Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

KdW in der AdK – die Autoren Dmi­trij Dra­gilev und Sergej Šturc

Dieser Text wurde am 14. Juni 2010 auf dem novinki-Blog ver­öf­fent­licht. Nach Grün­dung von novinki.de 2006 kam der novinki-Blog ab 2010 hinzu. Im 15. ‘Lebens­jahr’ von novinki ver­öf­fent­li­chen wir im Rahmen der Lese­reihe REWIND – 15 Jahre novinki ehe­ma­lige Blog-Texte aus den 2010er Jahren in über­ar­bei­teter Form. Der Blog ist seit 2019 ein­ge­stellt. Diese Texte aus den Anfangs­jahren doku­men­tieren als Arte­fakte die Ent­wick­lung der Platt­form, Zeit­schrift und Redak­tion novinki.de – Neu­erschei­nungen aus Ost‑, Mittel- und Südosteuropa.

Kom­mentar:

Dieser Text ent­stand nach der ersten Begeg­nung der Autorin mit Dmi­trij Dra­gilev [Dra­gilew] und Sergej Šturc [Sturz] im Sommer 2010 und wurde elf Jahre später um wei­ter­füh­rende Infor­ma­tionen aktua­li­siert. Die beiden gehörten in den 2010er Jahren zum festen Kern der rus­sisch­spra­chigen Lyrik­szene in Berlin. Nach Erscheinen dieses Blog­ein­trags haben sie ihre Dich­ter­gruppe Zapad naperëd, zu der auch Il’ja Ryvkin gehörte, offi­ziell zusätz­lich auch Kehr­seite des Wes­tens (KdW) genannt. Unter diesem Namen ver­traten sie Deutsch­land 2013 beim Inter­na­tio­nalen Fes­tival Dichter-Bien­nale in Moskau. In einer Reak­tion hieß es, KdW ver­trete eine neue Avant­garde und hebe die Grenze zwi­schen den Spra­chen auf, so dass die Gruppe das zwei­spra­chige Bewusst­sein des Aus­wan­de­rers demonstriere.

 

Dmi­trij Dra­gilev ist wei­terhin als Autor tätig, publi­ziert Gedichte, Geschichten, Artikel und Über­set­zungen in den Zeit­schriften Pla­vučij Most (2019/20) und Dvoe­točie (2020), leitet meh­rere Bands (Swin­ging Par­tysans, Kapelle Strock). 2016 erschien in Berlin sein zwei­spra­chiger Gedicht­band (Städ­ti­sche Liga­turen bei Hoch­roth), 2019 war er Sti­pen­diat des Ber­liner Senats. 2020–21 wurden Teile seines ersten Romans Ohne corona d’alloro in ver­schie­denen Medien in Russ­land und Deutsch­land ver­öf­fent­licht. Dar­über hinaus arbeitet er an einer Dis­ser­ta­tion über die Kul­tur­ge­schichte des rus­si­schen Tango. Sergej Šturc ver­kün­dete Ende 2016 uner­wartet seinen Aus­tritt aus der Gruppe KdW und hat sich seitdem weit­ge­hend zurück­ge­zogen. Im Oktober 2018 traten Dmi­trij und Sergej jedoch im Rahmen des Pro­jekts Vostok der Ver­ei­ni­gung rus­sisch­spra­chiger Autorinnen und Autoren Deutsch­lands (SLOG), deren Vor­sit­zender Dmi­trij ist, wieder gemeinsam auf.

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Das Poe­sie­fes­tival, das vom 4. bis zum 12. Juni 2010 statt­ge­funden hat, ist mit einer kleinen Feier in der Aka­demie der Künste zu Ende gegangen. Mit einer über­ra­schenden Zusam­men­stel­lung der Gesichter: Mit der Autorin Ilma Rakusa aus Zürich, mit Schauspieler_innen, ehe­ma­ligen Stu­die­renden der Ger­ma­nistik und Sla­wistik der Hum­boldt-Uni­ver­sität sowohl unter Ver­an­stal­tenden als auch unter Teilnehmenden.

 

Die Organisator_innen (wie in den Jahren zuvor von der Lite­ra­tur­werk­statt) haben sich ein Gedicht an Ver­an­stal­tungs­ti­teln und ‑arten ein­fallen lassen, um mehr Inter­esse für deutsch­spra­chige und inter­na­tio­nale Lyrik zu wecken. Ein Col­lo­quium mit Literaturwissenschaftler_innen und Autor_innen hat neue Ver­mitt­lungs- und Absatz­wege für Gedicht­bände gesucht, eine Tanz-Poesie-Insze­nie­rung hat alle som­mer­lich gesinnten Sinne akti­viert. Work­shops haben Lehr­per­sonen den sicheren Umgang mit expe­ri­men­teller Dich­tung in der Grund­schule gezeigt und Poe­sie­filme als Unter­richts­ma­te­rial ans Herz gelegt.

 

Vor­schlag fürs nächste Jahr: eine Neu­auf­lage der kleinen Ver­an­stal­tungs­reihe Poets’ Corner, sozu­sagen einer poe­ti­schen Okku­pa­tion Ber­lins. Denn die Dich­te­rinnen und Dichter haben mit Freude vor enthu­si­as­ti­schem Publikum an öffent­li­chen Orten in ihren Bezirken gelesen, und zwar in ihren Mut­ter­spra­chen. Dar­unter fand eine Lesung im gut besuchten Neu­köllner Kör­ner­park und in Treptow im Wagen­dorf Loh­mühle statt: Im Wagen­dorf haben Dmi­trij Dra­gilev und Sergej Šturc vor­ge­tragen. Bei der anschlie­ßenden Feier in der Aka­demie der Künste hat das optisch ungleiche Poe­tryduo ein wenig über sich erzählt. Beide leben in Berlin, haben u.a. rus­si­sche Lite­ratur stu­diert, ver­schie­dene Jobs aus­pro­biert und schreiben seit Jahren.

 

Dra­gilev und Šturc erzählen, dass sie sich als Gruppe fühlen und sie запад нaперёд (zapad naperёd) nennen. Wie den Titel über­setzen, so dass die zahl­rei­chen Bedeu­tungen dieses Wort­spiels mit „Westen“, „ver­kehrt herum“, „nach vorne“ und „rück­wärts“ erhalten bleiben? Viel­leicht: Kehr­seite des Wes­tens, abge­kürzt als KdW…

 

Genau dieses Pro­blem, das Schei­tern eines glatten Über­set­zens, bringt uns ins Gespräch und ihrer Vor­stel­lung von Poesie näher. Den beiden geht es um das Ideal der kul­tu­rellen Dop­pel­exis­tenz in der Dich­tung – um sprach­liche Assi­mi­la­ti­ons­ver­wei­ge­rung von Rus­sisch­schrei­benden in einer deutsch­spra­chigen Umge­bung und um poe­ti­sche Auf­ge­schlos­sen­heit. In rus­si­scher Sprache mit den Mit­teln gesamt­eu­ro­päi­scher Kunst­au­to­nomie dichten, so könnte ihr gemein­samer Nenner lauten.

 

Boris Rochlin hat über die Gedichte von Sergej Šturc geschrieben, dass sie dem Lärm ent­springe, der Prag­matik dessen, was er sieht, hört, erwischt – aus einer bewusst auto­ma­ti­sierten Schreib­weise, die das Unbe­wusste, Spon­tane und Chao­ti­sche anzapft; die Zer­brech­lich­keit des poe­ti­schen Rah­mens werde durch eine Kom­bi­na­tion von gereimten und nicht gereimten Versen ver­stärkt, durch Allu­sionen auf Odessa und Peters­burg, auf die Kind­heit und das Erwachsensein:

 

„Поэзия Сергея Штурца рождается не из снов. Вряд ли поэт их видит. Она является из шума. Из прагматики увиденного, услышанного, уловленного, что неожиданно и для автора. Всплывает ассоциативно, не в памяти, минуя ее, а непосредственно в строках и строфах. (…)

Для поэта характерна легкость версификации, спонтанность ассоциативных ходов, бессознательный или удачно таковую имитирующий сдвиг темы, сюжета. Инфантилизм как замысла, так и исполнения несомненен. Хрупкость стихотворного каркаса скрепляется сочетанием рифмованной и нерифмованной строки, тем самым не позволяя стихотворению распасться. (…)

Поэзия Сергея Штурца раскачивается между югом и севером, между Одессой и Петербургом, между одесскими впечатлениями и переживаниями ребенка и петербургскими — взрослого.“

 

Dmi­trij und Sergej erklären, dass sie sich West- und Mit­tel­eu­ropa ver­pflichtet fühlen, und zwar in dem Sinne, wie die Peters­burger Poesie inter­es­siert an west­eu­ro­päi­schen Tra­di­tionen gewesen ist, wäh­rend sie sich dabei der rus­si­schen Sprache als ihres Aus­drucks­me­diums bedient hatte. Wie schon der Titel Kehr­seite des Wes­tens andeutet, ist diesen Dich­tern ein bestimmtes Bewusst­sein für die Mög­lich­keiten der Sprache eigen. Sie möchten jene Inno­va­tionen fort­setzen, die in der Klas­si­schen Moderne ange­legt worden sind, also z. B. die Offen­le­gung von seman­ti­schen Schat­tie­rungen durch Expe­ri­mente mit der Syntax und dem Klang. Für beide gibt es viele Refe­renz­punkte und Vor­bilder. Da wären zunächst einmal die sog. ‚unbe­merkten Autoren‘ wie Pёtr Čejgin in St. Peters­burg und Leonid Gubanov im Moskau der 1970er Jahre und Boris Pop­lavskij im Paris der Vor­kriegs­zeit. Wichtig sind ihnen auch Viktor Sos­nora und Joseph Brodsky, Alexej Parščikov und Michail Eremin. Die Impulse rei­chen weiter zurück bis zu rus­si­schen Avant­gar­disten wie Maja­kovskij und Sel­vinskij, Vve­denskij und Chlebnikov.

 

Dra­gilev und Šturc 2018, © Brot­fa­brik Berlin.

Meta­mo­der­nis­tisch kann man ihre Auf­fas­sung von der Gleich­zei­tig­keit meh­rerer Rea­li­täten nennen, die durch Sprache erzeugt werden – sei es der Zeit- oder der Raum­schichten, des Un- oder des Über­be­wusst­seins, wie es in dem meta­poe­ti­schen Essay „Geheim­tipp ‘Meta-Meta’“ von Dmi­trij heißt. Immer wieder rückt dabei die Meta­pher ins Zen­trum der Über­le­gungen und der Gedichte, die regel­rechte Meta­phern­ketten pro­du­zieren. Warum spricht man bei dieser Poesie von Meta­me­ta­phorik? „Weil keine Ver­bin­dung zu wider­sprüch­lich ist, keine Bedeu­tung zu unüber­windbar“, so Dra­gilew und führt aus: „Die Zeit stellt uns vor immer neue Her­aus­for­de­rungen und wir fragen uns ständig: Was ist der Sinn davon? Hat das über­haupt einen Sinn? Die Bedeu­tung über­winden, das heißt, die Bedeu­tung als eine Reihe von Bedeu­tungen zu sehen, weiter und weiter zu gehen, zu leben, ohne auf die momen­tane Bedeu­tung zurückzublicken.“

 

Eine wei­tere Defi­ni­tion findet sich auf dem Cover der zweiten Auf­lage von Dmi­trijs erstem Gedicht­band K čaju v pjat’ (Zum Tee um fünf, Vin­nica: Globus-Press, 2001, und 2003 mit einem Vor­wort von Sergej Bir­jukov, dem Gründer der Aka­demie für trans­ra­tio­nale Poesie), einer Rezen­sion von 2002 ent­nommen: „Diese Gedichte sind dank ihrem Bestreben, den inneren, ener­ge­ti­schen Aufbau sprach­li­cher Sub­stanz zu ent­de­cken, mit der Tra­di­tion des ‚Metarea­lismus‘ ver­wandt. Sie erwei­tern die Vor­stel­lung von dieser bisher kaum unter­suchten und beschrie­benen Tra­di­tion. Zum ‚Metarea­lismus‘ webt Dra­gilew ein wenig vom zeit­ge­nös­si­schen Tele­gra­fen­stil dazu“, so der Schrift­steller und Kri­tiker Vjačeslav Kuricyn.

 

Der zweite Gedicht­band von Dmi­trij, Vse pri­mety ljubvi (Alle Anzei­chen von Liebe, Moskau: Russkij Gul­liver 2008), zeugt von der Treue zu seiner bal­ti­schen Hei­mat­stadt Riga und zu Jazz. Seine Schreib­weise ist geprägt von Melodie und Meta­phern, aber auch von Impro­vi­sa­tion und Arran­ge­ment – man liest und hört den Musiker heraus, wie z.B. bei dieser Lesung Volks­park Berlin-Wil­mers­dorf (2019).

 

Dra­gi­levs Lyrik hängt unmit­telbar mit der Jazz­musik zusammen, mit ihrer Impro­vi­sa­tion, Varia­tion und über­ra­schenden Pointen, was Kritiker_innen in Zeit­schriften wie Znamja und Novoe lite­ra­turnoe oboz­renie mit Inter­esse bemerkt haben: Dra­gilev prüfe das Wort auf seine Plas­ti­zität hin, biege es an uner­war­teten Stellen und lege seine Knoten und Nähte offen.

 

Dra­gilev hat einige Bücher zur Musik­ge­schichte ver­fasst, u.a. über rus­si­schen Tango und eine Bio­grafie über den ver­folgten und ver­bo­tenen deutsch-rus­si­schen Jazz-Trom­peter jüdi­scher Her­kunft Eddie Rosner. Rosner ist aus der Wei­marer Repu­blik in die Sowjet­union emi­griert und hat dort die Jazz- und Swing­szene ent­schei­dend geprägt. Die Ver­fas­serin würde ihn gern für dieses span­nende Buch loben, wird aber kor­ri­giert, denn das höchste Lob, so Dra­gilev, kam bereits von Alexej Parščikov. Das Idol schrieb an den jün­geren Lyriker am 5.4.2002, 16.1. 2007 und 30.1.2008, er finde seine Gedichte gut, inter­es­sant, talen­tiert bis hin zu ausgezeichnet.

Die Gedichte von Šturc und Dra­gilev können so ausssehen:

Предположим, кисть и краски,

Треть подобия холста

И по грудь венецианка

У витражного окна,

 

Шерсти клуб, вазон пионов,

Кружка кофе, на потом,

Кот, без племени и рода,

С недобитым мотыльком,

 

Безучастная кушетка,

Равнополых амплитуд,

Коридорных ротозеев

Пересуды, перестук,

 

Предисловие к альбому

Непроявленных пока

Фотографий времён года

Нам на долгие года.

Pinsel und Farben, nehmen wir an,

Ein Drittel von etwas wie Leinwand

Und bis zur Brust eine Venezianerin

Vor dem ver­zierten Glasfensterrand,

 

Woll­knäuel, eine Vase mit Pfingstrosen,

für später ein Kaffeebecher,

Ein Kater ohne Her­kunft und Geschlecht,

Mit einem Falter, fast leblosen,

 

Eine gleich­gül­tige Couch,

Schwin­gungen im glei­chen Zeitraffer,

Zer­streiten, Autsch

im Flur gäh­nender Gaffer.

 

Ein Album­vor­wort

Noch unbe­lichtet

Jah­res­zei­ten­fotos

Für lange Jahre für uns.

Autor: Sergej Šturc, 2009. Nach­dich­tung: Tat­jana Hofmann

ШКОЛА

 

Хомяк-художник в халате

Рисуй кислосладкий хлеб

Ресница с весной не ладит

Льет дождик под скрип телег

 

Дочь пекаря не дежурит

На шухере переполнен

Диск жесткий хотя в ажуре

Мы редкие файлы помним

 

До соли и строчек жадны

С пятого на седьмое

Стань бабочкою – пожарник

Лисой – поджигатель моря

 

Кисть доведи до полного автоматизма

Пусть вспомнит цветы Матисса

DIE SCHULE

 

Hams­ter­maler im Kittel,

Male das Brot gesüßt und sauer

Die Wimper passt nicht zum Frühjahr

Es regnet wenn Schub­karren fahren

 

Die Tochter des Bäckers hat keinen Dienst

Steht nicht Schmiere platzt aus Nähten

eine Fest­platte auch wenn geziert

wir kennen noch die sel­tenen Dateien

 

Gierig auf Salz und Zeilen

Vom Hun­dertsten ins Tau­sendste erklär es

Werde Schmet­ter­ling, Feuerwehrmann

Werde Fuchs, Brand­stifter des Meeres

 

Führe den Pinsel automatisch

Lass denken an Blumen von Matisse

Autor: Dmi­trij Dra­gilev, 2008. Nach­dich­tung: Tat­jana Hofmann

Успокойся мое сердце

говорил парень игравший у меня на валторне

Или саксгорне. Сферическом инструменте

Горячая вода льется днями

Трехгранное поперечное сечение отражает свет

без люминофоров и люкс-секунд

Производишь впечатление человека забывшего кастанеду во вторник

В избе-читальне на эскалаторе новостной ленте

Бедняги

Много повидавшего на веку

 

Соседская девушка увлекается трилобалом

Балуется кислосладким хлебом

шестнадцатым номером

В мыслях набитых спаржей возвращается с бала

Хабалка все еще слушающая «You’re in the Army Now»

 

Думаешь я про тебя? Отнюдь. Подбивает наждак

Прометей на спокойствие мер и весей

Протеиновые существа и без ментов да менторов должны догонять и ждать

Как учил адмирал Эллингтон «жди известий»

 

Трилобал – витамин. А из раструба слюни летят в радиатор

новенького джукбокса*

Забавляет не Грета Скакки но скачет селезень водолаз поет

В Поднебесной джонку освоят близнецы-братья на «в» – чемпионы бокса

Будешь скачивать – обрати внимание на наличие буквы «ё»

 

По следам паутины витражных звенящих снов баснословных призов

Все летит… навстречу заре как доблесть и кажется там еще

Полотнище по утрам развевалось

Каждый день в тростянке пахнет сосной и сосут подзол

Теща – камуфляж ариадны – обходит посты и бабла завалы

(что останется положи на счет)

 

Моя милая, ты скушала свои вафельки?

Тебе скучно в этой пыли, красавица?

Музыкант и сын писателя Андрей Хермлин освобожден

из тюрьмы в Африке

Настоящий житель Тюрингии – хрустящий* и не кусается

 

Ты тоску не отксеришь но можешь затеять кросс

Пошляки захлебнутся криком напрасным ведь

Здесь не пахнет серой или ванилью

Вот прошел с пирожками большой медведь

Вы мне девушка не звонили?

Это был контрольный вопрос

 

От башенок островерхих остался один домик зеленый

Карусельные кольца в парке имени Агапкина или же Агасфера

В последнее время особым успехом пользуются листья клена

Газами на селе не загажена атмосфера

 

На лугу не резвись забытый пей иван-чай

На болоте метан доски-шилевки пойдут на постройку гати

Девушка отрезвит спросит: не кончил еще? Кончай, –

Ответишь, – маяться дурью будто одна из гадин

 

Горит камин огнем охваченный

Переезд номер зибен закрыт

Ты не встречаешь меня танцуя у штанги

Тема вражды между Востоком и Западом восходит к атланту и гиперборейцу

История единоборств проникает в ры-

Бу «земыгу»** синкопу танго

Милая, может хватит, а?

Все равно зарастешь, сколько ни брейся

 

Истома дядюшки Тома – для него у нас есть всегда запасная хижина

Дятел не утомился с восторгом буравит кору а кора плесневея

Начинает казаться березовой но если подойти ближе нам

Станет заметно что это был крем «Нивея»

 

Все имеет естественное развитие

штурманом – баргузин

Подарок-шарик имеет kein’Sinn* если platzt**

И оборзевшие воры любят анфас твой который я когда-то возил

В портмоне украденном на станции Бундесплатц

 

 

Примечания:

* Juke Box

* два сообщения, появившиеся одно за другим на мониторе в вагоне берлинской

подземки.

** рыба «земыга» – неологизм. В каком-то смысле продолжаю традицию собствен-

ного деда, который копченую салаку называл стремижкой (есть версия, что это об-

ластное слово происходит от Sträm­ling). Я представляю себе земыгу этаким фан-

тастическим (метафорическим) подвидом-родственником латимерии – кистеперой,

не слишком приспособленной к жизни, не самой промысловой (востребованной),

неуклюжей и одинокой.* не имеет никакого смысла (нем.).

** лопнет (нем.).

Sei ruhig, mein Herz

sprach der Bur­sche, der bei mir Wald­horn blies

Oder Sax­horn. Sphä­ri­sche Instrumente.

Warmes Wasser fließt immerfort,

Drei­kan­tiger Quer­schnitt split­tert das Licht

ohne Lux-Sekunden und Luminophor

Du machst den Ein­druck Eines, der am Dienstag Castan֮eda liegen ließ

In der Bücher­stube auf dem lau­fenden Nachrichtenband,

Einer armen Sau,

Die im Leben so man­ches sah.

 

Das Nach­bar­mäd­chen schwärmt für Trilobal,

Labt sich am süß­sauren Brot,

an der Pique Sieben,

Kehrt in spar­gel­ge­spickten Gedanken zurück vom Ball,

Die Bitch hört noch immer „You‘re in tue Army Now“

Denkst du, ich meine dich? Mit­nichten. Es nagelt Sandpapier

Pro­me­theus an die Ruhe von Maßen und Gewichten,

Pro­te­in­wesen jagen auch ohne die Bullen und Bullen* im Revier

Und warten,

Wie Admiral Ellington lehrte – „Warte auf Nachrichten“

 

Tri­lobal – ein Vit­amin. Und aus dem Trichter trieft Spei­chel in die Kühler

brand­neuer Juke-Boxen,

Amü­siert nicht die Greta Scacchi doch hüpft der Erpel-Tau­cher, johlt,

Im Reich der Mitte werden die Dschunke bezwingen die Cham­pions mit „W“,

sprich – die Zwillings-Boxer

Beachte beim Down­loaden die Bedeut­sam­keit des Buch­staben „Jo“

 

Auf den Spuren von Spinn­weben klin­gender Vitragen-Träume, mär­chen­hafter Preise

Fliegt alles… dem Mor­genrot ent­gegen wie die Tugend, und mich dünkt,

Als hätte dort mor­gens noch die Flagge geflat­tert. Mittenmang.

Jeder Tag im Dickicht duftet nach Fichte und Bäume saugen am Sauerboden.

Die Schwie­ger­mama – Ari­adne in Tar­nung – spitzt ihre Ohren und zählt den Zaster

(was übrig­bleibt, bring auf die Bank!)

 

Liebste, hast du die Waf­feln gegessen?

Ödet dich an dieser Staub, du Süße?

Der Musiker und Schrift­stel­ler­sohn Andrej Hermlin

Ist befreit aus dem Knast in Afrika.

Echter Thü­ringer – knusprig und nicht bissig.

 

Die Öde kannst du nicht xero­ko­pieren, jedoch Cross-Läufe initiieren,

Die Schand­mäuler ver­schlu­cken sich am ver­geb­li­chen Schrei,

Denn hier riecht‘s nicht nach Vanille oder Schwefelrauch,

Dort läuft ein großer Bär mit Piroggen vorbei,

Haben nicht Sie mich ange­rufen, junge Frau?

Das war  ‘ne Frage zum Kontrollieren

 

Von spitzen Türm­chen ist nur das grüne Häus­chen übrig,

Karus­sell-Ringe im Park, benannt nach Agapkin oder Ahasv‘er,

In letzter Zeit sind Ahorn­blätter beson­ders beliebt,

Bleibt von Abgasen frei auf dem Land die Atmosphär‘

 

Tobe nicht auf der Wiese, trink den ver­ges­senen Brandkraut-Tee,

Im Moor das Methan, die Spund­bretter gehen für den Damm,

Ernüch­ternd fragt das Mäd­chen: Bist du noch nicht gekommen? Komm,

Erwi­derst du, wider­li­ches Reptil, red‘ keinen Schnee

 

Von Flammen ergriffen glüht der Kamin,

Der Bahn­über­gang Nummer sieben ist zu,

Du emp­fängst mich nicht tan­zend an der Stange,

Das Thema der Fehde zwi­schen Ost und West geht zu-

Rück auf den Hyper­bo­reer und den Atlas,

Die Geschichte der Zwei­kämpfe dringt in den Fisch

„Semyga“**, die Syn­kope des Tangos,

Schätz­chen, nun ist aber gut, kusch!

Was du weg­ra­sierst, wächst eh nach, also lass das

 

Onkel Tom‘s Matt­heit – eine Ersatz­hütte für ihn haben wir immer,

Nicht matt ist der Specht, begeis­tert bohrt er die Rinde, schimmelt

Sie, gleicht sie der Bir­ken­rinde, tritt man jedoch näher,

Sieht man sogleich – es ist die Creme „Nivea“

 

Alles hat seine natür­liche Entwicklung

vom Steu­er­mann zu Bargusín,***

Ein geschenkter Luft­ballon hat keinen Sinn, wenn er platzt,

Jetzt lieben dreiste Diebe dein Licht­bild, das ich einst bei mir trug

Im Porte­mon­naie, gestohlen am Bahnhof Berlin Bundesplatz

 

Anmer­kungen:

*Gemeint sind päpst­liche Bullen (Rund­schreiben)

** Neo­lo­gismus, ein phan­tas­ti­scher Fisch, nicht son­der­lich ange­passt an Lebensumstände.

***Sturm­wind auf dem Baikalsee.

Autor: Dmi­trij Dra­gilev, 2008. Über­set­zung aus dem Rus­si­schen von Sergej Glad­kich, Lek­torat: Ruth Wyneken

Прошло время хороших зубов

мой зуб

похож теперь скорее на церковь

в центре Европы*

чем на коралловую слезу

 

дантисты поднимут цены

и девушка за любовь

не выпьет но требует

летучий корабль чести отчаянно офицерской

 

а еще учесть нашествие мамонтов

и прочие невзгоды раннего голоцена

возвышенные катастрофы тропы

Тоти Даль Монте медведей Гамми мама ты

 

знаешь как под ногами уходят

пояса

известные часовые

в модных болотах

мазурских

наигрывают (а может жарят) мазурки

сторожевого пса

 

спящего на охоте

вместо совы и

в слове аранжировка слышится слово жир

 

оранжевый

 

(пилоты

Мельник Баси и Хозяин*

по пол-литра пива взяли)

то березка то резина

то повозка то дрезина

 

надо же вы

 

так угадали эту раскладку нажим

ручки на каждую букву

вот и филин кажется букой

 

о чем говорила группа «Бася»

стремительно куролеся

о том что нас всех иногда колбасит

как кабана в Полесье

 

в столетьях прижавшись щекой к щеке

вспомни о ямщике

 

Примечания:

*имеется в виду берлинская Церковь Поминовения неподалеку от торгового комплекса «Европа-Центр».

** так передает фамилии джазменов Г.Миллера, К.Бэйси и Б.Гудмена онлайновый переводчик-автомат.

Vorbei die Zeit guter Zähne

mein Zahn

ähnelt jetzt eher der Kirche

im Zen­trum Europas*

denn einer Korallenträne

 

die Den­tisten treiben die Preise hoch

und ein Mäd­chen trinkt nicht auf Liebe

ver­langt dafür jedoch

ein Flug­schiff ver­zwei­felter Offiziersehre

 

zudem zu bedenken die Mammut-Invasionen

und des frühen Holo­zäns sons­tige Unbilden

erha­bene Kata­stro­phen der Pfade

der Toti Dal Monte der Gummy-Mamma-Bären

 

du weißt wie unter den Füßen schmelzen

die Zonen

der Zeit wohl­weis­lich die Wachmänner

in modi­schen Mooren

der Masuren

into­nieren (oder schmet­tern gar) die Masurkas

des Wach­hunds

 

der auf der Jagd pennt

anstelle des Uhus und

im Wort arran­gieren hört man das Wort Gier

 

orange

 

(die Piloten

Müller Basi und Gutsherr **

holten sich je eine Maß Bier)

mal Klarer mal Retsina

mal Karre mal Draisine

 

sieh an Sie

 

haben sicher erraten den Dreh den Druck

der Feder bei jedem Buchstaben

so wird aus dem Uhu ein Spuk

 

wovon sprach die Band „Basia“ heute***

unbändig tobend und krachend

davon daß es uns alle mal beutelt

wie am Pripjat die Bache

 

jahr­hun­der­te­lang Wange an Wange

denk an den Kut­scher* warte nicht lange

 

Anmer­kungen:

*Gemeint ist die Kaiser-Wil­helm-Gedächt­nis­kirche am Europa-Center in Berlin

**So über­setzt der auto­ma­ti­sche Online-Über­setzer die Namen von Glenn Miller, Count Basie und Benny Goodman

*** Rus­si­sche Rock-Gruppe, die sich für die Ret­tung von her­ren­losen Tieren engagiert.

**** gemeint ist der Kut­scher als Prot­ago­nist im rus­si­schen Volksliedgut.

Autor: Dmi­trij Dra­gilev, 2008. Über­set­zung aus dem Rus­si­schen von Sergej Glad­kich, Lek­torat: Dmi­trij Dragilev

Lite­ratur

 

Dra­gilev, Dmi­trij: Eddie Rozner: Šmal­jaem džaz, cho­lera jasna! / Schmet­tern wir den Jazz, es ist ver­dammt klar. Nižnij Nov­gorod 2011.

Dra­gilew, Dmitri: Städ­ti­sche Liga­turen. Gedichte im Ori­ginal und in Über­set­zungen von Hen­drik Jackson, Olga Kouvchin­ni­kova, Ingolf Hopp­mann, Elena Blok­hina und Sergei Glad­kich. Berlin 2016.

 

Wei­ter­füh­rende Literatur

 

Dra­gilev, Dmi­trij: Kogda povz­ros­leju zanimat’sja muzykoj.
URL: http://www.plavmost.org/?p=13881

 

Dra­gilev, Dmi­trij: Leto v rige.
URL: https://dvoetochie.org/2020/07/02/dragilyov/

 

Dra­gilev, Dmi­trij: kras­no­rečivee chem abzac zapadnee na obširnom.
URL:https://www.lyrikline.org/de/gedichte/krasnorechivee-chem-abzac-zapadnee-na-obshirnom-12318

 

Dra­gilev, Dmi­trij: Die Ankeruhr des Chuut­schin Saltaj. Aus dem Rus­si­schen von Fran­ziska Zwerg.
URL: https://stadtsprachen.de/de/text/%d0%b4%d0%bc%d0%b8%d1%82%d1%80%d0%b8%d0%b9-%d0%b4%d1%80%d0%b0%d0%b3%d0%b8%d0%bb%d0%b5%d0%b2-%d1%8f%d0%ba%d0%be%d1%80%d0%bd%d1%8b%d0%b5-%d1%87%d0%b0%d1%81%d1%8b-%d1%85%d1%83%d1%83%d1%87%d0%b8%d0%bd/?Deutsch#

 

Dra­gilev, Dmi­trij; Šturc, Sergej: 13.10.2018. Lesung in BROTFABRIK Berlin.
URL: https://youtu.be/62U6My_yk00 /

 

Dra­gilev, Dmi­trij; Šturc, Sergej: Fort­füh­rung der Lesung in BROTFABRIK Berlin, Pro­jekt „Vostok“. 13.10.2018.
URL: https://youtu.be/Dqu7HQ30Bvc

 

Dra­gilev, Dmi­trij: Geheim­tipp „Meta-Meta“.
URL: http://parshchikov.ru/pamyati-parshchikova/geheimtipp-meta-meta

 

Ganieva, Alisa: Piraty, totemy i Bien­nale v Moskve.
URL: https://www.ng.ru/ng_exlibris/2013–11-21/1_bienalle.html

 

Kuricyn, Vjačeslav: Gek­sogen – v massy, Russkij žurnal.
URL: http://old.russ.ru/krug/news/20020404_kur.html

 

Kuz­ne­cova, Anna: Vse pri­mety ljubvi
URL: https://znamlit.ru/publication.php?id=3988

 

Rochlin, Boris: „Tri ėsse o russkoj slove­snosti v Germanii.
URL: https://zvezdaspb.ru/index.php?page=8&nput=905

 

San­kina, Maria; Tschaja, Larissa: Zum Tee um fünf. Ein Inter­view mit Dmitri Dragilew.
URL: http://www.novinki.de/sankina-maria-zum-tee-um-fuenf/

 

Vekšin, Georgij: „Kogda pris­tupim k podsčetam?
URL: http://philologos.narod.ru/vekshin/vekshin2-nlo90.pdf