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The Importance of Being Shuty

Posted on 17. März 2009 by Sebastian Kalandyk
Recht monoton, mit einem urbanen Panorama, das man in Polen vielerorts zu sehen bekommt, beginnt Sławomir Shutys neuer Roman "Ruchy". Die Titel gebenden „Regungen“ (Ruchy) stehen im Text sowohl für das mechanisch und einstudiert ablaufende Anmachen, als auch für den enthemmten, weil folgenlosen Sex in einer heruntergekommenen Diskothek.

Sławomir Shuty: Ruchy (Regungen)

 

Eine Stadt, die ­­– von oben gesehen – an das Umfeld einer Spieleisenbahn erinnert. Häuser wie aus Milchkartons gebastelt, mit wenig Liebe, aber viel Gründlichkeit angeordnet. Ein Park mit einem dichten Teppich aus Hundekot, der an Konfetti denken lässt. Hier und da Ansammlungen verfallener Ladenzeilen. Ein Kulturzentrum wie ein übergroßer Schuhkarton, in dem sich ein Tanzlokal der Kategorie ’Vorort’ befindet. Und ein Mann, der in seiner verdreckten Wohnung gerade einen Selbstmordversuch überlebt hat.

Recht monoton, mit einem urbanen Panorama, das man in Polen vielerorts zu sehen bekommt, beginnt der neue Roman des Schriftstellers Sławomir Shuty. Der Mann ist in Polen auch als Fotograf, Regisseur von Undergroundfilmen und Aktionskünstler in Erscheinung getreten. Hinter dem Pseudonym „Shuty“ verbirgt sich ein Hinweis auf seine Wurzeln: Er hat seine Kindheit als Sławomir Mateja in der sozialistischen Reißbrett-Stadt Nowa Huta verbracht, und die Selbstbeschreibung „z Huty“ – aus Huta – wurde zum Künstlernamen „Shuty“. Die Verortung der Handlung von Ruchy in einem ihm bekannten Umfeld ließe auf ein autobiografisch gefärbtes Buch schließen, so wie es bei seinem großen Erfolg, dem preisgekrönten Zwał (Halde, 2004), der Fall war. Doch weit gefehlt.

In Halde verarbeitete Shuty seine Erlebnisse als Angestellter einer Bank, dessen Leben sich abspielt zwischen dem Hamsterrad eines geradezu stachanowschen Leistungspensums und der Freizeit, die sich in Alkoholexzessen und im Konsum medialer Volksverdummung erschöpft. Der Roman wurde wegen seiner treffenden Beschreibung der Arbeitsumstände in der jungen polnischen Marktwirtschaft schnell zur Bibel der polnischen Antikonsumbewegung. Seine amüsant-groteske Sprache trat dabei in den Hintergrund. In seinem neuen Buch scheint Shuty sich für ein Allerweltsthema entschieden zu haben, um von seiner sprachlichen Brillanz nicht abzulenken. Die von postsozialistischer Verwahrlosung entstellte Stadttopografie mag im Hintergrund auf Biografisches verweisen. Vordergründig geht es um sprachlich exzessiv und stellenweise ekelerregend dargestellten Sex.

ShutyRuchyZarchDie Handlung des anekdotenhaft erzählten Romans ist eher simpel: Gestrandete Existenzen haben eine heruntergekommene Diskothek zum Lebensmittelpunkt erwählt und geben sich dort regelmäßig einem Balzritual hin, wobei einige in die Jahre gekommene C-Prominente dabei die Feder führen. Allerdings erweist sich die Hoffnung auf das Auffinden der vom Verlag im Klappentext versprochenen „verborgenen Ganzheit“ der Handlung als trügerisch. Die Figuren erschrecken durch ihre Plattheit, ihre Beschreibung geht oft über Nennung von Pseudonymen nicht hinaus. Ihr Sinn erschöpft sich in der Teilnahme an den „Regungen“ – was im Roman sowohl für das mechanisch und einstudiert ablaufende Anmachen im Lokal steht, als auch für den enthemmten, weil folgenlosen Sex. Da wären Ślęk, dem das ständige Onanieren dabei hilft, seinen Frust über Misserfolge bei den „Schnitten“ zu verarbeiten; Kacha, eine Nymphomanin, die mit nahezu jedem männlichen Wesen in der Nachbarschaft im Bett war („Mit allen möglichen Kerlen habe ich es gemacht und an allen möglichen Orten, hört mich an, dann erzähle ich euch alles, und spannend sind die Geschichten allemal.“); Bulsza und Lilka, ein im Umfeld der Tanzbude zusammengekommenes Paar, das an der Anziehungskraft des Rituals scheitert – um nur einige zu nennen. Wer mit wem, wann und unter welchen Begleitumständen – wer dafür kein Interesse aufbringen kann, lernt immerhin den Reichtum der polnischen Sprache in Hinblick auf den Beischlaf kennen.

Denn in dieser Hinsicht hat der Roman sehr viel zu bieten. Auch diesmal verwebt Shuty unterschiedliche, auf den ersten Blick nicht zusammenpassende Stile miteinander. Die Narration wie auch die Dialoge kleiden sich in eine vom Pathos überladene, gleichzeitig aber auch ironisch-naive Sprache. Als Leser fühlt man sich ständig zwischen romantischen Gedichten und der Poetizität öffentlicher Aborte hin- und hergerissen: „Eines Tages, ich war gerade heftigst auf Schnackseln aus, ging ich in der Hoffnung auf eine Runde Doktorspiele zu einer gut gebauten Verkäuferin, von der es heißt, sie gehöre zu denen, die den Teufel im Leib haben. (…) In ihrem Gesicht stand geschrieben: Ich will mich im Schlamm suhlen, das Alphaweibchen sein, ich will Pudding über meinen Körper… Nicht gleich was fürs Leben, aber einmal kurz einparken – wieso nicht?” Die Handlung interessiert in diesem reißenden Wortstrom nur am Rande, während das dem Slang polnischer Betonwüsten eigene Prinzip, mit besonders originellen und derben Sprachbildern zu punkten, an ihre Stelle tritt. Es ist spannend zu beobachten, wie viel schöpferische (oder eher destruktive?) Energie in manche Textstellen gepumpt wird. Soll man dahinter allein „das kranke Hirn des Autors“ vermuten, wie von manchen polnischen Rezensenten behauptet?

Nach einer Weile wird klar, dass Shuty nichts anderes macht, als den Mann von der Straße zu zitieren. Die angeführte Sprache dürfte einem Großteil der potenziellen Leser in Polen bekannt sein. „Ihm war danach zu wichsen, die Schlange zu würgen, mit der Palme zu wedeln, den Biber zu melken, den Dolch zu schärfen, zu keulen, zu jodeln, zu pellen, zu noggern“ – welchen Sinn sollen diese lexikonartig aufgezählten Fäkalwendungen sonst haben, außer den der Demonstration?

Doch man muss sich im Falle dieses Buches schon weit aus dem Fenster lehnen, um dem Autor gesellschaftskritische Absichten zuzugestehen. Gäbe es nicht den Erfolg von Halde und das daraus erwachsene Image, hätte man gar keine Grundlage für solche Annahmen. Das aktuell vorgelegte Werk hat überhaupt nichts zu erzählen, und wer etwas über den polnischen Fäkalwortschatz erfahren will, der braucht dafür kein Lexikon in Prosaform. Der Verlag W.A.B., in dem das Buch erschienen ist, hat sich in der Vermarktung denn auch vor allem auf die Person Shuty gestützt. Aber wie soll man die Entstehung eines solchen Unfalls wie Ruchy aus der Feder des Hoffnungsträgers Shuty nachvollziehen? Grundlage des Romans sind einige Kurzgeschichten, die offensichtlich in Eile zu einem Roman zusammengebastelt wurden. Unfertig wie er war, wurde der Text auf den Markt geworfen. Mit der Schande muss der Autor nun alleine klarkommen.

 

Shuty, Sławomir: Ruchy. Wydawnictwo W.A.B. Warszawa 2008.
Shuty, Sławomir: Zwał. Wydawnictwo W.A.B. Warszawa 2004.

The Importance of Being Shuty – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

The Impor­t­ance of Being Shuty

Sła­womir Shuty: Ruchy (Regungen)

 

Eine Stadt, die ­­– von oben gesehen – an das Umfeld einer Spie­lei­sen­bahn erin­nert. Häuser wie aus Milch­kar­tons gebas­telt, mit wenig Liebe, aber viel Gründ­lich­keit ange­ordnet. Ein Park mit einem dichten Tep­pich aus Hun­dekot, der an Kon­fetti denken lässt. Hier und da Ansamm­lungen ver­fal­lener Laden­zeilen. Ein Kul­tur­zen­trum wie ein über­großer Schuh­karton, in dem sich ein Tanz­lokal der Kate­gorie ’Vorort’ befindet. Und ein Mann, der in seiner ver­dreckten Woh­nung gerade einen Selbst­mord­ver­such über­lebt hat.

Recht monoton, mit einem urbanen Pan­orama, das man in Polen vie­ler­orts zu sehen bekommt, beginnt der neue Roman des Schrift­stel­lers Sła­womir Shuty. Der Mann ist in Polen auch als Foto­graf, Regis­seur von Under­ground­filmen und Akti­ons­künstler in Erschei­nung getreten. Hinter dem Pseud­onym „Shuty“ ver­birgt sich ein Hin­weis auf seine Wur­zeln: Er hat seine Kind­heit als Sła­womir Mateja in der sozia­lis­ti­schen Reiß­brett-Stadt Nowa Huta ver­bracht, und die Selbst­be­schrei­bung „z Huty“ – aus Huta – wurde zum Künst­ler­namen „Shuty“. Die Ver­or­tung der Hand­lung von Ruchy in einem ihm bekannten Umfeld ließe auf ein auto­bio­gra­fisch gefärbtes Buch schließen, so wie es bei seinem großen Erfolg, dem preis­ge­krönten Zwał (Halde, 2004), der Fall war. Doch weit gefehlt.

In Halde ver­ar­bei­tete Shuty seine Erleb­nisse als Ange­stellter einer Bank, dessen Leben sich abspielt zwi­schen dem Hams­terrad eines gera­dezu stach­a­now­schen Leis­tungs­pen­sums und der Frei­zeit, die sich in Alko­hol­ex­zessen und im Konsum medialer Volks­ver­dum­mung erschöpft. Der Roman wurde wegen seiner tref­fenden Beschrei­bung der Arbeits­um­stände in der jungen pol­ni­schen Markt­wirt­schaft schnell zur Bibel der pol­ni­schen Anti­kon­sum­be­we­gung. Seine amü­sant-gro­teske Sprache trat dabei in den Hin­ter­grund. In seinem neuen Buch scheint Shuty sich für ein Aller­welts­thema ent­schieden zu haben, um von seiner sprach­li­chen Bril­lanz nicht abzu­lenken. Die von post­so­zia­lis­ti­scher Ver­wahr­lo­sung ent­stellte Stadt­to­po­grafie mag im Hin­ter­grund auf Bio­gra­fi­sches ver­weisen. Vor­der­gründig geht es um sprach­lich exzessiv und stel­len­weise ekel­er­re­gend dar­ge­stellten Sex.

ShutyRuchyZarch

Die Hand­lung des anek­do­ten­haft erzählten Romans ist eher simpel: Gestran­dete Exis­tenzen haben eine her­un­ter­ge­kom­mene Dis­ko­thek zum Lebens­mit­tel­punkt erwählt und geben sich dort regel­mäßig einem Balz­ri­tual hin, wobei einige in die Jahre gekom­mene C‑Prominente dabei die Feder führen. Aller­dings erweist sich die Hoff­nung auf das Auf­finden der vom Verlag im Klap­pen­text ver­spro­chenen „ver­bor­genen Ganz­heit“ der Hand­lung als trü­ge­risch. Die Figuren erschre­cken durch ihre Platt­heit, ihre Beschrei­bung geht oft über Nen­nung von Pseud­onymen nicht hinaus. Ihr Sinn erschöpft sich in der Teil­nahme an den „Regungen“ – was im Roman sowohl für das mecha­nisch und ein­stu­diert ablau­fende Anma­chen im Lokal steht, als auch für den ent­hemmten, weil fol­gen­losen Sex. Da wären Ślęk, dem das stän­dige Ona­nieren dabei hilft, seinen Frust über Miss­erfolge bei den „Schnitten“ zu ver­ar­beiten; Kacha, eine Nym­pho­manin, die mit nahezu jedem männ­li­chen Wesen in der Nach­bar­schaft im Bett war („Mit allen mög­li­chen Kerlen habe ich es gemacht und an allen mög­li­chen Orten, hört mich an, dann erzähle ich euch alles, und span­nend sind die Geschichten allemal.“); Bulsza und Lilka, ein im Umfeld der Tanz­bude zusam­men­ge­kom­menes Paar, das an der Anzie­hungs­kraft des Rituals schei­tert – um nur einige zu nennen. Wer mit wem, wann und unter wel­chen Begleit­um­ständen – wer dafür kein Inter­esse auf­bringen kann, lernt immerhin den Reichtum der pol­ni­schen Sprache in Hin­blick auf den Bei­schlaf kennen.

Denn in dieser Hin­sicht hat der Roman sehr viel zu bieten. Auch diesmal ver­webt Shuty unter­schied­liche, auf den ersten Blick nicht zusam­men­pas­sende Stile mit­ein­ander. Die Nar­ra­tion wie auch die Dia­loge kleiden sich in eine vom Pathos über­la­dene, gleich­zeitig aber auch iro­nisch-naive Sprache. Als Leser fühlt man sich ständig zwi­schen roman­ti­schen Gedichten und der Poe­ti­zität öffent­li­cher Aborte hin- und her­ge­rissen: „Eines Tages, ich war gerade hef­tigst auf Schnack­seln aus, ging ich in der Hoff­nung auf eine Runde Dok­tor­spiele zu einer gut gebauten Ver­käu­ferin, von der es heißt, sie gehöre zu denen, die den Teufel im Leib haben. (…) In ihrem Gesicht stand geschrieben: Ich will mich im Schlamm suhlen, das Alpha­weib­chen sein, ich will Pud­ding über meinen Körper… Nicht gleich was fürs Leben, aber einmal kurz ein­parken – wieso nicht?” Die Hand­lung inter­es­siert in diesem rei­ßenden Wort­strom nur am Rande, wäh­rend das dem Slang pol­ni­scher Beton­wüsten eigene Prinzip, mit beson­ders ori­gi­nellen und derben Sprach­bil­dern zu punkten, an ihre Stelle tritt. Es ist span­nend zu beob­achten, wie viel schöp­fe­ri­sche (oder eher destruk­tive?) Energie in manche Text­stellen gepumpt wird. Soll man dahinter allein „das kranke Hirn des Autors“ ver­muten, wie von man­chen pol­ni­schen Rezen­senten behauptet?

Nach einer Weile wird klar, dass Shuty nichts anderes macht, als den Mann von der Straße zu zitieren. Die ange­führte Sprache dürfte einem Groß­teil der poten­zi­ellen Leser in Polen bekannt sein. „Ihm war danach zu wichsen, die Schlange zu würgen, mit der Palme zu wedeln, den Biber zu melken, den Dolch zu schärfen, zu keulen, zu jodeln, zu pellen, zu nog­gern“ – wel­chen Sinn sollen diese lexi­kon­artig auf­ge­zählten Fäkal­wen­dungen sonst haben, außer den der Demonstration?

Doch man muss sich im Falle dieses Buches schon weit aus dem Fenster lehnen, um dem Autor gesell­schafts­kri­ti­sche Absichten zuzu­ge­stehen. Gäbe es nicht den Erfolg von Halde und das daraus erwach­sene Image, hätte man gar keine Grund­lage für solche Annahmen. Das aktuell vor­ge­legte Werk hat über­haupt nichts zu erzählen, und wer etwas über den pol­ni­schen Fäkal­wort­schatz erfahren will, der braucht dafür kein Lexikon in Pro­sa­form. Der Verlag W.A.B., in dem das Buch erschienen ist, hat sich in der Ver­mark­tung denn auch vor allem auf die Person Shuty gestützt. Aber wie soll man die Ent­ste­hung eines sol­chen Unfalls wie Ruchy aus der Feder des Hoff­nungs­trä­gers Shuty nach­voll­ziehen? Grund­lage des Romans sind einige Kurz­ge­schichten, die offen­sicht­lich in Eile zu einem Roman zusam­men­ge­bas­telt wurden. Unfertig wie er war, wurde der Text auf den Markt geworfen. Mit der Schande muss der Autor nun alleine klarkommen.

 

Shuty, Sła­womir: Ruchy. Wydaw­nictwo W.A.B. Wars­zawa 2008.
Shuty, Sła­womir: Zwał. Wydaw­nictwo W.A.B. Wars­zawa 2004.