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Jugendkino in Cottbus: Sektion U18 und jünger

Posted on 14. Mai 2019 by Franciszek Drąg
In der Festivalsektion "U18 Wettbewerb Jugendfilm" des "FilmFestival Cottbus 2018" konnte man einige Jugendfilme aus Polen, Tschechien und Deutschland sehen. Die Auswahl war tatsächlich vielfältig, was sich schon anhand der drei hier besprochenen Filme sehen lässt.

In der Festivalsektion U18 Wettbewerb Jugendfilm des FilmFestival Cottbus 2018 konnte man einige Jugendfilme aus Polen, Tschechien und Deutschland sehen. Die Auswahl war tatsächlich vielfältig, was sich schon anhand der drei hier besprochenen Filme sehen lässt. 

 

Familienspiel – Córka trenera (Die Tochter des Trainers, 2018)

David Foster Wallace hielt das Tennisspiel mithilfe filmischer Mittel bekanntlich für nicht darstellbar. Łukasz Grzegorzek nimmt in Córka trenera diese Herausforderung an, aber die wichtigste Sache in seinem Film ist eine andere: die Rivalität zwischen der jungen Wiktoria und Kornet, ihrem Vater – und Trainer.

Stets sind die beiden unterwegs, als hätten sie kein Zuhause: Sie reisen von einem Tennisturnier zum anderen, damit Wiktoria ihr Ziel erreichen kann, nämlich an den renommiertesten Turnieren teilzunehmen. Dass das ihr Ziel ist, denkt man zunächst, doch bald wird klar, dass der Motor des permanenten Reisens allein der Ehrgeiz des Vaters ist.

Obwohl der Film Die Tochter des Trainers heißt, ist der Trainer selbst die Hauptfigur: Seine Motivationen, seine Zwiegespaltenheit bilden die Handlung des Films. Denn der Weg von kleinen Turnieren im Osten Polens bis zum Wettbewerb in der Hauptstadt, den die beiden zurücklegen, ist nicht die Chronik von Wiktorias Befreiung aus der völligen Internalisierung der väterlichen Träume. Vielmehr wird dem Vater immer klarer, dass er langsam aber sicher die Kontrolle über seine Tochter (die er manchmal „Sohn“ nennt) verliert. Wiktorias Entwicklung vollzieht sich eher am Rande der Erzählung, deshalb kann ihre finale Entscheidung die Zuschauer_innen überraschen. Kornets Verhalten hingegen wird auf der Leinwand skrupulös dargestellt: überraschende Wenden sind hier nicht vorgesehen.

Filmisch ist Die Tochter des Trainers ein würdiger Preisträger: mit natürlichen Dialogen, wohl durchdachter Dramaturgie und Schauspieler_innen, die durchaus glaubhaft sind in der Darstellung komplexer Held_innen und ihrer komplizierten (oft ungesund scheinenden) Beziehungen. Grzegorzek kann – womit er das Match gegen David Foster Wallace gewonnen hätte – übrigens auch Tennisspiele auf die Leinwand zaubern, wobei er sich für eine starke Ästhetisierung anhand von slow-motion Technik und klassischer Musik entscheidet. Tatsächlich war Tennis im Kino noch nie so geschmackvoll.

 

vechnoAuf der Flucht – Všechno bude (Winterfliegen, 2018)

Auf einer Reise ganz anderer Natur befinden sich die beiden Minderjährigen in Winterfliegenvon Olmo Omerzu, die mit einem (vermutlich gestohlenen) Auto Tschechien durchqueren. Heduš (12) träumt vom Eintritt in die französische Fremdenlegion, Mára (14) möchte endlich seinen Großvater treffen: die einzige Person auf Gottes Erden, die ihm etwas bedeutet. Schon in dieser Kurzfassung zeigen sich Ähnlichkeiten zu Tschick von Wolfgang Herrndorf (2016 von Fatih Akin verfilmt). Die Vermutung liegt nahe, dass der Regisseur Olmo Omerzu sich vom deutschen Bestseller stark inspirieren ließ. Die tschechische Variante lässt sich dennoch als reizvoll beschreiben, was vor allem mit der Leichtigkeit und Sorglosigkeit der Darstellung verbunden ist.

Der Reiz von Winterfliegen basiert nämlich beträchtlich auf sympathischen, wenngleich etwas ungeschliffenen Figuren. Heduš gibt den jungen Komiker, der nur davon träumt, mit allen Frauen dieser Welt schlafen zu können. Aber auch Mára ist dem Geschlechtergeplänkel nicht abgeneigt... Beim Verhör auf der Polizeistation, das Omerzu in nicht-chronologischer Weise parallel zur Reise erzählt, treibt Mára ein intelligentes Spiel mit der Polizistin, die sein Vertrauen erfolglos zu gewinnen versucht. Und dieses Spiel ist gar nicht so unschuldig: Immerhin führt ein junger Mann eine Frau mittleren Alters in die Irre, betrachtet sie als rein erotisches Objekt und demonstriert dabei nicht zuletzt seine Respektlosigkeit gegenüber den Autoritäten.

Mit Winterfliegen kehrt Omerzu zurück zu Themen, die schon in seinem Debütfilm Príliš mladá noc (A Night Too Young, 2012) eine wichtige Rolle spielten. Auch da erlebten junge Helden die Konfrontation mit Erwachsenen, auch hier hatte die Begegnung eine sexuelle Dimension. Wo einst jedoch die jugendlichen Figuren durch eine eher passive Haltung gekennzeichnet waren, macht der neue Film dynamische und aktive Helden zum Zentrum der Handlung. Winterfliegen ist insofern auch heiterer als sein Vorgänger, weil die soziale Problematik hier als Komödie getarnt ist. Doch was auf den ersten Blick als typische coming-of-age Komödie erscheint, ist bei näherer Betrachtung viel mehr.

 

Grauenhaftes Jugendlager – Czuwaj (Sei wachsam, 2017)

Zu Robert Glińskis Film Sei wachsam hingegen passt das Wort „heiter“so gar nicht. Von den drei hier besprochenen Filmen muss dieser als letztlich gescheitert betrachtet werden, was vor allem am wenig durchdachten Drehbuch liegt, in dem zu viele Themen angeschnitten wurden: die Pfadfinderbewegung, eine schwierige Jugend im Kinderheim, diverse Morde, einige ukrainische Prostituierte, weitere Sexualinitiationen, der Warschauer Aufstand, gefährliche Wilderer und ihr Gefängnisslang… Das alles führt aber leider nicht zu einer kohärenten Erzählung.

 

czuwaj

 

Das Jugendlager wird für viele Teilnehmer_innen zum Albtraum, als sich ihnen eine Gruppe von sogenannten Problemjugendlichen anschließt. Jacek, der Lagerleiter, ist selbst noch jung und unerfahren, aber muss sich schon um die anderen kümmern. Bald verliert er die Kontrolle und als einer der Pfadfinder stirbt, versucht Jacek den Täter zu finden, oder vielmehr versucht er, aufgrund eigener Vorurteile die Tat einem Fremden anzuhängen.

Im Programm des Festivals wurde der Film als „Metapher auf die polnische Regierung“ präsentiert. Dies scheint aber eine gewagte Feststellung zu sein (auch wenn es ganz interessant zu sehen ist, wie man polnische Filme in Deutschland rezipiert): Denn wenn der Film überhaupt Kritik übt, dann wohl nur an der Institution der polnischen Pfadfinder_innenbewegung, die im öffentlichen Diskurs in Polen seit längerem kritisch diskutiert wird. Es ist ein offenes Geheimnis, dass diese Bewegung die Jugend nicht nur katholisch und patriotisch (oder sogar nationalistisch) prägt, sondern auch Fehlverhalten der Jugendlichen verheimlicht. Die Pfadfinder_innen werden außerdem nach einer einfachen Weltvorstellung erzogen, in der es nur schwarz und weiß gibt.

Genau das zeigt Gliński deutlich, wenn er anfangs tatsächlich Kritik an der ideologischen Einstellung der Organisation übt. Bedauerlicherweise gibt er die Trope des Sozialdramas aber später auf und wendet sich einem wenig überzeugenden und unglaubhaften Thriller zu, dem eine Vielzahl von Figuren und Motiven angeschlossen wird, um am Ende einen schablonenhaften plot-twist zu präsentieren. Auf diese Weise bringt sich der Film, der sich anfangs so gut angelassen hat, wegen seines chaotischen Drehbuchs am Ende selbst um. Der Versuch, den polnischen Lord of the Flies zu drehen, wirkt unbeabsichtigt komisch.

 

Resümee – Über die Jugend für die Jugend?

Bleibt noch die Frage, für wen die Sektion U18 eigentlich gedacht ist. Klar, alle diese Filme beschäftigen sich mit jungen Held_innen, aber ist das junge Publikum dabei tatsächlich als primäre Zielgruppe gedacht? Das ist zu bezweifeln. Nur Winterfliegen scheint, trotz seiner ordinären Obszönitäten, dafür zu taugen. Die beiden polnischen Filme jedoch stellen Fragen, die Jugendliche vermutlich nicht so relevant finden. In Grzegorzeks Tochter des Trainers steht die Vaterfigur mit ihren Problemen im Mittelpunkt der Handlung und Sei wachsam fragt nach dem Stellenwert von Nationalismus in der staatlich anerkannten Erziehung. Das alles scheint allerdings nicht an der Auswahl zu liegen: Auch wenn man sich die Programme der jugendorientierten Festivals in Mittel- und Osteuropa anschaut (beispielsweise „Ale Kino!“ oder Zlín Film Festival, aber auch die Jugendsektion auf der Berlinale „Generation“), fällt schnell auf, dass da die Filme aus Osteuropa häufig fehlen. Deutet es daraufhin, dass das osteuropäische Kino arm an klugen und wirklich relevanten Jugendproduktionen ist? Das ist kaum anzunehmen.

 

Gliński, Robert: Czuwaj (Sei wachsam). Polen, 2017, 90 Min.
Grzegorzek, Łukasz: Córka trenera (Tochter des Trainers). Polen, 2018, 93 Min.
Omerzu, Olmo: Všechno bude (Winterfliegen). Tschechien, Slowenien, Polen, Slowakei, Frankreich, 2018, 85 Min.

 

Weiterführende Literatur

Czuwaj auf dem FilmFestival Cottbus
Córka trenera auf dem FilmFestival Cottbus 
Všechno bude auf dem FilmFestival Cottbus

Jugendkino in Cottbus: Sektion U18 und jünger – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Jugend­kino in Cottbus: Sek­tion U18 und jünger

In der Fes­ti­val­sek­tion U18 Wett­be­werb Jugend­film des Film­Fes­tival Cottbus 2018 konnte man einige Jugend­filme aus Polen, Tsche­chien und Deutsch­land sehen. Die Aus­wahl war tat­säch­lich viel­fältig, was sich schon anhand der drei hier bespro­chenen Filme sehen lässt. 

 

Fami­li­en­spiel – Córka tre­nera (Die Tochter des Trai­ners, 2018)

David Foster Wal­lace hielt das Ten­nis­spiel mit­hilfe fil­mi­scher Mittel bekannt­lich für nicht dar­stellbar. Łukasz Grze­gorzek nimmt in Córka tre­nera diese Her­aus­for­de­rung an, aber die wich­tigste Sache in seinem Film ist eine andere: die Riva­lität zwi­schen der jungen Wik­toria und Kornet, ihrem Vater – und Trainer.

Stets sind die beiden unter­wegs, als hätten sie kein Zuhause: Sie reisen von einem Ten­nis­tur­nier zum anderen, damit Wik­toria ihr Ziel errei­chen kann, näm­lich an den renom­mier­testen Tur­nieren teil­zu­nehmen. Dass das ihr Ziel ist, denkt man zunächst, doch bald wird klar, dass der Motor des per­ma­nenten Rei­sens allein der Ehr­geiz des Vaters ist.

Obwohl der Film Die Tochter des Trai­ners heißt, ist der Trainer selbst die Haupt­figur: Seine Moti­va­tionen, seine Zwie­ge­spal­ten­heit bilden die Hand­lung des Films. Denn der Weg von kleinen Tur­nieren im Osten Polens bis zum Wett­be­werb in der Haupt­stadt, den die beiden zurück­legen, ist nicht die Chronik von Wik­to­rias Befreiung aus der völ­ligen Inter­na­li­sie­rung der väter­li­chen Träume. Viel­mehr wird dem Vater immer klarer, dass er langsam aber sicher die Kon­trolle über seine Tochter (die er manchmal „Sohn“ nennt) ver­liert. Wik­to­rias Ent­wick­lung voll­zieht sich eher am Rande der Erzäh­lung, des­halb kann ihre finale Ent­schei­dung die Zuschauer_innen über­ra­schen. Kor­nets Ver­halten hin­gegen wird auf der Lein­wand skru­pulös dar­ge­stellt: über­ra­schende Wenden sind hier nicht vorgesehen.

Fil­misch ist Die Tochter des Trai­ners ein wür­diger Preis­träger: mit natür­li­chen Dia­logen, wohl durch­dachter Dra­ma­turgie und Schauspieler_innen, die durchaus glaub­haft sind in der Dar­stel­lung kom­plexer Held_innen und ihrer kom­pli­zierten (oft unge­sund schei­nenden) Bezie­hungen. Grze­gorzek kann – womit er das Match gegen David Foster Wal­lace gewonnen hätte – übri­gens auch Ten­nis­spiele auf die Lein­wand zau­bern, wobei er sich für eine starke Ästhe­ti­sie­rung anhand von slow-motion Technik und klas­si­scher Musik ent­scheidet. Tat­säch­lich war Tennis im Kino noch nie so geschmackvoll.

 

vechno

Auf der Flucht – Všechno bude (Win­ter­fliegen, 2018)

Auf einer Reise ganz anderer Natur befinden sich die beiden Min­der­jäh­rigen in Win­ter­fliegenvon Olmo Omerzu, die mit einem (ver­mut­lich gestoh­lenen) Auto Tsche­chien durch­queren. Heduš (12) träumt vom Ein­tritt in die fran­zö­si­sche Frem­den­le­gion, Mára (14) möchte end­lich seinen Groß­vater treffen: die ein­zige Person auf Gottes Erden, die ihm etwas bedeutet. Schon in dieser Kurz­fas­sung zeigen sich Ähn­lich­keiten zu Tschick von Wolf­gang Herrn­dorf (2016 von Fatih Akin ver­filmt). Die Ver­mu­tung liegt nahe, dass der Regis­seur Olmo Omerzu sich vom deut­schen Best­seller stark inspi­rieren ließ. Die tsche­chi­sche Vari­ante lässt sich den­noch als reiz­voll beschreiben, was vor allem mit der Leich­tig­keit und Sorg­lo­sig­keit der Dar­stel­lung ver­bunden ist.

Der Reiz von Win­ter­fliegen basiert näm­lich beträcht­lich auf sym­pa­thi­schen, wenn­gleich etwas unge­schlif­fenen Figuren. Heduš gibt den jungen Komiker, der nur davon träumt, mit allen Frauen dieser Welt schlafen zu können. Aber auch Mára ist dem Geschlech­ter­ge­plänkel nicht abge­neigt… Beim Verhör auf der Poli­zei­sta­tion, das Omerzu in nicht-chro­no­lo­gi­scher Weise par­allel zur Reise erzählt, treibt Mára ein intel­li­gentes Spiel mit der Poli­zistin, die sein Ver­trauen erfolglos zu gewinnen ver­sucht. Und dieses Spiel ist gar nicht so unschuldig: Immerhin führt ein junger Mann eine Frau mitt­leren Alters in die Irre, betrachtet sie als rein ero­ti­sches Objekt und demons­triert dabei nicht zuletzt seine Respekt­lo­sig­keit gegen­über den Autoritäten.

Mit Win­ter­fliegen kehrt Omerzu zurück zu Themen, die schon in seinem Debüt­film Príliš mladá noc (A Night Too Young, 2012) eine wich­tige Rolle spielten. Auch da erlebten junge Helden die Kon­fron­ta­tion mit Erwach­senen, auch hier hatte die Begeg­nung eine sexu­elle Dimen­sion. Wo einst jedoch die jugend­li­chen Figuren durch eine eher pas­sive Hal­tung gekenn­zeichnet waren, macht der neue Film dyna­mi­sche und aktive Helden zum Zen­trum der Hand­lung. Win­ter­fliegen ist inso­fern auch hei­terer als sein Vor­gänger, weil die soziale Pro­ble­matik hier als Komödie getarnt ist. Doch was auf den ersten Blick als typi­sche coming-of-age Komödie erscheint, ist bei näherer Betrach­tung viel mehr.

 

Grau­en­haftes Jugend­lager – Czuwaj (Sei wachsam, 2017)

Zu Robert Glińskis Film Sei wachsam hin­gegen passt das Wort „heiter“so gar nicht. Von den drei hier bespro­chenen Filmen muss dieser als letzt­lich geschei­tert betrachtet werden, was vor allem am wenig durch­dachten Dreh­buch liegt, in dem zu viele Themen ange­schnitten wurden: die Pfad­fin­der­be­we­gung, eine schwie­rige Jugend im Kin­der­heim, diverse Morde, einige ukrai­ni­sche Pro­sti­tu­ierte, wei­tere Sexua­lin­itia­tionen, der War­schauer Auf­stand, gefähr­liche Wil­derer und ihr Gefäng­nis­slang… Das alles führt aber leider nicht zu einer kohä­renten Erzählung.

 

czuwaj

 

Das Jugend­lager wird für viele Teilnehmer_innen zum Alb­traum, als sich ihnen eine Gruppe von soge­nannten Pro­blem­ju­gend­li­chen anschließt. Jacek, der Lager­leiter, ist selbst noch jung und uner­fahren, aber muss sich schon um die anderen küm­mern. Bald ver­liert er die Kon­trolle und als einer der Pfad­finder stirbt, ver­sucht Jacek den Täter zu finden, oder viel­mehr ver­sucht er, auf­grund eigener Vor­ur­teile die Tat einem Fremden anzuhängen.

Im Pro­gramm des Fes­ti­vals wurde der Film als „Meta­pher auf die pol­ni­sche Regie­rung“ prä­sen­tiert. Dies scheint aber eine gewagte Fest­stel­lung zu sein (auch wenn es ganz inter­es­sant zu sehen ist, wie man pol­ni­sche Filme in Deutsch­land rezi­piert): Denn wenn der Film über­haupt Kritik übt, dann wohl nur an der Insti­tu­tion der pol­ni­schen Pfadfinder_innenbewegung, die im öffent­li­chen Dis­kurs in Polen seit län­gerem kri­tisch dis­ku­tiert wird. Es ist ein offenes Geheimnis, dass diese Bewe­gung die Jugend nicht nur katho­lisch und patrio­tisch (oder sogar natio­na­lis­tisch) prägt, son­dern auch Fehl­ver­halten der Jugend­li­chen ver­heim­licht. Die Pfadfinder_innen werden außerdem nach einer ein­fa­chen Welt­vor­stel­lung erzogen, in der es nur schwarz und weiß gibt.

Genau das zeigt Gliński deut­lich, wenn er anfangs tat­säch­lich Kritik an der ideo­lo­gi­schen Ein­stel­lung der Orga­ni­sa­tion übt. Bedau­er­li­cher­weise gibt er die Trope des Sozi­al­dramas aber später auf und wendet sich einem wenig über­zeu­genden und unglaub­haften Thriller zu, dem eine Viel­zahl von Figuren und Motiven ange­schlossen wird, um am Ende einen scha­blo­nen­haften plot-twist zu prä­sen­tieren. Auf diese Weise bringt sich der Film, der sich anfangs so gut ange­lassen hat, wegen seines chao­ti­schen Dreh­buchs am Ende selbst um. Der Ver­such, den pol­ni­schen Lord of the Flies zu drehen, wirkt unbe­ab­sich­tigt komisch.

 

Resümee – Über die Jugend für die Jugend?

Bleibt noch die Frage, für wen die Sek­tion U18 eigent­lich gedacht ist. Klar, alle diese Filme beschäf­tigen sich mit jungen Held_innen, aber ist das junge Publikum dabei tat­säch­lich als pri­märe Ziel­gruppe gedacht? Das ist zu bezwei­feln. Nur Win­ter­fliegen scheint, trotz seiner ordi­nären Obs­zö­ni­täten, dafür zu taugen. Die beiden pol­ni­schen Filme jedoch stellen Fragen, die Jugend­liche ver­mut­lich nicht so rele­vant finden. In Grze­gor­zeks Tochter des Trai­ners steht die Vater­figur mit ihren Pro­blemen im Mit­tel­punkt der Hand­lung und Sei wachsam fragt nach dem Stel­len­wert von Natio­na­lismus in der staat­lich aner­kannten Erzie­hung. Das alles scheint aller­dings nicht an der Aus­wahl zu liegen: Auch wenn man sich die Pro­gramme der jugend­ori­en­tierten Fes­ti­vals in Mittel- und Ost­eu­ropa anschaut (bei­spiels­weise „Ale Kino!“ oder Zlín Film Fes­tival, aber auch die Jugend­sek­tion auf der Ber­li­nale „Genera­tion“), fällt schnell auf, dass da die Filme aus Ost­eu­ropa häufig fehlen. Deutet es dar­aufhin, dass das ost­eu­ro­päi­sche Kino arm an klugen und wirk­lich rele­vanten Jugend­pro­duk­tionen ist? Das ist kaum anzunehmen.

 

Gliński, Robert: Czuwaj (Sei wachsam). Polen, 2017, 90 Min.
Grze­gorzek, Łukasz: Córka tre­nera (Tochter des Trai­ners). Polen, 2018, 93 Min.
Omerzu, Olmo: Všechno bude (Win­ter­fliegen). Tsche­chien, Slo­we­nien, Polen, Slo­wakei, Frank­reich, 2018, 85 Min.

 

Wei­ter­füh­rende Literatur

Czuwaj auf dem Film­Fes­tival Cottbus
Córka tre­nera auf dem Film­Fes­tival Cottbus 
Všechno bude auf dem Film­Fes­tival Cottbus