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Kein Denken in Bildern: Interview mit Zoran Ferić

Posted on 12. Januar 2022 by Domagoj Odrljin
Gibt es einen besseren Blickwinkel, als den der eigenen Familie, um auf fast hundert Jahre Geschichte zurückzublicken und darüber zu schreiben? Zoran Ferić erzählt uns einen Teil der Weltgeschichte durch die Familiengeschichten seiner Mutter und seines Vaters und bringt uns das Eheleben seiner Eltern näher, das er nur zu gut und intensiv miterlebt hatte. Sein Generationenroman vereint Familie mit Zeitgeschehen.

Gibt es einen besseren Blickwinkel, als den der eigenen Familie, um auf fast hundert Jahre Geschichte zurückzublicken und darüber zu schreiben? Zoran Ferić erzählt uns einen Teil der Weltgeschichte durch die Familiengeschichten seiner Mutter und seines Vaters und bringt uns das Eheleben seiner Eltern näher, das er nur zu gut und intensiv miterlebt hatte. Sein Generationenroman vereint Familie mit Zeitgeschehen. Wieviel Gutes und wieviel Schlechtes dabei herauskommt, weiss man wie so oft erst, wenn das Leben fertig gespielt hat. Wir finden in seinem Roman Kitsch, wie ihn Kundera beschrieben hatte, ein Haufen Ehrlichkeit und Schmetterlingseffekte, die aus kleinen, scheinbar unbedeutenden Ereignissen viel Leid, aber auch Glück entstehen ließen, ohne welches es Zoran Ferić und diesen Roman heute nicht geben würde.

Domagoj Odrljin hat sich mit Zoran Ferić per E-Mail über einen Roman unterhalten, der noch nicht ins Deutsche übersetzt ist:  Putujuće Kazalište (dt.: Reisendes Theater).

Das Gespräch kann auf Kroatisch hier nachgelesen werden.

 

Domagoj Odrljin: Herr Ferić, in Ihrem 2020 auf Kroatisch erschienenen Roman Putujuće Kazalište (dt.: Reisendes Theater) erwähnen Sie am Anfang Ihres Romans im Prolog eine Fotografie. Und das erste Kapitel Schatten endet mit einer Fotografie, die wir wirklich sehen. Diese Fotografie lässt darauf schliessen, dass noch weitere folgen werden. Aber es kommen keine weiteren vor. Ich habe mich gefragt, warum Sie die Bilder, z.B. die gemalten Bilder des Grossvaters Benjamin Bernstein, nur erwähnen, aber nicht zeigen. Geht es darum, Gedanken aufzuzeigen, die nicht mehr vollständig vorhanden sind? Oder wäre Ihre Familiengeschichte sonst zu real und faktual geworden?

 

Zoran Ferić: Ich wollte von Anfang an nur die erwähnte Fotografie mitteinbauen. In erster Linie, weil ich kein dokumentarisches Buch, sondern einen Roman schrieb. Auch wenn gewisse Dokumente das Fundament des Romans sind, so wollte ich ihn nicht mit diesen überladen. Es ist viel Fiktion darin vorhanden und das macht es zu einem Roman. In zweiter Linie ist die Fotografie sehr ungewöhnlich, laut manchen Menschen auch schockierend. Deswegen hat sie hier ihren Platz, aufgrund ihrer Ironie und Ungewöhnlichkeit. Es ist nämlich ironisch, dass die einzige Fotografie meiner Großeltern (mütterlicherseits) genau die ist, auf der sie nicht zu erkennen sind. Da ist eine ironische, aber auch schreckliche, unheimliche Abwesenheit. Weitere Fotografien würden das Buch in eine Familien-Monografie verwandeln, was ich vermeiden wollte.

 

D.O.: Das einzige andere Bild, welches ich aus dem Roman mitgenommen habe, ist, wie Sie sehen, Ihr Stammbaum, den ich während des Lesens vervollständigt habe. Und wenn ich jetzt über ihren Stammbaum nachdenke, sehe ich auf diesem Blatt Papier den Raum, der ungenutzt blieb, die hastig niedergeschriebenen Buchstaben, das Papier und den Tisch, auf dem ich gelesen habe. Alle diese Erinnerungen erscheinen mir jetzt wie Eindringlinge in die gesamte Erinnerung an Ihren Roman. Ist dies das Denken in Bildern, das Sie erwähnen? Wie "wenn du in Bildern denkst, dann geschieht es oft, dass ein Bild so dominant und verlockend wird, das jener, der denkt, an keine anderen Bilder mehr denken kann"?

 

Z.F.: Ich weiss nicht, ob dies ein Beispiel für das Denken in Bildern ist, aber ich dachte dabei an etwas sehr Konkretes. Wenn man in Bildern denkt, dominieren üblicherweise ein oder zwei Bilder. Dies ist jedoch kein (Nach-)denken, es ist eine Vorstellung des Bildes, nach welchem man sich sehnt. Gleichzeitig ist es jedoch sehr einengend, da sich der Mensch durch solche Vorstellungen in den meisten Fällen einem Kitsch nähert, aus welchem er nicht mehr rational über seine Wünsche oder über seine eigene Situation nachdenken kann. Sie können das mit einer schwangeren Frau vergleichen, die über das Leben mit einem Kind nachdenkt, dabei jedoch nur zwei Bilder sieht: sich selbst mit dem Kinderwagen und wie sie damit stolz die Straße entlang geht. Was sie nicht sieht, sind die schlaflosen Nächte, Kinderkrankheiten, Angst, manchmal Wut, das Gefühl fehlender Freiheit, des Gefangen-Seins usw.

 

D.O.: Beziehen Sie sich da auf den Kitsch, vor welchem ihre Mutter panische Angst hatte und den Ihr Vater verkörperte? Heißt das, dass Ihr Vater mit seinem Hang zum Kitsch demnach auch das Denken in Bildern verkörperte?

 

Z.F.: Der Kitsch, der aus dem Denken in Bildern hervortritt, ist nur dieses eine Bild, welches von allem anderen, von der Kontinuität und der Logik des Geschehens getrennt ist. Das ist wie, wenn wir uns selbst am Strand beim Sonnenuntergang vorstellen, aber weder davor noch danach etwas existiert. Es ist eine Sackgasse. Dieses Bild ist also Kitsch, weil es unecht ist. Es hat keine Meeresbrise, keine Mücken am Ufer und auch sonst nichts, was das Bild echt machen würde. Dieses Denken in Bildern kann auch auf den Vater im Roman übertragen werden, der sich gerne auf der Jagd wähnt, sich wie ein Jäger kleidet, selbst jedoch kaum auf die Jagd geht. Er lebt somit in diesem Fragment fern von der Realität, indem er von den unechten Bildern zehrt.

 

D.O.: Wenn das Denken in Bildern ein Problem sein kann, wie verhält es sich dann beim Denken in Gerüchen? Ist dies nicht sogar komplexer, wenn Sie im Roman schreiben, dass Ihr Onkel Stjepan Ihnen eine duftende Ankündigung des Todes hinterließ?

 

Z.F.: Gerüche sind komplexer, weil sie assoziativer und abstrakter sind. Das Problem beim Denken in Bildern ist, dass es überhaupt nicht komplex ist. Es ist im Grunde genommen betäubend, wohingegen Geruchsassoziationen der Assoziationskraft der Musik ähnlich sind. Deswegen mag ich Gerüche.

 

D.O.: Die Zeit scheint mir den ganzen Roman hindurch die einzige Konstante oder sogar, auch wenn unsichtbar, die Hauptfigur zu sein. Sie beschreiben die Zeit als eine verwirrende Dimension, weil wir sie nicht hören, nicht sehen, und erst spüren, wenn sie vorbei ist. Kann der Roman als Erinnerung daran gelesen werden, dass alles um uns herum und wir alle selbst eines Tages obsolet werden?

 

Z.F.: Sie haben Recht, die Zeit ist eine der Figuren. Ein ganzes Kapitel handelt davon. Dazu kommt noch das flüchtige Motiv der Uhren. Der Roman selbst ist auch chronologisch angeordnet und die Zeit ist immer präsent, in Erinnerungen, als eine Uhr, als ungewisse Zukunft, als Tod…

 

D.O.: Eine Sache, die, wie es scheint, nie obsolet werden wird, ist die Diskussion darüber, "wessen Alter ein Ustaša und wessen ein Partisan war", wie es im Lied Smak svijeta von TBF zu hören ist. Auch der junge Tvrtko hat das schon eingesehen, als er sich fragte, wie viele Generationen es noch brauche, damit dieses 'östliche Blut' endlich verbraucht und verschwinden würde. Besteht die Möglichkeit, dass es solche Diskussionen eines Tages nicht mehr geben wird? Falls ja – wie?

 

Z.F.: Ich wollte keineswegs einen Roman über Ustaša und Partisanen schreiben. Oder nur darüber. In unserer politischen Welt ist diese Diskussion ein allgemeiner Ort und äußerst belastend. Im Rahmen eines literarischen Kontexts, der eine gewisse Zeit behandelt, ist dies jedoch unausweichlich. Vor allem, wenn auf beiden Familienseiten Mitglieder umgebracht wurden. Wie wir sehen, braucht es viele Generationen. Ich hoffe, dass dies kein solcher Roman ist. Ich war mir jedoch schon während des Schreibens bewusst, dass dies einige junge Menschen überhaupt nicht interessiert.

 

D.O.: Dies ist auch einer der Gründe, weshalb Mimicas Eltern nicht möchten, dass sie Petar Čirić heiratet und sich dem reisenden Theater anschliesst. Worauf bezieht sich eigentlich der Titel des Romans, außer auf das reisende Theater von Petar Čirić? Auf die Geschichte als Theater? Die Handlung erstreckt sich immerhin fast über das ganze 20. Jahrhundert. Oder auf die Familie?

 

Nicht nur auf die Geschichte als Theater, sondern auch auf unsere Rollen darin. Eine Charakteristik des Schauspielens und der Schauspielrolle ist, dass es etwas Irreales und Vergängliches ist. Unsicher, jedoch beeindruckend, solange es andauert. So ist es auch, wenn wir an Menschen von früher und an deren Rollen im Leben denken. Die zeitliche Distanz relativiert das so schön, dass es fast einer Theatervorstellung gleicht.

 

D.O.: Eine Szene hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen: Während der Blutfleck, für welchen Zoran verantwortlich ist, auf dem Hemd des Schulkollegen wächst, spielt im Hintergrund das Lied „Fly, Robin, fly“. Der Blutfleck wächst zu den Takten eines fröhlichen, funky Liedes. Mir gefällt der Widerspruch dieser grotesken Szene und erinnert mich an den Film „Joker“ (2019) von Todd Philipps. Und Zorans Aufenthalt "auf einer Art Intensivstation für Verrückte" erinnert mich an „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“ (1975) von Miloš Forman. Ich denke, da verbirgt sich eine gute Idee für einen Roman oder einen Kurzfilm. Was denken Sie?

 

Z.F.: Mir ist völlig klar, weshalb Sie solche Assoziationen haben. Wahrscheinlich spricht es für den Text, dass wir uns diesen als Film denken können. Diese Szene habe ich allerdings nicht so aufgebaut, wie ich es sonst in einem Roman tue, indem ich mir einen Kontrast ausdenke, das Ereignis dynamisiere und die Atmosphäre forme. Zu einem gewissen Teil, habe ich das auch hier getan, jedoch nicht vollständig. Die Szene mit dem Messerstich und die aus der Psychiatrie in Vrapče entsprechen fast der Wahrheit. Sie sind so geformt, wie ich sie mir gemerkt habe. Sie sind Teil meiner Biografie. Und was den Film betrifft – ich hätte Freude daran, wenn sich jemand dessen annehmen würde.

 

D.O.: Wenn wir schon bei Widersprüchen sind: Zorans Mutter zufolge ist es für den Menschen am gefährlichsten, wenn er heraussticht, wie Josipa Lisac, Edo Murtić oder Vojin Bakić. Carmela, die im Roman ständig gegen jegliche (fantomhafte) Konventionen ankämpfte und viele Männer in ihrem Leben hatte, wurde immer unglücklicher, weil sie herausstach. Zorans Mutter, welche nicht herausstach (vor allem nicht in ihrer Weiblichkeit), war ebenfalls unglücklich. Haben Sie bewusst über gewisse Widersprüche im Roman nachgedacht oder kam dies so zustande, weil das Leben halt so spielt?

 

Z.F.: Ich befürchte, dass das Leben so spielt. Die Angst meiner Mutter kommt von dem, was sie im Krieg und danach durchgemacht hatte. Der ganzen Generation wurde eingetrichtert, man solle nicht herausstechen, sondern sich an die Mitte halten. Die Mitte rettet Leben in ungewöhnlichen Situationen wie in Kriegen, Pogromen, Genoziden usw. Die Furcht meiner Mutter war ein Fakt ihrer Generation, sowie es Carmelas ständige Auflehnung war. Carmela wurde von der Rockkultur und der sexuellen Revolution geprägt, aber auch von der Kunst. Und die Kunst kann nicht mit Mediokrität einhergehen.

 

D.O.: Für jedes Menschenschicksal im Roman gibt es einen schwerwiegenden Satz, bei dem wir als Leser_innen aufhorchen.

Beispiel: "Eines Tages, wir hatten uns länger als ein Jahr nicht mehr gesehen, sagte sie: - Weißt du, mir fehlen diese Abendessen. Mir fehlten sie auch. Da wurde klar, dass sie gerne von ihren Männern erzählt, um mir zu zeigen, wie unbedeutend ich in ihrem Leben war. Natürlich erfolglos. Ich mochte diese Geschichten, weil mir immer wieder klar wurde, wie unglücklich sie war. Es kam ein Mann nach dem anderen und sie wurde immer unglücklicher."

Oder: "Bring das Kind zur Welt, du wirst immerhin jemanden haben, den du wirklich lieben wirst!"

Horchen Sie bei so schweren, bedeutungsvollen und  ehrlichen Worten auch auf?

 

Z.F.: Natürlich horche ich auch auf. Der erste Ausschnitt ist das Fazit eines Treffens der Hauptfiguren, nachdem diese keine Liebhaber mehr sind. Trotzdem herrscht manchmal noch eine gewisse Anziehung. Gleichzeitig tragen beide noch schmerzhafte Momente, Kränkungen aus dieser Beziehung mit sich, weshalb sie sich auch später noch gegenseitig verletzen möchten. Und zwar um ihr Ego vom Gefühl des Kummers und des Versäumten zu retten. Den zweiten Satz hat meine Tante meiner Mutter gesagt, als sie schwanger war und über Abtreibung nachdachte. Im Roman wurde ihr das von ihrer Freundin gesagt. Doch wichtig ist, dass diese Worte ausgesprochen wurden und ich trotzdem geboren wurde. Dieser Satz ist mir äußerst wichtig.

 

D.O.: Ich habe in Ihren vorherigen Interviews bemerkt, dass es Ihnen nichts ausmacht, wenn man Sie nach Ihrer Mutter, nach Ihrem Großvater und nicht nach Zorans Mutter oder Zorans Großvater fragt. Als ob Sie eine Autobiografie, und nicht einen autobiografischen Roman geschrieben hätten. Autor_innen stören sich oft daran und distanzieren sich dann von den Figuren des Romans. Wie stehen Sie dazu? Sind die Grenzen zwischen dem realen Leben und der Fiktion in Ihrem Buch etwas umnebelt?

 

Z.F.: Vielleicht sind sie umnebelt, vielleicht bin ich ein Exhibitionist, wer weiß. Was mich jedoch sehr stark nervt, ist diese Mystifikation um die Biografie und die Figuren. Es stimmt, dass wir, sobald wir eine Figur durch Sprache formen, Literatur schaffen und dass es sich dann um eine Figur handelt. Ich will aber die Verbindung zwischen dem, was wirklich geschehen ist, und dem, was sprachlich geformt wurde, NICHT verbergen. Es scheint mir unehrlich, sich hinter der Literatur zu verbergen. Also, dies ist ein Roman. Dies ist aber auch ein Roman, der auf dem Fundament meines Lebens und dem meiner Eltern entstanden ist. Auch wenn ich mir gewisse Szenen ausgedacht und andere umgeformt habe, ist das reale Leben noch immer das Rückgrat von allem Geschriebenen.

 

D.O.: Hat sich Ihr Bild von Ihren Familienmitgliedern nach dem Schreiben dieses Romans verändert? Denken Sie nun weniger in Bildern oder sogar vermehrt?

 

Z.F.: Nein, mein Bild von meinen Eltern und meinem Großvater (bzw. vom Onkel meiner Mutter) hat sich nicht bedeutend verändert. Man muss betonen, dass dies Menschen sind, deren Tod immerhin schon weit in der Vergangenheit liegt. Es gibt sie schon seit 40, 50 Jahren nicht mehr, und in solchen Fällen führen wir sie uns nicht oft vor Augen. Der Roman hat mir geholfen, mich irgendwie wieder mit ihnen anzufreunden, sie aber auch objektiver zu sehen, ernsthaft über sie nachzudenken und sie als erwachsene Personen zu betrachten. Dieser Roman ließ mich auch ein bisschen wachsen, aber das, was ich früher über meine Familienmitglieder dachte, denke ich im Allgemeinen auch heute noch. Und ich liebe sie noch immer gleich stark.

 

D.O.: Ist oder war Zoran Ferić unglücklich? Im Roman werden Beethoven, Schubert, Račić, Michelangelo, Stravinsky und Prešeren erwähnt, die alle unglücklich waren, aber der Menschheit doch etwas hinterlassen haben. Sie haben der Menschheit auch schon einige Werke hinterlassen. Denken Sie über Ihre Hinterlassenschaft nach?

 

Z.F.: Während einer Lebensperiode war ich wirklich vorwiegend unglücklich, doch dieses Unglück wurde glücklicherweise durch viele schöne Erlebnisse, Interessen, Bücher usw. gelindert. Was die Menschheit betrifft, denke ich natürlich nicht in diesen Kategorien, also dass ich etwas hinterlassen hätte. In einem kleinen Segment, oder sogar Mikrosegment meiner Gedanken denke ich daran, aber ich sehe es auch als etwas, das die Zeit sehr bald verschlingen wird.

 

D.O.: Onkel Stjepan: "Ich wurde von Bienen erzogen."

Die Mutter Veronika: "Ich wurde von Männern erzogen."

Zoran Ferić: "?"

Wer hat Zoran Ferić erzogen?

 

Z.F.: Eine sehr gute Frage. Ich befürchte, dass Zoran Ferić hauptsächlich von Zoran Ferić erzogen wurde. Und, jetzt sehe ich klar, dass er keine gute Arbeit geleistet hat.

 

Das Gespräch führte Domagoj Odrljin.

Kein Denken in Bildern: Interview mit Zoran Ferić – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Kein Denken in Bil­dern: Inter­view mit Zoran Ferić

Gibt es einen bes­seren Blick­winkel, als den der eigenen Familie, um auf fast hun­dert Jahre Geschichte zurück­zu­bli­cken und dar­über zu schreiben? Zoran Ferić erzählt uns einen Teil der Welt­ge­schichte durch die Fami­li­en­ge­schichten seiner Mutter und seines Vaters und bringt uns das Ehe­leben seiner Eltern näher, das er nur zu gut und intensiv mit­er­lebt hatte. Sein Genera­tio­nen­roman ver­eint Familie mit Zeit­ge­schehen. Wie­viel Gutes und wie­viel Schlechtes dabei her­aus­kommt, weiss man wie so oft erst, wenn das Leben fertig gespielt hat. Wir finden in seinem Roman Kitsch, wie ihn Kun­dera beschrieben hatte, ein Haufen Ehr­lich­keit und Schmet­ter­lings­ef­fekte, die aus kleinen, scheinbar unbe­deu­tenden Ereig­nissen viel Leid, aber auch Glück ent­stehen ließen, ohne wel­ches es Zoran Ferić und diesen Roman heute nicht geben würde.

Dom­agoj Odrljin hat sich mit Zoran Ferić per E‑Mail über einen Roman unter­halten, der noch nicht ins Deut­sche über­setzt ist:  Putu­juće Kaza­lište (dt.: Rei­sendes Theater).

Das Gespräch kann auf Kroa­tisch hier nach­ge­lesen werden.

 

Dom­agoj Odrljin: Herr Ferić, in Ihrem 2020 auf Kroa­tisch erschie­nenen Roman Putu­juće Kaza­lište (dt.: Rei­sendes Theater) erwähnen Sie am Anfang Ihres Romans im Prolog eine Foto­grafie. Und das erste Kapitel Schatten endet mit einer Foto­grafie, die wir wirk­lich sehen. Diese Foto­grafie lässt darauf schliessen, dass noch wei­tere folgen werden. Aber es kommen keine wei­teren vor. Ich habe mich gefragt, warum Sie die Bilder, z.B. die gemalten Bilder des Gross­va­ters Ben­jamin Bern­stein, nur erwähnen, aber nicht zeigen. Geht es darum, Gedanken auf­zu­zeigen, die nicht mehr voll­ständig vor­handen sind? Oder wäre Ihre Fami­li­en­ge­schichte sonst zu real und fak­tual geworden?

 

Zoran Ferić: Ich wollte von Anfang an nur die erwähnte Foto­grafie mit­tein­bauen. In erster Linie, weil ich kein doku­men­ta­ri­sches Buch, son­dern einen Roman schrieb. Auch wenn gewisse Doku­mente das Fun­da­ment des Romans sind, so wollte ich ihn nicht mit diesen über­laden. Es ist viel Fik­tion darin vor­handen und das macht es zu einem Roman. In zweiter Linie ist die Foto­grafie sehr unge­wöhn­lich, laut man­chen Men­schen auch scho­ckie­rend. Des­wegen hat sie hier ihren Platz, auf­grund ihrer Ironie und Unge­wöhn­lich­keit. Es ist näm­lich iro­nisch, dass die ein­zige Foto­grafie meiner Groß­el­tern (müt­ter­li­cher­seits) genau die ist, auf der sie nicht zu erkennen sind. Da ist eine iro­ni­sche, aber auch schreck­liche, unheim­liche Abwe­sen­heit. Wei­tere Foto­gra­fien würden das Buch in eine Fami­lien-Mono­grafie ver­wan­deln, was ich ver­meiden wollte.

 

D.O.: Das ein­zige andere Bild, wel­ches ich aus dem Roman mit­ge­nommen habe, ist, wie Sie sehen, Ihr Stamm­baum, den ich wäh­rend des Lesens ver­voll­stän­digt habe. Und wenn ich jetzt über ihren Stamm­baum nach­denke, sehe ich auf diesem Blatt Papier den Raum, der unge­nutzt blieb, die hastig nie­der­ge­schrie­benen Buch­staben, das Papier und den Tisch, auf dem ich gelesen habe. Alle diese Erin­ne­rungen erscheinen mir jetzt wie Ein­dring­linge in die gesamte Erin­ne­rung an Ihren Roman. Ist dies das Denken in Bil­dern, das Sie erwähnen? Wie “wenn du in Bil­dern denkst, dann geschieht es oft, dass ein Bild so domi­nant und ver­lo­ckend wird, das jener, der denkt, an keine anderen Bilder mehr denken kann”?

 

Z.F.: Ich weiss nicht, ob dies ein Bei­spiel für das Denken in Bil­dern ist, aber ich dachte dabei an etwas sehr Kon­kretes. Wenn man in Bil­dern denkt, domi­nieren übli­cher­weise ein oder zwei Bilder. Dies ist jedoch kein (Nach-)denken, es ist eine Vor­stel­lung des Bildes, nach wel­chem man sich sehnt. Gleich­zeitig ist es jedoch sehr ein­engend, da sich der Mensch durch solche Vor­stel­lungen in den meisten Fällen einem Kitsch nähert, aus wel­chem er nicht mehr rational über seine Wün­sche oder über seine eigene Situa­tion nach­denken kann. Sie können das mit einer schwan­geren Frau ver­glei­chen, die über das Leben mit einem Kind nach­denkt, dabei jedoch nur zwei Bilder sieht: sich selbst mit dem Kin­der­wagen und wie sie damit stolz die Straße ent­lang geht. Was sie nicht sieht, sind die schlaf­losen Nächte, Kin­der­krank­heiten, Angst, manchmal Wut, das Gefühl feh­lender Frei­heit, des Gefangen-Seins usw.

 

D.O.: Beziehen Sie sich da auf den Kitsch, vor wel­chem ihre Mutter pani­sche Angst hatte und den Ihr Vater ver­kör­perte? Heißt das, dass Ihr Vater mit seinem Hang zum Kitsch dem­nach auch das Denken in Bil­dern verkörperte?

 

Z.F.: Der Kitsch, der aus dem Denken in Bil­dern her­vor­tritt, ist nur dieses eine Bild, wel­ches von allem anderen, von der Kon­ti­nuität und der Logik des Gesche­hens getrennt ist. Das ist wie, wenn wir uns selbst am Strand beim Son­nen­un­ter­gang vor­stellen, aber weder davor noch danach etwas exis­tiert. Es ist eine Sack­gasse. Dieses Bild ist also Kitsch, weil es unecht ist. Es hat keine Mee­res­brise, keine Mücken am Ufer und auch sonst nichts, was das Bild echt machen würde. Dieses Denken in Bil­dern kann auch auf den Vater im Roman über­tragen werden, der sich gerne auf der Jagd wähnt, sich wie ein Jäger kleidet, selbst jedoch kaum auf die Jagd geht. Er lebt somit in diesem Frag­ment fern von der Rea­lität, indem er von den unechten Bil­dern zehrt.

 

D.O.: Wenn das Denken in Bil­dern ein Pro­blem sein kann, wie ver­hält es sich dann beim Denken in Gerü­chen? Ist dies nicht sogar kom­plexer, wenn Sie im Roman schreiben, dass Ihr Onkel Stjepan Ihnen eine duf­tende Ankün­di­gung des Todes hinterließ?

 

Z.F.: Gerüche sind kom­plexer, weil sie asso­zia­tiver und abs­trakter sind. Das Pro­blem beim Denken in Bil­dern ist, dass es über­haupt nicht kom­plex ist. Es ist im Grunde genommen betäu­bend, wohin­gegen Geruchs­as­so­zia­tionen der Asso­zia­ti­ons­kraft der Musik ähn­lich sind. Des­wegen mag ich Gerüche.

 

D.O.: Die Zeit scheint mir den ganzen Roman hin­durch die ein­zige Kon­stante oder sogar, auch wenn unsichtbar, die Haupt­figur zu sein. Sie beschreiben die Zeit als eine ver­wir­rende Dimen­sion, weil wir sie nicht hören, nicht sehen, und erst spüren, wenn sie vorbei ist. Kann der Roman als Erin­ne­rung daran gelesen werden, dass alles um uns herum und wir alle selbst eines Tages obsolet werden?

 

Z.F.: Sie haben Recht, die Zeit ist eine der Figuren. Ein ganzes Kapitel han­delt davon. Dazu kommt noch das flüch­tige Motiv der Uhren. Der Roman selbst ist auch chro­no­lo­gisch ange­ordnet und die Zeit ist immer prä­sent, in Erin­ne­rungen, als eine Uhr, als unge­wisse Zukunft, als Tod…

 

D.O.: Eine Sache, die, wie es scheint, nie obsolet werden wird, ist die Dis­kus­sion dar­über, “wessen Alter ein Ustaša und wessen ein Par­tisan war”, wie es im Lied Smak svi­jeta von TBF zu hören ist. Auch der junge Tvrtko hat das schon ein­ge­sehen, als er sich fragte, wie viele Genera­tionen es noch brauche, damit dieses ‘öst­liche Blut’ end­lich ver­braucht und ver­schwinden würde. Besteht die Mög­lich­keit, dass es solche Dis­kus­sionen eines Tages nicht mehr geben wird? Falls ja – wie?

 

Z.F.: Ich wollte kei­nes­wegs einen Roman über Ustaša und Par­ti­sanen schreiben. Oder nur dar­über. In unserer poli­ti­schen Welt ist diese Dis­kus­sion ein all­ge­meiner Ort und äußerst belas­tend. Im Rahmen eines lite­ra­ri­schen Kon­texts, der eine gewisse Zeit behan­delt, ist dies jedoch unaus­weich­lich. Vor allem, wenn auf beiden Fami­li­en­seiten Mit­glieder umge­bracht wurden. Wie wir sehen, braucht es viele Genera­tionen. Ich hoffe, dass dies kein sol­cher Roman ist. Ich war mir jedoch schon wäh­rend des Schrei­bens bewusst, dass dies einige junge Men­schen über­haupt nicht interessiert.

 

D.O.: Dies ist auch einer der Gründe, wes­halb Mimicas Eltern nicht möchten, dass sie Petar Čirić hei­ratet und sich dem rei­senden Theater anschliesst. Worauf bezieht sich eigent­lich der Titel des Romans, außer auf das rei­sende Theater von Petar Čirić? Auf die Geschichte als Theater? Die Hand­lung erstreckt sich immerhin fast über das ganze 20. Jahr­hun­dert. Oder auf die Familie?

 

Nicht nur auf die Geschichte als Theater, son­dern auch auf unsere Rollen darin. Eine Cha­rak­te­ristik des Schau­spie­lens und der Schau­spiel­rolle ist, dass es etwas Irreales und Ver­gäng­li­ches ist. Unsi­cher, jedoch beein­dru­ckend, solange es andauert. So ist es auch, wenn wir an Men­schen von früher und an deren Rollen im Leben denken. Die zeit­liche Distanz rela­ti­viert das so schön, dass es fast einer Thea­ter­vor­stel­lung gleicht.

 

D.O.: Eine Szene hat bei mir einen blei­benden Ein­druck hin­ter­lassen: Wäh­rend der Blut­fleck, für wel­chen Zoran ver­ant­wort­lich ist, auf dem Hemd des Schul­kol­legen wächst, spielt im Hin­ter­grund das Lied „Fly, Robin, fly“. Der Blut­fleck wächst zu den Takten eines fröh­li­chen, funky Liedes. Mir gefällt der Wider­spruch dieser gro­tesken Szene und erin­nert mich an den Film „Joker“ (2019) von Todd Phil­ipps. Und Zorans Auf­ent­halt “auf einer Art Inten­siv­sta­tion für Ver­rückte” erin­nert mich an „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“ (1975) von Miloš Forman. Ich denke, da ver­birgt sich eine gute Idee für einen Roman oder einen Kurz­film. Was denken Sie?

 

Z.F.: Mir ist völlig klar, wes­halb Sie solche Asso­zia­tionen haben. Wahr­schein­lich spricht es für den Text, dass wir uns diesen als Film denken können. Diese Szene habe ich aller­dings nicht so auf­ge­baut, wie ich es sonst in einem Roman tue, indem ich mir einen Kon­trast aus­denke, das Ereignis dyna­mi­siere und die Atmo­sphäre forme. Zu einem gewissen Teil, habe ich das auch hier getan, jedoch nicht voll­ständig. Die Szene mit dem Mes­ser­stich und die aus der Psych­ia­trie in Vrapče ent­spre­chen fast der Wahr­heit. Sie sind so geformt, wie ich sie mir gemerkt habe. Sie sind Teil meiner Bio­grafie. Und was den Film betrifft – ich hätte Freude daran, wenn sich jemand dessen annehmen würde.

 

D.O.: Wenn wir schon bei Wider­sprü­chen sind: Zorans Mutter zufolge ist es für den Men­schen am gefähr­lichsten, wenn er her­aus­sticht, wie Josipa Lisac, Edo Murtić oder Vojin Bakić. Car­mela, die im Roman ständig gegen jeg­liche (fan­tom­hafte) Kon­ven­tionen ankämpfte und viele Männer in ihrem Leben hatte, wurde immer unglück­li­cher, weil sie her­aus­stach. Zorans Mutter, welche nicht her­aus­stach (vor allem nicht in ihrer Weib­lich­keit), war eben­falls unglück­lich. Haben Sie bewusst über gewisse Wider­sprüche im Roman nach­ge­dacht oder kam dies so zustande, weil das Leben halt so spielt?

 

Z.F.: Ich befürchte, dass das Leben so spielt. Die Angst meiner Mutter kommt von dem, was sie im Krieg und danach durch­ge­macht hatte. Der ganzen Genera­tion wurde ein­ge­trich­tert, man solle nicht her­aus­ste­chen, son­dern sich an die Mitte halten. Die Mitte rettet Leben in unge­wöhn­li­chen Situa­tionen wie in Kriegen, Pogromen, Geno­ziden usw. Die Furcht meiner Mutter war ein Fakt ihrer Genera­tion, sowie es Car­melas stän­dige Auf­leh­nung war. Car­mela wurde von der Rock­kultur und der sexu­ellen Revo­lu­tion geprägt, aber auch von der Kunst. Und die Kunst kann nicht mit Medio­krität einhergehen.

 

D.O.: Für jedes Men­schen­schicksal im Roman gibt es einen schwer­wie­genden Satz, bei dem wir als Leser_innen aufhorchen.

Bei­spiel: “Eines Tages, wir hatten uns länger als ein Jahr nicht mehr gesehen, sagte sie: – Weißt du, mir fehlen diese Abend­essen. Mir fehlten sie auch. Da wurde klar, dass sie gerne von ihren Män­nern erzählt, um mir zu zeigen, wie unbe­deu­tend ich in ihrem Leben war. Natür­lich erfolglos. Ich mochte diese Geschichten, weil mir immer wieder klar wurde, wie unglück­lich sie war. Es kam ein Mann nach dem anderen und sie wurde immer unglücklicher.”

Oder: “Bring das Kind zur Welt, du wirst immerhin jemanden haben, den du wirk­lich lieben wirst!”

Hor­chen Sie bei so schweren, bedeu­tungs­vollen und  ehr­li­chen Worten auch auf?

 

Z.F.: Natür­lich horche ich auch auf. Der erste Aus­schnitt ist das Fazit eines Tref­fens der Haupt­fi­guren, nachdem diese keine Lieb­haber mehr sind. Trotzdem herrscht manchmal noch eine gewisse Anzie­hung. Gleich­zeitig tragen beide noch schmerz­hafte Momente, Krän­kungen aus dieser Bezie­hung mit sich, wes­halb sie sich auch später noch gegen­seitig ver­letzen möchten. Und zwar um ihr Ego vom Gefühl des Kum­mers und des Ver­säumten zu retten. Den zweiten Satz hat meine Tante meiner Mutter gesagt, als sie schwanger war und über Abtrei­bung nach­dachte. Im Roman wurde ihr das von ihrer Freundin gesagt. Doch wichtig ist, dass diese Worte aus­ge­spro­chen wurden und ich trotzdem geboren wurde. Dieser Satz ist mir äußerst wichtig.

 

D.O.: Ich habe in Ihren vor­he­rigen Inter­views bemerkt, dass es Ihnen nichts aus­macht, wenn man Sie nach Ihrer Mutter, nach Ihrem Groß­vater und nicht nach Zorans Mutter oder Zorans Groß­vater fragt. Als ob Sie eine Auto­bio­grafie, und nicht einen auto­bio­gra­fi­schen Roman geschrieben hätten. Autor_innen stören sich oft daran und distan­zieren sich dann von den Figuren des Romans. Wie stehen Sie dazu? Sind die Grenzen zwi­schen dem realen Leben und der Fik­tion in Ihrem Buch etwas umnebelt?

 

Z.F.: Viel­leicht sind sie umne­belt, viel­leicht bin ich ein Exhi­bi­tio­nist, wer weiß. Was mich jedoch sehr stark nervt, ist diese Mys­ti­fi­ka­tion um die Bio­grafie und die Figuren. Es stimmt, dass wir, sobald wir eine Figur durch Sprache formen, Lite­ratur schaffen und dass es sich dann um eine Figur han­delt. Ich will aber die Ver­bin­dung zwi­schen dem, was wirk­lich geschehen ist, und dem, was sprach­lich geformt wurde, NICHT ver­bergen. Es scheint mir unehr­lich, sich hinter der Lite­ratur zu ver­bergen. Also, dies ist ein Roman. Dies ist aber auch ein Roman, der auf dem Fun­da­ment meines Lebens und dem meiner Eltern ent­standen ist. Auch wenn ich mir gewisse Szenen aus­ge­dacht und andere umge­formt habe, ist das reale Leben noch immer das Rück­grat von allem Geschriebenen.

 

D.O.: Hat sich Ihr Bild von Ihren Fami­li­en­mit­glie­dern nach dem Schreiben dieses Romans ver­än­dert? Denken Sie nun weniger in Bil­dern oder sogar vermehrt?

 

Z.F.: Nein, mein Bild von meinen Eltern und meinem Groß­vater (bzw. vom Onkel meiner Mutter) hat sich nicht bedeu­tend ver­än­dert. Man muss betonen, dass dies Men­schen sind, deren Tod immerhin schon weit in der Ver­gan­gen­heit liegt. Es gibt sie schon seit 40, 50 Jahren nicht mehr, und in sol­chen Fällen führen wir sie uns nicht oft vor Augen. Der Roman hat mir geholfen, mich irgendwie wieder mit ihnen anzu­freunden, sie aber auch objek­tiver zu sehen, ernst­haft über sie nach­zu­denken und sie als erwach­sene Per­sonen zu betrachten. Dieser Roman ließ mich auch ein biss­chen wachsen, aber das, was ich früher über meine Fami­li­en­mit­glieder dachte, denke ich im All­ge­meinen auch heute noch. Und ich liebe sie noch immer gleich stark.

 

D.O.: Ist oder war Zoran Ferić unglück­lich? Im Roman werden Beet­hoven, Schu­bert, Račić, Michel­an­gelo, Stra­vinsky und Prešeren erwähnt, die alle unglück­lich waren, aber der Mensch­heit doch etwas hin­ter­lassen haben. Sie haben der Mensch­heit auch schon einige Werke hin­ter­lassen. Denken Sie über Ihre Hin­ter­las­sen­schaft nach?

 

Z.F.: Wäh­rend einer Lebens­pe­riode war ich wirk­lich vor­wie­gend unglück­lich, doch dieses Unglück wurde glück­li­cher­weise durch viele schöne Erleb­nisse, Inter­essen, Bücher usw. gelin­dert. Was die Mensch­heit betrifft, denke ich natür­lich nicht in diesen Kate­go­rien, also dass ich etwas hin­ter­lassen hätte. In einem kleinen Seg­ment, oder sogar Mikro­seg­ment meiner Gedanken denke ich daran, aber ich sehe es auch als etwas, das die Zeit sehr bald ver­schlingen wird.

 

D.O.: Onkel Stjepan: “Ich wurde von Bienen erzogen.”

Die Mutter Vero­nika: “Ich wurde von Män­nern erzogen.”

Zoran Ferić: “?”

Wer hat Zoran Ferić erzogen?

 

Z.F.: Eine sehr gute Frage. Ich befürchte, dass Zoran Ferić haupt­säch­lich von Zoran Ferić erzogen wurde. Und, jetzt sehe ich klar, dass er keine gute Arbeit geleistet hat.

 

Das Gespräch führte Dom­agoj Odrljin.