lich schön, wenn du vor dieser Kulisse aus dem Roman lesen könn­test. Kommen wir aber, wie ver­spro­chen, zu Ser­bien: Der Prot­ago­nist des Romans, Filip Isa­ković, trifft auf Pro­bleme, die in der Gesell­schaft ver­schwiegen werden. Unter anderem setzt er sich mit dem Trauma des Ein­zelnen nach den Kriegen auf dem Gebiet des ehe­ma­ligen Jugo­sla­wiens aus­ein­ander, aber auch mit der aktu­ellen Migra­ti­ons­krise. Warum wirst du im Roman so explizit poli­tisch und aktuell?

 

S.I.: In einer Gesell­schaft, in der ‚uner­wünschte‘  Themen ver­schwiegen werden, hat die Kunst das Pri­vileg und die Pflicht, diese anzu­spre­chen. Das ist nicht ein­fach und in der Kunst­szene oft nicht akzep­tiert. Die Ent­schei­dung, den­noch davon zu spre­chen, bringt das ernst­hafte Risiko mit sich, dass man mar­ginal bleibt. Ich habe mich mit dieser Rand­stel­lung abge­funden und daher beschäf­tige ich mich in meinen Büchern auch mit aktu­ellen Fragen. Einer­seits waren das Themen wie das Erin­nern und das Ver­gessen, ande­rer­seits die Kon­struk­tion medialer Dis­kurse in den 1990er Jahren, bis hin zum Pro­blem der latenten Wunde des Traumas. Für die lite­ra­ri­sche Behand­lung dieser Themen habe ich kon­krete Figuren und Ereig­nisse geschaffen. Und so habe ich mich in meinen Romanen mit der Ent­füh­rung in Štrpci befasst (Ber­linsko okno), mit dem Attentat auf Pre­mier­mi­nister Đinđić (Pad Kolum­bije), mit dem Fort­be­stehen von Gefan­ge­nen­la­gern der frühen 1990er in Ser­bien (Lov na ježeve) sowie mit dem Mas­saker an den Korićani-Klippen und der Schlacht von Košare (Pas i kon­trabas). Den gemein­samen Nenner dieser schlimmen Ereig­nisse, die als met­ony­mi­sche Spur einer Ära zu ver­stehen sind, bilden im Grunde Slo­bodan Milošević und Mir­jana Mar­ković, jenes Ehe­paar, wel­ches das poli­ti­sche und mili­tä­ri­sche System der Föde­ra­tiven Volks­re­pu­blik Jugo­sla­wien lenkte und dessen Ein­fluss durch ihre Partei und engen Mit­ar­beiter bis heute prä­sent geblieben ist. Ich habe mich ent­schieden über sie zu schreiben, obwohl mir bewusst war, dass ich gegen­wärtig damit nicht auf beson­ders viel Ver­ständnis stoßen werde. Die Kriegs­epi­soden des Romans sowie die Szene in der geheimen Resi­denz des Ehe­paars wurden für die kul­tu­relle Elite zum größten Pro­blem an diesem Text. Einmal traf ich eine Leserin, die mir sagte: „Ihr Roman ist wun­derbar, aber die Politik darin stört mich sehr.“ Ich fragte sie: „Welche Politik meinen Sie denn kon­kret?“, in diesem Roman gibt es näm­lich wirk­lich in allen Nar­ra­tiven ernst­hafte poli­ti­sche Aspekte. Doch sie lächelte säu­er­lich und ant­wor­tete: „Na, die über Sloba und Mira.“ Im Grunde hat diese Leserin etwas ange­spro­chen, das schon lange über­wunden sein sollte, aber nicht ist. Offen­sicht­lich lebt es in den Men­schen weiter wie eine tiefe innere Unruhe, die uns Ticks beschert, deren wir uns nicht bewusst sind und über die wir nicht spre­chen wollen.

 

n.: Man kann also sagen, dass sich dein Roman dem Ver­gessen entgegenstellt?

 

S.I.: Das Aus­lö­schen von Erin­ne­rung ist im Roman Pas i kon­trabas tat­säch­lich eine zen­trale Meta­pher. Ich bin auf sie gekommen, als ich die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Pro­zesse in meinem Umfeld wäh­rend der letzten zehn Jahre ana­ly­sierte. Dabei fiel mir eine kata­stro­phale Inver­sion im Ver­gan­gen­heits­ver­ständnis auf. Wäh­rend der letzten zehn Jahre haben sich näm­lich poli­ti­sche und kul­tu­relle Eliten sehr darum bemüht zu zeigen, dass der Wider­stand gegen Milošević der Grund für die lang­jäh­rige öko­no­mi­sche und all­ge­meine Misere war. Pre­mier­mi­nister Đinđić wurde durch einen Mord­an­schlag abge­setzt, jetzt wird ihm in Bel­grad ein Denkmal errichtet. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ver­gessen ist die wich­tigste Auf­gabe, die durch Wirt­schafts­re­formen und die euro­päi­sche Inte­gra­tion zusätz­lich unter­stützt wird. Daher habe ich als Figuren des Romans solche Indi­vi­duen gewählt, die so stark von ihrer Ver­gan­gen­heit geprägt sind, dass sie, selbst unter Ein­wir­kung starker und gefähr­li­cher Seda­tiva, nicht ver­gessen können. Es geht natür­lich um Kriegs­ve­te­ranen, von denen jeder irgendwie seine eigene Geschichte hat, doch diese Geschichten errei­chen die Öffent­lich­keit nicht, das haben sie nie, außer in Ein­zel­fällen, wenn solche Leute, als Folge ihrer gesell­schaft­li­chen Iso­la­tion, Mas­sen­morde begingen. Solche Ereig­nisse beun­ru­higen die zustän­digen Stellen nicht, denn die Gesell­schaft glaubt, dass sie einen euro­päi­schen Traum lebt, wäh­rend es sich in Wahr­heit um eine alb­traum­hafte Wirk­lich­keit han­delt, die von den ver­klei­deten Anfüh­rern der 1990er Jahre gestaltet wird. Die EU hilft ihnen dabei und es ent­steht der Ein­druck einer Bühne, auf der eine schöne Thea­ter­vor­stel­lung gespielt wird, die für gewöhn­lich mit einer Kata­strophe endet. Eine der wich­tigsten Moti­va­tionen meines Romans ist die Suche nach einem Ausweg aus diesem Zustand.

 

n.: Es ist also Auf­gabe der Lite­ratur eine Art Kor­rektur des tech­ni­zis­ti­schen Erin­ne­rungs­ver­ständ­nisses anzu­bieten, das im Roman vorgestellt wird. Wir meinen jene Stelle im Roman, als die Pati­enten ver­su­chen, ihre Trau­mata zu ver­gessen, obwohl sich ihr Gedächtnis und ihr phy­sio­lo­gi­scher Zustand dadurch ver­schlech­tern. Daraus wird ein mons­tröses Archiv erstellt, eine Ord­nung der Wahr­heit. Auf welche Arten kann deiner Mei­nung nach die Lite­ratur ihr eigenes Gegen­ar­chiv vorlegen?

 

S.I.: Die Lite­ratur war schon immer ein Gegen­ar­chiv der Kultur- und Poli­tik­ge­schichte, als Samm­lung uni­ver­saler Notizen über sehr kon­krete, sym­bo­lisch ver­mit­telte Dinge. Natür­lich wurden davon vor allem jene hoch­ge­spült, die sich zu Nar­ra­tiven ver­fes­tigt haben, die in der Geschichte der Zivi­li­sa­tion wert­voll geworden sind. Nehmen wir nur den Anteil, den die grie­chi­sche Tra­gödie am Ent­wick­lungs­pro­zess des euro­päi­schen Rechts­sys­tems hatte, die Rolle der Ilias in der Ent­wick­lung der Epi­de­mio­logie und die Bedeu­tung von Qua­ran­täne unter Kriegs­be­din­gungen, die Bedeu­tung der Gött­li­chen Komödie für die Ent­wick­lung demo­kra­ti­scher, linker und kri­ti­scher Gedanken inner­halb der Kirche, die im Ver­lauf der Jahr­hun­derte zu einem groß­ar­tigen Men­schen geführt haben, zu unserem Zeit­ge­nossen Don Andrea Gallo, der die Kir­chen­ge­meinde des Hei­ligen Bene­dikt von Genua lei­tete. Er vollzog eine per­sön­liche Revo­lu­tion inner­halb der katho­li­schen Kirche, womit er gezeigt hat, dass dies auch in so rigiden Sys­temen wie der Kirche mög­lich ist. Bei sol­chen Ein­zel­per­sonen nimmt vieles seinen Anfang, und so gibt es auch in meinem Roman Figuren, die eine alter­na­tive Wis­sens­ord­nung reprä­sen­tieren, ein anderes Epistem, das sich durch den Ein­fluss der Umge­bung in unsere Epoche ver­irrt hat, wie im Falle des alten Dr. Julius aus Kovin. Sein Erscheinen im Koviner Kreis erin­nert an ein Raum­schiff, das in unserer ver­armten Welt gelandet ist, in der die Dehu­ma­ni­sie­rung vor­an­ge­trieben wird. Doch ich würde daran erin­nern, dass sich der Habitus von Dr. Julius an der Schwelle des Revo­lu­ti­ons­jahres 1968 geformt hat, aus dem auch Franco Basaglia und viele wei­tere bedeu­tende Men­schen jenes Jahr­hun­derts her­vor­ge­gangen sind. Der Kon­flikt dieser beiden Epis­teme, d.h. der Jahre 1968 und 2016 (in dem der Groß­teil der Arbeit am Roman statt­fand), stellt den zen­tralen revo­lu­tio­nären Clash dar, der zur Nega­tion dieser psych­ia­tri­schen Insti­tu­tion führt. Ich glaube, dass die Lite­ratur uns dar­über heute beson­ders viel sagen kann.

 

n.: Du hast die Namen deiner Figuren im Roman nicht tran­skri­biert und auch ein­ge­fügte Pas­sagen in anderen Spra­chen nicht über­setzt. Warum hast du diese Ent­schei­dung getroffen?

 

S.I.: Ich habe mich an einem Punkt ent­schlossen, mit Sprache in meinem Roman so umzu­gehen, wie der Jazz es mit Phra­sie­rung, Varia­tion, inter­tex­tu­eller Refe­renz oder mit Impro­vi­sa­tion tut. Folg­lich sollte er nicht nur gelesen, son­dern auch gehört werden. Ich habe ver­sucht, meinen Leser_innen zu ermög­li­chen, die Ori­gi­nal­spra­chen zu hören, mit wel­chen der Jazz im Roman ope­riert. Ich wollte, dass man die ety­mo­lo­gi­sche Schrei­bung der Namen liest und die Poly­phonie jener Welt fühlt, in der sich die Figuren befinden. So ist es mög­lich, mit der unga­ri­schen, fran­zö­si­schen, eng­li­schen, ita­lie­ni­schen, deut­schen, spa­ni­schen Sprache und Romani jeweils direkt in Kon­takt zu treten; sehr häufig ver­schwimmen die Grenzen zwi­schen den neu­be­grün­deten post­ju­go­sla­wi­schen Natio­nal­spra­chen, was gegen Ende des Romans durch den Ent­wurf einer jugo­sla­wi­schen Sprache des Jazz aus­ge­drückt wird. Das ist, so würde ich sagen, meine per­sön­liche Ant­wort auf die aktu­elle eth­no­zen­tri­sche Sprach­po­litik auf dem Gebiet des ehe­ma­ligen Jugo­sla­wiens. Ich muss sagen, dass die Kritik, die ich nach Erhalt des NIN-Preises bekam, teil­weise gerade auf meine Gering­schät­zung des soge­nannten natio­nalen Sprach­stan­dards abzielte. Die Ersten glaubten darin meine man­gelnde Bil­dung zu erkennen, die Zweiten bezeich­neten mich als neu­rei­chen Empor­kömm­ling, die Dritten spra­chen von jugo­sla­wis­ti­schem Kitsch, wäh­rend die Vierten meinen Ver­such, die Syntax des Jazz in unsere Lite­ratur zu über­tragen, scharf atta­ckierten. Natür­lich gab es auch solche, die meinten, dass ich mich ange­sichts meiner Her­kunft nur mit Schwei­ne­reien beschäf­tigen könne, jedoch nie­mals mit Themen, die das breite Kul­tur­areal des Bal­kans, Europas und des Mit­tel­meer­raumes betreffen.

 

n.: Was du über Jazz, Schwei­ne­reien und den Roman sagst ist inter­es­sant. Kannst du uns mehr zur Rolle von Musik und Klang im Roman sagen?

 

S.I.: Die eupho­ni­sche Kom­po­si­tion des Romans ist sehr wichtig, beson­ders weil uns diese ganze Welt indi­rekt von einem Jazz-Musiker erzählt wird, dessen Wahr­neh­mungen folg­lich in erster Linie auditiv sind. Als er sich an eine Lie­bes­be­zie­hung erin­nert, sagt er, dass er sie mit den Fin­gern auf dem Knie spielen könnte. Als er sich an die erste Begeg­nung erin­nert, beginnt diese Szene mit den Klängen in einem Bel­grader Klub. Als er in Kovin auf­wacht, nimmt er als Erstes eine Geige wahr, dazu Echos, nächt­liche Geräu­sche durch die Wände, Was­ser­plät­schern, das Scharren und Zit­tern von Lebe­wesen. Genauso beginnt das Kapitel „Libertad“ mit einer Jazz-Varia­tion auf die Geräu­sche der Stadt Genua, wäh­rend der Prot­ago­nist langsam darin auf­wacht. Er asso­zi­iert dies mit bestimmten Jazz-Varia­tionen, mit dem Getrampel der Ele­fanten auf dem Bild eines sene­ga­le­si­schen Künst­lers, wie auch mit dem zukünf­tigen Kon­tra­bass-Spiel. Klang ist für ihn alles, die Unru­heskala des Romans ist in erster Linie klang­lich, zusätz­lich ist sie visuell sowie gusta­to­risch, aber auch Düfte haben ihren eigenen Wir­kungs­be­reich im Text. Die Musik moti­viert dar­über hinaus bestimmte Hand­lungen und begleitet den Prot­ago­nisten bis zum Ende. In ihr löst sich die wich­tigste Aporie des Lebens auf, was am Ende des Romans in der Bar Felice geschieht.

 

n.: Du hast die Kritik etwas spe­zi­fi­ziert, die du für „Pas i kon­trabas“ und den NIN-Preis 2019 erfahren hast. Bedeutet dir dieser Preis etwas? Und was hälst du vom Boy­kott des NIN-Preises durch einige Schrift­steller und Kri­tiker? Diese beziehen sich ja gar nicht wirk­lich auf deinen Roman, son­dern stören sich eher an den poli­ti­schen Ansichten Teofil Pančićs…

 

S.I.: Ich beschäf­tige mich schon lange mit der Kul­tur­po­litik in Ser­bien und diese Frage müsste wirk­lich sehr aus­schwei­fend beant­wortet werden, denn sie berührt auch Themen wie die Nega­tion der Kriegs­ver­gan­gen­heit, den offi­zi­ellen Lite­ra­tur­kanon und die Bezie­hung zwi­schen Main­stream und Sub­kultur. Man könnte sagen, dieser Preis hat in mir die Hoff­nung geweckt, dass eine ver­schlos­sene und fest ein­ge­fah­rene Struktur auf­ge­bro­chen und revo­lu­tio­niert werden kann.
Was den Boy­kott anbe­langt, würde mich inter­es­sieren, warum diese Kri­tiker die Ansichten Teofil Pančićs früher nicht störten, als über seine Bücher sehr lobend und affir­mativ geschrieben wurde. Ich würde sagen, dass es hier um etwas anderes geht, näm­lich um die Bewah­rung eines Tabus, das hier mit dem NIN-Preis seit langem ver­tei­digt wird. Wer sich das genauer ansieht, kann sich selbst davon überzeugen.

 

n.: Ver­standen! Einer der Anführer des Pro­tests gegen den dies­jäh­rigen NIN-Preis ist der Verlag Laguna, dessen Autoren nicht in die nähere Aus­wahl kamen. Wie kom­men­tierst du die Ver­lags­branche inner­halb Serbiens?

 

S.I.: Ich habe euch schon gesagt, worin ich die wahre Moti­va­tion hinter dem Boy­kott sehe. Es geht um die Wah­rung der natio­nalen Dimen­sionen dieses Preises mit allen damit ver­bun­denen Tabus. Ich wun­dere mich kei­nes­wegs über die Tat­sache, dass jugo­sla­wi­sche Themen, wie auch die Prä­senz eines Autors auf der Short­list, der außer­halb der Region lebt, eine Hys­terie bei den Boy­kot­tie­renden aus­ge­löst hat. Zugleich führte die dies­jäh­rige Ver­lei­hung des NIN-Preises an einen kleinen Verlag zur Beschä­di­gung eines Mono­pols, das in Ser­bien der größte Verlag Laguna innehat. Der Verlag beglei­tete diesen Boy­kott kon­se­quent, indem er mein Buch sowie noch ein wei­teres aus der­selben Reihe aus den Aus­lagen seiner Buch­hand­lungen nahm und den Leser_innen den Gewinner des NIN-Preises aus dem Vor­jahr anbot, wel­cher tat­säch­lich ein Autor aus ihrem Ver­lags­haus ist. Das erklärt am besten die Lage der kleinen Ver­lags­häuser in der hie­sigen Szene sowie deren Mög­lich­keiten, tat­säch­lich etwas zu erreichen.

 

n.: Das klingt nicht gut! Und wie ist die Situa­tion der Medien?

 

S.I.: Die Lage der Medien in Ser­bien ist ein großes und sehr ernst­zu­neh­mendes Thema, über das man tage­lang spre­chen könnte. Doch ich würde jetzt nur mal sagen, dass ein Groß­teil der Medien unter der Kon­trolle des Regimes steht und die Reich­weite der wenigen unab­hän­gigen Medien erschre­ckend gering ist. Unter den Bedin­gungen des Aus­nah­me­zu­stands, in dem wir uns aktuell befinden, haben wir sogar die Ver­haf­tung von Jour­na­listen mit­er­lebt, welche über die Wahr­heit der Lage in man­chen medi­zi­ni­schen Ein­rich­tungen in der Zeit der Pan­demie berichten. Für kurze Zeit wurde auch ein Infor­ma­ti­ons­ge­setz ein­ge­führt, das auch wäh­rend der Bom­bar­die­rung 1999 in Kraft war, als der aktu­elle Prä­si­dent noch Infor­ma­ti­ons­mi­nister war. Wir haben inso­fern ein ernst­zu­neh­mendes Pro­blem, als die Funk­ti­ons­weise unserer Medien durch den Aus­nah­me­zu­stand als Nor­ma­lität legi­ti­miert wird. Darauf haben einige Vertreter_innen der EU reagiert, ohne jedoch tat­säch­lich Ein­fluss auf die mediale Wirk­lich­keit Ser­biens zu nehmen.

 

n.: Zum Ende unseres Gesprächs wüssten wir natür­lich gerne: Woran arbei­test du momentan?

 

S.I.: Der­zeit bin ich für 28 Tage in Selbst­iso­la­tion, da ich unmit­telbar vor der Ver­kün­dung des Aus­nah­me­zu­stands am 15. März anläss­lich der Bewer­bung meines Buches durch die gesamte Region gereist bin. Nun bin ich hier, in meinen eigenen vier Wänden, lese einige tolle Schrift­steller wie [Roberto] Bolaño und ab und zu nehme ich an Video­kon­fe­renzen teil. Ich halte Kon­takt mit meinen Freunden, um den Anschein eines nor­malen Lebens zu wahren, und ich ver­folge, was um mich herum geschieht, unmit­telbar in meinem Haus wie auch auf der poli­ti­schen Bühne. Für Peščanik führe ich das „Tage­buch der Aus­nah­me­si­tua­tion“, das ist auch das Ein­zige, woran ich in den letzten Wochen geschrieben habe.

 

novinki: Wir hoffen natür­lich, es bleibt nicht dabei. Vielen Dank, Saša, für das Gespräch!

 

Das Inter­view führten Miranda Jakiša, Uroš Rista­novic und Milica Santa.

(über­setzt von Inge Jandl, Senad Hali­l­bašić, Uroš Rista­nović und Katha­rina Tyran)

 

Von Saša Ilić sind bisher fol­gende Romane und Erzähl­bände erschienen:

Pre­do­sećanje grad­janskog rata (2000)
Ber­linsko okno (2005; dt: Das Ber­liner Fenster 2019)
Pad Kolum­bije (2011)
Lov na ježeve (2014)
Dušanovac.Pošta (2015)
Pas i kon­trabas (2019)

 

Wei­ter­füh­rende Links:

Ein Blick durchs Ber­liner Fenster von Tat­jana Petzer auf novinki.

Lesungs­reihe: Die Unzu­frie­denen – Lite­ratur des Pro­tests aus Süd­ost­eu­ropa auf novinki.