Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

…und ewig ruft die Arktis

Seit der Antike umgibt den hohen Norden ein Mythos, der bis heute die Phan­tasie von Aben­teu­rern, Wis­sen­schaft­lern, Poli­ti­kern und Künst­lern glei­cher­maßen beflü­gelt. Es ist das rät­sel­hafte Land der Hyper­bo­reer, wie von Pindar und Herodot über­lie­fert, das die Grie­chen als warmes Para­dies jen­seits der kalten Nord­winde ima­gi­nieren und wohin es Apollon im Winter drängt. Sein Volk – eine antike Muß­e­ge­sell­schaft par excel­lence: Ohne Krieg, Arbeit oder Furcht vor Krank­heit und Alter frönt es einzig den schönen Künsten. Doch nur Apollon und den gott­glei­chen Heroen ist es je ver­gönnt gewesen, das ferne Hyper­borea zu schauen. In der Neu­zeit tritt dieser Mythos dank der Fort­schritte in der Kar­to­gra­phie in eine neue Dimen­sion: See­fahrer und Kauf­leute beginnen nun wie besessen, nach schiff­baren See­wegen im Eis­meer zu suchen. Obgleich der große Durch­bruch zunächst aus­bleibt, klingt das Arktis-Fieber kei­nes­falls ab und erlebt im impe­ria­lis­ti­schen 19. Jahr­hun­dert einen ersten Höhe­punkt. Neben wirt­schaft­li­chen Inter­essen, poli­ti­schen Zwängen und wis­sen­schaft­li­cher Neu­gier übt der hyper­bo­rei­sche Mythos von einem eis­freien Polar­meer wei­terhin seinen magi­schen Zauber aus – selbst als er längst als Hirn­ge­spinst ent­larvt und auch der Nordpol end­gültig bezwungen ist. Nicht nur der Kampf um die Roh­stoffe, die Kon­tro­versen um Kli­ma­wandel und den Erhalt der ark­ti­schen Umwelt, auch die radi­kale Belie­big­keit des post­mo­dernen Den­kens – „alles ist gleich, alles ist erlaubt“ – und der damit dro­hende Sinn­ver­lust des eigenen Lebens geben diesem Mythos neuen Auf­trieb.

 

Diese nicht abebben wol­lende Fas­zi­na­tion der Arktis hat dem rus­si­schen Leser im ver­gan­genen Jahr u.a. die Erzäh­lung Cholod (Kälte) beschert. Es ist das Erst­lings­werk (bis­lang nur auf Rus­sisch erschienen) des 1978 gebo­renen Sergej Buš­manov: haupt­be­ruf­lich Geo­phy­siker am rus­si­schen Zen­trum für Arktis- und Ant­arktis-For­schung in Peters­burg, in dieser Funk­tion 2009–2011 Teil­nehmer der Vostok-Expe­di­tion in der Ant­arktis, in der Frei­zeit Ark­tis­rei­sender. Im November 2011 gelingt Buš­manov mit Cholod spontan der Sprung auf die Short-List des Debut-Preises, den die Poko­lenie-Stif­tung des rus­si­schen Olig­ar­chen Andrej Skoč seit 2000 jähr­lich an Nach­wuchs­schrift­steller ver­leiht. Buš­manov gewinnt zwar nicht die begehrte Aus­zeich­nung, doch kann er bereits Anfang 2012 seine Erzäh­lung bei dem auf Arktis- und Rei­se­li­te­ratur spe­zia­li­sierten Paulsen-Verlag in Moskau ver­öf­fent­li­chen.

 

In seiner Erzäh­lung schil­dert Buš­manov die Erin­ne­rungen eines obdach­losen Jugend­li­chen an die Jahre vor und nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union. Die sprung­hafte Rück­schau ent­spricht dem brü­chigen Lebensweg des namen­losen Ich-Erzäh­lers und Helden: Nicht einmal acht­jährig ist er auf sich gestellt und durch­misst fortan rast- und ziellos das Land. Ver­lust, Flucht, Ein­sam­keit, Angst, Gewalt und immer wieder der Kampf gegen die Kälte bestimmen seine Lebens­wirk­lich­keit. Sie sind die treuen Begleiter auf seiner Irr­fahrt durch ein Land, das wie das Reich der Schnee­kö­nigin in Kälte erstarrt ist. Doch anders als in Ander­sens Mär­chen, wo mensch­liche Liebe und Wärme den Bann der Kälte bre­chen, bleibt Buš­ma­novs Held auf seiner Suche nach Erlö­sung auf sich selbst zurück­ge­worfen. Der ein­zige Schutz­schild auf dieser lebens­langen Suche ist sein naives Welt­ver­trauen: „Und alles wird gut!“ – die letzten Worte, die seine Mutter ihm im Traum zum Abschied zuraunt. Aus dieser Schick­sals­er­ge­ben­heit schöpft er die Kraft und Selbst­ge­wiss­heit eines Nietz­schea­ni­schen Frei­geistes, der „auf den Ver­such hin lebt und sich dem Aben­teuer anbietet“.

 

 

Bewe­gung ist das Prinzip des Lebens – und sein Prinzip des Über­le­bens. Nur Bewe­gung hilft, der natür­li­chen Kälte der Umge­bung ebenso wie der sozialen Kälte der Gesell­schaft zu trotzen. Daher scheint es nur allzu kon­se­quent, dass seine letzte Reise – in die Arktis – zu einer „geis­tigen Polar­fahrt“ wird, zu einer Reise zum Mit­tel­punkt des Selbst, bei der die kör­per­liche Extre­mer­fah­rung hinter der geis­tigen Erfah­rung an der Grenze zwi­schen Leben und Tod zurück­tritt. Gewiss: Gefähr­lich leben, sich pro­me­t­hei­sche Ziele ste­cken und an ihnen „animae magnae pro­digus“ zugrunde gehen, ist eine ver­füh­re­ri­sche Mög­lich­keit, seinem Leben einen Sinn zu geben. Aber anders als Nietz­sches Frei­geist schreckt Buš­ma­novs Held dann doch vor der letzten Kon­se­quenz des sou­ve­ränen Indi­vi­duums zurück. Statt der „großen Los­lö­sung“ ver­lässt er sich doch lieber auf eine „höhere Macht, die den all­ge­meinen Ver­lauf der Dinge bestimmt“.

 

 

Die Erzäh­lung Cholod beschert dem Hyper­bo­reer-Mythos nicht nur eine Wie­der­kehr, son­dern lässt seine Wärme- und Käl­te­pole sogar in eins fallen. Genauer gesagt: Buš­manov ver­schmilzt ein­fach die antike Auf­fas­sung von glück­li­chen Men­schen, die in einem warmen Land weit im Norden leben und Nietz­sches Vor­stel­lung von einem Weg zu Glück, über­mensch­li­cher Kraft, Stäh­lung des Wil­lens und neuen Werten, der durch Kälte, Schnee, Eis und Ein­sam­keit führt. Die Suche von Buš­ma­novs Helden nach dem erlö­senden Ely­sium ist gleich­zeitig Flucht vor der kalten Ent­frem­dung und Suche nach dem wär­menden Sinn des eigenen Lebens, der seit dem als trau­ma­tisch emp­fun­denen Tod der Mutter und der Ableh­nung durch seine Mit­men­schen ernst­lich auf dem Spiel steht. Die kind­liche Erfah­rung von Wär­me­ver­lust und Käl­te­schock hat ihn skep­tisch werden lassen gegen die ver­meint­liche Men­schen­liebe. Sie treibt ihn ständig vor­wärts und weiter weg, hin in die trös­tende Ein­sam­keit und Stille der Arktis. Der Aus­stieg aus einer von „Verrat, Nie­der­tracht und Gleich­gül­tig­keit“ zer­setzten post­so­wje­ti­schen Gesell­schaft ist der ein­zige Weg, der ihm noch offen­steht, um das eigene Schei­tern abzu­wenden. Diese letzte Etappe seiner Sinn­suche, deren Ziel er letzt­end­lich „im (kalten) Herzen der schnee­weißen Arktis“ erkennt, gleicht in der Tat einem uner­hörten Akt der Selbst­über­win­dung und Selbst­er­neue­rung. Aus­ge­rechnet in der schier end­losen und lebens­feind­li­chen Wüste aus Schnee und Eis, wo der Mensch nicht nur keine Spuren seiner Exis­tenz hin­ter­lässt, son­dern in deren Unend­lich­keit er sich auch zu ver­lieren droht, offen­bart sich Buš­ma­novs Helden der Sinn des Lebens: End­lich „zu Hause“ fällt augen­blick­lich alle Kälte von ihm ab.

 

 

Dass Hyper­borea und ähn­liche Para­diese jedoch schneller zer­ronnen als gewonnen sind, dass der Frei­geist auch bloß Sehn­sucht und Ima­gi­na­tion eines ein­samen Phi­lo­so­phen war, wird am Schluss deut­lich. Denn nach 120 Seiten span­nender Aben­teuer und phi­lo­so­phi­scher Selbst­er­kun­dungen stiftet der plötz­liche Ein­bruch der Rea­lität all­ge­meine Ernüch­te­rung und Ver­wir­rung. Und wenn beide über­wunden sind, bleibt leise Ent­täu­schung als Resi­duum.

 

Buš­manov, Sergej: Cholod. Moskva 2012

 

Wei­ter­füh­rende Lite­ratur:
Frank, Susanne: City of the Sun on Ice. The Soviet (Counter-)Discourse of the Arctic in the 1930s. In: Arctic Dis­courses. New­castle upon Tyne 2010
Frank, Susanne: Tёplaja ark­tika. K istorii odnogo sta­rogo lite­ra­tur­nogo motiva. In: Novoe lite­ra­turnoe oboz­renie № 108 (2011)
Herodot von Hali­kar­nassos: His­to­rien. Buch IV, Kapitel 32–36 (übers. und hrsg. von Josef Feix). 7. Auf­lage. Düs­sel­dorf 2006
Lethen, Helmut: Lob der Kälte. Ein Motiv der his­to­ri­schen Avant­garden. In: Die unvoll­endete Ver­nunft. Moderne versus Post­mo­derne. Frank­furt am Main 1987
McCannon, John: Red Arctic. Polar Explo­ra­tion and the Myth of the North in the Soviet Union, 1929–1939. New York 1998
Nietz­sche, Fried­rich: Der Anti­christ. In: Colli, Gorgio/Montinari, Mazzino (Hg.): Kri­ti­sche Stu­di­en­aus­gabe (Bd. 6). Mün­chen 1999
Pindar: Zehnte Pythi­sche Ode (übers. von Fried­rich Höl­derlin). In: Sämt­liche Werke (Bd. 5). Stutt­gart 1952

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