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Manifest des Retrofuturismus

Posted on 4. Dezember 2017 by Stefan Simonek
Pavel Pepperštejn, Schriftsteller, Künstler und alter Moskauer Konzeptualist, entwirft eine Architektur für das neue Russland. Seine wundersamen Gebilde brechen eine Lanze für die organische Schönheit in einer bauplanerisch verschandelten Welt.

Pavel Pepperštejn, Schriftsteller, Künstler und alter Moskauer Konzeptualist, entwirft eine Architektur für das neue Russland. Seine wundersamen Gebilde brechen eine Lanze für die organische Schönheit in einer bauplanerisch verschandelten Welt.

 

 

 

Ein Gebirgskamm als Umriss der Gestalt eines Betrunkenen, eine riesige Kaffeetasse mitten im Meer, in der die Weltregierung tagt, Großmütterchen Russlands zylinderförmiger Rock, der als riesige Kuppel die ganze Stadt überdacht: Bizarr und fremd muten die Bilder dieser gigantomanischen Architektur eines zukünftigen Russland in Pavel Pepperštejns bebilderten Erzählbänden oder vielmehr: erzählten Bildbänden an.

 

Moskauer Visionen

Pepperštejn trat in den späten 1980er Jahren zunächst als bildender Künstler der spätsowjetischen Avantgarde in Erscheinung und war Mitbegründer der Gruppe „Inspektion Medizinische Hermeneutik“, die dem Kreise der Moskauer Konzeptualisten entsprang. In den beiden 2016 erschienenen Bänden Stadt Russland und Der Architekt und das goldene Kind werden Visionen utopischer Architektur für sein Heimatland entworfen, für welches der Autor die Rolle des Stadt- und Zukunftsplaners übernimmt. Die Einleitung zu Stadt Russland bildet ein an den russischen Präsidenten adressierter Brief, in welchem Pepperštejn vorschlägt, aufgrund der ästhetischen Verunstaltung Moskaus und Petersburgs zwischen diesen eine neue Hauptstadt zu errichten. Zwar hat Putin auf den von Pepperštejn tatsächlich abgesendeten Brief nie geantwortet, jedoch konnte Pepperštejn mit seiner grotesken Nationalarchitektur im russischen Pavillion auf der Biennale in Venedig einige Jahre später sein Heimatland repräsentieren.

Seine dort ausgestellten und in den Bänden abgebildeten Denkmäler der Zukunft will er in der Tradition der konstruktivistischen Sowjetarchitektur verstanden wissen. Diese konnte sich am Anfang des 20. Jahrhunderts nicht gegen den diktierten stalinistischen, neoklassizistischen Mainstream durchsetzen und der Erhalt der Gebäude erweist sich auch heute noch als schwer. In Černichovs 1933 in Berlin vorgestellten Skizzen 101 Architektonische Phantasien kann man vor allem in der spielerischen Vermischung historischer Elemente und der rigorosen Ablehnung eines vulgären Funktionalismus einen Vorläufer Pepperštejns erkennen. Dessen erdachte Gebäude sind lebendige, mit der menschlichen Geschichte verwobene Organismen. Die Relikte unserer faktualen Gegenwart werden in Pepperštejns Fiktion zu schimmernden Artefakten transformiert: Sie gedenken der Biosphäre, der Landschaft, also der womöglich abhanden gekommenen Naturwüchsigkeit des Planeten, den althergebrachten Weltreligionen, Ikonen, politischen Ideen, typisierten Gestalten und vergessenen Kulturtechniken. So findet sich in der Sammlung ein „Denkmal der Farbe Gelb“ oder ein überdimensionales „A“, eine Buddha-Statue genauso wie ein Monument des Sowjetkommunismus. Fürs nationale Gedenken sorgt in der „Stadt Russland“ ein kolossales anthropomorphes Gebäude namens „Alte“, eine architektonische Darstellung des russischen Archetyps einer kopftuchtragenden Babuška mit Einkaufstaschen.

 

Phantastik und Futurismus

Der Blick durch die Lupe der Erinnerungskultur der „Stadt Russland“ bewirkt, dass unsere Gegenwart jetzt schon im Licht der Nostalgie erscheint. Pepperštejns Vision ist eine romantische Umkehrprojektion der Gegenwart als Geschichte der Zukunft, ein welt- und naturgeschichtlicher neuer Historismus, dessen Zweck die „tiefe Achtung vor der Vergangenheit und ihre Bewahrung“ ist. Seine Entwürfe stehen zwar einerseits in der Tradition avantgardistischer sowjetischer Architektur, erinnern aber andererseits in ihrer unfassbaren Übergröße und teils hypnotisch-halluzinatorischen Motivik an die literarische Phantastik. Genau wie in seinem in Russland zum Kultbuch avancierten Roman Die mythogene Liebe der Kasten oder seinen Kriegsgeschichten (die demnächst in der deutschen Übersetzung von Maria Rajer im ciconia Verlag erscheinen werden) mischen sich auch in die Rahmenerzählung der Bildbände phantastische Elemente. Die lebendigen Hausmäntel der Führungsriege, der unsterbliche, von Mystikern synthetisierte Regent Russlands, angeblich verschollene Muschelzivilisationen, spiritistische Kommunikation mit den Toten, oder auch schlicht der klassisch märchenhafte Auftakt der Rahmenerzählung durch „once upon a time“ unterstreichen die Verortung in dieser Tradition.

Pepperštejns international bekannter Landesgenosse, der Schriftsteller Vladimir Sorokin, mischt in seinen beiden zuletzt erschienen Romanen Der Schneesturm und Telluria ebenfalls munter Romantik mit Science-Fiction. Und auch in der deutschsprachigen Literatur der letzten Jahre zeichnet sich ein Trend zu einer solchen Poetik ab. Kürzlich erschienene Romane wie Juan S. Guses Lärm und Wälder, Jakob Noltes Alff, Leif Randts Planet Magnon oder auch Christian Krachts Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten werfen auf sehr ähnliche Weise beides zusammen und wurden im Literaturmagazin Metamorphosen in einem Manifest der Ultraromantik für gerade diese Vermischung gefeiert.

 

Mut zur Geschichte

Auch wenn einer der Pepperštejn-Entwürfe, das „Denkmal des Islams“ erstaunliche Ähnlichkeiten mit dem halbmondförmigen Crescent Moon Tower in Dubai aufweist, werden wohl die meisten seiner Skizzen genau wie die der frühsowjetischen Avantgarde keine Verwirklichung finden. Nichtsdestotrotz, stünden die wahnsinnigen Gebilde wirklich in den Steppen Sibiriens oder wie geplant in der Gegend von Bologoje, diese wären mit Sicherheit ästhetisch bereichert. Pepperštejn zeigt auf, dass der Funktionalismus und die Abwendung vom Ästhetischen und Mythischem in der Architektur nicht alternativlos sind. Nicht jeder Bezug auf Historisches endet notwendigerweise in historizistischem Kitsch, nicht jedes überdimensionierte Gebäude muss prätentiös und opulent wirken. Seine Visionen sind die Erinnerung an die Zukunft einer Welt, die die unsere ist, und deren Schönheit und Eigentümlichkeit in seinen architektonischen Entwürfen uns klar wieder vor Augen tritt.

 

Pepperstein, Pavel: Stadt Russland. Aus dem Russischen von Maria Rajer. Berlin: ciconia, 2016.
Pepperstein, Pavel: Der Architekt und das goldene Kind. Aus dem Russischen von Maria Rajer. Berlin: ciconia, 2016.

 

Weiterführende Links

Musikalisch untermalte Präsentation von Pepperštejns Gemälden auf der Biennale in Venedig 2009.

Reinecke, Willi: VOENNYE RASSKAZY – KRIEGSGESCHICHTEN. Pavel Pepperšteins Variationen zum Thema Krieg. novinki-Rezension, 2009.

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Manifest des Retrofuturismus – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Mani­fest des Retrofuturismus

Pavel Pep­perš­tejn, Schrift­steller, Künstler und alter Mos­kauer Kon­zep­tua­list, ent­wirft eine Archi­tektur für das neue Russ­land. Seine wun­der­samen Gebilde bre­chen eine Lanze für die orga­ni­sche Schön­heit in einer bau­pla­ne­risch ver­schan­delten Welt.

 

 

 

Ein Gebirgs­kamm als Umriss der Gestalt eines Betrun­kenen, eine rie­sige Kaf­fee­tasse mitten im Meer, in der die Welt­re­gie­rung tagt, Groß­müt­ter­chen Russ­lands zylin­der­för­miger Rock, der als rie­sige Kuppel die ganze Stadt über­dacht: Bizarr und fremd muten die Bilder dieser gigan­to­ma­ni­schen Archi­tektur eines zukünf­tigen Russ­land in Pavel Pep­perš­tejns bebil­derten Erzähl­bänden oder viel­mehr: erzählten Bild­bänden an.

 

Mos­kauer Visionen

Pep­perš­tejn [Pep­per­stein] trat in den späten 1980er Jahren zunächst als bil­dender Künstler der spät­so­wje­ti­schen Avant­garde in Erschei­nung und war Mit­be­gründer der Gruppe „Inspek­tion Medi­zi­ni­sche Her­me­neutik“, die dem Kreise der Mos­kauer Kon­zep­tua­listen ent­sprang. In den beiden 2016 erschie­nenen Bänden Stadt Russ­land und Der Archi­tekt und das gol­dene Kind werden Visionen uto­pi­scher Archi­tektur für sein Hei­mat­land ent­worfen, für wel­ches der Autor die Rolle des Stadt- und Zukunfts­pla­ners über­nimmt. Die Ein­lei­tung zu Stadt Russ­land bildet ein an den rus­si­schen Prä­si­denten adres­sierter Brief, in wel­chem Pep­perš­tejn vor­schlägt, auf­grund der ästhe­ti­schen Ver­un­stal­tung Mos­kaus und Peters­burgs zwi­schen diesen eine neue Haupt­stadt zu errichten. Zwar hat Putin auf den von Pep­perš­tejn tat­säch­lich abge­sen­deten Brief nie geant­wortet, jedoch konnte Pep­perš­tejn mit seiner gro­tesken Natio­nal­ar­chi­tektur im rus­si­schen Pavil­lion auf der Bien­nale in Venedig einige Jahre später sein Hei­mat­land repräsentieren.

Seine dort aus­ge­stellten und in den Bänden abge­bil­deten Denk­mäler der Zukunft will er in der Tra­di­tion der kon­struk­ti­vis­ti­schen Sowjet­ar­chi­tektur ver­standen wissen. Diese konnte sich am Anfang des 20. Jahr­hun­derts nicht gegen den dik­tierten sta­li­nis­ti­schen, neo­klas­si­zis­ti­schen Main­stream durch­setzen und der Erhalt der Gebäude erweist sich auch heute noch als schwer. In Čer­ni­chovs 1933 in Berlin vor­ge­stellten Skizzen 101 Archi­tek­to­ni­sche Phan­ta­sien kann man vor allem in der spie­le­ri­schen Ver­mi­schung his­to­ri­scher Ele­mente und der rigo­rosen Ableh­nung eines vul­gären Funk­tio­na­lismus einen Vor­läufer Pep­perš­tejns erkennen. Dessen erdachte Gebäude sind leben­dige, mit der mensch­li­chen Geschichte ver­wo­bene Orga­nismen. Die Relikte unserer fak­tualen Gegen­wart werden in Pep­perš­tejns Fik­tion zu schim­mernden Arte­fakten trans­for­miert: Sie gedenken der Bio­sphäre, der Land­schaft, also der womög­lich abhanden gekom­menen Natur­wüch­sig­keit des Pla­neten, den alt­her­ge­brachten Welt­re­li­gionen, Ikonen, poli­ti­schen Ideen, typi­sierten Gestalten und ver­ges­senen Kul­tur­tech­niken. So findet sich in der Samm­lung ein „Denkmal der Farbe Gelb“ oder ein über­di­men­sio­nales „A“, eine Buddha-Statue genauso wie ein Monu­ment des Sowjet­kom­mu­nismus. Fürs natio­nale Gedenken sorgt in der „Stadt Russ­land“ ein kolos­sales anthro­po­mor­phes Gebäude namens „Alte“, eine archi­tek­to­ni­sche Dar­stel­lung des rus­si­schen Arche­typs einer kopf­tuch­tra­genden Babuška mit Einkaufstaschen.

 

Phan­tastik und Futurismus

Der Blick durch die Lupe der Erin­ne­rungs­kultur der „Stadt Russ­land“ bewirkt, dass unsere Gegen­wart jetzt schon im Licht der Nost­algie erscheint. Pep­perš­tejns Vision ist eine roman­ti­sche Umkehr­pro­jek­tion der Gegen­wart als Geschichte der Zukunft, ein welt- und natur­ge­schicht­li­cher neuer His­to­rismus, dessen Zweck die „tiefe Ach­tung vor der Ver­gan­gen­heit und ihre Bewah­rung“ ist. Seine Ent­würfe stehen zwar einer­seits in der Tra­di­tion avant­gar­dis­ti­scher sowje­ti­scher Archi­tektur, erin­nern aber ande­rer­seits in ihrer unfass­baren Über­größe und teils hyp­no­tisch-hal­lu­zi­na­to­ri­schen Motivik an die lite­ra­ri­sche Phan­tastik. Genau wie in seinem in Russ­land zum Kult­buch avan­cierten Roman Die mytho­gene Liebe der Kasten oder seinen Kriegsgeschichten (die dem­nächst in der deut­schen Über­set­zung von Maria Rajer im ciconia Verlag erscheinen werden) mischen sich auch in die Rah­men­er­zäh­lung der Bild­bände phan­tas­ti­sche Ele­mente. Die leben­digen Haus­mäntel der Füh­rungs­riege, der unsterb­liche, von Mys­ti­kern syn­the­ti­sierte Regent Russ­lands, angeb­lich ver­schol­lene Muschel­zi­vi­li­sa­tionen, spi­ri­tis­ti­sche Kom­mu­ni­ka­tion mit den Toten, oder auch schlicht der klas­sisch mär­chen­hafte Auf­takt der Rah­men­er­zäh­lung durch „once upon a time“ unter­strei­chen die Ver­or­tung in dieser Tradition.

Pep­perš­tejns inter­na­tional bekannter Lan­des­ge­nosse, der Schrift­steller Vla­dimir Sorokin, mischt in seinen beiden zuletzt erschienen Romanen Der Schnee­sturm und Tel­luria eben­falls munter Romantik mit Sci­ence-Fic­tion. Und auch in der deutsch­spra­chigen Lite­ratur der letzten Jahre zeichnet sich ein Trend zu einer sol­chen Poetik ab. Kürz­lich erschie­nene Romane wie Juan S. Guses Lärm und Wälder, Jakob Noltes Alff, Leif Randts Planet Magnon oder auch Chris­tian Krachts Ich werde hier sein im Son­nen­schein und im Schatten werfen auf sehr ähn­liche Weise beides zusammen und wurden im Lite­ra­tur­ma­gazin Meta­mor­phosen in einem Mani­fest der Ultraro­mantik für gerade diese Ver­mi­schung gefeiert.

 

Mut zur Geschichte

Auch wenn einer der Pep­perš­tejn-Ent­würfe, das „Denkmal des Islams“ erstaun­liche Ähn­lich­keiten mit dem halb­mond­för­migen Cre­scent Moon Tower in Dubai auf­weist, werden wohl die meisten seiner Skizzen genau wie die der früh­so­wje­ti­schen Avant­garde keine Ver­wirk­li­chung finden. Nichts­des­to­trotz, stünden die wahn­sin­nigen Gebilde wirk­lich in den Steppen Sibi­riens oder wie geplant in der Gegend von Bolo­goje, diese wären mit Sicher­heit ästhe­tisch berei­chert. Pep­perš­tejn zeigt auf, dass der Funk­tio­na­lismus und die Abwen­dung vom Ästhe­ti­schen und Mythi­schem in der Archi­tektur nicht alter­na­tivlos sind. Nicht jeder Bezug auf His­to­ri­sches endet not­wen­di­ger­weise in his­to­ri­zis­ti­schem Kitsch, nicht jedes über­di­men­sio­nierte Gebäude muss prä­ten­tiös und opu­lent wirken. Seine Visionen sind die Erin­ne­rung an die Zukunft einer Welt, die die unsere ist, und deren Schön­heit und Eigen­tüm­lich­keit in seinen archi­tek­to­ni­schen Ent­würfen uns klar wieder vor Augen tritt.

 

Pep­per­stein, Pavel: Stadt Russ­land. Aus dem Rus­si­schen von Maria Rajer. Berlin: ciconia, 2016.
Pep­per­stein, Pavel: Der Archi­tekt und das gol­dene Kind. Aus dem Rus­si­schen von Maria Rajer. Berlin: ciconia, 2016.

 

Wei­ter­füh­rende Links

Musi­ka­lisch unter­malte Prä­sen­ta­tion von Pep­perš­tejns Gemälden auf der Bien­nale in Venedig 2009.

Rei­necke, Willi: VOENNYE RASSKAZY – KRIEGSGESCHICHTEN. Pavel Pep­peršteins Varia­tionen zum Thema Krieg. novinki-Rezen­sion, 2009.

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