Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Mani­fest des Retro­fu­tu­rismus

Pavel Pep­perš­tejn, Schrift­steller, Künstler und alter Mos­kauer Kon­zep­tua­list, ent­wirft eine Archi­tektur für das neue Russ­land. Seine wun­der­samen Gebilde bre­chen eine Lanze für die orga­ni­sche Schön­heit in einer bau­pla­ne­risch ver­schan­delten Welt.

 

 

 

Ein Gebirgs­kamm als Umriss der Gestalt eines Betrun­kenen, eine rie­sige Kaf­fee­tasse mitten im Meer, in der die Welt­re­gie­rung tagt, Groß­müt­ter­chen Russ­lands zylin­der­för­miger Rock, der als rie­sige Kuppel die ganze Stadt über­dacht: Bizarr und fremd muten die Bilder dieser gigan­to­ma­ni­schen Archi­tektur eines zukünf­tigen Russ­land in Pavel Pep­perš­tejns bebil­derten Erzähl­bänden oder viel­mehr: erzählten Bild­bänden an.

 

Mos­kauer Visionen

Pep­perš­tejn [Pep­per­stein] trat in den späten 1980er Jahren zunächst als bil­dender Künstler der spät­so­wje­ti­schen Avant­garde in Erschei­nung und war Mit­be­gründer der Gruppe „Inspek­tion Medi­zi­ni­sche Her­me­neutik“, die dem Kreise der Mos­kauer Kon­zep­tua­listen ent­sprang. In den beiden 2016 erschie­nenen Bänden Stadt Russ­land und Der Archi­tekt und das gol­dene Kind werden Visionen uto­pi­scher Archi­tektur für sein Hei­mat­land ent­worfen, für wel­ches der Autor die Rolle des Stadt- und Zukunfts­pla­ners über­nimmt. Die Ein­lei­tung zu Stadt Russ­land bildet ein an den rus­si­schen Prä­si­denten adres­sierter Brief, in wel­chem Pep­perš­tejn vor­schlägt, auf­grund der ästhe­ti­schen Ver­un­stal­tung Mos­kaus und Peters­burgs zwi­schen diesen eine neue Haupt­stadt zu errichten. Zwar hat Putin auf den von Pep­perš­tejn tat­säch­lich abge­sen­deten Brief nie geant­wortet, jedoch konnte Pep­perš­tejn mit seiner gro­tesken Natio­nal­ar­chi­tektur im rus­si­schen Pavil­lion auf der Bien­nale in Venedig einige Jahre später sein Hei­mat­land reprä­sen­tieren.

Seine dort aus­ge­stellten und in den Bänden abge­bil­deten Denk­mäler der Zukunft will er in der Tra­di­tion der kon­struk­ti­vis­ti­schen Sowjet­ar­chi­tektur ver­standen wissen. Diese konnte sich am Anfang des 20. Jahr­hun­derts nicht gegen den dik­tierten sta­li­nis­ti­schen, neo­klas­si­zis­ti­schen Main­stream durch­setzen und der Erhalt der Gebäude erweist sich auch heute noch als schwer. In Čer­ni­chovs 1933 in Berlin vor­ge­stellten Skizzen 101 Archi­tek­to­ni­sche Phan­ta­sien kann man vor allem in der spie­le­ri­schen Ver­mi­schung his­to­ri­scher Ele­mente und der rigo­rosen Ableh­nung eines vul­gären Funk­tio­na­lismus einen Vor­läufer Pep­perš­tejns erkennen. Dessen erdachte Gebäude sind leben­dige, mit der mensch­li­chen Geschichte ver­wo­bene Orga­nismen. Die Relikte unserer fak­tualen Gegen­wart werden in Pep­perš­tejns Fik­tion zu schim­mernden Arte­fakten trans­for­miert: Sie gedenken der Bio­sphäre, der Land­schaft, also der womög­lich abhanden gekom­menen Natur­wüch­sig­keit des Pla­neten, den alt­her­ge­brachten Welt­re­li­gionen, Ikonen, poli­ti­schen Ideen, typi­sierten Gestalten und ver­ges­senen Kul­tur­tech­niken. So findet sich in der Samm­lung ein „Denkmal der Farbe Gelb“ oder ein über­di­men­sio­nales „A“, eine Buddha-Statue genauso wie ein Monu­ment des Sowjet­kom­mu­nismus. Fürs natio­nale Gedenken sorgt in der „Stadt Russ­land“ ein kolos­sales anthro­po­mor­phes Gebäude namens „Alte“, eine archi­tek­to­ni­sche Dar­stel­lung des rus­si­schen Arche­typs einer kopf­tuch­tra­genden Babuška mit Ein­kaufs­ta­schen.

 

Phan­tastik und Futu­rismus

Der Blick durch die Lupe der Erin­ne­rungs­kultur der „Stadt Russ­land“ bewirkt, dass unsere Gegen­wart jetzt schon im Licht der Nost­algie erscheint. Pep­perš­tejns Vision ist eine roman­ti­sche Umkehr­pro­jek­tion der Gegen­wart als Geschichte der Zukunft, ein welt- und natur­ge­schicht­li­cher neuer His­to­rismus, dessen Zweck die „tiefe Ach­tung vor der Ver­gan­gen­heit und ihre Bewah­rung“ ist. Seine Ent­würfe stehen zwar einer­seits in der Tra­di­tion avant­gar­dis­ti­scher sowje­ti­scher Archi­tektur, erin­nern aber ande­rer­seits in ihrer unfass­baren Über­größe und teils hyp­no­tisch-hal­lu­zi­na­to­ri­schen Motivik an die lite­ra­ri­sche Phan­tastik. Genau wie in seinem in Russ­land zum Kult­buch avan­cierten Roman Die mytho­gene Liebe der Kasten oder seinen Kriegsgeschichten (die dem­nächst in der deut­schen Über­set­zung von Maria Rajer im ciconia Verlag erscheinen werden) mischen sich auch in die Rah­men­er­zäh­lung der Bild­bände phan­tas­ti­sche Ele­mente. Die leben­digen Haus­mäntel der Füh­rungs­riege, der unsterb­liche, von Mys­ti­kern syn­the­ti­sierte Regent Russ­lands, angeb­lich ver­schol­lene Muschel­zi­vi­li­sa­tionen, spi­ri­tis­ti­sche Kom­mu­ni­ka­tion mit den Toten, oder auch schlicht der klas­sisch mär­chen­hafte Auf­takt der Rah­men­er­zäh­lung durch „once upon a time“ unter­strei­chen die Ver­or­tung in dieser Tra­di­tion.

Pep­perš­tejns inter­na­tional bekannter Lan­des­ge­nosse, der Schrift­steller Vla­dimir Sorokin, mischt in seinen beiden zuletzt erschienen Romanen Der Schnee­sturm und Tel­luria eben­falls munter Romantik mit Sci­ence-Fic­tion. Und auch in der deutsch­spra­chigen Lite­ratur der letzten Jahre zeichnet sich ein Trend zu einer sol­chen Poetik ab. Kürz­lich erschie­nene Romane wie Juan S. Guses Lärm und Wälder, Jakob Noltes Alff, Leif Randts Planet Magnon oder auch Chris­tian Krachts Ich werde hier sein im Son­nen­schein und im Schatten werfen auf sehr ähn­liche Weise beides zusammen und wurden im Lite­ra­tur­ma­gazin Meta­mor­phosen in einem Mani­fest der Ultraro­mantik für gerade diese Ver­mi­schung gefeiert.

 

Mut zur Geschichte

Auch wenn einer der Pep­perš­tejn-Ent­würfe, das „Denkmal des Islams“ erstaun­liche Ähn­lich­keiten mit dem halb­mond­för­migen Cre­scent Moon Tower in Dubai auf­weist, werden wohl die meisten seiner Skizzen genau wie die der früh­so­wje­ti­schen Avant­garde keine Ver­wirk­li­chung finden. Nichts­des­to­trotz, stünden die wahn­sin­nigen Gebilde wirk­lich in den Steppen Sibi­riens oder wie geplant in der Gegend von Bolo­goje, diese wären mit Sicher­heit ästhe­tisch berei­chert. Pep­perš­tejn zeigt auf, dass der Funk­tio­na­lismus und die Abwen­dung vom Ästhe­ti­schen und Mythi­schem in der Archi­tektur nicht alter­na­tivlos sind. Nicht jeder Bezug auf His­to­ri­sches endet not­wen­di­ger­weise in his­to­ri­zis­ti­schem Kitsch, nicht jedes über­di­men­sio­nierte Gebäude muss prä­ten­tiös und opu­lent wirken. Seine Visionen sind die Erin­ne­rung an die Zukunft einer Welt, die die unsere ist, und deren Schön­heit und Eigen­tüm­lich­keit in seinen archi­tek­to­ni­schen Ent­würfen uns klar wieder vor Augen tritt.

 

Pep­per­stein, Pavel: Stadt Russ­land. Aus dem Rus­si­schen von Maria Rajer. Berlin: ciconia, 2016.
Pep­per­stein, Pavel: Der Archi­tekt und das gol­dene Kind. Aus dem Rus­si­schen von Maria Rajer. Berlin: ciconia, 2016.

 

Wei­ter­füh­rende Links

Musi­ka­lisch unter­malte Prä­sen­ta­tion von Pep­perš­tejns Gemälden auf der Bien­nale in Venedig 2009.

Rei­necke, Willi: VOENNYE RASSKAZY – KRIEGSGESCHICHTEN. Pavel Pep­peršteins Varia­tionen zum Thema Krieg. novinki-Rezen­sion, 2009.

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